Ausgabe 
27.6.1925
 
Einzelbild herunterladen

Samstag, 21. Juni 1925

175. Jahrgang

Nr. 148 Erstes Blatt

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vrvck und Verlag: vrühl'sche Umverfttüts-Vllch« itftfc ttettikAckerri H. Lange tn Stehen. Schriftlettung und Geschäftsstelle: Schulstratze 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bi» zum Nachmittag vorher ohne jedeVerdindlichkeit.

Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich8, auswärts 10 Goldpfennig: für Re« Kiame-Anzeigen D.70n.m Breite 35 (Bolbpfcnnig, Platzvorschrist 20° n Auf­schlag. - Verantwortlich für Politik u. Feuilleton: j. D.: Ehrhard Evers; für den übrigen Teil: Ernst Dlumschem: für den Anzeigenteil: HansBeck, sämtlich in Diesten.

E-Zcheint täglich, auster Sonn, und Feiertag».

Beilagen:

Gießener Familienblitter Heimat Im Bild.

Monats-Bezugspreis: 2®olbmarh u. 20 Dold- pfennig für Trägerlohn, euch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. Ferns prech-Anschlüsse: Schriftleitung 112, Ver­lag undGeschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach- richtenLnzeiaerGiehen.

Postscheckkonto: firanffurt a. M. 11686.

Was sagt Chamberlain?

Chamberlains große Rede im englischen Unter­haus findet überall in der Welt ein etwas miß­gestimmtes Echo. Sie hat bei aller Klarheit der Form nicht zu widerlegen vermocht, daß Chamber­lain sich von Briand hat ins Hintertreffen drängen lassen. Diese Rede allerdings, sieht man sic als poli- tische Tat an, hat die Stellung der beiden Staats­männer wieder wesentlich geändert.

Zu Beginn seiner Ausführungen streifte der Außenminister die heikle Frage seiner Abhängigkeit von Briand, betonte aber dabei, daß nicht er allein, sondern das gesamte Kabinett hinter dieser Politik stünde. Es erscheint als ein wesenlliches Ziel der Rede, eine möglichst breite Grundlage im Parla­ment als Podium für ihre Ausführungen zu ge­winnen. So zog denn der Minister eine Linie von der Politik des Kabinetts Macdonald zu dem feinigen, indem er betonte, sie alle, welcher Partei sie auch anqehörten, hätten nur das Ziel, den Frie­den zu erhalten und einen Krieg unmöglich zu machen.

Eine europäische Hegemoniepolitik lehnt er für die Zukunft ab, vielmehr soll der Friede nicht durch Bündnisse gegen einander, sondern durch Vertrüge miteinander gesichert werden. Freilich reser­viert er sich für England das Recht dersplen­did I s o l a t i o n", von der er zwar nach außen weit abrückt, doch dem Sinne nach sehr gern Ge­brauch machtin der weisen und klugen Anwendung seines Einflusses und seiner Macht zur Aufrecht­erhaltung des Friedens und zur Verhinderung eines neuen Krieges".

Die Stabilität der Lage ist ihm eine Vorbedingung für jede gesunde Weiterentwicklung. Die Psychose der Sieger freilich hat auch ihn er­griffen, denn er hat in feinen Ausführungen mehr­fach betont, die Angst vor einer Wiederoergeltung und Abrechnung hielte die ganze Welt in Atem. Wie ein Deutschland mit 100 «'00 Soldaten einer ge­schlossenen Front von bis an die Zähne bewaffneten Mächten irgendwelche ernsthafte Angst einflößen kann, ist nicht recht erfindlich. Die augenblicklich für Chamberlain bestehende Stabilität der Lage kann allerdings nicht hindern, daß ev für England volle Handlungsfreiheit fordert, und so betont er denn immer wieder, daß mit der deutschen Initiative und der soeben erfolgten französischen Antwort nichts, gar nichts von bindendem Wert gesagt fei. Lediglich das Vorspiel zu * Zbeginnenden Verhand­lungen sei damit eröffnet, 'lieben der unbedingten Willens- und Handlungsfreiheit, die sich England vorbehält, ist jedoch noch ein weiteres Moment von Wichtigkeit, das Chamberlain für sich reservieren möchte: Die anzustredende Sicherung des euro­päischen Friedens darf keinesfalls eine noch weiter- gehende Belastung Englands im Sinne von neuen Verpflichtungen bringen, als ihm schon jetzt aus dem Friedensvertrag und den Dölkerbundssaßungen er­standen sind.

Von nicht zu unterschätzender Bedeutung will auch die offene Anerkennung sein, die der Minister dem Mute, der Aufrichtigkeit und der Staatskunst der Männer, die die kühne Initiative ergriffen haben", ausgesprochen hat, ein Passus, der von dem dichtbesetzten Unterhause mit Beifall ausgenommen wurde. So erfreulich solche ritterlichen Verbeugungen des Gegners auch fein mögen, wir dürfen nicht die Gefahren vergessen, die sich dahinter verbergen. Chamberlain tut diele Geste in dem Bewußtsein absoluter eigener Sicherheit, denn als unmittelbar nach diesen Gedankengängen die Besprechung der Stellung Englands zu der deutschen Ostgrenze er­folgte, zeigte cs sich deutlich, daß die Situation, wie sie jetzt geschaffen werden soll, für England absolut eindeutig, desinteressant, für Deutschland dagegen außerordentlich verwickelt, in ihren Auswirkungen schon wieder fast bis zur Eindeutigkeit verzweifelt ist. Für den Fall eines Krieges zwischen Polen und Rußland, i.n dem Frankreich auf Grund seines De- fcnfiobünbnih'cs mit Polen den Durchmarsch durch das besetzte Gebiet fordert, Rußland jedoch Deutsch­land gegenüber zum Ausdruck brächte, daß es die Duldung dieser Aktion als feindliche Handlung auf« fassen würde, müßte unbedingt dazu führen, Deutsch­land in einen Krieg, sei es gegen Rußland, sei es gegen Frankreich, hineinzuziehen, ohne daß weder England, noch sonst eine andere Macht ein Inter­esse oder die Pflicht habe, Deutschland und seine Grenzen irgendwie zu schützen.

In der Tat, überblickt man rückschauend die Rede Chamberlains, man_ kommt trotz ihres ver­söhnlich ausklingenden Schlusses zu der lieber- zeugung:Die Furcht vor einem Kriege nimmt nicht ab, sondern f i e wäch st." Die Konzession an die Linke des Hauses, die Erwähnung der Abrüstungsfrage und die Art, mit der die Nicht­abrüstung der Welt mit ziemlich klaren Worten aus­gesprochen wurde, bestätigt das nur.

Wenn die englischen Staatsmänner denselben Mut, dieselbe Aufrichtigkeit und Staatskunst" be­weisen wollten, wie es die deutschen nach englischem Urteil_ taten, auch den französischen Verbündeten gegenüb*, bann dürfte sich wohl ein Weg finden, auf dem die Verhandlungen geführt werden können. Stellen wir uns getrost zu Chamberlains Stand­punkt : E s s o 11 e r ft b e g i n n e n; dann wird auch der neuen französischen Ungeheuerlichkeit des Sicher- heitsvorschlaaes ihre Spitze abgebrochen. Unsere Re­gierung ist es gewesen, die die Initiative in der wichtigen Frage des europäischen Friedens ergriffen hat. Gelingt es ihr, den groben Ketilenschlag des französischen Kontrahenten geschickt zu parieren und sich die Hände frei zu halten, so wird sie auch noch weiter in der Initiative bleiben können, um die Verhandlungen endlich und vielleicht zum ersten Male dahin zu bringen, daß Deutschland als gleich­berechtigte Macht einen seiner Eigenart und seiner Bedeutung entsprechenden Platz in dem Rate der Volker erhält, die sich um die Erhaltung des Frie­dens in Europa sorgen. Denn ein Sicherheitspakt,

Die Sicherheitsfraqe im Reichskabinett.

Berlin. 26. Jenl (IDCM Das Leicht» f a b l n e f t hat sich In diesen Lagen mit der fran­zösischen Antwortnote zur Sicherheitsfrage befaßt, lieber das (Ergebnis der Beratungen erfahren wir an zuständiger Stelle Folgendes:

Auf der letzten BoQoerfammlung des Völker­bundes war ein Protokoll über die friedliche Erledi­gung internationaler Streitigkeiten, das sogenannte Genfer Protokoll, ausgestellt worden. Fer­ner war durch im kreise der Alliierten gepflogene (Erörterungen über die Räumung der nördlichen Rheinlandzone gegen Ende des vergangenen Jahres das Sicherheitsproblem erneut in den Mittelpunkt der internationalen Erwägungen gerückt worden. Die deutsche Außenpolitik sah sich damals vor die Frage gefteUt, ob sie die Lösung der Sicher­heitsfrage den allier ten IDe ff müß­ten allein überlassen, ober auf eine Lö­sung unter IRifbeteiligung Deutsch- lanbs hinwirken solle.

Deutschland lag daran, den anderen Machten gegenüber klar zum Ausdruck zu bringen, daß es bereit sei, an einer Sicherheitsregelung mitzuwir- fen, deren Endziel die von Deutschland selbst er­strebte Entwicklung auf den Bahnen des allge­meinen Friedens durch eine wirkliche Befriedung Europas fein sollte.

Demgemäß erfolgte feilens des Auswärtigen Amtes um die wende des Jahres eine entsprechende diplomatische Fühlungnahme. Reichskanzler Dr. Luther hat in seiner Rede vom 30. Januar vor der ausländischen Presse zum Ausdruck gebracht, bah Deutschland an der Verwirklichung des Sicher­heitsgedankens ein reales Interesse habe und zur positiven Mitarbeit daran bereit sei. Im Einklang

aus einem Ring von Sonderbündnissen gegen eine einzelne Macht bestehend, ist kein Sicherheitspakt. Erst wenn der Geist des Friedens und der Der- söhnung, von dem besonders im französischen Lager ununterbrochen geredet wird, von dem wir durch unsere tatsächlich bestehende Abrüstung schon mehr als einmal laut und deutlich als durch eine voll­zogene Tatsache Kunde gegeben, erst wenn dieser Geist auch jenseits der deutschen Grenzen aus der toten Phrase zu lebendigem Besitztum ersteht, dann wirb dieser Versuch zur Herstellung einer gesunden Stabilität die Möglichkeit des Erfolges bieten. Eher nicht.

Laillaux' Knanzprogramni.

Paris, 26. Juni. (Wolff.) Nach Beendigung des M i n i st e r r a t e s ist den Pressevertretern mil­geteilt worden, daß der Text der Finanzvor­schläge erst nach Mitteilung an die Kammer mit­geteilt werden wird. Die Havasagentur glaubt jedoch bereits jetzt berichten zu können, was die Gesetz­entwürfe in ihren Grundlinien enthalten:

1. Eine Erhöhung des Notenum­lauf s um sechs Milliarden Franken und eine gleich­zeitige ErhöhungderDorschüsse der Bank von Frankreich an den Staat, damit den Be­dürfnissen des Schatzamtes für die nächsten Verfall­tage Genüge geleistet werden kann. (Die Havas­agentur gibt allerdings nicht an, ob in diesem Be­trag die bereits provisorisch bis zum 15. Juli bewil­ligte Erhöhung des Notenumlaufs um vier Milliar­den einbegriffen ist.)

2. Die Schaffung von 4projentigen, durch den Staat garantierten Schatzbands, die den Inhaber vor ferneren Währungsschwankungen schützen. Der Gesetzentwurf sehe eine ganze Reihe von Sispqfitionen vor, über die die Regierung sich Vorbehalte', dem Parlament die notwendigen Auf­klärungen zu geben.

Die Krise im Linkskartell beigelegt.

Paris, 26. 3uni. (WTD.) Die Dorstände der zum Kartell der Linken gehörenden Kammer­fraktionen haben heute nachmittag eine Sitzung abgehalten, in deren Verlauf die Sozialisten die Erklärung abgaben, daß das Ergebnis des Referendums weder den Bruch des Kartells noch die endgültige Aufgabe der Tlnterstühungspolitik bedeute. Die Sozialistische Partei bleibe im Gegenteil dem Grundsatz der Zusammenarbeit mit den anderen Parteien treu und sei geneigt, die Regierung zu unterstützen, wenn ihre Hand­lungen nicht im Widerspruch mit den Grund­sätzen der Sozialisten stehe.

Was die Finanzreform anbelangt, so wäre auf Antrag des Abgeordneten Laucheur beschlossen worden, eine vermittelnde Formel zu suchen, die es den vier Fraktionen des Kar­tells gestatte, dem Gesetzentwurf, den Laillaux eingebracht habe, zuzustimmen. Die Formel kann vielleicht darin bestehen, daß als Gegenmaß­nahme für die Vermehrung des Rotenumlaufs Vorkehrungen getroffen werden zur Durchfüh­rung der finanziellen Sanierung und des all­gemeinen Ausgleichs. Es soll also durch ein Amendement der jetzige Gesetzentwurf mit einem allgemeinen Sanierungsplan verbunden werden. Das Finanzprogramm vor dem

Kammerausschuh.

Paris, 26. 3uni (WB.) Der Finanzaus­schuß der Kammer hat nach Verhandlungen mit Finanzminister Caillaux den Vorschlag der Sozialisten, eine Abgabe vom Kapital vor­zunehmen, mit 19 gegen 14 Stimmen ab ge­lehnt. Hierauf wurde mit 20 gegen 14 Stimmen beschlossen, in die Beratung des vorgelegten Gesetzentwurfes einzutreten. Der Finanz-

nrtf Mefem Grundgedanken erschien es nach dem Lr- grimir der diplomatischen Sondierungen unter Be­rücksichtigung der außenpolitischen Gesamtlage dem Auswärtigen Amt für angebracht, den alliierten Re­gierungen zur Kenntnis zu bringen, auf welcher Grundlage eine Mitwirkung Deutsch­lands an der Regelung der Sicher- heitssrage in Betracht kommen konnte. Zu diesem Zweck wurde den alliierten Regierungen im Februar ein Memorandum überreicht, bas die verschiedenen Losungsmöglichkeiten zur Erörterung stellle. Nachdem die vom französischen Botschafter übegebene Note vom 16. Juni konkrete Vorschläge gemacht hat, die die deutscherseits bezeichneten- sungsmöglichkeiten teils ändern ober miteinander verbinden und ihnen neue Vertragskonstruktionen hinzufügen, ist nunmehr das Kabinett zu einer Be­ratung des Gesamtkomplexes der dadurch aufgeroor- fenen Fragen zusammengetreten.

Das Kabinett ist dabei übereinstimmend zu dem Ergebnis gelangt daß die in der französischen Note vorgeschlagenen Erörterungen zur Vorbe­reitung einer endgültigen Stellungnahme alsbald aufzunehmen sind

Die deutsche Regierung, die im Einklang mit den Schlußworten der französischen Note auch ihrer­seits das Zustandekommen von Verhandlungen be­grüßen würde, die zu einer neuen und wirksamen Friedensgewähr führen, wird unentwegt an dem Ziel Deutschlands festhalten, im Sinne der vor­stehend bargelegten Bestrebungen zu einem wirk­lichen Frieben zu gelangen, ber burch bas Sicherheitsabkommen auf volle Gegenseitig­keit begründet werben soll.

ausschuh hat alsdann mit wenig redaktionellen Aenderungen die vier Paragraphen des Gesetz- entwurfes angenommen. Cs wurde ferner ein Zusatzparagraph genehmigt, der die Regie­rung verpflichtet, vor Ende dieser Session einen Plan finanzieller Sanierung vorzulegen, der die Amortisierung der öffentlichen Schuld zum Ziele hat. Diese Amortisierung soll durch eine Amortisierungskasse durchgeführt wer­den. dez-en Mittel durch besondere Einnahme-

-quellen geschaffen werden sollen. Die Regierung wurde ferner verpflichtet, vor Ende der Session einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den die Erbs chafts st euer abgeändert wird.

schwere Kämpfe in Marokko.

Paris, 26. 3uni. (WTD.) Havas ver­öffentlicht den amtlichen Heeresbericht, der be­sagt, im Zentrum haben die feindlichen Einbrüche auf Ain-Maatouf keine Fortschritte gemacht. 3m Osten haben Dissidenten und Rif- kontingente, die im nördlichen Abschnitt am 24. und 25. 3uni gemeldet worden waren, ernste Einbrüche auf unsere Posten versucht. Auf der einen C^ite, im Tale von Oued-el-Kebir und im Hochtal von Leban und auif der anderen Seite, im Tale von Oued-Mooun sind sie auf den energischen Widerstand der franzosentreuen Stämme gestoßen, die mit Unterstützung fran­zösischer Streitkräfte einen heftigen Gegen­angriff unternommen haben.

Bei Oued-el-Kebir ist der Feind aüf 2000 Meter nöpdlich unserer Stellungen zurückgeworfen worden. Ebenfalls ist er im Tale von Mooun zum Stehen gebracht worden und hat sich unter Ver­lust von 30 Toten und 6 Verwundeten in Ein­ordnung zurückgezogen. Das Flugzeug­geschwader hat stark zum Erfolg des heutigen Tages beigetragen durch heftige Bombar­dierung der Dissidententruppen und der feind­lichen Dörfer, von denen die Angrifisbewegung ausgegangen war.

Der polnische Zollkrieg.

Auch gegen Danzig.

Danzig, 26. 3uni (DD.) Der polnische Finanzminister hat das Landeszollamt ber Freien Stadt Danzig telegraphisch benach­richtigt, daß die vor einigen Sagen veröffent­lichte R hmenverordnung betreffend d.s Einfuhr- verbot für bestimmte Warengattungen und für Waren, die aus Deutschland einge'süh t werden, Anwendung findet. Dee (Senat hrt daraufhin heute abend über die seitens der Freien Stadt notwendigen Schritte beraten und für morgen vormittag den Zusammentritt des Hruptaus- schusses bei dem Präsidenten des Dolkstages erbeten.

Chinesisches.

Eine amerikanische Vermittlungs- aktion?

Paris, 27. Juni. (TU.) Aus Washington wird gemeldet, daß der chinesische Gesandte dem Staatsdepartement ein Exemplar der Note über­reicht hat, die dem diplomatischen Korps in Peking ausgehändigt worden ist. Im Weißen Hause wird die Möglichkeit einer Dermittlungs- aftion Amerikas zwischen China und den ausländischen Mächten besprochen.

Die Deutschen in Kanton unbehelligt.

Berlin, 27. Juni. (TU.) Halbamtlich wird mitgeteilt: Das deutsche Generalkonsulat in Kan­ton meldet unter dem 25. Juni 1925: Die Deut­schen in Sanfon sind in ihren Wohnungen in = j 3 a uonhiöusL qun uohsöunH uajqpijaofß uaq biteben und befinden sich alle wohl.

Reid)sbantpräfibent Dr. Schacht in Darmstadt.

Die gegenwärtige Währungs- und finanzpolttische Lage.

Darmstadt, 27 3uni (Eig Drah b .r cht. i Gestern abend fand im Gebäude des hessischen Landtages in Darmstadt ein parlamen­tarischer Abend statt, der durch einen Dortrag des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht über die gegenwärtige DährungS- und finanzpo­litische Lage eingeleitet wurde Der Vortrag tum­be im Sitzungssaal gehalten, der mit Blattpflanzen reich geschmückt war. Staatspräsident Ulrich war wegen Krankheit am Erscheinen verhindert. Anwesend waren die Minister von Brentano. Heinrich und Raab, außerdem die Abge­ordneten sowie zahlreiche geladene Gäste, vor allem höhere Beamte der Ministerien, Vertreter des Provinzial-Direktoriums, des Kreisamtes d r Stadt Darmstadt, der technischen Hochschule, ber Hanbels-, Handwerks» unb Lanbwirtschaßs- Kammem unb anderer Korporationen und Be­hörden 3m ganzen waren es ungefähr 200 Per­sonen, die, soweit sie nicht im Saale anwesend sein konnten, auf den Galerien Platz nahmen, um dem Dortrag beizuwohnen.

Der Reichsbankpräsident sprach einleitend davon, baß es notwendig sei, die finanzpolitische Frage einmal mündlich zu erörtern, ba bies burch bic Lektüre sehr schwer möglich sei. Der Redner verbreitete sich über bic

Entstehung bet Rentenmark unb bezeichnete sie als einen psychologischen Ein­griff in bic beutsche Dolkspsyche. Der Wert ber Renten mark liege barin, daß s i e im rechten Augenblick bas Dertrauen ber Wirtschaft unb besonders der Landwirtschaft gewann. Die Renten- mark sei niemals gesetzliches Zahlungsmittel ge­wesen unb sei es auch heute noch nicht, doch habe die Reichsbank ihr diese Bedeutung ver­schafft.

Der Redner gab bann einen ileberblirf über die währungs- und finanzpolitische Lage bis zum Abschluß des D a wes - G u t a cht e n s. Als die Beratungen begannen, war die Stabilisie­rung schon durchgeführt. Die

Beeinflussung der Reichsbank-Organisation durch das Gutachten ist nicht sehr bedeutend und für uns durchaus zu ertragen. Der Ein­fluß des Auslandes beschränkt sich darauf, daß ein G e n e r a l r a t gebildet wurde, in dem 7 Deutsche unb 7 Ausländer sitzen. Der (So­ne r a l r a t wählt den Präsidenten der Reichsbank, nur müssen immer 6 deutsche Stimmen für den Kandidaten abgegeben wer­den. Wählen die 7 Deutschen denselben Kandi­daten, dann braucht er nur noch 2 Stimmen der Ausländer. Unter den Ausländern befinden sich ein Schweizer, ein Holländer und ein Ameri­kaner. Außerdem habe der Reichspräsi­dent ein zweimaliges Bestätigungs­recht.

Der Einfluß des Generalrates auf die Ge­schäftsführung der Bank sei gleich Rull.

Tatsächlich ist das alte Reichsbankdirettorium das neue Reichsbankdirektorium.

Der Generalrat tritt einmal monatlich zusam­men, um den Bericht des Kommissars entgegenzu­nehmen. Der Kommissar ist ein Holländer, der Rationalökonvm ist. Bisher ist die Zusammen­arbeit mit den Ausländern reibungslos ver­laufen.

Die Golddeckung der Reichsbank erfolge teils in Gold, teils in Devisen. Wir müssen 30 Proz. des Rotenumlaufs in Gold und 10 Proz. in Devisen halten. Heute haben wir einen Goldschatz von über 1 Milliarde Reichs­mark. Wenn wir Gold oder Devisen an die Wirtschaft geben, so wird dies nur gegen Be­zahlung von baren Reichsmark erfolgen, b. h. die Wirtschaft muh aus dem Verkehr soviel Roten entziehen, daß sie die Reichsbank be­zahlt, was praktisch einen Rückgang des Rotenumlaufes bedeutet. Die Kredit- beschränkung ist ein Druck auf die Wirtschaft, möglichst viel und möglichst billig zu produzieren, um aus der Produktion heraus neues Kapital zu schaffen. Das ist ber einzige Weg, auf bem ber deutsche Kapitalmarkt auf­gebaut werden kann. Wir halten den Zins- f u ß möglichst n i edrig.

Die Kapitalbildung ist heute das wichtigste für die deutsche Wirtschaft, was überhaupt geschehen kann. Sie wird durch die Steuerpolitik von Reich, Ländern und Kom­munen nicht gerade gefördert. Die Derschwen- dungswirtschaft im Reich, in den Ländern und Kommunen ist ein kurzes Vergnügen, die Folge davon werden große sozialpolitische Äonfhfte sein. Handel, Industrie und Landwirtschaft wünschen langfristige Kredite. Wir haben daher veranlaßt, daß die D e r - sicherungs-Gefellsch asten unb andere öffentlich-rechtliche Kassen ihre Prämien unb Reserven langfristig an 3ndustrie, Handel und Landwirtschaft a u s l e i h e n. Diese Be­mühungen sind von Erfolg gewesen.

Der Redner wandte sich dann scharf gegen die landwirtschaftlichen Zölle. Diese seien fein produktionsförderndes Mittel. Der Landwirtschaft fehlt es vor allem an Geld. Die Kreditfrage fei daher für die Landwirtschaft viel wichtiger, als die Zollfrage. Der Redner schloß feine Ausführungen mit dem Satze:

3ch glaube, daß die ReichSbcnrk für sich ba£ Vertrauen in Anspruch nehmen kann, daß fi©