Zehntes Blatt
(Siebener Anzeiger Jubiläums-Ausgabe
Seite 73
Das städtische Gesundheitswesen in Vergangenheit und
Gegenwart.
Von Medizinalrat Dr. W a l g e r.
Die Bevölkerung der Stadt Gießen bestand, da Gießen früher befestigt war, ursprünglich aus Burgmannen und Bürgerschaft und erhielt durch wechselnden Zuzug von Soldaten, Offizieren, Händlern und Flüchtlingen in Kriegszeiten allmählich einen gemischen Charakter. Dunkelblondes Haar und mittelgroßer Körperbau der Männer, einnehmende Gesichtszüge und schlanker Wuchs der Frauen bieten den Durchschnittstypus dar.
Am Ende des 15. Jahrhunderts finden wir in Gießen rund 240 Wohnungen mit ungefähr 120U Einwohnern. Bei Beginn des 30jährigen Krieges war die Einwohnerzahl auf 3000 angewachsen, wurde aber infolge der unheilvollen Kriegsbeil wieder erheblich vermindert. Jni Jahre 1635 starben in Gießen allein an der Pest 1503 Menschen. Ihre Nahrung fanden die Bewohner im Mittelalter und bis weit ins 19. Jahrhundert hinein hauptsächlich in Ackerbau und Viehzucht. Auch standen Handwerk und Handel in Blüte. Letzterer spielte sich vorzugsweise auf den jeweils acht Tage währenden soa. Messen sowie auf den Jahr-und Wochenmärkten ab.
Die Zunahme der Bevölkerung Gießens schritt früher niq: langsam, später aber schneller vorwärts: Im Jahre 1804 zählte man erst 4946 Einwohner.
♦ 1816: 6107 Ew. 1880: 17 000 Ew.
1840: 7209 „ 1890: 20 570 „
1860: 8992 „ 1900: 25 564 „ ,
1870: 10 223 „ 1924 : 33 000 „
Auf je 1000 Einwohner entfallen im Jahr 1924 in Gießen 17,5 Lebendgeburten, indem von einheimischen Müttern in dem genannten Jahr 576 lebende Kinder geboren wurden.
Die Gesundheitsverhältnisse der Stadt Gießen galten von jeher für sehr günstig. Schon Merian nennt sie in seiner Topogr. Hassiae 1646 eine „Statt mit einer gesunden Lusft und das Land herumb mit Fruchtbarkeit und Lustbarkeit, davon und dem Tuchmochen die Bürger insonderheit sich nehren". 150 Jahre später rühmte der Professor Renatus Karl von Senckenberg, daß „nur die Gegend von Neapel und Biebrich a. Rhein derjenigen von Gießen vorzuziehen sei". Allerdings würde der moderne Hygieniker in bezug auf die gesundheitlichen Verhältnisse der Innenstadt Gießens zu Zeiten Merians und Senckenbergs einem so enthusiastischen Loblied keineswegs zugestimmt haben. Zahlreiche Düngerhaufen mitten in den Straßen, stinkende, vor Unrat unzugängliche Winkel und viele elende Häuser führten, vom Festungs- wall beschützt, ein geruhsames und beschauliches Dasein. Und auch sonstige gesundheitliche Mißstände machten sich breit. Kaum war die im Jahre 1607 gegründete Universität, die schnell zu hohem Ruhm gelangen sollte, ein Jahr alt, so mußte ihr Senat über solche liebel lebhafte Klagen führen: Brot und Weck seien nicht ausgebacken; Fleisch, Fische und dergleichen Nahrungsmittel kämen nicht auf den Markt, sondern würden nach Frankfurt und Wetzlar vertragen; es fehle an einem Gasthaus! An Hebammen und an Badestuben; und wohlan Erinnerung der klassischen hygienischen Methode, die weiland Herkules zur Reinigung der Ställe des Augias angewendet hatte, machte der Senat den Vorschlag, man solle die Lahn durch die Gassen leiten, um „hen Unflat abzuführen". Wie so ost, so blieb auch damals alles beim Alten, und als fünfzig Jahre später der Wasenmeister von Königsberg wegen irgendeines Vergehens verurteilt wurde, ein Vierteljahr lang den Stadtkanal und den Bach- graben zu säubern, da hat diese Maßnahme sirber- iich nur wenig zur wirklichen Besserung der Mißstände beigetragen, lieber ein Jahrhundert lang blieben alle gesundheitspolizeilichen Anordnungen der Obrigkeit ohne besondere Wirkung. Auch „die llnflätherei in der Stadtbach" konnte nicht beseitigt werden, trotzdem im Oktober 1702 die fürstliche Regierung zu Gießen verfügte: „wasmaßen in allhiesiger Stadt und Vestung der U n f l a t h aus denen Winkeln sehr auf die öffentliche Straße ausläuft, wodurch dann die Vorübergehenden und Nachbarn einen Übeln Geruch und 'Beschwerlichkeiten empfinden — daß somit ein jeder den ergangenen fürstlichen Verordnungen gemäß bei) Ver- meidung obnausbleibl. Straffe den Unslath innerhalb vier Wochen ausfiibren lassen solle. Auch ist dem allhiesigen Wasen-Meister ausdrücklich an» zubefehlen, daß er die Winkel ohne Unterschied, sie mögen zukommen, wem sie wollen, säubern u. den Anfang in den Neuen Säuen machen solle" usw.
Erst infolge energischen Eingreifens des Kreisamtes in den 1840er Jahren verschwanden allmählich die Misthaufen aus den Straßen der Stadt, wenn auch die anderen Mißstände noch eine gute Weile verhinderten, daß Gießen das Bild einer modernen Stadt hätte gewähren können. Da gewann der Humor und die Satire eines angesehenen praktischen Arztes, der im Jahr 1865 anläßlich der Aründung eines Verschönerungsvereins einen löst- lichen Artikel im „Anzeigeblatt" veröffentlichte, einen wichtigen Sieg: „Der Verschönerungsverein möge eine Tätigkeit zwischen den Häusern beginnen Dort in der Höhe hängt die Freiheit! Die Unmasse uralter Dzierzons (Bienenstände) sehen mit ihren halbblinden Augen gar traurig drein. Diese in recht niedliche Miniatur-Schweizerhäuschen um- giroanbeln und somit in der Stadt eine aroße Anzahl anmutiger Durchsichtspartien zu schaffen, wäre tine recht dankbare, idyllische Aufgabe. Auch könnte ter Verschönerungsverein sich selbst und der Stadt dn bleibendes Denkmal schaffen, nämlich durch eine lolibe Fassung unserer kothsauren Schwele laue! le am Neuen Weg, etwa in Form eines «rhaocnen Monuments ä la I. M. Farina, mit tiner oben offenen, Gase ausströmenden Urne. Vorübergehende und Kranke könnten dann diese Herz- liärkung in concentriertester Weise einatmen." usw. „Die oberirdische Kanalisation in specie in den "leuen Säuen ist schön und zweckmäßig, denn nach ■einem Gewitterregen sicht sofort jeder Laie, wo's Klroa fehlt." In diesem Sinne ließ der Verfasser seiner «$ulen Laune ihren Lauf, und es wird berichtet, Laß der Aufsatz vortrefflich gewirkt hat. Einsicht und Energie der Behörden, Aufklärung und guter Wille «wf feiten der Bürgerschaft haben es dann auch erreicht, daß Gießen heute in bezug auf Reinlichkeit und Schönheit des Straßenbildes, sowie auf Zweckmäßigkeit der Stadthygiene einen der ersten Plätze unter den Städten Deutschlands von ana» Coger Größe und Bedeutung einnimmt. Wer unter uns hätte nicht schon mit Freude und Stolz ver»
was wahrscheinlich in keiner anderen Stadt Deutschlands wieder zu finden sein dürfte.
Vielleicht ist es für manche von Interesse, einmal eine kurze Uebersicht der Gegenstände zu lesen, auf welche sich die von den drei Medizinalbeamten geübte öffentliche Gesundheitspflege erstreckt. Es sind dies 1. die schulärztliche Tätigkeit an den Volks- schulen, die von dem Leiter des Untersuchungsamtes ausgeübt wird. Sodann die von den beiden Beamten des Kreisgesundheitsamtes bearbeiteten Gegenstände des städtischen Gesundheitswesens, als da sind — ohne daß diese Aufzählung erschöpfend fern soll — 2. Unterstützung und ärztliche Beratung des Wohlfahrtsamtes. 3. Ueberwachung der Prosti- tution. 4. Ueberwachung des niederen Heilperjonals; Teilnahme an den Prüfungen der Wochenpflege- rinnen und der Hebammenschülerinnen. 5. lieber- wachung des Hebammenwesens, der Fortbildungs- kurfe der Hebammen, Kontrolle ihres Jnstrumenta- riums, Vorträge bei ihren Versammlungen. 6. Handhabung der Maßnahmen gegen Kurpfuscherei. 7. Ueberwachung des Apothekenwesens. 8. Beaufsichtigung der Drogengeschäfte und des Handels mit Arzneien und Giften. 9. Ueberwachung der Ge- sundheitsoerhältniffe der Stadt im allgemeinen und Beobachtung der Sterblichkeit der Bevölkerung. Wöchentliche, monatliche und jährliche Aufstellung
nommen, welches Lob fremde und erfahrene Besucher diesen Vorzügen unserer Stadt spenden?
Auch an unlauteren Elementen, die die Ausbeutung der leidenden Mitmenschen durch Kurpfuscherei gewerbsmäßig betrieben, hat es in früheren Zeiten ebenso wenig gefehlt, als heute. Damals wie heute verstieß solches Gebühren gegen die Bestimmungen einer zum Wohl der Kranken festgesetzten Medizinalordnung; damals wie heute schwindelten solche Pfuscher denen, die auch heutzutage noch „nicht alle geworden sind", vor, daß ihren „Heilmitteln" kein Leiden, welcher Art es auch sei, widerstehen könne, und enorme Summen stossen in ihre Taschen. Da preist im Jahr 1724 ein gewisser R o meiser „Chirurgus Chymicus, und in der Medizin sehr wohl geübter Practicus' seine „Güldene Schmertz-stillende und stärkende Pillen" an, und beruft sich daraus, daß er „durch Gottes Seegen sehr vielen Menschen zur Gesundh^ und geraden Gliedmaßen wieder verhalfen, auch son- lich vielen in elenden Kindsnöten elendiglich gelegenen armen Weibs-Personen geschicklich das Leben errettet und sich in große Renornrne gefetzt habe". Kurze Zeit danach richtet „die aus Türckstchern Stamm und Geblüt entsprossene, ungebohrene, weil aus der Mutter Leib herausgeschnittene, durch große Euren hochberühmte Türckische Doctorin Maria
Vilbel.
Francisco de Voeoina ein „Avertissement" an alle Kranke. Diese „Ungebohrene" erkennt alle Leiden „besser, als die Kranken es offenbahren können". „Alle Mängel und Gebrechen der Augen, item Hauptschmertzsn, Ohrenbrausen und verlohrenes Gehör, schwache Gedächtnis, Schwindel, Schlagflüß, vor die fallende Sucht, Jammer oder schwere Noth, Lungen-Schwind- und Wassersucht" heilt die Medizin dieser türckischen Doctorin durch eine „Artzney dergleichen Medizin in Deutschland nicht zu finden seyn".
Die Gießener Medizinische Fakultät, die dazumal manche amtliche Obliegenheiten zu versehen hatte, die heutzutage dem Kreisgesundheitsamt zukommen, mußte einen langen und schweren Kampf führen, bis es gelang, den Beweis zu erbringen, „daß diese Frau eine Ertzbetrügerin war, welche vor einem jahr schon auf denen Dörffer herumbgepfuscht hat, und daß sie weiter nichts als eine vagabunda war, die die Leute durch große policitationes ums gelb bringt".
Tatsächlich steht Gießen in heutiger Zeit — trotz ber schweren Not, bie der Weltkrieg selbstverständlich auch über uns gebracht hat — mit Recht in bem Ruf, eine ber gesündesten Städte zu fein. Einen ber wichtigsten Maßstäbe hierfür gewinnt man aus ber Zählung ber jährlichen Sterbefälle Im Jahr 1924 starben in Gießen 350 einheimische Personen. Selbstverständlich dürfen nur diese Einheimischen zur Beurteilung dienen, denn bei der großen Bedeutung der .Universitätskliniken und der sonstigen Krankenanstalten werden zahlreiche Kranke aus der Umgegend und weither aus den Nachbarländern nach Gießen geführt, wo sie Genesung suchen. Wollte man nun auch solche auswärtige Personen, die infolge Unheilbarkeit ihrer Leiden in Gießen sterben, zur Statistik heranziehen, so müßte dadurch ein ganz falsches und sehr ungünstiges Bild des Gesundheitszustandes unserer Stadt entstehen. Es starben also im Jahr 1924 gemäß ber oben erwähnten Zahl 350, also pro Tausend Einwohner nur 10,6 Einheimische, was eine sehr günstige Sterblichkeitsziffer im Vergleich zu vielen anderen Städten bedeutet. Innerhalb des ersten Lebensjahres starben 53 Kinder; 39 Personen starben an Altersschwäche; 22 Gestorbene hatten das 80. und zwei das 90. Lebensjahr mit 95 bzw. 97 Jahren überschritten.
Die Ueberwachung der öffentlichen Gesundheitspflege der Stadt Gießen liegt in den Händen des Kreisgefundheitsamtes, das aus dem Kreisarzt, als bem Vorstand des Amtes, und aus bem ihm beigegebenen Amtsarzt besteht. Außerdem arbeitet mit diesen beiden Medizinalbeamten Hand in Hand der Vorstand des Untersuchungsamtes für Infektionskrankheiten. Somit ist Gießen in ber günstigen — auch für bie ftäbtifdien Finanzen günstigen — Lage, in bezug auf fein Gesundheitswesen jeberzeit brei staatliche Medizinalbeamte zur Verfügung zu hoben.
ber statistischen Erhebungen über Sterblichkeits- unb Krankheitsbewegungen in ber stäbtischen Bevölkerung unb in ben Krankenanstalten. 10. Vor- beugungs- unb Bekämpfungsmahnahmen zum Schutz gegen anftetfenbe Erkrankungen; Desinfektionswesen; Mitwirkung bei ber Gewerbehygiene. 11. Maßnahmen gegen gesundheits chäbliche Wohnungen. 12. Armen- unb Siechenver orgung, Unterbringung von Geisteskranken, Blöb innigen, Taubstummen, Epileptikern. 13. Hygiene ber Nahrungs- unb Genußmittel. 14. Das öffentliche Impfwesen. 15. Ueberwachung ber Leichenschau, bes Begräbnis- wesens. 16. Ausstellung amtsärztlicher Zeugnisse für stäbtifche Behörden unb Dienststellen. 17. Mitwirkung bei ber speziellen Bekämpfung ber Tuberkulose, ber Geschlechtskrankheiten, des Mißbrauchs geistiger Getränke, Mitwirkung bei der Mutter- unb Säuglingsfürsorge. 18. Belehrung der Abiturienten der Höheren Schulen über bie Gefahren bes Alkoholmißbrauchs unb der Geschlechtskrankheiten, Beratung in schulärztlichen Bedarfsfällen bei den höheren Schulen.
Wer Einblick hat in bie entfprechenben Zahlen ber Statistik ber letzten anberthalb Jahrzehnte, wirb bas erfreuliche Ergebnis gewinnen, baß sich die Stabt Gießen mit ben Erfolgen ihres öffentlichen Gefunbheitswefens unter allen Stäbten Deutsch- lanbs durchaus sehen lassen kann. Die ungeheure Belastungsprobe des Weltkrieges wurde glänzend bestanden. Keine ber üblichen Kriegsseuchen konnte in Gießen Boden fassen. Während Flecktyphus, Pocken und Ruhr in zahlreichen andern Städten und Landorten zum Teil recht erhebliche Aus- dehnung gewannen, wurden diese Krankheiten in Gießen schon sehr schnell im Entstehen unterdrückt. Auch die Ruhr im Jahr 1917 blieb auf einzelne Fälle beschränkt.
Welch großes Verdienst dem hochgebildeten, allezeit auf voller Berufshöhe sich haltenden Aerzte - stand gebührt, und wieviel Dank die Einwohnerschaft Gießens auch den unermüdlich und selbstlos arbeitenden Kranken- und Fürsorgefchwe- stern schuldig ist, das haben Unzählige am eigenen Leib oder an ihren Angehörigen erfahren. Es bedarf keiner besonderen Schilderung.
So ergibt unsere kurze Betrachtung des öffentlichen Gesundheitswesens ber Vergangenheit unb ber Gegenwart in Gießen ein fürbasHeute erfreuliches Bilb. Aber jebermann sei babei eingedenk, daß jedes Geschlecht auf den Schultern eines früheren ruht, und daß jeglicher Fortschritt einer Gegenwart seine Wurzel in der Arbeit ber Väter hat. Auch auf unfern Schultern werden zukünftige Nachfahren stehen unb weiter blicken, als wir es jetzt vermögen. Niemanb rühme sich über Gebühr. Wohl uns Heutigen, wenn zukünftige Geschlechter auch unseres Wirkens freundlich unb segnend gedenken, ,. ,
Die Fürsorge für unsere Jugend.
Unter besonderer Berücksichtigung der Evangelischen Dekanatserztehungsvereine.
Von Pfarrer Nies-Ettingshausen, Leiter des Eoang. Erziehungsoereins im Dekanat Grünberg.
Fast täglich können wir es bei uns und unseren Mitmenschen erleben, daß Vergleiche gezogen wer- den zwischen bem „Einst" und bem „Jetzt". Je nach dem Standpunkt des Beurteilenden wird dann die eine Zeitepoche als das goldene Zeitalter hingestellt, und die andere in den dunkelsten Farben geschildert. E'ne gerechte Beurteilung findet sich äußerst selten. Das ist verständlich, denn bei diesen Vergleichen spricht nicht nur der überlegende Kopf sein Urteil, sondern auch das Herz redet ein gewichtiges Wort nut Aber was menschlich begreiflich ist, ist darum noch nicht gerecht und auch nicht ungefährlich. Wie vst vermißt man doch die Gerechtigkeit bei ben barten Urteilen, die von beiden Seiten aus gefällt werden, so sehr, daß man fast daran zweifeln muß. daß der Urteilende gerecht sein will. Und wem ist noch nicht die Gefahr zum Bewußtsein gekommen, die in der Einseitigkeit ber Betrachtungsweise liegt ? Der unbedingte Lobredner einer dahingesunkenen Vergangenheit hat es vergessen, wie viele Mißstände auch in den früheren Zeiten zutage traten und — vielleicht von ihm selber — beklagt wurden. Er idealisiert die Vergangenheit, denn in seiner Er- mnerung sind nur die Sonnentage haften geblieben und die Regentage hat er vergessen. Das ist allgemein menschlich; man braucht nur einmal zu beobachten, wenn alte Schulkameraden sich gelegentlich von ihren Schulerlebnissen unterhalten, ober toenn Erinnerungen aus ber Solbatenbienstzeit er- öeihlt werben. Wie man in biesen Jahren auch seine Plage gehabt hat, ist vergessen, benn sonst könnten bte Augen bes Erzählers nicht so glänzen und sein Mund nicht so herzlich lachen. Aber so harmlos das auch aussehcn mag, so gefährlich ist es. Wie kann der, ber sich in bie „gute, alte Zeit" so hinein- geträumt hat, ber bie Vergangenheit so verklärt, daß bie Unstimmigkeiten ber Gegenwart wie aller- dunkelste Finsternis erscheinen muß, ben Mut unb die Kraft aufbringen, seine Arbeit in ben Dienst des .Heute" zu stellen? Er kann ja nicht an die Gegenwart „glauben". Unb wo „ber Glaube" fehlt, gebricht es stets an Mut unb Kraft zum Wirken. Die ganze seelische Einstellung muß lähmenb auf den Willen wirken, wenn biefer Wille nicht auf die Unmöglichkeit gerichtet ist, das, was unwider- bringlid" dahin ist — bei manchem kann man doch auch zugeben, daß es ein Glück ist, daß es ver- schwunden ist — einfach zu restaurieren. Umgekehrt steht derjenige, der ohne Kritik die neue Zeit preist, m der Gefahr, die in aller Kritiklosigkeit liegt. Offenbare Schäden der Gegenwart werden nicht gesehen, weil man sie nicht sehen will. Es entsteht das Vorurteil, als ob das Alte nur schlecht und das Neue nur gut wäre. Dem so Voreingenommenen fehlt s an der Fähigkeit oder an dem guten Willen — oft auch an beidem —, Mißstände einzugestehen und zu beseitigen. Und doch sind nicht alle „Errungenschaften" so ganz einwandfrei. Und doch wäre es wünschenswert, wenn auch da eine ehrliche unb gerechte Beurteilungsweise einträte. Würbe bei gutem Willen ber „Alten" unb ber „Neuen" auch nicht mancher Riß in unserem Volksleben ver« schwinben?
Wenn in ben folgenben Zeilen von einer be» fonberen Art ber sozialen Fürsorge bie Rebe ist, Jo barf es sicher als eine begrüßenswerte Tatsache der Gegenwart bezeichnet werden, baß bie Wohl- fahrtspslege in viel höherem Maße bas Interesse ber Oefsentlichkeit beschäftigt, als es früher der Fall war. Gewiß ist bas auch baburch mitoerursacht, baß bie sozialen Schöben heute nicht so leicht über« sehen werden können. Sie lassen sich in ihrer Größe einfach nicht mehr übersehen. Es ist aber auch nicht zu bezweifeln, daß bas Gefühl für soziale Verantwortlichkeit gewachsen ist, unb baß immer mehr Menschen es begreifen, baß bie vorhanbene Not ihr Helfertum aufruft, so baß man nicht mit Unrecht von einem „sozialen Zeitalter" redet. Dabet barf man aber nicht so tun, als ob soziale Fürsorge einzig ein Kinb unserer Zeit wäre. Auch schon vorher gab es sozial sühlenbe Menschen unb Taten — ja Großtaten — in sozialer Fürsorge. Die Namen Bodelschwingh unb Bethel — um gleich besonders klingende zu nennen — sind allbekannt. Die frühere Zeit hat — nicht zuletzt unter Führung ber Inneren Mission — bie Pionierarbeit getan, ohne bie die heutige Wohlfahrtspflege nicht benkdar wäre. Unb wo man heute weitergekommen ist in ber Wohlfahrtspflege, wo man ben Zustanb ber theoretischen Besprechung, der Kongresse unb ber taftenben Ver- suche, beren bauernde Erfolge noch abzuwarten sind, überwunden hat, arbeitet man praktisch nach den Losungen, die die Führer ber kirchlichen Wohlfahrtspflege schon vor Jahrzehnten ins Volk hinein- gerufen haben. Dabei barf unb muß zugegeben werben (unb bie Ueberroinbung biefes Zustandes ist eine begrüßenswerte Neuerung), daß früher häufig kirchlich führenbe Stellen nicht stets ein volles Verständnis unb besonderes Wohlwollen für bie Tätigkeit der in ber sozialen Arbeit stehenben Pfarrer hatten, unb deren Wirken öfter als ben „Frieben ftörenb" beurteilten. Die „Weltkonferenz für praktisches Christentum in Stockholm", bie in ben letzten Wochen bas Interesse ber Oefsentlichkeit beschäftigte, ist ein Beweis für bie große Umwälzung, bie sich auf kirchlichem Gebiet vollzogen hat, unb für bie Tatsache, bah heute bas kirchlich organisierte Christentum entschloßen ist, seine ganze Kraft in ben Dienst ber sozialen Tat zu stellen, unb in ihr das Einigungsband neben den dogmatischen Divergenzen zu finden.
Das in ben Lanbeskirchen vereinigte Christentum arbeitet schon lange Hanb in Hanb mit den Organen ber öffentlichen Wohlfahrtspflege, unb es ist eine Ironie ber Geschichte, baß gerabe die Tage, bie burch bie unfreundlich gemeinte Losung „Trennung von Staat unb Kirche" gekennzeichnet waren, ein so intensives Zusammenarbeiten von staatlichen oder kommunalen Behörben und kirchlichen Organen der Wohlfahrtspflege brachten, wie es in ber Zeit bes „Staatskirchentums" nicht vorhanden war. Besonbers kommt das zum Ausdruck in der Jugendfürsorge. In ihr sucht kirchliche und staatliche Wohlfahrtspflege Hand in Hand Herr zu werden über eine große Volksnot, die uns allenthalben entgegentritt. Wenn bie staatliche Gesetzgebung für Die „freie" Wohlfahrtspflege (bas ist kirchliche in erster Linie) nicht nur Raum vorsieht, sondern sogar bestimmt, daß sich die Organe ber „öffentlichen" (das ist bie staatliche unb kommunale) Wohlfahrtspflege sich ber Mithilfe ber ersteren zu be» bienen haben, so liegt barin nicht nur eine An»
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