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Der gefesselte Strom.

Qtoman von Hermann Stegemann.

22. Fortsetzung (Nachdruck verboten )

Lylander lehnte im verstellbaren Lehnstuhl. Sein kräftiges Gesicht verriet nicht» von einer Krankheit. Ein ironisches Lächeln zuckte in feinen Mundwinkeln, als er Hanns begrüßte.

Lehen Sie nur. wie schön meine Selbst­binder sind, Fräulein Engelhardt! Herr In­gold hat den Knoten so schön geschlungen, wie Harrt, Walden. Und mir legt man einen Strick um den Hals."

Er blickte aus seine starken weihen Hande, die kraftlos auf den Armlehnen lagen, unfähig, etwa- zu verrichten, was Geschicklichkeit verlangte. Er war deshalb auch gezwungen, allein zu speisen.

..Die Selbstbinder werden nicht aus dem Gebrauch kommen und sogar die Farben noch m der Mode sein, wenn Sie wieder selbst den 'enoten machen," erwiderte Ruth lächelnd.

.Gnädiges Fräulein, haben Sie eine Ahnung! 3;e Dinger hab' ich im März geschenkt bc- fommen von Mama. Kurz vor dem Knacks. Und letzt gebt'» in den August. 3n der Mode sind He schon heute nicht mehr."

..Davon haben wir in Rheinau allerdings leine Ahnung. Herr Tylander," entgegnete sie mit gespieltem Ernst.

Hanns sah mit Erstaunen, wie heiter und gewandt sie sich gab. Ihr Wesen schien über Rocht zu voller Reife aufgeblüht zu fein. Die herbe Zurückhaltung war wie eine Fessel von ihr gefallen.

Auch Thlander empfand den starken Reiz und die sinnliche Wärme, die heute von Ruth auSstrahlten. ES war der erste Tag, an dem er nicht unter dem Dann litt, in den ihn der elektrische Strom geschlagen hatte.

Hanns Ingold spürte den Hauch der Zeit, als Tylanber von dem groben Betrieb erzählte, aus dem er jäh herausgerissen worden war. Und plötzlich begann ihm der Boden unter den Füßen zu brennen.

..Sehen Sie sich unsere Werkstätten einmal an, wenn Sie der Weg nach Berlin führt," sagte Tylander.Sie hoben ja in Amerika die Sache

im größten Ausmaß kennen gelernt, aber an In­tensität und Anspannung nehmen wir eS schon lange mit den Amerikanern auf."

Er sprach jetzt bestimmt und klar, auf der hohen crtirn, von der die Haare schon zurück- flohen, stand die scharfe nervöse Falte des rasch disponierenden DeschäflSherrn Einen Augen­blick reckte sich der Industriekapitän auS seinen Worten, von dem Engelhardt seiner Tochter ge­fabelt hatte.

Bon dem Schiffbruch, den Ingold in der Hei­mat gelitten hotte, wußte er nichts. Zu den Patienten von St. Iofeph war davon kaum ein Widerhall gedrungen, und Engelhardt und Ruth fchwiegen darüber.

Die kleine Co will Sie noch einmal sehen. Herr Ingold," sagte Ruth und begleitete ihn auf dem Wege zu Co. die am Pfirsichspolier auf dem Ciegestuhl ruhte. Ihre Mutter wurde in wenigen Togen von ihrer Schweizerreise zurück- erwartet.

..Ist Ihnen dos erste Rhein bad gut be­kommen?" fragte HannS fic heiter, um ihr zu Helsen.

Aber sie war gar nicht verlegen

Gs ist mir nur noch ein bißchen eklig im Magen und ich fall' noch manchmal wie von der Schaukel, aber ich danke Ihnen trotzdem viel-, vielmal, Herr Ingold, daß Sie mich herausgeholt haben."

Er ergriff ihre schmalen Finger und bekam einen sportmäßigen Handdruck zu spüren, daß sein Handgelenk knackte. Da mußte er lachen.

Ich habe Sie ja gar nicht herauSgeholt. Mein Baier hat Sie im Reh gefangen, Fräu­lein Co."

Er erzählte ihr und Ruth den Hergang und schloß:

Wenn jemand ein Berdienst um Ihr Ceben bat, Co, dann ist es der Tater. Aber sagen Sie ihm ja nichts davon, er hat seine eigene Rech­nung mit dem Rhein "

Ruth bückte sich über das Mädchen, das schon einen zarten Anflug frischer Farbe auf den durch- fichtigen Wangen hatte.

Wir schreiben ihm zusammen einen lieben Brief, Co. Lind mit der Ciegehir machen wir bald ein Ende. Aber du mußt mir versprechen,

nicht mehr allein an den Rhein zu gehen. Ber- sprich mir'S."

Plötzlich zitterte die ganze Angst und Aus- regung, die sie heule morgen ausgestanden hatte, in ihrer Stimme.

..Ich war ja gar nicht schuld. Der Iunge hat nicht oufgepaßl." rief Co heftig und verleugnete Hermann,ich wollte überhaupt nicht mit ihm gehen."

Hann» zog die Brauen zusammen, doch Ruth blickte ihn bittend an. Da gab er Co die Hand zum Abschied.

Morgen lind Sie wieder so gesund wie ein Fisch im Wasser Pardon das hätte ich nicht sagen sollen."

Sie reichte ihm zögernd die Finger. Es zuckte um ihren Mund, als sie leise fragte

Wo ist er denn?"

Wer?"

Der Hermann Ingold," stieß fic hastig hervor und wurde rot.

Hanns und Ruth blickten sich an, und ein weiches Licht erschien in ihren Augen. Die un­schuldige Frage des Kindes rührte sie, und alle Geheimnisse und Erinnerungen ihrer Iugend sprangen plötzlich wieder auf. eine große selige Freude ließ ihre Herzen schneller schlagen, un­willkürlich sanden sich ihre Hände und vereinigten sich in einem Druck, der sie bis ins Innerste durchdrang.

Der findet den Weg sicher zu dir zurück," sagte Ruth weich und begleitete dann den Ge­liebten bis zum Tor.

Leb' wohl, Ruth! Der Rhein ist mir heut' über dem Kopf zusammengeschlagen und ich bin trotzdem obenauf geblieben. Es war keine Helden­tat Wir tennen uns, die grüne Fluter und die Ingolds. Ich komme wieder, und ich sprenge den Lausfen und baue das Werk, bau's. weil ich muh, weil es an den Tag will. Der Rhein rauscht nicht so laut, wie mir der Gedanke im Blut rauscht, Ruth, und nun ich dich habe, ist mir so leicht, so siegesgewiß! Sie haben mir nicht die Rippen gebrochen und die Energie ge­stohlen, aber freudlos hatten sie mich gemacht, gemein schien mir gestern noch, was ich angriff, weil sie es mir schlecht gemacht hatten. Aber

bann hast du mit deiner Liebe mich wieder frei und früh gemacht!"

Er küßte ihr kn raschen Antrieb die Hände.

HannS. ich weiß nicht, wie eS gekommen ist. aber als alle gegen dich aufftanben. da hat eS mich zu dir blnübergeriffcn. Da beb ich nur noch wie du. nur noch für dich gedacht. Spreng' den Lausfen, stürz' alieS um. mach' mit uns. waS du willst, ich fühl's. daß du mußt!"

Und du hälft zu mir, du wartest auf mich, Ruth?"

Zu dir gegen alle, und ich warte, diesmal wart' ich, und wenn eS wieder sieben Jahre dauert."

Sie lächelte bei dielen Worten, aber ihre Seele war von dunklen Ahnungen beschwert, und als er antwortete, in sieben Iahrcn stände daS Werk und sie wäre längst seine Frau, da wurde ihr plötzlich die Gewißheit, daß sie ihn noch nicht besah und daß der Kamps um ihre Liede erst begonnen hatte.

Er ging, und sie blieb zurück. Sie lab ihn rasch auSschreiten und quer über seine Wiesen und Aecker den Feldweg gewinnen, um Zeit zu sparen.

Zwei Stunden später fuhr Hannv Ingold, ohne seinen Tater und seinen Bruder wieder geleben zu haben, an St. Iofeph vorbei, und nahm seinen Plan, das gewaltige Raturdenkmal der Rheinschnellen zu vernichten, den Frieden der Landschaft zu zerstören, und dadurch auch den Fischern die Wasserweide zu rauben, und die Kuranstalt des Doktor Engelhardt dem Unter­gang preiszugeben, mit sich in die Ferne.

Ruth Engelhardt verschwieg ihrem Tater, bah Hanns nicht auf feine Plane Verzichter hatte. Er glaubte, wie die Rheinauer alle, der tolle, phantastische Gedanke sei wie eine Seifen« blafe schillernd emporgestiegen und zerplatzt

Unb die Tage spannen sich wieder still und ruhig ab, Kurgäste kamen und gingen, Geld­sorgen brückten unb würben von einer Schulter auf bie anbere gewälzt, der Sommer bräunte die Sichren unb färbte das Obst, unb lauter oder leiser, je nach bem Stand des Wassers, sang der Rhein sein rauschendes Lied.

(Fortsetzung folgt.)

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