Gietzener Anzeiger (Seneral-Anzeiger für Gveryenen,
Kr. 148 Drittes Blatt
Samstag, 2t. Juni 1925
Der „Novembersturm" von 1908.
Kaiser Wilhelm II. über die
Die schwerste innenpolitische Krise des Deut» schen Kaiserreichs, zu der die bekannte Veröffent- lichung eine- Interviews Kaiser Wilhelms II. mit dem englischen Oberst Etuart-Worthh im „Daily Telegraph" im November 1908 führte, ist seit langem eine Quelle von wahren, halbwahren und falschen Erzählungen und Legenden gewesen. Erst durch die Memoiren-Literatur der Nachkriegszeit, vor allem die aufschluhreichen Werke Otto Hammanns, ist ein wenig Licht in die' trüben Vorgänge gekommen. Die Große Aktenpublikation des Auswärtigen Amtes legt nun das Material der verantwortlichen Reichsbehörde vor und wird so dem «Historiker und Politiker neuen wichtigen Stoss für die Beurteilung dieses Falls liefern, der mit Recht als ein Symptom f ü r das ganze Regierung s s y st e m der wichtigsten Epoche der Monarchie Wilhelms II. von Mit- und Nachwelt gewertet worden ist.
Wir bringen im Folgenden aus dein jetzt erscheinenden 24. Bande der Drohen Aktenpublikation des Auswärtigen Amts') erstmalig einen Privatbrief des Fürsten Bülow aus dem September 1909 an seinen Nachfolger- Herrn von Dethmann Hollweg zum Abdruck, der rückblickend eine Darstellung der Krise gibt, die freilich nicht frei von Einseitigkeiten ist. Veranlassung zu dem Schreiben hatten schwere Angriffe der „Märkischen Volkszeitung" sowie - ; „Kreuz-Zeitung" auf die Haltung des damaligen Kanzlers gegeben, der nun eine amtliche Ehrenrettung erstrebte und sich deshalb an den Staatssekretär von Schoen und an Herrn v. Deth- mann Hollweg wandte. Aus den Randbemerkungen des Kaisers zu dem Immediatbericht Deth- manns. der sich gegen ein Dementi und die damit gegebene erneute Aufrollung des Streitfalles aussprach, ergeben sich charakteristische Abweichungen von der Dülowschen Vorstellung- sie legen wor allem Zeugnis ab über die tiefe Verstimmung, die bei dem Träger der Krone nach dem Verhalten seines ersten Deamten und vertrauten Freundes zurückgeblieben war. Diese Kluft wird doch auch als tiefste und letzte Ursache für den Rücktritt des Kanzlers im Juni 1909 und damit das Ende der schicksalsschweren „Aera Bülow" zu betrachten sein.
Reichskanzler a. D. Fürst von Bülow an den
Reichskanzler von Bethrnann Hollweg Privatbrief. Reinschrift.
Norderney, den 28. September 1909. Verehrter Freund!
Echoen wird Zehnen gemeldet haben, dah ich gegenüber den unwürdigen Verdächtigungen, denen ich seit einiger Zeit ausgesetzt bin, ein amt- liches, unzweideutiges und entschiedenes Dementi für notwendig halte. Die gegen mich verbreiteten Anschuldigungen sind dreiste und unsinnige Lügen. Cs ist nicht wahr, dah ich von dem Inhalt des im „Daily Telegraph" veröffentlichten Artikels vorher etwas gewußt hätte. Ich hahe das umfangreiche Manuskript im Drange der Geschäfte und im Vertrauen auf meine Untergebenen f. Z. nicht selbst gelesen und war überrascht und entsetzt, als ich es einige Wochen später aus der mir vorgelegten Wolff-Depesche kennenlernte. Die Veröffentlichung des Interviews durch Wolff ist spontan erfolgt, ohne vorherige Anfrage bei mir. Das Interview enthielt eine Reihe allgemeiner Betrachtungen über das Wünschenswerte e-ter Verbesserung der deutsch- englischen Deziehungen. die harmlos waren. Es enthielt eine Bemerkung über die englandfeindliche Stimmung weiter deutscher Kreise, die besser
’) „Die grobe Politik der Europäischen Kabinette 1871—1914." Sammlung der Diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes. Im Auftrage des Auswärtigen Amtes herausgegeben von Johannes Lepsius. Albrecht Mendelssohn Bartholdy, Friedrich Thimme. 4. Reihe: „Die Isolierung der Mittelmächte." Zweite Abteilung: Band 22 bis 25. Im Verlage der Deutschen Derlagsgesellschast für Politik und Geschichte in Berlin W 8.
,,Daily-Telegraph"-Affäre.
nicht Seiner Majestät in den Mund gelegt worden wäre, aber relativ unschädlich war. Das Interview enthielt aber weiter drei Punkte, auf welche die Sensation zurückzuführen war. die es in der Welt hervorrief und die Erregung, die in Deutschland entstand: Die Behauptung, dah Seine Majestät der Kaiser Ruhland und Frankreich verhindert hätte. England bis in den Staub zu demütigen: die Behauptung. dah Seine Majestät für England den Feldzug gegen d i e Duren ausgearbeitet hätte, und dah dieser Plan mit dem von Lord Roberts durchgesührten ziemlich identisch gewesen wäre: die Behauptung, dah wir unsere Flotte mit dem H ntergedanken bauten, sie im Stillen Ozean, d .h. gegen Japan zu verwenden. Ich habe, bevor das Interview erschien, nicht geahnt, dah Seine Majestät sich über diese drei Punkte in der im „Daily Telegraph" angegebenen Weise in England ausgesprochen hätte, geschweige denn mich nachträglich mit einer solchen Sprache einverstanden erklärt oder gar dazu geraten.
Ich habe Gerne Majestät wahrend meiner Amtszeit stets eindringlich um Vorsicht und Zurückhaltung in politischen Gesprächen gebeten. Ich habe einen großen Teil meiner Zeit und Arbeitskraft darauf verwenden müssen, die stattgefundenen Entgleisungen und Indiskretionen wieder gutzumachen. Ich habe Seine Majestät speziell gebeten, den Engländern kein Wort zu sagen, das Russen und Franzosen, Japaner und Amerikaner nicht wieder erfahren könnten. Ich wäre mir natürlich nicht einen Augenblick im Zweifel darüber gewesen, dah eine so drastische Anschwärzung der Russen und Franzosen bei den Engländern von letzterem "nur als ein Versuch ausgefaht werden würde, die von ihnen angebahnte Annäherung an jene Länder zu durchkreuzen, und dah damit das gerade Gegenteil der gewünschten Wirkung erzielt werden muhte. Die allerhöchste Aeuherung über den Feldzugsplan gegen die Duren kann ich schon deshalb nicht angeraten oder gutgeheihen haben, weil ich den betreffenden Dries Seiner Majestät an die Königin Viktoria gelesen hatte und wuhte, dah derselbe aphoristisch« und akademische Detrachtungen über Kriegführung enthielt und für den Ausgang des südafrikanischen Feldzugs nicht von praktischer Dedeutung gewesen sein konnte, ilnb was endlich Japan angeht, so habe ich Seine Majestät immer und immer wieder gewarnt, dieses empfindliche und mihtrauische Volk nicht noch argwöhnischer zu machen, als es durch mancherlei Vorgänge („Völker Europas, 'wahrt Eure heiligsten Güter", Reden über „yellow peril" ufto.) ohnehin geworden sei. Ich entsinne mich, dah ich vor zwei oder drei Jahren telegraphisch einen schon seit mehreren Tagen abgegangenen Dries Seiner Majestät an Roosevelt zurückgehalten habe, weil er mir, als ich nachträglich von feinem Inhalte erfuhr, unvorsichtig eWendungenüber Japan zu enthalten schien.
Ich kann mich nicht erinnern, Seiner Majestät im Herbst 1907 während seines Besuches in England überhaupt über die von ihm geführten Untenebungen geschrieben zu haben. Ich glaube es nicht. Das aber kann ich mit der äußersten Bestimmtheit erklären, dah ich mich gegenüber Seiner Majestät mit Aeuherungen wie die vom „Daily Telegraph" wiedergegebenen über jene drei Punkte niemals schriftlich noch mündlich, weder brieflich noch telegraphisch einverstanden erklärt habe, noch einverstanden erklären konnte. Die „Deutsche Tageszeitung" behauptet, Seine Majestät der Kaiser habe gelegentlich Briefe von mir, in denen ich meinem Einverständnis Ausdruck gegeben hätte, „einem Politiker" gezeigt. Man zeige mir diese Briese. Sie existieren ebensowenig wie der fragliche Politiker. Ich habe die in Rede stehenden Aeuherungen Seiner Majestät vorher ebensowenig gekannt, wie ich vorher etwas wuhte von dem Brief an Lord Tweedmouth, von der Derioahrung gegen die Kandidatur des amerikanischen Botschafters
Wie ich Tisch rückte.
Don Karl Etilinger.
Schuld an der ganzen Geschichte ist meine Braut, dieResi; sie wollte durchaus den Napoleon!, sprechen. Sie hat ihn was Wichtiges zu fragen. Nämlich, sie wohnte neulich einer spiritistischen Sitzung bei, und da erschienen der Neihe nach Friedrich der Große, Julius Cäsar, Plato, das Mädchen aus der Fremde, Schopenhauer, Till (fplen(piegel, Mohammed und der Ässe, von dem die Menschen abftammen, und seitdem hat Nest einen Tisch im Kopf, der rückt beständig hin und her.
„Gut", sagte ich schließlich, „der Schönere gibt nach!" Und ich veranstaltete eine soiritistische Sitzung, oder wie man auf deutsch sagt, eine Söance. Vorher sah ich noch schnell in der Grammatik nach, wie bon jour auf französisch heißt, damit ich mich nicht blamiere, falls der Napoleon wirklich kommt. Hoffentlich ist er gerade anderswo beschäftigt, denn ich habe da kürzlich ein Buch ge- lesen „Napoleon und die Frauen", und ich muß sagen: Er ist kein Verkehr für meine Nesi. Aber vielleicht hat er sich nach seinem Tod gebessert. Ich habe ja auch die Absicht, das zu tun.
Also die Nesi, mein Freund Maxi und sein Darfl Lumpl tarnen abends zu mir. Ich befahl dem Lumpl, sobald er den Napoleon riecht, soll er ein Zeichen geben. Durch Heben seines linken Hinterbeines. Dann ruckte ich den Tisch in die Zimmermitte, machte dunkel, und die Nesi schreit ,Au!", weil ich sie gezwickt hatte. Denn, wie das Sprichwort sagt: Je dunkler, desto munkler. Und weil mich die Nase so juckte, flüsterte ich: „Resi, ich spür' schon was! Ich glaub, er kommt!"
Und richtig, auf einmal fängt der Tisch an sich zu bewegen. Mir lief's eiskalt über den Rücken, denn mein Tisch ist sonst ein wohlerzogenes Möbel, und ich wünschte nicht, dah er sich das Spazierengehen angewöhnt. Denn wenn ich einmal einen Brief zu schreiben hätte, und mein Tisch machte derweil einen Tagesausflug, nein, dazu habe ihn nicht gekauft! „Brr!" machte ich, damit der Malefiz- tifch einhielte, und ärgerte mich, daß ich nicht wußte, wie „Brr" auf französisch heißt. Aber der Tisch schlepperte weiter, und plötzlich wispert der
Tisch mit einer Grabesstimme, als ob der Geist im Hamlet unpäßlich wäre und sie ihn vertreten müßte: „Wir fühlen deine Nähe, seliger Geist! Wer bist du?"
Und nach einer Weile, in der der Tisch den reinsten Foxtrott getanzt hat: „Es ist der Sakra» tes!"
„Sokrates dort?" rief ich. „Falsch verbunden! Läuten Sie ab!"
Jetzt wurde die Resi sehr böse. Sie behauptete, ich verscheuche die Geister. Aber ich erwiederte falt: „Solange ich die Miete zahle und nicht der Sokrates, bestimme ich, wer hier erscheinen darf!" Wir un» terhielten uns eine Stunde über diesen Punkt, und wie ich wieder zu Worte kam, sagte ich: „Versuchen wir's noch einmal!"
Wir saßen also wiederum da wie die Oelgögen — es war wirklich schade um die schöne Dunkelheit — und auf einmal — das Haar sträubte sich mir — hebt der Lump! das linke Hinterbein. Gesehen habe ich's nicht, aber gehört. Und schon saust der Tisch im Zimmer herum, von einer Ecke in die andere, holterdipolter, und ich nahm mir vor: beim nächsten Pferderennen lasse ich ihn mitlaufen! Die Resi aber stöhnte: „Diesmal ist es der Napoleon!!"
Da nahm ich all mein Französisch zusammen und redete ihn an: Bon jour, madame, Eau de Cologne, rien ne va plus, Chambre separs Louis quatorze!"
Und weil der Tisch gar nicht aufhorte, in meinem Zimmer Karussell zu fahren, drehte ich kurz entschlossen das Licht an, und — da sahen wir die Bescherung: der Lumpl war mit seiner Leine an das eine Tischbein angebunden und zog den Tisch im Zimmer umher. Das linke Hinterbein hatte er nicht aus Spiritismus gehoben, sondern weil er so stubenrein ist, der gute Hund.
Mein Zimmer aber ist feit dieser spiritistischen Sitzung wie verhext. Gestern z. B., wie ich von dem feuchtfröhlichen Iunggesellenabend nach Hause kam und mich auf das Sofa legte, ritt das Sofa mit mir im ganzen Zimmer herum. Fünfmal bin ich heruntergefallen und wie ich aufwachte, saß ich angezogen im Kleiderschrank. Und da kann nur der Spiritismus dran schuld fein — oder die Spirituosen?! ,
Hill, von der Swinemünder Depesche an den Prinz-Regent von Bayern, voi dem Telegramm an den Fürsten von Lippe, von sehr viel.m Reden, von der Hunnen-Rede des Sommers 1900 bis zur Schwarzseher-Rede im Manöver 1906. Die gegen mich gerichteten Angriffe enthalten noch andere und zahlreich« Unwahrheiten.
Ich habe nach meinem Rücktritt keinen anderen Wunsch als den, jedes Hervortreten in der Oeffentlichkcit zu vermeiden und ein friedliches und unabhängiges Leben zu führen. Ich habe aber das Recht, zu verlangen, daß derartigen niederträchtigen Verleumdungen entgegengetreten wird, die sich gegen die Ehre eines Mannes richten, der unter schwierigen Verhältnissen und nicht ohne Erfolg 12 Jahre Minister und 9 Jahre Reichskanzler war. Wohin soll cs führen, wenn diese Derleumdungskampagne weitergeht, weirn ich schließlich nicht länger schweigen kann, wenn es vielleicht zu Prozessen kommt, und wenn meinen Erklärungen, die ich auf meinen Eid nehme, angebliche Aeuherungen Seiner Majestät entgegengehalten würden. Es würde das eine der traurigsten Wendungen in der deutschen Geschichte sein, die ich der Krone und dem Lande ersparen möchte.----
Wenn der „Reichsanzeiger" ein deutliches und entschiedenes Dementi bringt, Seine Majestät mich bei meiner in der zweiten Hälfte Oktober bevorstehenden kurzen Anwesenheit in Berlin sieht und ich dann nach Rom übersiedele, wird das ganze elende Getratsche aufhören. Das Dementi muß aber, wenn es wirken soll, klipp und klar feststellen, daß die von einer Reihe von Blättern übernommenen und ausgeschmückten Angaben der „Märkischen Volkszeitung", sowohl was das Interview im „Daily Telegraph" angeht, als hinsichtlich des Verhältnisses Seiner Majestät zu mir in allen Punkten unwahr sind. Ich zweifle nicht daran, daß Sie. verehrter Freund, der Sie alle Mühen und Kämpfe dieses Winters mit mir durchgemacht haben, im Interesse der Dynastie wie des Vaterlandes weiteren Schaden und ilnfjeU vorbeugen werden.
Mit herzlichem Gruß Ihr treu ergebener Bülow.
Der Reichskanzler v. Dethmann Hollweg an Kaiser Wilhelm II.
Telegramm. Entzifferung.
Geheim.
Linderhof. den 28. September 1909.
Euerer Majestät bedauere ich berichten zu müssen, daß nicht nur Zentrumsblätter, sondern neuerdings auch die „Kreuzzeitung" tn eine Polemik über die Vorgänge bei den Veröffentlichungen des „Daily Telegraph" und den Rücktritt des Fürsten von Dülow eingetreten sind und damit erhebliches Aufsehen hervorgerufen haben. Die Darstellungen laufen darauf hinaus, daß Fürst von Dülow von den Unterredungen Euerer Majestät in Highcliffe vorher Kenntnis gehabt und sie mündlich und schriftlich gebilligt habe'). Die später im „Daily Telegraph" erschienene Publikation fei also von Fürst von Dülow veranlaßt, das ihm seinerzeit in mehreren Ab- 3ügen2) überfanbte Manuskript sei im Auswärtigen Amt vom Unterstaatssekretär Stemrich und Geheimrat Klehment gelesen2) und daraufhin habe der Reichskanzler in Äorderney') die Veröffentlichung genehmigt*).
Im Zusammenhang hiermit wird der Rücktritt des Fürsten von Dülow auf diese Vorgänge und nicht auf die Abstimmungb) in der Erbschaftssteuer-Frage zurückgeführt. Fürst von Dülow hat in einem an den Staatssekretär des Auswärtigen Amts gerichteten Driefe die Richtigkeit dieser Darlegungen bestritten^) und ein Dementi im „Reisanzeiger" beantragt, da es nicht angängig fei, das Odium seines Rücktritts von den Parteien, die gegen die Erbschaftssteuer gestimmt hätten, abzuwälzen.
Auch die wichtigsten Zeitungen verlangen eine amtliche Erklärung der Regierung ... Ich kann es nicht für opportun halten, mit einer amtlichen Erklärung hervorzutretenH. Die Tatsachen selbst sind mir nicht aus eigener Anschauung bekannt: ich könnte mich nur auf die Akten des Auswärtigen Amtes berufen, die gerade über die von dec „Kreuzzeitung" relevierten Vorgänge nicht ersvchöpfend sind. Die Allerhöchste Person Euerer Majestät aber in den Streit zu ziehen, indem ich etwa die mir von Euererer Majestät
Hessische Vereinigung für Volkskunde.
Die Hejs. Vereinigung für Volkskunde hielt am 20. Juni 1925 zu Michelstadt i. O. ihre diesjährige Hauptversammlung ab.
Die Mitgliederzahl der Vereinigung ist in erfreulichem Wachstum begriffen; sie beträgt jetzt 820. Die Vereinigung gibt die Hessischen Blätter für Volkskunde heraus, wovon bis jetzt 22 Bände erschienen sind. Band 23 ist eben im Druck und wird in den nächsten Tagen ausgegeben.
Seit langer Zeit besaßt sich die Vereinigung mit der Sammlung der hessischen Flurnamen: zwei Arbeiten sind gedruckt, für weitere Veröffentlichung fehlen vorläufig noch die Mittel. Der größte Tell der Flurnamen ist bereits gesammelt; die Handschriften werden im Staatsarchiv in Darmstadt aufbewahrt. Dem Ar cki o der Bereinigung in Gießen gingen im abgelaufenen Jahr eine größere Anzahl wertvoller Stücke zu. Im kommenden Geschäftsjahr soll der neubearbeitete Fragebogen versandt werden. Die Antworten auf den vor etwa 20 Jahren ausgegebenen Fragebogen find sehr sorgfältig geordnet worden und bilden eine außerordentlich wertvolle Quelle für die volkskundliche Forschung. Reiche Unterstützung hot die Bereinigung erfahren durch den hessischen Staat, durch die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft in Berlin, durch das amerikanische „Relief Committee for German and Austrian Science and Art" und auch von privater Seite. Der Borsitzende sprach allen Gebern den Dank der Bereinigung aus.
Die legte Nummer der Zeitschrift „Bolt un b Scholle" wurde als volkskundliche Nummer ausgegeben; sie wird allen Mitgliedern zugesandt.
Im Anschluß an die Geschästssitzung hielt Stadtbibliothekar N o a ck aus Darmstadt einen Vortrag über „Wilhelm v. Plönnies als Mitbegründer der Hessischen Volkskunde". . v
v. Plönnies lebte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts unb war hessischer Offizier. Als leidenschaftlicher Jäger hielt er sich oft im Odenwald auf unb erkuschte dort in Spinnstuben und be: Volksfesten über 500 Volkslieder, die er zum Teil mit den Weisen aufzeichnete. Angeregt wurde
gemachten vertraulichen Mitteilungen her Oeffent- lichkeit prcisgebe, ist fclbftrcbcnb ausgeschlossen*). Auch erscheint cs bedenklich, tüc Richtigkeit einer feierlichen Erttarung der Staatsregierung, wie diejenige im November v. I noch einmal zu bestätigen und damit einer erneuten Diskussion oder Interpretation zu unterziehen. Endlich würde meines Erachtens dem Polemisieren nur neuer Stoff zugeführt werdend
Ich glaube daher, ehrfurchtsvoll die Ermächtigung Euerer Majestät dafür erbitten zu sotten, daß von einer Erklärung nach dem Anträge des Fürsten von Dülow zunächst noch abgesehen^) und abgewartet werde, ob etwa dir Preß-Erörterungen sich fortsetzen und einen bedenklichen Grad erreichen. In diesem Falle würde ich mir erlauben, Euerer Majestät ein: entsprechend: Vorlage zu machen.
Alleruntertänig st
Dethmann Hollweg.
Randbemerkungen Kaiser Wilhelms TL: •
') Nichtig.
2) 1 Abzug.
s) dafür hat Dülow Klehmet ja aus dem Amt gejagt! ...
4) ja! sein Einverständnis ist mir schriftlich zugcgangen.
®) falsch! Er ist wegen beider Sachen gegangen. hauptsächlich aber wegen der Erbschaftssteuerabstimmung
e) sie sind richtig.
') unter keinen Umständen.
*) richtig.
9) richtig! Sie darf nicht statthaben unter keinen Tlmständen.
Der Eichener Haushalts-Voranschlag für 1925.
in. (Schluß.)
3m Vergleich zu den Vorjahrsziffern weisen die S t e ü e r t i t e l des neuen Voranschlages durchweg wesentliche, zum Teil sogar recht bedeutende Erhöhungen der Einnahmeansähe auf. So werden aus der Getränkesteuer jetzt 100 000 statt 70 000 Mk. im Vorjahre, also ein Mehr von 80070Mk. erwartet; der Voraussicht! che Anteil an der Reichseinkoinmen- und Körpcrschaftssteuer ist von 307 990 Ml. in 1924 um 262 010 Mk. auf 570 000 Mk. für 1925 hcraufgefetzt worden; den Anteil an der Reichsurnsahsteuer hat man von 59 290 Mk. in 1924 um 35 710 Mk. höher auf 95 000 Mk. veranschlagt: die Grunderwerbsteuer, die für 1924 mit 10 000 Mk. angesetzt war, soll int neuen Jahr 45 000 Mk. mehr, also 55 000 Mk. bringen; bescheiden ist die Erhöhung der Vergnügungssteuer, die von 40 000 Mk. im Vorjahre letzt um 10 000 Mk. auf 50 000 Mk. herauf- fommen soll; ebenso bescheiden ist der Mehr- ertrag aus der Hundesteuer veranschlagt, die statt 25 000 Mk. im Vorjahre jetzt 4000 Mk. mehr, also 29 000 Mk. bringen soll, wobei jedoch zu beachten ist, dah die Erhebungskosten von 2000 Mk. im Jahre 1924 auf 4000 Mk. im neuen Jahre anwachsen werden; der stärkste Sprung nach oben bleibt aber der Gebäude-. Grund-, Gewerbe- und städtischen Sondersteuer vom bebauten Grundbesitz Vorbehalten, denn der Ertrag aus diesen Quellen soll von 647 529,07 Mk. im Jahre 1924 um 462 470.93 Mk. auf 1110000 Mari anwachsen. Als Ausgleichsmitlel sind 300 000 Mk. vorgesehen. Das sind Ziffern und Erhöhungen, die nicht leicht zu nehmen sind. Man wird aber trotzdem nicht behaupten können, daß n.it der Dewilligung dieser Anforderungen allen Erfordernissen Rechnung getragen werden könne.
Inwieweit die Stadtverwaltung bei der De- rechnung der Dotanschlagssähe die steuerlichen Cinnahmemöglichkeiten ausgeschopft hat, wissen wir nicht. Der Voranschlag gibt keine Auskunft über die Höhe der einzelnen Ausschlags- sähe. ebenso ist darin keine Angabe übet die Zenfitenzahl zu finden, aus der man Rückschlüsse auf die Demessung der Ausfchlagssätze ziehen könnte. Die entsprechende Aufklärung wird nun die Stadtverordneten-Sitzung am kommenden Donnerstag bringen, in der man sich mit dem Voranschlag beschäftigen wird. Es ist in diesem Zusammenhang aber von Interesse, zu er hierzu durch Uhlands Sammlung alter hoch» und niederdeutscher Volkslieder, die 1842 erschienen mar. Auch seine Soldaten brachte v. Plönnies zum Singen und Erzählen. Neben den Volksliedern sammelte er eifrig Märchen, Legenden, Sagen, Sprüche und Sprichwörter. Seine Lieder sind in Urfo Liederhort aufgenommen worden. Der Vortragende brachte noch eine reine Fülle persönlicher Etnzclzüge des wackren Offiziers und gab somit ein wohlabgerundetes Bild dieser Persönlichkeit.
Nach einer kurzen Pause nahm das Wort Oberstudiendirektor Dr. Georg Faber aus Friedberg und sprach über die Volkskunde im Unter- richt, zier Begriff Volkskunde ist noch nicht genau bestimmt, ihr Gebiet noch nicht scharf umrissen. Abstammung, Wohnung, Kleidung, Beschäftigung, Gerätschaften, alle volkhaften Eigennamen, die Mund- art, die volkstümlichen Redensarten, Volksrecht Spiel und Tanz, Märchen, Sagen, Sprüchwörter, Rätsel unb anderes meyr machen das reiche Feld der Betätigung für den Volkskundler aus. Die Volkskunde erstreckt sich nicht nur auf die unteren Volksschichten, sie umfaßt das gesamte Volk. Möglichst viele Volksgenossen sollten oammler werden. Doch müssen sie das Volk kennen und seine Sprache verstehen. Redner beklagt die Zersplitterung und Verfremdung unseres Volkes und hofft, hier Waydel zu schaffen durch eine gründliche Durchdringung des Unterrichts mit deutschem Geiste. Volkskunde soll nicht als besonderes Fach gelehrt, sondern der gesamte Unterricht soll damit durchtränkt werden. Er zeigt dann im einzelnen, wie das geschehen kann und was alles dabei zu beachten ist. Zum guten Gelingen hält er es für notwendig, daß die jungen Lehrkräfte aller Schulen sich gründlich mit der Volkskunde vertraut machen. Dazu ist unerläßlich, daß in den neuen pädagogischen Akademien gründlicher Unterricht in der Volkskunde erteilt und daß an der Landesuniversität ein Le h r° st u hl für Volkskunde errichtet wird. Ferner bezeichnet der Redner es als besonders wichtig, daß in jedem Dorf ein volkskundliches Archiv gegründet werde, zum Teil im Arbeitsunterricht, das dem Lehrer den notwendigen Lehrstoff bietet.
Die Darbietungen boten den zahlreich Erschienenen wertvolle Anregungen und sie dankten mit lebhaftem Beifall. Dr. t—x.


