ar. qr Erstes Blatt
175. Jahrgang
Mittwoch, 25. Februar 1925
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GietzennAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Sachliche Politik.
Der Reichskanzler hat in der groben Rede die er am Montag abend bei dem ersten Bankett der deutschen Presse hielt, jene- Ziel wieder aufgegriffen. und in den Vordergrund geruckt, d".S bereits an der Spitze feiner Regierungserklärung stand und das ganz schlicht in zwei Worten ausgedrückt wird: sachliche Politik. Herr Dr. Luther ist bei aller Energie seines Handelns, für die ja das unpopuläre Werk der Haushalts- und Währungsstabilisie- rung ein starker Beweis ist, doch auch eine grüblerische und reflexible Ratur. ein Mensch, der in seiner Aufgabe ein Problem sieht, zu dem er erst durchdringen muh, bis er den prak- tischen Weg beschreitet, der zu seiner Lösung führt. So hat Herr Dr. Luther in dieser Rede denn auch den Begriff sachlicher Politik hin und her gewogen und abgetastet. biS er ihn schlieblich so interpretierte: sachliche Politik heißt, dah die Regierung ohne Rücksicht auf spart ciftellungcn daS Ganze suchen muh. Das soll nicht etwa eine Politik der faulen Kompromisse sein, sondern eine Politik der Synthese, der Zusammenfassung und damit der Gewinnung eines neuen Standpunktes zum weiteren Boranschreiten deS Volkes
Herr Dr. Luther war vorsichtig genug, hinzuzufügen, dah daS wenigstens das Ziel und Wollen der Regierung sei. Vorsichtig genug, weil wir ja schliehlich alle wissen, dah gerade die Streife, aus denen eine Regierung, eine parlamentarische Regierung ihre Kräfte ziehen soll, bei uns nur zu sehr in der PrariS genau das Gegenteil betreiben Wir sind doch dabei, gerade in diesem Ölig mblid wieder in eine Zuspitzung der parteipolitischen Gegensätze hineinzuwachsen, wie sie selbst in den letzten sechs Jahren in solcher Schärfe nur selten waren. Die Sozialdemokratie treibt eine Opposition, die im Parlament allein nicht ihr Genüge findet, sondern ihren Schwerpunkt sogar ins Land hinaus zu verlegen fucht und dabei in Wirklichkeit die Geschäfte der Kommunisten besorgt. Ein seltsames Paradoxon, wenn man bedenkt, dah doch der erste Vertrauensmann der Linken, Herr Dr. Marx, sozusagen selbst eine Politck der Synthese, der Zusammenfassung. durchführen will- Wenigstens ist der Gedanke der Dolksgemeinschaf tt an sich nur der praktische Begriff für dasselbe was Herr Dr. Luther akademischer als eine Politik der Synthese bezeichnet
Ein Unterschied besteht freilich, und zwar ein sehr entscheidender älnterschied. Und das ist, dah Herr Dr. Luther ausdrücklich feine parteipolitische Reutralität unterstreicht, und zwar nicht nur mit Worten unterstreicht, dah er sich die Kräfte, die an seinem PersönliMkeits- programrn Mitarbeiten wollen, herholt, wo sie ihm zuströmen, während Herr Dr. Marx, nachdem er doch eigentlich selbst die Verschwommenheit eingesehen haben muh, die sein Projekt im ersten ötabium hatte, feine Idee jetzt so auslegt, dah sie nur eine Volksgemeinschaft der Linken umfassen soll.
Gewih, eine Volksgemeinschaft oder eine Regierungskoalition kann nicht Gesinnungsgemein- schast sein, denn dann könnte man die verschiedenen Parteien ja nur viel richtiger und einfacher in einen Topf zusammenwerfen. Soweit haben die Sozialdemokraten mit ihrer Argumentation durchaus recht. Aber, man kann doch auch nicht ein Pferd vorne und das andere hinten vor den Wagen spannen, ein solches Der- sahren mühte jede Regierung schon nach kurzer Zeit zerreiben. Das ist das. was Herr Dr. Marx bei der Volksgemeinschaft, wie er sie auf- fabte. übersehen hat. Er hat dann unter dem Druck bet Wirklichkeit eine Umorientierung vorgenommen, aber nicht etwa in dem Sinne, dah er nun die von rechts her verlangte Volksgemeinschaft der nationalen und christlichen Parteien scharf. sondern derart, dah er sich ganz auf links einstellte. Er hat das Wagnis unternommen, eine Regierung zustandezubringen. die sich im besten Falle auf eine Mehrheit von zwei oder drei Stimmen hätte stützen können. Und er ist bezeichnenderweise an diesem Versuch gescheitert gerade durch die Opposition. >ie er in feiner eigenen Fraktion fand, »ine Opposition, die doch stärker ist. als es zum Ausdruck kommt in dem Konflikt mit den drei Abgeordneten, die sich dem Gewissenszwang, der vom linken Flügel her auf sie ausgeübt werden sollte, nicht unterwarfen. Nebenbei hat gerade der Exponent dieses lipken Flügels. Herr Dr. Wirth, noch vor gar nicht langer Zeit öffentlich erklärt, dah die Tradition des Zentrums Gewissensfreiheit verbürge und er sich infolgedessen Vorbehalten müsse, gegen das Kabinett Luther zu stimmen. Man sieht, was dem einen billig ist. kann auch im Zentrum dem anderen teuer zu stehen kommen.
Aber dieser Konflikt ist auch für die ganze Partei ein außerordentlich kostspieliges Unternehmen. zum mindesten nach der Prestige- lei t e hin. Das hat die Tagung in Hamm doch deutlicher aejeigt. alS dem Zentrum wahrscheinlich lieb ist. Sie „Germania" bläst zwar Triumph, um die Dissonanzen nach außen hin gut zuzudecken, aber schon die Tatsache, daß Herr Dr. Marx es für nötig hielt, selbst nach Hamm zu fahren, ist bezeichnend für den Ernst der Krise. Und aller Siegesjubel täuscht nicht darüber hinweg, dah die Entschließung der Provinzialtagung dem Kanzler in der Fraktion zwar ihr Vertrauen auSspricht. daß aber mit keinem Wort auf bie Weiterverfolgung der Maß reg e- tunfl ber Abgeordneten ein gegangen wird, ditz ihre Gewissensfreiheit verteidigten. Sin Beweis, wie stark trotz aller Beschönigungen nach außen hin der GefolgschaftSkreis dieser Abgeord-
Die
Die Entente kommt immer mehr zu der Einsicht, dah die Kontroll- und Sicherheitsfrage sich am allerbesten auf dem Wege einer mündlichen Aussprache regeln läßt Mm plant nun neuerdings, aus dem ursprünglich vorgesehenen Besuch Chamberlains bei Herriot eine allgemeine Konserenz zu machen, die vermutlich in Brüssel abgehalten werden soll. Gegenwärtig unterhalten sich die alliierten Regierungen darüber, welche Rolle Deutschland auf dieser Konferenz spielen soll. Rach den letzten Rachrichten ist Frankreich tote- herum im Begriff sich durchzusehen, und zwar in der Richtung, Deutschland eine Einladung zu übersenden, es jedoch bann nur von ben Beschlüssen der Konferenzteilnehmer i n Kenntnis zu sehen und mit ihm nur über die Durchführung der bereits vorher festgesetzten Bedingungen zu verhandeln
Deutschland dürfte also bann schwerlich erfahren. welche Verfehlungen es sich hat zuschulden kommen lassen. Dafür würde es aber neuen Demütigungen ausgesetzt sein, so dah schon jetzt gar keine Veranlassung besteht, eine Einladung Deutschlands zu begrüben, wenn nicht in ihr der Grundsa h ber restlosen Gleichberechtigung anerkannt wird. Allerdings liegt die Brüsseler Kontrollkonferenz noch in weiter Ferne, so dah noch Wochen und Monate vergehen werden, ehe von feiten der Alliierten diesem Projekt nähergetreten werden dürste. Eine möglichst lange Hinauszögerung der Lösung der Kontroll- und Sicherheitsfragen liegt auch ganz im Interesse Frankreichs, dessen Presse jetjt schon durchblicken läßt, dah mit einer Räumung Kölns vor Jahresende nicht zu rechnen ist, während H e r r i o 1 den deutschen Untcrbänblcm seinerzeit in London Hoffnungen machte, dah die französischen Truppen voraussichtlich Mitte des IahreS das Ruhrgebiet verlassen und dann auch sofort eine Räum ung Kölns eintreten könnte.
Die englisch-französischen Verhandlungen.
London, 25. Febr. (WDB Fui.fspi.uch.) Der Pariser Berichterstatter des .Daily Telegraph" schreibt, es bestehe kein Zweifel, dah in Paris die Stimmung gegen irgendeine
neten ist. Man weih ja auch nicht, waS in den vertraulichen Verhandlungen alles getagt worden ist; sicher ist nur, dah es dabei ziemlich lebhaft zugegangen ist und daß aller Anlaß zu ber Vermutung besteht, dah Dr. Marx das Vertrauen des Provinziallandtages nicht g a n z u m s v n st bekommen hat. Ob er nach dieser Richtung hin weiter eine Jgnoranzpolitik treibt, muh natürlich abgewartet werden. Vorläufig will es jedenfalls so scheinen; Herr Marx hält an Herrn ©ebering fest, diesem seltsamen Grund- und Eckstein seiner Volksgemeinschaft, und damit bürftc das Spiel, das zunächst mit dem Sturz des Kabinetts Marx geendet hatte, in der nächsten Woche wieder von vorne anfangen. Wobei dahingestellt sein kann, ob das sachliche Politik ober nicht vielmehr eine Politik parteiegvistischen Eigensinns ist.
Verewigung der hessischen Krisis.
Darmstadt, 24. Febr. ($11.) Der Del» t e ft e r r a t des Hessischen Landtages beriet heute über den Antrag der Deutschen DolkSPartei auf sofortige Einberufung des Landtages. Begründet wurde der Antrag mit der Notwendigkeit, die Versa f f u n g schnellstens dahin abzuändera. daß der Landtag durch einfachen Mehrheitsbeschluß aufgelöst werden könne, damit durch evtl. Neuwahlen die hessische Regierungskrise zu einem Ende komme. Da der Antrag der Deutschen DollSpartei nur unterstützt wurde vom Hessischen Bauernbund und von den Deutschnationalen, so erreichte er nicht die vorgeschriebene Anzahl von einem Drittel aller Stimmen. Er ist somit a b gelehnt, und eS bleibt dem Präsidenten überlassen, den Landtag zu einem ihm gutdünkenden Termin einzuberufen, jedoch ist damit zu rechnen, dah der Landtag in der nächsten Woche -u- sammentritt.
Die Erkrankung des Reichspräsidenten.
Berlin, 24. Febr. (DTD.) Di« heute abend ist im Zustand des Reichspräsidenten keine Veränderung etngetreten. DaS Befinden ist befriedigend. Rach der „Voss. 3tg." hatte die Operation ergeben, daß beim Retchspräsibenten schon früher mehrere Fälle von Dllnddarmentzündung vorangegangen fein müssen.
Aus Anlaß ber Erkrankung haben die fremden Diplomaten teils durch persönliche Besuche, teils burch Besuche ihrer Vertreter ihre Teilnahme zum Ausdruck gebrach:. 3m Laufe des gestrigen Tages haben vorgesprochen: ber päpstliche Nuntius QEfgr. Pacelli, ber englische Botschafter Lorb b'Ä b e r n o n, ber spanische Botschafter S oker, ber französische Bot-
Kontrollkonferenz.
Beteiligung der Deutschen an ben Erörterungen über dieRäumung der Kölner Zone sich versteife. DaS Lanb sei entschiebcn dagegen, bah bie französische Regie- rung mit der deutschen über bie RäumungSfrage verhandele. 3m Gegensatz hierzu meldet .T i - meS" aus Paris, es scheine sicher zu fein, dah die französische Regierung jetzt bereit sei. zuzustimmen. dah die Deutschen eingclabcn werden und mit den alliierten Regierungen zusammen- träfen, wenn die letzteren über die Form Beschluß gefaßt haben, die sie ihrem Ersuchen an Deutschland, seine Abrüstung zu vollenden, geben werden.
Bevor der Bericht des Militärkomitees eingegangen sei. werde die britische Regierung nicht in der Lage sein, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Der allgemeine Sinn des Berichtes des Militärkomitees sei den Alliierten natürlich bekannt und inoffizielle Besprechungen feien im Gange. Die britische Regierung bleibe dabei in dem Punkte fest, daß die Räumung Kölns von der französischen SicherheitS- frage deutlich getrennt bleiben müsse. Rach Ansicht der britischen Regierung müsse ber Z--'tpunkt der Räumung Kölns von der Durchfüh- ruiia der militärischen Bestimmungen des Der- faiUcr Vertrages durch Deutschland abhängig gemacht werden.
Das „3outnal des Debats" will erfahren haben, daß das interalliierte m i (i t ä r i f ch e Komitee von Versailles der Botschafterkonferenz seinen Bericht über ben Stand der deutschen Entwaffnung und das Ergebnis ber General- inspektion erst anfangs kommender Woche übermitteln werde. Gleichzeitig unternehme daS englische Kabinett eine minutiöse Unter» suchung des Berichtes, so daß die Konklusionen des Marschalls Foch schon im voraus diskutiert worden seien. (inzwischen würden die diplomatischen Derhandlungen zwischen Paris und London fortgesetzt werden, um eine Formel zu suchen, die es erlaube, den Deutschen bie Möglichkeit zu geben, sich anläßlich ber Entscheidungen, die die Alliierten treffen würden, Gehör zu verschaffen.
Dep -Temps" seinerseits will erfahren haben, ",aß bie Verhandlungen auch mit der belgischen Regierung geführt werden. Man sei in Paris immer noch nicht offiziell von dem Besuch EhamberlainS unterrichtet worden. Für
schaster d e M a r g e r i e. ber russische Botschafter Kresczinski. ber italienische Botschafter Graf B o s b a r i. bet japanische Botschafter Honda, ber türkische Botschafter Kemal Ebdi. der österreichische Gesandte Riedel, der schwedische Gesandte FreiherrvonRamel. ber schweizerische Gesanbte Dr. Rüsenach. der belg.sche Gesandte Graf de la Faille, ber dänische Gesandte Kammerherr Zahle, bie Gesandten von Uruguay, Lettland. China und Salvador sowie ber Generalagent für die Reparationszahlungen Parker Gilbert. Ferner haben ber Reichskanzler, bie R ei ch s m i n i st e r, ber preußische Ministerpräsibent Marx, ber bayerische Gesanbte Dr. v o n P r c g e r , ber toürttem- bergifche Gesandte Dr. D o s l e r . bet badische Gesandte Dr. R i e s e r, ber hessische Gesandte Dr. Freiherr von Diegeleben. ber sächsische Gesandte Dr. Gradnauer und zahlreiche Parlamentarier und andere politische Persönlichkeiten ihre Anteilnahme bezeigt.
Aus dem Barmatausschuh KutiskerS Geschäfte mit der Altledcr- verwertunqsftellc.
Berlin, 24. Febr. (TU.) Der preußische Untersuchungsausschuß für die Barmataffäre vernahm ben Zeugen Handelsvertreter Wilhelm Dehler, ber Abteilungsleiter in ber Altleder- verwertungsstelle war. Dehler sagte aus, er habe gemeinsam mit den übrigen Mitgliedern deS Detriebsrates sich verpflichtet gefühlt, über bie unzulässige Begünstigung Kutis- k e r s settenS beS Generaldirektors der Altlederverwertungsstelle. Warnholz. Beschwerde zu führen und ben Strafantrag zu stellen. Die Leitung ber Derwertungsstelle habe an Kutisker Waren abgegeben zu Preisen, bie weit unter bem Selbstkostenpreis lagen. So wurden ihm beispielsweise große Mengen militärischer Ausrüstungsstücke. deren Selbstkostenpreis 40 Mark betrug, für 1 Mk. überlassen. Ein großer Posten Geschirr, der ben landwirtschaftlichen Genossenschaften zugeführt werden sollte, wurde plötzlich zu einem Spottpreis a n Kutisker abgegeben, ebenso eine große Menge von Schnürschuhen. Diefe Schnürschuhe sollten eigentlich der ärmeren Bevölkerung und der Arbeiterschaft zugute kommen. Weiter wurde an Kutisker ein großes Depot des Reichenbacher Lagers verkauft. Der Betriebsrat habe ermittelt, daß Generaldirektor W a r n h o l z . der eifrigste Förderer KutiskerS. eine Anst^lung als Direktor von Kutisker erhalten sollte. Diese Anstellung wurde aber durch die Beschwerde des Betriebsrates vereitelt. Der nächste Zeuge, ber Handels- rertreter Simon, der seinerzeit Stattstiker in ber Altleberverwertungsstelle war und gleichzeitig ben Posten bes Vorsitzenden im Betriebsrat belleibete. gibt an. bah in einem Falle beispielsweise an Kutisker für angeblich minderwertige Ware, die tatsächlich gar nicht minderwertig war. ganze Waggons gratis als Entschädigung nachgellesert wurden.
die Einberufung einer internationales Konferenz, an der den Engländern besonder« gelegen fei. schlage man hierfür Brüssel al« Derbandlungsort vor. weil man annehme daß die dortige Atmosphäre für eine Verständigung günstig sei. Es scheint indessen zweifelhaft, vv lic wegen der belgischen P a r l a m e n t s k r i f e in Brüssel Aufammcntretcn kann. Der belgische Ministerpräsident hält an seinem En« schlich. von den Geschäften zurückzutreten, fest.
Gegen die Verschleppungstaktik.
London, 24. Febr (T 11.) Unter bef Ueberschrift .Au f Befehl Focbs fdtreibi die .W estminster Gazette" an Ic ttntc Stell' . Es sind fast zwei Monate vergangen, seitdem die Kölner Zone geräumt werden sollte, und mit Ausnahme weniger Politiker hat sich kein einziger Mensch etwas von dem Bericht angesehen, auf Grund dessen die Regierungen ihre Ablehnung, den Kölner Brückenkopf zu räumen, gründen Rur ein paar Leute in Paris hätten den Kommission-' bericht gesehen, und Marschall Foch und fein Komitee stellten jetzt ihre Betrachtungen darüber an. Es fei für jedermann rätselhaft, den Grund für die Einmischung Marschall Fochs in eine An gelegenheit zu verstehen, die in der Hauptsache England und Deutschland beträfe Cs sei denn, so schreibt das Blatt, daß man glaubt, sich nicht länger um bie Ehre des englis che n Volke- kümmern zu müssen, die m i t d e r E i n- Haltung deS Versailler Vertrages auf das eng sie verbunden ist ES sei höchste Zeit, daß hiermit ein Ende gemacht wird. Wenn tatsächlich ernste Brüche der Klauseln des Vertrages vorliegen, so sollte sowohl die englische Bevölkerung und noch mehr die deutsche wenigstens im allgemeinen mit der Beweisführung vertraut gemacht: werden. Gegenwärtig vesaße weder das englische Volk, noch Deutschland die Möglichkeit, darüber zu urteilen, ob und welches von den beiden Ländern die Bestimmungen des Friedensvertrage« verletzt habe. Das Blatt gibt alsdann der Hoff- uulig Ausdruck, dah bie Regierungen die Notwendigkeit einer sofortigen Abhilfe zu würdigen wissen.
Der Tschekaprozeß.
Leipzig. 24. Febr. (Wolff.) Gleich zu De« ginn der Sitzung kommt es zu einem Zwischenfall. Rechtsanwalt ö amt er will bem Angeklagten Szon einen Vorhalt machen, ber sich auf ben Fragenkomplex bezieht, ber nach bem Gerichtsbeschluß erst später verhandelt werden soll, nämlich die Behandlung ber Angeklagten in ber Voruntersuchung. Der Vorsitzende entzieht ihm das Wott. Samter bittet um einen Gerichts^ beschloß Reichsanwalt Reumann tritt bem Standpunkt des Vorsitzenden bei. Als Samter sich hierzu äußern will, entzieht ihm ber Vorsitzende daS Wort, was Samter zu dem Vorwurf ber Gesetzwidrigkeit veranlaßt. Rechtsanwalt Wolfs bittet um eine Deratungs- pause für die Verteidigung, bie ber Vorsitzen de ablcbnt. Die Verteidigung verläßt danach ben Saal. Hieraus unterbricht der Vorsitzende die Sitzung um eine Viertelftun de. Rechtsanwalt Fränkel will hierauf eine Erklärung abgeben. Diese wird jedoch vom Gericht ab- gelehnt, da es sich nach Aeuherungen Fränkels nicht um eine Erklärung zur Sache handelt, sondern um eine Kritik des Vorsitzenden. Fränkel sagte, die Erklärung solle bie Aufrechterhaltung ber Würde ber Anwaltschaft wahren. Frankel bittet um Protokollierung, und als dies abgelehnt wird, um einen Gerichtsbeschluß. Der Vorsitzende fragt die Beisitzer, bie zustimmen. Fränkel erhebt Einspruch gegen btefe Art ber Beschlußfassung. 3m Anschluß hieran kommt es zu wetteren Auseinander fetzungen. Samter ruft: Sie wollen nicht bie Wahrheit haben! Der Vorsitzende droht mit ber Anwendung der ihm zustehenden Mittel. Samter will einen Antrag stellen, den der Vorsitzende nicht zuläßt. Da Samter trotzdem weiterfpricht und den Antrag auch dem Gerichtsschreiber trotz der gegenteiligen Erklärung des Vorsitzenden überreicht, fordert dieser kraft des Hausrechtes Samter auf. ben Saal zu verlassen Samter Weiger' sich und wird von zwei Schutz- v o l iz e i b e a m t e n aus bem Saal geführt. Die Verteidigung beschließt, sich sofort an das Reichsjustizministerium zu wenden und instruierte die Angellagten dayin. ohne ihrr Rechtsverteidiger nicht zu sprechen. Hierauf tritt eine Pause ein.
3n bet Rachmittagssihung gibt Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld namens ber Gesamtverteidi- Sung eine Erklärung ab. in der um Vertagung er Verhandlungen auf Donnerstag vormittag eriuchl wird, da bie Verteidigung, um bie Angelegenheit auS der Welt zu schaffen, bei den zuständigen Stellen wegen der Vorgänge am Vormittag vorstellig werden wolle. Reichsanwalt Reumann etfiärte hierauf, bei den Maßnahmen des Vorsitzenden bandele es sich nicht um bie Frage der Derwattung, sondern um eine ber Rechtsprechung, auf bie von keiner Seite ein Einfluß auSgeübt werben könne. RamenS der von ihm vertretenen Behörde bitte er, bem Antrag nicht stattzugeben, um nicht den Eindruck zu erwecken, als ob richterlich- Entscheidungen


