Ausgabe 
24.10.1925
 
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m. 250 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für (Vberhessen)

Außenpolitische Umschau.

Don Prof. Dr. Otto Hoetzsch, M.d.R.

Der Verfasser, einer der hervorragendsten Kenner außenpolitischer Probleme innerhalb der Deutschnationalen Reichstagsfraktion, legt hier Im wesentlichen den Standpunkt feiner Partei dar, der sich in einigen Einzel­heiten mit dem unserigen nicht ganz deckt.

D. Red.

Schneller, als man in Deutschland erwarten konnte, ist die Konferenz von Locarno zu Ende gegangen, und dort hat man das Ergebnis auch überschwenglich in allen Sprachen gefeiert Auch die Aeußerungen der deutschen Delegierten waren auf diesen Ton gestimmt, daß eine neue Aera beginne, eine Aera des Vertrauens, des Friedens und ein deutlicher Schnitt in der Entwicklung, die leit dem Versailler Vertrag unheilvoll gegangen ist. Aber um welchen Preis! Das Ergebnis entspricht doch den deutschen Lebensinteressen sehr wenig, und wo sind die Gegenleistungen der anderen für Deutschlands Entgegenkommen?

Der Reichskanzler selbst hat bei der Ankunft in Berlin, nach seinem Urteil befragt, gesagt, das könne er er ft in 14 Tagen sagen. Es gilt also das höchst verwickelte Vertragswert sehr genau zu prüfen und daneben die Forderungen, Voraus- fetzungen und Rückwirkungen, das heißt, deren Sicherstellung zu bezeichnen, die Erwartungen und Forderungen zu vergleichen, mit denen die deutsche Delegation nach ßoeanw geschickt war, mit dem, was wirklich erreicht worden ist.

Das wird ungemein erschwert dadurch, daß die Vertragsentwürfe bereits paraphiert wurden. Natürlich sind sie noch nicht förmlich angenommen, ober die Paraphierung bedeutet doch, daß ein­zelne Aenderungen an dem nunmehr ver­einbarten Text nicht mehr möglich sind. Dann können Fragen, Wünsche, Forderungen in bezug auf den Text der Verträge nur in der Form der fogenannten authentischen Interpre­tation, die von beiden Seiten angenommen wird, erfolgen. Aber das ist klar: Durch die Para­phierung dort sind wohl die beiden Delegierten Dr. Luther und Dr. Stresemann persönlich verbunden und mit dem Schicksal des ganzen Werkes persönlich verknüpft. Dagegen sind die Reichsregierung und die Regierungsparteien in ihren Entschlüssen selbst­verständlich vollkommen frei.

Dafür ist ein Zwischenraum gegeben bis zum 1. Dezember, an dem Die förmliche Unterzeichnung die Verträge in Kraft setzen soll. Auch das ist dann noch zuviel gesagt. Dennn wirksam werden die Verträge erst, wenn der Eintritt Deutsch­lands in den Völkerbund vllzogen ist. Darüber aber, über den Gang der ganzen Dölker- bundsaktion der nächsten Zeit, liegen noch keine be­stimmten Programmen vor.

Die Entscheidung, um die in diesen Wochen ge­kämpft wird, hängt von Inhalt und Auslegung der Verträge ab, über die gestritten wird, sowie von dem, was man auf unserer Seite als Rück­wirkung bezeichnet. Die deutsche Delegation hat eine schriftliche Formulierung und Einzelzusage der anderen Seite in dieser Richtung nicht erreichen können. Sie hat sich begnügt begnügen müssen mit mündlichen Zusagen, die allein auf die Persönlichkeiten von Briand und Chamberlain gestellt sind. Er ist eine reine Vertrauens­sache, und in dieser Beziehung eine sehr große Zumutung an das deutsche Volk! Sind wir doch in den letzten sieben Jahren genau an das Gegenteil gewöhnt worden, nämlich den Zusagen der anderen Seite zu mißtrauen, weil wir immer getäuscht worden sind. Man denke nur etwa an Oberschlesien und dergleichen mehr! So hat die deutsche Ver­tretung gerade in einem der allergewichtigsten Punkte nur ein leeres Gesäß mitgebracht, das erst aufgefüllt werden mußte, und weder der Reichs­kanzler noch der Außenminister können sich wun­dern, wenn sie dabei auf Enttäuschung und Miß­trauen im ganzen deutschen Volke stoßen. Das, was wir unter Rückwirkungen meinen, liegt ja auf der Hand. Das muß jetzt in bezug auf die Entwaffnung ünb Luftnote, Rheinlandregime, überhaupt die ganzen Westfragen in ein formuliertes Programm Erbracht werden, dessen Erfüllung vom Gegner zu ordern ist, wenn Deutschland die Verträge rctti- zieren soll.

So kann die Entscheidung im Augenblick gar nicht endgültig fallen. Die Zeit ist daher für die Prüfung der Verträge selbst zu benutzen, die Ver­handlungen mit der anderen Seite in bezug auf

Wald im Oktober.

Von Anton Schnack.

Irgendwo wird, während du über deine Zeitung hinweg melancholisch durch die Scheibe eines Cafä- hauses in die zitternd flutende Straßennacht der Staot hinausschaust, der Mond aufgehen.

Ja, es ist jetzt die Zeit, wo der Mond voll und herrlich wird roie eine japanische gelbe Feuerkugel. Hier in der verbauten Stadt siehst du ihn ja nicht. Großmächtig sind hier die bleichen Reklamegiebel, aufgestellten Schlöte und die Fronten der Waren­häuser, aber draußen, weit draußen, irgendwo, wo du noch nie warst, steigt er über einer Fichten- schonung voll Felerlichkeit und Größe auf, über dem Dampf der ruhenden Erde mit seinem wunder­vollen Gold.

Dort wurde ich gerne sitzen auf einem ver­moosten Buchenstumpf, von dort würde ich hin­übersehen in die gewaltig rauschende Nacht.

Sieh hin, der du schon müde bist in deiner Jugend, das ist ein herrliches Gewölbe, das über dir sich verzieht, das über dir sich schweigend öffnet, wie es sich schon Millionen geöffnet hat. Aber du sitzt nicht lange in deiner Einsamkeit: Unter einem Stein hervor singt die Grille, die Grille deiner ein- (amen Herbstnächte in der Knabenzeit, wo sie im Herde fang, daß es dir Tränen einer unbekannten Trauer und Erschütterung in die Augen trieb.

Wäre ich doch aufgewachsen als Holzknecht! Wäre ich ausgewachsen in der kargen Hütte eines Forstwarts, ia einer Stube voll billigem Knaster, mit dem Geruch von feuchter modernder Walderde und einem rotkattunenen Bett am Fenster, vor dem ein alter Brunnen rauscht, immerfort, durch Nacht und Morgenkühle.

Schon als Knabe hätte ich mich über das mor- schende, wurmstichige Fensterholz gebeugt und hin­über in den Wald gehorcht, stundenlang zu allen heißen und guten Nächten. Ach, ich höre es, wie es herüberkommt in einem dunklen, schwermütigen Sausen, uferlos, zeitlos, auf- und abschwellend wie unterirdische Musik.

Wenn ich hantieren würde an der birkenen Holzbütte, an der Scheupuppe für den Krautacker,

den Westen und die Aktionen beim Völkerbund, die notwendig werden. Denn um mit dem letzteren zu beginnen, der für Deutschland so wesentliche Artikel 16 ist in einer Erklärung der vier Haupt- möchte ja interpretiert. Aber das ist für unsere Forderung z u wenig. Der Völkerbund muß das erklären, daß für Deutschland wegen seiner militärischen und geographischen Lage diese Aus- nähme vom Artikel 16 ausdrücklich gilt, die ganz allgemein in der Mächteerklärung bezeichnet ist. Diese wieder schließt sich im Worttaut genau an an Artikel 11, Absatz II des Genfer Protokolls, mit dem die solidarische Verpflichtung der Völter- bundsgenossen zu gegenseitiger Waffenhilfe scheu sehr stark ausgehöhlt war.

Der Völkerbund hat also das Deutschland gegen­über zu legalisieren, und er muß, wenn dieses auf der Bahn weitergehen sollte, ein zweites tun, näm­lich den Inoestigationsbeschluß (Militär­kontrolle) förmlich außer Straft setzen, der sich offensichttich mit demGeiste von Locarno" nicht verträgt.

Gleichfalls auf internationalem Wege ist weiter über die Kriegsschuldfrage zu sprechen. Wir harren noch sehr einer Aeußerung der deutschen Vertretung, wie sie diese in Locarno weiter geför­dert hat, und daß trotz des Abschlusses dort Deutsch- land der Weg zu weiterer internationaler Behand­lung und Austragung der Schuldfrage keinesfalls versperrt ist.

Nun die Verträge selbst! Da bleiben sehr erheb­liche Einwände, Bedenken und Unklarheiten. In Artikel 1 des Rheinpaktes die Fassung, die dem Sinn und Weg des Garantiepaktes widerspricht. Der Garantiepakt ist und darf nicht ein Pakt des Verzichtes auf Land und Leute fein, sondern soll nur fein ein Pakt des Verzichtes auf das Mittel zu kriegerischer Aenderung des jetzigen Status. Das ist eben eine ganz klare Unterscheidung, die durch die Fassung von Artikel 1 wieder ver­schoben wird. Mit diesem Artikel kommt der Ver­zicht auf Land und Leute doch wieder herein. Des­halb protestieren wir dagegen, verlangen wir, na- mentiid) im Hinblick auf die englische Auslegung, eine amtliche Festlegung des deutschen Stand­punktes. Wir verlangen weiter Klarheit, ob Ar­tikel 2 in Verbindung mit 16, 15 und 7 förmlich und tatsächlich dieisolierte Aktion" Frankreichs ausschließt. Wir verlangen ferner Klarheit über das Kündigungsrecht, das in Artikel 8 unklar und ohne sichere Garantie für eine erfolgreiche Kündigung Deutschlands ausgesprochen ift. Wir verlangen Klarheit in bezug auf die Präambel der östlichen Schiedsverträge, die doch in keiner Weise die Grenzsicheruna und Anerken­nung aussprechen sollten, und daher entweder selbstverständliche oder überflüssige und schädliche oder nichtselbstoeränderliche und dann gefährliche allgemeine Sätze der (Einleitung tragen. Wir drücken darauf um so mehr, als Frankreich zwar förm­lich auf feine Garantie der Ostverträge verzichtet hat, aber in besonderen Verträgen mit Polen und der Tschechoslowakei sich noch einmal ge­bunden hat, also von der Seite aus gesehen, diese garantiert. Ist eindeutig klar, daß die Fassung der französischen Ostverträge, die ja veröffentlicht sind, nicht dem Rheinpakt und dem West-Schiedsvertrag dem Geist und den Tatsachen nach widersprechen, daß also die Garantie Frankreichs nicht besonders eingefügt ist ober nur in der Weise, die sich mit den Pflichten Frankreichs aus dem Völkerbund und aus dem Rheinpakt verträgt? Wir verlangen schließ­lich Auskunft, wie man sich die Pflichten gegen die deutschen Minderheiten in den beiden Staaten denkt, an die bei einem so entscheidenden Vertragsabschluß doch auch gedacht werden mußte.

Man sieht also, daß eine ganze Reihe von Punkten der Klärung nach Inhalt und Auslegung bedürfen. Und wir bestätigen die Meinung der französischen Presse gern, die sagt, es werde wohl bis zur Ratifikationlebhafte Kontro­versen" geben. Die Freude in Paris und London über den Abschluß zeigt, daß man dort Grund hat, mit dem (Ergebnis zufrieden zu fein. Deutschland würde seine eigenen Interessen preisgeben, wenn es nicht sehr fragte, was denn Deutschland für Vor­teile aus dem ganzen Abschluß für sich hätte. Oder anders gewendet, worauf alles ankommt, ob die oft geforderte Gleichberechtigung in dem tief­sten Sinne, in dem wir sie fasten, durchgesetzt wurde und durchzusetzen ist. Davon, von allen diesen Punkten hängt es ab, ob der Vertrag überhaupt zu ratifizieren ist. Die Frage ist noch keineswegs bejaht, ob in Locarno wirklich, wie man sagt, der

ich würde alles stehen lasten. Immer horchen, hin­überhorchen, wo die unsichtbaren Wogen über den Wipfeln aufstehen, immer hineinhorchen in das ver­wegene Geheimnis.

Da sehe ich alles, den Zaun, der bis zum Weg voergeht, und der den wilden Blumenwuchs von Levkojen, Begonien und Monatsnelken umfriedet. Dann kommt der grasbewachsene Weg. Und mit dem Weg kommt der Wald.

Immer anders ist der Wald, zu jeder Tageszeit hat er ein anderes Gesicht, manchmal ist es das Gesicht eines versunkenen unerklärlichen Geheim­nisses, manchmal ist es voll von Jagd, Jubel und Hellem Lärm, bann ist es wieder stumm, ohne Laut und von einer furchtbaren Traurigkeit.

Ich liebe aber am meisten den Wald im Oktober. Da ist er voll einer unerklärlichen Demut und Sterbensnähe. Aus den Lichtungen steigt der vio­lette Nebel und das graue, langsame Feuer der Kohlenbrenner.

Da stünde ich dort, ein roter Dachshund läge zu meinen Füßen, und sähe zwischen die Stämme hindurch bis in die Tiefe, und ich wüßte nicht mehr, wo der Wald begänne und wo sein Ende fei.

Karin kommt vielleicht. Aber sie kommt nicht, denn bas Dorf liegt weit, in der Hügelmulde mit seinen vierzehn Häusern.

Da erinnerst du dich an die große Stadt, einen Tag weit von den Wäldern entfernt, wie sie dampft und raucht, wie die Scheiben blitzen von Odeuren, Leckereien und kostbaren Stoffen.

Du siehst, wie sie in den Bureaus sitzen mit den Augen auf Zahlen und vertrackte Briese gerichtet; wie sie mit den Linealen spielen und daraus war­ten, daß die Zeit in ihren muffigen, staubigen Stuben vergehen möge. Du aber bist im Wald, im Oktvderwald, der wie eine Feuersbrunst in den dünnen blauen Himmel hineinlvdert, und dein Ge­sicht ist frisch und deine Augen haben die Kraft und die Stärke eines Tierblicks.

Deine Tage wären ein Schweifen, ein Schweifen umher durch alle Dickichte und Lichtungen; den Kohlern würdest du schon am Morgen begegnen, wo noch nichts ist als Silberreif in den Wäldern, ein Dampf aus Nebeln und Kälte. Am Mittag säßest du vielleicht in der Hütte am Walde, wo

Grundstein des europäischen Friedens gelegt wor­den ist. Es hängt von Briand und Chamberlain, von der französischen und englischen Regierung in den Kämpfen der nächsten Wochen ab, ob Deutsch­land diesem Vertragswerk seine Zustimmung geoen kann. Bestenfalls kann Locarno nur ein A n - fang sein, aber sicherlich nicht der Abschluß, Die Casur und die Aera, als die man dort, etwas vorweg, die Konferenz gefeiert hat.

EW-Lsthrlugens Erwachen.

Genn man erwacht, so muß ein Schlaf coran* gegangen sein. In der Tat, Elsaß-Lothringen hat geschlafen und hat geträumt. Wie heute nach dem Erwachen in eine schreckensreiche Wirklichkeit das Land über feinen vergangenen Traum denkt, mochte ich mit einigen Sätzen derZukunft" belegen, der heute meistgelesenen Wochenschrift des ehe­maligen Reichslandes.

Im November 1918", so heißt es da,ist unser politischer Verstand einfach untergegangen im Meere heißen Freiheitsgefühls. Damals haben wir, d. h. das elsaß-lothringische Volk, vergessen, außer un­seren Gefühlen auch unsere Rechte zu bekunden. So schlimm war der Zusammenbruch unseres Der- ftanbes, daß die zwei, drei Mann, die da redeten von Dolksrechten, die auch unter der Trikolore nicht aufgegeben werden dürften, bestaunt wurden wie die weißen Raben, und nicht einmal ein mitleidiges Bedauern hörten, als sie von den Chauvinisten wie Freiwild gejagt wurden. An dem Fehler von Anno 18 krankt unser Volk. Wäre damals die Ver­nunft auch gebührend zu Worte gekommen, könnte Herr Painlevö heute auf der fertig gebauten elsässi­schen Brücke den Deutschen die Hand zur Versöh­nung reichen.

Das Reichsland hat geschlafen und geträumt, als es sich den Siegern bedingungslos überlieferte, ohne Minderheitenrechte anzu­melden. In dem Maße, in dem das Volk einig und zäh Autonomie im Rahmen des französischen Staates verlangt hätte, hätte es sie damals, als Wilson und Lloyd George das Selbstbestimmungs­recht wenigstens der befreundeten Völker wahr­machten, auch bekommen können. Das Reichsland hat nichts gefordert, weil ihm die französi­schen Propagandisten ein blauweißrotes Paradies voller unerfüllbarer Versprechungen vorgeschwindelt hatten, und es hat nichts bekommen, weil dieselben Propagandisten der französischen öffent­lichen Meinung hin wiederum ein Elsaß vorgemalt hatten, so leicht zu assimilieren, wie es in der Welt der Wirklichkeit nicht besteht. Auch für Frankreich wäre es besser gewesen, mit der Wirklichkeit zu rechnen, statt heute nach sieben Jahren am Grab einer Illusionen zu stehen. Die Reichslänber aber inb schwerer betroffen als Frankreich, denn wenn las Bild, das sich beide Teile voneinander machten, als trügerisch erkannt ist, so kann die Ehe nicht mehr angefochten werden, und in der Zwangsehe hat sich der schwächere Teil dem stärksten zu fügen.

Bis jetzt war nun Frankreich ohne Frage der stärkere Teil. Zwar mußte es bald bemerken, daß Im Reichsland ein Mißbehagen entstand, das von Jahr zu Jahr anwuchs. Die Einheimischen sahen sich in allen öffentlichen Einrichtungen um fünf­zig Jahre zurückgeworfen, sie sahen sich aus Tausenden von Aemtern der Landesverwalttmg verdrängt, die sie früher inne hatten, darunter allen wichtigen, sie sahen diese Landesverwaltung selbst sich auflösen in der furchtbaren Zentralisation und korrupten Bureaukratie des napoleonischen Staates, sie sahen ihr kirchliches und kulturelles Leben mit dem raschen und zielbewußten Untergang bedroht, ihre Heimatsprache geächtet, ihre Kinder der ver- werflichsten Schulmethode ausgeliefert, und sie sehen jeden Tag an allen Ecken und Enden Verfall, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen. Das Land kam aus einer tiefen Depression nicht hin­aus. Will man das Unglück des Landes kennen­lernen, so öffne man eine beliebige, nicht von den Franzosen bezahlte Zeitung des Landes. Als will­kürlich herausgegriffene Veranschaulichung stehe hier die Betrachtung der lothringischenVolks- ftimme" über die Reise des Ministerpräsidenten nach Elsaß-Lothringen, unter der Überschrift N a r r e n s p o s s e n":Wenn die Herren in Pa­ris ihren Besuch wahrheitsgemäß schildern würden, so würden sie sagen, daß außer den Behörden, den zum Empfang befohlenen Personen und den Inner- franzosen sich kein Mensch um sie ge- kümmert hat. Ja, man ist empört über das Auftreten, zumal des Dr. Bonnet, des neuen

sie dich wortlos zu Tische weisen und wo schweigend gegessen wird, ein paar gebratene Kartoffeln aus der Herdasche und ein Happen schwarzen Fleisches, dann würdest du zum Brunnen an der Hauswand gehen, trinken und dich wieder in den Wald schlagen, der schweigend ist wie ein schwermütiges Geheimnis.

Niemand kommt über deinen Weg. Niemand sieht dich zwischen den Stämmen stehen, wie du unablässig und lange über die Berghänge in das Tal, wo ein paar Hütten stehen, hinabschaust.

Es raschelt eine Schwarzamsel im roten B ichen- laube.

Wer Karin kommt nicht.

Du siehst wohl einen Rauch, einen blauen, ge­kräuselten Rauch aus einer Hütte steigen, das ijt Karins Hütte. Da wird sie nun stehen, über die Waschbütte gebeugt und ein linnenes Hemd zwischen den Händen reiben. Und du wartest, bis sie aus der Tür kommt mit einem Korb vor den Knien, und wie sie schwerfällig den vollen Korb naffer Wäsche in den Garten schleppt, um sie an die Leinen, die zwischen den Apfelbäumen ausgespannt sind, zu hängen.

Ünb da würdest du die hohlen Hände an den Mund setzen und wie ein Kuckuck rufen, einmal, zweimal, dreimal, da würde Karin stutzen, und du würdest sehen, wie sie den Kopf hebt und herab- schaut an den Rand des Waldes.

Nun hat sie dick; gesehen, und du hörtt schon deinen Namen durch die hohlen Hände rufen und ihre nackte weiße Hand fängt an zu winken und zu locken. Und eins, zwei, drei bist du den Hang hin­untergestürmt, über Felsblöcke, Gräben und Master hinweg, einmal stolperst du über einen Ast, den der Herbstwind in die Hangwiesen geschleudert hat, aber bann bist du bei ihr und Karin springt wie ein junges Tier an deinem Hals, um dich nicht mehr loszulasten ....

Aber da bittet dich ein Herr mit mürrischem Gesicht und herabhängendem Schnurrbart um die Zeitung, die deiner Hand entglitten ist und neben dir liegt, und du weißt nicht, was du sagst, und du siehst nur durch die Scheiben, wie ein gespenstiges Heer lautloser Gestalten im Bogenlicht die Straßen auf- und niederschreitest, während irgendwo der

Samstag, 24. ©höbet 1925

Landesvaters von Elsaß-Lothringen. Die frühere Regierung hatte auch ihre Schönfärber, aber so kraß haben ihre Manner das Bedürfnis, gelob= hudelt und geschmeichelt zu werden, doch nicht her- vorgekehrt. Das kommt davon, doß k*-nklc'.ch uns und wir Frankreich so uieie Jahre einander schon statt einmal ehrlich und offen

i.uleinanbcr zu reden.

In Colmar hat der Ministerpräsident angefangen mit der Bedrückung, die bas ßanb 50 Jahre hätte aushalten müsten. Es war aber keiner Mannes genug, um Herrn PainlevS ben Star zu stechen. Dieser brauchte sich übrigens aber nur umzu schau en, um zu merken, daß es mit der Bedrückung Schwin­del ist. Sieht so ein ßanb aus, wie unseres aus* sah, wenn es 50 Jahre bebrüeft war? Jedenfalls ist dieBefreiung" für uns etwas ganz anderes als für Herrn Painlevö. Wir werden befreit von unserer Muttersprache, während die Deutschen die französische Sprache in Friedenszeiten immer respektiert haben. Wir sind jetzt besrett von den Elsaß-Lothringern in den oberen Beamtenstellen, weil nicht Platz genug ist für die Kameraden aus dem Interieur. Wir werden befreit von dem Notrest christlicher Schulen, ben man uns gelassen hatte, und befreit von altem, heiligem Recht der Kirche, die unserem ßanbe Sitte unb Glauben ber Väter gegeben hat. Wir sinb befreit von sozialem Fort­schritt unb orbentlidjer Verwaltung unb kommen leben Tag weiter zurück."

Der Artikel schließt mit ben Worten:Franl- reidh hüte dich."

Frankreich regte sich anfänglich nicht aUyi sehr auf über dies Mißbehagen Elsaß-Lothrinaens. Uebrigens diese ßandesbezeichnung verschwindet jetzt aus der französischen Amtssprache, seit Die Re­gierung des ßanbes noch Paris verlegt worden ist. Es gibt nur noch drei roiebergefunbene Departements, bis so schnell wie möglich aus bas Niveau ber anderen 80 herunterzusinken haben. Auch sucht Frankreich die ßothringer unb bie El süsser auseinander zu manövrieren. Beide ©ruppen aber haben die Erfahrung machen müsten, daß ihre Schmerzen Frankreich wenig kümmern, so­lange Frankreich sich für den stärkeren Teil hält. Endlich, seit etwa einem Jahr, haben bie Elsaß ßothringer sich barauf besonnen, baß im Kamps um die Heimatrechte Die Kanonen nicht bas Ent­scheidende sind, und daß in der Richtung, in der sich auch die kleinsten und unbedeutendsten Natio­nalitäten im letzten halben Jahrhundert Beachtung erstritten haben, für sie bedeutende Erfolgsmöglich ketten vorliegen, wenn sie nur einig und opferbereit sind. Für die Einigkeit im Miß- behagen aber ist durch die französische Regierung ausreichend gesorgt. Die opferwilligen Führer end­lich, auf die es ankommt, haben sich im ßauf ber letzten Monate mehr unb mehr gefunden. Unb so wurde aus dem Mißbehagen ein Stampf.

Er begann, taktisch wie psychologisch auher- ordenllich geschickt, mit der Abwehr ber Herriotscheu Angriffe auf bie konfessionelle Schule. Der aller­letzte Hauptpunkt aber ist ber Sprachenkampf, denn bie Elsaß-Lothringer wissen nur zu gut, daß lebiglich mit bem Zugestänbnls der Zwei­sprachigkeit chres ßanbes ein bauember Friede mit Frankreich möglich ist.

Auf der Grundlage der durch fieiben beschaf­fenen Einigkeit ber Stimmung begann sich der An­fang einer wundervollen Einheitshandlung abxu= zeichnen. Die katholische Kirche unter Füh­rung ihres unbeugsamen Straßburger Bischofs Ruch begann die neue Tonart, bie einzige, bie bei den Franzosen etwas erreicht. Die evangelische Kirche folgte; bie Not hat beide Konfessionen zu brüberlichem Vorgehen angeleitet. Ein Plan des Widerstandes gegen die französischen Forderungen wurde bis zu den letzten Folgerungen,bis zum Aeußersten", wie man erklärt, entworfen. Bisher sind keinerlei Fehler in diesem Kampf vorgekom­men. Alles ist von hoher sittlicher Gesinnung ge­tragen und dadurch unangreifbar. Die Wortführer der Heimatbewegung sind über alle jene persön­lichen Anzweiflungen erhaben, denen die Heber» (äufer, die Peirotes, Weill, Oesinaer uiw. nur zu sehr unterliegen. Die Radikalen Des Landes, die mit der gegenwärtigen französischen Regierung ihre Parteigeschäfte zu machen gedenken, werden von der Volksstiminung im Stich gelassen. Von Dieben- Hofen bis Attkirch kann man gehen, unb überall weilen bie Männer, bie bem Volk den Puls zu fühlen verstehen, leuchtenben Auges hin auf bie neueZukunft, Unabhängige Wochenschrift zur Verteibigung ber elsaß-lothringischen Heimat- unb

Mond aufgeht, weit hinter den Wäldern und ver­schollenen Einöden, wo Karin lebt und durch ein kleines Äammerfenfter in eine lautlose schwarze Nacht schaut....

Frankfurter Theater.

3m Neuen Theater erlebte1t t d e I und die 36 Gerechten" seine Uraufführung. Hans Nehfisch, der Verfasser derErziehung durch Colibri" versteht sich auf Theater und Theater­wirksamkeit. Aus einem interessanten Stoff hat er eine noch interessantere Komödie zusammen­gebraut. Gut ist die Grundidee von dem Träumer und Vagabunden Kasper Nickel, einem großen Kinde mit noch größerem Drang nach Aben­teuern, der aus dunklem Tatendrange einbrechen geht, halb Dichter, hall» Halunke, der auf einmal ein Gerechter werden totlL 3m Verlause der Ko­mödie verliert der Stoff zwar etwas an Frisch«, aber in der Art, wie Nehfisch die Situationen bühnenwirksam gestaltet, bleibt es doch wirksam, wenn man erlebt, wie der gute Nickel sich für den Nachfolger eines verstorbenen Kommerzien­rats hält und nun an dessen Stelle als einer der 36 Gerechten leben toifi, um deren willen die Welt nicht untergehen darf. Köstlich sind bie Momente, in denen Nickel mit seinen Gehirn­konfusionen in größter Glaubhaftigkeit Abenteuer­romantik seiner Triebe mit Frömmigkeit seines neuen Wesens verquickt. 3st auch nicht alles in der reinen Sphäre der Kunst geblieben, so hat die Vühne doch ein amüsantes Stück ge­wonnen, das allerdings sehr gute und feinfühlig charakterisierende Darsteller braucht, damit es nicht stilistisch umkippt.

Otto Wallburg war der ideale Nickel: er war Künstler, der selbst das Possenhafte adelte und trotzdem einen überwältigenden Hetterkeits- erfolg erzielte. Helga Nielsen, Aloys Groß­mann, Maja S e r in g und TU or K 0 warzik stellten glaubhafte Gestalten auf die Vühne. Die Tege Heinz Goldbergs vom Ter iner £e fing» theater war nicht immer von einheitlicher Wir­kung und litt unter Temposchwierigleiten. Hans Nehfisch konnte persönlich für den starken Beifall danken, L. W,