Der gefesselte Strom.
CRoman von Hermann Stegemann, 19. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Stumm löste der Knabe die Kette und sprang hinein, ehe der Wirbel es fahle. Schon schlug der elfte Sprühschauer über sie weg.
Christian Ingold stemmte sich gewaltig fest, denn der Lauffen war stärker als sonst. RingS quirlten und brausten die Wasser. Dom Mönche stein, dessen glatte schwarze Kappe heute ganz, überspült war, krachte der Schwall, als toärfe es flüssiges Eisen.
Hart daran vorbei trieb der Kahn, ein Guß, fegte die Steuerbank und rannte wie ein ge^ fangenes Tier im Boot hin und her.
Hermann kauerte mit der Stange am Bug.
Das Qluge des Vaters lag fest auf ihm, und kein Muskel zuckte im braungebeizten Gesicht des Fischmeisters, als der Knabe von einem zu rasch abgefangenen Stotz hintenüber ins Boot geschleudert wurde. Er ritz den Kahn in dis Strömung und tat, als sähe er den verschämtem Blick nicht, mit dem Hermann sich wieder aufrichtete und nun zur Schöpfkelle griff, um das Wasser aus dem Kahn zu treiben.
Aber in den Armen hatte Christian Ingold einen Augenblick eine lähmende Schwäche ge«* spürt, nur einen Augenblick, und sie rasch über-« wunden, ehe der Lauffen sie nutzen konnte. Der Bub war der letzte Ingold, der noch ins Ruder griff. Uni) auch der war nicht mehr eins mA. dem Strom, seine Gelenke zu fein, zu viel von anderen Dingen im Kopf, mit den Gedanken schon weit fort, die große Unruhe im Blut, die jetzt Meister war in der Wellt.
Im glasklaren Lauf der Strömung schoß der Nachen dahin.
..Hol' an!“ rief der Fischmeister und deutete mit den Augen auf den Weidenstumpf, der sich über das ausgehöhlte Ufer bog.
Hermann schlug den Haken in die Kette und schirrte sie frei. Die Knie an die schwere Bordwand gedrückt, wartete er auf den richtigen Augenblick.
Mit einem Ruck, der die Muskeln unb Sehnen seiner nackten Arme wie Wülste und
Drähte ausspringen ließ, warf Christian Ingold Jen pvwrpen Kahn herum, daß der kieÜose Bauch aus dem Wasser tauchte und, vom Strom gepackt, sich wirbelnd im Kreise schwang. Klir-, rend fegte die Kette über Bord, schwebend hing Hermann einen Augenblick am Baumstumpf, dann preßte der Vater den Kahn ans Ufer und stemmte ihn fest.
Hermann keuchte noch von der ungeheuren Qlnftiengimg.
„Ich brauche dich nicht mehr, spring!" Tagte der Fischmeister kurz. Aber nach einer Werke setzte er gleichsam wider Willen hinzu:
„Das Aarewasser läuft wie toll. Ich weih keine zwei, die heute aus dem Lauften fahren könnten.“
Helle Röte stieg in Hermanns Gesicht und dankte dem Wortkargen für das Lob.
Unb noch einmal drängte es ihn, dem Vater zu sagen, daß Hanns ihn vor seiner Abreise auf suchen wolle, doch als er das hartgefurchte bärtige Antlitz sich wieder verfinstern sah, schwieg er und sprang aus dem Schiff.
Tiefgebückt ordnete Christian Ingold mit rissigen, rauh gewordenen Händen das Netz. Die Sonne schlug wie eine Flamme am Himmel empor und schüttete ihr Gold in den Strom.
Hermann lief hurtig am Ufer hin.
Hinter der großen Krümmung, wo der Rhein breitströmend eine Insel umspülte, die kaum zehn Schritt vom rechten Ufer entfernt war, hatte Doktor Engelhardt eine Badeanstalt errichtet. Es war ein einfaches Dretterhäuschen, aber der schmale Flußarm war an beiden Enden durch Faschinen gesichert, die die Wucht des Wassers brachen, und dadurch war dazwischen eine sanft fliehende Wasserbahn von geringer Tiefe entstanden. Wehte am Mast, der neben der Hütte eingerammt war, eine weiße Fahne, so badeten die Damen, zeigte die Flagge die rote Farbe, so badeten die Herren.
So früh am Morgen war der Fahnenstock nackt, und Hermann nahm von der Hütte Besitz, zog die Bücher hervor, die er unter der Weste auf der Brust trug, und begann zu lernen. Doch unverwandt hing sein Blick an der Terrasse von St. Joseph, und wenn dort ein Kleid sichtbar
wurde, ging er mit den englischen Vokabels und der Geographie von Kkeimrsien erbarmungslos um.
Die Sonne übergpß den Himmel und die Landschaft mit einem Meer von Licht und Warme. Heuschrecken und Grillen fiedelten wie toll, über den Wäldern zerfloß der Morgenduft in spiegelndem Glanz.
Sieben älhr schlug's in Rheinau, da huschte Lo ans Geländer der Terrasse und spähte über die Au zum Rhein hinab. Am Mast stiegen zwei Taschentücher, ein rotes und ein weißes, anein* anöergeknotet pfeilschnell zur Spitze, tanzten ein paarmal hin und her und schossen wieder hinab.
Schneller noch rannte Lo der Treppe zu. Die steinerne Gräfin Schreck von Rheinau erntete heute keinen Blick. An ihr vorüber stob das weiße Kleid, flatterte über die Wiese und verschwand im Rheinwald.
„Hermann Ingold, bist du da?“
„Da bin ich.“
„Fahren wir heute, oder mußt du wieder fischen?“
„Wenn der Vater das Retz ausgesteckt hat, geht er zu den Sehangeln oben am Lauffen. Dann kannst du in den Kahn steigen."
Sie strichen durch die Weidenbüsche. Libellen gaukelten und Bachstelzen wippten, Kühlung wehte der Rhein in der Glut der Sommersonne.
Lo schrie.
Ein Hecht war mit scharfem Sprung aus dem Schilf gefahren.
„Gib mir die Hand, Mädle,“ sagte Hermann.
„Ich heiße Lo,“ antwortete sie leise.
„So heißt ja kein Christenmensch."
„Lotte Manderfeld, aber Lo ist flotter."
Darauf wußte er nichts zu erwidern.
„Du, ich bin aus Berlin," fuhr Lo fort. Es klang sehr stolz.
„Das macht nichts," antwortete Hermann Ingold begütigend und bog die Weidenzweige beiseite, die ihr ins klare, blasse Gesicht schlugen.
Dann erblickte sie den Fischmeister, der die letzte Schnur zwischen die Pfähle steckte. Er lag weit vorgebeugt über das Staket gebeugt, den grauen Kopf hart am Wasser, und focht mit dem strudelnden Schwall. Nun richtete er sich
mühsam auf und brachte daS Doot wieder ins Gleichgewicht.
„Jetzt steigt er aus," flüsterte Hermann, „dann geht er zu der Wage und fischt, bis die Sonne ms Wasser scheint."
„Llnd dann steigen wir in den Kahn," versetzte Lo, eifrig.
»Weißt du, wo Brussa ist?“ fragte Ingold. „Borussia heißl's," barchrie Jie ihn.
»Du weißt es nicht. In Kkeinasien liegt's. Du kannst mich abhören, ich habe bas Buch bei mir. Kannst du auch Englisch?“
„Ves, Mr. Errnänn, — da, jetzt ist er 'raus, komm!“
Sie rannte gebückt zum Nachen, den Christian Ingold verlassen hatte, um zum Schweveneh zu gehen, das hundert Schritte stromabwärts an dem beweglichen Schwebearm ausgespannt hing.
Er löste die Sperrkette, richtete den Hebel in die Höhe, daß das <y den Schnüren hängende Netz wie eine Wage hin und her schwang, und senkte es leise in den Rhein, der hier im toten Winkel langsam seine bkaugrünen Fluten wälzte. Das Netz knisterte, als es sich voll Wasser sog und leise verschwand. Die Arme auf den Hebel gelehnt stand Christian Ingold und starrte in den stillen Sommertag.
In einer Stunde lief dort druben-am Rand des schwarzen Waldes der Mstnbahnzug, der seinen Sohn wieder in die Ferne trug. Sie hatten gestern gelacht über ihn, im ganzen Ort, vom Obertor bis an die Drucke, im „Salmen" und in der „Alten Post"! Gelacht! Das Netz im Strom zitterte heftig, so stark war der Schlag, der bei diesem Gedanken durch Ingolds Leib fuhr. Wenn sie ihn niedergefchla«n hätten, so wäre ihm recht geschehen, er selbst hatte im Gemeinderat seine Stimme gegen ihn abgegeben, aber aus- lachen durften sie ihn nicht. Dazu waren sie zu gering und der Hanns zu gut! Auslachen nicht!
Er strich sich über das heiße Gesicht, holte Atem und wuchtete das Netz langsam in die Hohe. Leer stieg es an die Oberfwche, um sofort wreder unterzutauchen.
Christian Ingold lehnte den Kopf auf die Arme und schloß einen Augenblick die schweren Lider. (ftorifefcuna folgt)
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