Samstag, 21. Juni 1925
175. Jahrgang
Nr. 148 Erstes Blatt
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Was sagt Chamberlain?
Chamberlains große Rede im englischen Unterhaus findet überall in der Welt ein etwas mißgestimmtes Echo. Sie hat bei aller Klarheit der Form nicht zu widerlegen vermocht, daß Chamberlain sich von Briand hat ins Hintertreffen drängen lassen. Diese Rede allerdings, sieht man sic als poli- tische Tat an, hat die Stellung der beiden Staatsmänner wieder wesentlich geändert.
Zu Beginn seiner Ausführungen streifte der Außenminister die heikle Frage seiner Abhängigkeit von Briand, betonte aber dabei, daß nicht er allein, sondern das gesamte Kabinett hinter dieser Politik stünde. Es erscheint als ein wesenlliches Ziel der Rede, eine möglichst breite Grundlage im Parlament als Podium für ihre Ausführungen zu gewinnen. So zog denn der Minister eine Linie von der Politik des Kabinetts Macdonald zu dem feinigen, indem er betonte, sie alle, welcher Partei sie auch anqehörten, hätten nur das Ziel, den Frieden zu erhalten und einen Krieg unmöglich zu machen.
Eine europäische Hegemoniepolitik lehnt er für die Zukunft ab, vielmehr soll der Friede nicht durch Bündnisse gegen einander, sondern durch Vertrüge miteinander gesichert werden. Freilich reserviert er sich für England das Recht der „splendid I s o l a t i o n", von der er zwar nach außen weit abrückt, doch dem Sinne nach sehr gern Gebrauch macht „in der weisen und klugen Anwendung seines Einflusses und seiner Macht zur Aufrechterhaltung des Friedens und zur Verhinderung eines neuen Krieges".
Die Stabilität der Lage ist ihm eine Vorbedingung für jede gesunde Weiterentwicklung. Die Psychose der Sieger freilich hat auch ihn ergriffen, denn er hat in feinen Ausführungen mehrfach betont, die Angst vor einer Wiederoergeltung und Abrechnung hielte die ganze Welt in Atem. Wie ein Deutschland mit 100 «'00 Soldaten einer geschlossenen Front von bis an die Zähne bewaffneten Mächten irgendwelche ernsthafte Angst einflößen kann, ist nicht recht erfindlich. Die augenblicklich für Chamberlain bestehende Stabilität der Lage kann allerdings nicht hindern, daß ev für England volle Handlungsfreiheit fordert, und so betont er denn immer wieder, daß mit der deutschen Initiative und der soeben erfolgten französischen Antwort nichts, gar nichts von bindendem Wert gesagt fei. Lediglich das Vorspiel zu *■ Zbeginnenden Verhandlungen sei damit eröffnet, 'lieben der unbedingten Willens- und Handlungsfreiheit, die sich England vorbehält, ist jedoch noch ein weiteres Moment von Wichtigkeit, das Chamberlain für sich reservieren möchte: Die anzustredende Sicherung des europäischen Friedens darf keinesfalls eine noch weiter- gehende Belastung Englands im Sinne von neuen Verpflichtungen bringen, als ihm schon jetzt aus dem Friedensvertrag und den Dölkerbundssaßungen erstanden sind.
Von nicht zu unterschätzender Bedeutung will auch die offene Anerkennung sein, die der Minister „dem Mute, der Aufrichtigkeit und der Staatskunst der Männer, die die kühne Initiative ergriffen haben", ausgesprochen hat, ein Passus, der von dem dichtbesetzten Unterhause mit Beifall ausgenommen wurde. So erfreulich solche ritterlichen Verbeugungen des Gegners auch fein mögen, wir dürfen nicht die Gefahren vergessen, die sich dahinter verbergen. Chamberlain tut diele Geste in dem Bewußtsein absoluter eigener Sicherheit, denn als unmittelbar nach diesen Gedankengängen die Besprechung der Stellung Englands zu der deutschen Ostgrenze erfolgte, zeigte cs sich deutlich, daß die Situation, wie sie jetzt geschaffen werden soll, für England absolut eindeutig, desinteressant, für Deutschland dagegen außerordentlich verwickelt, in ihren Auswirkungen schon wieder fast bis zur Eindeutigkeit verzweifelt ist. Für den Fall eines Krieges zwischen Polen und Rußland, i.n dem Frankreich auf Grund seines De- fcnfiobünbnih'cs mit Polen den Durchmarsch durch das besetzte Gebiet fordert, Rußland jedoch Deutschland gegenüber zum Ausdruck brächte, daß es die Duldung dieser Aktion als feindliche Handlung auf« fassen würde, müßte unbedingt dazu führen, Deutschland in einen Krieg, sei es gegen Rußland, sei es gegen Frankreich, hineinzuziehen, ohne daß weder England, noch sonst eine andere Macht ein Interesse oder die Pflicht habe, Deutschland und seine Grenzen irgendwie zu schützen.
In der Tat, überblickt man rückschauend die Rede Chamberlains, man_ kommt trotz ihres versöhnlich ausklingenden Schlusses zu der lieber- zeugung: „Die Furcht vor einem Kriege nimmt nicht ab, sondern f i e wäch st." Die Konzession an die Linke des Hauses, die Erwähnung der Abrüstungsfrage und die Art, mit der die Nichtabrüstung der Welt mit ziemlich klaren Worten ausgesprochen wurde, bestätigt das nur.
Wenn die englischen Staatsmänner denselben „Mut, dieselbe Aufrichtigkeit und Staatskunst" beweisen wollten, wie es die deutschen nach englischem Urteil_ taten, auch den französischen Verbündeten gegenüb*, bann dürfte sich wohl ein Weg finden, auf dem die Verhandlungen geführt werden können. Stellen wir uns getrost zu Chamberlains Standpunkt : E s s o 11 e r ft b e g i n n e n; dann wird auch der neuen französischen Ungeheuerlichkeit des Sicher- heitsvorschlaaes ihre Spitze abgebrochen. Unsere Regierung ist es gewesen, die die Initiative in der wichtigen Frage des europäischen Friedens ergriffen hat. Gelingt es ihr, den groben Ketilenschlag des französischen Kontrahenten geschickt zu parieren und sich die Hände frei zu halten, so wird sie auch noch weiter in der Initiative bleiben können, um die Verhandlungen endlich und vielleicht zum ersten Male dahin zu bringen, daß Deutschland als gleichberechtigte Macht einen seiner Eigenart und seiner Bedeutung entsprechenden Platz in dem Rate der Volker erhält, die sich um die Erhaltung des Friedens in Europa sorgen. Denn ein Sicherheitspakt,
Die Sicherheitsfraqe im Reichskabinett.
Berlin. 26. Jenl (IDCM Das Leicht» f a b l n e f t hat sich In diesen Lagen mit der französischen Antwortnote zur Sicherheitsfrage befaßt, lieber das (Ergebnis der Beratungen erfahren wir an zuständiger Stelle Folgendes:
Auf der letzten BoQoerfammlung des Völkerbundes war ein Protokoll über die friedliche Erledigung internationaler Streitigkeiten, das sogenannte Genfer Protokoll, ausgestellt worden. Ferner war durch im kreise der Alliierten gepflogene (Erörterungen über die Räumung der nördlichen Rheinlandzone gegen Ende des vergangenen Jahres das Sicherheitsproblem erneut in den Mittelpunkt der internationalen Erwägungen gerückt worden. Die deutsche Außenpolitik sah sich damals vor die Frage gefteUt, ob sie die Lösung der Sicherheitsfrage den allier ten IDe ff müßten allein überlassen, ober auf eine Lösung unter IRifbeteiligung Deutsch- lanbs hinwirken solle.
Deutschland lag daran, den anderen Machten gegenüber klar zum Ausdruck zu bringen, daß es bereit sei, an einer Sicherheitsregelung mitzuwir- fen, deren Endziel die von Deutschland selbst erstrebte Entwicklung auf den Bahnen des allgemeinen Friedens durch eine wirkliche Befriedung Europas fein sollte.
Demgemäß erfolgte feilens des Auswärtigen Amtes um die wende des Jahres eine entsprechende diplomatische Fühlungnahme. Reichskanzler Dr. Luther hat in seiner Rede vom 30. Januar vor der ausländischen Presse zum Ausdruck gebracht, bah Deutschland an der Verwirklichung des Sicherheitsgedankens ein reales Interesse habe und zur positiven Mitarbeit daran bereit sei. Im Einklang
aus einem Ring von Sonderbündnissen gegen eine einzelne Macht bestehend, ist kein Sicherheitspakt. Erst wenn der Geist des Friedens und der Der- söhnung, von dem besonders im französischen Lager ununterbrochen geredet wird, von dem wir durch unsere tatsächlich bestehende Abrüstung schon mehr als einmal laut und deutlich als durch eine vollzogene Tatsache Kunde gegeben, erst wenn dieser Geist auch jenseits der deutschen Grenzen aus der toten Phrase zu lebendigem Besitztum ersteht, dann wirb dieser Versuch zur Herstellung einer gesunden Stabilität die Möglichkeit des Erfolges bieten. Eher nicht.
Laillaux' Knanzprogramni.
Paris, 26. Juni. (Wolff.) Nach Beendigung des M i n i st e r r a t e s ist den Pressevertretern milgeteilt worden, daß der Text der Finanzvorschläge erst nach Mitteilung an die Kammer mitgeteilt werden wird. Die Havasagentur glaubt jedoch bereits jetzt berichten zu können, was die Gesetzentwürfe in ihren Grundlinien enthalten:
1. Eine Erhöhung des Notenumlauf s um sechs Milliarden Franken und eine gleichzeitige ErhöhungderDorschüsse der Bank von Frankreich an den Staat, damit den Bedürfnissen des Schatzamtes für die nächsten Verfalltage Genüge geleistet werden kann. (Die Havasagentur gibt allerdings nicht an, ob in diesem Betrag die bereits provisorisch bis zum 15. Juli bewilligte Erhöhung des Notenumlaufs um vier Milliarden einbegriffen ist.)
2. Die Schaffung von 4projentigen, durch den Staat garantierten Schatzbands, die den Inhaber vor ferneren Währungsschwankungen schützen. Der Gesetzentwurf sehe eine ganze Reihe von Sispqfitionen vor, über die die Regierung sich Vorbehalte', dem Parlament die notwendigen Aufklärungen zu geben.
Die Krise im Linkskartell beigelegt.
Paris, 26. 3uni. (WTD.) Die Dorstände der zum Kartell der Linken gehörenden Kammerfraktionen haben heute nachmittag eine Sitzung abgehalten, in deren Verlauf die Sozialisten die Erklärung abgaben, daß das Ergebnis des Referendums weder den Bruch des Kartells noch die endgültige Aufgabe der Tlnterstühungspolitik bedeute. Die Sozialistische Partei bleibe im Gegenteil dem Grundsatz der Zusammenarbeit mit den anderen Parteien treu und sei geneigt, die Regierung zu unterstützen, wenn ihre Handlungen nicht im Widerspruch mit den Grundsätzen der Sozialisten stehe.
Was die Finanzreform anbelangt, so wäre auf Antrag des Abgeordneten Laucheur beschlossen worden, eine vermittelnde Formel zu suchen, die es den vier Fraktionen des Kartells gestatte, dem Gesetzentwurf, den Laillaux eingebracht habe, zuzustimmen. Die Formel kann vielleicht darin bestehen, daß als Gegenmaßnahme für die Vermehrung des Rotenumlaufs Vorkehrungen getroffen werden zur Durchführung der finanziellen Sanierung und des allgemeinen Ausgleichs. Es soll also durch ein Amendement der jetzige Gesetzentwurf mit einem allgemeinen Sanierungsplan verbunden werden. Das Finanzprogramm vor dem
Kammerausschuh.
Paris, 26. 3uni (WB.) Der Finanzausschuß der Kammer hat nach Verhandlungen mit Finanzminister Caillaux den Vorschlag der Sozialisten, eine Abgabe vom Kapital vorzunehmen, mit 19 gegen 14 Stimmen ab gelehnt. Hierauf wurde mit 20 gegen 14 Stimmen beschlossen, in die Beratung des vorgelegten Gesetzentwurfes einzutreten. Der Finanz-
nrtf Mefem Grundgedanken erschien es nach dem Lr- grimir der diplomatischen Sondierungen unter Berücksichtigung der außenpolitischen Gesamtlage dem Auswärtigen Amt für angebracht, den alliierten Regierungen zur Kenntnis zu bringen, auf welcher Grundlage eine Mitwirkung Deutschlands an der Regelung der Sicher- heitssrage in Betracht kommen konnte. Zu diesem Zweck wurde den alliierten Regierungen im Februar ein Memorandum überreicht, bas die verschiedenen Losungsmöglichkeiten zur Erörterung stellle. Nachdem die vom französischen Botschafter übegebene Note vom 16. Juni konkrete Vorschläge gemacht hat, die die deutscherseits bezeichneten Lö- sungsmöglichkeiten teils ändern ober miteinander verbinden und ihnen neue Vertragskonstruktionen hinzufügen, ist nunmehr das Kabinett zu einer Beratung des Gesamtkomplexes der dadurch aufgeroor- fenen Fragen zusammengetreten.
Das Kabinett ist dabei übereinstimmend zu dem Ergebnis gelangt daß die in der französischen Note vorgeschlagenen Erörterungen zur Vorbereitung einer endgültigen Stellungnahme alsbald aufzunehmen sind
Die deutsche Regierung, die im Einklang mit den Schlußworten der französischen Note auch ihrerseits das Zustandekommen von Verhandlungen begrüßen würde, die zu einer neuen und wirksamen Friedensgewähr führen, wird unentwegt an dem Ziel Deutschlands festhalten, im Sinne der vorstehend bargelegten Bestrebungen zu einem wirklichen Frieben zu gelangen, ber burch bas Sicherheitsabkommen auf volle Gegenseitigkeit begründet werben soll.
ausschuh hat alsdann mit wenig redaktionellen Aenderungen die vier Paragraphen des Gesetz- entwurfes angenommen. Cs wurde ferner ein Zusatzparagraph genehmigt, der die Regierung verpflichtet, vor Ende dieser Session einen Plan finanzieller Sanierung vorzulegen, der die Amortisierung der öffentlichen Schuld zum Ziele hat. Diese Amortisierung soll durch eine Amortisierungskasse durchgeführt werden. dez-en Mittel durch besondere Einnahme-
-quellen geschaffen werden sollen. Die Regierung wurde ferner verpflichtet, vor Ende der Session einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den die Erbs chafts st euer abgeändert wird.
schwere Kämpfe in Marokko.
Paris, 26. 3uni. (WTD.) Havas veröffentlicht den amtlichen Heeresbericht, der besagt, im Zentrum haben die feindlichen Einbrüche auf Ain-Maatouf keine Fortschritte gemacht. 3m Osten haben Dissidenten und Rif- kontingente, die im nördlichen Abschnitt am 24. und 25. 3uni gemeldet worden waren, ernste Einbrüche auf unsere Posten versucht. Auf der einen C^ite, im Tale von Oued-el-Kebir und im Hochtal von Leban und auif der anderen Seite, im Tale von Oued-Mooun sind sie auf den energischen Widerstand der franzosentreuen Stämme gestoßen, die mit Unterstützung französischer Streitkräfte einen heftigen Gegenangriff unternommen haben.
Bei Oued-el-Kebir ist der Feind aüf 2000 Meter nöpdlich unserer Stellungen zurückgeworfen worden. Ebenfalls ist er im Tale von Mooun zum Stehen gebracht worden und hat sich unter Verlust von 30 Toten und 6 Verwundeten in Einordnung zurückgezogen. Das Flugzeuggeschwader hat stark zum Erfolg des heutigen Tages beigetragen durch heftige Bombardierung der Dissidententruppen und der feindlichen Dörfer, von denen die Angrifisbewegung ausgegangen war.
Der polnische Zollkrieg.
Auch gegen Danzig.
Danzig, 26. 3uni (DD.) Der polnische Finanzminister hat das Landeszollamt ber Freien Stadt Danzig telegraphisch benachrichtigt, daß die vor einigen Sagen veröffentlichte R hmenverordnung betreffend d.s Einfuhr- verbot für bestimmte Warengattungen und für Waren, die aus Deutschland einge'süh t werden, Anwendung findet. Dee (Senat hrt daraufhin heute abend über die seitens der Freien Stadt notwendigen Schritte beraten und für morgen vormittag den Zusammentritt des Hruptaus- schusses bei dem Präsidenten des Dolkstages erbeten.
Chinesisches.
Eine amerikanische Vermittlungs- aktion?
Paris, 27. Juni. (TU.) Aus Washington wird gemeldet, daß der chinesische Gesandte dem Staatsdepartement ein Exemplar der Note überreicht hat, die dem diplomatischen Korps in Peking ausgehändigt worden ist. Im Weißen Hause wird die Möglichkeit einer Dermittlungs- aftion Amerikas zwischen China und den ausländischen Mächten besprochen.
Die Deutschen in Kanton unbehelligt.
Berlin, 27. Juni. (TU.) Halbamtlich wird mitgeteilt: Das deutsche Generalkonsulat in Kanton meldet unter dem 25. Juni 1925: Die Deutschen in Sanfon sind in ihren Wohnungen in = j 3 a uonhiöusL qun uohsöunH uajqpijaofß uaq biteben und befinden sich alle wohl.
Reid)sbantpräfibent Dr. Schacht in Darmstadt.
Die gegenwärtige Währungs- und finanzpolttische Lage.
Darmstadt, 27 3uni (Eig Drah b .r cht. i Gestern abend fand im Gebäude des hessischen Landtages in Darmstadt ein parlamentarischer Abend statt, der durch einen Dortrag des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht über die gegenwärtige DährungS- und finanzpolitische Lage eingeleitet wurde Der Vortrag tumbe im Sitzungssaal gehalten, der mit Blattpflanzen reich geschmückt war. Staatspräsident Ulrich war wegen Krankheit am Erscheinen verhindert. Anwesend waren die Minister von Brentano. Heinrich und Raab, außerdem die Abgeordneten sowie zahlreiche geladene Gäste, vor allem höhere Beamte der Ministerien, Vertreter des Provinzial-Direktoriums, des Kreisamtes d r Stadt Darmstadt, der technischen Hochschule, ber Hanbels-, Handwerks» unb Lanbwirtschaßs- Kammem unb anderer Korporationen und Behörden 3m ganzen waren es ungefähr 200 Personen, die, soweit sie nicht im Saale anwesend sein konnten, auf den Galerien Platz nahmen, um dem Dortrag beizuwohnen.
Der Reichsbankpräsident sprach einleitend davon, baß es notwendig sei, die finanzpolitische Frage einmal mündlich zu erörtern, ba bies burch bic Lektüre sehr schwer möglich sei. Der Redner verbreitete sich über bic
Entstehung bet Rentenmark unb bezeichnete sie als einen psychologischen Eingriff in bic beutsche Dolkspsyche. Der Wert ber Renten mark liege barin, daß s i e im rechten Augenblick bas Dertrauen ber Wirtschaft unb besonders der Landwirtschaft gewann. Die Renten- mark sei niemals gesetzliches Zahlungsmittel gewesen unb sei es auch heute noch nicht, doch habe die Reichsbank ihr diese Bedeutung verschafft.
Der Redner gab bann einen ileberblirf über die währungs- und finanzpolitische Lage bis zum Abschluß des D a wes - G u t a cht e n s. Als die Beratungen begannen, war die Stabilisierung schon durchgeführt. Die
Beeinflussung der Reichsbank-Organisation durch das Gutachten ist nicht sehr bedeutend und für uns durchaus zu ertragen. Der Einfluß des Auslandes beschränkt sich darauf, daß ein G e n e r a l r a t gebildet wurde, in dem 7 Deutsche unb 7 Ausländer sitzen. Der (Sone r a l r a t wählt den Präsidenten der Reichsbank, nur müssen immer 6 deutsche Stimmen für den Kandidaten abgegeben werden. Wählen die 7 Deutschen denselben Kandidaten, dann braucht er nur noch 2 Stimmen der Ausländer. Unter den Ausländern befinden sich ein Schweizer, ein Holländer und ein Amerikaner. Außerdem habe der Reichspräsident ein zweimaliges Bestätigungsrecht.
Der Einfluß des Generalrates auf die Geschäftsführung der Bank sei gleich Rull.
Tatsächlich ist das alte Reichsbankdirettorium das neue Reichsbankdirektorium.
Der Generalrat tritt einmal monatlich zusammen, um den Bericht des Kommissars entgegenzunehmen. Der Kommissar ist ein Holländer, der Rationalökonvm ist. Bisher ist die Zusammenarbeit mit den Ausländern reibungslos verlaufen.
Die Golddeckung der Reichsbank erfolge teils in Gold, teils in Devisen. Wir müssen 30 Proz. des Rotenumlaufs in Gold und 10 Proz. in Devisen halten. Heute haben wir einen Goldschatz von über 1 Milliarde Reichsmark. Wenn wir Gold oder Devisen an die Wirtschaft geben, so wird dies nur gegen Bezahlung von baren Reichsmark erfolgen, b. h. die Wirtschaft muh aus dem Verkehr soviel Roten entziehen, daß sie die Reichsbank bezahlt, was praktisch einen Rückgang des Rotenumlaufes bedeutet. Die Kredit- beschränkung ist ein Druck auf die Wirtschaft, möglichst viel und möglichst billig zu produzieren, um aus der Produktion heraus neues Kapital zu schaffen. Das ist ber einzige Weg, auf bem ber deutsche Kapitalmarkt aufgebaut werden kann. Wir halten den Zins- f u ß möglichst n i edrig.
Die Kapitalbildung ist heute das wichtigste für die deutsche Wirtschaft, was überhaupt geschehen kann. Sie wird durch die Steuerpolitik von Reich, Ländern und Kommunen nicht gerade gefördert. Die Derschwen- dungswirtschaft im Reich, in den Ländern und Kommunen ist ein kurzes Vergnügen, die Folge davon werden große sozialpolitische Äonfhfte sein. Handel, Industrie und Landwirtschaft wünschen langfristige Kredite. Wir haben daher veranlaßt, daß die D e r - sicherungs-Gefellsch asten unb andere öffentlich-rechtliche Kassen ihre Prämien unb Reserven langfristig an 3ndustrie, Handel und Landwirtschaft a u s l e i h e n. Diese Bemühungen sind von Erfolg gewesen.
Der Redner wandte sich dann scharf gegen die landwirtschaftlichen Zölle. Diese seien fein produktionsförderndes Mittel. Der Landwirtschaft fehlt es vor allem an Geld. Die Kreditfrage fei daher für die Landwirtschaft viel wichtiger, als die Zollfrage. Der Redner schloß feine Ausführungen mit dem Satze:
„3ch glaube, daß die ReichSbcnrk für sich ba£ Vertrauen in Anspruch nehmen kann, daß fi©


