hin bekannt ist. Er ist Gutachter für Gesetzentwürfe, die die Provinz betreffen. Er ist befugt, Anträge und Beschwerden an die Staatsregierung zu richten. Er wirkt bestimmend mit bei der Auswahl des Oberpräsidenten, der Regie' rungspräsidenten und des Provinzialschulkollegiums. Dor allem aber: die preußischen Provinzialoertre- tungcn bestimmen die Zusammensetzung des Siaatsrots, der gleichberechtigt neben dem Preußischen Landtag steht. Er besteht nur aus Vertretern der Provinzen. Seine Befugnisse sind ungeheuer weittragend. Die Zusammensetzung des Staatsrates ist für die preußische Politik um so größer, als verfassungsmäßig der Staatsrat indirekt in der Lage ist, die Auflösung des Landtags herbeizusühren. Erheblichen Einfluß haben die Provinzen außerdem auf die Zusammensetzung des R e i ch s r a t s , da in Preußen die Hälfte der Reichsratsstimmen durch die Provinzen bestimmt werden. Der Reichsrat hat praktisch für das Reich zwar kaum die Bedeutung wie der Staatsrat für Preußen, sein Anteil an der Verwaltung und Gesetzgebung darf dennoch nicht unterschätzt werden. Unwichtige Wahlen find cs wirklich nicht, die am Sonntag stattfinden. Möge jeder Staatsbürger daraus die notwendige Folgerung ziehen und zur Urne gehen!
Der Hochverrcttsprozetz gegen dieKommunMscheParreizentrale
Leipzig, 24. Rov. (Täl.) Die im Reichstag beantragte Genehmigung zur Verhaftung von sieben führenden Mitgliedern der Kommunistischen Fraktion steht im Zusammenhang mit dem noch immer beim Staatsgerichtshof schwebenden Hochverratsverfahren gegen die Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands. Die umfangreiche Anklage ist für diesen Prozeß schon seit längerer Zeit fertiggestellt, der Hauptverhandlungstermin war ursprünglich für diesen Monat in Aussicht genommen, wurde bann aber auf unbestimmte Zeit verschoben. Veranlassung zu dieser Maßnahme und gleichzeitig zu dem im Reichstag gestellten Haftantrag dürfte die Heberzeugung bei den maßgebenden Instanzen des Staatsgerichtshofs gewesen sein, daß eine Durchführung des sehr umfangreichen, auf eine Zeitdauer von mehreren Monaten berechneten Prozesses ohne Festnahme der Hauptangeklagten nicht möglich sein könnte. Einer der Hauptangeklagten des Tscheka- Prozesses, M a r g i e s, wird sich übrigens demnächst wegen Mordes vor dem Schwurgericht Bochum zu verantworten haben. Er soll im Verlauf von Unruhen während der Vesahungszeit einen Polizeibeamten erschossen haben. Das Verfahren gegen ihn wurde seinerzeit vorübergehend eingestellt und ist jetzt wieder ausgenommen worden.
Dama-chkes 60. Geburtstag.
Berlin, 25. Rov. (TLl.) Anläßlich des 60. Geburtstages Adolf Damaschkes, des Führers der deutschen Dodenreformer, fand in der Technischen Hochschule in Charlottenburg ein« Festversammlung statt. Oberbürgermeister Dr. Bella n - Eilenburg überbrachte Grüße des Reichsstädtebundes und der Stadt Eilenburg, die eine Straße zu Ehren Adolf Damaschkes benannt habe. Hierauf überbrachte Reichsminister a. D. Koch (Dem.) die Grüße der demokratischen Reichstagsfraktion. Er betonte, die Lebensfrage der Bodenreform könne nur im Reichstag entschieden werden. Reichstagspräsident Löb« sprach dem Jubilar seine Glückwünsche und angesichts der anwesenden Vertreter fast aller Reichstagsparteien auch der deutschen Volksvertretung aus. Reichstagsabgeordneter Morath (Deutsche Voikspartei) sprach d e Glückwünsche seiner Fraktion aus. Vor Damaschke und feinem Werke neigten sich alle Parteisahnen, vor ihm gebe es keine parteipolitischen Unterschied e. Einser Damaschke ist des deutschen Volkes Seelsorger.
Reichstagsabg. D. M umm (Dn.) führte aus: Er dürfe auf mehr als 25 Jahre zurückschauen, als er das erste Mal mit Adolf Damaschke in Berührung gekommen sei. Soll unser Volk aus seiner gegenwärtigen Rot herauskommen, dann muß bei alledem, was uns trennt und scheidet, es auch etwas geben, das uns wieder zusammenführt aus der sozialen Zerrissenheit. — Landtagspräsident Peus (Anhalt), Vertreter der S. P. D., betonte, schon heute gebe es viele Sozialdemokraten, die Lodenreformer seien. Er rufe es allen seinen Parteigenossen zu: Werdet Bodenreformer! — Reichs- tagsabg. Joos betonte, daß Damaschke einer der Wenigen sei, die dem ganzen Volke gehören, vor dem sich alle Parteifahnen senkten. Damaschke ha^e das deutsche Volk gelehrt, Gemeinschaft in der Gesinnung zu haben. Das sei noch wertvoller als tn Paragraphen gefaßte Gesetze.
Vom Finanzausschuß des Hessischen Landtags.
WSR. Darmstadt, 24. Rov. Der Finanzausschuß des Hessischen Landtags genehmigte in seiner heutigen kurzen Sitzung die für die Renovierung des Kurhauses in Bad-Rauheim angeforderten Mittel, und zwar für die Wiederherstellung des Daches 40 020 Rlark, für die Renovierung des großen und kleinen Spe sesaales die Hälfte der geforderten S:mmen mit 5000 und 7000 Mk. und für sonstige Arbeiten weitere 40 000 Mk. — Die in einer Regierungsvorlage angesorderten Kosten für die auf Grund des Reichsgesetzes vom 1. Oktober 1924 eingerichteten S ch l i ch t u n g s ä m t e r in Höhe von 17 500 Mk. werden nach längerer Debatte bewilligt.
Locarnodebatte im britischen Oberhaus.
London, 25. Rov. (SH.) 3 m Oberhaus ersuchte gestern nachmittag Lord Arnold als Vertreter der Arbeiterpartei die Regierung, eine Erklärung über die Verträge von Locarno abzugeben. Lord Balfour (Kons.) bezeichnete Locarno als den Beginn einer neuen Etappe des moralischen Wiederaufbaus Europas. Er gab zu, daß sich die britischen Dominions nicht den Verträgen angeschlossen hätten. Diese Tatsache tonne man jedoch nicht als ein Anzeichen dafür anschen. daß das britische Reich weniger geschlossen und einig dastehe, als andere große Staaten.
Loro Haldane (Arbeiterpartei) betonte, daß jetzt die Zeit gekommen sei, in freundsch-.ft- lichim Einvernehmen zwischen Siegern und Be- li'gten zahlreiche Fehler des Vertrags von Versailles abzustellen. Lord Grey (lib.) sprach
Gietzener Finanzlagen.
I.
3n den letzten Monaten und Wochen sind im Reiche, im Staate und auch in Gießen Ereignisse eingetreten, die wegen ihrer Rückwirkungen auf die Finanzlage unserer Stadt die ernsteste Beachtung erfordern. Vom Reiche her sind es die Auswirkungen der Ermäßigungen der großen Steuern, der älmsatz- und der Einkommensteuer, die unser Gemeinwesen nicht unberührt lassen. Von feiten des Staates wird unser städtischer Haushalt in Rachteil versetzt durch die unvorhergesehene Auflage neuer Lasten, obwohl das Land mit Wirkung vom 1. April ds. 3s. ab die Anteile der Gemeinden an dem Reichssteueraufkommen um 5 Prozent zu seinen Gunsten gekürzt hat. älnd in der Stadt endlich sind durch den Rechtsspruch des Verwaltungsgerichtshofes hinsichtlich der Getränkesteuerordnung und durch Wahlversprechungen vor der Stadtverordnetenwahl Ausfälle im Haushalts- plan bzw. Bindungen einiger Parteien entstanden. Die nicht als Bagatellen abgetan werden können. Das neue Stadtparlament, das gleich am Anfang seines Wirkens der großen Schwierigkeiten Herr werden muß, ist nicht zu beneiden. Dabei werden gar manche an und für sich gute Vorsätze unter dem unausweichlichen Zwang der Tatsachen über Bord gehen, manche Versprechungen werden ohne Erfüllung bleiben, weil dazu die Vorbedingungen zur Zeit nicht gegeben find. Das wird bitter fein, sowohl für den Versprechenden wie auch für die. die sich jetzt noch mit allerlei, Hoffnungen tragen. Betrachten wir die veränderte Sachlage nun im Einzelnen.
Dec Gemeindeanteil an dem Reichs- steuerauf kommen ist im städtischen Voranschlag 1925/26 wie folgt eingesetzt: Anteil an der Reichseinkommen- und -Körperschaftssteuer nnch Maßgabe des Anteils vom 3ahre vorher 570 000 Mark. Mittlerweile sind aber bei der Einkommensteuer - Revision in den letzten Monaten mancherlei Erleichterungen für breite Volksschichten eingetreten, eine weitere Heraufsetzung der Steuerfreigrenze bei der Einkommensteuer wird voraussichtlich in aller Kürze eintreten. Ferner hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt im Laufe der letzten Monate ungünstiger gestaltet. Man zählt heute in unserer Stadt rund 240 Vollerwerbslose, außerdem etwa 350 Kurzarbeiter. Teile dieser Kräfte scheiden als Steuerzahler und damit als Stützen unseres Haushalts aus. Alle diese Umstände in Verbindung mit der obenerwähnten bprozentigen Mehrinanspruchnahme der Reichssteueranteile durch den Staat machen es jetzt schon sehr wahrscheinlich, daß die Gießener Voranschlagssumme von der Reichseinkvmmensteuer leider nicht erreicht werden kann. Wie hoch der Ausfall sein wird, läßt sich im Augenblick natürlich nicht genau angeben, aber mit etwa 60 000 Mark wird man wohl schon rechnen müssen, denn es ist kaum anzunehmen, daß die Körperschaftssteuer, die hier nur von einigen Betrieben getragen wird, den Minderertrag auf der andern Seite noch mit deckt. Die zweite Stelle nimmt die Reichs-Umsatz st euer ein, von der ein Gemeindeanteil, ebenfalls nach dem Anteil des vorhergehenden Jahres eingesetzt, von 95 000 Mk. veranschlagt ist. Diese Steuer ist bekanntlich von 1') Proz. auf 1 Proz. mit Wirkung ab 1. Oktober herabgesetzt worden. Tatsache ist ferner, daß die Kaufkraft weiter Kreise im Laufe dieses Jahres nachgelassen hat, da die reinen Lebenshaltungskosten erheblich gestiegen sind, die Einkommensver- besserung infolge der ungünstigen Lage der Wirtschaft aber nicht im gleichen Ausmaß vor sich gehen konnte, so daß für gern getätigte Käufe nicht dringlichen Charakters kein Geld zur Verfügung stand. Unter dieser Entwicklung der Dinge hatte die Geschäfts
welt empfindlich zu leiden, und auch heute ist die Geschäftslage noch keineswegs so, daß man Jagen könnte, der Berg sei überwunden. Vielleicht wird das Weihnachtsgeschäft trotz aller widrigen Zeitumstände, bei denen für unsere Stadt auch die Geldnot der Landwirtschaft eine sehr bedeutsame Rolle spielt, eine gewisse Besserung bringen, ob diese aber imstande wäre, den Ausgleich herbeizuführen, ist doch fraglich. Heute wird man jedenfalls mit der Tatsache rechnen müssen, daß auch der ülmsahsteueranteil unserer Stadt den Voranschlag von 95 000 Mk. nicht erreichen wird. Daß der Genreindeanteil an der Reichsgrunderwerbssteuer mit 15 000 Mb und die Gemeindezuschläge zu dieser Steuer mit 40 000 Mk. erreicht werden, sei angenommen. Trotzdem wird aber auf dem Konto der Gemeindeanteile an der Reichseintommen- steuer voraussichtlich ein Minus gegenüber dem Voranschlag für 1925/26 eintreten, das man nicht mit einer kurzen Handbewegung abtun kann.
Trotz der Röte der Zeit hat der hessische Staat, der ja allerdings auch finanziell „irn Druck" ist, den großen Gemeinden des Landes eine neue Last zugedacht. Auf Vorlage der Staatsregierung hat der Landtag befchlossen, daß alle Gemeinden, in denen die Polizei verstaatlicht ist, einen Zuschuß z u den persönlichen Polizeikosten 511 leisten haben. Der Zuschuß soll nach der jeweiligen Kopfstärke der Polizei berechnet und von 3ahr zu 3ahr neu festgesetzt werden. Für das Haushaltsjahr 1925/26 ist er auf 1200 Mk. pro Kopf der Polizeibeamtenschaft bemessen worden. Diese Beihilfe der Gemeinden soll vom Staat nur dann in Anspruch genommen werden, wenn die Finanzlage des Staates es erfordert. Wer glaubt, daß der Haushalt des Staates auf diese Leistung der Gemeinden in diesem 3ahr verzichten könnte? Wir glauben nicht an ein solches Wunder. Es muß damit gerechnet werden, daß auch unsere Stadt diese Last noch für dieses Wirtschaftsjahr aus sich nehmen muß. Die Hohe dieses Polizeizuschusses ist auf rund 90 000 Mk. zu veranschlagen. Unangenehm ist, daß hierfür jede voranschlagsmäßige Deckung fehlt, denn bei der Aufstellung und der Verabschiedung des städtischen Haushalts war von diesem Gesetz nichts bekannt, das erst in den letzten Sommermonaten vom Landtag genehmigt wurde. Im Hinblick auf diese Sachlage ist sogar hier und da der Gedanke aufgetaucht, in eine Art Zahlungsstreik einzutreten. Ein solches Beginnen wäre jedoch ganz unsinnig, denn die Gesetze müssen befolgt werden, auch von den Gemeinden, und im übrigen wäre ein solcher Streik von vornherein zur Erfolglosigkeit verurteilt, weil dann eben der Staat den Gießener Zuschuß zu den hiesigen Polizeilasten von den Reichssteuer-Ueberweisungen für unsere Stadt, die von der hessischen Staatskasse berechnet und ausgezahlt werden, einfach abziehen nürde Wie die Dinge liegen, werden wir eben in den sauren Apfel beißen und 'die rund 90 000 Mk. noa) aur uns nehmen müssen. Heber dieDeckung zerbricht sich das Finanzministerium in Dannstad? den Kopf nicht, diese Arbeit bleibt der Gießener Stadtverwaltung und dem neuen Stadtparlament Vorbehalten.
Rechnet man die Nachteile, die unserem städtischen Haushalt für dieses Jahr aus Maßnahmen des Reiches und des Staates entstehen, in vorsichtiger Veranschlagung zusammen, so kommt man heute schon auf die mutmaßliche Summe von rund 150 000 Mark, wobei jedoch zu beachten ist, daß eine weitere Erleichterung der Einkommensteuer des Reiches automatisch einen weiteren entsprechenden Einnahmeausfall auch für die Stadt zeitigen wird.
(Schluß folgt.)
die Hoffnung aus, daß der Vertrag von Locarno zwei wesentliche Rachwirkungen haben werde: eine Abkürzung der im Friedens- Vertrag vorgesehenen Besehungsfristen und, nachdem Deutschland bei der Durchführung feiner Abrüstung seinen guten Willen bewiesen habe, einen ebenso starken Abrüstungswillen der Alliierten. Die Dominions sollten den Vertrag nicht so betrachten, als ob sie keine Verpflichtungen in Europa hätten. Der Völkerbundspakt habe ihnen bereits solche Verpflichtungen auferlegt. Cs würde sich lohnen, den Dominions genau darzulegen, welche neuen Verpflichtungen ihne naus dem Vertrag von Locarrw erwüchsen. 3n jedem Falle sollten sie sich der Tatsache bewußt sein, daß der Vertrag Deutschland in den Völkerbund und Frankreich Deutschland näher gebracht habe. Dadurch würden auch die unangenehmen Verpflichtungen aus dem Völkerbundspakt wesentlich verringert werden.
Die Kadcwerlüge im Unterhaus.
London, 24. Nov. (WTB.) Im Unterhaus fragte heute der Abg. Kenworthy den Kriegsminister, wie das Gerücht über die deutsche Zeichen- verwertungssabrik" während des Krieges entstanden sei, und bis zu welchem Grade es damals vom Kriegsamt akzeptiert worden sei. Der Kriegs- Minister erwähnte, daß auch ein deutsches Wörterbuch und deutsche anatomische Bücher damals als Beleg angeführt worden seien, daß das Wort „Kadaver" auch menschliche Leichen bedeute. Er fuhr fort: „Auf das damals vorliegende Material hin schien das Kriegsamt k e in e n Grund zu sehen, die Mitteilung für unwahr zu halten."
Auf eine weitere Anfrage Kenworthys sagte der Kriegsminister, er glaube nicht, daß irgendwelchem öffentlichem Interesse durch neue Anfragen über die Geschichte gedient werde. Kenworthy fragte, ob der Kriegsminister es nicht für wünschenswert erachte, im Hinblick auf Locarno usw. jetzt zuzugeben, daß die Geschichte unwahr sei. Der Kriegs- minisier antwortete, er habe sich nur mit der Information befaßt, die damals dem Kriegsamt vorlag. Die Tatsache, daß seitdem nichts bekannt geworden sei, was das Material bekräftigte, ändere natürlich das Aussehen der Sache.
Die linksliberale „Daily Re Ws" schreibt in einem Leitartikel unter der Tleberschrift „D i e große Kriegslüg e", dem Kriegsminister kann man zu seinen gestrigen Erklärungen im Unterhaus über den Ursprung der lächerlichen Kadavergeschichte nicht beglückwünschen. Der Minister gibt jetzt zu, daß das britische Kriegsamt diese Geschichte mit großer Wirkung zur deutschfeindlichen Propaganda benutzt habe. Der Kriegsminister hat den General
Charteris überhaupt nicht erwähnt, der aus seiner eingehenden Kenntnis über diese Angelegenheit den ganzen Schwindel enthüllt hat. Dadurch, daß sich der Minister weigerte, im Ramen der britischen Regierung die Unwahrheit dieser Geschichte zuzugeben, hat er eine Riedrigleit der Gesinnung an den Tag gelegt, die kaum weniger verächtlich ist als das ursprüngliche Vorgehen selbst. Cs gibt keinen vernünftigen Menschen in Europa oder in Amerika, der nicht weiß, daß diese Geschichte eine besonders krasse und verwerfliche Kriegslüge war. Die durch ihren ungeschickten Wortführer im Unterhaus erfolgte Weigerung der Regierung, öffentlich Abbitte zu tun, ist eine nationale Schmach und eine Schande für den öffentlichen Anstand.
Die französische Kabiiwttsfrifis.
Briand lehnt die «Habiircttsbttdnng ab.
^onrners Versuch.
Paris, 24. Rov. (TU.) Briand hat sich heute nachmittag, kurz vor vier Uhr, zum Präsidenten der Republik b?3eben und erklärte, daß er den Auftrag zur Kabinettsbildung definitiv ablehne. Die Absicht Briands war eö gewesen, ein großes Linkskabinett unter Beteiligung von Herriot, Painleve und Paul Doncourt zu bilden. Diese Kombination ist an der unnachgiebigen Haltung der Sozialisten, die maßlose Forderungen aufgestellt hatten, im letzten Augenblick gescheitert. Der Präsident der Republik hat darauf den Präsidenten der Finanzkom niifion des Senats, Paul D 0 u m e r, gebeten, die Bildung der Regierung zu übernehmen. Verschiedene Gerüchte gehen dahin, daß unter Umstanden der Tag mit der sensationellen Berufung Poincares enden wird, der aller bin 3 3 nu • das Finanzministeri um als rein technisches Amt verwalten würde und sich jeder Einmischung in die allgemeine Politik zu enthalten hätte. Cs bleibt obzuwarten, wie die Mission Domners, die vorläufig noch wenig aussichtsreich zu sein scheint, sich in ihrem weiteren Verlauf gestalten wird. Bei d:n Radikalen wie bei den Sozialisten besteht übereinstimmend das Bestreben, ein Kabinett Doumer zu verhindern.
Unter den Linksparteien besteht der Wunsch, Herriot als Ministerpräsidenten mit Malvy als 3nnenminister und einer großen Anzahl Sozialisten für die einzelnen Ressorts zu gewinnen. Die So,st'listen haben den ganzen Rachmittag über die Frage der Teilnahme an der Regierung beraten. „Oeuvre" schreib': 3n dem Augenblick, in dem Doumer von dem Präsidenten der Republick gebeten werde, an der Bildung deS neuen Kabinetts zu arbeiten, erfährt man, daß die Sozialisten an der Regierung teilnehmen wollen. Dadurch ist die Lage
so völlig geändert, daß es vielleicht besser ist, wenn Doumer seine nunmehr unnötigen Bemühungen aufgebe. 3n den Wandelgangen der Kammer ist gestern für den Fall, daß Herriot den Auftrag zur Bildung eines Kabinetts der Linken, dem die Sozialisten angehören, nicht übernehmen sollte, Paul Boncourt, als geeigneter Mann für die Kabinettsbildung genannt werden.
Schwere Kämpfe in Syrien.
Paris, 24. Nov. (WB.) Der Sonderberichterstatter des „Temps" in Beirut schreibt, daß die ranzösische Leoantearmee seit 48 Stunden unter tarier Umklammerungsbedrohung durch die Drusen tehe. 5—600 unter Führung Said e l Atraschs — dem Bruder des Sultans — stehende Drusen seien vom Djebel Druse vorgedrungen und stünden seit 12 Tagen in Hermon, 60 Kilometer südöstlich von Beirut. Es sei ihnen gelungen, die Drusenbewohner des Bezirks zum Auf stand zu bewegen, wodurch ihre Streitkräfte auf mehr als 2000 Mann angewachsen seien. Die französischen Streitkräfte, die in Rachaja vi^-g eschl 0 ssen seien, seien nur gering. General Gamelin habe den Versuch gemacht, die einaeschlossenen französischen Truppen zu entsetzen. Heute sei ein Flugzeug zurückgekehrt, dessen Führer habe Mitteilen können, daß die eingeschlossenen Truppen Verbindung mit der von Westen vorrückenden französischen Truppe bekommen hätten. Die Garnison sei in dem Augenblick befreit worden, als den etwa 250 Verteidigern, die sich aus Spahis und Reitern der syrischen Legion zusammensetzte, die Munition aus- g i n g. Während des ganzen vorhergehenden Tages unternahmen die Drusen unaufhörlich Angriffe, in deren Verlaus es ihnen sogar zweimal gelang, in Rachaja einzudringen. Sie wurden jedoch zurück- geschlagen. Die Verluste der französischen Garnison sind schwer.
Das Eisenbahnunglück von Bellinzona vor Gericht
Lörrach, 23. Nov. (TU.) Der heute in Bellinzona vor dem ersten Kantonalen Gericht des Test sins beginnende Prozeß zur Feststellung der Verantwortlichen an dem Eisenbahnunglück von Bellinzona vom 23. zum 24. April interessiert Deutschland einmal deswegen, weil unter den 15 Todesopfern — neun Reisende und sechs Bahnbeamte — mehrere Deutsche waren, darunter Staatsminister H e l f f e r i ch mit seiner Mutter, außerdem aber auch wegen der technischen Seite, da sich das Unglück, das allgemein auf die veralteten völlig u n - genügenden Sicherungsanlagen des Rangierbahnhofs von Bellinzona zurückgeführt wird, durch die E x p l 0 s i 0 n-ö e s Gasbe hä11ers eines badischen Dierochsen- wagens vergrößerte.
Aus der Anklageschrift des Staatsanwaltes ser skizzenhaft folgendes wiedergegeben: Das Un- glück wurde durch die Verspätung des Güternachtzuges 8572 eingeleitet, der fahrplanmäßig um 2.30 Uhr auf dem Rangierbahnhof von Bellin- zona S. Paolo eintreffen sollte, den der Rord- süd-Zug 70 um 2.28 Uhr morgens passierte. Der Rachtgütrrzug Halle Verspätung und wurde vom Schnellzug in Ambri-Piotta, eine Station vor dem Gotthard-Tunnel überholt. Der an- geklagte Stationsgehilfe Orelli verständigte die Stationen bis Diasca, das er ersuchte, die Meldung vom Ueberholen durch den Schnellzug nach Bellinzona weiterzugeben. Die Zwischen-- stationen Osogna und Castione waren während der Rächt unbesetzt. Der stellvertretende Vorstand von Biasca, Riegg, behauptet, er habe sich nur verpflichtet die Meldung bis zur Zwischenstation Claro weiterzugeben. Dcllinzona erfuhr durch diese Unterlassung die Ueberholung zu spat.
Der Südnord-Schnellzug, der infolge der umständlichen italienischen Paß- und Zollrevision in Chiasso eine Stunde Verspätung hatte, war durch den Souschef S ch a a d bereits abgefertigt. Als er die Aenderung der Zugreihenfolge dem Weichenwärter des nördli'm Postens Mimazzoli mitteilte, war es bereits zu spät. Er konnte die Weiche, die für den Güterzugr gestellt war, nicht mehr für den aus Richtung Rord kommenden Schnellzug umstellen. Dec Schnellzug überfuhr das auf Halt gestellte Einfahrtssignal und stieß so mit voller Wucht auf den Südnord-Zug in dec Gleiskreuzung auf. Der Führer des Rord- süd-Zuges verlor hierbei auch sein Leben. Daß Haltesignal soll allerdings schwer zu sehen gewesen sein.
Angeklagt sind die Stationsbeamteil Orelli, von Ambri-Piota und Riegg von Biasca, daß sie die Ueberholung des Güterzuges durch den Schnellzug, durch den das Unglück herbeigeführt wurde, nicht nach Belli« zona weitergemeldet haben, während der Unter« stationsvorstand S ch a a d aus Bellizona an« geklagt wird, daß er den Sonderzug habe aus« fahren lassen, ohne die Sicher^ngsvorkehrun- gen getroffen zu haben. Als Vierter wird dec Weichenwärter Minazzola aus Bellinzona beschuldigt, infolge nicht rechtzeitiger Weichen« Heilung den Zusammenstoß herbeigeführt zu haben.
Der griechisch-bulgarische Konflikt.
Bulgariens Schadenersatzansprüche.
Athen, 25. Rov. Die Regierung hat die telegraphische Verständigung erhalten, daß dir 1 Völkerbundskommissron, die mit der Untersuchung des griechisch-bulgarischen Grenz« zwischenfalls beauftragt war, sich Im wesentlichen 5 u ungun st en Griechenlands ausgesprochen hat. Die bulgarische Regierung verlangt, daß Griechenland eine Entschädigung von 85 000 englischen Pfund für die Familien dcZ bei dem Grenzzwischenfall getöteten bulgarischen Hauptmanns und der 19 gefallenen bulgarischen Soldaten sowie für die verwundeten Bulgaren zahlen soll, ferner daß es der bulgarischen Regierung die. Kosten der während des Zwischenfalls vorgenominenen Truppentransporte in Hohe von 57 030 Pstmd ersetzen soll.
Verschorfung
der Lage in Griechrnland.
Belgrad, 24. Nov. (TU.) Die irmerpolitisckM Schmierigkeiten in Griechenland haben sich seit beut Abschluß des bulgarischen Zwischenfalles erheblich verstärkt. Alan befürchtet einen neuem
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