Ausgabe 
29.9.1925
 
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Nr. 228 (Elftes Blatt <d

IZ5. Jahrgang

Dienstag, 29. September 1925

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GietzemrAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Kriegsschuldlüge und Sicherheitspakt.

Die Reichsregierung widerruft die Anerkenntnis des Art. 231.

Dre äleberreichung der deutsche« Antwort aut die letzte Rote der Entente, worin wir die Einladung zu einer internationalen Konferenz annehmen, scheint auf der Gegenseite sprengstoff- arttge Wirkungen auSgelöst äu haben: nicht so sehr wohl wegen der Rote selbst, als wegen der mündlichen Zusätze, die unsere diplo­matischen Vertreter auf Geheiß der deutschen Regierung gleichzeitig mitzuteilen hatten, die sie aber vorsichtshalber, um Mißverständnissen vor­zubeugen, am Schluß der Unterredung schrift­lich zurückließen. Der Drehpunkt des ganzen Streites ist offenbar, daß Deutschland die Ge­legenheit benutzt hat, um unter das Kapitel von Deutschlands Alleinschuld am Kriege endgültig einen Strich zu ziehen und in aller Form festzustellen, daß wir es künftighin a b l e h n e n, die moralische Der- antwortuna für den Ausbruch deS Krieges allein zu übernehmen, also gewissermaßen unsere er­zwungene Unterschrift unter den Ar­tikel 231 des Friedensdiktates zu­rückziehen.

Damit ist eine Aktion zu Ende geführt, die länger als ein Jahr lief und eigentlich fd>on im vorigen Sommer in London zum Abschluß ge­bracht werden sollte: auch zum Abschluß gebracht worden wäre, wenn der damalige Reichskanzler Marx nicht Im letzten Augerwlick Angst vor dcr eigenen Eoucage bekommen hätte. Die deutsche Delegation hatte nämlich die Absicht, bevor in London das Schluhprotokoll unterzeichnet war, durch den Reichskanzler Marx eine Erllärung verlesen zu lasten, worin ausgesprochen wurde, daß Deutschland nur durch übermächtige Gewalt in Versailles dazu gepreßt worden sei, zuzugebeir, daß es den Weltkrieg durch seinen Angrift entfesselt habe. Zu allge­meiner Ueberratchung behielt dann aber Herr Marx diese Erklärung in seiner Tasche, wie er nachträglich gesagt hat, weil er die hoffnungs­volle Atmosphäre von London nicht stören wollte. Obwohl daran eigentlich nach der Unterzeichnung des Prot kolls nicht viel mehr zu stören war. Es wäre nur ein Alp von unserer innesren Politik verschwunden gewesen, wenn der Reichskanzler damals schon den Schritt nach vorwärts ge­tan hätte.

Irgendwelche politisch^ Wirkungen ober ma­terielle Erfolge werden wir freilich dadurch, dah wir diese moralische Bürde von unseren Schul­tern abschütteln, nicht erreichen. Lloyd George hat zwar vor Jahr und Tag einmal gesagt, der ganze Versailler Vertrag sei a u f g c b a u t aut der Ueberzeugung von Deutschlcutds Schuld, und, falls dieser Grundstein weggenommen würde, breche das ganze Gebäude zusammen. Indessen, das hat er selbst damals wohl kaum ernsthaft gemeint. Der Vertrag ist aufgebaut auf der Tatsache, daß wir den Krieg verloren haben. Diese Feststellung schafft kein Mensch auS der Welt, und eben weil wir unS durch die Revolution selbst wehrlos ge­macht hatten, glaubte eine Mehrheit der Wei­marer Rationalversammlung. den Vertrag an­nehmen zu müssen, nachdem ein Versuch, gerade in den Chrenpunkten eine Abschwächung herbei- zuführen, erfolglos geblieben war. Die KriegS- schuldlüge war daher für die Entente weiter nichts als ein moralisches Mäntelchen, womit sie den schnöden Bruch der Abmachungen des Waffenstillstandes überdecken und den un­geheuerlichen Raub deutschen Bodens, deutschen Eigentums und deutscher Freiheit irgendwie recht­fertigen wollte. Wenn wir daher jetzt nach fünf Jahren die Erpressung, die damals an uns be­gangen wurde, öffentlich fc ft nageln, so ändert sich an den realen Geschehnissen weiter nichts. Immerhin ist es notwendig, dah wir mit diesem alten Märchen einmal aufräumen, schon um unsere Selbstachtung wieder zu Sctoinn en und um der Welt zu zeigen, daß ic Zeit, wo man aus Deutschland jede Unter- schrift herausprefsen konnte, endgültig vor­über ist.

Nachdem Herr Marx in London die günstige Gelegenheit verpaßt hatte, ist dann auch schon bei den Verhandlungen des Re.chstages versucht worden, das Versäumte nachzuholen. ilm die Zu­stimmung der Deutschnationalen zu dem Londoner Protokoll zu gewinnen, wurde am 29. August 1924 ein amtliches Kommunique ver­öffentlicht, worin die deutsche Auffassung festgelegt wurde, mit dem Zusatz, daß die Verständigung und Versöhnung zwischen den Völkern nicht vollendet werden könne, solange Deutschland zum Verbrecher an der Menschheit gestempelt werde. Und Im Anschluß daran versprach die Reichs­regierung, daß sie diese Erklärung den f r e m denReaierungenzurKenntnisbrin- gen werde.

Auch das ist damals nicht geschehen: soweit wir wissen, wiederum auf den Einfluß des Reichskanzlers Marx hin, der Angst hatte, daß dadurch internationales Porzellan zerschlagen werden konnte. Dafür hat dann die deutsche Regierung im August-September ein Memo­randum an sämtliche zehn im Völkerbundsrat vertretenen Staaten versandt, worin sie ihre grundsätzliche Bereitwilligkeit zum Ein­tritt in den Völkerbund erklärt, dabei aber gleichzeitig ausspricht, daß bei dem besten Willen zur älebernahme internationaler Ver­pflichtungen irgendwelche moraTischen V o r w ü r f e gegen das deutsche Boll, die i n früheren Verträgen enthalten waren,

nicht erneut anerkannt werden sollten. Aus der Gegenseite hat man das still­schweigend zu Protokoll genommen, keine der zehn Regierungen ist in ihrer Antwortnote auf diesen kaum mißverständlichen Sah noch zurück­gekommen. Es ist also international nichts Krän­kendes, sonbern eigentlich etwas Selbstver­ständliches. wenn Deutschlarrd sich auf den damaligen Schriftwechsel beruft und schon aus dem Grunde der Loyalität noch einmal a u 8 - drücklich feststellt. dah wir das Anerkennt­nis unserer alleinigen «Schuld am Kriege für alle Zeiten zurückziehen. Mag man sich auf der Gegenseite auch sehr darüber entrüsten, eS war eine Forderung deS beutschen Gewissens. daß eine derartige Klarlegung einmal erfolgte. Und deshalb nehmen wir an. daß die Aufregung dar­über in London und Paris sich auch sehr bald legen wird.

Botschafter von hoesch bei Briand

Die mündlichen Erklärungen zur Antwortnote.

Paris. 29. Sept. (TDIB.) Der deutsche Bot­schafter v. hoesch wurde in Verfolg des Be­suches, den er am Samstagnachmittag dem General­sekretär des sranzösischen Außenministers, Berthe- tot. abgestattet hatte, heute nachmittag 5 Uhr durch den französischen Mtnlster des Aeuhern v r i a n d empfangen. Die Unterredung dauerte etwa eine Stunde. Oer Botschafter brachte nochmals die Annahme der an die Beichsregierung ge­richteten Einladung zu einer Ministerbegegnung zwecks Verhandlung über den Abschluß eines Sicber- heitspakkes zur Kenntnis. 3m Anschluß daran kam eine Reihe mit der Einladung im Zusammenhang stehenden Fragen zur Sprache, von denen einige noch nicht geklärt sind. Ein bei Ausgang der Unterredung herausgegebenes Kommunique besagt, daß die alliierten Regierungen beschlossen haben, sich zunächst über den Sinn der von dem deutschen Botschafter gegebenen mündlichen Erklärungen zu verständigen, man rechnet entsprechend damit, daß eine Verzögerung der auf den 5. Oktober festgesetzten Konferenz eintreten wird.

3n der Berliner Wilhelms!raße werden halb­amtlich folgende Gründe für die münd­lichen Erläuterungen der deutschen Aus­landsvertreter angegeben: Wenn die Vertreter des Reiches in den vier alliierten Hauptstädten bei Ueber- reichung der Zustimmungserklärung zu dem Konfe- renzplan auf die beiden Fragen eingegangen sind, die vorwiegend die deutsche öffentliche Meinung be­schäftigen (Räumung Kölns und Kriegs- f d) u l d), fo ist das im Zusammenhang mit der Forderung der Gegenseite geschehen, wonach der Eintritt Deutschlands in den Völker­bund dem Abschluß eines Sicherhellspaktes vor­anzugehen habe. Ein solcher Pakt kann aber nur zwischen Gleichgestellten. Gleich­berechtigten, nicht zwischen Parteien abgeschlossen werden, von denen eine mit bim Stigma einer schweren moralischen Schuld den andern gegenüber belastet ist. Die dies­bezügliche deutsche Aufastung ist so bekannt und ihre Behandlung im Zusammenhang mit der Völkcr- bundssrage ist unter der Kanzlerschaft Marx be­reits solange feslgestellt worden, daß hiermit nichts Neues gesagt wird. Ls bedeutet einen Akt der Loyalität, wenn die Reichsregierung es nicht darauf ankommen ließ, die Frage erst aus den Verhandlungen selber luzuschneiden und diese damit zu belasten, und es ist selbstoersländlich, daß man in ganz anderer Weife auf positive Ergebnisse der Konferenz hoffen kann, wenn erst dieser seelische Druck von der deutschen Bevölkerung genommen worden ist. Die deutsche Aktion hat sich im übrigen auf Darlegungen der deutschen Auf­fassung zu diesem Punkte und zur Frage der Räu­mung der ersten Zone beschränkt, ohne die an andern Stellen der Auclandpresse genannten Pro­bleme der übrigen Rheinlandbescßung. des 3nvesti- gationsrechts, der Saarfragen, der Kolonien und des Artikels 16 aufzuwcrfen.

DieAuftasiung in England

Paris. 28. Sept. (Wb.) Wie Havas aus Sondern berichtet, ist die Veröffent­lichung des Textes der deutschen Antwortnote auf die Einladung zu einer Sicherheitspakt- lonserenz b i s Donnerstag verschoben morden. Die Kommentare, die Botschafter Sthamer zur Rote gegeben habe, berührten in seiner Weife den guten Eindruck, den in po­litischen und diplomatischen englischen und alli­ierten Kreisen die deutsche Rote hervorgerufen habe. Die englische Regierung vertrete angesichts der deutschen Demarche den Standpunkt, daß alle Fragen betreffend den Sicherheitsvakt. ob es sich um den rheinischen Sicherheitsvakt oder um östliche ober westliche Schiedsverträge ban­dele. in Locarno gelost werben könnten. Man crTläre in autorisierten Kreisen, es sei kein Grund dafür vorhanden, daß die Polen und die Tschechoslowakei betreffenden Fra- qen. die auf dem Programm der Konferenz stehen, nicht diskutiert würden. Die Tat­sache. daß Reichskanzler Dr. Luther neben Außenminister Strefemann Deutschland auf der Konferenz vertrete, fei im Foreign Of­fice günstig auf genommen worden. Mussolini habe wissen lassen, daß er per­sönlich nicht auf her Konferenz erscheinen könne,

baß er aber eine besonders qualifizierte Persön­lichkeit entsenden werbe. Ob die Konferenz am 5. Oktober beginnen werbe, könne erst nach den Verhandlungen, die Außenminister Briarid mit dem Botschafter Hoesch fahre, entschieden werden, da erst nachher über die Wahl des K o n - ferenzortes und über den Tag des Zu­sammentrittes bet Konferenz eine offi­zielle Ankünbigung erfolge.

Die Beurteilung der Aussichten der be­vorstehenden Paktkonferenz in Londoner maß­gebenden Streifen ist, wie der Vertreter der Tele- graphen-älnion hört, nach wie vor recht opti­mistisch. Man hält eS indessen nicht für zweck­mäßig, auf die nach Ueberreicf>ung der deutschen Antwort stattgefundene Unterhaltung zwischen dem deutschen Botschafter und Chamberlain näher einzugehen. Die Frage, ob 'es sich bei der gegen­wärtigen Konferenz um eine Präliminar­konferenz oder um eine Konferenz, auf der endgültige Be s chlü-ss e gefaßt werben sollen, handelt, wird in London als eine Frage von untergeordneter Bedeutung bezeichnet. Ge­länge es jetzt, eine wirkliche Einigung herbeizu­führen, so käme es bei der möglicherweise statt­findenden zweiten Konferenz nur noch auf formale Dinge an. Gelänge es jetzt nicht, eine Einigung zu erreichen, so würde eine zweite Konferenz unbedingt not­wendig werden. Zum Schluß verdient die Tat­sache hervorgehoben zu werden, bah sich keiner ber leitenben Minister zur Zeit in Bonbon befinbet. Cs ist höchst unwahrschein­lich, daß im Laufe dieser Woche auch nur eine Kabinettssihung stattfinden werbe. Offensichtlich stehen die nicht im Ausland befinblichen Mi­nister miteinander in Verbindung. Don einer verantwortlichen Stellungnahme der englischen Regierung zu irgendeiner großen Frage wie sie der Havasberichterstatter weiter oben offenbar gerne konstruieren mochte, kann zur Zeit schon aus dem Grund keine Rede sein, weil dazu die formalen Voraussetzungen fehlen.

Äabinettsrat in Berlin und Paris

Berlin, 29. Sept. Das Reichskabinett ist gestern 9 Lkhr abends unter dem Vorsitz deS Reichskanzlers Dr. Luther aufammengetreten. Wie dieVoss. 3tg. weiter aus diplomatischen Kreisen erfahren haben will, soll B r i a n b durch den deutschen Botschafter der Reichsregie­rung bestimmte Vorschläge gemacht haben, tote die Meinungsverschiedenheiten bei­gelegt werben könnten. Darüber habe bas Reichs­kabinett gestern abend beraten. Die Sitzung des Kabinetts war bis Mitternacht noch nicht zu Ende. Die Antwort der deutschen Regierung an den Botschafter von Hösch soll noch während der Rächt abgehen. Die Reichsregierung hat sich mit Locarno a l s Konferenzort und mit dem 5. Oktober a l s Datum der Kon­ferenz einverstanden erklärt. Man erwartet aber noch eine endgültige Stellungnahme der Alliierten. Aus Paris wird gemeldet, baß bas französische Kabinett für heute mittag ebenfalls zu einer Sitzung einberufen worben ist, bie der Beratung der deutschen Antwort ge­widmet sein wird.

Chamberlain vor der Abreise nach Locarno.

L o n d o n, 29. Sept. (WTB. Funkspruch.)Dai­ly Mail" meldet, Austen Chamberlain rüste sich zur baldigen Abreise nach 2t carno. Sein Begleiter werde der juristische Berater im Foreign Office, Sir Cecil Hurst, sein, der Großbritannien kürzlich auf der Iuristenkonserenz vertreten habe. Die Kon­ferenz in L.carno werde wahrscheinlich eine Woche, bis zehn Tage dauern.

Tschitscherin zum SicherheitLpatt.

Der Gesuch in Warschau.

Warschau, .29. Srpt. (SU.) Der russische Außenkommissar Tschitscherin erklärte einem Ver­treter des 2lften-Ost-Suropa-Dienstes, er habe seine Reise zu Kurzwecken angetreten, er begebe sich zunächst nach Berlin. Mit dem polnischen Außenminister seien hauptsächlich Fragen, die mit dem Rigaer Vertrag in Zusammenhang ftün- ften, verhandelt worden: außerdem würden nach wirtschaftliche Fragen erörtert. Was bie großen politischen Fragen des Tages betrifft, kann ich nur sagen, führ Tschitscherin fort, daß die geo­graphische Lage Polens es unmöglich macht, die polnische Regierung von der Erörterung großer Probleme auszufchließen. Der Pressevertreter stellte bann bem russischen Außenkommissar fol­gende Fragen:

Frage: Werden bie bisherigen greunb- schaftsbeziehungen zwilchen Ruß­land und Deutschland beeinträchtigt wer­den. falls der geplante Sicherheitspakt zustande kommt?

Antwort: Das wird die Zukunft zeigen. Je- denfalls kann jetzt schon gesagt werben, bah zur Stärkung dieser Beziehungen her Eicherheits- palt nicht beitragen kann. Das Ergebnis der Sicherheitskonferenz, wie es sich auch gestalten mag, kann für Rußland keine positiven Momente enthalten.

ilm bie Stimmung in Ruhlanb in biefer Hinsicht zu charakterisieren, muh ich erinnern an einen Artikel einer amerikanischen Zeitung, in

bem gesagt wirb, baß die Konferenz in der Schweiz zu einer ilmfteifung und Iso­lierung Rußlands führen wirb. Sie ec Artikel wird in Rußland vielfach zitier: Man nt in Rußland der Meinung, daß ein so. e» Ex­periment besonders von England a n ge­strebt werde. Ich kann

an dieser Auffassung alles aus Wahrheit beruht. Ich kann mich aber diesem peinlichen Eindruck nicht ganz entziehen.

Frage: Wie wird sich Rußland zu einem eventuellen Eintritt Deutschlands in den Völkerbund stellen?

Antwort: DaS hängt von den Bedingun­gen, unter welchen der Eintritt erfolgt, ab. Er wird aber in Rußland auf jeden Fall mit wenig Begrüßung aufgenon den, denn Rußland hält den Völkerbund für eine Stätte, wo die Schwächeren durch Stär­kere ausgebeutet werden.

Frage: Ist Ihre Reise nach Warschau als ein unfreundlicher Schritt Deutschland gegen­über anzusehen?

Antwort: Mein Besuch hier kann keines­falls unsere Beziehungen mit Deutschland schä­digen. Meiner Ansicht nach kann auch Deuisci,- lanb kein Interesse daran haben, Rußland gegen Polen aufzureizen.

Gestern abend fand bei dem polnischen Außen­minister Grafen Ekrzynski ein Cssen i u (Ehren Tschitscherins statt, bei dem der russische Botschafter in Warschau und b r polnische Gesandte in Moskau zugegen waren. Skrzynski er­klärte in seiner Rede, er betrachte den Besuch Tschi- tscherins in Warschau als eine Ancrfem ing des polnischen Strebens nach Frieden. Er hosse, tiefer Besuch werde neue Klärung der Verhältnisse zwisä.en Polen und Rußland auf politischem und uiiT in ;t- lichem Gebiet herbeiführen. Aus alle Fälle werde diese Zusammenkunst viel zur Be­ruhigung Europas beitragen. Darauf ant­wortete Tschitscherin, daß er der polnischen Regie­rung sehr dankbar für den freundlichen Empfang sei. Die russisch-polnische Annäherung dürfe n t tot eine Aktion gegen irgendeine Macht angefehen werden. Die Zusammenkunft solle nur bem Frieden dienen.

Vie Memeler Minderheiten.

Litauen protestiert vor dem Völkerbundsrat.

Gens, 28. Sept (WTB.) Im Völker­bunds rat kam cs heute vormittag zu e uer langen Auseinander! ctzung über bie Fccig. ob das vom DölkerbundSrat angewandte Bei ihren zur Regelung von Streitfällen über Minderheiten auch a uf Beschwerden deutscher Minderheiten im Memel- gebiet angetoenbet werden kann. Auü tem von Guany - älrugay au8gcarbeilcten Ber cht geht hervor, daß tatsächlich bereits solche Klagen oem Dölkerbundsrat vorliegen.

GalvanauSkas- Litauen vertr .t in sehr entschieden, teilweise außecorbentlich hesn,.n Wendungen die Taftache. bah ber Völker' at überhaupt fein Recht habe, sich mit TP;ii* derheitenfragen und anderen Besch.mr -en im Memelgebiet zu befassen, da diese Fragen d..ch die Memeler Konvention geregelt seien. Er verlangte, daß derartige Klagen auf bi;lcm<4- tischem Wege behandelt und durch R'cksrage bet Litauen geklärt werden, ohne daß Organ? bes Völkerbundes in Bewegung gesetzt werd n. Wäh­rend der Debatte erinnerte GalvanauLkas daran, daß im Memelgebiet noch viele Deutsche !"b»n, die in regem Grenzverkehr mit Deutsch'and stehen. Gr verdächtigte in diesem Zusamm- >ang die Klagen und Petitionen ber beutschen M noar­beiten im Memelgebiet und erklärte, dah Litauen nicht in ber Lage fei, irgendein Verfahren zur B'- handlung fo entstandener Petit.orten vor dem Rat anzunehmen, wobei er Honzas ügte. da! ja in naher Zeit auch Deutschland iclbft ft inb ge.- Mit­glied des Dölkerbundsrates sein dürft?

Das italienische Ratsmitglieb S c i a l o j a versuchte den Vertretern öitauc durch bi Ver­sicherung zu beruhigen, baß es sellrftverl in üch sei, dah jeder Ratsstaat etwa ihm zu' mnc '.be Klagen nur nach genauer Unter, udyung vor den Ttai bringen toerbe. falls die Pr ung erbeten haben sollte, baß es sich tatsächlich um s' ver­wiegendes Material handelt. Jede T r e ober Mitteilung über Verst- ung ber Men ier Konvention trage zunächst für jeden Ra:s':aat nur den Charakter einer Information habe also nur administrativen und keinen juridischen Charakter. Das in der Memeler K onve.it i i n e- bcrgelegte Recht ber einzelnen RatSstaaten, schwerwiegenbe Klagen vor den CDö (- kerbunbsrat z y bringen, könne aber nicht angetastet werden.

Als schließlich Lord Robert Cecil be? Vor­schlag machte, dem Generalsekretär die Weisung zu geben, bei ihm eintreff ende Beschwerde n übet das Memelgebiet an bie Ra ts m i t - glieber zur Prüfung weiterzugeben, protestierte Galvanau»kas in sehr err ; : Weise, inbem er erklärte, baß eine solche Weisung gegen die Memeler Konvention sei und barm zum peinlichen Aufsehen der R e ^Mit­glieder seinen Plcch am Rats tisch und den Rats­saal selbst verließ.

Schließlich beschloß der Völkcrba.ndsrat auf Antrag Hy m a n S - Belgien den General clretät nicht damit zu beauftragen, eingeh en. e Be wer­den aus dem Memelgebiet an den Rat ttxriter- zulciten, sondern es dem Generalsekretär anheimzusteklen, in Fällen, die ihm