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Zwölftes Blatt

Gießener Anzeiger Jubiläums-Ausgabe

Seite 8>

Schlitz.

Don Bürgermeister Dr. Niepoth, M. d. L.

Im Jahre 812 wird die Schützer Kirche geweiht. Damit erscheint Schlitz unter dem Namen Slitese zum erstenmal in der Geschichte. Als Lehen des Stiftes Fulda bildeten Burg, Stadt und Gericht Schlitz das Schlitzerland von jeher eine Ein- heil, eng verbunden durch Sprache, Sitte und Tracht.

Schon Ende des 14. Jahrhunderts erwirbt Schlitz Stadtrechte, doch erst um die Mitte des 16. Jahr­hunderts fühlen sich die Herren von Schlitz stark genug, dem Stift Fulda gegenüber ihre völlige Unabhängigkeit zu betonen und als Mitglieder der freien Ritterschaft Anspruch auf Neichsunmittelbar- feit zu erheben; ein Recht, das mit dem Ende des 30jährigen Krieges von keiner Seite bestritten wird und das erst im Jahre 1807 durch Aufnahme der Grafschaft Schlitz als Standesherrschast in das Großherzogtum Hessen endet.

Schlitz gehörte damals nach Gießen und Alsfeld und vor Friedberg zu den größeren Städten Ober­hessens und soll nach den Angaben eines mir vor­liegenden Geographie-Lehrbuchs von Cannobich 2980 Einwohner gehabt haben, während die letzte Volkszählung nur 2754 Seelen auswies. Eine Gegenüberstellung dieser beiden Zahlen zeigt, welch ungleich größere Bedeutung Schlitz im Anfang des vorigen Jahrhunderts gehabt haben muß.

Schon "damals war die Leinenweberei das bodenständige Gewerbe. Die Äunft des Leinen­webens war Gemeingut der Kleinbauern und Klein­gewerbetreibenden, die alle' den selbstgezogenen und selbstgesponnenen Flachs am eigenen Webstuhl, den man deshalb bis in die Mitte des vorigen Jahr­hunderts in fast jedem Haus fand, zu eigenem Ge­brauch und Verbrauch verarbeiteten. Aber die Ent­wicklung schritt weiter. Kaufleute, die Vorfahren heute noch bestehender Firmen, beschränkten sich nicht darauf, die über den eigenen Bedarf der Er­zeuger hinaus hergestellten Waren zu kaufen, sie schlossen mit den Hauswebern Arbeitsverträge, liefertet? das Rohmaterial und nahmen die daraus hergestellten Waren gegen Zahlung eines Weblohns zurück. Die Leinenweberei war damit zu einer Hausindustrie geworden.

Das Jahr 1848 brachte der Stadt Schlitz keine nennenswerten Begebenheiten, dagegen scheinen die wirtschaftlichen Verhältnisse damals sehr schlecht gewesen zu sein. Viele Familien, eine große Zahl schasfensfroher Männer verließen Heimatstadt und Heimatland, um sich in dem gelobten Land jenseits des Ozeans eine neue und, wie sie hofften, bessere Lxistenz zu gründen. Die Nachkommen vieler dieser Familien sind verschollen, nur die Namen im wapptmgeschmückten Rathaussaal geben Zeugnis oon ihrer früheren Bedeutung im öffentlichen Leben ihrer Vaterstadt. Kinder und Enkel anderer Aus­wanderer kehren gern hin und wieder nach Schlitz zurück, ohne daß man von besonderen Reichtümern, Die sie erworben, gehört hätte.

Während andere Städte und Städtchen Ober- Hessens in der zweiten Hälfte des vorigen Jahr- .Hunderts einen bedeutenden Aufschwung nahmen, ging die Einwohnerzahl oon Schlitz zurück. Der Grund lag sicher in der für Schlitz ungünstigen Linienführung der damals neuerbauten Eisenbayn- Itrecken. Die Strecke FrankfurtBebraBerlin -folgte von Fulda ab nicht etwa, was das Natür­liche gewesen wäre, dem Laufe der Fulda, sondern benutzte das Haunetal,-um nach Hersfeld zu ge­langen. Das geschah, obwohl der damalige Graf non Schlitz nicht nur die kostenlose Stellung des ihm gehörigen und innerhalb der Standesherrschast benötigten Geländes zugefagt, sondern sich auch erboten hatte, die notwendigen Eisenbahnschwellen für die im Schlitzerland verlaufende Strecke kosten- los abzugeben. Das Entgegenkommen wurde ab­geschlagen, das Schlitzerland wurde umgangen, nur weil es im Gegensatz zu Fulda-Hünfeld-Hersfeld zum Grobherzogtum Hessen gehörte. Auch die ober- hessische Bahn GießenFulda wurde, wie man lagt, nicht ohne Schuld von Schlitz, das bett Wert einer Bahnverbindung noch nicht genügend erkannt hatte, 8 Kilometer an seiner Gemarkungsgrenze vorbei über Salzschlirf geführt.

bedingung für andere Industriezweige (Seifen- fabrik, Bierbrauerei), vor ollem für ausgedehnte Bleichereien, deren Anlagen mit dem Bilde unseres Städtchens untrennbar verbunden sind und die wie ein weißer Schnee den Wiesengrund der Schlitz Sommer wie Winter im lichten Weih schimmern lassen.

Mit dieser eben skizzierten industriellen Entwick­lung hielt die der Stadt als solcher gleichen Schritt. Eine Quellwasserleitung wurde gebaut und durch mehrfache Erweiterung dem stets wachsenden Ver­brauch angeoaßt. Es entstanden neue öffentliche Gebäude: Amtsgericht, Post, Volksschule, höhere Bürgerschule, jetzt Realschule.

Allenthalben regle es sich: Der Schützer Hand- werter zeigte, daß der Gewerbefleiß nicht erloschen, daß die Kunst der Väter in Söhnen und Enkeln wieder auflebte. Im Gegensatz zu früheren Jahren erkannte die Schützer Bevölkerung jetzt den Wert einer guten Bahnverbindung und erstrebte deshalb mit aller Energie die Durchführung der Bahn SalzschlirfSchütz nach Hersfeld. Die zähen Be­mühungen führten zum Ziel. Die Strecke wurde 1912 in Angriff genommen und gerade noch zur Vollendung gebracht. Do kam der Krieg, und statt einer festlichen Einweihung, bei der Festausschüsse auf blumengeschmückter Lokomotive die Strecke abfuhren, rollten Truppentransporte über die Schienen. Der Zweck war aber erreicht. Schlitz hatte die Verbindung mit den zu feinem Bezirk ge­hörenden Dörfern des unteren Fuldagrunds und den Anschluß an die BerlinFrankfurter Hauptstrecke.

Wie überall in deutschen Landen, herrschte auch in Schlitz in den entscheidenden Augusttagen 1914 trotzige Begeisterung und der feste Wille, den aufgezwungenen Kampf siegreich zu beenden. Es sollte anders kommen. Von den Hunderten, die aus­zogen, Deutschlands Boden zu verteidigen, kehrten 121 nicht mehr zurück. Ein Ehrendenkmal am Friedhof und die mit den Namen der Gefallenen in stilvoller Weise geschmückte Sandkirche zeigen, daß die Vaterstadt ihrer Toten gedenkt.

Alle Nöte und Leiden, die Krieg und Nachkriegs­zeit mit sich brachten, hat auch Schütz spüren müssen. Nahrungsmittelknappheit zwang auch hier zur schärfsten Rationierung, immerhin soll nicht ver­schwiegen werden, daß die Bevölkerung von Schütz, das zusammen mit dem Schlitzerland ein lieber» schußgebiet bildete, die ihr zustehenden geringen Mengen von Fleisch, Mehl, Fett und Kartoffeln auch wirklich erhielt und daß deshalb nicht die Not aufkommen konnte, die in den Großstädten für die Gesundheit des Nachwuchses so schwerwiegende Folgen zeitigte. Die überall in Deutschland als Kriegsfolge einsetzende Arbeitslosigkeit und Woh­nungsnot stellten dagegen gerade die Schützer Stadtverwaltung vor eine schwer zu bewältigende Aufgabe, da Schütz im Gegensatz zu den meisten Gemeinden keinen Wald und kaum eignes Grund­vermögen hat, zur Deckung der Ausgaben daher ausschließlich auf die Steuerkraft seiner Bevölke­rung angewiesen ist. Es war oon jeher das Ziel der Stadtverwaltung, den Arbeitslosen nicht nur Er­werbslosenunterstützung, deren Empfang gerade bei Jugendlichen auf die Dauer demoralisierend wirken muß, zu geben, sondern sie zu beschäftigen; und mit Befriedigung kann heute rückblickend gesagt werden, daß dieses Ziel mit verschwindenden Aus­nahmen erreicht worden ist. Der Wohnungsnot suchte man durch Gründung einer gemeinnützigen Heimstättenbaugesellschaft, an der die Stadt maß­gebend beteiligt ist, entgegenzuwirken. Diese Grün­dung hat sich als außerordentlich segensreich er- wiesen, und so konnte sich die Stadt als solche, von der Errichtung eines Beamten- und eines Ge­meindehauses, abgesehen, eigener Bautätigkeit ent­halten. Von dem Gedanken ausgehend, daß es volks­wirtschaftlich richtiger ist, von der Errichtung städti­scher Häuser, deren Unterhaltung und Verwaltung unverhältnismäßig teuer ist, abzusehen und dafür dem strebsamen, arbeitsfreudigen Wohnungssuchen- den den Bau eines eigenen Heims zu ermöglichen, wendet die Stadt verhältnismäßig erhebliche Mittel zur Unterstützung der Baulustigen auf. Sie hat den gemeinnützigen Baugesellschaften für zunächst acht Wohnungen je 5000 Rm. Darlehen, von denen je 1000 Rm. zu 2 Proz. und je 4000 Rm. zu 5 Proz.

Herbstein.

So war es denn kein Wunder, daß Schlitz im Wettbewerb mit anderen verkehrstechnisch günstiger gelegenen Konkurrenten unterlag. Dazu kam, daß eine andere Möglichkeit, die einen Aufschwung Der Stadt hätte herbeiführen können, versäumt wurde. Graf Friedrich Wilhelm von Schlitz, der nachmalige Begründer des Bades Salzschlirf, hatte Die Absicht, die Salzschürser Quellen, deren Heilwert oon ihm zuerst erkannt worden war, durch eine Kohrleitung nach Schlitz zu führen. Die Mitwelt verkannte die Bedeutung eines solchen Planes, und io blieb das Projekt des weitsichtigen Grafen, das Die Entwicklung oon Schlitz sicher in neue Bahnen zelenkt hätte, unausgesührt.

Erst um die Jahrhundertwende gelang es den Lemühungen der Schützer Bevölkerung, die lang» ersehnte und für die geschäftliche Entwicklung un­entbehrliche Bahnverbindung zu erhalten. Die Kebenbahn SchlitzBad Salzschlirf wurde 1898 Dem Verkehr übergeben. Wenn sich auch manche Hoffnungen nicht erfüllten das Kalioorkommen im Schütztal, ebenso wie die Eisenerzlager im Eisen­berg erwiesen sich als nicht abbauwürdig, so gab Die bessere Verkehrsmöglichkeit der Entwicklung Doch einen kräftigen Antrieb. Mechanische Webereien von Weltruf entstanden, die Leinenhausindustrie verschwand. Die außerordentlich waldreiche Um­gebung bildete die Grundlage einer sich immer nehr entwickelnden Sägeindustrie und das weiche, talfarme, völlig eisenfreie Wasser schuf die Vor­

verzinslich sind, zur Verfügung gestellt und ist damit weiter gegangen als viele, ja wohl die meisten Stadtverwaltungen mit ähnlich gelagerten Verhältnissen.

(Eine weitere Kriegsfolge, die Kohlenknappheit, wirkte sich in unserem Bezirk besonders kraß aus. Die waldreiche Umgebung, die, was den Haus­brand anlangt, eine ziemlich gesicherte Brennstoff­versorgung gewährleistete, war andererseits Grund genug, daß der Reichskohlenkommißar das Kohlen­kontingent oon Schütz auf ein Minimum herab­setzte. Die nur auf Kohlenfeuerung eingestellten industriellen Werke kamen fast zum (Erliegen und konnten ihren Betrieb durch Verwendung der min­derwertigsten Ersatzbrennstoffe nur notdürftig auf- recht erhalten. Damals erkannte man den Wert einer Wasserkraft und ging mit Eifer ans Werk, die ungenützten Energiequellen der Schlitz und der Fulda in unserem an Bodenschätzen sonst nicht reichen Tal nutzbar zu machen. Kein Müller, der damals nicht das unwirtschaftlich arbeitende Wasserrad durch die die Kraft besser ausnützende Turbine ersetzt hätte. Was die Müller im Kleinen als richtig er­kannt hatten, führte die Stadt im Großen aus. Es bleibt ein stetes Verdienst des Gemeinderats, mit klarem Bück und rascher Entschlußkraft die Be­deutung def ihm vorgelegten Pläne zur Nutzbar­machung der Wasserkräfte für die Elektrizitätsver- forgung des Bezirks erkannt und ihre Ausführung genehmigt zu haben.

Schon im Jahre 1908/09 war nach den Plänen des jetzigen Beigeordneten Ritsert in Darmstadt am Ufer der Schlitz ein kombiniertes Dampf- und Wasferkraft-Gleichstromwerk mit einer Maschinen- leiftung oon 90 P. S. erbaut worden. Als die Brennstoffnot des Krieges auch die größten Freunde der Petroleumlampe und des Benzinmotors be­kehrt hatte und steigende Arbeitslöhne alle Hand­werker zwangen, vom Hand- zum Äraflbetrieb über­zugehen, erwies sich die Maschinenanlage bald als zu klein und nötigte im Herbst 1921 zum weiteren Ausbau des Werks. Zunächst ging man daran, die als Reseroekrast ungeeignete Dampfmaschine von 50 P. S. durch zwei stets betriebsbereite Diesel- motoren von zusammen 130 P. S. zu ersetzen. Gleich­zeitig sicherte man sich die zum Mahlbetrieb nicht notwendige firdft der Hohmühle bei Schlitz mit etwa 30 P. S. Damit war der dringendste Bedarf gedeckt, und man konnte sich in Ruhe dem Ausbau der vorhandenen Wasserkräfte zuwenden. Die be­deutendste Wasserkraft des Schützerlandes die Fuldamühle bei Rimbach wurde erworben. Da die Stadt Schütz daran dachte, nicht nur das eigene Stadtgebiet, sondern den ganzen Bezirk mit Strom

an wie ein vergeßenes Stück Mittelalter, das in der weltabgelegenen Stille des allen Buchoniens oder Buchenlandes den Wechsel und Wandel der Men­schen und Städte verschlafen und feine Zeit ver­träumt hat.

Und doch wohnt in der alten fuldischenfesten Stadt und Burg Herbstein" ein Bauern- und Hand- werkeroölkchen, das bei allem treuen Festhallen an Glaube und Sitte und Arbeitsweise der Väter sich den Fortschritten der modernen Kultur und Technik nicht verschließen konnte. Nähert man sich Herbstein mit der Dogeisbergbahn, die sich auf dem die Stadt im Osten und Süden umgrenzenden Höhenzuge hin- schlängell, und betritt durch die von dem Mühl- graben und der altenMichelnbach" undKröten- bach" durchfloßenen Talsenke die Dorstadt, die in doppelter, langgestreckter Häuserreihe sich den Berg hinanzieht und nach Westen hin aus*itct, bann'oer- kündet uns das eigenartige Maschinengeratter einer Webfabrik, daß auch hier die Maschine die ehemals fast in allen Häusern stehenden Handwebstühle ver­drängt hat. Noch pflügen zwar viele Bauern ihren Acker nach alter Däter Weise mehr oberflächlich als tiefgründig und wollen von moderner Tiefkultur und

Marburg.

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zu versorgen, andererfeits auch eine Derwertungs- mogüchkeit für den bei fast jedem Wasserkraftwerk anfallenden überschüssigen Kraftstrom suchte, wurden Verhandlungen mit der Provinz Oberhessen als Eigentümerin des Ueberlandwerks ausgenommen. Unter Mitwirkung des leider zu früh verstorbenen Provinzialdirektors Matthias, eines tatkräftigen Förderers unserer Bestrebungen, wurde eine Form des Zusammenschlusses, die den Interessen aller Beteiligten, der Stadt Schütz, der Provinz Ober­hessen und der Dorfgemeinden, entsprach, in einem ZweckverbandUeberlanbanlage Schützerland" ge­funden. Die Fuldamühle bei Rimbach wurde zu einem Kraftwerk von 250 P. 8. ausgebaut, vier weitere Wasserkräfte mit zusammen 150 P. S. durch die Eigentümer ausgebaut und zur Stromlieferung vertraglich verpflichtet. Die Provinz Oberhessen übernimmt, besonders nachts, den überschüssigen Strom, übernimmt aber auch die Reservebeüeserung der Anlagen des Zweckoerbandes, falls die (Eigen- erzeugnng nicht ausreicht. Die der Stadt Schlitz durch ihre Beteiligung an dem Zweckverband zu ver­hältnismäßig billigem Preis zur Verfügung stehende Strommenge, die in normalen Jahren 1 Million Kilowattstunden betragen dürfte, schuf die Vor­bedingung für die fast völlige Elektrisierung der Schützer Industrie. Die billige Kraftquelle setzte aber auch weniger kapitalkräftige, sonst aber in ge­sunder Aufwärtsentwicklung befindlichen Firmen in den Stand, zum mechanischen Betrieb überzugehen. Die Stromabgabe des städtischen Elektrizitätswerkes ist in steter Zunahme begriffen, was durch folgende Zahlen illustriert wird:

Abgabe 1914 .... 60000

1920 .... 140000

1924 .... 300000

1925* . . .500 000

* Nach dem Verbrauch April/Juli geschätzt.

Wenn es auch eine Selbstverständlichkeit ist, daß die Stadtverwaltung alles tun wird, um die in­dustrielle Entwicklung weiter zu fördern, so muß man sich bei objektiver Beurteilung doch darüber klar fein, daß Schütz niemals eine Industriestadt werden kann. Große Zukunftsmögüchkeiten liegen dagegen in der Entwicklung von Schlitz zum Luft­kurort, da hierfür alle Vorbedingungen gegeben sind. Das mittelalterliche Stadtbild, der Burgenring auf steiler Hohe bietet an und für sich schon viel Sehenswertes. Der große gräfliche Park, der wie alle übrigen Anlagen für den allgemeinen Besuch freigegeben ist, bietet ideale Spazierwege, und die waldreiche Umgebung mit idyllisch gelegenen Aus­flugsorten die Möglichkeit zu ausgedehnten Wan­derungen. Wer einmal den Weg nach Schlitz ge­funden hat, der bestätigt das, was ein früherer Schützer Oberpfarrer, der Kinderüederdichter Gg. Ehr. Diefenbach in die Verse kleidet:

Im weiten Deutschen Reiche, da liegt ein Städtlein klein,

Im Ring von grünen Bergen, ein heller Edelstein, Ein klarer Fluh umspielet des trauten Städtleins Fuß,

Und feine Hohen senden dem Himmel frohen Gruß.

Stadt und Burg Herbstein.

Ein Beitrag zue Geschichte ihrer Entstehung und ihres Werdeganges.

Don Pfarrer Zinn, Pfungstadt.

Der Wanderer, der von Lauterbach kommend durch das anmutige Eisenbachtal nach dem hohen Vogelsberg feine Schritte lenkt, ist, wenn er nach eineinhalbstündigem Marsche auf der Rixselder Hohe anlangt, überrascht von dem eigenartigen Landschaftsbild, das sich da vor ihm auftut. Dom 700 Meter hohen Gipfel des Gebirges strahlenförmig auslaufenden, meist mit herrlichem Buchenwald be­standenen Höhenzug ist ein 400 Meter hoher, fanftanfteigenber Berg vorgelagert, der ringsum von wasserreichen Wiesengründen umgeben ist. Und diesen Berg krönt ein etwa 1600 Einwohner zäh­lendes Städtchen, dessen höchstgelegener Teil ringsum von gut erhaltenen, hohen, mit Türmen flankierten Mauern umgeben ist. Malerisch drängen sich zwischen den Mauern und Türmen, zu denen sich brüder- lich der der evangelischen Kirche gesellt, altersgraue Häuser und Dächer und Giebel traulich aneinander, alle überragt von dem wie ein trutziger Bergfried in der Mitte stehenden wuchtigen Turm der altehr- würdigen katholischen Kirche. Das ganze mutet uns

den Lehren und Erfindungen der neuen Agrarchemie und Technik nichts wissen, aber in vielen Hoireiten sieht man neuzeitliche landwirtschaftliche Maschinen von der Sämaschine bis zur Dampfdreschmaschine, und die Geräte und Werkzeuge, die der Schmied ver­fertigt und bessert, zeigen, wie auch der Handwerker mit der Zeit geht". Metzger und Gastwirte suchen auch den verwöhnten Ansprüchen der zahlreichen Sommergäste, die die reine und ozonreiche Höhen­luft und die schöne Umgebung Herbsteins aUfommer» lich in wachsender Zahl genießen wollen, zu be­friedigen. Eine modern eingerichtete Dampfmolkerei versteht es, die Milch, das Hauptprodukt der mehr auf Viehhaltung als Körnerbau angemiefenen Land­wirtschaft, einwandfrei zu verwerten und in die Großstadt zu bringen. (Eine Wasserleitung spendet reines und erquickend frisches Gebirgswasser in aus­reichender Menge. Der Not der Nachkriegszeit sucht man zu begegnen, indem man uralte, mit Basalt- finblingen überstreute Deblänbereien, bie von alters her nur roeibenben Rinbern- unb Schasherben küm­merliche Nahrung boten,melioriert" ober in frucht­bares Ackerlanb oerwanbelt. Eine elektrische lieber» lanbleitung versorgt bie Straßen unb Häuser ber Stabt mit Licht unb Kraft, unb Radiohörer ver­mitteln allen, bie sie hören wollen. Wissen unb Kunst ber Großstabt.

Doch bavon wollen wir jetzt nicht reben, wie ber Geist ber neuen Zeit auch in bie Mauern bcs alters­grauen Stäbtchens Herbstein einzog unb einzieht, sonbern was biese Mauern uns aus alter Zeit vom Werbegang bes Stäbtchens zu erzählen haben.

Wir verlaßen bie Dorstabt unb Neustabt, bie im wesentlichen im 14. unb 15. Jahrhunbert unb später unter bem Schutze ber Ringmauern sich anfiebelte unb nur mit Wall unb Graben unb Hecken unb Zäunen sich umhegte, unb betreten bie heute noch von Mauern umgebene Altstabt, durch bas Untertor oberNiebere T o r", in bas auch bie van rechts fommenben alten Lauterbacher unb Fulbaer Straßen, jetzt Rixselber unb Bachgasse genannt, in bie Stabt einmünben. Das Tor selbst würbe leider 1850 ab­gebrochen unb ber barauf stehenbe Schutzpatron Jakobus vor bie Kirche gestellt, aber bie Mauern sind ringsum noch gut erhalten. Nur Wall und Graben, die außen die Mauer umzogen, hat man eingeebnet, z. T. als man vor 100 Jahren die neue Lauterbacher Straße baute und dafür Raum ge­winnen wollte, zum Teil schon früher, um Bauplätze und Gärten zu gewinnen für die Dorstadthofreiten. Im Norden verrät noch der NameWallweg", daß auch dort einst Wall und Graden die Stadtmauern zu weiterem Schutze umgaben. Wir treten durch die Mauerlücke, die wie eine klaffende Wunde neuzeit­licher Unverstand dem ehrwürdigen Baudenkmal aus der Väter Zeit geschlagen hat, als man das Nieder­tor abbrach, das einzige Tor, das ehemals den Ver­kehr der Stadt mit der Außenwelt vermittelte und in das alle alten Zufuhrstraßen einmündeten. Die jetzige oftObertor" genannte Mauerdurchfahrt beim Haftlokale sowie basNeutor" finb, wie schon bie,er Name sagt, erst später entstauben, unb ber Durchbruch burch bie Stabtmauer zwischen ber evangelischen Kirche unb bem Hause bes Herrn Rechtsanwalts Domm würbe erst beim Bau ber neuen Lauterbacher Straße gemacht, um biese auf kürzestem Wege in bie Stabt einzuführen.

Der untere Teil ber ummauerten Stabt, ber bie alte Wanggasse, bie Abolfsgaße, bie Amtsgasse unb ben Postberg umfaßt, bietet uns wenig Anziehen- bes, feitbem er größtenteils in bem großen Branbe oon 1907 abgebrannt ist. Nur bie Hälfte ber zuvor auf engstem Raum bicht zusammengebrängten Holz- fachwerkhäuser hat roieber auf ber Branbftätte auf- gebaut werben bürfen. Jeber zweite Bürger hat sich bamals in ber Außenstabt anfiebeln müssen, um ben Zurückbleibenben mehr Lust unb Licht unb Be­wegungsfreiheit ums Haus zu lassen. Zweifellos hat bie Gesunbheit unb Wohlfahrt der Menschen ba- burch gewonnen, aber bie Romantik bes Stabtbilbes verloren. Noch ursprüngliche Altertümlichkeit verrät der obere Teil ber Altstabt, ber ben Marktplatz unb bie katholische Kirche umfaßt, mit bem ganz eigen­artig sie umgebenben hoppelten Häuserring. Die charaktervolle, breischifsige gotische Kirche samt Chor unb vorgesetztem mächtigen Turme stammt allem Anschein nach aus bem 13. Jahrhunbert unb ent­hält in ihren Heiügenbilbern, ihrer Kanzel unb ihrem Taufsteine viele wertvolle Dokumente alter religiöser Volkskunst. Der Marktplatz fällt ange­nehm auf burch seine für ein befestigtes altes Lanb- städtchen ungewöhnliche räumliche Ausbehnung. In ber kleinen 1882 erbauten evangelischen Gustav-