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fit. (99 Zweites Blatt
Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)
Mittwoch, 26. August (925
Lin neuerLiteraturprozeß
Dor einigen Tagen hat in München das erneuerte Lchöffengerichi, dem drei Berufsrichter und fechs Haienridiier angehören, eine Novelle des weit- berühmten russischen Lichters Tschechow als un- ludjtifl erklärt. Demselben Schicksal oerfielen die russischen Dichter B a l m o n t (einer der größten wqriter Rußlands), Briussow (einer der bekanntesten Novellisten), Kusmin, der auch in Deutschland viel gelesen wird, und verschiedene jüngere Autoren, obwohl die (Genannten Mitglieder der Kaiserlich Russischen 'Akademie waren, die in der Auswahl ihrer 'Angehörigen ganz besonders streng verfuhr. Trotzdem haben die Münchener Richter das Buch „Der moskowitische Eros", das in der Allgemeinen Derlagsanftalt München A.-G. erschienen war und eine Sammlung von Gedichten und Novellen der genannten Dichter bar- stellt, für unzüchtig erklärt.
Gleichermaßen verurteilt wurde ein zweites Buch, das den Titel „Persische Liebesgeschichten" trägt und in döm mündlich überlieferte persische Schwänke erzählt werden, die in der Art ihrer Darstellung, die alles auf Komik absteUt, den alten deutschen Schwänken zum Verwechseln ähnlich sind und denselben gesunden Humor atmen, wie unsere Soldatenlieder, deren Sammlung und Herausgabe von der Bayerischen Akademie der Wisienschaften unterstützt wurde. Trotzdem hat das bayerische Schöffengericht auch dieses Buch für unzüchtig er- klärt.
Für den künstlerischen, psychologischen und literarischen Wert der beiden genannten Bücher hatte der Verteidiger Gutachten führender Männer des deutschen Geisteslebens beigebracht, wie den als Dichter und Kulturhistoriker in ganz Deutschland be- rühmten Baron v. Gleichen-Rußwurm (Urenkel Schillers), Prosesior Schmidnoerr, Uni- versitätsprosessor Artur Kutscher. Außerdem waren zur Verhandlung erschienen: Unioerfitäts- Professor Dr. Strich, ferner die bekannten Dichter und Schriftsteller Karl H e n ck e l l und Kurt Martens. Die letzteren beiden Herren sowie Baron v. Gleichen-Rußwurm gehören dem Schutzoerband Deutscher Schriftsteller an, der sich ganz besonders den Kampf gegen die Schundliteratur zur Aufgabe gesetzt hat. Sämtliche Genannten erklärten übereinstimmend den Wert der Bücher unb vernein-- t e n bie Schulbfrage. Trotzdem haben bie baye- rischen Richter die beiden Bücher verurteilt. Der Verlag, dessen Verdienste auch der Vorsitzende des Gerichts anerkannte, hat gegen das Urteil Berufung eingelegt.
Der Schutz der akademischen Lehrfreiheit.
Unter diesem Titel berichtet Professor Köll- re utter, Jena, über bie Maßregelung deS Freiburger Professors Marschall von Diebe r st e i n durch das badische Kultusministerium, um auS diesem Fall Schlußfolgerungen über die Notwendigkeit der Schaffung eines geeigneten Disziplinarrechtes zu ziehen. Professor Marschall hatte in einer akademischen NeichsaründungS- rebe, die doch gewiß unter den Begriff der Lehrfreiheit fällt, die WillenSakte der Usurpatoren im November 1918 als „Hochverrat am Gesetz e S r e ch t gemessen" bezeichnet. Gr hatte sich damit auf den Boden der in der Strafrechts- lehre im allgemeinen herrschenden Anschauung gestellt, die jede Handlung zur Beseitigung der jeweils bestehenden Staatsmacht rein j u r t - stisch a l s Hochverrat ansieht. Das Ministerium hatte das gegen Marschall eingeleitete Disziplinarverfahren eingestellt und dem Professor einen förmlichen Verweis erteilt, unter der Begründung, er habe seine Be- amtenpslicht in gröblicher Meile verletzt. Professor Köllreuter verurteilt die Willkür dieses Vorgehens, indem er darauf hinweist, bah es Pflicht des Ministeriums gewesen sei, die Sache dem Staatsgerichtshof oder dem Diszi- p l i n a r h o f zur Entscheidung zu Überlassen; und fordert die Schaffung eines allgemein gültigen Disziplinarrechtes etwa nach dem Beispiel Thüringens — wo im Disziplinargericht erster Instanz nur Mitglieder des Lehrkörpers sitzen damit der Eigenart der Stellung der Dozenten sowie der akademischen Lehrfreiheit in genügender Weise Rechnung getragen werde.
Aus dcm AmtsvcvküudigttUgsblLLi.
•• Das Amtsverkündigungsblatt Nr. 67 vom 25 August enthält: Nachtrag zu der Friedhofsordnung der Gemeinde Beltershain. Bekämpfung der Tuberkulose. Dienststunden des Kreisschulamtes. Gefunden, verloren. Dienstnachrichten.
Das hauswirtschastliche Pflichtjahr.
Seit durch die fortschreitende Industrialisierung Deutschlands der überwiegende Prozentsatz der schulentlassenen Mädchen mehr ober weniger der Not gehorchend, außerhäuslichem Erwerb nachgeht, kann von einer ausreichenden hau-wirtschaftlichen Ausbildung in der Familie keine Rede mehr sein. Den jungen Mädchen, die tagsüber in Handelsstätten und Fabriken gearbeitet haben, fehlt begreiflicherweise, müde und abgespannt wie sie nun einmal sind, Aufnahmefah.gke't und Interesse, sich unter Anleitung der Mutter deS Abends noch hau-wirtschaftlichen Arbeiten zuzu- lvenden. Die Folge davon ist, daß sie ohne die nötigen Haushaltskenntnisse. wenn sie später in die Ehe treten, ihrer Verpflichtung zur Leitung des gemeinschaftlichen Hauswesens nur mangelhaft gerecht werden. Denn angesichts des meist geringen Verdienstes des Mannes sieht sich die Frau bald vor die Notwendigkeit gestellt, entweder innerhalb oder außerhalb des Hauses mitzuverdienen oder durch sachgemäßeste Wirtschaftsführung die Hrushaltskosten soweit nur irgend angängig zu verringern. Ein derartiges Wirtschaftstalent ist aber leider nur in den feitenften Fällen angeboren, seht vielmehr eine gründliche hauShaltSkundliche Schulung voraus. Nun erschöpft sich eine genügende hauswirtschastliche Vorbildung aber keineswegs in rationeller Ver- Wendung und sparsamer Verwertung der Lebensmittel. nicht Im Selbstanfertigen. Aus bessern und pfleglicher Behandlung von Wäsche und Kleidung, sondern erstreckt sich auch auf GesundheitS-. Kinderpflege und noch viele andere Dinge.
Aus Ser Erkenntnis von der Notwendigkeit hauswirtschaftlicher Ausbildung des weiblichen Nachwuchses heraus wurden — abgesehen von den seit jeher bestehenden: privaten Haushaltungsschulen — seitens ver- schiedener deutscher Staaten in der Nachkriegszeit obligatorische Kurse in Haushal- tungskunde, Erziehungslehre und Kinderpflege im Nahmen der Mädchen-Fortbildungsschulen eingeführt. Nach der alten Wahrheit jebod). ..daß niemand zween Herren dienen könne", hat diese neben der Ausbildung für einen außerhäuslichen Beruf einherlaufende hauswirtschastliche Ausbildung keine der beiden zu ihrem vollen Necht kommen lassen. Auf Grund dieser Erfahrungstatsache fordert daher die Berufsorgani- satrvn der deutschen Hausfrauen an Stelle des auf drei Jahre verteilten ..auch-hauSwirtschaft- lichen" Unterrichts in der Berufsschule für alle nach achtjährigem Schulbesuch zur Entlassung kommenden Mädchen ein der Berufsausbildung vorangehendes geschlossenes hauswirtschastlicheS Pflichtschuljahr mit etwa 30 Wochenstunden. Eine derartige Regelung hätte dann nicht nur den Vorteil, daß sich ein ganzes Jahr hindurch das volle Interesse des jungen Mädchens ungeteilt der Haushaltsführung — nicht nur in der Schule, sondern auch daheim in der Wirtschaft — zuwendete und dadurch gleichzeitig die Mutter entlastete, sondern darüber hinaus noch ein volle- 2ahr für die körperliche Entwicklung gewonnen würde, ehe daS reifende Mädchen vor die Wahl eines auherhäuslichen Berufe- mit seinen möglichen gesundheitlichen — und seelischen — Schädigungen gestellt würde.
Diese auf der vorjährigen Berliner Tagung des Nelchsverbandes der deutschen Hausfrauenvereine gestellte Forderung nach einem Pflichtjahr ist seit dem Jahre 1920 ün Bremer System bereits mehr ober weniger verwirklicht, insofern bort für bie nach achtjährigem Schulbesuch zur Entlassung kommenden Mädchen die gesetzliche Verpflichtung zu halbtäglichem, einjährigem Besuch der hauswirtschaftlichen Fortbildungsschule besteht. Natürlich bedeutet die allgemeine Einführung eines solchen Pflichtjahres eine finanzielle Mehrbelastung sowohl der Gemeinden wie auch der Familien. Namentlich werden sich die kinderreichen und mittellosen Familien wirtschaftlich dadurch benachteiligt fühlen, daß sie die Kinder noch ein volles Jahv länger selbst erhalten sollen. Allerdings findet gerade in solchen notleidenden Familien, in denen die Mutter ohnehin noch zum Mitverdienen gezwungen fein wird, ein gewisser Ausgleich dadurch statt, daß sich die große Tochter des vernachlässigten Haushalts annehmen, den jüngeren Geschwistern die Mutter ersehen und wohl gar der letzteren noch die eine oder andere Erfahrung in rationeller Wirtschaftsführung vermitteln kann. Für die Gemeinden wiederum werben sich die Mehrkosten für Lehrkückeneinrichtung und Lehr- kraftbesolbung durch entsprechende Ersparnisse an Mitteln der Wohlfahrtspflege lehr bald rentieren, denn jede durch unsachgemäße Wirtschaftsführung in Not geratene Familie bedeutet eine Mehr
Schach-Ecke.
Bearbeitet von W Orbach.
Alle für die Redaktion bestimmten Mitteilungen, Lösungen usw. sind zu richten an die Schachredaktion des .Gießener Anzeigers".
Problem Nr. 25.
Don R Dütfchkc, dMogau.
(Dem Schachverein Morphy-Breslau zum Jubiläum ) Schwarz.
a b c d e t p h
8 s
ä b c d e t ß h Weih. Matt in zwei Zügen.
5
3
2
Weih: 7 Steine Kh2, Db3, Tf4, Sb7, Se7; Ba2, Bd5.
Schwarz: 6 Steine Ke5, Sei, Sg2; Ba3, Bd6, Bh5.
Partie Nr. 17.
Gespielt im Breslauer Meistetturnier (6. Runde). Französisch.
Weiß: Bogoljubow.
Schwarz: Reti.
1. e2-e4 1. e7-e6
2. d2-d4 2. d7-d5
3. Sbl-c3 3. Sg8-f6
4. Lcl-g5 4. Lf8-b4
5. e4-e§ 5. h7-H6
6. Lg5-d2 6. Lb4xc3
7. b3cxc3 7. Sf6-e4
8. Ddl-g4 8. g7-g6?
Alles soweit nach bekannten Mustern, aber an dieser Stelle geschieht bester Kf8!
9. Lfl-d3 9. Se4xd2
10. Kelxd2
Die Verhinderung der Rochade bedeutet an dieser Stelle keine Schwächung, da der Druck, den Weiß aus den schwarzen Königsflügel ousübt, dieselbe vollständig aufwiegt.
10.....' 10. c7-c5
11. h2-h4 11. c5-c4
Somit stellt Schwarz den weißen König fidjer; bester war jedenfalls 11.....cxd womit Scywarz
mehr Angriffschancen behielt.
12. Ld3-e2 12 h6-115
Dieser Zug, der das Vorgeben des Bauern h4— H3 sichert, gibt dem Spr. gl das wichtige Feld g5 frei.
13. Dg4-f4
14. Sgl-f3
15. sf:
16. a2
17. g2 —g4!
18. g4xh5
19. Thl-h3
13. Sb8-c6
14. Dd8-e7
15. b7-b5
16. a7-a5
17. Ta8-a7
18. g6xh5
belaftung der öffentlichen Fürsorge. A conto dessen ist also auch die Allgemeinheit an der Schaffung von Einrichtungen zur Erziehung des Iungmäbchens zur künftigen Hausfrau und Mutter materiell stark interessiert.
Dieser Zug deckt den Punkt c3 und droht zugleich zum Angriff auf den Punkt 17 überzugehen.
19..... 19. b5-b4
20. Th3 — f3 20. b4xc3 +
21. Tf3Xc3 21. Ta7-b7
22. Tal - gl 22. Sc6-a7
Schwarz übersieht die folgende Opferkombination des Weißen, sonst hätte er sich wohl durch Sd8 auf die Verteidigung eingestellt.
23. Tc3-g3 23. Lc8-d7?
24. Le2xh5!’
Nimmt Schwarz das Opfer an: Th5. so gewinnt ein zweites Opfer des Weißen, nämlich Sf7; z.D. Tf5, Tg84-, Kf7, Tgl -g7-4--r ; er spielte daher noch 24..... 24. c4-c3 +
25. Kd2-e3 Aufgegeben.
Eine von Bogoljubow sehr gut geführte Partie, was man aber von (einem Gegner gerade nicht behaupten kann.
Lösung des Problems Nr. 24 von (B. Hunte.
1. Tb7-b8, Tc5 (V.) 2. Ta8 usw. V. a) 1. .... Th5, f5, e5, d5; 2. Th3, f3, e3, d3 usw. b) 1. .. ., g3; 2. Tg3 :usw. c) 1.....Tg7 2. Tb5-s--ft usw. d)
1.....bc 2. Sc4+4- usw.
Die Narrenkappe.
Splitter und Sparren Dom RedakttoStnifch.
Anekdoten.
Während der „tollen" Weimarer Zeit, als Goethe und Großherzog Karl August ihren unbekümmerten Jugendübermut zum Schrecken braver Bürger auf abenteuerlichen Fahrten austobten, kamen der Dichter und der Fürst auf einem Jagdausflug in ein Bauernhaus, um ihren Durst zu löschen. Die Bäuerin unterbrach ihre Arbeit am Butterfaß und ging in den Keller, frische Milch zu holen. Kaum ist sie fort, ergreift der Herzog einen fetten Kater, der auf der Ofenbank sich räkelt, steckte ihn ins Butterfaß und zwängt ihn mit dem Deckel in seinem Gefängnis ein. Mit Wort und Frage wird die rückkehrende Bäuerin überschüttet, so daß sie nicht zur Besinnung kommt, bevor die Gäste ihre Milch getrunken haben und schleunigst den Rückzug antreten; voll Freude über den gelungenen Streich und über das verdutzte Gesicht, das die Bäuerin machen werde, wenn sie den Kater in der Butter finde.
Einige Wochen später klopfen dieselben Jäger reumütig an dieselbe Tüt „Das sind ja die Herren ..." ruft ihnen die Bäuerin entgegen — und der Kater saust im Bogen erschreckt von der Ofenbank — „die euch neulich" fällt Karl August ihr in» Wort, „den Schabernack gespielt haben. Aber hier ist eine Entschädigung für die verdorbene Milch."
Schweigend streicht die Alte das Goldstück ein und sagt mit vertraulichem Blinzeln „Hat nicht» gemacht, ihr Herren; die Butter ist an den Weimarer Hof gekommen. Für die war sie immer noch gut genug."
•
Als Richard Wagner während seiner Studienzeit in großer Not war, wurde er an den reichen, aber geizigen Kommerzienrat o. M. empfohlen. Der junge Komponist widmete ihm mit der Hoffnung auf ein Geldgeschenk eine Komposition. Entzückt über die Zuneigung übereridjte der Bankier dem Musiker als Gegengabe ein litographiettes Porträt seiner eigenen Persönlichkeit. Wagner hielt das Bild enttäuscht in der Hand, als der Bankier ihn fragte: „Nun, was sagen Sie dazu?" „Das sieht Ihnen sehr ähnlich", war Wagners Antwott.
Kraft. Für Studierende, die vor dem 1. Oktober das tierärztliche Studium begonnen unb die tierärztliche Vorprüfung nach den bisherigen Vorschriften bis Aum 1. Juni 1926 vollständig bestanden haben, sind besondere Uebergangsbestimmungen vorgesehen.
Hochschulnachrichten.
Die neue Prüfungsordnung für Tierärzte.
Vom Reichsminister des Innern ist unterm 21. August 1925 nach Zustimmung des Reichsrats eine neue Prüfungsordnung für Tierärzte erlösten worden. Das tterärzlliche Studium erfährt dadurch eine Verlängerung von acht auf neun Halbjahre. Anatomie und Psychologie werden in Zukunft nicht nur in der tierärzlichen Vorprüfung, sondern auch in der tierärztlichen Hauptprüfung erscheinen. Die tierärztliche Vorprüfung und Prüfung darf in Zu- tunjt nur noch einmal wiederholt werden. Die neue Prüfungsordnung tritt mit dem 1. Oktober 1925 in
Kunst und Wissenschaft.
Historischer herein für Hessen.
Der Historische Verein in Darmstadt besucht auf seinem zweiten IahresauSflug Ober- Hessen, unb zwar am 29. August Büdingen unb am 30. August Gelnhausen. Assessor Lade spricht über „Kunstgeschichtliches aus Düdingen".
Eine hessffche Polarexpedition.
Professor Dr. Klute, der Ordinarius für Geographie an der Landes Universität, ist vor einiger Zeit zusammen mit dem bekannten Forscher Krüger- DenSheim zu einer auf drei
Das Rätsel unserer Familiennamen.
Jeder trägt mit feinem Namen ein Stück uralter Ueberlieferung und Geschichte mit sich. Daß wir in diesem Wott, das uns durchs Leben begleitet und uns gleichsam seinen Stempel aufträgt, etwas Ehrwürdiges und Teures besitzen, das geht schon bar- aus hervor, daß wir biefen steten Begleiter forgfam behüten unb barauf achten, daß ihm nicht etwa ein Buchstabe roeggenommen oder in der Aussprache eine Veränderung zuteil wird. Daß uns unser Name etwas bedeutet, ist klar, wenn wir ihn auch nicht so eng mit unserem Leben verknüpft erachten wie der primitive Mensch, aber w a s er bedeutet, dos ist vielen ein Rätsel. Diese reiche oiclgeftaltige Welt der deutschen Geschlechts- und Familiennamen erscheint dem Blick des Laien fast wie ein Urwald, aus dem die wunderlichsten Gebilde und dunkelsten Formen aufragen. Deshalb bedürfen wir eines Nach- fchlagewerkes, das uns in allen Fällen erschöpfende Auskunft gewahrt, und als solches bietet sich das alteingeführte Werk „Die deutschen Familiennamen" von Heintze dar. Ein ausführliches Namenbuch ergänzt hier eine lichtvolle Darstellung der Sprach- künde, Geschichte und Geographie unserer Familiennamen. Unsere Namen berühren uns schon deshalb so wunderlich, weil sie als Zeugen ferner Vergangenheit in unserer modernen Sprache stehen geblieben sind. Hören wir von Namen wie Hildebrand, Gund- lach, Obebrecht, Amelung, so ist es uns, als wenn eine Reihe von Rittern mit geschlossenem Visier vor uns aufmarschierte, unb stoßen wir auf kürzere Namen wie Benz, Renz, Boop, Rapp, Rum,. Agel, Hutzel, so ist es uns, als sähen wir einen Chor seit- samer Sobolbe uns urnhüpfen, bie uns mit bem Ge- heftnnis ihres Wesens necken wollen. Die Wstsen-
fchaft aber öffnet ben alten Rittern bas Visier unb zwingt die Kobolde zum Sprechen. Sie verfolgt die Entstehung der Familiennamen durch die Jahrhun- öerte zurück und stellt fest, daß es zum großen Teil Personennamen waren, die erst vor etwa 700 Jabren „fest wurden", d. h. einer Familie dauernd anhaften, während der Name vorher vom Vater auf den Sohn gewechselt hatte. Die Personennamen, die damals auf die Geschlechter übertragen wurden, reichen aber bis in die Zeiten der Völkerwanderung hinaus. Man braucht dabei nur an die Gestalten des Nibelungen- liebes denken, an Siegfried, Hagen, Gunther, Dietrick, Rüdiger, Namen, die fämllich, wenn auch vielleicht etwas verändert, in unserer Zeit fortleben.
Die Eigennamen haben aber mit der Weiterentwicklung der Sprache nicht gleichen Schritt gehalten. Da man sie als teuere Ueberlieferungen der Altvorderen behütete, so sind sie stehen geblieben wie die Ruinen der Ritterburgen, unb wir verstehen sie heute vielfach nicht mehr. Bei dem Namen „Hilde- brand" z. B. wisten wir nicht mehr, was ,^)ilbe" bebeutet Erst bas Altdeutsche gibt dazu den Schlüssel und belehn uns, daß „Hild" Kampf oder Schlacht hieß. Hildebrand ist also der „Kampfesbrand", der wie verzehrendes Feuer in der Schlacht wütete. Aehnlich ist es mit der Silbe „mar", berühmt, z. B. in Waldemar, Germar, ober mit „rub", das ebenfalls berühmt bedeutet, in Rudolf, Rüdiger usw. So- dann haben die mannigfachen Mundatten dazu beigetragen, die Bedeutung der Familiennamen zu ver- hüllen. Als diese sich bildeten, war die allgemeine Schriftsprache noch nicht vorhanden, die einzelnen Dialekte herrschten, unb so schimmert bie „plattdeutsche" Grundlage noch überall in den niederdeutschen Familiennamen durch, bei Schulte, Möller, Niebuhr (neben Neubauer), bei Voß, Kastebaum (innerdeutsch Kirschbaum) usw. Dahin gehören vor allem die vielen Verkleinerungsformen auf „ke", wie „Gericke"
von Gerhard, „Jahnke" von Johannes u. a. Im Oberdeutschen findet sich stattdessen die Endung „el". Aber wie schwer ist es manchmal, aus diesen „Koseformen" die Familiennamen zu erklären, so etwa „Hiesel" aus Matchias, „Gilles" aus Aegidius, „Grolms" aus Hieronymus. Zu dem hohen Alter und dem Einfluß der Mundatten kommen aber dann noch fremdsprachige Einwirkungen, die gar manch- mal unsere Familiennamen zu Hieroglyphen machen. Da ist vor allem der slawischen Elemente zu gedenken, die sich hauptsächlich in jenen Teilen des deutschen Ostens bemerkbar machen, der eine Zeit- lang von Slawen besetzt war. Auch das Romanische hat manches beigetragen, hauptsächlich das Fran- zösische, das von den zahlreichen Rsfugiös mitgebracht wurde, und schließlich sei auch noch das ßitau- ische erwähnt. Die wunderlichen Namen, wie Kw prolatis, Adomeit usw., die uns in Ostpreußen durch ihre Fremdartigkeit auffallen, stammen alle aus dem Litauischen. Dieses Gemisch aus verschiedenen Zei- ten, Mundatten und sprachen ist aber auch noch im Laufe der Jahrhunderte entfteüt unb verstümmelt, auch manchmal umgebeutet worben. Aus Christian sind so oerschiebenattige Formen wie Kirschstein unb Kasten, aus Wameking. ber Derfeinerungs- form von Werner, ist Warnkönig, aus Blei sogar Pflaumenbaum geworben. Aus solchen wunderlichen Verstümmelungen bie ursprüngliche Form festzu- stellen, ist sehr schwierig; nicht minber schwer aber auch, die während der Zeit des Humanismus ins Lateinische übersetzten JJtamen auf ihre deutsche Form zurückzuführen. So kann z. B. Olerattus die Uebersetzung von drei Namen sein. Oehlmann, Oehler, Oehlenschläger. Wenn wir uns aber in diese Wett der germanischen Namen vettiefen, dann offenbart sich in ihnen der deutsche Dolksgeist in seiner alten Größe unb Kraft, unb wir erkennen aus den »och heute fortiebenben altdeutschen Namen das
Wesen jener Vorfahren, die Kampf und Sieg, den Hellen Klang der Waffen, den klugen Rat, das ruhmvolle Walten und die Verehrung segenspendender Götter in ihrem Namen festgehalten haben.
Wie D'Annunzio sein „Totenzimmer" eingerichtet hat.
Daß sich Gabriele D'Annunzio in der der Witwe des Professors Thode gestohlenen Villa am Gardafee häuslich eingerichtet hat, wissen wir aus der Erzoh- langen von Karin Michaelis, die sein Benehmen vor aller Wett an den Pranger stellte. Aber der Dichter ist entschlossen, in diesem schönen Besitztum nicht nur zu leben, sondern auch zu sterben, und da er alles, selbst seinen künftigen Tod, dazu benutzt, um Aufsehen zu erregen und Reklame zu machen, so hat er sich ein „Sterbezimmer" in der Villa eingerichtet, dffsen Ausstattung in römischen Blättern natürlich beschrieben wird. Das „Sterbezimmer" heißt auch das „Zimmer des Aussätzigen", weil es ein eindrucksvolles Gemälde enthält, auf dem der heilige Franz dargestellt ist, wie er einen Aussätzigen umarmt Das Bett ist so schmal, daß es wie ein Sarg aussieht. Es ist nur mit einer Decke versehen, die au» Leder gefertigt ist und mit goldenen Ornamenten ge- schmückt ist. Die Wände dieses „Sterbezimmers" sind mit Malereien ausgestattet, die „biejentgen Dinge barftellen, die der Dichter in seinem Leben am meisten geliebt", und zwar sind das die folgenden Dinge: ein Pferd, ein springender Hetzhund, ein Flugzeug, ein Schwert, die „zehnte Muse", die die Kraft verkörpert, ein loderndes Feuer, eine Orgel und eine Frau. Während die Wände des Sterbe- zimmers den irdischen Freuden gewidmet sind, sinh an der Decke Malereien angebracht, die auf da» Christentum und auf bas Jenseits Hinweisen. Hier ist nan lich ein großes Kreuz bargefteüt, umgeben von ben Sinnbilbern des Leidens Christi,


