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Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe
gehnles Blatt
erkennung des Wertes dieser Arbeit, sondern auch das Zugeständnis, daß mein den großen Aufgaben überhaupt nicht gerecht werden könne ohne diese Mitarbeiterschaft, die über einen Stab geschulter Helfer, über praktisch bewährte Einrichtungen, Anstalten usw. verfügt. Und tatsächlich geschieht — wenigstens was die staatlichen Stellen anlangt — diese Zusammenarbeit in schönster Harmonie. Wenn diese bei den Kommunen noch zu wünschen übrig läßt, wenn dort vielfach Methoden der sozialen Fürsorge bestehen, die sehr kritisck zu beurteilen sind, so dürfen die Leser dieser Zeilen versichert sein, daß sich diese Einschränkung nicht aus das Gießener Wohlfahrtsamt bezieht, mit dem es sich gut arbeiten läßt. Aber wo die Arbeit in der Einigkeit des guten Willens getan wird, in strenger Sachlichkeit Hilfe in der Not zu leisten, da bestätigen die Erfolge dieses Zusammenwirkens, daß Staat und Kirche nutzbringende Arbeit leisten für das Wohl unseres Volkes, dem beide mit allen Kräften dienen wollen. Gerade in der Jugendfürsorge zeigt sich das. Diese Sozialarbeit ist wohl die wichtigste. Sie gilt unseres Volkes kostbarstem Gut, der Jugend, die heute mehr als je gefährdet und in Not ist. Jugendarbeit ist aber Arbeit an der Zukunft — heute die heiligste Arbeit.
Nach dem neuen Reichsgesetz für Iugendwohl- fahrt ist die Jugendfürsorge neben der Jugendpflege ein Teil der Jugendhilfe, „die alle Maßnahmen zur Förderung der Jugendwohlfahrt umfaßt". Zum Unterschied von der „Jugendbewegung", die, wie der Name schon sagen will, von der Jugend selber ausgeht, Arbeit der Jugend an sich selber leisten will, sind Jugendpflege und Jugendfürsorge Veranstaltungen der Erwachsenen, um die Heranwachsenden zu erziehen. Das Wort „erziehen" ist hier im weitesten Sinne gebraucht. Bis in die letzten Jahrzehnte hatte man für diese Arbeit das Wort „Jugendfürsorge". Seit etwa 20 Jahren begann man aber auch schon im Sprachgebrauch zwischen .Jugendpflege" und „Jugendfürsorge" zu unterscheiden und bezeichnete mit letzterem Namen die Arbeit, die an der körperlich, geistig oder sittlich geschädigten oder doch gefährdeten Jugend geleistet wird. Diese Jugendfürsorge geht zurück bis in die ältesten Zeiten der christlichen Kirche. Aus diesen Tagen sind Nachrichten überliefert über die Einrichtungen von besonderen Waisen- und Findelhäusern, über Fürsorge für verlassene und ausgesetzte Kinder usw. Dies sei nur gesagt, um das hohe Alter und den kirchlichen Ursprung der Jugendfürsorge zu erweisen. Es würde zu weit führen, die Entwicklung der Jugendfürsorge im Mittelalter (Tätigkeit der Orden) zu verfolgen. Doch kann man nicht an dieses Arbeitsgebiet denken, ohne an die Stiftung A. H. Franckes in Halle erinnert zu werden, durch die Tausende von Kindern betreut wurden, ohne die Jugendrettungsarbeit zu erwähnen, die in den „Rettungshäusern" geschah, deren berühmtestes das „Rauhe Haus" in Horn bei Hamburg ist, die Gründung des „Vaters der Inneren Mission" Johann Heinrich Wichern. (Hier darf auch einem weitverbreiteten Mißverständnis entgegengetreten werden. „Rauhes Haus" heißt eigentlich „Ruges Haus", das Haus des Rüge. Der norddeutsche Name „Rüge" ist unser Name „Rau". Rauhes Haus ist also nicht eine Stätte, an der es rauh hergeht, sondern es ist das Haus, das nach seinem früheren Besitzer „Rüge" oder „Rau" genannt wird. Das sei denen gesagt, die sich Für-
vllWßvereilislsiökMberg eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht
Gegründet 1862
Eröffnung laufender Rechnungen mit und ohne Kredit Vrovisionefreier Scheck- und Ueberweisungsverkehr Diskontierung von Geschästswechseln Gewühiung von Darlehen und Beleihung von Wertpapieren Annahme von Spareinlagen gegen günstige Verzinsung, M. gabe von Heim Sparkassen Annahme von langfristigen Kapitalien fln- und verkauf von fremden Geldsorten Jl.i« und verkauf von Wertpapieren Vermietung von Schrankfächern unter Selbstverschluß des Mieters
Geschästsstunden: Täglich von 8-12 Uhr vormittags und von 2-4 Uhr nachmittags Samstagnachmlttags geschlossen
sorgeerziehung ohne Prügel nicht vorstellen können.) Im Jahre 1847 — und damit kommen wir auf hessische Verhältnisse zu sprechen, von denen weiterhin allein die Rede sein wird — errichtete der Graf Solms in Arnsburg eine „Rettungsanftalt für sittlich verwahrloste Kinder", in der im ersten Jahre 8 Kinder Aufnahme fanden. Noch heute besteht das „Rettungshaus Arnsburg" und ist in den fast achtzig Jahren seines Bestehens eine Segensguelle für viele Menschenkinder, die ohne es verloren gewesen wären, geworden. Arnsburg ist heute noch die einzige Anstalt für gefährdete Mädchen, während die Rettungshäuser in Hähnlein, Jugenheim in Rheinhessen und die „Aumühle" bei Wixhausen nur Knaben ausnehmen. Diese Rettungshäuser waren anfangs allein die Träger der Jugendfürsorge, und auch heute noch ist die Anstaltserziehung unentbehrlich. Aber es hat sich doch die Anschauung durch- gesetzt, daß die Familie die natürliche und deshalb gottgewollte Stätte der Kindererziehung ist. Findet das Kind in der eigenen Familie nicht die Möglichkeit einer rechten Erziehung, so hat die Jugendfürsorge die Aufgabe, geeignete Familien aufzufinden, in denen das in Pflege gegebene Kind die Erziehung bekommt, die es im Elternhaus aus irgendwelchen Gründen nicht haben kann. Es ist das bleibende Verdienst des Dekans Otto Röschen,
Herr Telegraphendirektor Tetzlaff.
Presse und Telegraphie — beides Dienerinnen an der hohen Aufgabe der Förderung der Volkswohlfahrt auf allen Gebieten der Wirtschaft, des Verkehrs, der Wissenschaften, wie des gesamten öffentlichen Lebens — sind aufeinander wechselseitig stark angewiesen: Die Presse als Verkünderin allen Geschehens und Werdens auf unserem Weltenstern, die Telegraphie einschl. der Telephonie als'Zubringerin der Nachrichten über alle Ereignisse und schöpferischen Gedanken von Pol zu Pol.
An der äußersten Auswirkung dieser großen, allgemeinen Ziele arbeiten die örtlichen Tageszeitungen: Hier hat es jetzt seit 175 Jahren der „Gießener Anzeiger“ getan — nach meiner Kenntnis in erschöpfender, stets aufstrebender, entwicklungsfreudiger Weise.
Trotz mancher naturgemäß vorhandenen Reibungsflächen war die gegenseitige Einstellung zwischen Anzeiger und Telegraphenamt stets sehr gut und vertrauensvoll, wozu die entgegenkommende und weitherzige Leitung des Blattes nicht wenig beigetragen hat. Möge es dem Gießener Anzeiger vergönnt sein, in der gleichen Weise ohne Hemmungen und Rückschläge dauernd weiter zu wirken, zum Wohle der Einwohnerschaft unserer guten Stadt und der Provinz, und damit auch unseres deutschen Vaterlandes. Hierzu: Glückauf und guten weiteren Erfolg!
triben, des Turnlehrers ist, nur indirekt angeht und der vor allem die Gesundheit des Zöglings zu überwachen hat. Der nächste Schritt führte von der vorbeugenden Leibespflege zur Heilgymnastik, welcher sich die griechischen Aerzte mit außerordentlichem Erfolge bedient haben.
Da die Trainer der Berufsathleten den Gym- nastentitel für sich in Anspruch nahmen, so schufen die Aerzte, welche die Gymnastik vom medizinischen Standpunkte immer weiter erforscht und zu einem selbständigen Zweige der Heilkunde ausgebildet hatten, um ihre Rechte zu wahren, für dies Spezialgebiet den Namen Hygiene und stellten den Hygieniker als Vertreter dieses umfassenden Wissenszweiges dem Gymnasien gegenüber. Andererseits bezeichnete man den Teil der ärztlichen Kunst, der sich mit der Heilung der Krankheit befaßte, als Therapie. Entsprechend dem hohen Stande der griechischen Heilkunde war das Facharztwesen stark ausgebildet, und es gab, wie uns Philostratos in seinem Buche „Ueber Gymnastik" berichtet, Wundärzte, Augenärzte, ferner Aerzte für Fiebernde und für Schwindsüchtige. Der Ruf der griechischen Aerzte ging weit über die Landesgrenzen hinaus; sie standen besonders in der Weltstadt Rom in hohem Ansehen.
Die großzügigen Kanalisations- und Wasserversorgungsanlagen in Rom sind fraglos den Anregungen griechischer Aerzte zu danken. Gymnastik und Bad wurden in der vornehmen römischen Well ein selbstverständliches Erfordernis und gehörten sozusagen zum guten Ton. Von einer nationalen Gymnastik kann dagegen in Rom keine Rede sein. Das Volk verlangte nach Wettkämpfen und Spielen aber nur als Schaustellung; für die Pflege der Leibesübungen hatte der Durchschnittsrömer keinen Sinn. Im römischen Zirkus rang nicht wie im griechischen Stadion die Blüte der Nation um den Siegeskranz, sondern hier zeigten berufsmäßig und gegen Entgelt die Gladiatoren ihre Künste.
Das Berufsathleten- und spätere römische Gla- diatorentum wurde von den griechischen Philosophen und Aerzten verachtet und bekämpft und seine Einseitigkeit und gesundheitsschädigende Wirkung gebrandmarkt. Ebenso wie der Philosoph
Gymnastik
und Volksgesundheit.
Von Professor Dr. Hnntemüller, a. 0. Professor der Hygiene und Leiter der Med. Abteilung des Instituts für Körperkultur an der
Hessischen Landesuniversität.
Es ist allgemein bekannt, welche hervorragende Stellung die Leibesübungen in der Blütezeit der griechischen Kultur eingenommen haben. Das Volk der Philosophen und Künstler sah in der harmonischen Ausbildung von Körper und Geist seine Kulturaufgabe. Lehrer und Aerzte leiteten die Erziehung der Jugend zu dem erstrebenswerten Ziele menschlicher Gesundheit und Schönheit.
In Griechenland trieb man die Leibesübungen nackt (yupöc) und nannte die Kunst, die sich damit befaßte, Gymnastik. Denn zu einer Kunst war die Pflege der Leibesübungen im Laufe der Zeit geworden und umfaßte neben der Körperübung vor allem auch die Leibespflege durch Massage, Bäder, richtige Ernährung uff. Der Gymnast, der Vertreter dieser Kunst, wird als Gesundheitskünstler aufgefaßt, er ist der medizinisch gebildete Trainer, den die praktische Turnkunst, welche Sache des Päda-
fricher in Freienjeen bei Laubach, jetzt im „Wichern- hcim" bei Arheilgen, daß er diese Arbeit organisiert hat durch die Gründung der evangelischen Dekanats- erziehungsvereine, die zu einem ganz Hessen umfassenden Landesverband, den der Gründer heute noch leitet, zusammengeschlossen sind. Während natürlich im Anfang noch die Anstaltserziehung überwog, hat sich allmählich die Sachlage geändert. Vor dem Kriege war das Verhältnis so, daß etwa zwei Fünftel der Fürsorgezöglinge in Anstaltspflege, drei Fünftel in Familienpflege sich befanden. In Ober- Hessen sind die Zahlen günstiger; es befanden sich 82 Proz. der Zöglinge in Familienpflege, in Starkenburg überwog die Anftaltspfleye (52 Proz.). Daß in Rheinhessen wieder Die Familienerziehung das Uebergewicht hatte, ist dem Wirken des jetzigen Kreisdirektors Wolff in Worms zuzufchreiben, der an der Gründung der Dekanatserziehungsvereine in feinem früheren Amte als Beigeordneter der Stadt Gießen beteiligt war, und auch in feinen späteren Stellungen als Leiter des Kreisamtes Oppenheim und Worms feine Sympathie den Erziehungsvereinen bewahrte und die Zöglinge in beiden Kreisen der Fürsorge der Erziehungsoereine anoertraute. Wenn nun auch der Krieg und die erste Nachkriegszeit einen Rückschlag brachte, da in diesen Jahren es aus leicht verständlichen Gründen fast unmöglich war, Häuser für Zöglinge zu finden, so daß die Zahl der Zöglinge der Erziehungsvereine herabsank, so zeigen die letzten Jahre wieder aufsteigende Zahlen. Eine ganze Anzahl von Vereinen betreut wieder eine fast gleiche Zahl von Pfleglingen wie vor dem Kriege, so daß heute fast 1000 hessische Kinder in Familienerziehung untergebracht sind.
Wenn sich das Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt vom 9. Juli 1922 in Verbindung mit dem Jugend- gerichtsgefetz vom 16. Februar 1923 noch weiter auswirkt, wird den Erziehungsvereinen ein noch größeres Feld für ihre Arbeit sich öffnen. Denn die Bestimmungen dieser Gesetze werden in Hessen nur ausgeführt werden können mit Hilfe dieser Vereine, die dem Staate gern ihre Organisation und ihre Arbeitskräfte zur Verfügung stellen, die in den Jugendämtern mitraten und in der Ausführung der Beschlüsse gern mitarbeiten wollen zur Gesundung unserer Jugend und zum Heile unseres Volkes.
Platon tadelt der Arzt Galen die Unverwendbarkeit der Athleten im praktischen Leben. Galen, der nicht nur ein berühmter Arzt, sondern auch ein gewandter Schriftsteller war, hat sich mit der Gymnastik von seinem Standpunkte als Arzt sehr eingehend beschäftigt. Seine Schriften, die uns er halten geblieben sind, geben Kunde von dem hohen Stand der damaligen Heilkunde, ihrem Sonder- zweige, der Hygiene, und der ihr zugehörigen Gymnastik.
Mit dem Niedergange des römischen Weltreichs schwanden auch die Errungenschaften der griechischen Kultur; griechische Kunst, griechische Wissenschaft und griechische Gymnastik gerieten in Vergessenheit. Die mittelalterliche Kulturwelt verachtete den Leib und seine Pflege und legte nur Wert auf geistige Bildung. Erst in den Zeiten der Renaissance, wo griechische Wissenschaft und Kunst wieder zu Ansehen gelangten, redeten die Humanisten auch der ßeibesbilbung wieder das Wort. Den ersten Versuch zu einer Wiederbelebung der Gymnastik auf wissenschaftlicher Grundlage machte der Arzt Hieronymus Merkurialis (1530—1606). Er geht auf Galen zurück und unterscheidet drei Arten von Gymnastik: 1. Die rechte Gymnastik, die als Zweck den gesunden, harmonisch durchgebildeten Körper hat und allgemeines Wohlbefinden erzielt. 2. Die kriegerische Gymnastik, die Knaben und Männer in den Stand setzen will, das Vaterland vor den Feinden zu schützen. 3. Die fehlerhafte ober athletische Gymnastik, bie ben Menschen stark machen unb ihn befähigen will, im Wettkampfe zu siegen und Siegespreise zu aewinnen. Bei der letzteren wirb oft bas Körperliche im Menschen zu sehr auf Kosten ber geistigen Bilbung entwickelt, so baß die Athleten ihrem Vaterlands selten positiven Nutzen bringen konnten.
In Frankreich war es Montaigne unb in England später John Locke, die beide auf Grund kritischer Forschung unb wissenschaftlichen Denkens die Pflege des Körpers als Grundlage für die Erziehung verlangten. Die Träger biefer Gebauten in der beutfchen Schulerziehung waren Bafebow unb Pestalozzi, ber Begrünber bes heutigen Bolksfchul- wefens. Auf Bafebow geht Gutsmuths zurück, ber Vorläufer Jahns. Er will eine echte Gymnastik auf physiologischer Grunblage aufgebaut wissen. Bei dieser Forderung ist er fraglos durch den Arzt Johann Peter Frank beeinflußt worden, der in feinem „System einer vollständigen medizinischen Polizei" (1779) zum erstenmal eine scharfsinnige Darstellung schulhygienischer Forderungen gibt. Gutsmuths setzt auch auf das Titelblatt feiner „Gymnastik für die Jugend" (1793) die Hygieia, die Göttin ber Gesundheit. Aus seine Anregung verlegte sich dann P. H. Ling auf bas Stubium von Anatomie unb Physiologie unb würbe ber Begrünber ber schwedischen Gymnastik, bie als Heilgymnastik zu großem Ansehen gelangt ist.
Die Entwicklung bes beutscheu Turnens ist unter bem Druck der politischen Verhältnisse andere Wege gegangen, die nicht im Sinne seines Begründers Friedrich Ludwig Jahn lagen. Jahn verstand unter Turnen die Leibesübungen in ihrer Gesamtheit, er rechnete dazu Laufen, Springen, Werfen, Wandern, Schwimmen, Rudern, Segeln, Reiten, Fechten, Schießen, Spiele und Wettkämpfe. Die Leibesübungen waren für ihn ein Mittel zu einer vollkommenen Volksbildung, und er erstrebte von An-
KarlRömer
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Willy Hahn ■ Lieh nur Oberstadt 7


