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Ur. 279 (Elftes Blatt
175. Jahrgang
Samstag, 28. November 1925
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InnerpoMische Folgen
Europa stehen.'
(Beifall bei den Sozial«
lanbs in den Völkerbund.
tritt
Bayerischen Volkspartei und der Demokraten. Die Sozialdemokraten haben zwar unlängst Herrn Dr. Luther als Kanzler abgelehnt, da sie selbst aber aus den obenerwähnten Gründen kaum bereit wären, den Kanzler zu stellen, auch wohl schwerlich die beiden aus ihren Reihen in Betracht kommenden Persönlichkeiten, Löbe und Braun, in ihren jetzigen Stellungen entbehren möchten, werden sie sich wohl in eine wohlwollende Neutralität einem Kabinett Luther gegenüber hineinfinden. Das ist gewiß für alle Beteiligten keine ideale Lösung und sicherlich auch keine dauernde, aber im Augenblick doch wohl die einzige Möglichkeit, aus dieser prekären Lage herauszukommen, ohne das Reichsgcbäude durch eine monatelange Krise zu erschüttern und die drängenden Arbeiten in der Innen- und Außenpolitik zu hemmen. In Frankreich erleben wir jetzt das ab.schreckende Beispiel einer Kabinettskrise, die in ihrer
die sich ihre Politik wider bessere Einsicht von zorndräuenden Landesverbänden vorschreiben läßt. Die Frage der Großen Koalition, die nach der Abstimmung über Locarno die breiteste Grundlage für ein neues Kabinett sein würde, dürste sich schon dadurch erledigen, daß weder Volkspartei noch Sozialdemokratie zu einer Wiederholung'des im Jahre 1923 mißglückten Versuchs Neigung zu verspüren scheinen: Die Bolkspartei, weil sie in einer Reihe finanz- und wirtschaftspolitischer Fragen keine Möglichkeit eines gemeinsamen Programms sieht, die Sozialdemokratie, weil sie in dem kommenden wirtschaftlichen Krisenwinter die Uebernahme der Regierungsverantwortung mit einem starken Wählerver- lufr" an die Kommunisten würde büßen müssen. Bleibt also ein Minderheitskabinett der Mitte unter Führung Dr. Luthers mit Unterstützung der Deutschen Dolkspartei, des Zentrums, der
Interessen des Tages, die Sicherheit unserer Westgrenze, die Befreiung der Rheinlande und die Interessen, die mit unserem Eintritt in den Völkerbund eng verknüpft sind: Schutz der deutschen Minderheiten jenseits unserer Grenzpfähle, Kolonialmandate und schließlich die allgemeine Abrüstung. Das ist ein Riesenprogramm aktiver deutscher Außenpolitik, für die in Locarno lediglich ein Ausgangspunkt, bestenfalls ein Fundament geschaffen wurde. Was darüber hinaus von unseren Vertragspartnern bislang zu- gestanden wurde, sind nur äußerst dürftige Anzahlungen auf die Ablösung der Schuld, die man in Versailles mit der Knechtung Deutschlands auf sich lud. Das deutsche Volk und die deutsche Regierung werden nicht müde werden, auf die Ablösung dieser Schuld zu pochen. Wenn unsere Regierung in diesen Tagen den Weg nach London antritt, dann ist sie und mit ihr das deutsche Volk sich darüber klar, daß nun zwar der formale Abschluß ^er Verträge hinter uns liegt, daß aber die größere Tat, die praktische Verständigungspolitik im „Geiste von Locarno" noch erst der Verwirklichung harrt. Wir haben in Locarno jetzt unsererseits das Recht bekommen, „Erfüllung" zu heischen, Abbau einer durch die Sicherheitsverträge sinnlos gewordenen B e - fetzung, Befreiung der Saar von einer nur mühsam verhüllten französischen Militärdiktatur, Revision unserer unmöglichen Ost grenzen. So ist Locarno und der erste Dezember nicht das Ende, sondern der Beginn deutscher Vefreiungspolitik. Der rheinische Zentrumsabgeordnete Dr. K a a s machte in einem Artikel zu Locarno die Bemerkung, es sei ein tragisches Erbstück deutscher Außenpolitik, immer dann in die Fußangeln der Parteipolitik zu geraten, wenn sie sich zu Aktionen großen Stils anschicke. Die letzten Wochen haben hierfür leider erneute Beweise erbracht, und nun nach dem Abschluß in London wird man darangehen müssen, im eigenen Hause erst einmal die Scherben aufau räumen und die Frage zu klären, wer das Reichsschiff in Zukunft im seitherigen Kurs steuern soll. Das wäre an und für sich gewiß nicht schwer zu beantworten, wenn man einmal die Parteiinteressen und Parteirücksichten zu- rückstelleu und der vox populi trauen würde. Ein Mann wie der ehemalige sozialistische Staatssekretär Dr. August Müller weist daraus hin, daß der Reichskanzler Dr. Hans Luther der Mann sei, dem das Votum des Volkes mit großer Einmütigkeit die Leitung des Reiches auch int neuen Jahre anvertrauen würde. Wir glauben, daß die Parteien diesem Urteil sich beugen sollten und Dr. Luther jede nur denkbare Unterstützung zuteil werden lassen müssen, wenn der Reichspräsident — was man als sicher annehmen kann — ihn mit der Kabinettsbildung beaus- tragt. Vor allem möge man sich hüten, wieder in den alten Fehler zu verfallen und erst -Parteigrup- pierungen und Parteibindungen zu konstituieren, bevor man sich auf die Person des Kanzlers geeinigt bat. Der Kanzler muß völlig freie Hand haben, sich seine Mitarbeiter und seine parlamentarische Konstellation zu sichern, wie er sie braucht, und wie er sie für richtig hält. Die Emwicklung der innerpolitischen Lage im Verlaufe des Kampfes um Locarno, angefangen von dem „Abspringen" der Deutschnationalen bis zum zustimmenden Votum der Sozialdemokraten gibt schon bedeutsame Fingerzeige, in welcher Richtung sich die Kabinettsbildung vollziehen wird. Man mag diese Richtung bedauern, sie als Rückschlag empfinden, man wird ober in der nächsten Zukunft mit'ihr rechnen müssen, da sich sobald Fein Kanzler der Mitte finden dürfte, der bereit wäre, mit einer Fraktion zusammenzuarbeiten.
Zerfahrenheit zu einer ernsten Krisis des französischen Staatswesens zu werden droht. Vor allem das oben in kurzen Strichen umrissene Programm unserer Außenpolitik erlaubt keine Unterbrechung positiver, angestrengtester Arbeit, noch wenß • eine Lahmlegung des ganzen politischen Apparates durch eine längere Kabinettskrisis oder auch nur durch Unsicherheit und Unklarheit unserer polittschen Verhältnisse. Darum bedarf es nur des guten Willens aller Verantwortungsbewußten, Hand in Hand mit dem Reichspräsidenten ein Kabinett auf die Beine zu bringen, das in feinen tragenden Persönlichkeiten die Gewähr für die Fortführung der von der Mehr- heit des Volkes gebilligten Politik des Kabinetts Lu- ther-Stresemann bietet und im Volk und Reichstag eine breite Grundlage des Vertrauens in seinen Zielen und seiner Arbeit findet.
bei Rctthenau, zu blutigen Gewalttaten schreiten, dann wird Ludendorff die Verantwort» lichkeit nicht von sich abschütteln können. (Sehr richtig links.) Wir haben aus der Abneigung gegen die Regierung Luther nie einen Hehl gemacht, das kommunistische Mißtrauensvotum gegen die zum Rücktritt bereite Regierung ist aber eine lächerliche Kinderei, die wir nicht mitmachen. Wir sehen in Locarno den Anfang eines Weges, an dessen Ziel die europäische Zollunion, die Vereinigten Staaten von
weiterer Grund zur Unzufriedenheit liegt in der 'Tatsache, daß auch nach Locarno keine volle Gleichberechtigung zwischen Deutschland und seinen Vertragsgegnern besteht. Während Deutschland fast völlig entwaffnet ist, starren die anderen in Waffen. Deutschland leidet im Gegensatz zu den andern unter militärischer Besetzung seines Westgebietes. Eine entmilitarisierte Zone besteht nur in Deutschland, nicht in den übrigen Ländern. Wenn der Locarnovertrag einen Sinn haben soll, muß nach seiner Unterzeichnung auf dem Gebiete der Rückwirkungen sehr viel mehr geschehen als wie bisher. Nachdem durch den Locarnovertrag die Sicherheitsfrage garantiert ift" wird es auf die Dauer unmöglich sein, die weitere Besetzung eines Teiles zu begründen. Ein anderer Weg zur völligen Befreiung der Rheinlande ist aber nicht vorhanden, als biu Annahme der Locarnoverträge und der Ein-
'Berlin, 27. Nov. Auf Antrag des Ausschusses für die Rechtsverhältnisse der Reichsbahn wird zunächst beschlossen, die Reichsregierung zu ersuchen, unverzüglich auf die Deutsche Reichsbahngesellschaft einzuwirken, daß der Personalabbau für beendet erklärt wird.
Dann tritt der Reichstag in die dritte Beratung der Locarnovorlage ein.
Abg. Dr. Brei-scheid (S03.) versichert, in der sozialdemokratischen Fraktton de- stehe über die grundsätzliche Notwendigkeit der Zustimmung zu den Locarnoverträgen und zum Eintritt Deutschlands in den Völkerbund volle Einmütigkeit. Bei den Deutschnationalen fehle offenbar diese Einmütigkeit in der Ablehnung. Das beweise das Beispiel des Abg. Bazille, der sich für L 0 - carno erklärt habe.
Die Sozialdemokratie erstrebt für die Auseinandersetzungen zwischen den Völkern das obligatorische Schiedsgerichtsverfahren.
Die Annahme der Locarnoverträge.
Der Reichstag stimmt mit 291 gegen 174 Stimmen der Regierungsvorlage zu
demokraten. — Zischen rechts. — Erneuter lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Abg. Zapf (D. D. P.)
wendet sich gegen die von den Deutschnationalen erhobenen Vorwürfe. Er erklärt: „Warum sollen wir eine von uns für richtig gehaltene Politik nicht gemeinsam mit den Sozialdemokraten machen, wenn die unglückliche Politik der Deutschnationalen uns einen anderen Weg nicht frei läßt. Mit Locarno ist zweifelsohne eine Wendung in der europäischen Politik eingetreten. England sieht heute ein, welchen Fehler es in Versailles mit der Entwaffnung Deutschlands gemacht hat. Es ist jetzt Garant für Deutschlands Sicherheit. Es ist sehr wohl möglich, daß eines Tages die englische Flotte in Aktion zu treten hat für die Freiheit des Deutschen Reiches. Nach Locarno würde kein Poincarä mehr einen Ruhreinfall wagen können. Die Bevölkerung des Rheinlandes darf nicht länger unter dem Druck der Besatzung leiden. Die Rheinlandkommission, die ihre Unfähigkeit wiederholt bewiesen hat, muß in ihrer Zusammensetzung geändert werden. Vor allem aber muß d i e f r a n • zösische Militärjustiz verschwinden. Die Art, in der jetzt die Besatzungstruppen verlegt werden, ist eine recht eigentümliche Materialisation des Geistes von Locarno. Wir halten die bisherigen Rückwirkungen für ganz 11 n • genügend, und wir werden damit einverstanden sein, wenn die Entschließung der Bayerischen Dolkspartei ihre weitere Ausdehnung verlangt. Wir lehnen diese Entschließung aber ab, weil sie eine Verzögerung des Locarnopaktes herbeiführen würde. Wir werden das Vertragswert von Locarno anneh- men und werden dann unsere ganze Kraft daran sehen, es weiter auszubauen. Wir rechnen dabei auf die Mithilfe aller Parteien, auch der Opposition, vor allem aber auf die bewährte, unerschütterliche Treue des Rheinlandes."
Abg. Frau Zetkin (Komm.) nimmt dann nach ihrem vorjährigen Aufenthalt in Moskau zum ersten Male wieder im Reichstage das Wort. Wenn die Sozialdemokratie jetzt die Politik des kapitalistischen Kabinetts Luther unterstütze, so fei das nur die Bestätigung der Tatsache, daß die Sozialdemokratie nicht mehr als Partei des entschlossenen proletarischen Willens gelten kann. Der Locarnovertrag bringen nicht die Revision, son- fcern nach dem Zugeständnis der Gegner dis Stabilisierung des Versailler Vertrages. DaS Ergebnis von Locarno sei der S i e g E n g- l a n d s im Kamps um die europäische Hegemonie. England schiebe jetzt Deutschland wie eine Schachfigur hin und her. Trotz aller Minister- erllärungen sei die Tatsache unbestreitbar, daß Deutschland durch den Locarnopakt in eine unfreundliche Stellung z u Sowjetruß- land gebracht wird. England sieht in Ruß land feinen größten Feind und die Gefährdung der englischen Weltmachtstellung. Der britische Imperialismus kann aber in diesem Kampf den Sowjets gegenüber nicht standhaften. Deutschland wird das Schicksal Oesterreichs erleben und die Geschicke Deutschlands werden von den Bankiers in London und Reuyork bestimmt werden. Wer den Frieden will, muh für ein Bündnis mit Sowjetrußland eintreten. Das geeinigte Europa wird erst nach dem Zusammenbruch der kapitalistischen Klassenherrschaft kommen. (Lebhafter Beifall bei den Komm.).
Abg. Fehr (WirLsch. Dg.)
verliest eine Erklärung, in der seine Fraktion bedauert, daß mit der Ablehnung des Antrages auf besondere gesetzliche Regelung der Völkerbundfrage Deutschland das letzte starke Mittel aus der Hand geschlagen sei, die Berücksichtigung der berechtigten deutschen Forderungen auf dem Gebiete der Rückwirkungen zu erzwingen. Die Entschließung der Bayerischen Volkspartei stelle ein solches Mittel nicht dar.
Die Wirtschaftliche Vereinigung werde aber ihr «und der Entschließung der Mittelparteien zustimmen. Angesichts der Llnzulänglichkeit der Rückwirkungen und der Unsicherheit über die Zusammensetzung der künftigen Regierung werde die Wirtschaftspartei die Vorlage ab- lehnen, während die Deutsch-Hannover- s ch e P a r t e i und der Bayrische Bauernbund mit Rücksicht auf die Folgen eines Scheiterns des Dertragswerkes der Vorlage z u st i m - men würden. Bei der Abstimmung über den Mißtrauensantrag werde sich die Wirtschaftliche Vereinigung der Stimme enthalten.
Abg. Leicht <Bayr. Vp.) erklärt, angesichts der Fortdauer der Besetzung sei das deutsche Mißtrauen in die Rückwirkungen des Vertrages durchaus berechtigt. Trotz der wenig befriedigenden bisherigen Rückwirkungen werde die Bayerische Volkspartei aus außenpolitischen und ' wirtschaftlichen Gründen den Locarnooerträgen z u - stimmen, weil ein Scheitern des Vertragswertes durch eine deutsche Ablehnung in der ganzen Welt als neuer Beweis für d i e Böswilligkeit und die V e r h a n d 1 u n g s Unfähigkeit Deutschlands bezeichnet werden würde. In Uebereinstirnrnung mit dem bayerischen Mi- nifterprffbenten, fuhr der Redner fort, nehmen wir die Locarnoverträge an, betonen aber mit aller Entschiedenheit, daß darin keineswegs eine Anerkennung des Versailler Vertrages liegt. Ebenfalls in Uebereinstirnrnung mit dem bayerischen Ministerpräsidenten bedauern wir die Verquickung des Löcarno-Paktes mit der Völkerbundfrage. Wir warnen vor übertriebener Hoffnung und fordern in unserer Entschließung die Regierung auf, vor dem Eintritt in den Völkerbund auf eine Erweiterung der Rückwirkungen hinzuwirken. Mindestens muß vorher die Kölner Zone geräumt sein. Sollte zu unserem Bedauern unsere Entschließung abgelehnt werden, so bleibt dennoch die moralische Verpflichtung der Reichsregierung bestehen, eine Erweiterung der Rückwirkungen zu fordern. (Beifall.) Wir werden die Vorlage im ganzen an- nehmen.
Staatsekretär Zweigert
gab eine Erklärung ab, in der er daraus hinwies, daß für die Beurteilung dec Frage, ob Die Abmachungen von Locarno und dec Eintritt Deutschlands in den Völkerbund der Zustimmung des Reichstags mit verfass ungS ändernder Mehrheit bedürfen, die Vorschriften des Artikels 45 der Reichsverfassung in Betracht kämen. Rach diesem Artikel erfolgen Kriegserklärung und Frie- densschluß durch Reichsaeseh. Bündnisseund Verträge mit fremden Staaten bedürfen der Zustimmung desReichstags. Hier- für genügt grundsätzlich die einfache Mehrheit des Reichstages. Eine qualifizierte Mehrheit wäre nur erforderlich, wenn der Vertrag oder das Bündnis Bestimmungen enthält, die der Reichsverfassung zuwiderlaufen. Rach Ansicht der Reichsregierung enthalten weder die Abmachungen von Locarno, noch die Ermächtigung zum Eintritt in den Völkerbund eine Verfassungsänderung.
Abg. v. Graese (Volk.)
Das Gutachten, wonach die Locarnovorlage nicht verfassungsändernd sei, ist nicht beweiskräftig, denn es stammt von der in dieser Sache beteiligten Regierung. Hervorragende Autoritäten erklären, daß die Mitgliedschaft Deutschlands im Völkerbund unbedingt eine Aenderung der Reichsverfassung zur Folge hat, weil bann die DölkerbundSinstanzen einen Teil der Befugnisse haben, die jetzt die Reichsinstanzen allein haben. Der Reichspräsident hat bei der Eidesleistung geschworen, Schäden vom deutschen Volke abzuwenden. Die Annahme der Locarno- vorlage wäre ein schwerer Schaden und wir appellieren an den Reichspräsidenten, er möge diese Frage nochmals wich prüf en. Darum haben wir die Aussetzung der Verkündung des Gesetzes beantragt. Wir bedauern, baß dieDeutsch- nationalen sich diesem Anträge nicht angeschlos- fen haben. Das sieht bedenklich aus nach einem neuen Liebäugeln mit der Regierung.
Abg. Graf v. Westarp fön.)
Die Deutsch-nationalen hätten alles getan, um eine friedliche Verständigung mit den übrigen Staaten zu ermöglichen. Sie seien dabei bis an die Grenze der Selbstverleugnung gegangen. (Lau-
Wir bekämpfen jeden Versuch, den Eintritt in den Völkerbund weiter zu verschleppen, weil eine solche Verschleppung auch für das Rheinland die größte Gefahr bedeutet. Darum lehnen wir die Entschließung der Bayerischen Vollspartei ab, die den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund von gewissen Voraussetzungen abhängig machen will. Der Entschließung der Mittelparteien, die eine
Erweiterung der Rückwirkungen verlangt, werden wir aber z u st i m m e n. Bei allen Mängeln des Locarnovertrages wollen wir aber nicht vergessen, daß er Deutschlands Stellung in der Welt in einer Weise verbessert, die man vor einem Jahre für unmöglich gehalten hätte. Der Versailler Vertrag besteht formell zwar noch weiter, aber in den .Unheilen dieses Vertrages ist durch Locarno Bresche gelegt. Wir sind nicht mehr ohne Rechtsmittel jeder Willkür der Gegner in dec Auslegung des Versailler Vertrages preisgegeben. Die Frankreich garantierte Sicherheit wird auch den französischen Dauern und Arbeitern die Möglichkeit geben, sich gegen die übertriebenen französischen Rüftungsausgaben zu wenden. Das Vertragswerk von Locarno ist der Ausdruck der Erkenntnis auch bei den Siegerstaaten, daß Europa politisch und wirtschaftlich verloren ist, wenn Europa zerrissen und zerklüftet bleibt. Wenn die Deutschnationalen die nationale Gesinnung der Anhänger von Locarno anzweifeln, so übersehen sie, daß auch der Reichspräsident von Hindenburg zu diesen Anhängen gehört. Aus dem Locarnovertrag ergibt sich in keinem Punkte irgend eine Stellungnahme gegen Rußland. Von dem Völkerbund in seiner jetzigen Gestalt sind auch wir nicht befriedigt. Aber eine Besserung können wir nur dann erwarten, wenn Deutschland a ls gleichberechtigtes Mitglied ihm an- gehört. Was heute mit dem Locarnovertrag geschieht, ist die Konseaucnz der Erfüllungs- Politik, die wir früher mit dec Weimarer Koalition getrieben haben, damals angefeinbet auch von der Partei des jetzigen Außenministers. 2m Bayerischen Landtag hat ein Anhänger der Partei Ludendvrfts gesagt, er könne es verstehen. wenn ein ausgewiesener Elsaß-Lothringer Stresemann über den Haufen schießt. (Pfuirufe.) Wenn die Verhetzten, wie früher
Der Reichstag hat durch sein gestriges Votum den Weg nach London freigegeben. Die Reichsregierung ist in die Lage versetzt, an dem für die Unterzeichnung der in Locarno vereinbarten und paradierten Verträge vorgesehenen Termin ihre Unter- schrift zu leisten und das unterzeichnete Vertragswert bem Reichspräsidenten zur Ratifizierung zu unterbreiten. Mit biefejn Votum hat der Reichstag gleichzeitig die Reichsregierung ermächtigt, für Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund die erforderlichen vorbereitenden Schritte zu tun, sobald die Regierung den Augenblick für opportun halt, sobald also Rückwirkungen in einem Außmaße vor; liegen, das den „guten Willen" der Gegenseite eindeutig barlegt. Wenn somit bas Werk von Locarno formal juristisch vollenbet vor uns liegt, so gilt es gerabe heute noch einmal betont zu unterstreichen, daß Locarno ein A n f a n g ist, ein erste rSch ritt auf bem Wege einer aUerbings grundsätzlich den Maximen von Versailles radikal abgeroanbten Politik der Verständigung. Der Wille zu dieser anderen Politik einer europäischen Solidarität war in Deutschland feit langen Jahren vorhanden: die Besiegten von 1918 kämpften um diesen Gedanken der Solidarität, der ohne die Voraussetzung der Gleichberechtigung Deutschlands, ohne die Wiedereinsetzw-i . - . rt- :
Deutschlands in seine moralischen lstechte, ohne dH Wad) den Locarnooertragen besteht theoretisch immer Beteiligung Deutschlands an dec gesamteuropäisch^ . noch die Möglichkeit einer kriegerischen Auseinander- Aufgabe allerdings undenkbar erschien. Ader cs bdU sttzung. Darum empfindet die Sozialbemokratie das durfte eines langen Weges von Enttäuschung zik^.Dcrk von Locarno nicht als voll befriedlgenb. Ein Enttäuschung, bevor die Sieger des Weltkrieges eim zusehen begannen, daß der Mißgriff von Versailles, eine Neuordnung der europäischen Dinge ohne, das heißt gegen Deutschland mit all seinen furchtbaren Folgen auf sie aurüeff allen würde. Es ist auch heute nach London und Locarno in weiten Volkskreisen der Westmächte, wie auch in starken, einflußreichen Führergruppen nur erst ein dumpfes Aufdämmern dieser Einsicht, und wenn die Regierenden in Paris und London heute einem Vorschlag mit jubelnder Begeisterung zustimmen, den sie noch vor wenigen Jahren dem deutschen Reichskanzler Cuno schroff ablehnten, so verdanken wir dies dem glücklichen Zusammentreffen, daß sich die Theorie von Völkeroersöhnung und Wettbefriedung im. Augenblick mit den eminent praktischen Interessen Englands sowohl wie Frankreichs decken. Und auch u ii s leiten bei der Annahme der Verträge die


