Ausgabe 
24.9.1925
 
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Ur. 224 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (Seneral-Anzeiger für Gderheffen) Donnerstag, 24. September {925

daS

Tie

Pensionärfragen.

Bon Direktorin Dr. Matz, M. d. R.

unserer Kreise gestanden hätten, würden Sie ihn schon oft gesehen haben, denn es gibt kaum eine Ge- sellschast, bei der er nicht tätig ist. Er befehligt em Heer von Dienern mit der gleichen Ruhe und Um­sicht, mit der er als einziger in einem kleinen er­lesenen Kreise aufwartet. Sein Rat und seine Hilfe sind sowohl der Frau Neureich als dem Botschafter «rasen T. unentbehrlich. Er weiß, daß Herr N. nur französischen Rotwein, Frau v. Z. nur Sauer- brunnen trinkt. Beim Tischdecken am Vormittag rät er der Frau Arinisterialrat, nicht ihr neuestes Gewand anzuziehen, wenn sie sich nicht bei der Frau Minister unbeliebt machen wolle. Seine Vorschläge für die Tischordnung werden immer befolgt, denn er kennt genau die Cliquen, die man zusammen- und die man unbedingt auseinandersetzen muß. Er bringt das Kunststück fertig, bei einer Besuchsrund- fahrt mit einem jungen Ehepaar achtzig Besuche an einem Bormittag za erledigen."

Ich lachte:Wahrlich ein vielseitiger Mensch! - Mein Gegenüber blieb ernst.Sie haben doch den berühmten Rennrcitcr Rittmeister von M. gekannt? Er und Adolf Müller sind dieselbe Person." 3* fuhr aus. Sie wollen mich wohl zum besten haben?"Nein, ich scherze nicht. Es ist die all- tägliche Geschichte des verarmten Offiziers a. D. Im Kriege schwer verwundet, dienstunfähig, verab- schiedet, oerbittert. Eines Tages sieht man sich mit einer unzureichenden Pension, einer garten Frau und drei balberwachsenen Kindern der Notwendig- keit gegenüber, sich einen Nebenerwerb suchen zu müssen. Bei Herrn von M. der übliche Leidensweg: Dettretungen von Likör- und Zigarrenfabriken, Zimmervermieten, Heimarbeit der Frau. Er viel Ju vornehm für das erste, sie zu schwach für das letzte Tie Kinder wachsen heran, möchten in einen Beruf hinein. Ter älteste Sohn will Iura studieren, der zweite, em Musiker von Gottes Gnaden, ist in keinem anderen Beruf denkbar. Woher die Mittel

deutsch-österreichischen Handelsvertrag seinerzeit oer- tretenc, daß politische Freundschaft und Handels- beziehungen sich fremd zu bleiben hätten, ift durch die fortschreitende Verkettung politischer und wirt­schaftlicher Bande entkräftet.

Die Schranken für eine handelnde, d. h. zum Handeln entschlossene deutsche Staatskunst sind in der heute noch so zerrisienen Welt übcdieigbarer, als der Zaghafte meint. Hat man Deutschland mit den schlechtesten Mitteln zu degradieren gesucht, so nehme es sich homöopathisch daraus das Beste und suche seinen Platz einstweilen an der Seite der kleineren Völker, gegen die morgen schon Willkür der Großen sich wenden kann nicht als ein von sich gering Denkender, sondern als ein Führer und zur Führerschaft und Wegweisung bleibend Berufener.

noch immer nicht gelöst. Eine Denkschrift des Reichs- sinanzmimsters zur Ältpensionärftage vom Februar d. I. stellt sich auf einen ablehnenden Standpunkt, ogar zu der abgcmilbcrten Form der Forderung, für den Fall, dah die nach dem Pensionsergänzungs- gcsetz zuständige Pension geringer ist, als die, welche dem Beamten vor dem Inkrafttreten des Reichs- besoldungSgesetzes vom 30. April 1920 gewährt worden ist, die letzte Pensum an Stelle der ersten zu bewilligen. Tic Gcgengründe der Tenkschrist sind wenig einleuchtend, und die Frage wird nicht ruhen.

Eine weitere Benachteiligung eines ziemlich großen Krciics der Pensionäre bedeutet die Regelung des Wohnungsgeldcs. Bekannttich erhalten alle Pen- sionärc daS Wohnungsgeld der CrtMlaiie B. Mit der Neuordnung des WohnungSgeldzusv.iusses im Herbst 1924 ist Klasse E in Fortfall gekommen und eine Sonderklasse aufgesetzt worden, so daß Klasse B au5 der 2. in die 3. Gruppe gerückt und die Mittel­klasse geworden ist, die den Turchschnittsbettag der Ortsklassen nicht erreicht. Besonders schwer geschädigt sind die Pensionäre der Ortsklasse A und der Sonder- klasse, die heute unter den schwierigen Wohnungs- verhältnissen nicht in eine kleine Stadt ziehen und ihre Wohnung in der Großstadt trotz deS geringeren Wohnungsgeldes behalten müssen. Anträge ver­schiedener Parteien auf Gewährung deS vollen WohnungsgcldeS der Klasse A Haden bisher keinen Erfolg gehabt. _

Von besonderer Bedeutung für die Pensionäre ist endlich die Ausgestaltung deS Frauenzu- schlages zu einem Haushaltungszuschlag. In zahlreichen Füllen wird einem verwitweten Pensionär von einer älteren Tochter, die oftmals dafür ihren Berus hat aufgeben müssen, oder durch eine zur Pflege angenommene Persönlichkeit der Hausstand geführt, ohne daß der Frauenzuschlag nach dem Gesetz gewährt werden kann, obwohl der verwitwete Pensionär dadurch gegenüber dem verheirateten be- sondere Aufwendungen zu machen hat. Eine ent­sprechende Ausweitung deS Frauenzuschlags zur Hausstandszulage ist dringend geboten.

Auch die Frage der Versorgung der hinter- blicbencn alten Töchter der Pensionäre, bte ihre Eltern bis zum Tode gepflegt haben und nun­mehr vielfach keinen Beruf und keine Erwrebs- möglichkcit finden können, harrt noch der Erledigung.

So gilt auch für die Pensionäre und Beamten- Witwen gegenüber dem Erreichten ein Goethewott, das heute die gesamte Lage Deutschlands kennzeich­net:Das Wenige verschwindet leicht dem Blick, der vorwättS sieht, wie viel noch Übrig bleibt."

Der Lohndiener.

Von Else Ebel, Stettin.

ES war eine jener gesellschaftlichen Veranstaltungen, von denen niemand weiß, weshalb sie gegeben werden - es sei denn der Koch, der die Speisen oder der Weinhändler, der die Getränke liefert. Nach dem Essen verteilten sich die Gaste in den prunkvollen Räumen des Gastgebers. Ich war ziemlich ftemb in dem Kreise, da ich mich em Trauer- fahr hindurch von aller Geselligkeit ferngehalten hatte, und freute mich daher, den Sohn lieber ,yrcunbe, einen jungen Gutsbesitzer, zu treffen, ben ich lange nicht gesehen hatte. Ww setzten uns m em Plauder- eckchen, und ich ließ mir von seinem Ergehen und seinen guten Aussichten für die Zukunft erzählen.

Ein Lohndiener trat an unseren Tisch und bot auf einem Silbertellor Likör an. Ich dankte, und mein junger Freund winkte, wie mir schien mit einer gewissen Verlegenheit, ab. Ich folgte dem Manne wohlgefällig mit den Augen, wie er sicher, mit anmutigen, fast etwas lässigen Bewegungen von einer Gruppe der Gäste iur anderen schritt. Irgend etwas in dem scharsgeschnittenen, nur ein wenig müden Gesicht zog mich an, aber es lag etwas darin, daS mich quälte wie ein falscher Rhythmus. Waren es die angegrauten Battkoteletten, die so merkwürdig zu den kühnen Augen standen? War eS der vielleicht falsche Scheitel übet der prachtvoll gewölbten Stirn?Schauen Sie," sagte ich zu meinem Gefähttev,bet Mann hat ein Schicksal." Er nickte.Was für einen guten Blick Sie haben!" ,Sennen Sie ibn denn?"Cb ich ihn kenne?

_ Ich weiß, Sie ehren die Tapferen und den Opfetwillen, in welchem Gewände sie Ihnen euch entgegentreten. Ick will Ihnen ferne Geschichte erzählen. 0 ener Müllet ist ein Meister in feinem Fach. Denn Sie nicht so lange außerhalb

bringen.

Eine schwache Hoffnung winkt. Es gelingt dem Vater, kleine witzige Plaudereien, beißende Satiren, Augenbücksbilder aus der Gesellschaft bei einigen Tageszeitungen anzubringen und damit eine be- scheidene Erwerbsmöglichkeit aufzutun. Aber eS ist wenig. Zudem mangelt es ihm bald an Stoff für diese besondere Art der Schriftstellerei. Die Gesell­schaft von heute ist eine andere als die, in der er sich vor dem Kriege bewegt hat. Sie aus eigener Anschauung kennen zu lernen, dazu fehlt die Ge­legenheit. Ein Zufall verschafft sie ihm.

Das Mädchenzimmer seiner Wohnung hat et einem früheren Burschen überlassen gegen eine geringe Miete und etwas Hllfeleistung im Haus­halt: Kohlentragen, Stiefelputzer: usw. Er ist Lohn­diener von Beruf und hat ein gutes Auskommen. Plötzlich wird er nach Hause abberufen, um die Gastwirtschaft eines jäh verstorbenen Bruders zu übernehmen. Der Lohndiener Meister verschwindet, unb Adolf Müller tritt an seine Stelle. Die näheren Umstände entziehen sich meiner Kennt­nis. Tie Spuren deS Kampfes können Sie auf seinem Gesicht sehen, mehr noch auf dem seiner Frau, wenn dar Schicksal Sie einmal mit dieser armen Dulderin zusammenführen sollte. Niemand hat Herrn von M. bisher in der Maske deS Lohn­dieners erkannt. Die Battkoteletten und die eigen­artige Scheitelperücke entstellen ihn bis zur Unkennt­lichkeit." -

Zum Preisabbau.

Der Mittelrheinische Fabrikantenverein hat auf einer in Mainz adgehaltenen Tagung die nach steh»nde Entschließung angenommen:

Der Mittelrheinische Fabrikantenoerein billigt die Maßnahmen der Reichsregierung betreftend die sogenannte Preissenkung als ein Zeichen ber Abkehr von ber bisherigen Politik ber Zwangswirt­schaft unb staatlichen Seoormunbung. Mtt ber Reichsregierung ist Der Verein ber Ansicht, bah nur auf dem Loben ber freien Wirtschaft bte Mißstände, die sich vorzugsweise gerade infolge der früheren Zu angsmahnahmen entwickelt haben, Aum Der- schwinden gebracht werden können. Was die Maß- nahm-'n des Staates betriff, so billigt der Verein ein Vorgehen gegen die Auswüchse tm Verbands wesen, wobei Industrie, Handel unb Hanbwerk gleichzeitig in Betracht gezogen werben müssen-, ebenso billigt er bie in Aussicht gestellten Schritte zur Sicherung bes freien Wettbewerbes bei öffent lichen Gelbem, baß diese burch Reichsbank unb Privatbanken unmittelbar der Wirtschaft Angeführt werben. Diele Maßnahmen sinb aber durchaus un­vollständig, solange nicht auch bie Zwangswirtschaft auf bem Gebiete bes Arbeitsmarktes beseitigt unb demgemäß bie Verorbnungen über Tarifverträge unb Schlichtungswesen aufgehoben werben. Des weiteren sinb die notwirischastlichen Verordnungen über Preistreiberei unb Kettenhandel als über­flüssig unb ftörenb aufzuheben, bie Sozialbelastung ber Industrie ist mit ihrer Leistungsfähigkeit in Einklang zu bringen unb ber Gesamtavparat ber öffentlichen Verwaltung ist nach ben Grundsätzen äußerster Sparsamkeit zu gestalten. Auch die Tarif- Politik ber Eiesndahnen unb ber Post muß sich mehr wie bisher ber Wirtschaftslage anpassen. Was die Maßnahmen ber Wirtschaft betrifft, so wäre es falsch, von ihr am 1. Oktober b. I. wegen ber Herabsetzung ber Umsatzsteuer um i Prozent sofort eine automatische Senkung aller Preise zu erwarten;

Revision erfolgen sollte.

Gleiches gilt von der Ausfuhr von Schweine- fleisck', dessen Qualität zwar gut sei (die Grundlage der Schweinezucht bildet ein von den Portugiesen vor Iahrhundetten aus China eingeführtes und nun bodenständig gewordenes, stark behaartes Tier, der sog. Kolbrock-Typ), aber dem Züchter nur ganz geringen Nutzen bringe, wenn er auf Ausfuhr an­gewiesen sei.

Jeder praktische Landwirt weiß nun, daß das Vieh ein Produkt der Scholle ist. Je weniger diese hergibt an Nahrung, desto Schlechter die Qualität be» Fleische» unb desto größer bie Anfälligkeit ber Tiere beiSeuchen. Anstatt vorbeugend durch Weideverbcsserung und Anbau von Kraftsutter vorzugehen, kämpfen die Institute für tierärztliche Forschung unter Auf- Wendung ganz ungeheurer Geldsummen (wieviel mehr leistete daS Institut GamannS in Südwest verhältnismäßig, als z. B. da» Institut in Onderste Po ort, bei Pretoria!) gegen bie Seuchen selbst. Würbe hier gespart unb vom Fiskus ber Eisenbahn die Ersparnis überwiesen, um die Tarife für Stick­stoffdünger zu ermäßigen, der gerade südafrikanischen Böden so nötig ist, dann würde die Viehzucht ungleich besser in Wettbewerb treten können.

Neuerdings hofft man durch ben Aufbau eigener Jnbustrien den Markt für landwirtschaftliche Erzeug nisse zu vergrößern. Dann würde die Wirtschaft wohl gesunden können, und ebenso würde die Eisenbahn wirtschaftlicher zu arbeiten in der Lage sein. Wenn man nun au» politischen Gründen deutsche Landwitte ins Land ziehen möchte, so müssen wir sagen: lieber- lege sich jeder, der etwa nach der Südafrikani­schen Union auSwandern möchte, daß viele Jahre vergehen müssen, bevor er Aussicht hat, sein Leben so zu gestalten, wie er eS ver­langen muß als Deutscher. Vor allem müßte die Regierung hinsichtlich Massenansiedlung Deutscher hinsichtlich der deutschen Schule und ber Gleich­berechtigung der deutschen Sprache ganz andere Zn geständnisse machen, als eS selbst seitens der Regie­rung Hertzog geschieht.

... Pensionäre teilen mit den Rentnern Schicksal von Menschen, die auS dem Kreis des Er­werbslebens ausgeschiedeii sind und in dem wirbeln- den Strom der Ereignisse in ihrer stillen Zurück- gezogenheit immer in Gefahr geraten, vergelten zu werden, obwohl die Volksgemeinschaft der noch Arbeitsfähigen gerade diesen Veteranen der Arbeit gegenüber besondere Verpflichtungen hat. Erfreulicherweise sind aber in ben Fragen der Pensionäre unb Beamtenwitwen in den letzten Monaten Fortschritte zu verzeichnen. Zwar haben auch sie unter den AuswettungSgesetzen dadurch zu leiden, daß ihr erfpattes kleines Kapital, dessen Zinsen einen erwünschten Zuschuß zu der oft unzu­reichenden Pension darstellen sollten, einengnur ganz geringen ober gar keinen Zinsenertrag ab wirft; andererseits sind aber durch das Gesetz über die Veränderung der Personal-Abbauverordnung gerade für Pensionäre und Beamtenwitwen wesentliche Besserungen erreicht worden, die vom Reichsver- band der Ruhestandsbeamten und Hinterbliebenen schon seit Jahren immer erneut und bisher immer erfolglos erstrebt waren. Einmal sind die Bestim­mungen über daS Ruhen bzw. der Kürzung der Pension bei Bezug von Privateinkommen ober Arbeitseinkommen gefallen. Diese PensionS« kürzung, bie vom Reichstag seinerzeit ausdrücklich abgelehnt, dann aber auf Grund de» Ermächtigungs­gesetzes von der Regierung in die Personal-Abbau- verordnung einbezogen war, bedeutete einen schweren Eingriff in ein wohl erworbenes Recht des Pensio- närs, da die Anwaltschaft auf ein ungekürztes Ruhegehalt einen Teil deS Entgelts für seine Tätigkeit bildete und das Gehalt des aktiven Beamten um dieses Pensionsanspruchs willen entsprechend niedriger war. Durch weite Kreise der Pensionäre wird mit bem Fallen dieser Bestimmungen ein Aufatmen gehen, Weil nunmehr keiner mehr daran gehindert wird, sich unter Ausnutzung der verbliebenen Arbeitskräfte eine Nebenbeschäftigung zu suchen, deren Erttag nunmehr restlos ihm selbst und nicht dem Staate

Deutsche Führermission.

# Don Dr. Siegfried Brose.

Nachfolgenden Attikel geben wir als inter« * effanten Beitrag zur Diskussion unserer " außenpolitischen Orientierung, ohne uns mit r feinem Inhalt zu identifizieren. D. Red. Es ist immer noch eine politische Professoren­frage, ob Deutschland sich nach W e st e n 0 der Osten orientieren solle. Verbreitert hat sich allerdings die richtige Erkenntnis, die auch Außen Minister Stresemann in seiner letzten Paktrede vor Dem Reichstag aussprach, daß die Zett zu einer folchen Wahl nicht schon gekommen, daß Deutsch- land noch nicht vollauf Herr seiner Entsendungen tfL Aus diesem Grunde hinkt auch die Parallele Mit der Zeil vor einem Menschenalter, als das Deutsche Reich den Anschluß an England oder Ruß­land verpaßte.

Gleichwohl liegt denDrienticrungs ermagungen ein triftiger Gedanke zugrunde. Je mehr Deutsch. lanb danach strebt, für die Vertretung einer De- lange Raum zu gewinnen, desto unfruchtbarer oder unballbarer muß der reine Einsamkettsstandpunkt »erben Tritt es in Ermangelung einer bestimmten Richtschnur in ben Völkerbund em, so werden bic deutschen Vertreter, ohne Anhang und mit ber Gegnerschaft gewißer Mächte von vornherein rechnen müssend, es doppelt schwer haben, Mehrheiten sich zu verschaffen. Run steht gewiß aus dem Ententelager England den deutschen yestlandansprüchen an sich wohlwollend gegenüber, aber abgesehen davon, daß es bie deutschen St 0 Io­nia l f 0 r b e r u n g e n minder gönnerhaft be­frachtet, und seinerseits durch koloniale Interessen- Gemeinschaft mit Frankreich n g ver­knüpft bleibt bei einer Anlehnung an England würde in der derzeitigen Machllage das Deutsche Reich viel fester in das angelsächsische Schlepptau ge­raten, als es einst seine Staatsmänner befürchteten. Wir mühten uns bann für Interessen bes britischen Weltreiches exponieren, bie nicht bie unseren sind, Rußlanb aber, bas ohnehin kopfscheu geworben.

vollenbs aufbringen.

Deutschland hat Freundschaft vor allem da zu suchen, wo es Führer fein unb einen Hochstgrad moralischer Unterstützung für seine Belange burch ein Minbestmaß von Blohgade in fremben 3n er- essenreibungen erreichen kann. Ihre wilttarische Schwäche gegen bie Großen macht sie empfänglich für bie Verfechtung eines Rechtsfriedens, per auf ehrliche Achtung aller berechtigten Ansprüche sich gründen muß. Gewisse Vorurteile der Neutralen vor und in bem Krieg sinb ja hinfällig geworben, feitbem einentmilitarisiertes' Deutschland von einer Welt in Waffen eingeengt bleibt. Natürlich dürfen sie nicht bas Gefühl einseitiger Ausnützung Haden. .

Man roenbe nicht ein, baß bie Kleinen auch am Verhandlungstisch nicht gegen die Großen aus- kommen könnten ober es überhaupt nicht riskieren würden, sich ihre Ungnade zuzuziehen. Alles haben sie sich schon im Weltkriege nicht gefallen lassen. Es fehlt ihnen nur eine feste Größe, um bie sie sich kristallisieren möchten. Anbererseits haben sich burch griebensDcrträge unb Genfer Organisation in der europäischen Schichtung bedeutsame Wandlungen vollzogen. Der Areopag der Großmächte hat durch Rußlands Ausschluß unb Deutschlands Mißhanblung sich sehr verschmälert; durch die Neuschöpfungen wuchs demgegenüber die Zahl ber kleineren unb mittleren Staaten erheblich an. Das Europa von heute verhält sich zu bem von vorgestern wie Deutsch, land vor 1866 zu bem späteren. In ber Volker- bunbsDerfammlung ist überbies anders wie seiner- zeit im Deutschen Bundestag bie Stimmen- glei chheit durchgeführt. Gewisse ,,0 r a ktio- nen" haben sich freilich auch dort schon gebildet: die französische mit den östlichen Trabanten, die großbritische. Dazwischen mußte eine deutsche treten, die außer Oesterreich die Nord- unb Nordoststaaten, bie bulgarische und ungarische Stimme von Fall zu Fall in sich begreifen konnte. Auch Italien würde wohl leicht dahin neigen. Eine solche Position müßte auf ben Völkerbundsrat zu- rückwirken. Denn die wechselnden Ratsmitglieder werden ja von ber Bundesversammlung gewählt.

Daß auch außerhalb des Genfer Bodens eine solche Einstellung Deutschlands, die späterem bestimmten Verhältnis zu den anderen Großmächten nicht vorgreift, Auswirkungen übte, versteht sich. Besonders gilt dies für Amerika. Allgemein ge- Wonnen Gewicht und Ansehen Deutschlands m ber Dölkerwelt, ohne ber Abgunst die Handhabe zu bieten, über hinterhältige deutsche Manöver zu schmälen. Jede Anschuldigung träfe die befreundeten kleineren Staaten mit, bie man nicht vollenbs ins deutsche Lager würbe treiben mögen. Wirtschaft- lieh ersprießliche Folgen wären gleichfalls zu er­hoffen. Eine Auffassung wie bie von Bismarck zum

zugute kommt.

Eine weitere Besserung bedeuten bie Besinn- mungen über dienachgeheirateten Frauen", nach welchen der Witwe und den Kindern eines Pensionärs aus einer Ehe, die erst nach der Ver­setzung in den Ruhestand geschlossen ist, Witwen- und Waisengeld in den Grenzen der gesetzlichen Hinterbliebenenversorgung gewährt werden kann. Damit hött endlich ein altes Unrecht auf, baS manchen Ruhestanbsbeamten, bet nach seiner Pensionierung noch eine Ehe eingegangen war, mit Sorge um bie Zukunft seiner Frau erfüllt hat. Erfreulich ist bie Tatsache, baß bie Gewährung bieser Witwen- unb Waisenrente nicht an ben Nachweis irgenbeiner Bebürftigkeit gebunben ist. Zu erstreben Bleibt bie Umwandlung derKann"- in eineMußvorschrift".

Auch die Möglichkeit der Bewilligung einer Witwen-Beihilfe an bie ohne ihre Schuld ge­schiedene frühere Ehefrau eines verstorbenen Nuhegehaltsempsängers wird in den beteiligten Kreisen dankbar begrüßt werden. Für die Beamten- Witwen bedeutet eine weitere Möglichkeit, daß das Witwengeld im Falle der Wiederverheiratung nur ruht unb roicber aufleben kann, wenn ber zweite Ehemann innerhalb von 10 Jahren stirbt, eine wesentliche Sicherung und Beruhigung, die mancher Beamtenwttwe ben Entschluß, eine neue Ehe, etwa mit einem Angehörigen freier Berufe, einzugehen, erleichtern wirb. Auch hier erscheint statt berKann"- bieMuß"vorschrift notwendig.

Wenn auch die gesamten Verbesserungen an- zuerkennen sind, bleibt doch noch genug zu wünschen.

Einmal ist die Frage der Aufrücke st eilen der Pensionäre, die seit Jahren die beteiligten Kreise in Unruhe versetzt unb für die Geschädigten m bem Zurückbleiben um 1 bis 2 Gehaltsklassen hinter bem tatsächlichen Anspruch ein schweres Unrecht darstellt,

Zur Lage der Zarmwirtschast in Südafrika.

Von HanS Berthold.

Als der ehemalige Gouverneur von Deutsch-Süd- westafrika, Herr von Schuckniann, einmal tm Gouvernementsrate über die Wirtschaftsziele der Farmwittschaft sprach, sagte er:Meine Herren! ©treben Sie schon jetzt durch Zuchtverbesserung und, wo es möglich ist, durch Gewährung von Zufutter in der winterlichen Trockenzeit auf schnellere Schlacht- reife Ihrer Tiere und bessere Fleischqualität. Nur auf Massenproduktion sich einzustellen kann zu Krisen führen, die schwer zu überwinden sein iverden!" Aehnlich wie d-'ser Landwirt drückte sich lange vorher einmal der Soldat Leutwein aus, als er eine Farmer- abordnung empfing:Riesensarmen nützen weder Ihnen, noch dem Lande. Mit Betrieben, die Sie übersehen können, kommen Sie selbst und daS Land letzten Endes weiter!"

In Südafrika hat man anders gehandelt. Und nun erkennt man zu spät die wirtschaftlichen Folgen einer planlosen Siedlung, der eine noch plan­losere, nur aufShow", aufSchein" eingestellte Eisenbahnbaupolitik folgte, bie in keinem Verhältnis zu der Entwicklung ber Wirtschaft steht.

Gewiß haben einzelne Zweige ber Lanbwirtjchaft in Sübafrila Fortschritte gemacht. Aber unter Auf­bietung gewaltiger Mittel, bie, well Praktiker nicht zu Wotte tarnen, ober wenigstens nicht Praktiker mit Rückgrat, in keinem Verhältnisse zum Erfolge stehen.

Die Sübasrikanische Union hat einen Bestaub von ungefähr zehn Millionen Rinbern. Davon werben 10 v. H. alljährlich geschlachtet. Die Hälfte etwa wirb im Lanbe selbst abgesetzt, ber Rest wird zu genügen Preisen ausgeführt. Aber bie Qualität ist so minder­wertig, daß eher mit einer Verminderung, als einer Vermehrung ber Fleischausfuhr gerechnet werben muß. Rechnet man in Argentinien auf 1 Rmb 1 ha Weibe im Jahre, so muß man in Sübafrtta 820 ha auf ein Rinb rechnen. Besorgen 2 Mann 1000 Rinber in Argentinien, so sinb bazu in Süb- afrika 6-14 Eingeborene als Hirten nötig. Unb obwohl Argentinien keine Kohlen besitzt, arbeiten bie argentinischen Eisenbahnen ganz bebeutenb billiger als die südafrikanischen. Wie kann da Süd­

aftika in Wettbewerb treten mit einem Lande, das drei Fünftel des Deltbedarses an Fleisch deckt? In bezug auf Schweinezucht unb Geflügel hat Südafrika allerdings erreicht, daß eS aus einem einführenden zu einem ausführenden Lande wurde. Nock vor zwanzig Jahren schrieb ein ehemaliger deutscher Offizier, der in Amerika sich mit Geflügel­zucht im Großen beschäftigt batte (ein Invalide von 1870), Südafrika könne leinen Bedarf an Eiern selbst decken. In der letzten Nummer des amtlichen Journal of the Department of Agriculture" wird nun berichtet, daß die Eierausfuhr von 1927 Kisten im Jahre 1914 auf 76281 Kisten im Jahre 1024 gestiegen sei, float aber über die geringen Erlöse, infolge unerhört hoher Eisenbahn- unb SchissStarise, bie zu Rückschlägen führen müßten, wenn keine

Unb das Opfer ist nicht umsonst gewesen?" Gottseidank nein. Wie ich Ihnen schon sagte, er ist sehr gesucht und wird dementsvrechend bezahlt, unb---Kennen Sie ben Schriftsteller- Ernst

Lacher?"Aber natürlich, Sie meinen boch ben, ber die köstlichen Satiren auf unsere neuen Reichen, die politischen Emporkömmlinge, diese ganze herauf- gestiegene Gesellschaft schreibt'-' Aber warum fragen Sie? Sollte er etwa---?"Jawohl, es ist

unser Freund Adolf Müller oder Herr von M., wie Sie wollen. Schauen Sie, wie er eben mit un­durchdringlicher Miene im Herrenzimmer Zigarren anbietet! Ich bin sicher, er hött jedes Wott, daS der Ministerialrat N. mit dem großmächtigen Bank­direktor B. spricht und übermorgen können Sie eine geistreiche Plauderei von ihm in irgendeiner großen Berliner Zeitung lesen."Welch ein Mensch! Können seine Kinder ihm je vergelten, was er für sie tut?"

Sie hängen mit abgöttischer Liebe an ihm und arbeiten nun auch ihrerseits über die Kraft, um so­bald wie möglich das Ziel zu erreichen, d. b. eine Stellung zu erringen, die ihrem Vater erlaubt, sein Sklavenleben, wie sie eS nennen, aufzuyeben. Bald ist es so weit. Ter älteste Sohn steht dicht vor dem Assessorexamen, der zweite tritt in diesen Tagen eine Stelle als Konzertmeister in einem unserer großen Orchester an. Tie Tochter, die bisher nur im Haushalt tätig war, da sie ihrer kranken Mutter wegen keinen Beruf ergreifen konnte, ist ebenfalls versorgt. Ich denke, daß auch sie einer freundlichen, sorgenlosen Zukunft entgegengebt." -

Sie wissen ja sehr genau Bescheid, lieber Freund. Woher haben Sie eigentlich diese Kenntnis?" Mit strahlendem Lächeln antwortete mir mein Gefährte: Ter .Lohndiener Adolf Müller' ist mein hoch­verehrter Schwiegervater; seit gestern ist seine Tochter meine inniggeliebte Braut."

n Sie ihn zum Studium der beiden nehmen? DaS Ver­nünftigste Wäre, bie Jungen gäben biese Wünsche auf unb lernten irgenb etwas, woburch sie so schnell wie möglich zu Lohn unb Brot kämen. Aber bas bringt der Vater ebensowenig übers Herz, wie seiner Tochter eine Stellung als Haustochter bei Fremden zu verschaffen. Tas edle Blut in ihm bäumt sich dagegen auf. Wenn er schon verzichtet--seine

Kinder sollen den stolzen Namen wieder zu Ehren