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Stteven fei, und betrachte es daher als ihre lÄbstver stündliche Aufgabe und ihre nationale Pflicht, das Reich möglichst bald in den Genuß von Pvstertragnissen zu sehen. 3m übrigen sei die Reichs post kein reines Finanzinstitut, das lediglich auf 'Gewinnerzielung yinarbeitet, sondern

«int Kulturanstalt ersten Ranges,

die auch unrentable Zweige durchschleppen müfl« und volkswirtschaftliche Aufgaben im ernt- nenteften Sinne des Wortes zu erfüllen habe. Süe Reichspost lehne es daher ab, eine Thesau­rierungspolitik zu treiben, während das Reich notleide.

2lls Berichterstatter zum Posthaushalt gab Herr Boden einen Lieberblick über die Gesamtwirtschaf slage. Der P o st - u n d D r i ef° verkehr ergäben keine Überschüsse. Uber den Paketverkehr könne bei der Kürze der Zeit seit dem Inkrafttreten neuer Gebühren noch nichts gesagt werden. Der Postscheckver- kehr decke im allgemeinen die Kosten. Die Tele­graphie sei unrentabel und müsse durch die Einnahmen aus dem Fernsprechverkehr, der sich trotz der Gebührenherabsetzung besser ent­wickelt habe, die Unkosten decken. Das Funk­wesen habe eine erfreuliche Ausdehnung ge­wonnen. Der Ueberschuh aber betrage jährlich nur 6 Millionen Mark. An eine Ermähigung könne vorläufig nicht gedacht werden.

Rothardt-Prozeh.

Magdeburg, 25. März. (Wolff.) Der Leutschnationale Landtagsabg. Pfarrer Koch - Berlin gibt an, er habe sich seit 1917 mit den -Ursachen des Abflauens der Kriegsstimmung be­saht und bann auch mit der Frage der Schuld der Gesamtsozialdemokratie an dem Ianuarftreik. Er habe es für möglich gehalten, dah Ebert -in ber Treptower Versammlung gegen den Streik gesprochen haben könne. Später sei Frau Walz zu ihm gekommen und habe ihm gesagt, dah in ihrem Hause ein gewisser S y r i g wohne, der der Treptower Versammlung beige­wohnt habe. Gr habe dann Syrig zu sich gebeten und ein Protokoll mit ihm aufgenommen, das mit ben Worten begann: Ich versichere an Eides­statt ... In dem Protokoll versichert Syrig, ba& Ebert in Treptow gesagt habe: Streik, Streik, Streik! nur so kann der Krieg, beendet werden! Ebert habe auch auf- fordert, den Gestellungsbefehlen nicht Folge zu leisten. Als dem Zeugen die Aus­sage Eberts bekannt geworden sei, habe er Syrig nochmals zu sich kommen lassen und ihn auf die Folgen eines Falfcheides aufmerksam gemacht. Syrig habe aber erklärt, er bleibe auch Lieser Aussage Eberts gegenüber bei seiner ^Bekundung. Der Zeuge versichert weiter, er habe Syrig niemals irgendwelche Dortelle versprochen.

Der Chefredakteur desVorwärts", Stampfer, sagt aus: Ich sprach in meinem Artikel, der hier verlesen wurde, absichtlich nicht von einzelnen Forderungen, sondern von gerech­ten Forderungen der Arbeiter. Ich wußte ja, als ich den Artllel schrieb, noch nicht, welche Streikforderungen durch unsere Partei gedeckt wurden. Deshalb drückte ich mich allgemein aus. In einer Unterredung sagte Evert, dah er meinen Artikel nicht ganz billige und ihn für unvorsichtig gehalten habe. Ich sagte, wenn ich gewußt hätte, dah Sie für einen Leit der Forderuirgen nicht eintreten wollen, wäre meine Situation eine leichtere gewesen.

' Rechtsanwalt Luetgebrunne: Hat zur J3eit des Streiks zwischen Ihnen und der Partei- Gleitung eine Differenz bestanden oder ist es nicht vielmehr so, das ihre subjektive Auffaflung auch rbcr der Parteileitung entsprach?

» Zeuge: In den Absichten waren der Partei- vorstand und ich absolut einer Meinung. Aber eine Differenz bestand z. B. am 20. Ianuar, denn da wuht.' ich nichts davon, daß die Parte leitung einzelne Forderungen der Streikenden ablehnte.

Der nächste Zeuge ist der Schriftsteller Georg Davidsohn, der während des Krieges svzial- d«nvkratischer Reichstagsabgeordneter und bis zum Iahre 1910 Redakteur desVorwärts" war.

Vorsitzender: Welche Stellung nahmen Sie persönlich zum Ianuarstreik ein?

Zeuge: Ich persönlich wäre sehr froh gewesen, wenn der Ianuarstreik dazu beigetragen hätte, dem Krieg damals ein Ende zu machen.

Vorsitzender: Sie billigten also den Streik? Zeuge: 3a, aber eine große Mehrheit der Fraktion war gegen den Streik. Prinzipiell wollte die SPD. nach meiner Auflassung den 3anuarstreik nicht.

Rechtsanwalt Lütgebrune: Haben Sie nicht einmal geäußert, wenn der Streik Erfolg gehabt hätte, würden Ebert und Scheidemann sich sich rlich an die Spitze gestellt haben? Zcmge: Das glaube ich auch heute noch

Vorsitzender: Auf bestimmte Tatsachen be­gründet sich aber Ihre Aeuherung nicht? Zeuge: Rein.

Rach einer kurzen Pause soll der Zeuge Go­kart nachträglich vereidigt werden. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er alle ferne Aus­sagen mit seinem Eide bekräftigen könne, erklärt er: Ich habe noch nicht alles ausgesagt; aber dann mühte bie Öffentlichkeit aus­geschlossen werden. Ich habe über die Trep- totoer Versammlung und noch über zwei andere Versammlungen Berichte an zwei bestimmte Stel­len übergeb.

Vorsitzender: Sie wollen die Stellen nicht -nennen, denen Sie d e Berichte überg chen haben? Gvbert: Rur wenn die Oeflentlichkeit ausge­schlossen wird, weil sonst mein Leben ge­fährdet ist.

Vorsitzender: Würden Sie uns die Stellen aufschreiben? Gobert überreicht dem Vor­sitzenden einen Zettel, auf dm er die Adresse der Stellen geschrieben hat. Gobert wird schließ­lich vereidigt.

Der Tschekaprozeh.

Leipzig, 25. März. (WB.) Heute wurde fcie Vernehmung des Untersuchungsrichters Land­gerichtsdirektors Vogt- Berlin zu Ende geführt. Der Zeuge führt eine Reihe von Tatsachen an, aus denen nach feiner Ueberzeugung hervorgeht, daß die Kommunistische Partei hin- le rderTschekagruppe gestanden Hit Wei­ter betont der Zeuge, daß die Identität Sk ob» lews kys mit Helmuth zweifellos feststehe. Rechtsanwall Wolff stellt unter Beweis, daß nicht die Hälfte der 673 Personen, die in der Paßzentrale falsche Dässe erhalten haben, Korn- «Tunisien gewesen feie»

Der Kampf um das Wahlrecht in Japan.

Paris, 25. März. (TU.) 3m japani­schen Herrenhause haben gestern mehrere Mitglieder gegen das allgemeine Wahl­recht protestiert. Heule früh haben vor dem Herrenhaus erregte Kundgebungen ftattgefunben. Die Menge drang in die Häuser ein und richtete Verwüstungen an. Das Herrenhaus hat daraus beschlossen, die 5k?- batte über da« Wahlrecht nicht wieder aufzu- nchmen, solange der Minister deS 3nnem die Mitglieder nicht gegen derartige Kundgebungen schütze.

Kleine politische Nachrichten.

5He ReparationSkommisflon hat ihre Geneh­migung zur Erteilung eines Auftrages von 3300 Eisenbahn Waggons an Kwei deutsche Firmen erkellt, die an die ParisLyoner Mittelmeerbahn auf R epa ra ti o n S kon l o geliefert werden sollen. Die Lieferung von 1800 Waggons ist den Gockel werken in Reuwied, die Lieferung vo nl530 Waggons an die Dah n- bedarfs A.-G. Darmstadt übertragen worden.

Einbrecher drangen in der Rächt zum Mittwoch in die Wohnung des Mitglieds Oer deutsch-völkischen Freih.itSbewegung und Heraus­gebers derDeutschen Wochenschau", Major Weberstedt. Sie raubten den Aktenschrank und stahlen hierbei eine ganze Anzahl Briefe, die L u d e n d o r f f an Wcberstedt geschrieben hat. Es scheint sich demnach um einen politi­schen Einbruch zu handeln.

Aus aller Welt.

Explosion im Hamburger Hasen.

II Personen getötet.

Hamburg, 25. März. (TU.) Gin schweres Explosionsunglück ereignete sich heute vormittag im Hamburger Hafen. Auf dem Leichter -Saturn" sollte eine Schiffskajüte nie­dergelegt werden. Man arbeitete mit Sauer- stoffgebläfen. Wahrscheinlich durch die Bil­dung von Knallgasen aus den Rückständen, die sich auf dem Boden deS leeren Kahnes befanden, flog plötzlich der etwa 60 bis 100 Meter lange Kahn in dre Lust.

Sieben Personen wurden getötet. Drei bis fünf Personen wurden schwer verletzt. Die Wucht der Explosion war so stark, daß ein fünf bis sieben Zentner schwerer Anker über die Fabrikdächer h i n w e g g e s ch l e n- d e r t wurde. Der Leichter ist vollständig ver­nichtet. Durch den gewaltigen Luftdruck wurde an den umliegenden Gebäuden erheblicher Scha­den angerichtet.

Don demSaturn" ragen nur noch das zer­rissene Vordertell und das Heck aus dem Wasser. Seit dem Abrücken der Feuerwehren liegt das Flintsche Taucherschiff längsseits der Trümmer, um die Bergungsarbeiten zu beginnen. Der LeichterSaturn" gehörte der Krapuler Maschinenöl-Raffinerie" in Prag und befand sich in Reparatur. Die Zahl der Toten hat sich auf elf erhöht. Zwei Personen werden noch vermißt. Unter den Toten befinden sich zwei Mann der SchifsSbesahung.

Hamburg, 25. März. (TU.) Weiter wird mitgeteilt, daß noch zwei weitere Per­sonen vermißt werden. Einwandfrei fest- gestellt wurden bisher die Personalien von sechs Personen, die getötet worden sind. Da die Ex­plosion auf Richteinhaltung von Sicherheitsmaß­nahmen zurückgeführt wird, so erwartet man ein gerichtliches R ach sp iel.

0-guy BordeauxParis entgleist

Paris, 25. März. (WB.) Mittwoch nacht gegen zwei Uhc ist der Schnellzug Bor­deauxParis unweit Poliers entgleist. Mehrere Wagen rissen sich los und stürzten in einen Abgrund. Bis jetzt wurden fünf Tote und etwa 40 Verletzte festgestellt. Unter den Toten befindet sich der radikale Senator Pede- bidou.

Heber den Absturz des Schnellzuges Paris- Bordeaux melden die Blätter noch folgende G i n= zelheiten: Die Entgleisung war von einem plötzlichen Bruch der Koppelung verur­sacht worden. Die vier letzten Wagen, darunter der Schlafwagen, stürzten aus dem Gleis. Die in Paris eingetroffenen nichtverletzten Passa­giere des Zuges schildern die Schreckens­szenen, die sich bei der Katastrophe abgespielt haben. Die Rächt war pechschwarz und es reg­nete in Strömen, als die schlafenden Paflagiere durch das Krachen der Wagen geweckt wurden. Ein Passagier, der einen anderen Passagier län­gere Zeit im Wasser an der Hand g halten hatte, muhte, als er schließlich ermüdete, schließlich zu­sehen, wie der Unglückliche vor feinen Augen ertrank.

Jllmbrand im voxhaus.

Nach einer Filmvorführung im Vox- Hause in Berlin, die hauptsächlich von Direktoren von Lichtspieltheatern besucht war, gerieten meh­rere hundert Filme, in die achtlos ein bren­nendes Streichholz geworfen worden war, in Brand. Durch die gewaltige Stichflamme er­litt der Filmoperateur schwere Brand­wunden an beiden Händen. Zwei Besucher der Veranstaltung, ein Kaufman und eine Schriftstelle­rin, trugen in der entstehenden Panik leichte Ver­letzungen davon. Das Feuer griff auf die Gar­derobe über, wo zahlreiche Garderobestücke und Einrichtungsgegenstände den Flammen zum Opfer fielen.

Fabrikbrand.

Aus Schaffhausen wird berichtet: Mitt­woch früh um 2 Uhr brach in der Werkabteilung der Eisen- und Stahlwerke A.-G vormals Fischer in Mehlental Feuer aus. Die elektrische Ab- tcilimg und das Dorratsmagazin, das sehr leicht brennbare Bestände enthielt, standen sofort in Flammen. Das Feuer erfaßte den Dach­stuhl des 200 Meter lang n Gebäudes. Der Fa­brikfeuerwehr und der hrrbeigeellten städ­tischen Feuerwehr gelang es, durch energisches Vorgehen das U begreifen des Feuers auf an­dere Fabrikwerkstätten zu verhindern. Der an- gerichtete Schaden dürfte sich auf etwa 400 000 Franken belaufen Die Belegschaft ist mit den Aufräumungsarbeiten beschäftigt. Der normale 'Betrieb wird in etwa vier Tagen wieder aus­genommen werden können.

Unfall eines Krankeaautos.

In Opladen (Rhld.) verlor der Führer eines Krankenautos die Führung über feinen Wagen und fuhr gegen ein HauS. Don den Infaffen fiel ein Mann, der feinen schwer- kranken Sohn nach Hause holle, infolge des Zu­sammenstoßes in eine Scheibe des Wagens, wo­durch er sich so schwer am Halse verletzte, daß er auf der Stelle verblutete. Der Sohn, der lebensgefährlich krank ist. wurde nicht verletzt. Dor drei Wochen starb dem Mann die Frau.

Ein Zug in den Fluß gestürzt.

Der Ratal-Expreßzug stürzte auf der Fahrt von Kapstadt nach Ratal infolge Ein» sturzes der Drücke in den Fluß. Außer dem Zugführer und dem Heizer wurden mehrere Ein­geborene getötet.

Heinrich Federer Preisträger.

Der Schweizer Dichter Heinrich Federer hat für seinen letzten RomanPapst und Kaiser auf dem Dorfe" den Gottfried-Keller- Preis von 6000 Franlen der Marttn-Bodmer- Stiftung in Zürich erhalten.

Deutscher Aerztekongreß in Bad Kreuznach.

An den Pfiig ifä.rtag.m findet in Bad Kreuznach ein Deutscher Aerztekongreß statt, zu dem die hervorragendsten deutschen Aerzte er­scheinen werden.

ThphuSepidemie in Ostpreußen.

In Korschen L Oftpr. i|l eine Typhus­epidemie ausg.brochen, der bisher drei Einwohner zum Opser gefallen find. Die Zahl der an Typhus erkrankten Personen beläuft sich auf 54. Zur Verhütung einer weiteren Aus­breitung der Äranfijcit sind Versammlungen, Theaterauflührurgm, Kinovorstellungen usw. bis auf weiteres verboten. Die Ursache der Erkran­kungen konnte noch nicht festgestellt werden.

Taufe eines Freiballons.

Auf dem Flugplatz Staaken bei Berlin fand die Taufe des FreiballonsDr. Richard Gradenwitz" vom Aeroklub von Deutschland statt. 3m Anschluß an die Taufe trat der Ballon seine 3ungfernfaf)rt an. Eine Reihe, bekannter Persön­lichkeiten aus der Berliner Aerowelt nahm an der Veranstaltung teil.

Dritte Römische internationale Kunstausstellung.

In Rom wurde durch den König, der sich in Begleitung des Ministers des Innern und des Unterrichtes befand, die D.-itte Römische Internationa le Kunstausstellung er­öffnet. Deutschland ist diesmal in verschiede­nen Sälen vertreten. Der König wurde am Ein­gang der deutschen Säle vom deutschen Botschafter v. R e u r a t h, sowie von Herren des deutschen Organisationskomitees empfan­gen. Der König sprach seine Anerkennung über die schöne deutsche Ausstellung aus.

Prähistorische Kuochenfunbe.

DieGiornale d'Italia" meldet aus Adels­berg (Krain), daß bei Ausgrabungen zum Dau einer Eisenbahn im Innern einer Grube Reste von Elefantenzähnen, Schädel und Knochen von wilden Tieren entdeckt wurden, deren Alter auf 30000 Iahre geschätzt wird.

Eine Stadt durch Wasser zerstört.

Rach amtlichen privaten Funkmeldungen aus Trujillo, der drittbedeutendsten »Stadt von Peru, Hal eine furchtbare Uebe'rschwem-- mung, durch anhaltenden strömenden Regen verursacht, diese Stadt fast vollständig zerstört.

Wettervoraussage.

Wenig kälter bei veränderlicher Bewölkung, ohne Riederschläge von Bedeutung.

Ein flaches Tief liegt heute morgen über Düdeuropa und erstreckt seine Ausläufer bis nach Mitteldeutschland. Die dadurch bedingte nördliche Luftströmung wird auch morgen noch vorherrschen, doch ist Im Raum zwischen Island und Skandinavien schnell ein starkes Fallgebiet vorgerückt, das dann wieder südwestliche milde und feuchte Luft in Aussicht stellt.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 26. März 1925.

Dem Superintendenten Wagner.

Zu der Stunde, da diese Zeilen in Druck gehen, sind mit dem Oberhirten der Evangelischen Landeskirche Heflens, Prälat D. Dr. Diehl, die Kirchenregierung, zahlreiche Geistliche un­terer Evangelischen Kirche, insbesondere Seel­sorger aus der Provinz Oberhessen, und Mit­glieder der Evangelischen Kirchengemeinde Gir- ßens in der hiesigen Stadtkirche zur Feier oer Amtseinführung des neuen ober» hessischen Superintendenten Wag­ner versammelt. Mit den Tellnehmern dec Feier und in Übereinstimmung mit den Ge­fühlen des hessischen, vor allem aber des ober- hessischen evana lischen Kirchenvolles bringen totr an diesem denkwürdigen Tage dem neuen evan­gelischen Oberhirten der Provinz unseren Gruß und unsere ehrerbietige Huldigung dar. In schwerer Zeit übernimmt Superintendent Wag­ner die Leitung der Superintendentur Gießen, zu der bekanntlich die ganze Provinz Ober­hessen gehört. Unkirchliche und religionsfeind-- liche Elemente gibt es heutzutage leider gar viele, und auch die wirtschaftliche Rot der Zeit drückt auf die Kirche in starkem Maße. Durch diese schweren Wogen das Schiff der oberhessischen Kirche zu steuern, den Männern und Frauen an Bord ein mutiger Kapitän und guter Steuer­mann zugleich zu sein, den draußen Treibenden gern und stets jur Rettung zu verhelfen und alle Klippen mit Sorgfalt zu umschiffen, dazu gehört eine Opfer- und tatfrohe Persönlichkeit mit reicher Erfahrung und nie ermüdendem Fleiß. Das Wirken des Superintendenten Wagner in seinen bisherigen Amtsstellungen gibt bte Ge­währ dafür, dah die Evangelische Kirche Ober- Hessens in ihm den guten Führer bekommen hat, der ihr in dieser Zeit eine Rotwendigkeit ist. Selbst ein Kind Oberhessens und lange Iahre amtlich in der Heimatprovinz tätig gewesen, später nach der Versetzung nach Darmstadt die Verbindung mit ihr stets aufrechterhalten, kennt Superintendent Wagner seine Oberhessen in vollkommener Weise, und vielen aus der ober­hessischen Bevölkerung ist auch er ein guter Be­kannter geblichen. In dieser Verbundenhell des Superintendenten mit seiner Heimatprovinz darf man eine weitere Gewähr für sein gedeihliches Wirken zum Besten unserer Evangelischen Kirche und zum Heile aller ihrer Glieder erblicken. Möge es dem neuen Leiter unserer Superinten­dentur vergönnt sein, recht viele Iahre in seinem Amte zu bürten und möge auf seiner Arbeit Gottes reicher Segen rufieni

Die Gietzener Stuvenlenhllfe im Jahre 1924.

Die Gießener Studentenhilfe erstattet jetzt ihren Tätigkeitsbericht für das Iahr 192 4, dem wir folgenden Auszug entnehmen:

Der Verein Studentenhilfe zeigte auch im Iahre 1924 eine sehr gesunde Entwicklung. Zu den bereits seither im Betrieb befindlichen An­lagen, nämlich: den Studentenheimen Durggraben undSchöne Aussicht", der Gärtnerei, der Schuh­macherei, der Druckerei und der Leihbücherei kam im Berichtsjahr noch die Vollendung des Stu- dentenwohnhauses auf derSchönen Aussicht" uno die Errichtung einer Wäscherei dortselost. Die Arbeit auf dem Gebiet der Ginzel- und Kranker.sürsorge war sehr rege, auch das Arbeits­amt und das Wohnungsamt waren in Funktion. Durch die Zweigstelle der Darlehnskasfe der Deutschen Studentenschaft wurden zahlreiche Dar­lehen avsgegeben, und auch der Verein half häufig in Fällen dringender Rot mit kurzfristigen Darlehen.

Studenten heim Durggraben. Die Zahl der Teilnehmer an der Speisung hat sich gegenüber dem Vorjahr vermindert, was damit zusammenhängt, daß die Zahl der Studierenden, wie an allen Hochschulen, so auch hier, erhebl'ch zurückg^gangen ist. Außerdem essen jetzt fast alle Korporationen wieder auf ihren Häusern, was eine Abwanderung aus dem Studentenheim be­dingte. Immerhin ist die Zahl der Essensteil- nehmer immer noch so erheblich, daß im Burg- graben sowohl wie auf derSchönen Aussicht" die Speflung im vollen Betrieb war. Zur Zeit beläuft sich die Zahl der Te lnehmer an der Spei­sung im Burggraben und auf derSchönen Aus­sicht" mittags auf etwa 300, abends etwa 150. Die Küche im Durggraben wurde neu hergerichtet, ebenso das Treppenhaus, auch wurden ver­schiedene Maschinen für die Küche angeschafft.

Sehr gut besucht waren wieder die Heim­abende mit Vorträgen von Dozenten, musikali- schen Darbietungen usw, die in jedem Semester zwei- oder dreimal im Burggraben veranstaltet wurden. Das Arbeits- und Musikz mmer waren immer gut besucht, und die zahlreichen neu auf­gelegten Zeitungen, die kostenlos zur Verfügung gestellt werden, wurden viel gelesen. Zum Ar­beitsdienst für das Heim wurden während deS Sommer-Semesters noch öfters Studenten heran- gezogen. Allseitiger Beliebtheit erfreut sich die Frühstücksstube in der Universität, wo ein ganz erheblicher Umsatz in Kakao und belegten Broten stattfand.

Schöne Aussicht: Es hat sich h'er ein immer regeres Leben und Tre b>n entwickelt. Das Studentenheim hat wesentliche Verbesserung en er­fahren, vor allem wurde die Küche erweitert. Die ganzen Räume und das Treppenhaus wur­den neu hergerichtet. Das Arbeits,ckmmer wurde mit neuen Belenchtungskörpern versehen und durch ein von Geheimerat Olt gegiftetes, selbst ge­malt Bild verschönt. Auch ein Klavier wurde angeschafft.

Wäscherei: Diese wurde in einem Anbau an das Haupthaus untergebracht Die Einrichtung hat sich seither sehr gut entwickelt. Es wird von den Benutzern freudig begrüßt, daß die Wäsche nicht nur sorgfältig mit der Hand gewaschen und geplättet, sondern auch vollständig ausgebessett guriiefgeliefert wird. Auch werden in der Flick­stube Heinere Ausbesserungen an Kleidungs­stücken vorgenommen.

Ggerherm: Das Studentenwohnhaus wurde Anfang des Iahnes fertiggestellt und mit dem Sommer-Semester vollständig bezogen. ES sind darin die Familie des Gärtners sowie 46 Studenten untergebracht. Die Studentenbaden waren stets sämtlich besetzt, es übersteigt immer die Rachfrage die vorhandene Dettenzahl. DaS Zusammenleben der Heimbewohner hat sich dauernd zu einem sehr erfreulichen gestaltet, ob­wohl die Z-ifammenfehung e-ne sehr verschieden­artige ist, di Korporationsstudenten und R-cht-- korvorationsstudenten, hohe Semester und junge Füchse dort zusammen wohnen.

Gärtnerei: Zur Vn:größerung der Gärt­nerei wurde in der Räh^ derSchönen Aussicht" ein Grundstück von 1598 Quadratmeter käuflich erworben. Die bearbeitete Gesamllwdenfläche be­trug in dem abgelaufenen Geschäftsjahre zirka 7 Morgen. Davon wurden 2Vs Morgen gärt­nerisch bebn"t, die übrigen 4Vs Morgen wurden mit Kartoffeln bepflanzt. Der Ertrag an Ge­müse war ein so reicher, daß von Mai ab fofik alle Gemüse, die für die Speisung benötigt wur­den, aus der Gärtnerei bezogen werden konnten. Im Iahre. 1925 wird die zu bebauende Doden- fläche ca. 9 Morgen Ertragen und nach inten­siver Bearbeitung des Bodens wird mit etwa dem dreifachen Ertrage des Vorjahres gerechnet wer» den Tonnen. Unter der Leitung des fest angestell­ten Gärtners arbeiteten im Laufe des SommerS, aufvr einem dauernd beschäftigten Gartenarbeiter, 18 Studenten in ca. 4200 Arbeitsstunden m der Gärtnerei, wodurch diesen die Möglichkeit zu einem Rebenverdienst während des Semesters gegeben wurde.

Schuhmacherei: In der Schuhmacherei wurde den Studenten auf Reparaturen zuerst ein Rachlaß von 40 Prozent und später 30 Pro­zent gewährt, während aus der Lederspende des Hess. Gerberverbandes bedürftigen Kommilitonen auch freies Leder zu den Reparaturen gestellt wurde.

Einzelfürsorge: Das Maß der Einzel­unterstühungen hat im Vergleich zu den Vor­jahren nicht nachgelassen. Es wurden an 114 Studierende kurzfristige Darlehen gemährt in einem Gesamtbeträge von 558-1 Mk. Im Studen­tenheim wurden im W.--S. 23 24 77 Freitische und 20 halbe Freitische gewährt, im S.-S. 1924 99 Freitische und 6 halbe Freitisch-, im W -S. 24/25 83 Freitische und 3 halbe Freitische. Don diesen 88 vollen Freitischen werden 54 von dem Stipendiatenephorus bezahlt, und zur Finanzie­rung der restlichen 34 liefen entsprechende Bei­träge von den Städten bzw. Kreisen Gießen, Mainz, Worms, Dingen. Lauterbach und Schot­ten für je 1 ober 2 Freitische ein. Am Kranken­tisch nahmen auf ärztliche Vorschrift täglich 10 bis 15 Personen teil.

Arbeitsamt: Trotz eifriger Bemühungen war es infolge der eingetretenen Arbeitslosig­keit nur in wenigen Fällen möglich, den Kommi- tonen Arbeitsstellen zu verschaffen. Doch werden die Bemühungen in dieser Richtung von uns eifrig fortgesetzt.

Wohnungsamt: Die Vermittlung von Zimmern vollzieht sich ohne Schwierigkeiten An Zimmern ist kein Mangel mehr, aber die Preise für dieselben sind unverhältnismäßig hoch und liegen weit über den Vorkriegspreisen Infolge­dessen erweist sich das Studentenwohnbsu« ***