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Nr. 251 Zweites Blatt
Syrien, der „Fall Sarrail" und Painlevö.
(Don unserem WS.-Korrespondenten.)
Paris, 24. Oktober 1925.
Ministerpräsident und Kriegsminister Painleve hat nunmehr endlich vor der Finanzkommission der französischen Kammer genaue statistische Angaben gemacht über die groben Verluste Frankreichs in Marokko und Syrien. Man must sich diese nackter: amtlichen Ziffern einmal vergegenwärtigen, um den Ernst der Lage Frankreichs in diesen beiden Kolonialkriegen sofort zu erkennen: Gegenwärtig stehen im Kampf in Marokko 158 000 Franzosen, in v Syrien 25 800 Franzosen. Die V e r l u st e betragen in Marokko bis 15. Oktober 1925 2176 Tote, 8297 Verwundete. (Ziffernmästige Airgaben über Vermistte und Kranke in Marokko hat Painleve nicht gemacht.) Die Verluste in Syrien (Tote und Vermistte) betrugen 1920: 2890, 1921: 2032, 1922 : 636, 1923 : 298, 1924: 239, 1925: 624 (bis 15. Oktober). Die Kriegs- k ost en belaufen sich in Marokko (seit der Offensive Abd el Krinrs) auf 950 Millivnen Franken, in Syrien von 1920 bis 1924 auf 2171 Millionen Franken, von 1924 biS 1925 auf 200 Millionen Franken, seit dem 1. Juli 1925 vuf 109 Millionen Franken.
Wie-. Frankreich diese gewaltigen Kriegskosten decken will, die während der Kammerferien von der Regierung einfach durch Dekrete aufgebracht wurden, weist vorläufig noch niemand. Rach dem sehr wenig ermutigenden Ergebnis der wertbeständigen Anleihe ist die Finanzlage des Landes um so entmutigender, weil noch für dieses Jahr mindestens 15 Milliarden Schuldverpflichtungen zu decken sind. Cs kann deshalb nicht Wunder nehmen, wenn die französische Fi- Srwaltung den kommenden Wochen nur mit Sorge entgegensieht. Unter diesen Um» t erscheint daher auch die von Caillaux angeblich geplante Ausgabe von weiteren sechs Milliarden Papiergeld als ein Mittel von zweifelhaftem Wert.
Diese schweren Finanzsorgen der französischen Regierung aber sind es nicht allein, die tne Regierung Painlevö beunruhigen, sondern die Gewißheit, daß schon in den ersten Tagen der neuen Kammersession gegen Painleve nicht nur wegen Marokko .sondern noch viel mehr wegen Syrien Sturm gelaufen wird. In der Marokko- Frage hat Painlevö lediglich die Opposition der Sozialisten zu befürchten, in der syrischen Frage aber must er mit den heftigsten Angriffen von -rechts und von links gleichzeitig rechnen. Schon heute läßt alles darauf schließen, daß sich das Kabinett Painleve diesen Angriffen gegenüber kaum stark genug wird erweisen können.
Jetzt endlich hat die französische Regierung Fjgeben müssen, das; die Lage in Syrien sich ehr ernst gestaltet. Der Oberkommisfar für Syrien, General Sarrail, hat in Syrien nicht nur vollständig versagt, sondern Painleve vor allen Dingen dadurch in eine sehr mistliche Lage gebracht, daß er fortgesetzt nach Paris berichtete, in „Syrien fei alles rühig", während es nun ganz einwandfrei erwiesen ist, daß seit August die Franzosen in Syrien eine Schlappe nach der anderen erleiden. Die französische Presse überschüttet Painleve mit Vorwürfen, daß er nichts davon habe wissen wollen, daß Damaskus mehrere Tage lang von den aufständischen Drusen und ihren Anhängern besetzt war und z. T. auch heute noch beseht ist. In allen Teilen Syriens, so stellt z. V. das „Journal des Debats" fest, herrsche die größte älnzufriedenheit gegen Frankreich. Die wichtige Straße nach Bagdad ist praktisch unpassierbar. In Hama, Damascus, Beyrouth und anderen wichtigen Städten des Landes ist die Lage so gefährlich, daß die Eisenbahnen kaum zu be- imhen waren.
Die Opposition läßt daher nicht locker, sie besteht auf der schleunigen AbberufungSar-
Neue Altertumskunde in Oberhessen.
v Von Professor Helmke, Gießen, Hess. Denkmalpfleger für die Dodenaltertümer.
Der Herbst dieses Jahres hat, wie schon so bft, an die Arbeitstätigkeit und Arbeitsfreude des Denkmalpflegers, aber auch an seine freie Zeit und seine älneigennützigl'eit starke Anforderungen gestellt. Es ist einmal nötig, auch diese Seite der Denkmalpflege etwas ins Licht zu stellen, damit nicht der Glaube aufkommt, als ob diese ehrenamtliche Tätigkeit ein reines Vergnügen am „Buddeln" und Aufsuchen von Funden wäre. Sie verlangt vielmehr eine recht grohe Entsagung vom Denkmalpfleger. der in Wind und Wetter seiner selbstgewählten Pflicht genügen must: er hat sich dieser freiwilligen Pflicht unterzogen, um die Aufhellung der ältesten Zeiten unseres Landes fördern zu helfen, und um auch seinerseits an den Aufgaben mitzuwirken, die das Wesen und Werden unseres Volkes und unserer Heimat klarzustellen geeignet sind. So ist auch seine Arbeit Dienst am Volke und vielleicht ganz besonders dazu angetan, Sinn und Liebe zur heimischen Erde zu pflegen. Daß aber letztere vorhanden ist, dafür bürgt der stets wachsende Besuch unserer Museen und das starke Interesse, das den Vorträgen und Führungen entgegen- gebracht wird: die Heimatliebe ist in unserem Dolle groß, sie kann und muß gestärkt werden und darf gerade in unserer Rotzeit nicht leiden und verkümmern. Hierbei nach besten Kräften mitzuhelfen, auch unter Beschwerden und Entsagungen, ist die vornehmste Pflicht des Denk- j Malpflegers, die in dem dankbaren Verständnis des Dolles ihr Geirüge findet. Deshalb bedarf er aber auch der äknterstühung sowohl des einzelnen als auch der Behörden und des Staates: es wäre abwegig und gegen die Aufklärung des Dolles, wenn man die kärglichen Mittel, die die Notlage des Staates für die Denkmalpflege zu- läßt. noch mehr kürzen oder gar streichen wollte.
Ss ist nach diesen Worten leicht, auf die Erfolge der Ausgrabungei: im heurigen Herbst zu sprechen zu kommen, um so leichter, als sie die Erwartungen weit übertroffen haben. Es igalt, die grtfjv Hügelgräber st adt bei Viieder-Mockstadt (Kreis Büdingen), die tauf engem Raum über hundert Grabhügel um- zöht, weiter zu untersuchen, ilnb die Arbeit war
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)
rails. Der „ Fall Sarrail" ist für die Regierung Painlevö viel ernster, als Außenstehende es ahnen. Sarrail hat, wie man sich erinnert, den General Weygand im Amt eines Oberkommissars von Syrien sofort nach den Wahlen des 11. Mai erseht: es war ein aus rein politischen, ja persönlichen Gründen erfolgter erster Akt in einer langen Reihe, durch welche der Linksblock unzweideutig den neuen Kurs in der französischen Politik kennzeichnen und gleichzeitig die Rückkehr zur „Rcpublique des camarades“ illustrieren wollte. Herriot gestand dies auch unverfroren ein, als er damals erklärte, die Ernennung Sarrails sei ein „purer Akt der Dankbarkeit" gegen einen Mann, dem „viel Anrecht geschehen fei". Es zeigt sich jetzt, daß die Kritiken an den Kriegs leistungen des Generals Sarrail, die 1917 zu seiner brüsken Abberufung aus Saloniki führten, nicht unberechtigt waren. Das Mindeste, was man also von Sarrail sagen kann, ist, daß er in seiner militärischen Karriere kein Glück hatte: seine Feinde, deren er nicht wenige hat, gehen weiter und werfen ihm vor, seine ganze Karriere nur in den Kulissen von Kammer und Senat gemacht zu haben, genau wie der General Rollet, und so der Typus des berüchtigten „politischen Generals" zu sein.
Syrien war im allgemeinen ziemlich ruhig, solange es Weygand verwaltete. Kaum war Sarrail dort, als' Aufstände ausbrachen, die bald den Charakter einer großen Kolonialerhebung an- nahmen. Sarrail machte also seinen Pariser Gönnern, die gern gesehen hätten, daß er in Syrien sich rehabilitierte, keinerlei Freude, sondern wuchs sich im Gegenteil zu einem ungeahnten „enfant terriblc" aus. Man erinnert sich, daß man wochenlang in Paris über die Ereignisse in Syrien, die Belagerung von Soueida, die Riedermetzelung der Hilfskolonie des Generals Michaud usw. nur durch die ausländische Presse unterrichtet war. Der General Sarrail selbst informierte entweder den Quai d'Orsay überhaupt nicht oder mit einer auffallenden Verspätung, oder einem Sinn für Ironie, der einer weniger ernsten Sache würdig gewesen wäre.
Jetzt wird es Painlevö nicht länger möglich fein, Sarrail zu decken, sein Schweigen zu entschuldigen oder zu beschönigen und die Meldungen ausländischer Blätter über die Ereignisse in.Sy- rien als „Tendenzmeldungen" hinzustellen! 'Der „ Fall Sarrail" ist der Regierung Painlevö außerordentlich peinlich geworden. Wohl oder übel muß Painlevö gegen diesen General, einen der Großen des französischen Freimaurer tu ms. vergehen, selbst wenn auch nur der Gedanke daran ihm bisher als Sakrileg erschien. Dem: die Opposition hat eigene Berichterstatter nach Syrien entsandt und die von ihr veröffentlichten Aussätze sind für Sarrail geradezu niederschmetternd. Sarrail hat durch seine verhängnisvolle Tätigkeit als Oberkommissar in Syrien einen Kolonialkrieg provoziert, dessen Folgen noch unabsehbar sind.
And was wird England hierzu sagen? Wird selbst der Völkerbund fortgesetzt stillschweigend über diese Ereignisse hinweggehen können, wo doch Frankreich „in seinem Ramen" das Protektorat über Syrien ausübt?
In Sünden gelebt, in Sünden gestorben. Zur Auflösung des Prager Parlaments.
Von unseren: E, 8.°Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Prag, 20. Oktober 1925.
In den letzten Wochen war es immer augenscheinlicher geworden, daß sich die tschechische Koalition feftgerannt hatte und die v o rz e it i g e Parlamentsauflösung noch im Herbst nicht mehr zu umgehen war.
In geradezu unerhörter Weise, die allen parlamentarischen Traditionen Hohn spricht, wurde im Abgeordnet en hause noch schnell das Budget durchgepeitscht und einfach jeder
notwendig, da wieder ein Teil des bis jetzt von Wald bedeckten Geländes in Feld umgewandelt wird: damit verschwinden diese Denkmäler der Vorzeit auf immer unter der gleichmachenden Kultur, ihre Spuren verwehen, und nur die aus ihnen geborgenen Schätze und die planmäßige Aufzeichnung der Hügel erhalten der Nachwelt das Wissen um sie. 2 3 Grabhügel sind geöffnet worden, und es mag nicht unerwähnt bleiben, daß 12 von ihnen nichts enthielten, sei es. daß der ihnen anvertraute Grabinhalt längst in: Laufe der Jahrtausende spurlos vergangen ist, sei es. daß die Hügel von vornherein nur als Denk- und ©rinne» rungsmäler ohne Beigaben errichtet worden sind. Sie haben dadurch weniger den Grabungsleiter, der an dergleichen Mißerfolge gewöhnt ist. als die Arbeiter enttäuscht, deren Sehnsucht nach schönen Funden natürlich groß war. Vier andere Grabhügel bergen in ihrem Innern nur ein einzelnes Gesäß, das noch dazu zerbrochen war und höchstens die Reste von der Verbrennung eines Toten enthielt. Insofern unterscheiden sich die Nieder-Mockstädter Gräber stark von denen der Wetterau. wie z. B. von den Muschenhsimern. die jedes bis zu 20 Urnen und noch mehr umschlossen.
Um so reichlicher aber war der Inhalt der restlichen Grabhügel, nach Menge der Beigaben und nach ihrem Wert. Cs ist hier nicht deo Ort. eine Aufzählung des Grabinhaltes jedes einzelnen Hügels gesondert zu geben oder eine wissenschaftlich systematische Besprechung der Funde zu bieten. Wohl aber lohnt es sich, einen Ueberblick über das gesamte Material zu bringen und daraus sich ergebende Folgerungen zu ziehen. Aus den Grabhügeln wurden geborgen, 1 Halsring, von dem noch die Rede fein soll, 2 A r m° bänder, 5 Armringe, 1 Fibel, 2 ganze und mehrere zerbrochene Gewand- n adeln, 2 Scheiben. 3 Beile und einige nicht mehr bestimmbare kleine Stücke. Die aufgezählten Gegenstände sind sämtlich aus Bronze und zum größten Teil gut erhalten: sie weisen namentlich eine sehr schöne grüne oder bläuliche Edelpatina auf: andere Stücke haben aber auch unter der Feuchtigkeit des lehmhaltigen Bodens gelitten, sie „blühen aus", wie der technische Ausdruck lautet, oder sind etwas versintert. Einige sehr dünne und feine Sachen waren, als sie gefunden wurden, schon so zermürbt, daß sie be: der Loslösung aus der Erde zerbröckelten und zu Staub zerfielen: schade darum, denn gerade sie
Versuch, der Opposition, eine wirkliche Aussprache herbeizuführen, niedergeknüppelt. Daneben her lief ein großes Feilschen der Koalitionsparteien um das noch zu erledigende Restprogramm. Die einzelnen Koalitionsparteien meldeten ihre Ansprüche aber so reichlich an, daß selbst die berüchtigte Pjetka nicht mehr imstande war. die Gegensätze innerhalb der Regierungsparteien auszugleichen. Nur mit Mühe konnte das Budget auch noch im Senate durchgepeitscht werden, und von Tag zu Tag wurde die Frage des Auflösungstermins immer akuter.
Das parlamentarische Bild erweckte den Eindruck eines armen Sünders, der im Sterben liegt und sich vor der Hölle fürchtet. Wie berechtigt dieser Eindruck war, bewiesen die deutschen Senatoren in der Budget-Debatte. Schwerere Anklagen, als die des Sprechers der Sozialdemokraten, des Angehörigen jener Partei, die als erste eine sudetendeutsche Einheitsfront für die bevorstehenden Wahlen ab» lehnte, weil sie nach wie vor ihren Ideologien von internationaler Klassen Verbrüderung nach- läuft, der also gewiß über jeden Verdacht nationaler Voreingenommenheit erhaben ist, konnten kaum erhoben werden.
Nun erfolgte am 16. die Auflösung des Parlamentes, die nach der fieberhaften Spannung der letzten Tage in allen Lagern als Erleichterung emvfunden wurde. Charakteristisch für die tschechoslowakischen Verhältnisse bleibt es aber immerhin, daß noch um 10 Mr vormittags, dem vorgesehenen Sihungsbeginn des Senates, in den Couloirs sehr hartnäckig darüber gestritten wurde, ob die Sitzung überhaupt beginnen und nicht noch um einen Tag verschoben werden würde. Erst als die Minister, mit dem Crstminister an der Spitze, erschienen — in der tschechoslowakischen Republik gehören Parlamentsbesuche der Minister zu den Seltenheiten —, wußte man, es ging zum Requixm.
De mortuis nihil nisi bene! Die Präsidenten der beiden Häuser haben von dieser Freiheit in ihren Abschiedsreden reichlich Gebrauch gemacht und der Präsident des Abgeordnetenhauses hatte sogar für die Opposition, von der er ansonsten nur gelegentlich Notiz nahm, um sie durch die Parlamentspolizei an die Luft zu sehen, recht freundliche Worte der Anerkennung.
Doch dadurch lassen sich die Taten von Jahren nicht aus der Welt schaffen. Des deutschen Sozialdemokraten Nießner Feststellung „in Sünden gelebt, in Sünden gestorben" muh dagegen schon eher als gerechte Würdigung an- «rfannt werden. Sie ist nur insofern unvollständig, als er hätte sagen müssen „in Sünden geboren, in Sünden gelebt, in Sünden gestorben". Das aufgelöste tschechoslowakische Parlament war ein Sündenkind ärgster Art. Auf der Grundlage böswilliger Irreführung und der Entrechtung von dreieinhalb Millionen Sudetendeutschen, fast ebenso vielen Angehörigen anderer Nationen, waren die Grenzen des tschechoslowakischen Staates in Widersprach zur Forderung des Selbstbestimmungsrechtes in St. Germain gezogen worden. Unter Ausschluß der Vertreter der Minderheiten schuf ein selbsternannter Revolutionsausschuh die Grundlagen der inneren Staatsorganisation. Auf Grund dieser oktroyierten Verfassung war das aufgelöste Parlament gewählt worden und auf der Grundlage des Derfassungsoktrois baute er unter dem Deckmantel feiner formalen Demokratie ein System des politischen und kulturellen Rückschrittes und maßloser nationaler Unterdrückung aus. Diese Feststellung ist vielleicht gerade in den Tagen nach Locarno besonders am Platze.
In zweifacher Hinsicht ist die Tätigkeit des aufgelösten Parlaments bemerkenswert. Einerseits hinsichtlich seiner legislatorischen Tätigkeit und andererseits hinsichtlich seiner Unterlassungen. Die Erkenntnis der Tatsache des Vernichtungskampfes des tschechischen Volkes gegen die deutsche Wirtschaft, den deutschen Boden und die deutsche FlCTTlWLgMZUWuZlJailHmn«» IW ITIIIlTtri—OBM8——m
hätten wohl am deutlichsten die hochstehende Kunst der alten Dronzearbeiter versinnlicht.
Der schönste aller gefundenen Gegenstände ist unstreitig der H a l s r i n g, sowohl was seine Gröhe und Form, als auch was seine Verzierung angeht. Er hat einen Durchmesser von 15 bis 16 Zentimeter und ist an dem Rückenteil etwa 1 Ztm. dick: die Unterseite ist flach: nach vorn verbreitert er sich und endet in zwei mächtigen, stricheiverzierten und durch kleinere Querringe abgesetzten offenen Puffern. Links und rechts von letzteren befinden sich je 3 flache Näpfe, die mit Edelkoralle gefüllt sind: diese wird durch einen aus der Mitte aufwachsenden Bronzeknopf gehalten, der mit Goldblech überzogen ist. Die Koralle ist unter dem Einfluß der Nässe teils vergangen, teils als weißlich schimmernde Paste erhalten, während von den Goldknöpfen zwei vollständig und die anderen noch in Resten vorhanden sind. Zwischen je zweien solcher Näpfe befinden sich Querstäbe, die ebenfalls mit Koralle ausgelegt und mit 2 stecknadelgrohen Goldknöpfen beseht lind. Der übrige Teil des Ringes ist mit eingeritten, noch schwach erkennbaren Zierlinien versehen. Dieser prächtige Frauenschmuck, der erste seiner Art in Oberhessen und wohl im ganzen Hessen überhaupt, ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil er einen Zwillingsbruder von genau derselben Art in der Pfalz besitzt (Museum Speyer): er muh also in der gleichen Form gegossen und wohl von demselben Künstler verfertigt worden fein und beweist den weiten Verkehr, der schon damals bestanden hat, sei es nun, daß der Ring durch den Handel bis nach Oberhessen gelangt ist, sei es, daß seine Besitzerin ihn hierher mitgebracht hat. Jedenfalls stammt er, worauf schon die Verzierung mit Koralle hinweist, aus den Ländern d e s M i 11 e l m e e res, von wo er feinen Weg wohl über Massilia (heute Marseille), eine alte griechische Kolonie, nach Mitteldeutschland oefunben hat. Er gehört der zweiten Stufe der La-Tene-Periode, d. h. dem 4. und 3. vorchristl. Jahrhundert an, und es ist sehr wohl möglich, daß er schon von einer Germanin getragen worden ist, deren Arme und Knöchel außerdem noch mit z-erlichen Knöpfelringen geschmückt waren. Eine Gewandtspange (Fibel, Sicherheitsnadel), die wie der Halsring auf einer Holzunterlage ruhte, diente zum Verschluß des Kleides.
Nicht minder schön, wenn auch nicht so reich verziert, ist ein bronzenes Armband von 5 Ztm. Breite, dessen Oberfläche von gleich
Montag, 26. Oktober (925
Schule wird nun doch langsam Gemeingut der europäischen öffentlichen Meinung. Dah der tschechische Kampf gegen alles Deutsche schon zu einer Zeit geführt wurde, ehe noch die tschechoslowakisch: Republik bestand, — trotz beS Märchens von der Vorherrschaft der Deutschen im ehemaligen Oesterreich-blngarn — muh hier vorausgeschickt werden. Aber erst durch den einseitigen 'Einsatz staatlicher Machtmittel, durch den Mißbrauch der Gesetzgebung und Rechtsprechung für die tschechischen Entnationalisierungsbeftrebungen tonnte der tschechische Dern'chtungskampf auf deutscher Seite so verheerende Wirkungen erzielen. Hierfür ist in erster Linie das aufgelöste Parlament verantwortlich.
So wurde durch die Nichtanerlennung der österreichisch-ungarischen Kriegsanleihen — die Tschechen hatten sich, im Verfolg ihrer passiven Resistenz dem Habsburger Staate gegenüber, an der Zeichnung fast gar nicht beteiligt — der deutschen Bevölkerung der Großteil ihrer Kapitalreserven, vielfach der mühsam ersparte Notpfennig für das Alter, genommen, Um den Zrveck ja gründlich zu erreichen, schreckte das Parlament vor einem bis 1914 rückwirkenden Gesetze nicht zurück, das als Rechtsnovum allen gesetzgeberischen Traditionen widerspricht. Im Sinne weiterer Kapitalschwächung der Deutschen. deS Ruins und der Entnationalisierung zu weiteren: Widerstande unfähiger deutscher Industrien, wirkte sich die Wirtschaftspolitik der letzten sechs Jahre aus, die wiederum durch eben dieses Parlament gedeckt wurde. Die Entnationalisierung des Bodens wurde mit Hilfe ber „Bodenreform" durchgeführt. Bände würden mcht ausreichen, um diese großzügigste aller TschcchosierungSaktionen, die unter dem Deckmantel einer „sozialen" Reform auftritt, zu beleuchten. Cs genügt hier, darauf hinzuweisen, daß von ausländischer und gewiß objektiver Seite nachgewiesen wurde, wie es sich einfach um die Verschiebung von M i 11 i a r b e n ro e r - ten aus deutschen in tschechische Hände handelt und die ganze Aktion mit einer Sozial-Reform nicht das geringste zu tun hat. Die kulturpolitische Gesetzgebung wurde im Verhältnis zu dem aus dem viel verlästerten Oesterreich übernommenen Stand wesentlich verschlechtert. Die kulturelle Autonomie wurde eingeschränkt. 4000 Schulklassen von 12 000 sind auf deutscher Seite das Opfer einer sechsjährigen kulturpolitischen Entwicklung in jener Apublik, die so gerne mit dem PhilantroPen Masarhk als Präsidenten — ein sozialistischer Senator hat vor einigen Tagen von einem „ Aushängeschild" gesprochen — vor den: Auslande paradiert. Verkommende deutsche Hochschulen, die vergeblich die Besetzung der vakanten Lehrstühle fordern, Institute ohne Dotationen, Professoren mit Hungergehaltern vervollständigen dieses Bild.
Eine Flut von reaktionären Gesehen, die bei genauer Anwendung jeden zweiten Bürger der Republik in das Gefängnis bringen müßten, knebeln die politische Bewegungsfreiheit — im Namen der Demokratie. Das Gesetz »um Schuhe der Republik eröffnet die Reihe dn strafrechtlichen Kuriosa. Selbst die bisher bei allen parlamentarisch regierten Kulturvölkern für sakrosankt gehaltene A b g e o r d n e 1 e n - I m - manitä t wurde durchlöchert. Ein Fünseraus- schuß der fünf tschechischen Regierungsparteien, öte Pietk a, hatte zum Schluß den Zustand ^ed oligarchischen „Absolutismus, gemildert durch Schlamperei" aeschaffen. Andererseits war .^e. Koalition durch den Egoismus der Parteien schließlich zur Erwerbsgenossenschaft geworden. Benzin-, Pferde-, Flugzeuge-, Kino-Käufe mit iPren/rIenfationcncn Korruptionsskandalen ließen Den Charakter der übrigen Geschäfte der Koalition ahnen. Darüber hinaus hatte der Egoismus der Koalitionsparteien aber schließlich jede wei- kere Parlamentarische Tätigkeit selbst unter Ausschluß der Opposition unmöglich gemacht und zur vorzeitigen Parlamentsauflösung geführt.
Heute lastet auf dem tschechoslowakischen Staate ein einzigdastehender Steuerdruck- das Steuersystem infolge mechanischer Zuschläge
artigen parallelen Linien überzogen ist: es endigt in zwei mächtigen Spiralen, die mit dem Armband durch eine Wicklung von Bronzeband verbunden sind. Auch dieses Stück ist bis jetzt von einzigartiger Bedeutung für unsere Provinz. Dabei ist es interessant, daß in einem anderen Grabe desselben Friedhofs e'in "fa^crcS Armband gleicher Art gesunden worden ist: dieses ist aus starkem Bronzedraht angefertigt und läuft ebenfalls in ^'.allerdings kleineren Spiralen aus. Beide Armbänder ruhten wie der große Halsring auf einer Holzunterlage: sie gehören wohl, nach den außerdem gefundenen Beigaben, der sog. Hallstattzeit (1000—500 v. Chr.) an; doch ist es nicht ausgeschlossen, dah das breite Armband noch alter und in die reine Bronzezeit zu zählen ist.
Es erübrigt sich, neben diesen Glanzstücken Don den anderen Funden ausführlich zu sprechen, namentlich da sie allenthalben verbreitet und ^kannt find. Rur noch ein Wort zu den drei B r o nz e f e i I e n: sie sind Kennzeichen der Hugelgraber-Dronzezeit, die wir in die Zeit nach 1500 v. Chr. G., wenigstens für unsere Gegend, sehen; es sind 2 Randbeile und 1 Absahbeil, vergesellschaftet mit dem Bruchstück einer Rad- nabel und 2 durchbohrten geschwollenen Radeln, alle drei charakteristisch für ihre Zeitstufe. Wir erwähnen dies deshalb, weil die Funde, in ihrer Gesamtheit betrachtet und miteinander verglichen, ü>ert Dewe's erbringen, dah der Rieder- M ockstädter Hügelgräber- sriedhof über einen langen, min- destens tausend Jahre umfassenden Zeitraum hin benutzt worden ist. Wo sich einmal Gräber befanden, da haben auch spätere Geschlechter und andere Völker ihre Toten gebettet; denn ihnen allen galt ein solcher Ort immer als heiliges Land.
Zum Schluß noch ein Wort des Dankes an meine Arbeiter und Helfer, die mit eindringendem Verständnis meinen Anweisunaen folgten -und mit großem Eifer arbeiteten; ebenso dem Kreisamt Büdingen und dem Bürgermeister von Ober-Mock st adt, die mir unentgeltlich Arbeitskräfte zubilligten.
Eine besondere Freude ist es für mich, die schönen Funde dem Oberhessischen Museum in Gießen zuweisen zu kämen, wo sie sicher bald einen wichtigen Anziehungspunkt bilden werden.


