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Adolf-Kirche befindet sich eine sehenswerte, kunstvoll geschnitzte und bemalte Kanzel, die aus der ehemaligen Lauterbacher Totenkirche stammt. Beim Bau dieser Kirche stieß man auf so viele Mauer- rcste und Kellerräume, daß man seine liebe Not hatte, das flau5 zu fundamentieren. Vom Garten des Amtsgerichts her führt ein zugemauerter Keller- eingang in die Stützmauer des höhergelegenen Vorplatzes der Kirche, der noch nicht geöffnet und unter- sucht wurde. Das Merkwürdigste aber ist, daß der Turm in der Stadtmauer hinter der evangelischen Kirche viel stärker ist und einen viel größeren Durchmesser hat als die drei anderen Türme, die die Stadtmauer flankieren, und daß das von Norden her an den Turm anstoßende und organisch mit ihm verbundene Stück der Stadtmauer fast die doppelte Stärke hat als die übrigen Partien der Ringmauer, und nach oben treppenartia sich verjüngt. Auch auf der entgegengesetzten südlichen Seite dieses Turmes hat der Abbruch des oberen Teiles der an den Turm stoßenden Stadtmauer so tiefe Zapfenlöcher im Turm hinterlassen, daß anzunehmen ist, daß dieser Teil der Stadtmauer fest mit dem Turm ver- ankert war und wohl mit dem Turm gleichalterig ober älter ist. Eine Jahreszahl ober sonst ein Kenn- zeichen für das Alter dieser Mauern und Türme findet sich nirgends eingemauert. Ader wir erinnern uns, daß Herbstein eine feste Stadt und Burg der ehemaligen Fürstadtei Fulda war, und vermuten, daß uns die alten Urkunden des Klosters und Stifts Fulda vielleicht Aufschluß geben über die Baugeschichte dieser Stadt und Burg.
Unsere Vermutung trügt uns nicht. Der alte Gelehrte Schannat, ein hervorragender Kenner der fuldischen Urkunden, schreibt in seinem 1724 zu Leipzig erschienenen Buche „Buchonia vetus" (b. h. „Das Buchcnlonb") auf Seite 357, baß ber Ort, betreute ,,f) e r b e ft e i n" heiße, früher „Heribrahtes- husun" genant worben fei und feinen Namen vielleicht damals etwas geändert habe, als der Abt Heinrich „den mit Mauern und Gräben umgebenen Ort ungefähr um das Jahr 12 61 auch durch ein castrum (Schloß ober Burg) befestigte". Uebereinftimmenb mit Schannat berichtet Thomas in feinem „System aller fuldischen Privatrechte", Fulda 1788, Band 1, § 72, S. 127, daß Abt H e i n - r i ch IV. den schon mit Mauern und Gräben umgebenen Ort mit einer Burg versehen habe. Es war die Zeit des Faustrechts. Das Fehlen einer kaiserlichen Zentralgewalt öffnete allen Freiheitsbestre- düngen und jeder Habgier Tür und Tor. Mehr als einmal mußte der Abt Heinrich IV. von Erthal den Abtsftab mit dem Schwerte vertauschen upb an ber Spitze seiner getreuen Mannen und bewaffneten Knechte gegen den buchonischen Sibel kämpfen und seine wirklichen ober vermeintlichen Herrschaftsrechte verteidigen und Ordnung schaffen. Sein gefährlichster Gegner war Graf Botho von Ziegenhain, der sich zum Schutzpatron aller fuldischen Vasallen aufwarf, die unter dem Vorwande, die einst von ihnen und ihren freien Vorfahren dem Abt geschenkten und wieder als Lehen empfangenen Güter zurückzufordern, ihre Reichsunmittelbarkeit erstrebten und sich 1252 in der Feste Bimbach eingerichtet hatten und von da aus ein Schreckens- regiment mit Raub und Gewalttat verübten. Abt Heinrich IV. vertrieb die Raubritter von dort und schlug sie wiederholt. Zum Schutze und zur kräftigen Wahrung seiner Belange in ber Abtei befestigte er alle wichtigen Plätze. Bimbach unb Biber- stein, Wacha unb Gammelburg, Mackenzell unb Neuhof unb die Stadt Brückenau befestigte er aufs neue. „Noch vor feinem Tode restaurierte er bas Schloß Stolzenberg unb erweiterte den Flecken ober das Städtchen Herbstein mit der Burg daselb st." So erzählt der bekannte fuldische Geschichtsforscher Schneider im 3. Band feiner „Buchonia“, S. 55 ff.
Alle diese Nachrichten über Herbstein gehen, wie mir scheint, zurück auf den gelehrten Jesuiten Brower, einen auch in Einzelheiten zuverlässigen Kenner der Geschichte der Abtei Fulda. Im Jahre 1620 gab dieser in Antwerpen ein vicrbändiges Geschichtswerk heraus mit dem Titel Antiquitates Fuldenses (Fuldische Altertümer). In dessen viertem Buche schreibt er auf Seite 308 zum Jahre 1258: Condere iam arcem et oppidum Herebrachs- husanum Henricus coeperat et ditionis suae sedes ac propugnacula ad bellum (?) usum impendio explicare, cum hisee curis brevi absolvendus ad aliam vitam evocatur, salutis anno MCCLX1 (Schon hatte Heinrich begonnen, die Burg und Stadt von Herebrachshusen zu begründen, unb bie Wohnsitze unb Bollwerke feiner Botmäßigkeit zum Gebrauche im Kriege um ein Bebeutenbes zu erweitern, als er von biefen Sorgen bald erlöst unb in ein anberes Leben abgerufen wurde, im Jahre des Heils 1261)". Hält man die obigen interessanten Nachrichten alter fuldischer Chronisten zusammen mit der Tatsache, baß von biefer Zeit an in allen fuldischen unb Herbsteiner Urtunben nicht mehr von einem Heredrachts- ober Heribertshusen bie Rebe ist, sondern nur noch von einer „stabt Herber- steyn, Herbirsteyn ober Herbesteyn" stets in Unterscheidung von der „Burg" oder dem „slosce, slosze, castrum" gleichen Namens, so darf man mit Sicherheit annehmen, baß der tatkräftige sulbische Abt Heinrich IV. (von Erthal) anfangenb unb sein ebenfalls kriegstüchtiger Nachfolger Bertho II. voll- endend zwischen 1258 unb 1271 das alte Berg- börfdjen Herdrahteshusen (Heridrahteshusun), das sich zu seinem Schutze schon vorher mit Mauer unb Graben umgeben hatte, größer gebaut, ftär» ter und zeitgemäßer befestigt unb zu weiterem Schutz und zur Wahrung ber Rechte und Freiheiten des Sttsts Fulda durch eine Burg gestützt haben. Die Burg nannte man in Anlehnung ari den alten Namen des Orts „Herberstein" (Stein- Burg wie in Ulrichstein, Biberstein u. a.). Die dominierende Bedeutung, die bie Burg gewann, brachte es mit sich, daß ber Name ber Burg auch auf Das alte, nun zur „Stabt" (oppidum) erhobene Dorschen Hcrbratshusen überging unb ben alten Namen schließlich ganz verdrängte. Zu klären bleibt nur noch die Frage, wo bie von Abt Heinrich geplanten unb von ihm unb seinem Nachfolger gebauten neuen Stabtbezirke unb bie neue Burg zu suchen sind. In ersterer Hinsicht dürste es mehr als wahrscheinlich sein, daß ber westliche Teil ber Oberstadt unb die katholische Kirche mit ber sie umgebenden hoppelten Häuserreihe damals von genannten Siebten neu gebaut wurde. Das dortige Stadtbild ist so einheitlich unb sinnvoll gebacht unb so planmäßig durchgeführt, daß man feine Entstehung nicht anders denken kann. Dazu stimmt auch bas Alter der Kirche, bie nach dem Urteil von Sachverständigen im 13. ober spätestens 14. Jahrhunbert gebaut worben sein muß. Es wäre nun noch zu untersuchen, auf welchem Platze die Burg Herbstein gestanden hat. Auf dem höchsten Punkte von Herbstein, dem sogenannten „Hain" ober, wie ber Dolksmund sagt, dem Hä oder Hä'-che, darf man sie nicht suchen. Dieser ursprünglich „hac" ober „Hag"
Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe
genannte Platz liegt außerhalb der Ringmauer unb ist von alters her ber Malplatz des alten Herbsteiner Zentgerichts gewesen. Von ihm schreckst 1541 ber sulbische Schultheiß Paul Spangenberg in einem Bericht an den Fürstabt: „Wer von Eurer Fürstlichen Gnaden den Stap (b. h. ben Gerichts- stab, das Symbol richterlicher Gewalt) unb bie Oe» bott hat, der hat ben Hayn, bie Stadtzciun, Hege unb Schlag zu verbessern und zu strafen by V Spie- lingen, die geboren einem Schuolthißen von Amptswegen." Auf dem Gipfel dieses „Hains" erkannte ich vor Jahren noch deutlich die Reste eines länglid) runden Erdwalls, der eine muldenförmige Vertiefung umschloß, also durch Slushub der Erde aus dem umhegten Plag entstanden war. In ber Nähe finbet sich ber barauf hinweisende Flurname „Moldenhain" vulgo „am Molthai'che" (= molt- hagen ober Einfriedigung aus Erde). Daraus ergibt sich, daß dieser Berggipfel niemals eine von Menschenhand gemauerte Burg getragen hat, ab- gesehen davon, daß er dafür auch gar nicht Raum genug bot. Als altehrwürdigen Gerichts- und Versammlungsplatz, vielleicht noch in die Heidenzeit zurückreichenden Kult- und Opferplatz*) hat man ihn pietätvoll von jeher unbebaut gelassen.
Es bleibt also als Standort Der ehemaligen Herbsteiner Burg nur noch ber östliche Bezirk der Oberstadt übrig, bie Gegenb, wo jetzt ber Marktplatz, bie evangelische Kirche unb bas Dommsche Haus sich befinben. Diese Vermutung wirb gestützt burch bie schon erwähnte von ber übrigen Stadt- befeftigung abweichenbe, massivere Struktur bes Turmes unb bes anstoßenden Mauerstückes hinter ber evangelischen Kirche unb bie bort beim Funba- mentieren bes Kirchbaus gefundenen Gewölbe unb Mauerreste. Auch bei ber Durchführung ber Lauterbacher Straße burch bie Stabtmauer soll man viele solcher Mauerreste bort gefunben haben. Die urkundliche Bestätigung unserer Vermutung finde ich in der aus dem Jahre 1441 stammenden Stiftungs- Urkunde des alten Hospitals in der Angabe, daß dieses Hospital zwischen den beidenToren
aus ber Beschaffenheit bes Bobens, so vor allem in der sog. „Laubach", noch heute feftstellen läßt. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, bah bie Wetter unb ihre zahlreichen Zuflüsse ursprünglich dieses Tal füllten, in rein westlicher Richtung der Lahn zuflossen und erst später an ber Stätte bes heutigen Bessingen sich ben Durchbruch zu Nibba unb Main eröffneten. Eine Urtunbe bes Breviarium des Heiligen Lullus (geft. 786) melbet, daß hier „Freie Leute" dem Kloster Hersfeld Güter überweisen. Eine alte Sage berichtet, daß Laubach aus 3 Höfen entstanden sei. Der Kern dieser Ueberlieferung ist durchaus nicht abzuweisen. Wir haben uns die alte „vilfa“ L 0 ubahe jedenfalls als ein „Haufendorf" vorzustellen. Der sog. „Alte Hof" lag außerhalb des Festungsgürtels, aber dicht dabei. Jedoch betrug, wie sich nach den alten Güteroerzeichnissen berechnen läßt, bereits um das Jahr 900 das bebaute Gelände etwa 250 bis 300 Morgen. Schon 1057 hören wir von einer Kirche zu Laubach. In ber zweiten Hälfte bes 13. Jahrhunberts treten bie Herren von Hanau als Inhaber von Laubach auf. In bemfelben Jahrhunbert noch werben uns Befestigungen in Lau- bad) genannt. 1335 erscheint bie „bürg L 0 u ° p a ch". Im Anfang bes 15. Jahrhunberts beginnt bas „Haufenborf" lich zu einem „Reihenborf^ zu entwickeln. 1405 erscheint Laubach als „oppidum" (Stabt). Unter ber s 0 lmsischen Herrschaft, bie 1418 anfängt, wird bie Weiterentwicklung in ge« beihlicher Weise geförbert. 1420 verliehen bie Grafen wertvolle Freiheiten, so die Befreiung von Weg- unb Schlaggeld, von Mäher« unb Kuygslb. Kaiser Friebrich III. erteilte zu Köln am 20. September 1475 bem Grafen Kuno z u Solms bie Erlaubnis, Schloß unb Stabt Laubach mit Kemnaben, Türmen, Gräben, Mauern, Zäunen unb auf jebe Art zu bauen unb zu befestigen „umb der ge- treuwen annem unb nützlichen dienst willen, so er uns bem heiligen Reich, und sunberlich in den vergangenen Kriegsleusfen wider den Hertzogen von Burgundi gethan".
Der Landrat des Kreises Wetzlar, Herr Geh. Regierungsrat Dr. Sartorius.
Zu Ihrem 175jährigen Jubiläum spreche ich Ihnen meinen Glückwunsch aus und gebe der Hoffnung Ausdruck, daß es dem Gießener Anzeiger auch in Zukunft gelingen wird, der Leserschaft, zu der auch zahlreiche Einwohner des Kreises Wetzlar gehören, ein vom vaterländischen Geiste eingegebenes, von Sachkunde getragenes Urteil über Tagesereignisse sowie Kultur- und Lebensfragen zu vermitteln.
zu Herbstein gelegen sei. Da dies Hospital zweifellos mit dem heutigen Amtsgericht identisch ist und das eine der beiden Tore ebenso zweifellos das alte „Niedere Tor" ist, das südwestlich vom Hospital in die Stadt einführt, so muß das andere Tor ebenfalls in ber Nähe bes jetzigen Amtsgerichts, unb zwar norbwestlich bavon, gesucht werden. Da ein zweites Tor in der äußeren Stadtmauer für diese Gegend nickst in Betracht kommen kann, so muß es ein Stadttor in einer inneren Mauer gewesen fein, und zwar einer Mauer, die an dieser Stelle Stadt- unb Burgbezirk von einanber schied. Und etwa vom dicken Turm hinter der evangelischen Kirche ausgehend, über die Stützmauer des Kirchengartens laufend, ben jetzigen Häuserblock des Rathauses unb Stadtwirtshauses unb ihrer Nachbar- gebäube durchfchneibenb in bie Stützmauer des katholischen Pfarrgartens eingelaufen ist. Es ist also anzunehmen, baß bie heutige vom Untertor ben Postberg hinanführenbe Straße in ihrem weiteren Verlaufe in ber Nähe bes Amtsgerichts, des alten Hospitals, durch ein zweites Tor in die Oberstadt auf einen freien Platz vor ber Burg einmünbete unb so bie Verbinbung mit ber Kirche unb Der Ringstraße ber Oberstadt herstellte. Vermutlich hat auf diesem zweiten, bedeutsamen Tore ber zweite Schutzpatron ber Stabt, Johannes ber Täufer, ge- ftanben, ben man nach der Zerstörung ber Burg unb bem Abbruch des Obertors in bie Nähe bes schon erwähnten späteren Neutors postiert hat. Wann biefe Zerstörung ber Burg geschah unb burch wen, habe ich bis jetzt nicht feststellen können. Aber schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts dehnte sich in ber Gegenb ber alten stäbtischen Burgmauer ein „freier Platz" aus, ber „Burgplatz" genannt, auf bem vom Fürstabt ber Stadt ein Bauplatz für die Erbauung eines Brauhauses, wohl bes alten, an der Stelle des jetzigen gelegenen Stadtwirtshauses, überlassen wurde unter ber Bebingung, daß Bür- germeifter, Rat unb Gemeinbe sich verpflichteten, bas Haus wieder abzuschaffen, wenn Fürstliche Regierung den Platz wieder nötig habe. So viel Wert legte man damals auf dieses Fleckchen (Erbe. Offenbar hat man damals noch in Fulda ernstlich mit bem Wiederaufbau der Burg gerechnet. Es ist nicht mehr dazu gekommen. Die Zeit ber Zwingburgen war für immer vorbei. Vielleicht waren es die Nachkommen ber Bürger unb Bauern, zu deren Schutz einst die Burg begründet wurde, selber, die sie im Bauernkriege zerstörten, daß man heute ihre Stätte nicht mehr kennt.
Möge das Alte, was seine Zeit überlebt hat, zerfallen und sterben und neues Leden blühen aus den Ruinen. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb' in Ewigkeit.
•) Noch heute endigt das altheidnischem Feuerbrauch entsprungene, alljährlich am Hutzel- fonntag von ber Jugenb veranstaltete Hälbrennen mit einem Fackelzug nach bem Hain, wo man zuletzt bie Fackeln zusammenwirft unb verbrennt.
Laubach.
Von Professor Dr. August R 0 eschen , Laubach.
Els Jahrhunderte, bis in die Tage Karls des Großen, führt uns die Geschichte ber Stabt Laubach zurück. Jedoch beweisen Funde, daß schon vor Jahrtausenden diese Stätte besiedelt war. Im nahen Schloßgarten wurden Bronze- sachen und Tonscherben der Hall- (tatter Zeit gefunden. Mit höchster Wahrscheinlichkeit können wir auch Pfahlbauten auf der Südseite der Stadt annehmen, links des sog. Schmelzpfades. Hier wurden Im Garten des Bürgermeisters Bohm vor einigen Jahren in einer Tiefe von 20 Metern beim Graben eines Brunnens behauene Baumstämme und Bohlen gefunden. Das dortige Gelände war wahrscheinlich von einem See bedeckt, sicherlich von einem tiefen Sumpfe, wie sich
Die Erhebung Laubachs zu einer reiche- gräflichen Residenz, zur Haupt st a d t der Reichsgraffchast Solms-Laubach, die aus den Aemtern Laubach, Utphe und Münzenberg bestand, ist von besonderer Bedeutung für die Entwicklung ber Stabt. Die Begründung dieser Reichsgrafschaft erfolgte zwischen den Jahren 1544—48. Der erste Reichsgraf zu Solms-Laubach, Friedrich Magnus, ein Halbbruder Philipps des Großmütigen, war ein tüchtiger Regent. Er baute Laubach zu einer starken Festung aus, begründete eine L a • t e i n f d) u l e unter Beihilfe Melanchtons, bie von weither besucht wurde und zeitweise über 100 Schüler hatte, unb führte bie Reformation ein. Auch erteilte er ben Bürgern verschiedene Befreiungen, hob die Entrichtung des „Desthaupts" auf, erließ nützliche Verordnungen für ben Betrieb ber Lanbwirtschaft unb der Gewerbe usw. Unter seiner Regierung hob sich die Beoölkerungsziffer bedeutend. Während wir uns Laubach noch in ber zweiten Hälfte bes 15. Jahrhunberts als ein größeres Haufenborf von etwa 6—800 Bewohnern vorstellen müssen, können wir bie Bevölkerung von 1590 auf gegen 1500 Bewohner berechnen. Bereits 1559 finden wir 87 Pferde in Laubach; das bebaute Land betrug gegen 800 Morgen. Auch hatte sich das Gewerbe, vornehmlich durch die Bedürfnisse ber Hofhaltung, gebeihlich entwickelt. Be- sonbers blühte bas Brauereigewerbe. Am Ramsberg unb auf ben Hohen an ber Licher Straße würbe Hopfen in großer Menge gezogen. Der berühmte Erasmus Alderus (geb. zu Sprenblingen in ber Dreieich, aber erzogen in Nibba), ber als Pfarrer in Staben wirkte (von wo aus er am 24. August 1543 unter Luthers Vorsitz in Wittenberg bie theologische Doktorwürbe erwarb), sagt in seiner Beschreibung ber Wette rau: „Man brauet auch in ber Wetterau gut Bier zu Butzbach, Nibba, Laubach, Hoch weise!, Gießen, Grünberg unb Frankfur t." Dieses blühenbe Gewerbe behauptete sich in ßaubad) bis über bie Mitte bes vorigen Jahrhunderts. Auch in Laubach unterbrach ber 30jährige Krieg bie Entwickelung des Gemeinwesens; die Beoölkerungsziffer sank um fast zwei Drittel. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts unb unter ber Regierung bes Reichsgrafen Friedrich Ernst (1696—1723), ber als ber tüchtigste Regent biefes Reichsgebietes gelten muß, besserten sich allmählich bie Verhältnisse. Auch erfolgte unter biefem Reichsgrafen bie erste Erweiterung ber Stabt außerhalb des Festungsgürtels durch Anlage Der „Vorstadt" an der Schottener Straße. Er hob bas Forstwesen, bie Köhler- und Eisenindustrie, deren Anfänge sich schon in ben 80er Jahren bes 16. Jahrhunberts sest- scellen lassen. (Bereits im Jahre 1507 war Philipp Graf zu Solms, der Großvater jenes Friedrich Magnus, von Kaiser Maximilian mit bem Erz- und Bergwerk-Regal belehnt worden.) 1704 legte er einen Hochofen auf ber Friedrichshütte an. Der 7jährige Krieg, bie Revolutions- unb Befreiungskriege brachten roieber schwere Schöben. Doch erholte sich bereits in ber ersten Hälfte bes vorigen Jahrhunberts bas Städtchen wieder, vornehmlich durch die gemeinnützige Tätigkeit des Grafen Otto. Die durch die Kriegsjahre sehr geminderte Bevölkerungsziffer war schon im Jahre 1823 auf 2098 Bewohner, im Jahre 1840 auf 2151 gestiegen. Graf Otto fand beim Tooe des Vaters (1822) bie Grafschaft so verschuldet, daß er das Majorat zuerst gar nicht zu übernehmen sich getraute. Die persönliche Tüchtigkeit des jungen Mannes verschaffte ihm jedoch Kredit. Er rechtfertigte das Vertrauen, war persönlich sehr mäßig, bescheiden, fleißig und sparsam, ohne jedoch in Beiträgen zum öffentlichen Wohl knickerig zu sein. In vorbildlicher Weise betrieb er die Landwirtschaft, war in hervorragendem Maße an der Orünoung des „Landwirtschaftlichen Vereins" beteiligt unb hinterließ bei seinem
Zwölftes Blatt
Tode (1872) seinem Sohne Friebrich wohlgeordnete wirtschaftliche Verhältnisse. So konnte dieser seine sozialen Pläne verwirklichen und die Gründung des Gymnasiums im Jahre 1875 durchführen, wo- durch ein sichtbares Aufblühen des Gemeinwesens erfolgte. Die Stadt, bie bisher außerhalb bes Festungsgürtels nur burch bie „Vorstadt" erweitert worden war und auf bem anstoßenden Gelände nur wenige, ganz vereinzelte Häuser hatte, dehnte sich nun nach allen Seiten aus. Die Licher, Hungener und Schottener Straße, die Bahnhofs- unb Friebrichsstraße unb ber ganze „H a i n" wurden ausgebaut. Graf Friedrich erwarb an der Schottener Straße ein größeres Anwesen mit großem Gelände unb errichtete hier ein 21 r m c ft - unb Krankenhaus. Diese Anstalt erweiterte sich immer mehr unb bedeutete einen wahren Segen für die Stadt unb die nähere und weitere Umgegend. Hierdurch fanden bie Bauhandwerker und auch die übrigen Gewerbetreibenden Gelegenheit zu gutem Verdienst. Einzelne Gewerbe sind allerdings, da sie mit dem Fabrikbetrieb nicht mehr wetteifern konnten, zurückgegangen, ja verschwunden, fo bie blühenbe Industrie ber L 0 h - unb Weißgerber, der Küfer, ber Gelbgießer, ber Kn 0 vfmacher^. ber Dreher, Der Weber, der Müller; 2 Luhmühlen, 3 Mahlmühlen, 1 Windmühle unb eine Knopfmühle waren früher hier in Betrieb. Auch mürbe bis in bic Mitte bes vorigen Jahr- hunoerts hier viel Tabak unb Hopfen gepflanzt. Sogar die Seibcninbuftrie war hier byrchaus nicht unbebeutenb; noch vor brei Jahrzehnten sah man hier zahlreiche Maulbeerbäume. Die Mediatisierung der Reichsgraf, schäft bedeutete für Laubach einen schweren Verlust. Am Hof waren nicht weniger als 80—90 Personen bedienstet. Außerdem lag eine nicht unbeträchtliche Besatzung in ber Stabt. In ber Mitte des 18. Jahrhunberts wurde hier ein Bataillon errichtet. Noch heute finden dagegen viele Leute lohnende Beschäftigung in den gräflichen und städtischen Waldungen. Verschwunden ist auch bie Porzellan - Jnbustrie, bie im vorigen Jahrhunbert brei Jahrzehnte hier blühte. Dagegen hat sich neuerbings die Tabak-Jnbustrie verhältnismäßig recht günstig entwickelt. Im Jahre 1848 eröffnete ein Christian Bär eine kleine Tabakfabrik. Dessen Geschäftsführer, Joh. Konr. Michel, begrünbete 1868 ein eigenes Geschäft, bas gedeihlichen Fortgang nahm. Heute sind gegen 60 Arbeiter hier in diesem Industriezweig tätig.
Der Weltkrieg brachte auch unserer Stadt mehr ober weniger nach oerschiebenen Seiten schwere Schädigungen. Man suchte nach Kräften bie Not zu linoerh. Im gräflichen Schlosse wurde unter Oberleitung ber Gräfin Mutter ein größeres Lazarett eingerichtet, das vortreffliche Verpflegung bot. Die Ernährungsverhältnisse waren, abgesehen vom Herbst 1916, im allgemeinen nicht ungünstig, dank ben kaufmännischen Talenten des Bürgermeisters Ritter (geft. 1922). Auch richteten viele Leute, selbst Beamte, eine Zwergökonomie ein, schafften sich Ziegen unb Hühner an und mästeten Schweine. Ebenso ging, auch bei ben ärmeren Klassen, bic Inflationszeit durch die Umsicht des Bürgermeisters und Gemeinderats, sowie bie Mildtätigkeit der Landwirte, erträglich vorüber. 1500 Zentner Kartoffeln wurden beschafft, von denen der fünfte Teil bar bezahlt, die übrigen durch Holztausch entrichtet wurden; auch wurden im Jahre 1923 10 Säcke Mehl angefauft unb an bie Armen verteilt, wozu der Graf ein Darlehen gewährte. Durch die Ettlingsche Molkerei unb wohltätige ßanbmirtc würben täglich 25—30 Liter Milch an arme Kranke und Kinder verabreicht. Durch allgemeine Sammlungen und hervorragende Teilnahme ber Geschäftsleute wurden ben Armen Del, Fett, Kolonialwaren unb sonstige Lebensmittel in hinreichendem Maße ohne Entgelt geliefert.
Der schwerste Schlag, der Laubach als Kriegsfolge traf, ist ber Untergang bes Gymnasiums im Jahre 1922. Die Anstalt hatte sich unter ben Direktoren Windhaus unb Hensell herrlich entwickelt; im Jahre 1898 betrug die Schülerzahl 191. Seit 18$ (Direktion Balser) begann sie zu sinken; im Jahre 1901 betrug sie 125, im Jahre 1905 nur noch 101. Der unglückliche Ausgang des Krieges besiegelte ben Untergang Der segensreichen Lehranstalt. Dio Beoölkerungsziffer Der Stadt, bie im Jahre 1919 auf 1887 Einwohner herabgesunken war, hat im Juni dieses Jahres bie Zahl 2033, also den Stanb vor einem Jahrhunbert (siehe oben), wieder erreicht.
Schloß und Stadt Ulrichstein.
Don Pfarrer Wilhelm Kornmann, Ulrichstein.
Das VogelLbergstäbtchen Ulrichstein ist sicher recht alt, älter jedenfalls als die erste urkundliche Erwähnung ben Anschein erweckt. Schon 1279 wird In einer Merlauischen Urkunde ein Bodo scultetus (Schultheiß, Schulze) von Ulrichstein unter den Zeugen genannt. Daß Ulrichstein damals schon Stadtrechte gehabt habe, ist sehr zu bezweifeln; ver- läßlid) ist bic Tatsache, daß im Jahre 1347 Landgros Heinrich II. seinen Schwager, Kaiser Ludwig den Bayer, zur Erteilung eines Freiheitsbriefes für den Drt Ulrichstein bewog, wodurch dieser „mit allen Rechten unb Freiheiten der Reichsstadt Friedberg, mit einem Markt unb dem Rechte, 6 seßhafte Juden auszunehmen, begnadigt und also zur Stadl erhoben wurde". Das Schloß befand sich damals in Eisenbachschem Besitz. 1604 kam es an Hessen- Darmstadt, das eigene Amtleute und Rentmeister bort einsetzte. Das Schloß trägt wohl auch die Schuld daran, daß Ulrichstein so viel unter Kriegen zu leiben hatte. Die Heerscharen Des 30jährigen Krieges wurden sicher durch bas Schloß nad) Ulrichstein gelenkt; bie Stabt hatte bamals 5 Torc. Wachtposten waren auf bem sog. Koppel, bem Hauderg und anberswo aufgestellt. 1622 wurde ft Stabt durch halberstädtisches Kriegsvolk Überfalls und bie Bevölkerung grausam behandelt; elf ft sonders schwere Fälle werden in den Aufzeichnungen bes damaligen Rentmeisters Johann Kays« erwähnt, nämlich: Foltern, jämmerliches Schlagen und zu Tode martern. Auch der sog. „Schweden- trunt" spielte eine große Rolle; ein einäugiger Dbrift hat sich durch Oreucltatcn besonders „ausgezeichnet". Ein Geistlicher z. B., ber von auswärts mitgeschleppt worden war, wurde vor dem Pfarrhaus schwer mißhandelt und ihm dabei zugerufen: „Hör, Pfaffe, such dein Geld, oder sieh zu, mic bir's gehen wird!" Nach mündlicher Ueberlieferung sollen in ber Nähe Ulrichsteins mehrere Ortschaften gewesen fein, die im 30jährigen Krieg zerstört wurden, so eine namens Ruß- oder Roßdorf. Ulrich' stein jedenfalls hatte unter dem genannten Krieg sehr zu leiden; Im Sommer 1635 herrschte cm großes Peststerben, und am 25. Januar 1648 begann noch einmal eine zehntägige Plünderung durch
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