Ausgabe 
24.12.1925
 
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ar. sw Sweftes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gdsrheffen) Donnerstag, 24. Dezember 1925

Nach Locarno.

E!u Aiahnworl.

Von F.W. von Loebell, Staalsminister a. D.

Der Locarnovertrag ist in London, zwar nicht unter rauschenden Festlichkeiten, aber doch feierlich noUaogen. hieran ist nichts mehr zu ändern. Man muß sich auf den berühmten Boden der Tatsachen Hellen und sollte den Streit über das i'xür und Wider verstummen lassen. Auch die Befürmorrer des Vertrages haben wohl angesichts der mehr als magerenRückwirkungen" ihre Begeisterung etwas herabgestimmt. Jedenfalls war schon in der Reichs- i.igsdebatte von einer Begeisterung weder bei dem Reichskanzler Luther noch bei den Rednern des Kaufes etwas zu spüren. Das hohe Haus, von dem ein großer Tag erwartet wurde, machte einen etwas gelangweilten Eindruck. Der einzige Opti- n.ist war und ist, wie sich auch aus seinen letzten Aeutzerungen zur Presse ergibt, der Reichsaußen- Minister, der eine völlige Sinnesänderung der alli- i.'rten Gegner erwartet und glaubt, daß der Geist im Locarno alle bösen Geister vertreiben wird. Vtoge sein Optimismus recht behalten. Vorläufig üößt man trotz der täuschenden Ueberschriften ein­zelner Zeitungen nur auf Ablehnung ober Ver­tröstung.

Was uns aber nottut, ist innerer Friede, gerade jetzt nach Locarno geschlossene Front nach nutze n. Sollen wir noch auf dem Gebiete der Rückwirkungen Erfolge erzielen, so muß das Aus­land (eben, daß es hier keinen Meinungsstreit bei uns givt, daß wir in diesen' Forderungen einig sind und nicht ruhen werden, bis sie erfüll sind. Hat einSicherheitspakt" Sinn und Bedeutung, wenn nach wie vor eine unerhörte Besatzungslast dem einen Kontrahenten aufgebürdet wird? Wenn wir fremde Truppen in einer Zahl, wie sie gegen­über unserer Reichswehr geradezu grotesk wirkt, auf deutschem Boden behalten? Wenn wir immer noch offiziell als böswillige Urheber des Weltkriegs betrachtet werden? Wenn erst nach längerem Zö­gern im englischen Parlament eine ziemlich lahme Entgegnung auf schamlose und alberne Derdächti- gungen unserer Ehre und Zivilisation vom Regie- rungstische aus erfolgt? Wenn mir immer noch von Schandurteilen über sog. Kriegsverbrecher hören? Wenn der Widersinn unserer Ostgrenzen, die Abschnürung Ostpreußens vom Reich, der bru­tale Rechtsbruch in Oberschlesien zwar vielfach an­erkannt, aber doch belassen werden? Hier muß sich jede Regierung zum Durchsetzen ihrer gerechten Forderungen nicht nur aus die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes, sondern auf eine große feste Parlamentsmehrheit ftüt- zen können. Und ebenso notig ist ein Zusammen­schluß in den inneren Fragen.

Wir befinden uns in der schwersten Wirt- ichaftskrisis Ueberschuldung der Landwirt­schaft, mangelnde Betriebsmittel, geringe Preise und hohe Betriebskosten. Die Industrie steht im schwersten Konkurrenzkämpfe: Mangelnder Absatz, immer erhöhte Lasten, Verteuerung des Rohmate­rials, niedrige Preise. Dazu ein immer zunehmen­der, unerträglicher Druck der öffentlichen Abgaben und sozialen Lasten. Wir stehen noch nicht am bilde der Krisis. Die Krankheit der Wirtschaft hat üren Höhepunkt noch nicht überschritten. Sollen mir vor einer entsetzlichen Katastrophe bewahrt i: erben, so ist uns «in starker Staatsmann i'it umfassenbem, festem Wirtschaftsprogramm, das 1. Vorschläge unserer besten Wirtschaftskenner be­im rsichtigt, Gitter not. Ihn müssen die Parteien uiuerstützen. Denn angesichts der wirtschaftlichen Rot 1 nd des Abgrundes, vor dem wir stehen, muß der ; arteifampf schweigen, muß auch jeder Versuch, mit sozialistischen Mitteln wegen seiner verhäng­nisvollen Wirkung unbedingt unterbleiben.

Bitter nottut uns Einschränkung und die größte Sparsamkeit auf allen Geoieten des öffentlichen Lebens. Auf der Elberfelder Tagung des Eisen- und Stahlwaren-Jndustrie-Bundes am 19. November b. 3. hat Herr Dr. Solmssen, Geschäftsinhaber der Disconto-Gesellschaft, über Finanzwirtschaft gegen Parteiwirt- schäft eine Rede gehalten, die an allen öffentlichen Stellen, insbesondere in den Parla­menten und Regierungskanzleien, angeschlagen werden müßte. Herr Dr. Solmssen gibt in über­zeugenden Zahlen ein erschütterndes Bild über den unheilvollen Einfluß unserer Finanzwirtschaft auf die Wirtschaft. Jeder objekttv denkende Politiker und Wirtschaftler muß ihm zustimmen, wenn er

Iulklapp!

Don Ernst Edgar Reimördes.

Schon der Name wirkt wie ein Klang aus d« fernsten Vergangenheit unseres Volkes und erweckt unwillkürlich Erinnerungen an das Win- tersomrwendfest unserer heidnischen Vorfahren, da- Iulfest. Natürlicherweise läßt sich die merk­würdige Sitte de- Iulklapp, diese originelle Form der Weihnachtsbescherung, nicht auf vorchristliche Zeit zurückführen. Jedenfalls aber ist sie sehr alt und wahrscheinlich eine Erfindung des skandi­navischen Nordens, von wo sie unS kam und an den Ostseeküsten, besonders in Mecklenburg und Pommern, heimisch wurde.

Wenn der heilige Abend angebrochen ist, überall die Lichter an den Tannenbäumen auf» flammen, und hinter den Fenstern die schönen, alten WeihnachtsUeder ertönen, werden mit dem Ruf .Iulklapp" von unbekannten Voten gebettn- uisvolle Pakete zur Tür heretngewvrfen. Gewöhn­lich klopft der Bote vorher heftig an, ruft mit verstellten StimmeIulklapp" und sucht dann schleunigst die Weile, um nicht erkannt zu werden. Früher ritt der Ileberbringer eines derartigen Paketes bisweilen auch wohl auf einem sog. Iul- bock, einer aus einem künstlichen Ziegenkopf und einigen Tüchern hergerichteten, merkwürdigen Ticrgestalt. Vielleicht sollte in der Form deS Iulklapp ursprünglich das heimliche Gabenspen» l cn des Christkindes dargestellt werden, das sich durch Klopfen bemerkbar macht.

Die Iulklapp-Pakete sind fast stets von be­trächtlichem .Umfang, dabei enthalten sie häufig nur winzige Gegenstände. Auf jeher der zahl­reichen Umhüllungen steht eine Adresse, meist auch ein launiger Vers mit Anspielungen auf irgendeine Schwäche des Adressaten. So wandert der Iulklapp von Hand zu Hand, bis schließlich nach dem Entfernen der letzten Hülle, der richtige Empfänger zu feinem Geschenk kommt. Heber den Geber aber zerbricht er sich häufig vergebens Den Kopf, denn die verschiedenen Aufschriften sind natürlich mit verstellter Handschrift bzw. von einer unbeteiligten Person geschrieben. Bei dem Verpacken des Geschenks, beim Adressieren usw.

sich von ben Fesseln ber Partei frei machen kann. Mit vollstem Recht sagt er:

Wir können reden und schreiben und bean- tragen soviel wir wollen. Es wird sich nichts ändern und alles beim alten bleiben, wenn wir nicht die Axt an die Wurzel des Uebels legen und die Finanzwirtschatt bis zur Neuordnung völlig loslösen vom Kuhhanbel her Parteien." lind weiter:

An dieser Parteiwirtschaft, die der deutsche Partikularismus ins llnqemeffenc verzweigt, drohen wir zugrunde zu gehen."

Deshalb fordert Herr Dr. Solmssen einen Wirtschastsdiktator mit unumschränkter Machtvollkomenheit.

Für einen nüchternen Beobachter sprechen ge­rade in unserer Zeit die schwerwiegendsten Gründe für einen bürgerlichen Zusammenschluß, und wer, wie ich, einen solchen seit Jahr und Tag verlangt und für ihn zu wirken versucht, kann die Hoff­nung nicht aufgeben, daß bic klare Vernunft und der Wille, das Beste des Vaterlandes zu fördern, über Parteiegoismus enblid) siegen werden. Aller> dings, unsere parlamentarische Vergangenheit läßt leider großen: Zweifel Raum. Wie oft haben wir es in den letzten Jahren erleben müssen, daß die Parteien nicht vermochten, den großen Staatsge- danken als Richtschnur festzuhalten, sich hinweg- zusetzen über parteipolitische Erwägungen und nur dem salus rei publicae zu dienen. Wieviel Kämpfe haben mir im Innern auch zwischen nahestehenden Parteien erlebt, anstatt dem Ausland die ge­schlossene Phalanx einmütiger Schicksalsgenossen zu zeigen. Wieviel Regierungskrisen haben wir sich abfpielen sehen, weil plötzlich eine Partei oder eine Gruppe abspringt und ber Regierung, die sie bis­her unterstützt hatte, die Gefolgschaft verweigert. Ist es da ein Wunder, wenn die Partei der Wahlver­drossenen und Wahlmüden immer mehr zunimmt, wenn sich allmählich im Volke immer mehr Er­bitterung zeigt gegen ein Wahlsystem, das die starken Pechönlichkeiion zurückdrängt und die Par­teibeschlüsse zur ultima ratio macht? Ist es ein

Wunder, daß der Parlamentarismus selbst In sei­ner jetzigen Gestalt immer mehr Anhänger ver­lier! und scharfe Kritiker findet':

Gewiß, wir haben den Weltkrieg verloren unb an dessen Folgen zu tragen. Wir sind durch das unerhörteste, härteste und gemeinste Friedensinstru. ment, das je die Welt gesehen hat. geknebelt und versklavt, und keine Regierung, kein Parlament kann vorläufig diese Nachwirkungen ausheben. Aber gerade darum ist ein Zusammenschluß nötig, muß alles Trenende zurücktteten und nur eine Pa­role gelten: Einigkeit! Was uns auch trennt, ein Abgrund ist es nicht. Die Scheidung Hier Mon­archisthier Republitaner, hier schwarzweißroi hier schwarzrotgold darf nicht zu Kämpfen führen, die uns im Innern zerwühlen und nach außen hin schwächen. Man lasse jedem seine Ansicht. Man be­endige endlich den unseligen, durch die Weimarer Verfassung herbeigctiihrten Flaggenstreit und gebe die törichte Furcht auf, als ob in Kürze versucht werden sollte, die Monarchie wieder aufzurichten. Niemals hat mehr gegolten und damit will ich diese Ausführungen schließen das prophetische Wort unseres großen Staatsmannes Bismarck, das er im Reichstag am 13. Marz 1885 sprach:

Dieser Völkerfrühling hielt nur wenige Jahre nach dem großen Siege vor. Der alte Erb- feind des Partethaders übertrug sich auf unser öffentliches Leben und unsere Parla­mente. Wir sind angekommen in einen Zustand unseres öffentlichen Lebens, wo die Regierungen zwar treu Zusammenhalten, im Deutschen Reichs­tag aber der Hort der Einheit, den ich darin gesucht und gehofft hatte, nicht zu finden ist, sondern der Parteigei st überwuchert 11 n s, und der Parteigeist, wenn er mit feiner Lokistimme den Urwähler Hödur, der die Trag­weite der Dinge nicht beurteilen kann, verleitet, daß er das eigene Vaterland erschlage, der ist es, den ich an Flage vor Gott und vor der Ge­schichte, wenn das ganze herrliche Werk unserer Nation von 1866 und 1870 wieder in Verfall gerät, durch die Feder hier verdorben wird, nachdem es durch das Schwert geschaffen wurde."

Das

eihnachtsgefchäft in Metzen.

Erhebliche Ausfälle gegenüber dem Vorjahre.

Gießen, 24. Dez. 1925.

Die Weihnachtszeit 1925 zeigt die beklagens­werten Merkmale einer deutschen Not-Weih­nacht noch deutlicher als manche vorhergehende Weihnachtszeit der Nachkriegsjahre, von den glücklichen Dorkriegsverhältnissen ganz zu schwei­gen.^ Weite Vevölkernngskreise, die sich zum vorjährigen Weihnachtssest nochallerlei er­lauben" konnten, müssen sich diesmal mit der Christkinpchen-Veschaffung fd>r zngeknöpbt. ja, häufig sogar noch mehr als bescheiden, verhalten. Das ist nicht nur von ber Stadtbevöllerung zu sagen, sondern mindestens im gleichen Ausmaß, vielleicht aber noch mehr, gilt es für die Land­leute. Die außerordentlich starke, allgemein ver­breitete Geldknappheit, die ungeheuren Steuer­lasten, die Betriebsstillegungen bzw. -einschrün- kungen mit daraus resultierender verbreiteter Arbeitslosigkeit, die gefunfene Kaufkraft breite­ster Volksschichten und viele- andere mehr sind die schlimmen Kennzeichen dieser Zeit, unter denen auch

der heimische Weihnachtsmarkt recht empfinblich zu leiben hatte. Wer den Publikmnsverkehr in den letzten Wochen in den Hauptstraßen der Stadt auch nur gelegentlich beobachtete, mußte schon zu der Elckenntnis kommen, daß unsere Geschäfts­leute in diesem Jahre um die Erfüllung eines großen Teiles ihrer Hoffnungen kommen wurden. Im Vorjahre z. B. konnte man oft an den Laden­eingängen das bekannte SchildVorübergehend geschlossen" hängen sehen, und ein Blick durch die Türscheiben zeigte dann ein fürchterlich dickes Gedränge und Geschiebe. Von diesen Schildern war in diesen Weihnachtswochen nirgendwo etwas zu bemerken. Als besonders kennzeichnen­des Merkmal ist die Tatsache zu registrieren, daß

der kupferne, der silberne und der goldene Sonntag große Versager

für die Geschäftswelt waren. Wen aus diesen Mitbürgerkreisen man auch spricht, überall ver­

nimmt man die Wahrnehmung: Kaufinteresse und Bedarf vorhanden, aber es ist eben kein Geld da! Lind infolgedesscm blieben die von der Geschäftswelt erhofften Käuferscharen aus, oder soweit sie doch kamen, begnügten sie sich mit Ausgaben, die gegen früher stark beschränkt waren. Aus diese Weise kam für die Geschäfts­leute ein

Weihnachtsgeschäft doller starker Enttäuschungen

zustande. Dieses Gesamtbild sei nachstehend auf Grund unserer Rundfrage bei zahlreichen Firmen durch einige Einzelangaben noch erläutert und verstärkt.

Die Texlil-Branche

hat erst in den letzten Tagen noch etwas Geschäft gehabt, doch ist der ganze Verlauf nur als mittel­mäßig zu bezeichnen. Gerade bessere Qualitäten mit dementsprechend höheren Preisen wurden ganz wenig gekauft, hauptsächlich erwärmten sich die Käufer nur für Waren der mittleren und billigen Preislage. In den seltensten Fällen dürfte da der Umsatz des jetzigen Weihnachtsgeschäfts an den vorjährigen heranreichen, das Geschäft wird um 15 bis 20 Prozent hinter dem von 1924 zu- rückbleiben, denn auch das Fehlen der Landbe­völkerung hat sich sehr ungünstig bemerkbar ge­macht.

In der

3n der Damenkonfektions-Branche

ist gleichfalls ein sehr mageres Ergebnis erzielt worden. Waren in höheren Preislagen fanden auch so gut wie gar keine Käufer, denn das er­forderliche Geld fehlte, die Nachfrage galt fast aus­schließlich der mittleren und billigeren Preislage, ja zum Teil mußte sogar noch unter dem Einkaufs­preis verkauft werden, nur um die Waren endlich abzustoßen, die schon länger lagerten und die im nächsten Jahr natürlich noch weniger als heute ge­bracht hätten. Im Vergleich zum Vorjahre ist das heurige Geschäft wesentlich schlechter, es macht nur etwa die Hälfte von 1924 aus.Dabei haben die Käu­

fer häufig noch Kredit In Anspruch genommen, ehie für den Kaufmann sowohl wie auch für die Käufer doch sehr bedenkliche Maßnahme. Die Geldknappheit und mancherlei andere Zwangsmaßnahmen sieht man als Ursache des unbefriedigenden Geschäfts an.

Den Damenwäfchegefchäslen

war zum Teil ein zufriedenstellender Geschäftsgang beschieden, bei dem das Ergebnis nur ganz wenig hinter dem vorjährigen zurückgeblieben ist; zum Teil wird aber auch über mancherlei Widrigkeiten geklagt, die einem Ausfall von etwa 20 Prozent gegenüber dem Vorjahre zur Folge hatten.

Die Kurz-, Schnitt- und Dottwarenbranche

hat einen 25 bis SOprojentigen Rückgang des jetzigen Verkaufs gegenüber dem von Weihnachten 1924 zu verzeichnen. Man beklagt die mangelnde Kaufkraft der Bevölkerung, der es im großen und ganzen nicht möglich war, die allerdings wohl be­gehrten, aber pekuniär leider nicht erfchwingbaren besten Waren sich anzueignen. Auch hier beherrschte die Nachfrage nach mittleren und billigeren Quali­täten das Feld so sehr, daß ein Kaufmann uns gegenüber den bemerkenswerten 'Ausspruch tat, wir gingen wieder auf das Deutschland von vor vierzig Jahren zurück.

Der Schuhwarenhandel

ist besonders empfindlich in Nachteil versetzt worden. Während die städtische Bevölkerung früher und auch noch im Vorjahre zu Weihnachten Lederschuh, werk, und zum großen Teil recht gutes, erwarb, ist sie diesmal überwiegend nur als Käufer von Hausschuhen und anderen weniger preisenden Sachen aufgetreten. Das Geschäft, das früher schon im November einsetzte, brachte diesmal im November gar nichts, in den ersten Dezember- wochen war der Geschäftsgang gleichfalls un­gewohnt still, erst in den allerletzten Tagen kam etwas Leben hinein. Der Verlust der vorhergehen­den Wochen konnte dadurch natürlich nicht mehr ausgeglichen werden. Bemerkenswert ist, daß z. B. in einem Geschäft nur 25 Prozent aller Käufe sich über den Preis von 10 Mark hinaus erhoben, während die restlichen 75 Prozent sich auf der Linie unler 10 Mark je Verkauf bewegten. Die Verringe- rung des diesjährigen Geschäfts gegenüber dem von 1924 wird auf 35 bis 40 Prozent beziffert.

3m Buchhandel

beziffert man den Minderamfang des Weih­nachtsgeschäfts von 1925 gegenüber dem vori­gen auf 20 bis 30 Prozent Meist wurde hier ebenfalls in mittlerer Preislage gekauft, nur in vereinzelten Fällen sanden auch teure Sachen Abnehmer: z. D. in Bilderbüchern und Iugend- fchriften wurden gerne gute Preise angelegt, auch in Nomanen war das hier und da der Fall. Das Geschäft hat erst sehr spät und zögernd ein­gesetzt. flotter wurde es erst in den letzten Tagen.

Die Kunst- unb Luxuswarenbranche

hat gleichfalls erst in den allerletzten Tagen stärkeren Zuspruch gefunden. Für ganz hoch- werttge und demgemäß auch preisende Waren war aber fein. 2lbnehmer zu finden; wer früher z. B. 100 Mk. oder 200 Mr. ausgab. ließ es letzt höchstens bei der Hälfte genug sein. Es war ein ausgesprochenes Geschäft in mittleren und billigeren Preislagen, das obendrein um 25 bis 30 Prozent hinter dem Vorjahre zu- rückblieb.

Dom Lebensmittelhandel

hört man in ber großen Linie gesehen eigentlich nur Klagen über unbefriedigenden Ab­satz der ausgesprochenen Weihnachtsartifel (Nüsse. Lebkuchen u. dgl.), während die gangbaren, d. h die notwendigen Artikel, weil unentbehrlich, na- türlich ihre Käufer fanden. Immerhin betont man, daß die drei Verkaufssonntage wie in anderen Branchen übrigens auch die Erwar­tungen nicht erfüllt haben. Die Minderung des Geschäfts gegenüber der vorigen Weihnachtszeit schätzt man auf 10 bis 25 Prozent, je nach Lage der Firmen.

Die Elfen- und HauShalttingsgeschäfte

stehen mit ihren Weihnachtsgeschäftsabschlüssen an der ungünstigsten Stelle. Hier schätzt man den Ausfall gegenüber Weihnachten 1924 auf 40 bis 50 Prozent, zum Teil sogar noch darüber. Für große Sachen sanden sich keine Käufer, da hierzu das Geld fehlte, die paar verkauften Kleinig­keiten konnten den Ausgleich nicht bringen. Z. B. hat ein Geschäft im Vorjahre zu Weihnachten etwa 12 Gasherde verkauft, diesmal nur einen.

kann der Absender seinen Witz und seine Erfin­dungsgabe zeige::. Manchmal ist der Inhalt des Iulklapp auch weiter nichts als eine Verspottung, eine Neckerei. Um die Sache möglichst abwech­slungsreich zu gestalten, wird in ein Iulklapp» Paket manchmal nur ein Zettel mit einer An­weisung gelegt, wo 'das betreffende Geschenk im Hause zu finden ist. Dort aber weist ein zweiter Zettel wieder nach einem andern, möglichst weit entfernten Platz, biS schließlich nach langem, ver­geblichem Herumlaufen vom Keller bis zum Bo­den und umgekehrt das richttgc Versteck ent­deckt wird.

Früher waren die Lleberbringer dec Pakete häufig verbleibet. sie schwärzten ihre Gesichter oder machten sich auf irgendeine andere Weise unkennt­lich; denn beim Iulklapv fommt es vor allem darauf an, daß das Geheimnis des Absenders gewahrt bleibt.

3n die Weihnachtspakete eines größeren Fa­milienkreises bringen die Iulklapp-Pakete, nament­lich wenn sie in Mengen auf der Bildfläche er­scheinen, einen fröhlichen, übermütigen Ton hin­ein. Das hat uns Fritz Neuter in seinem be­rühmten RomanAlt mine Stromtid" (Teil i, Kap. 7) so recht gezeigt, wo bei der wundervollen Schilderung des Weihnachtsabends im Pastor­haus zu Görlitz, die in unserer ganzen Literatur einzig dasteht, das Iulklappwerfen eine wichttge Rolle spielt. Dort gelangt u. a. als Iulklapp ein Brief ins Zimmer, in dem ein Zettel liegt:Ün de Zittel Wiste up en amxern Zettel, de lagg baben up den Dähn (Boden), un de wedder up en annern, de lagg unnen in den Keller, un de wed­der up en annem, un de wedder . un wenn de Fra Pasturin den hübschen gestickten Kragen hewwen wull, de ehr bestimmt was, müßte sei vörlöpig 'ne Rundreise dörch ehr ganzes Hus an- treden, bet sei em taulehbt ganz dichttng (nahe- bi in ehren eigenen Pastor sinen Stöwelschacht (Stiefelschaft) furni

Die Sitte des Iulklapp hat Reuter auch noch in seiner drolligen Erzählung «Wat bi 'ne Aew- werraschung rate kamen kann" behandelt, wo der Rats^rr Zarnekow, bem man kurz vor Weih­nachten den Kutfcherbvck vom Wagen gestohlen

hat, von drei Seiten als Iulllapp einen neuen erhält und schließlich sogar noch seiner: alten zurückbekommt.

In ähnlicher Weise, wie bei uns zu Weih­nachten mit dem Iulllapp, überrascht man sich in Holland am St. Rikolausabend (©int Niklas» mit scherzhaften Riesenpaketen. Die Bezeichnung Iulllapp aber kennt man dort nicht.

Dom Weihnachts-Karpfen.

Wenn heute ber Karpfen schon lange traditionell als festliches Essen auf ber Weihnachtstafel so man­cher Familie immer roieber erscheint, so hat es doch verhältnismäßig lange gedauert, bis dieser leckere Fisch von seiner angeblichen Stammheimat des Schwär,zrncercs zu allen Völkern Europas gekommen ist. Urkundlich wirb der Karpfen erst im Jahre 1070 als ein Klosterfisch am Bodensee erwähnt, während er noch zwei Jahrhunderte später in Norbfrankreich völlig unbekannt gewesen sein soll. Die Chroniken haben uns brei Namen von Männern aufbewahrl, die sich besonders um die Verbreitung dieser gaftro; nornischen Köstlichkeit verdient gemacht haben. Da ist zuerst Leonhard Mascal zu nennen, der 1514 ben Karpfen von Norbfrankreich nach England brachte. Den gleichen Ruhm darf Peter Ore für sich in An­spruch nehmen, der 1560 diesen Fisch in Dänemark einführte. Der Oberst Burggraf von Nostiz (gestorben 1588) aber war es, der drei Jahre vor seinem Tobe den Karpfen von Schlesien nach der Mark Bran­denburg mitbrachte. Allpreußen ward dieses Ge­nusses erst 1769 teilhaftig, Amerika gar erft seit 1850. Heute streitet sich die Donau mit dem Rhein, der Rhone, der Seine und mit vielen anderen kleinen Flüssen, wer die besten Karpfen heroorbringt. Ein erfahrener Koch weiß sogleich zu sagen, ob es sich um einen Fluß- oder Teichkarpen handelt. Der erstere hat mehr eine ins Gelbliche, der letztere eine ins Grünliche ober gar ins Schwärzliche spielende Farbe. Um im Farbigen zu bleiben, so führt uns die bekannte Redensart von derblauen Karpfen-Selig­keit" zu der Zubereitung, die das geschlachtete und geschuppte Exemplar der Bauchflosser, wobei ber Milchner dem Rogner vorgezogen wird, durch Ueber- gießen mit siedendem Essig sich gefallen lasten muß. Der Rogner darf sich dagegen brüsten, sogar poetisch

besungen zu sein, und zwar von Heinrich Seidel in dem GedichtDas Huhn und ber Karpfen", allwo ec sich gegen das Geschrei der Hühner anläßlich des Eierlegens also tadelnd ausläßt:

Da sprach der Karpfen:Ein! *.,1

Alljährlich leg ich 'ne Million

Und rühm' mich des mit keinem Ion: 'M Wenn ich um jedes Ei

So kakelte, mirakelte, spektakelte Was gäb's für ein Geschrei!"

Beliebter als der blaue Karpfen ist aber zu Weih- nachlen der in Bier gekochte, wobei des öfteren insofern arg gesündigt wird, als man zu schweres ober gar bitteres Bier verwendet, dem eine Zwie­bel, zwei Lorbeerblätter, ein Kräuterbündel, Salz, Pfeiierkörner, Nelken, ein Stück in Mehl gerollter Butter, eventuell dazu ein Stück aufgeweichten Ho­nigkuchen und einige Rosinen die schmackhafte Brühe zu geben haben. Weniger bekannt ist die sogenannte Art ä la Bourguignonne, bei der an die Stelle des Bieres eine Falsche Burgunder zu treten hat, der etwas Thymian und Basilikum die pikante Noto zu geben haben, während die in Mehl gerollte 'But­ter mit etwas geriebener Muskatnuß, einer ge­hackten Sardelle und einem Löffel Kapern das Spe- üfifche zur sämigen Sauce beiträgt. Eine weitere Steigerung im Kulinarischen ist die Zubereitung ä la Ohambord :Spcck- und Trüftelftreifen zieren den Fisch, der in Weißwein mit ähnlichen Zutaten wie oben ganz langsam weichgedämpft werden muß, um schließlich, mit Fleisch-Glace überstrichen, mit Cham­pignons, Krebsschwänzen, in Würfel geschnittener Zunge, sogar mit Wachtel-Schenkel garniert auf ge­tragen zu werben. Den Karpfen zu backen, entspricht mehr englischer oder auch französischer Sitte; eine Sarbeilen-Soße paßt noch am besten hierzu. Karp­fenmilch als Austern frisiert ist ein Scherz, auf den selbst bessere Feinschmecker gern hereinfallen wer­den; man muß nur einige alte Austernschalen bei der Hand haben, in denen diese Delikatesten, fein rund geschnitten, mit gebutterter Semmelkrume und Parmesankäse bis zur bräunlichen Kruste überbacken werden. Da Weihnachten das Fest ber kleinen wie ber großen Kinder ist, kann man sich solche Spie« lerei gefallen lasten. Jedenfalls guten Appetit,