gt. n Swetler Blatt Eietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Mittwoch, 25. AM; (92g
Die politische Perspektive Frankreichs.
Don Fritz Diettrich.
Dte politisch« Gesinnung Frankreichs ist — betrachtet — ein Konglomerat, das sich In der Hauptsache aus den Gesinnungen der IGrvHtndustriellen. der Bürger und der Pazifisten i(Ärbeiter und Intellektuelle) zusammenseht. natürlich übt der Groh industrielle wie in jedem modernen Land so auch hier die entscheidenden riinslüsse aus die Politik aus. Wegen einiger Zolloorteile ist er imstande, die Richtlinien der ,jeweiligen Regierung au ändern. ®<n Geschält, das ihm durch diplomatische Machenschaften untergraben wird, hat Kabinettswechsel u. a. m. zur Folge. Ruch die Räumung besetzter Gebiete wird durch sein allmächtiges Wort hinaus- ge-Sgert, um durch diesen vertragswidrigen «Kunstgriff noch möglichst viel für privateste In- !teressen herauszuschlagen.
Der französische Pazifist ist gegenüber dem , alles dirigierenden Grobindustriellen und dem jsehr stohkräftigen französischen Bürgertum weiter «nichts als eine dekorative Erscheinung, die jeder ^bestehenden französischen Regierung — auhen- «politisch gesehen! — nur angenehm sein kann, sweil dadurch die heftigen Konturen der französischen Psyche eine gewisse Milderung erfahren.
Der Friedenswille manches französischen »Diplomaten mag in der Tat ehrlich sein. Dos -Äaturell der französischen Diplomatie jedoch nimmt den Pazifismus als Wortspiel, als Lockton, als Schutzmittel eigener Imperialismen gegen «fremde. 11 nb in diesem Fall ist die französische 'Politik ganz Hinneigung zum chauvinistischen 'Bürgertum Sie mutz trotz aller parteilichen 'Buchungen, trotz aller Verträge, trotz des Völkerrechts auf die Leidenschaften der chauvinistischen 'Bürgermasse eingehen. (Wenn auch oft nur scheinbarl) Und welch eine Knickung durch den altmodischen Chauvinismus in die Regierungen kommt, die nach Mähigung streben, wird einem 'bet einer kleinen Revue des französischen Bür» sgerS klar. (Denn der französische Bürger ist das bequemste SinfaUStor für den Beobachter, der nach einem Riveau, nach etwas Typischem zuerst forsch!!)
Leidenschaftlichkeit, persönliche Eitelkeit und zäheste Borniertheit, das sind die drei Haupt- faktoren, mit denen sich der französische Bürger in die Politik hineinmultipliziert. Für ihn schultet die Ueberzeugungsfähigkeit. die für uns Deutsche das Schwergewicht politischen Denkens und Handelns ist. beinahe aus. Er kann tausendmal mit Aufklärungsreden bearbeitet werden, man kann mit den klügsten Mitteln versuchen, ihn vom modernen System der Politik zu überzeugen, einem System, in dem der Finanzier der Mittelpunkt ist und Diplomatie und Soldateska lediglich Koordinaten sind', er bleibt auf dem ererbten Fleck wurzelfest, gleichgültig, ob dieser neue Lebensmöglichkeiten bietet oder ob er seine Walstatt wird. Er macht seinen Standpunkt zu einer alleingültigen Regierungsform. Er lägt sich zwar von der Presse aufputschen, aber nur dann, wenn die Aufwiegelei irgendwie an seine chauvinistischen Saiten rührt. (Drum steht der Franzose allen europäischen und übereuropäischen Bewegungen letzten Endes gleichgültig gegenüber!)
Hieraus ergibt sich die schwierige Stellung, die die Diplomatie dem französischen Volke gegenüber hat. Sie soll gegenwärtig z. B. wirtschaftliche Stempel lösen, um im Sinne der Industrie und der Finanzen eine dauernde Gesundung zu erreichen. Doch die französische Dürger- masse verlangt, dah dies auf rein nationalistischem Wege geschehen soll, verlangt, dah für Frankreich alleS und für die Gegner nichts herauS- springen soll. Drum steht kein zweites Volk in Europa in so offenem Widerspruch zu einer groh- zügig angelegten Verständigungspolitik wie das französische!
Dem französischen Bürger möchte ich dringend empfehlen, recht oft auf Reisen zu gehen.- Vielleicht würde die unmittelbare Berührung mit objektiveren Rassen seinen Blickwinkel vergröbern und sein geradezu groteskes Rationalbewuhtsein schmälern. Weil aber der Franzose bisher höchst selten auf Reisen ging, blieb er verschont, der Mittelpunkt des internationalen Witzes zu sein. Die günstige Meinung, die man im übrigen Europa von ihm hat. rührt hauptsächlich daher. . dah man ihn nicht kennt.
Zum Echluh möchte ich noch eine kleine Geschichte erzählen, die, so simpel sie auch ist. doch afleriei Schüsse über die Tarlarin-Psyche deS Franzosen zuläht. Dabei will ich durchaus n cht
nach dem berühmten Muster verfahren, aus einem Ernzelsall einen typischen zu machen. Ich möchte nur zeigen, wie wurzelfest der Chauvinismus sitzt, wie sehr jeder Franzose bemüht ist, einem TypuS zuzustreben.
In Avignon trat ich in ein Tabakgeschätt Französische Zigaretten sind kleine Reiseunan- nehmlichtellen. die man gern umgehen möchte Ich taufte mir aus diesem Grund eine Schachtel englische Zigaretten, die als Wohlgeruch rm Zimmer verschwimmen und den Vortell haben, die Arbeitslust zu steigern.
Ein älterer Herr stand neben mir fern Laden und zettelte folgendes Gespräch an:
„Run. nun. mein Herr, warum keine französischen Zigaretten?"
Ich: ..Weil ich sie nicht verbessern kann!"
Er: „Sie sind doch ausgezeichnet!"
Ich: .Wein Herr, ich wünschte es sehr!"
Er: „Vergessen Sie nicht, die Zigaretten müssen ausgezeichnet sein, schon weil es französische sind!"
Ich lieh mich schliehlich von dem biederen Franzosen bekehren und kaufte mir noch ein Päckchen französische Zigaretten dazu, und unter dem Sonnenschein befriedigter Eitelkeit verlieh ich unbehelliH das Geschäft. Unbehelligt! Denn das ist für mich jetzt Hauptbedingung! Wenn man schon zum drittenmal den Ramen gewechselt hat, hütet man sich vor dem Rattenbih einer genas- führten Behörde!
Francesco ttitti u.Robert t.Gwen im Kampf gegen die Lüge von Versailles
Don Professor F. Dreher - Friedberg.
Wie der leider am 13. Rovember 1924 f wahrheitsmutige englische Demokrat E. D. Motel, so hat es sich auch der ehemalige italienische Ministerpräsident Ritti zur Lebensaufgabe gesetzt, vor den unausbleiblichen fürchterlichen Folgen des Verbrech ms von Versailles zu warnen, indem er den endloses Unheil bedingenden. verwerflichen Geist des Schanddiktates vor aller Welt blohlegl.
Rittis Kampsschriften „Das friedlose Europa" und „Der Riedergang Europas. Die Wege zum Wiederausbau", sind 1922 in deutsche Uebersehung in der Frankfurter Sozietätsdruckerei erschienen.
Als Idealist llagt Ritti die Da er vo r Versailles an. mahnt als Kenner der wittscha tlichen Zusammenhänge die europäi chen „Si gr'-Döler auf Vernunst und weist mit fü>lem Verstand Den einzig möglichen Weg zum Oluf ft .eg und zur Befreiung: Revision des De.1a.ller Fehlspruchs!
Ritti hat selbst am 10. Ia luar 1920 im llhrensaal am Quai d'Orsay die Destätigu gs- urkunde des Versailler Di lates untersch.ieben und weih hinter den Kulissen des Weltthea ecs Bescheid. Sein Urteil üder den Versailler „Vertrag'' und Frankreichs Schuld an dem mihglückten „Frieden" fällt deshalb umso schwerer ins Gewicht.
In seinem neuesten Werk „Die Tragödie Europas — und Amerika?", das 1924 ebenfalls von der Frankfurter Sozietätsdruckerei in deutscher Sprache herausgegeben wurde, wendet sich nun Ritti an das Gewissen der Amerikaner, denen er mit offenem Freimut die Kriegsschuldfrage dahin beantwortet: „dah die Verantwortung nicht auf Deutschland allein, ja nicht einmal au! Deutschland in erster Linie zu.ückjällt. Die Archive von Petersburg und Berlin haben sich bereits geöffnet und die grössten Ueberraschungen gebracht. Schon heute und ohne besondere Forschungen kann man behaupten, dah, wenn wir während des Krieges von den Deutschen gesagt haben, sie seien das Kriegsvolk Europas und Krieg sei ihre einzige wahre nationale Industrie, wir damit eine vollendete Unwahrheit verbrei et haben und dah nicht Deutschland, sondern Frankreich das Kriegsvolk Europas ist. Eine Untersuchung der Kriegsschuld ist in der Tat unerlählich. der Betrug des Art. 231 des Versailler Vertrags kann nicht andauern. Die Wahrheit muh ganz gesagt werden. Denn es handell sich nicht nur um einen moralischen Betrug, sondern auch um eine systematische Ausbeutung der Lüge zugunsten grober kapitalistischer Interessen".
Rittis Warnruf findet jenseits des groben Wassers ein Echo, das von Tag zu Tag anschwillt und eine neue Zeit ankündigt.
Schon am 18. Dezember 1923 hat der Senator Robert L. Owen, Mitglied des Oberhauses des Kongresses der U.S. 21., idle unhaltbare Behauptung von der deutschen Kriegs
Schach-Ecke.
Bearbeitet von D. Orbach.
Endspiel Nr. 3.
In diesem Endspiel, das in dem Weltturnier ?u Reuyork von Capablanca gegen Dr. Tarta- ower gewonnen wurde, zeigte sich der Weltmeister nach einem unglücklichen Start in seiner vollen Stärke. Wir lassen daS Endspiel zum Tell mit Anmerkungen von Dr. Tartakower hier folgen.
Dr. Tartakower.
8
7
6
5
4
3
2
3
g
b
8
6
7
5
4
3
2
1
b c d e f g h
Schwarz, b c d e
3
S S W :
MW • DM
WLM S
Weitz.
Capablanca.
Weih: 8 Steine. K»2. Th7, Ld3, Ba4, c3, d4, f4. g3 Schwarz: 8 Steine. Kf8, Tc6, Sa5, Bd7, b6, c7, db,g6.
Ein klassisches Schluhspiek.
31. g3-g4! S35-C4
DaS Verdoppelunasmanöver
31 g5 32. fg Tc3: 33. Lf5 usw. würbe keine Befreiung bringen, da der vorgerückte Bauer gb übermächtig wird.
32 l-4 - g5. Vielleicht war 32. Kf2 noch präziser. Hier wurde die Partie abgebrochen.
32 ... Sc4 - e3
Bester vielleicht 32 Sd2 (33 Kf2, Se4+).
3t g2-13 Se3-f5
34 L : *xf5 gfixfb
35. KL>-g3!!! Einleitung eines studicnhaft.Gewinns.
35 ... Tc6xc3+
3 Kt'3-h4 Tc3-f3
Immerhin sträubt man sich gegen den Gedanken, dah Schw. mit einem Bauern mehr und mit starkem Gegendruck am Dn.nenslügel unrettbar verloren sei.
Ungenügend wären z. B. die Rettungsversuche 36 ab wegen 37. Td7 usw.', 36 c5 wegen 37. g5 usw., sowie 36. Kg8 wegen 37. Td7 mit leichtem Gewinn.
37. g5-g6! Diel präziser als 37. Kh5
37 Tf3xf4 4-
38 Kh4-g5 Tf4-e4
Rach 38 Td4: 39. Kf6, Kg8 40 Td7 würbe Schwarz hinter der eigenen Bauernmaste ersticken.
40. Th7-g7+* KgS-h8
41. Tg7xc7 „Fallen seh ich Zweig auf Zweig .
41. .. 1l4-c8
42. Kf6xf5 TeS-e-l
43. Kf5-f6! Tc4-f4 +
44. Kf6-e5 Tf4-g4
45. gb-g7+ Kh8-g8
Und Weih gewann in wenigen Zügen.
Aus der Echachwelt.
Mitte 2lplil beginnt in Baden-Baden ein InlernationalcS Schachturnici. d-as v et Wochen dauern wird, und andern sich 20 M.iücr l heiligen werden. Der erst e Preis beträgt 1503 Mk. Die Teilnehmer erhalten freies Logis un> Verpflegung in erstklassigen Hotels und Erstattung der Reisekosten. Wir werden noch Räheres darüber berichten.
Problem Nr. 4.
Don 21. Reggio in Mailand.
(PaSquin-Tumier, 1. Preis.)
Schwarz.
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7
6
5
3
2
1
a
a
b
b
c
d
e
f
g
h
h
8
6
7
4
3
M
i MR
■ c d e f Weih.
Mat in zwei Zügen.
Z/z/zet ...
Weih: 6 Steine. Ka6, Df3, Te7, Sd8, Bb3, d5. Schwarz: 4 Steine. Kd4, Sg4, Bc6, d6.
Lösung des Problems Ur. 3 von F. M. Feeb in London.
1. Dg6-gl, Kd7-c7 2. Dgl-a7, Kd7 oder c8 3. Sb7-d6+4-. 1 . . . , auf den ersten Zug Kc8 anstatt Kc7 führt 2. Da7 zur selben Matstellung. 1 Kd7-e7 oder e8 2. Dgl-g7, Ke8-e7, oder Ke7 - e8 3 Sf7-d6-H-.
schuld zerpflückt und in einer vielstündigen Rede an Hand von Geheimakten nachgewiesen, wie die Welt von einer gekauften Presse über den wahren Sachverhalt getäuscht tourbeCunb noch heute hinter das Licht geführt wird.
Owens aufsehenerregende Rede, eine Befreiungstat, ist auf deutsch durch die „Deutsche Derlagsgescllschaft für Politik und Geschichte" in Berlin 8. Unter den Linden 17/18 und durch alle Buchhandlungen für 5 Mk. zu beziehen.
Unb jetzt Hal der Senat sogar, am 14. Febr. 1925, den Antrag Owens auf die Untersuchung der Kriegsschuldfrage durch einen unparteiischen Historiker angenommen.
Die Wahrhell ist auf dem Marsch! Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher!
Sache Deutschlands wird es alsbald fein, die vergebliche Menschheit an das Bekenntnis von Lloyd George auf der Londoner Konferenz zu erinnern (3. März 1921): „Die Alleinschulö Deutschlands ist die Grundlage, auf der das Gebäude des /Vertrages von Versailles errichtet ist. Fällt die Alleinschuld Deutschlands, so ist auch der ganze Vertrag nichtig."
Denn „die Deutschen haben eine Rechtslage, die, angemessen vertreten, alles zum Schwingen bringen muß, was an Gefühl für Moral in Ser Welt noch verblieben ist". (E. D. Morel in den „Foreign Affairs", Iuniheft 1923.)
Ein Kampf der Geister ist es, der die Kriegsschuldfrage endgültig entscheiden muh.
Wenn auch der in alle Verhältnisse ringe» weihte britische stock konservative Staatsmann Winston Churchill*) Ende September 1924 feststellte:
„Frankreich ist bis an die Zähne bewaffnet. Deutschlandhat in gewaltigem Ausmab abgerüftet und hat sein Militärsystem zerbrochen. Die Franzosen hoffen, diesen Zu st and zu einen dauernden zu gestalten durch die Technik ihres militärischen Rüstens, durch ihre schwarzen Truppen und Surch ein System von Bündnissen mll den Heinen Staaten Europas. Und so ist zur Zell die überwältigende Machtfülle auf der französischen Seite." —
Die Stuirde naht, wo die durch Lug und Trug aufeinander gehetzten Völker ihren Hast gegen jene Regierungen und Staatsmänner kehren, die böswillig und kaltblütig die größte Tragödie der Weltgeschichte verschuldet haben.
Hochfchulnachrichten.
Von der Landes-Universität ttZießen.
L. U. Der ordentl. Professor an unserer Landesuniversität sürRöm sches, Bürgerliches und Zivilproz.brecht Dr. Leo Rosenberg hat einen Ruf an bie Universität Greifswald erhalten.
') ..Shall we commll fuidbe?“, in Rash s Pall Mall Magazine, 24. September 1924.
Bachs ßebensfpur.
Zu sein e m 240. Geburtstag, 21. März.
Io ha nn Sebastian Dach ist unS heute em so lebendiger Meister, daß es nicht erst der 240. Wiederkehr seines Geburtstags bedarf, um ihn in unsere (Srutnenrnq zu rufen. Sein Werk spricht zu unS aus unzähligen Konzerten, überall da, wo edle Hausmusik gepflegt wird, vor allem aber in der nahenden Osterzell aus dem groben Wunder seiner Passionsmusiken. Und doch gedenken wir an seinem Geburtstage auch gern einmal des Menschen Dach, von dem wir so wenig wissen, der nur aus seinen Werken zu uns spricht und dessen Persönlichkeit wir uns aus unzusammenhängenden Zeugnissen heraufbefchwv- ren müssen. Dem tiefer Blickenden freilich ersteht aus seinem Werk seine Gestalt, und es ist der besondere Wert des vor kurzem im Fu rchc- Verlag zu Berlin erschienenen lleinen Buches über Dach von Oskar Daher, das uns diese „Kunde vom Genius" auch ein Bild des Menschen schenkt. Aus den erhaltenen Porträts liest der Verfasser über seine leibliche Erscheinung heraus: „Man sieht einen Mann, der mit festem Tritt und starkem Willen über den Boden schreitet. Richt einen Kovfhänger ober Träumer oder zart besaiteten Seelenfreund. Fest, mit breiter Brust und derben Knochen, aufrecht, gedrungen, männlich steht er mitten im Getriebe feiner Zell. Der Leib von mächtigem Frieden durchwaltet, der geistigen die leibliche Zeugungskraft ebenbürtig. Das Griicht des Menschen aber ist sphink» hast, jede „Beseelung" scheint ihm fremd. Merkwürdig breite Flächen im Gegensatz zu sonderbar engen Augenspalten. Die Augen kurzsichtig, erdfern, wie von innerem Licht geblendet. Keiner kann lesen, was hinter dem Dorhing vor sich geht. Das Ineinander von verdichteter Persönlichkeit
und restloser Selbstentäuberung wirkt auf die Dauer geradezu beängstigend Im ganzen hat die Erscheinung bürgerlichen Schnitt. Die höfische Kostümierung, die „barocke" Hlltung, die Welt- mannsgeste Händels oder Gottscheds ist ihr fremd. Die Einfachheit und Sicherheit ist von Ralur aus."
Roch heute spielen vor dem breiten, bergan gebauten Vaterhaus Dachs am Frauenplan zu Eisenach die Kinder wie damals, als der kleine Sebastian mit Geschw-stern und Rachbarskindern spielte. DaS feste Gebälk des Flurs, der Treppe, der Dielen und Stuben ist wie ein Sinnb'ld dieses gefunden, knorrigen Dachgefchlechtes. dessen so weitverzweigte musikalisch?Degabung in Johann Sebastian den krönenden Gipfel erreichte. Mit neun Iahren stirbt ihm die Mutter, im Iahre darauf der Vater. An der Hand eines sehr viel älteren Druders muh er die Heimat verlassen, um als ewiger Wanderer von Ort zu Ort zu ziehen. Selbst als er in Leipzig fehhaft wurde, war stets Unruhe in ihm, denn er wohnte im oberen Stockwerk der Thomasfchule. umdröhnt von dem Summen und Lärmen der Lehrer und Schüler. Kein Glanz fiel auf sein Leben, das von Derus unt> Familie, von der Enge des Alltags und dem Reid der Mitmenschen eingeengt war ..Es war der Kantor." so schildert ihn Daver. „ber abseits wirren Tagestreibens als ein ehrenfester Hausvater mit den Seinen das tägliche Brot ab. der Frau und Kinderschar zu häuslicher Musik und Klavichord versammelte, der abends eine Pfeife Tabak rauchte oder auch mit irgendwem bri einer arünen Flasche Gofe faß und über Menschen. Dinge und Begebenheiten sprach, ganz so to:c andere Bürger. Ein einfacher Mensch. der sich nicht durch geistreiches Wefen hervortat. Ein Handwerker und unermüdllcher Arbeitsmann, der am Tisch sitzt und den Teppich seiner strenggefügten Stücke webt, durch dessen Hirn eine uner
schöpfliche Kraft immer neue Ornamentik wirkt. Den Zeitgenossen viel au unscheinbar, zu streng und sachlich, viel zu hanowerlsmätzig. Sie schätzten mir die „virtuose" Selle, bewunderten im Grunde nur den Orgelspieler, dem allerdings kein anderer gleichkam. Das wahre Ausmaß seines Wirkens mutzte verborgen bleiben.
So ist es nicht verwunderlich, dah schliehlich der Tod des erblindeten Kantors, der symbolischerweife genau in die Mitte des 18. Iahr- hunderts fiel, die Fläche der Zeit nur wie ein Windhauch träufelte, lind man versteht, dah die Kantaten und Passionen rasch in ftaubigem Archiv verschwanden, daß der größte Tell der Manuskripte sich in Leipziger Kramläden verzettelte, daß die Witwe Anna Magdalene bald auf Almosen angewiesen war und das Grab in so gründliche Vergessenheit geriet, daß es nach wenigen Iahrzehnten eingeebnet wurde."
Der Instanzenweg.
Als Liebig Professor in (Sieben war, sollte eines Tages für die Vorlesung am nächsten Morgen eine gröbere Quantität fester Kohlensäure hergeftelll werden. Die Ueberführung des Kohlenfäuregases in den flüssigen und festen Zustand geschieht, wie man weih, unter Anwendung einer starken eisernen Komprellionspumpe, welche in einer hochgradigen Kältemischung arbeitet. Dei der Darstellung im Iahre zuvor hatte eine heftige Explosion stattgefunden, durch welche der eiserne Pumpenzylinder zersprengt und der mit dem Pumpen beschäftigte Arbeiter durch einen Eifensplitter verletzt worden war. Die Ausführung der Arbell war also mit einiger Gefahr verbunden.
Es enttoidelte sich nun folgender Dialog:
Erste Szene: Der berühmte Chemiker (zu dem ersten Äfllstenten): „‘Sitte, stellen Sie doch
für morgen eine gröbere Quantität feste Kohlensäure dar. ich muh heute ausgehen." Erster Assistent: „Sehr wohl, Herr Professor!"
Zweite Szene: Der erste Assistent (zum zwei« ten Assistenten): „Wir brauchen für die Vor« lefung eine gröbere Quantität fester Kohlensäure Sie besorgen wohl die Sache. Ich habc für heute einen notwendigen Gang " Zweiter Assistent: „Soll besorgt werden, Herr Doktor."
Dritte Szene: Zweller Assistent Izum Laboratoriumsdiener): „Müller. Sie müssen heute nachmlltag eine gröbere Quantität fester Kohlen- säure für morgen Herstellen. Sie wissen ja. mit der Pumpe unten hn Keller. Ich habe heute eine dringliche Abhaltung, ich muh ausgehen."
Vierte Szene: Laboratoriumsdiener Müller (zum Kohlenprovisor): „Kulicke. ich muh heute fortgehen, um für den Professor Besorgung er au machen, pumpen Sie doch mal die Kohlensäure im Keller, ich habe alles vorbereitet."
Cs ist nachmittags fünf Uhr. Ein? ungeheuere Detonation im Souterrain erfolgt. In allen Stockwerken hört man Türen zuschlagen, die Professoren und Dozenten stürzen die Treppen herunter Plötzlich stehen der Herr Professor. der erste Assistent, der zweite Afnsteni und der Labvratoriumsdiener um Kulicke, bei zum Glück ohne Schaden davongekommen ist einander gegenüber, und indem Kulicke sich gleichmütig die Stirn wischt, sagt er zu den Herren, die sich erkundigen, wie es ihm gehe „Ich danke für gütige Rachfrage. Ich glaubte die Herren wären ausgegangen " Liebig, bei die Situation sofort durch chrute, gab lächelnd dem Heizer eine grvhe Silbermünze mit den Worten: „Hier. Kulicke, stärken Sie sich nach dem Schreck und gehen Sie wenigstens aus. Wir haben leider dazu heute noch feine Zeit oo» habt." ß. A.


