Ausgabe 
28.3.1925
 
Einzelbild herunterladen

ar. Erster Blatt

(75. Jahrgang

Samstag, 28. März 1925

Erscheint täglich, aufcer Seen* und feiertags.

Beilagen: ® iefjener^ a m i li eti b lätter Heimat im Bild.

IHeiaisiEtirgiprel«: 2 Goldmark u. 2u Gold­pfennig ffir Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. Fern sprech-Anschlüsse: SchriftleitNng 112, Der» lagundGeschästsstellebl. Anschrist für Drahtnach­richten. rlnzelaerElesse».

poRschrälont«:

Zranlfun a. M. 111*.

SietzeimAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vn>»,«d Verlag: vrShI'sch« Unlverllliu.vvchrd $itlit6rederei R. r<ni,t In «letzen. S^riftltfteng und «elchösteltele: Schaieratz« 7.

Hewefree von lijelgtn für bi«Tagr«n»mmer bi» zum Nachmittag vorher ohnejedeDerbindlichkeit Preis für 1 mm höhe für Anzeigen vvn 27 mra Breite örtlichS, auswärts 10 Goldpsennig- für Ne« Klame-Anzeigen v 70 ra Breite 35 Goldpsennig, Plutzvorschrist 20" .Auf­schlag. - Derantwortlich Br Politik u. Feuilleton: r. Friede. Wilh Lange; für den übrigen Teil: Ernst Dlumschein; für den Anzeigenteil; tzan»

sämtlich in Girhen.

35

Die Präsidentenwahl.

Der Reichspräsident wird vvm ganzen deutschen Volke gewählt." <5o lautet der Ar­tikel 41 der Weimarer Verfassung, der dem aus der Vormundschaft des .ObrigkeitSstaats" unter die Vormundschaft der Parteien geratenen deut­schen Staatsbürger seinen wichtigsten Artteil an der Leitung der Staatsgeschäfte zuweist. Der erste Artikel der- ReichSversassung behauptet zwar, die Staatsgewalt geht vom Volke miS. aber nach einem zur rechten Seit wieder anS Sicht ge­zogenen Wort deS de mokratischen Historikers HanS Delbrück wirdbte grohe Masse der mehr als Zwanzigjährigen, die als das souveräne Volk figuriert. durch den Taschenspielertrick deS Ver­hält niSwahlrechts aus die Auswahl Zwischen den organisierten Parteien beschränkt, d H. die Parteiführer regieren, und zwar weit autokratischer alS ehedem die königlichen Mi­nister". Die Berechtigung dieser aus demokrati­schem Munde gewiß unverdächtigen Kritik wird durch die PrariS der letzten Jahre zur Genüge erhellt. Um so bedeutsamer erscheint nach diesem Rückblick der Staatsakt, zu dem daS deutsche Volk am morgigen Sonntag aufqerufen wird. GS soll daS erste Mal im neuen Staat ohne daS Gängelband der Parteien an die Wahlurne treten und in freier Willenskundgebung den Mann benennen, dem eS das höchste Amt des Deutschen Reiches airoertraut wissen w'll. Vicht über Parteiprogramme soll dieseSmal ob­gestimmt werden, nicht unter Listen soll gewählt werden, aus deren Zusammensetzung der einzelne keinen Gin'lust hat. deren Hamen ihm zum größ­ten Teil Schall und Rauch sind, nein, am Sonn­tag gilt es. eine Persönlichkeit au erküren, einen ganzen Mann, der ohne parteiische D'n- düngen, ohne Rücksicht aus die Sonderinteressen einer Wirtschastsgruppe, eines Standes, einer Konfession die Belange deS ganzen Volkes mit fester Hand, mit polit'scher Umsicht und Tat- fraH wahrt.Keineswegs eine bloß dekorative Figur, eine politische Rull soll der Präsident sein. Die Verfassung denkt sich den Reichs­präsidenten als einen schassenden und. trotz allem Parlamentarismus leitenden, auch keineswegs unverantwortlichen Staatsmann, der weder ver­pflichtet noch berechtigt ist, sich von den Re- gierungsg^schäften fernst batten, der auS freiem Antrieb Minister ernennen und entlassen kann und der im Falle eines KonMktS mit dem Reichs­tag von diesem an die Wähler, an daS Volk appellieren darf, indem er den Volksentscheid anruft oder den Reichstag auf[ßft. Mit diesen Worten umschreibt Anschütz, der bekannte Hmdelberner StaatSrechtsl^hrer, die Stellung des Reichspräsidenten kurz aber bedeutsam genug, irm j--en pflichtbewußten Staatsbürger die ganze Schwere der Verantwortung empfinden zu lassen, die auf stnner Stimme, auf seiner Stellungnahme am Wahlsonntag ruht.

Und auf jede einzelne Stimme kommt es an, noch in weit höherem Maste als bei früheren Wahlen. Gilt doch nur der als gewählt, der mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigt. Wende nicht em, die Wahr­scheinlichkeit fei nur sehr gering, dost es einem Kandidaten glücken werde, diese B.-dingung zu erfüllen, es sei daher immer noch Seit, Im zwecken Wahlgang sich zu entscheiden. Je imponierender an Zahl der Volksteil ist. der schon im ersten Wahlgang hinter deinem Kandidaten steht, umso gröstcr ist im zweiten d-e Aiziehungsk'-att seiner Persönlichkeit auf die Mitk-ü ger, die ibreStimme aussichtslose Splitteicka"didaturen gaben. Deine Denkfaulheit. D?quenllichkeit oder Erttchluhlos'g» feit -stärkt die Aussichten des Kandidaten, dem du den Sieg zu allerletzt wünschst.

Wahlrecht ist Wahlpflicht! Das soll­ten sich auch die gesagt fein lassen, die in kurz­sichtiger Verärgerung den Gang zur Wahlurne unterlassen und sich nicht scheuen, diese törichte Politik der Stimmenthaltung auch noch öffentlich an^uempsehlen. Wer hätte nicht wärmstes Mitempfinden mit dem Sch cklal von Millionen Volksgenossen, die der St aalsbankerott um ihr sauer Erspartes, um den Zehrpsennig für ihr Alter brach e. wer hätte nicht volles Verständnis für die bittere Enttäuschung, die jede Regelung der Aufwertungsfrage diesen Kreisen bringen muß. die alles verloren haben, deren Hab und Gut unwiderbringl ch die Flut der Inflation hinw^gfchwernrnte! Aber woher nehmen verant- wortungsbewusttc Führer den Mut. diesen die letzte und ftärffte politische Waffe im Kamps um ihr Recht, den Stimmzettel aus der Hand zu schlagen? Ist es nicht politischer Selbst­mord, weite Kreise unseres besten, pflichtk» wutztesten Bürgertums von d?r Entscheidu"g über das Wchl des Staates, der auch ihr Staat ist. fernzuhalten, weil keiner der zur Wahl ge­stellten Kandidaten demag->gisch genug war. Ver- iprechungen zu machen. deren Erfüllung nicht in feiner Macht liegt ? Rein, fort nut aller noch so begreiflichen Verbitterung! Kühle, nüchterne Erwägungen, realpolitische Zweckmäh gkeitsgründe müssen jeden zur Wahlurne führen, der nicht den letzten Rest von Selbstbestimmung über fein Geschick satalist sch aufgegeben hat.

Der amtliche Wahlzettel gibt mit seinen sieben 7t am en leider auch diesmal toieber ein getreulich^ Spiegelbild der pol tischen Zerrisfen- beit des deutschen Volkes und der Mnbelebrbarfeit seines Bürgertums. Fünf der ausgestellten.Kan­didaten entpuvpen sich bei näherer Betrachtung als reine Zählkandidaturen.

Für Thälmann erstrebt die Kommunisti­sche Partei die höchste Würde des Staates, dessen (Stiftens sie mit den gesetzwidrigsten Mitteln wütend bekämpft. Seine Wahl wäre eine Ironie der Weltgeschichte, vor der uns die parallel mit

Die Sicherheitsdebatte.

Beneschs Vorschläge.

Keine getrennten TicherheitSvorschläge (Segen den Anschluß Oesterreichs.

Warschau, 27. März. (XU.) der tschechi­sche Außenminister B e n e s ch, der seinen Be­such in Warschau für die nächste Zeit an- aefünbiat hatte, wird nun erst nach Abschluß deS polnisch-tschechischen Aanbeteoertrages h.er- f>er kommen. Von besonderer Seite wird ent­schieden dementiert, dah Benesch vorge- schlagen habe, einen Garantiepakt ge­trennt für die zwei D ö l k e r g r u p p en deS Osten- und Westens zu schaffen. De- nesch stehe auf dem Standpunkt, dah nur ein gemeinschaftlicher Pakt von Ruhen sein könnte, ohne sich hierbei auf das Genfer Pro­tokoll oder auf die Zahl der Staaten festzulegen, die einen solchen Pakt zeichnen.

Das »Prager Taaeblatt" veröffentlicht die Stellungnahme Beneschs zu der Anschluh- frage. Denesch erklärte, es werde notwe. d:g sein, in dem mit Deutschland abzuschliehendrn Garantiepakt eine Formel auszuneh nen, nach der dje den Anschluh Oesterreichs b e t r. Best immunsten des Friedensv ertt'- 6 es aufrechterhalten werden. S. bald Deutfchlmd in das wirtschaftliche und politische Leben Europas eintritt und Mitglied des Vxk.r- bundes ist, wird es mit seiner 65 Millionen Einwohnern und seiner wirtschaftlichen M cht ein so starker Faktor im wirtschaftlichen Leben Europas werden, dah seine Rachbarn seinen Druck verspüren werden. Mit Oesterreich zusammen würde dieser Druck noch ver­stärkt werden. Diese Tatsache fei so aurichlag- gebend, dah der Anschluh Oesterreichs an Deutsch­land auher Polen als den gegenwärtig n Geg­nern Deutschlands auch die Tsc^choslowrrk i. Ru­mänien, Jugoslavien, Italien. Frankreich und Belgien als Gegner finden muh.

Die Abrüstungskonferenz

Senator Norahs Bedenken.

2 >.i n b o n , 27. März. (TU.) Wie der üöashing- tonerTimes"-Korrefponbent berichtet, erörterte gestern der Vorsitzende des Auswärtigen Ausfchustes des amerikanischen Senats, Senator B o r a h , mit dem Präsidenten Coolidge die Vorschläge des Präsidenten für eine Abrüstungskonferenz. Borah erklärte sich mit den Absichten des Präsidenten ein­verstanden, obwohl er selbst noch skeptisch sei. (fr glaube, daß nur eine organisierte öffent - (idle Meinung eine allgemeine Abrüstung er­zwingen könne, und dah eine derartige öffentliche Meinung in Europa nicht existiere. Ruß­land hätte nach seiner Meinung den Schlüssel für die Weltabrüstung in der 5)anb.

Eine weitere Schwierigkeit fei die fran­zösische Forderung aus Sicherung so­wohl für sich selbst als ckuch für seine östlichen Alliierten, wodurch die Franzosen von jeder Qlb.üftung zu Wasser und zu Lande gegenwärtig abg halten.den. Unter diesen Tim ständen dürfe Großbritannien sich schwerlich weiter mit Flottenabrüstungen einverstanden erklären, die England tn eine unterlegene Stellung gegen­über der überwältigenden französischen Militär­macht bringen würden. Rur auf dem Wege der Erörterungen werde es möglich sein, de vorhandenen Widerstande zu beseitigen. Es werde in Washington beweisest, ob bei einer Flotten-

konserenz die Begrenzung der Rüstun­gen erörtert werden könne infolge des engen Zu- sammenhangcS von Flugs! reitkrästen mit der Landmacht und infolge der Schwierig­keiten der Mntcrscherdung zw.schen Militär- und Handelsflugzeugen. Amerika werde es nicht zu­lassen, dah ole Erörterungen über die Schul­de n s r a g e mit der Abr-üstungsfrage verbunden werde, da der Präsident wünsche, dah die zu diesem Zwecke eingesetzte Schuldenfundierungs- kommilfion allein sich mit dieser Angelegenheit befasse.

französische ttriegspsychose.

Phantasien desPetit Journal" über bruffrfic Rüstungen.

Berlin, 28. März. (TU.) Halbamtlich wird mitgeteilt: In einem Artikel desPetit Journal" wird von der angeblichen Mobili­sierung der deutschen Industrie und Wissenschaft gesprochen. Die allgemeinen Be­hauptungen find nicht durch Anführung von Tat­sachen begründet, so dah eine Widerlegung im einzelnen nicht möglich ist. Rur in einem Fall werden nähere Angtben gemacht: In Goslar soll ein Professor Sch ... g zusammen mit fei­nem Hil sarbeiter. einem H>rrn Wi ck. Sui 'turen von Cholerabazillen züchten, die durch F l ug z e u g b om b e n in Feindes­land getragen werden können. Wie uns von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, haben sofort angestellte Ermittlungen ergeben, dah in Goslar überhaupt kein Professor Sch... g seinen Wohnsitz hat und da­her natürlich auch kein Herr Wink, der als fein Assistent tätig ist. Laboratorien befinden sich in Gaslar ebenfalls nicht. Das Ergebnis der Rachprrllung dieses Einzelfalles, in dem wenig­stens die Anfangsbuchstaben von Ramen ge­nannt sind, läht auf die Z u v erlässigkeiL der andern Informationen desPetit Journal" schliehen.

So behauptet das Blatt ferner, Deutschland stelle trotz strenger Meberwachung und deS Vm> botest M n I erst rbo ote her. Suin Beweis führt es folgende angeblich aus-dem Rach - richtenbureau deS Marineministe- riumS bezogenen Feststellung an: 1. Die inter­alliierte Marine-Meberwachungs-Konrmission ist bei ihren Rachforschungen stets aus heftig­sten Widerstand und sogar auf Gewalt­tätigkeiten gestehen, was nur die Absicht haben formte, maritime Kontrollen zu verhin­dern; 2. Mofore für Mnterfeeboote werden von den Filialen der Kruppwerke in Rußland, Spanien und Holland her- gestellt.

Es bedarf keines Hinweises, dah dieses Mär­chen auf dem gleichen B->den gewachsen ist, wie die Goslarer Cholerabazillenlulturen zu dem sehr durchsichtigen Zweck, für die W eber oeginnenden Kontrottverhandlungen des Militärkomitces ben nötigen Resonanzboden zu schaffen.

Die gefährdeten Desatzungstruppen.

Düsseldorf, 27. März. (TU.) Die von der Rheinbahn-Gesellschaft geplante Erweiterung der D ücke zwischen Düsseldorf und Oberfaffcl ist aufgehoben worden. Wie verlautet, liegt der Verzögerung der Bericht eines französischen Ge­

nerals zugrunde, der behauptet, dah die Brücken- ertDciterung die Sicherheit der Besatzungstcuppen gefährden würde.

Reichsregierung und Sicherheitsfrage.

Berlin, 27. März. (WB.) In den bet*, schjedenen Pressemeldungen ist von einem neuen Memorandum der Reichsregierung in der Sicherheitsfrage die Rede. Wie wir von unter­richteter Seite hören, sind diese Meldungen u n - zutreffend. Den alliierten Regierungen wurde ein neue« deutsche- Memorandum in dieser An­gelegenheit nicht überreicht. Auch beabsichtigt die Reichsregierung die Ueberreichung eine* sol­chen Memorandum« zur Zeit nicht.

Die neue Aufwertung.

Die Reichsregierung hat mit ihrem Gesetz­entwurf über di« Verbesserung der Auswertung ein überraschend gutes Echo in der Presse gefun­den wenn man von den Sozialdemokraten ab- sieht. Aber auch schon die Demokraten er­kennen an, dah hier das ehrliche Bestre­ben vorliegt, einen gerechten Ausgleich der einander widerstreitenden Interessen herbei­zuführen. Ob das vorhält, bleibt freilich ab- zuwarten, denn die Aufwertung ist ein Problem, bas so tief in jede einzelne Wirtschaft hinein» streift, daß jeder Staatsbürger sich mit dem Stift in der Hand ausrechnen wird, ob er nach der Reuregelung mehr bekommt oder mehr zu zahlen hat, und danach Stellung nimmt.

Es ist deshalb auch noch keineswegs gesagt, dah der Reichstag 'den Vorschlägen der Re­gierung zu stimmt, da kann nach beiden Seiten noch viel geändert werden, obwohl grundsätzlich zu sagen ist. dah jede Regelung im besten Falle eine Verschiebung der unverme blichen Mngered> tigfeiien bedeutet. Treu und Glauben lassen sich nun einmal nach Prozentsätzen nicht au hürnen; man kann sich bemühen, der tragbaren Grenze möglichst nahezukommen aber et ist unvermeidlich, dah rechts und links Millionen Opfer bleiben, die nicht einfehen wollen, wes­halb der Zusammenbruch unserer Finanzen nun gerade auf Ihren schwachen Schul­tern hängen bleiben sofl.

Es ist zwar richtig, dah der S ta a t unter dem Druck der Reparationslasten die gerinfte Leistungsfähigkeit besitzt, ab r es bleibt doch für alle Zukunft etwas sehr Trauriges, dah derselbe Staat, der mit mehr oder minder leichtem Zwang alle verfügbaren Gelder für die Kriegsanleihe aufsaugte, jetzt mit einem be­dauernden Achselzucken feststellt, er könne nicht zahlen und so seine ganzen Schulden mit einem Federstrich zu beseitigen sucht, auch diejenigen, die vor dem Kriege und während des Krieges mit vollwertigem Goldgeld ein gezahlt wäret. Die Folge kann nur fein, dah künftighin gegen alle öffentlichen Anleihen ein starkes M , h - trauen besteht, und dah der Staat, wenn er einmal wieder den Versuch macht, an den An­leihemarkt heranzutreten, ganz andere Sicherheiten bieten muh, als daS früher notwendig war. Zumal, da die s ch e rn a t i I ch e Aufwertung beib halten wird, obwohl einzelne Länder und Gemeinden erheblich grö­bere Aufwertungen zahlen könnten, well fte infolge der Inflation ihre Schulden losgeworden

der wirlschattlichen Konsolidierung rasch zu­nehmende Bedeutungslosigkeit des Kommunis­mus in Deutschland bewahrck.

Richt minder bedeutungslos ist die Kandi­datur General L u d e n d o r s f s. Es ist bedauer­lich, dah der schrankenlose Ehrgeiz Adolf Hitlers den General vermocht hat, eme Kandidatur an» zunchmen, die ihn von fernem alten □Baffen» geführten Hindenburg, von den breiten nationalen Schichten des deutschen Volkes trennt und ihn um den letzten Rest seines ohnehin arg zusammen­geschrumpften politischen Kredits gebracht hat. Für Hitler bedeutet die Sonderkandidatur wohl lediglich einen Generalappell über seine An­hänger.

Aehnlich zu werten ist die Kandidatur des bayrisch ?n Ministerpräsidenten Held von der Bayrischen Volkspartei, die sich für den ersten Wahlgang nicht entschliehen konnte, ob sie mehr ihrer nationalen ober ihrer konfessionellen Ein­stellung folgen sollte.

Die beiden bürgerlichen Parteien der allen Weimarer Koalition haben sich nicht aufraffen können, den Anschluß an das Bürgertum zu voll­ziehen, nachdem ihnen die Sozialdemokratie mit ihrer Kandidatur Braun recht unsanft den Stuhl vor die Tür gesetzt hat. Die Aufstellung der Zentrumskandidatur Marx ist ein neuer Beweis dafür, dah das Zentrum, das zu anderen Zeiten mit großer Entschiedenheit die Bezeichnung ..kon­fessionelle Partei" ablehnt, sogar bei der Wahl des Reichsoberhauptes gewillt ist. die konfessio­nelle Einstellung des Volkes in den Dienst einer politischen Idee zu stellen. Bedeutung hat die Zentrumskandidatur für den ersten Wahlgang nur insofern, als die Parteileitung ihre Schällein zählt, die sie im zweiten Wahlgang einem ihr genehmen Kandidaten zuführen will. Ob dies auch noch Marx fein wird, ist mehr als fraglich, so sehr man Herrn Marx als Mensch und Cha­rakter schätzen mag, so sehr hat er durch feine haltlose Linksorientierung in der Dezemberkrisis und durch die klägliche Rolle, die er als preußi­

scher Ministerpräsident gespiell hat. fein Renom­mee als Staatsmann verwirtschaftet.

Die Demokraten sind in einige Verlegen­heit g kommen, als die Haltung von Zentrum und Sozialdemokraten auch von ihnen die Aufstellung einer Splitterkandidatur verlangte. In Herrn H e 11 p a ch haben sie einen Kand baten für das Rrichspräsidentenamt nominiert, der als Arzt und Wissenschaftler m Fachkreisen sich einen Ramen gemacht hat, der aber trotz aller Dor­sch hkorbeeren einer vielgewandten Presse als Politiker ein unbeschriebenes Blatt ist, als Staats­mann gar, auch von feinen Freunden schwerlich, angesprochen werden kann.

Jeder dieser Kandidaten ist ausgestellt von einer einzelnen Partei, die mit ihrem Werben für eine Sonderkandidatur die Präsidentschaftswahl zur Parteisache degradiert hat, ihre Kandidaten sind Parteimänner, auf Parteiprogramme eingeschworen, mit tausend Fesseln an die Partei und ihre Interessen gebunden, unfrei und ab­hängig von den Beschlüssen eines allmächtigen Parteivorstands. der nach der Wahl schwerlich auf seinen Einfluß verzichten würde, schwerlich die Bindungen lockern würde, bi? das aus der Partei hervorgegangene Staatsoberhaupt bei allem guten Willen seinerseits unlösbar an die Partei fetten.

Damit ist auch schon die ssz'aldemokratllche Kandidatur Braun vollauf gekennzeichnet. Ein Sieg Brauns bedeutet eine Arra sozial stischer Klassenherrschaft, bedeutet Durchfall ii eben erst müksiam überwundene Zeiten der Vllksverhetzung und des KlalfenkamvfeS. bedeutet eine neue Cp'che sozialistischer Günstllngswirllchaft. in die erst die Slandalafsären der letzten Monate lang­sam Licht bringen. Der sozial stifche Präsident­schaftskandidat kann nur siegen mit Hilfe des Bürgertums, mit Hilfe der bürgerlichen Splitter­kandidaturen.

Mm Jarres ober Braun geht es am Sonntag, wird es auch im zweiten Wahlgang gehen. In Jarres, den Duisburger Oberbür­germeister, hat das Bürgertum den Anwärter

auf die Präsidentschaft, der ohne parteiliche Bin­dung, nicht der gewählte Vertreter einer Klasse, nicht der Exponerü eines Parteiprogramms, die feste Gewähr gibt, dah er als nationaler, deut­scher Bürger und sonst nichts fein hohes Amt verwalten wird über alle Parteien, alle Derufsschichten und Interessengruppen hinweg zum Wohle des ganzen Volkes.

Paris zu den deutschen Neichspräsidentenwahlen

Paris, 27. März. (TM.) Ganz Paris er» wartet gespannt den Ausgang der deutschen Prä- sidentenwahl. Man ist der Meber^eugung, dah Dr. Jarres im ersten Wahlgang d i e mei­sten Stimmen erhalten wird. Die endgül­tige Entscheidung werde. wie der ,Temps" glaubt, erst tm zweiten Wahl­gang fallen, wo sich aller Wahrscheinlichkeit nach nur zwei Kandidaten gegenüber fteben werden. Zu den 10 Millionen Stimmen, die für Jarres sicher seien, Kimen dann noch 23 Mil­lionen der Rationalfozialiften und der Bayerischen Dolkspartei hinzu. Der Rechtsblock werde also automatisch verwirllicht, während der Linksblock immer mehr problematisch erscheine, da die Sozia­listen. die für Braun 8 Millionen Stimmen erwarten, fich einer Sammelkandida- tur nicht unterwerfen wollen. Das Blatt richtet heftige Angriffe gegen die deutschen So­zialisten. die die Hauptschuld an der Zersplit­terung der republikanischen Kräfte tritten. Sie nehmen hartttäckrg einen der ihren als Erben Eberts in Anspruch und übersähen dabei, dah sich die innerpolitische Lage in Deutschland fett 1919 von Grund auf geändert hab«. Der .Temps" verübest Dr. Jarres die Aeuherung, dah die Zeiten Bismarcks zurückkehren mühten. Jarres überträfe also Streseinann, der es dabei bewenden lassen wolle, zwischm Vergangenheit und Gegenwart eine moralische Drücke zu schlagen.