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Burg Münzenberg erbaute und sich Kuno j)err von Münzenberg benannte. Er war ein getreuer Ministeriale des sagenberühmten Kaisers Barbarossa. Auf einem Brakteaten (einseitig geprägten Silbermünze) ist er als Dynast mit Schwort und Lilienzepter dargestellt und als CVNO DE LICHE bezeichnet. Im Jahre 1255 kam Ltch durch Erbfolge unter die Herrschaft der Falkensteiner. Nun brach eine Zeit schöner Blüte und stolzen Auf- schwungs an. Dank seines freundschaftlichen Verhältnisses zu dem Kaiser Albrecht erreichte es Philipp von Falkenstein, das; das Dorf Lich am 10. März 1300 zur Stadt erhoben wurde und damit „das Recht einer Bürgergemcinde und alle Freiheiten „verliehen bekam", wie sie andere Städte des Reichs und ihre Einwohner Defifocn". In dieser Zeit wurde Lich durch Vereinigung mit mehreren Dörfern der Umgebung bedeutend vergrößert, es wurde eine neue Kirche gebaut und die erste Befestigungsanlage ge° schassen. Damals entstand die Gemarkung Lich, wie auch der bedeutende Waldbesitz der Stadt in dem Umfange, wie wir ihn heute vorfinden. Philipp III. von Falkenstein ist der Stifter des heute noch bestehenden, der Kirche und der Schule dienenden begüterten Manenstists. In den Jahren 1364—66 tobte ein heftiger Kampf zwischen Philipp IV. von Falkenstein und Ulrich HL von Hanau, der mit den vier wetterauischen Reichsstädten Frankfurt, Friedberg, Wetzlar, Gelnhausen verbündet war. Die ganze Gegend wurde entsetzlich verheert. Doch wehrte sich Philipp tapfer gegen die Uebermacht. Vergeblich wurde er in seiner Feste Warnsburg belagert. Er blieb unbezwungen. Die Li eher Stadtbürger hielten treu zu ihm. Auch schossen sie ihm 1500 Gulden vor, wofür der Stadtherr sie am 11. November 1366 von Steuer (Bede und Schatzung) befreite. Nach dem Tode des letzten Falkensteiners kam Lich 1418 an die Johanneslinie des Hauses Solms, deren ältester Zweig als S o l m s - 5) o h e n s o l m s ° L i ch bis auf den heutigen Tag in Lich feinen Sitz hat. Freude und Leid hat diese Familie mit der Stadt Lich geteilt; sie hat manchen bedeutenden Mann hervor- gebracht und für die Stadt Lich und ihre Bevölkerung wertvolle und nützliche Einrichtungen geschaffen. Mancher Sturm ist in den letzten fünf Jahrhunderten über unsere Stadt Hinweggebrauft. Furchtbar wütete der Schrecken des 30jährigen Krieges und der vielen anderen Kriegszüge, noch furchtbarer die Pest, die im Jahre 1635 während der kurzen Zeit von 8 Monaten über 1200 Menschen dahinraffte und ganze Straßen vollständig entvölkerte. Erst nach den Befreiungskriegen kam ein Aufatmen in die vorher schwer heimgesuchten deutschen Lande.
Heute ist Lich ein gern besuchter Ausflugsort, dessen enge Gassen und altertümliche Gebäude die Erinnerung an vergangene Jahrhunderte lebendig halten. Der Besucher findet viel Sehenswertes. Allen voran der massige trutzige Wehrtum, auf dem in früheren Zeiten der Wächter saß, um mit schmetterndem Trompetentone das Nahen von Freund und Feind zu verkünden. Der gewaltige, 58 Meter hohe Turm, weithin die Gegend beherrschend, gibt der Stadt ihr Gepräge. Eigenartig in seiner quadra- tischen Form und seinem anmutigen belieferten Helm bietet er dem Wanderer, mag er kommen von welcher Seite er will, stets ein erhebendes Bild alten Kunstsinnes und der Wehrhaftigkeit früherer Jahrhunderte.
Wenige Schritte davon steht die prächtige Marienstistskirche, im Anfang des 16. Jahrhunderts erbaut. Der gotische Stil, in dem das Bauwerk gehalten ist, ist nicht überall einheitlich durchgeführt; recht oft finden sich noch Anklänge an die romanische Zeit. Besonders beachtenswert sind die Grabsteine des Philipv III. von Falkenstein, des Johannes, Philipp, Reinhard und Otto von Solms. Gemalte Fenster, zum Teil aus alter Zeit stammend, und zahlreiche Grabsteine der Grafen von i Solms, größtenteils von künstlerischen und geschicht- lidjem Wert, zieren das Gotteshaus. Das inten * effantefte Stück der inneren Einrichtung der Kirche ist die altertümlid)c Kanzel mit prächtigen Holzschnitzereien und den Holzbildwerken von vier Kirchenvätern, während hoch oben über der Kanzel das Bildnis Mose, der die Gesetzestafeln in den Händen hält, sich befindet. Die Kanzel stammt aus der Kirche des Klosters Arnsburg und ist ein eigenartiges Zeugnis mittelalterlicher Kunst.
Angelehnt an die Kirche, nahe dem Hauptein- gange, hat im Jahre 1923 das Denkmal für die Opfer des Weltkrieges feinen Platz gefunden. Das Steindenkmal enthält neben der Widmung in wirkungsvollem Relief die Darstellung des Kampfes des Erzengels Michael mit dem Drachen. Es ist ein Werk echter Hrssenkunst, von dem bekannten Bildhauer Huber aus Offenbach gesdiaffen. Die Namen der 92 Gefallenen finden sich beiderseits des Gedenksteines auf den Pfeilern der Kirche.
Bon alten Zeiten reden viele Fachwerkhäuser, teils mit hübschen Erkern geschmückt und mit Inschriften versehen. Wir finden sie besonders in der Unter- und Oberstadt, in der Kirchgasse, Schloßgasse und Hintergasse. Das prachtvollste der alten Häuser unserer Stadt ist zweifellos das 1632 erbaute sog. Hellwigsche Haus auf dem Kirchenplatz. Hier finden mir Holzschnitzereien von seltener Schönheit.
Lich war schon im Mittelalter eine starke Feste. Durch R ein harddenA eiteren (1491—1562), den Kaiserlichen Truppeninspektor, der aud) die F e st u n g Ingolstadt erbaut hat, wurde um 1540 die Festung in gewaltigen Maßen ausgebaut. Gegen Süden bot die Wetter mit ihrem sumpfigen Wiesengelände einen starken natürlichen Schutz. Trotzdem hat man noch einen großen Erdwall mit starken Bastionen aufgeworfen, hinter dem sich, an die Stadtmalier anschließend, ein tiefer Graben hinzog, der im Bedarfsfälle mit Wasser gefüllt werden konnte. Leider sieht man heute nur noch wenige Ucberrefte dieser sehr interessanten Befestigungsart. Auch die drei Stadttore (Oberpforte, Unterpforte und Röderpforte) sind der Zeit zum Opfer gefallen. Dem schönsten von ihnen, dem Doertor? ist es vergönnt, im Bilde als Stadtwappen weiterzuleben.
Diesen Zeugen aus alter Zeit stellt fick) das fürstliche Schloß mit dem herrlichen Schloßpark würdig zur Seite. Das Schloß birgt reiche Kunstschätze. In seinem Erdgeschoß, nahe dem Hauptportale, steht das Modell des in Ingolstadt errichteten Denkmals des obengenannten Grafen Reinhard des Weiteren (1491—1562). Vor dem Schloß, auf dem sog. Schloßplatz, ist das Denkmal des 1880 verstorbenen Fürsten Ludwig ausgestellt, eines geistig hochstehen- den Mannes, der fid) durch seine philosophischen und theologischen Schriften einen Namen gemacht hat.
Nicht vergessen wollen wir die durch landschaft- liche Reize allerlei Art sich auszeichneilde Umgebung der Stadt mit ihren bewaldeten Hügeln und ihren in saftigem Grün prangenden Wiesen- gründen, oftmals durchbrochen von Teichen und murmelnden Bächen.
Gießener Anzeiger - Iubiläums-Ausqabe
Den Hauptermerbszweig der Bevölkerung bildet die Landwirtschaft. Ackerbau und Viehzucht stehen in schöner Blüte. Um ihre Hebung bemühen sich besonders das Landwirtschaftsamt und die landwirtschaftliche Schule. Die fürstlichen Hofgüter Lich und Eolnlausen kann man als landwirtschaftliche Mustergüter bezeichnen, die oftmals das Ziel von Studierenden der Landesuniversität sind. Daneben finden wir reges Geschäftsleben. Als Mittelpunkt des Amtsgerichtsbezirks Lich wird unsere Stadt für dieses Gebiet auch zum geschäftlichen Mittelpunkt. Recht umfangreich ist der Handel mit Landesprodukten und der Viehhandel. Zur Hebung des Geschäftsverkehrs dienen sechs Märkte, der Fastnachts-, Oster-, Sommer-, Kirchweih- und Weihnachtsmarkt, um deren Ausbau sich die Stadtverwaltung seit Jahren bemüht. Reiche Existenzmöglichkeiten für die arbeitende Bevölkerung bieten verschiedene aufstrebende Industrien, zwei Brauereien, deren größte, die Brauerei Jhring-Melchior, in den letzten 3 Jahren eine bedeutende Erweiterung erfahren hat und die größte Brauerei Oberhessens ist, ferner Fabriken für landwirtschaftliche Maschinen, Orgel-, Harmonium- und Klavierbauanstalten, eine große Ringofenziegelei, Faßfabriken, zwei Sägewerke, eine Eisschrankfabrik u. a. Allenthalben begegnen wir regem Aufschwung. Neben umfangreichen Straßenbauten im Anschluß an die vor kurzem beendigte Feldbereinigung plant die Stadt die Errichtung größerer Gebäude, eines Schulhausneubaues, der sehr notwendig ist, einer Viehzuchtstation, die Gestüt und Faselstall aufnehmen soll, einer großen Dreschhalle u. a. in.
In Anbetracht der Nähe Gießens finden wir m Lich feine höheren Schulen, wohl aber Fachschulen, wie die Landwirtschaftliche Schule, und eine beruf- lich gegliederte Fortbildungsschule. Die Volksschule ist erweitert durch Klassen mit höheren Lehrzielen und Klassen für schwach Begabte. So sehen wir dank der Unterstützung der Schulbehörden einen sehr erfreulichen inneren Ausbau unserer Schule, die zu einer Musteranstalt werden wird, sobald die Geldverhältnisse es gestatten, ihr ein neues Heim zu schaffen.
Das Vereinsleben ist stark entwickelt; man pflegt den Gesang, den Turn- und Wandersport und nicht zuletzt die Kameradschaftlichkeit bei Kriegsteilnehmern, Schützen» und Altersgenossen. Die Turnhalle des Turnvereins erfährt in diesem Jahre eine bedeutende Erweiterung, die sie zum größten 23er» sammlungssaale Lichs macht, und auf Die der herein mit berechtigtem Stolz blicken darf. Nicht unerwähnt lassen wollen wir die Freiwillige Feuer- wehr, die unter zielbewußter Leitung auf der Höhe steht und im Jahre 1927 das Fest ihres 50jährigen Bestehens zu feiern gedenkt. Als gemeinnützige Vereine seien weiterhin genannt: Der Volksbilbungs- verein, der eine stattliche Bücherei unterhält, wie sie kaum eine andere Stadt in der Größe Lichs aufzuweisen hat, und der Verkehrs- und Verschöne- rungsoerein.
Ueberschaut man Lich im Blick auf das große Ganze, dann findet man Landwirtschaft und Industrie, Gewerbe und Handel in gesunder Mischung neoeneinanber. Fleiß und Arbeitsamkeit des Bauern und geschästige Betriebsamkeit des Bürgers reichen sich die Hand; mag aud) Kriegs- und Inflationszeit manches zerstört und vieles gehemmt haben, man steht und spürt es überall: Es geht wieder vorwärts! Gott gebe, daß zum Pflügen und Säen von heute eine gesegnete Erntezeit folgen möge!
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Hungen.
Von Bürgermeister Fendt, Hungen.
An der nördlichen Grenze der oberhessischen Kornkammer, der gesegneten 2Betterau, dort, wo die Landschaft in sanften Steigungen zu den Höhen des Vogelsbergs überleitet, wo der Limes oder Pfahlgraben weit nach Norden ausbog, liegt in einstens germanischem Grenzgebiet das ehemals befestigte Landstädtchen Hungen. Nur wenige, infolge bergbaulicher und industrieller Anlagen dem Uneingeweihten nicht mehr erkennbare Reste an der Ge- markungsgrenze Hos-Graß sind noch stumme Zeugen der ehemaligen römischen Besestigungen. Und ebenso wie diese Bollwerke und die in ihren Fundamenten vor einigen Jahrzehnten nochmals blohgelegten Wachttürme den Weg alles Zeitlichen genommen, so zeugen auch andererseits von der späteren Befestigung der Stadt nur noch Bruchstücke von Wall, Graben und Mauer.
In welche Zeit die Gründung Hungens fallen mag, läßt sich nicht nachweisen, auf das Vorhandensein von Siedelungen in grauer Vorzeit in seiner Nähe deuten indessen mit ziemlicher Bestimmtheit eine größere Gruppe und mehrere einzelne Hügelgräber hin. Aus der „Stätte des Hoho" leitet man den Namen Hoinaen, später Houngen und zuletzt Hungen ab. Urkundlich wird der Name Hoinge erstmals 782, und zwar als Lehen des Klosters Hersfeld erwähnt.
Im Laufe der Jahrhunderte wechselte es mehrfach seine Besitzer; so kam es im 12. Jahrhundert an Münzenberg, etwa in der Mitte des 13. Jahr
hunderts an Falkenstein und 1419 an das Haus Solms, das noch heute in seiner Braunfelser Linie die Standesherrschast bildet. In der Zeit vom Anfang des 17. Jahrhunderts bis 1678 bildete Hungen mit einer Anzahl Ortschaften, die noch heute zum evangelischen Dekanat Hungen gehören, eine selbständige Grafschaft, welche nach dem Tode des letzten Grafen Moritz zu Solms-Hungen an Solms-Greifenstein und Solms-Braunfels überging. Mit der im Jahre 1361 .erfolgten Verleihung der Stadtrechte durch Kaiser Karl IV. erhielt Hun- gen sein Wappen: ein Wasserturm im weißen Feld mit Ranken und rotgolbenem Schilbe, sowie Umschrift auf blauem Grunbe. — Das Schloß ber Herren von Hungen befanb bzw. befinbet sich auf ber Höhe im süblichen Teile bes Ortes unb wirb zum ersten Male als bie Burg derer von Falken- ftein im Jahre 1383 erwähnt unb von 1454 bis 1456 einem Umbau unterzogen, währenb es seine heutige Gestalt im Jahre 1701 erhielt.
Ebenso wie das Schloß auf ber Höhe, welches Angehörigen des Hauses Solms-Braunfels als bauernber Wohnsitz dient, beherrscht bas Stabtbild bie unweit von jenem gelegene evangelische Stabt- kirche, bie nach Prof. Walbe (vgl. Denkmalspflege VIII., Jahrgang Nr. 15 v. 1911) ben Vorzug hat, der erste ausgesprochen protestantische Kirchenbau zu sein. Ihr Bestand reicht bis in das 13. Jahrhundert zurück, doch besteht von dem ursprünglichen Bauwerk nur noch der Turm, während ber östlich an biegen anschließenbe, als Grabstätte ber ehemaligen Grafen von Hungen bienenbe gotische Chor kurze Zeit später erbaut würbe. Bei ber im Jahre 1907 vorgenommenen grünblichen Renovierung ber gesamten Kirche stieß man auf alte kunstvolle Malereien, bie von Künstlerhanb wieberhergestellt würben. Das Schiff ber Kirche, in seiner Schlichtheit echt reformierten Charakter zeigenb, würbe in ben Jahren 1597—1601 erbaut. Mit befonberer Liebe hängt besonbers bie Althungener Einwohnerschaft an ihrem allseits anerkannt schönen unb bes- halb in einzelnen Stücken selbst ber Stabt Frankfurt a. M. vor Zeiten begehrenswert erscheinenben Kirchengeläute, das ebenso, wie es ben Gefahren bes 30jahrigen Krieges entgangen, auch erfreulicherweise währenb bes Weltkrieges nicht bas Los so vieler anberer Kirchenglocken zu teilen brauchte unb auch fernerhin ein befonberer Stolz bes Stäbichens sein wirb. Wie an viele Kirchenglocken, knüpft sich auch an bie größte ber hiesigen, aus bem Jahre 1452 ftammenbe Glocke mit Bezug auf ihre Her- tunft die Legende.
Dank feiner günstigen Lage an der alten, durch den Hungener Stadtwald ziehenden Heerstraße Friedberg—Alsfeld konnte das Städtchen in ver- gangenen Jahrhunderten mehrfach eine rasche Entwicklung erleben, blieb aber mit feiner Umgebung auch andererseits infolge der vielfachen Unruhen, des Fehdewefens, des 30jähriyen unb später ber Napvleonschen Kriege von Rückschlägen unb Bedrängungen aller Art nicht verschont, wie das Eingehen einer Reihe von Ortschaften sowie die alten Stadtrechnungen bezeugen. Auch eine kleine Baum- gruppe auf der Hohe neben ber Kreisstraße nach Nonnenroty, bie Kaiserlichen genannt, bie sich über ben Gräbern einer größeren Anzahl Krieger aus ben 90er Jahren bes vorletzten Jahrhunberts erhebt, mag als ein Erinnerungszeichen an bie Leiben, benen die Gegend ausgesetzt gewesen, erwähnt sein.
Auch bie inneren Unruhen in ber Zeit von 1830 bis 1848 blieben nicht ohne Einfluß auf bie Stabt, ihre Einwohnerschaft, ihre Entwicklung unb Ausgestaltung, bis bann gegen Mitte bes verflossenen Jahrhunberts eine Auswärtsbewegung langsam in bie Erscheinung trat. Der sich um Die Stadt legende Befestigungsring wurde gesprengt, die Mauern an verschiedenen Stellen niedergelegt, die Wälle geschleift und der Wallgraben oerebnet; die beiden Tore allerdings waren schon nahezu 50 Jahre zu- vor teils eingestürzt, teils wegen Baufälligkeit abgebrochen worden. Mit der Sprengung des alten einengenöen Gürtels war zum ersten Male der Ausdehnung des Gemeinwesens ber Weg geebnet; es begann ein neuer Zeitabschnitt. Noch ertönte bas Horn ber Post nach ben verschiebenden Richtungen hin, bis auch biefes letzte ibyllische Stück einer ba- hin"ilenben Epoche bem neuen Verkehrsmittel, ber neuen Zeit weichen mußte unb Hungen im Jahre 1869 Eisenbahnstation ber Linie Gießen—Gelnhausen würbe, von ber aus seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts bie Seitenlinien Hungen— Laubach — Mücke, Hungen—Ruppertsburg—Frieb- richshütte und Hungen — Friedberg abzweigen. Leider ist dem ersten Bahnbau infolge des Mangels eines Naturdenkmalschutzgesetzes einer der malerischsten Plätze der Stadt, der mit Eichen und Buchen bestandene Schloßwall, auf dessen Hohe in alten Zeiten bie Lokalfeste abgehalten wurden, ganz unnötigerweise zum Opfer gefallen. Die natürlichen Folgen des Bahnanschlusses zeigten sich alsbald in ber Entwicklung ber Industrie. Verschiebens, bis bahin nur in mäßigem Umfange betriebene Brauneisensteingruben unb Braunkohlenbergwerke erweiterten ihre Betriebe, erhielten später bireften Bahn- ober Seilbahnanschluh, eine Brikettfabrik, bie einzige in Hessen, erftanb; Basaltsteinbrüche taten sich
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auf, unb heute hort man außer ihnen das Arbeiten von Sägewerken, bemerkt man die Schlote der Dampfziegelei, durchfahren aus allen Richtungen die Milchwagen der Dampfmolkerei die Stadt, be- obachtet man den regen Betrieb in Zementwarenfabriken u. a. m., sämtlich Unternehmen, die Hunderten von Angehörigen eines eifrigen Arbeiter- ftanbes Arbeits- unb Verbienstmöglichkeit bieten. Daneben ist aber auch ber anbere wichtige Faktor im gesamten Wirtschaftsleben, bie besonbers in ber Wetterau durch bie Gunst ber Bobenverhältnisse von altersher naturgemäß stark entwickelte Lanbwirt- schaft, nicht im Rückstände geblieben. Rechtzeitig die Forderungen der Neuzeit erkennend und sich deren wissenschaftliche Errungenschaften für die Praxis zunutze machend, dank der vorbildlichen Tätigkeit größerer wie kleinerer Landwirte, dank der segensreichen Einwirkungen staatlicher Bildungsanftalten zeigte sich auch hier eine allgemeine Aufwärtsbewegung. Erinnert sei nur an die Feldbereinigung, die die Möglichkeit zu einer Vereinfachung und Erleichterung der Wirtschaftsweise bietet unb bie in hiesiger Gemarkung bereits vor etwa 20 Jahren durchgeführt wurde, dabei nicht nur bie Belange ber Landwirtschaft treibenden Bevölkerung förderte, sondern auch infolge der Schaffung öffentlicher Anlagen, von Marktplätzen und vor allem -iwrd) die Erschließung neuer Bauguartiere der Allgemeinheit dient. Zum zweiten Male war hiermit der Weg zur Stadtausdehnung geebnet. Das Erstehen eines ganz neuen Stadtteils auf Grund eines besonderen Ortsbauplans ist damit zur Tatsache geworden. Unter den Neubauten des letzten Vierteljahrhunderts nimmt die Bildungsstätte der Hungener Jugend, das neue Schulhaus, den ersten Rang ein, das sowohl ber Volks- als auch ber Höheren Büruerichuie als Heim bient unb mit allen neuzeitlichen Einrichtungen, u. a. auch mit Schüler- unb Volksbab versehen ist. Es erhebt sich in ber Nähe bes alten, einem Slraßenburchbruch zum Opfer gefallenen städtischen Brauhauses, eines ehemaligen Klosters, während das alte Schulgebäude in der Schloßgafse, in dem der ehemalige Fürstlich Solmsische Forstmeister, nachmalige preußische Staatsrat und Oberlandforstmeister Georg Ludwig Hartig die erste deutsche Forstschule gründete, heute Zwecken der Bürgermeisterei dient. Das lange Jahre in demselben Hause untergebrachte Steuerkommissariat, nunmehrige Finanzamt Hungen, hat vor zwanzig Jahren einen staatlichen Neubau im neuen Stadtteil bezogen. In seiner Nähe ist die vor mehreren Jahren hierher verlegte Finanzkasse in einem Neubau untergebracht. Außer diesen Aemtern besitzt Hungen noch ein Amtsgericht und Vermessungsamt, auch war es von 1841 bis 1848 Sitz eines Kreisamts. Eine katholische Kirche wurde im Jahre 1907 erbaut.
Wie dem allenchalben zu Beginn des Jahrhunderts einsetzenden Aufschwung der Weltkrieg ein gebieterisches Halt entgegensetzte, so mußte auch in Hungen ein Stillstand eintreten, um bas Schwergewicht aller Maßnahmen auf die Kriegshilfe unb bas soziale Gebiet zu legen. Sofort nach Kriegsausbruch mürbe bas erst kurz zuvor feiner Bestimmung übergebene Schulgebciube in all seinen Raumen als Reservelazarett bes Roten Kreuzes eingerichtet, bem sich in bankenswerter Weise eine Anzahl bereits im Frieben ausgebilbeter einheimischer Helferinnen zur Verfügung stellte. Dagegen diente Das städtische Krankenhaus, die sog. Fenbtsche Stiftung, als Unterkunftsstätte ber hier beschäftigten französischen Kriegsgefangenen mit Ausnahme derjenigen auf Grube Abendstern, für welche bie Buberusschen Eisenwerke ein vesonberes Lager eingerichtet hatten.
Für bie nichtschulpflichtigen Kinber wurde mit Kriegsbeginn eine vornehmlich durch I. D. Prinzessin Hermann zu Solms-Braunfels unterhaltene Kleinkinderfchule eingerichtet, um deren Erhaltung eine Reihe junger Mädchen sich bemühte. Weiter verdienen die zur Förderung der Belange der Kriegsteilnehmer und ihrer Angehörigen abgehaltenen Frauenabende Erwähnung, und dankbar mußte die auch dann nicht aussetzende Liebestätigkeit anerkannt werden, als sich die Beschaffung von Mitteln immer schwieriger gestaltete, eine Tätigkeit auf den verschiedensten Gebieten ber Kriegsfürsorge, beren Aufzählung im einzelnen hier zu weit führen würbe.
Mancher von ben vielen ins Felb gezogenen Söhnen ber Stabt sollte biese nicht mehr wieber- sehen, ober nur als stillgeworbener Mann erreichen, um in heimatlicher Erde seine letzte Ruhestätte zu sinben. Ihr Anbenken burch bie Errichtung eines Denkmals zu ehren unb bannt auch nach außen hin bie Dankbarkeit zum Ausbruck zu bringen, ist beschlossen unb wird sich nach Fertigstellung der zur Zeit in Ausarbeitung befindlichen Entwürfe verwirklichen.
Waren bie Kriegszeiten von einer kaum noch auszuhaltenden Schwere hauptsächlich für die um Angehörige bangenden Familien, so stellten sich nach Kriegsbeendigung nicht minder große Schwierigkeiten anderer Art ein. Vor allem zeigten sich diese auf dem Gebiete des Arbeitsmarktes unb des Erwerbslebens. Die anderwärts mitunter katastrophal erscheinende Erwerbslosigkeit trat in unserer Stabt infolge frühzeitiger geeigneter Vorbeugungsmaßnahmen erfreulicherweise in verhältnismäßig geringem Umfange unb erst ganz spät zutage, als sich eine Anzahl größerer bergbaulicher Unternehmungen zur vorübergehenben Einstellung ober Einschränkung ihrer Betriebe entschließen mußte. In ungleich höherem Maße machte sich dagegen neben ber einsetzenben Inflation, burch bie namentlich bie Kleinrentner in empfinblidjer Weise getroffen würben unb benen es nun in schonender Weise zu helfen galt, die früher hierorts nie gekannte unb darum um so empfindlichere Wohnungsnot fühlbar, eines ber schwierigsten Probleme für eine Gemeinbeoerwaltung. Wohl entstauben eine Anzahl Neubauten — seit dem Jahre 1920 sind es etwa 30 —, wohl wurden in bereits bestehenden Häusern neue Wohnungen eingerichtet oder früher nicht vermietete Räume freiwillig zur Verfügung gestellt, allein trotz alledem vermochte der Bedarf an Wohnungen bisher nicht gedeckt und dem Uebel nicht in ausreichendem Maße gesteuert werden. Die lange Zeit hindurch zu niedrig gehaltenen Mieten, die durch den Krieg vielfach zurückgestellten Eheschließungen, das infolge des Wegfalls des Militärdienstes in Erscheinung getretene Heiraten in noch jugendlichem Alter, die Rückkehr Ausgewiesener, sowie auch der leicht den Unwillen erregende gesetzliche Zwang auf bem Gebiete bes Wohnungswesens bürsten vielfach als bie Ursache des Wohnungsmangels bzw. ber Schwierigkeiten ber Wöh» nungsbeschaffung sein. Es wirb beshald bie Hauptaufgabe ber in Betracht kommenden Stellen fein müssen, durch Forderung der Wohnungsbautätigkeit auf jede Weise ben Mangel zu beheben. Es ist begrüßenswert, baß am hiesigen Platze zur Zeit roicber 13 Neubauten im Entstehen begriffen siäb, wobei mit einem Doppelhaus unb zwei Einzel-


