Ausgabe 
24.8.1925
 
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Ut. 197 »weites Statt

Siegener Anzeiger iSenerai-Anzeiger für Gderhejseu)

Kloniüj, 2-t. August 1925

Etsäfsischer Dolkswille.

Don Professor Kapp.

Der elsässische Wille zur Selbstbehauptung hat von Anfang an den Franzosen zu schassen ge- «nacht. Es paßte Frankreich gar nichl recht in das Bild, das es sich vom Elsaß gemacht, daß dort die Stimmen immer lauter wurden, die erklärten: Wir wollen Elsässer bleiben auch nachdem wir wieder Franzosen geworden sind. Dieses immer stärker sich zur Geltung bringende Elsässer- t u m störte die französische Regierung in ihrem Vorhaben, dem l!anb möglichst rasch seinen ur­sprünglichen Charakter zu nehmen, Volkstum und Sprache verschwinden zu lassen, so daß bald nichts mehr an deutschen Volksboden erinnere. Zwar konnte in der ersten Zeit der elsässische Lebens- und Selbstbehouptungswillc sich dem Franzosentum gegenüber nicht in einigermaßen eindrucksvoller Gc- schlossenheit zum Ausdruck bringen. In weiten Kreisen hat die naive Sicherheit, mit der das Fran- zosentum den Elsässern gegenübertrat und ihnen auf den Kopf zusagte: sie seien stets im Herzen französisch gewesen, hätten nie anders als sranzö- sisch gefühlt, seine Wirkung nicht verfehlt. Man war der französischen Suggestion erlegen und bil­dete sich vielfach ernsthaft ein, die deutsche Herr­schaft wäre unerträglich gewesen. Diejenigen, die an­ders dachten, hatten kein Mundstück in der Oessent- lichkeit. Es fehlte an der ausdrucksfähigen Schicht, die die Stimmen der Auflehnung, des Protestes weitergab.

Das hat sich nun aber doch wesentlich geändert. Man hat sich im Elsaß wieder zu sich s e l bst zurückgesunden, die Nebel verfliegen, in die man sich länger als gut war, einhüllen ließ, die Deklamationen der Franzosen verlieren ihre sugge­stive Kraft. Schon muß auch die Presse, die die willsöhrige Bourgeoisie der französischen Regierung zur Verfügung stellte, um der breiten Masse in Stadt und Land den sranzösischen Patriotismus nahezubringen, der Stimmung der Ovposition Rechnung tragen. Sonst fände diese Presse kaum noch Leser. Was aber vor allem ein bedeutsamer Fortschritt ist, ist der jetzt immer sichtbarer in Er- fdicinung tretende fefte Wille, der Stimme des elsäs­sischen Volkstums gegenüber dem Franzosentum in der Oesfentlichkeit mannhaften Ausdruck zu geben. Es ist ein neues elsässisches Organ ins Leben ge­tretenDie Zukunft", Unabhängige Wochen- fchrift zur Verteidigung der elsaß-lothringischen Hei­mat und Dolksrechte. Man hat im Elsaß schon lange gemerkt, daß man sich in der Welt um alle ver­gewaltigten Minderheiten kümmert, nur nicht um das elsaß-lothringische Volk, das systematisch von Frankreichs Schul- und Sprachenpolitik entnationali» fiert werden soll. Die Elsässer und die Lothringer deutschen Stammes und deutscher Sprache zählten in der Weltmeinung nicht, denn man hörte nichts von ihnen, sie haben in den verflossenen sechs oder sieben Jahren nie laut vor aller Welt sich zu dem deutschen Volkstum bekannt. Das soll nun anders werden. Die Welt soll wissen, daß auch Frank­reich eine Minderheit hat, die genau so wie die Deutschen in Südtirol, in Tschechien, in Ru­mänien, in Polen Schutz unbOarantien für i h r Volkstum, ihre Sprache begehrt:Wir glauben, bie Zeit ist gekommen, wo wir uns zur Wehr setzen müssen, wenn wir nicht bie größte Sünbe begehen wollen, bie ein Volk an feinem von bem Vätern ererbten Gute begehen kann. Frei unb ohne Menschenfurcht müssen wir es sagen: Wir sinb eine Minderheit in Frankreich unb wollen als solche nachbenGrunbsätzen bes Rechts b e b a n b e 11 werden, um im französischen Staate a l s vollberechtigte Burgerleben zu können." (Zukunft Nr. 10.) Daß eine französische Regierung unb ihre Vertreter im Lande solche töne nicht gerne Horen, kann man sich denken. Frankreich brauche, wie Pros. A u 1 a r d nach derZukunst" sich imDuo- tibien" äußerte, wegen des immer mehr um sich grei- senden Minderheilsgedankens nicht in Unruhe zu kommen, denn es befände sich in der glücklichen Lage, auf feinem europäischen Gebiet keine Minderheiten zu haben." Diese glückliche Lage erscheint durch die mächtige in Elsaß-Lothringen auslebende Bewegung doch in einem eigenartigen Lichte. Frankreich wird mehr und mehr zu spüren bekommen: Elsaß-Loth- ringen ist in feiner Mitte ein F r e m d k ö r p e r, der sich nach Art unb Sprache zu sehr von Frankreich untericheibet. als baß er in ihm ausgehen könnte. Er begehrt Raum unb Freiheit für Eigenen!- Wicklung. Man hat bisher solche Regungen im Etta« einfach als Erfindung derdeutschen Propa- ganba" bezeichnet, und vielfach folgte dieöffentliche Meinung" der Welt diesen Direktiven.Die Zukunft" kann man nicht so schlechtweg als eine deutsche Pro- pagandamache erklären, obgleich man auch das ver- sucht hat. Die Zeitung hat dazu offenbar viel zu fehr eingeschlagen und findet reißenden Absatz. Man sieht, wie das Volk schon längst nach einem Worte hun- gerte, das dem inneren Groll frischen ungeschminkten Ausdruck gibt. Es ist der Leisetreterei seiner 'Par­teien, der schönen Worte der Deputes und des ver- logenen Tones seiner Bourgeoisiepresse satt. Da fin- bet natürlich solche Stimme, die Woche für Woche bie Dinge beim rechten Namen nennt, einen mächtigen Widerhall im Volk.

Dem elsässischen Wesen eigenen Bedürfnis nach Satire trägt ein Witzblatt:Dr Schliffstaan" Rech- nung, der über alle Praktiken und Künste der neuen Herren und ihrer einheimischen Helfershelfer die Lauge des Spotts und bitteren Saraksmus ausgießt.

Mit kaum verhehltem Ingrimm sehen dieNichts als Franzosen" diesem publizistischen Treiben zu. Aber es bieten sich kaum Handhaben zum Zu­schlägen. Brutale Unterdrückungsmethoden lassen sich im Elsaß auch nicht so ohne weiteres anwenden, die allgemein: Volksstimmung würde dadurch noch mehr verschlechtert. So macht die Regierung gute Miene zum bösen Spiel und beschränkt sich einstweilen darauf, das Blatt und seine Leute mit einem Heer von Spitzeln zu umstellen, bie am Enbe doch das nötige Material aufbringen, mittels dessen diesen Dolmetschern des Volksgewissens der Prozeß als Hochverräter gemacht werden konnte.

Statt sich durch solche Tatsachen warnen zu lassen und möglichst die U r s a ch e n der Unzufrieden­heit h i n w e g z u r ä u m e n , gibt die Regierung durch ihre Maßnahme dieser Unzufriedenheit stets neue Nahrung. So hat unlängst die Schulbe­hörde den Schulen das Programm eines neuen Stoffplanes für den protestantischen Religionsunter­richt vorgelegt, in dem nur noch französische biblische Geschichte, Bibelstellen, Katechismusstücke und Lehr­bücher in französischer Sprache verausgabt werden. Damit wäre die deutscheVolks-undMut- terspracherestlos aus demRekigions- ii n t c r r i di t b egt Schule verbannt, unb der Geistliche müftteKdann auf jegliche Vorarbeit der

Schule für feinen Konfirmandenunterricht verzichten. Ein deutscher Konfirmandenuntericht, der auf keinem religiösen Wissensstosf in deutscher Sprache mehr fußen könnte und überhaupt nut noch die unzuläng- lichen hochdeutschen Sprachkenntnisse bei der Jugend oorfände, wäre bann aUcrbings reif zum Verschwin­den. Damit fiele für die junge Generation auch jene Möglichkeit fort, an dein gottesdienstlichen Leben der Gemeinde, das nur deutsches Lied, deutsches Ge­bet, deutsche Predigt kennt, weg. Das wäre die o r ganisierte Verwüstung des eoange- lisch.kirchlichen Ledens. Aber die Regie- rung rechnet damit, daß die jetzt in der französischen Schule herangezuchlete neue französisch sprechende Generation Träger wird eines neuen französischen gottesdienstlichen Leberts. Dann wäre das Ziel er- reicht, daß Elsaß, das alte deutsche Kulturland wäre wirklich französisch. Solche Annahme ist natürlich ein Hirngespinst: so einfach läßt sich die Volkssprache nicht aus dem Boden ausheben, und noch weniger kann ein Volk auf dem Gebiet von Religion und Kirche solche Sprachexpcrimcnte sich gefallen lassen, die an die Wurzeln des religio- fen Lebens gehen.

Man ist sich im Volke des Ernstes der Situation auch durchaus bewußt und ist zu all den Maß­nahmen entschlossen, die alle anderen Nationalitäten unternommen haben, denen das Recht des Reli­gionsunterrichts in der eigenen Muttersprache ge­nommen werben sollte. Schon die drohende Aus- sicht, daß die Elsaß-Lothringer an das Weltgewisfen appellieren, erweckt in Frankreich äußerstes Unbe­hagen. Solche Schritte können ja die so ängstlich ge­hütete französische Idee im Elsaß ins Wanken brin­gen. Wie es aber im Elsaß aussieht, was anläß- lich dieses neuesten Schlages gegen bie deutsche Sprache im Volke gefühlt unb gedacht wird, bas gibt derEvangelisch-lutherische Frie­be n s b o t e" roieber, in bem es u. a. heißt:So wie es gegenwärtig zugeht barf es einfach nicht weitergehen. Wenn bie elsässische Volks­seele des p r o t e st a n t i s ch e n Teils, dem man wegen seiner mangelnden politischen Formierung mehr zu bieten wagt, derartig in gährende Unruhe unb Bewegung gerät, so stellt sich ber katho­lische Volksteil an bie Seite bes protestantischen unb gibt bem Franzosentum beutlich zu verstehen, baß Frankreich auf diesem Punkte: Erhaltung ber religiösen Güter unb Bewährung ber angestamm­ten Muttersprache mit einer geschlossenen Einheitsfront zu rechnen hat."

So sinb alle Anstrengungen ber Franzosen, bas Elsaß stumm zu erhalten, fruchtlos geblieben. Das Volk bat seine Sprache bekommen, es sinb Kreise ba, die dem Denken unb Fühlen ber All­gemeinheit Ausbruck geben. So ist boch starke Hoff­nung, baß bas elsässische wie bas deutsch-lothrin­gische Volk den Franzosen die kulturellen Lebens­rechte abringt, auf bie ein Volk nach ber hohen Jbee bes Selbftbeftimmungsred)tes Anspruch hat.

Das entweihte Gebirge.

Deutsche Bergwelt und Bergbahnen.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

München, August 1925.

Wieder haben sich die Tore der Städte weit ge­öffnet, und es ergießt sich ein Strom erholungs­bedürftiger Menschen hinaus in das Land, die nach der Arbeit eines Jahres jetzt in der Stille der Natur neue Kräfte sammeln wollen für die unent­wegt weiter hastende und jagende Tätigkeit, die ihrer nur zu bald wieder wartet. Jahr für Jahr ist cs dasselbe. Und die Stille der Natur, bei der all diese Menschen ausruhen wollen, ist deshalb ein unschätzbares Nationalgut, das man in Ehren halten sollte.

Außer den norddeutschen Küstengebieten ist die Haupterholungstätte des deutschen Volkes d i e deutsche A 1 penwe 11. Wer aus der Großstadt kommt unb in diesen stillen, lieblichen Tälern leben kann, in denen kein Hasten drängt und stoßt, in denen noch unverfälschte Heimatkultur zu Hause ist, die sich vielfältig im Leben der Einwohner wie- bespiegelt, wer allein an klaren Sonnentagen ba broben steht auf bem mühsam bezwungenen Gipfel unb wer dort stille Zwiesprache halten kann mit der gewaltigen Einsamkeit au seinen Füßen, der kennt die Schätze, die in dieser deutschen Bergwelt ruhen. Und Jahre um Jahre kehren Tausende von ihrem Urlaub aus den Bergen zurück mit dem Dank im Herzen, daß sie bnrd) bie Reinheit, Erhabenheit unb Ursprünglichkeit unserer Berge roieber neue Kraft unb neuen Lebensmut für die Arbeit gewon­nen haben. Unb feit bas beutfdje Volk die Not­wendigkeit körperlicher Ertüchtigung für das Leben bes einzelnen unb das der Gesamtheit erkannt hat, sind gerade die Alpen für hunderttaufende deutscher Volksgenossen nicht nur eine Stätte der Erholung, sondern auch ein Tummelplatz, auf dem sie ihre Kräfte üben und stählen können. Hier, angesichts der Berge, scheiden sich die Geister und die Menschen, denn die unberührte Reinheit der Natur duldet nur reine unb starke Menschen, hilft aber auch benen, bie sich bie Quellen ber Lebenskraft burch eine falsche Lebensführung selbst verschütteten.

Aber mit ben vielen, die aus ehrlichem Bedürfnis zum Jungbrunnen der Natur eilten, kam auch etwas heimlich mitgefchlichen, das noch nie bereichernd, fon» dem letzten Endes trotz bes äußeren Erfolges nur vemichtenb gewirkt hat, wenn es an falscher Stelle auftrat: Die Geschäftstüchtigkeit. Men­schen, benen die Natur völlig gleichgültig war, er­kannten, daß sie den Strom der Bergfahrer aus- nützen könnten für eigenen materiellen Gewinn. Unter ihrem skrupellosen Zugriff entstanden an Orten, an denen bisher die Abendglocken über stilles verträumtes Land geklungen hatten, Gebirgsgast. Häuser, Riesenhotels, Autostraßen und Vergnügungs­stätten aller Art. Ihnen folgten als Gäste wiederum alle bie, bie den Weltbädern ihren Stempel schon aufgedrückt hatten, die sich so gern als große Welt bezeichnen, und die zwischen den Bergen doch so jämmerlich klein wirken, wenn sie nur einen Schritt von den Pflanzstätten ihres Geistes, den Luxus- Hotels, fortgesetzt haben. Schon heute sind eine Un- zahl von Gebirgsortschaften der Boralpen und auch vieler Hochalpentäler keine stillen Erholungsstätten mehr, sondern laute Vergnügungsmitlelpunkte, an denen sich der Trubel einer kulturfeindlichen Zivili­sation breit gemacht hat. Tanzdielen und Kinos, Fünfuhriees und Bälle bilden das Programm dort, um) früher die traulichen Klänge einer Zither das fröhliche Treiben der Einheimischen begleitet hatten.

Der wirkliche Bergfreund hält sich deshalb schon seit langem gar nicht mehr,in den Doralpengebieten und ihren Ortschaften auf, sondern wandert tiefer hinein in die unberührten, schwer zugänglichen Hochalpentäler oder steigt hinauf auf Almen und Wipfel. Dort ist die alte Urroüchsigkeit noch zu

Haufe. Gleichgültig, ob man sich in einer Schutzhütte des Alpenoercins oder einer beliebigen Almhütte zu- fammenfindet, in kurzer Zeit ist alles wie eine große Familie traulich vereint. Man läßt den anderen teil- nehmen an den Erlebnissen des eigenen Ausstiegs und ist schnell dabei, zu helfen, wenn iraenbein Mißgeschick jemanben betroffen hat. Denn jeder ist dem anderen Bergkamerad.

Doch auch dieser Friede der höchsten Alpenwelt ist jäh gefrört worden. Es soll gar nichts dagegen gesagt sein, daß der Zugang zu den Hütten und Unter- kunflsstätten durch Ausbau von Wegen unb selbst burch Anlage von Bergstraßen weiten Kreisen er- leichtert würbe. Solange ber Natur keine sicht- baren Wunben gerissen würben, ist eine solche Er­schließung der Bergwett nur zu begrüßen. Jetzt ober reißt man tiefste Wunden! Zur Zeit ist größte Ge- sahr für die Alpenwelt der Bau von Berg- bahnen und seine Folgen. Bekanntlich sind bisher die deutschen Alpen von diesen Errungenschaften verschont geblieben. Die Wendel st einbahn war die einzige Ausnahme. Der festen Haltung der zuständigen baiirischen Regierung ist es zu ver­danken, daß bisher alle anderen Pläne dieser Art scheiterten. Leider hat man nun mit diesem Grundsatz gebrochen. Schon seit Jahren bemüht sich ein Inter- cssen-Konsortium unter Führung des Ingenieurs Eathrein darum, die Genehmigung zur E r b a u u n g einer Standbahn auf ben Zugs Gipfel zu erlangen. In diesem Jahr wurde dieser Plan genehmigt. Eine ungeheure Entrüstung ergriff die gesamte bergliebende deutsche Welt. Die zustän­digen Verbände haben Protest erhoben, einzelne Fraktionen des bayrischen Landtages haben intcr- peUiert cs war vergeblich. Der Bau einer Stand­bahn auf bie Zugspitze bleibt genehmigt, ist nicht mehr aufzuhalten unb wirb schon aus- geführt.

Es braucht nicht weiter ausgeführt zu werben, warum dieser Plan im Gegensatz zum Walchensee- Kraftwerk niemals volkswirtschaftlichen Interessen dienlich sein kann. Auch die Frage der Finanz­beteiligung ist bei der jetzigen Loge der Dinge ein bedenkliches Ding für sich. Noch bedeutend trüber aber sind die Aussichten, die der Bahnbau in seinen Wirkungen auf bas Leben in ben Bergen eröffnet. Ein hinreichend warnendes Beispiel ist die Wendel­steinbahn im Schlierseer Gebiet. Unterhalb des Gipfels ist einBcrghot eV entstanden, gegen das man an sich nichts einwenden konnte, wenn es etwa nach den Grundsätzen der Alpenocreinshütten bewirtschaftet würde. Aber es kommen nicht nur Gäste auf den Wendelstein, die wegen ihres Alters nicht mehr steigen können und sich darüber freuen, auf diese Weise noch einmal die Stätte jugendlicher Taten wiederzusehen es kommen vor allem solche, die gleich nach der Ankunft und nach einem kurzen Rundblick ein tolles Treiben bei Alkohol und Gesang (wenn dieses Gröhlen überhaupt Gesang ist) beginnen. Wie oft habe ich beobachtet, daß droben vom Wendelstein noch wüster Lärm in die Nacht hinausschallte, wärend drunten im Tal das stille Bayrischzell schon im tiefsten Schlummer lag. Von demgebirgsmäßigen" Aufzug dieser Art Bahn- gäftc und von der Aufdringlichkeit ihres Auftretens wollen wir lieber ganz schweigen. Tatsache ist, daß der Frieden des Wendelsteins, dieser Perle des Bor­alpengebietes, dahin ist, seit die Bergbahn ihre un­liebsamen Gäste heraufbringt.

Die Zugspitze soll nun gleickdurchzwei Bergbahnen auf einmalverschönt" werden. Der bayrische Plan sieht eine Standbahn vorn Eibsee über das Platt aum Zugspitzgipfel vor. Der österreichische Plan, an dem sehr viel internatio­nales Kapital beteiligt ist, wird schon ausgeführt. Eine Schwebebahn soll von Ehrwald auf das Platt geführt werden. Ueber Almen und stille Schroffen dröhnt der Lärm der Arbeit, und welt­abgeschiedene Dörfer sind erfüllt von einer sich sehr laut gebärdenden Arbeiterschar.

Gegenüber denen, die behaupten, daß diese Bahn zur Erschließung des Zugspitzgebietes notwendig wäre, muß immer wieder betont werden, daß bis­her schon die erleichterte Möglichkeit einer Besteigung durch das Reintal allen denen offen stand, die wirk­lich bergroanbem wollten. Es handelt sich darum, das Wettersteingebirge, das für die Bedürfnisse bes Alpenwanberns wirklich zur Genüge erschlossen ist, nicht auch noch ben letzten Winkel feiner Ursprüng­lichkeit zu berauben. Nur zu gut können wir uns bas Programm ber nächsten Zukunft ausmalen: In Kürze werben Berghotels auf ber Zugspitze selbst, auf bem Platt, an ber blauen Gumpe, auf bem Schachen unb bem ganzen unteren Reintal wie Pilze aus ber Erde wachsen, Automobil st ra- ß e n werben bis zu biefen Hotels burchgesührt wer­ben unb die ganze Gegend ungenießbar machen, die heimlichen Jägersteige durch Dickicht und Tann, über Schroffen und Gestein werden als Promenadenwege den ganzen Betriebin die Hohe bringen*. Was die Dreitorspitze und ihr wundervoller Aufstieg verlieren würden, ist gar nicht zu schildern.

Das ist nicht mehr zu ändern, aber das deutsche Volk kann sich gegen weitere Verschandelung wehren, die schon geplant ist: Das Kreuzeck unb ber Untersberg. Hier ist es an ber Zeit, auf gesetz­lichem Wege Berorbnungen zu schaffen, bie bie beuts chen Berge zum Schutzgebiet er- klären unb dieses wertvolle Gut deutscher Bolkskraft und Gesundheit erhalten.

Turnen, Sport unb Spiel.

Wozu Herbstregatten?

Die Herbstregatta, zumindest in ihrer jetzigen Form und allgemein gewordenen Ausge­staltung, ist ein Nachkriegskind, das 1919 in Berlin bas Licht ber Welt erblickte. Man wollte durch diese Regatten in erster Linie Anfängern, die im laufen­den Jahr das Rudern erlernt hatten und deshalb als Rennruderer für die großen Sommerregalten noch nicht reif waren, eine Startmöglichkeit bieten, ohne daß dabei die Jungmannschaft durch einen Sieg für das kommende Jahr verloren geht. Das war und das muß auch der Hauptzweck der Herbst­regatten bleiben, wenn sie sich für die Zukunft be­haupten wollen. Ferner sollen sie auch denjenigen Trainingsleuten, die als überzählig in einer Bierer- ober Achter-Mannschaft keinen Platz mehr fanden, als Ersatzleute aber weiter trainierten, Gelegenheit zum Starten in andern Bootsgattungen geben, um dadurch ihr Interesse am Rennruderspori wach zu halten und sie nicht als Rennruderer zu verlieren. Schließlich sollte noch denjenigen, die in den Som­merregatten bereits in Riemenbooten gestartet hat- ten, Gelegenheit geboten werden, sich im Herbst im Skullboot zu versuchen und umgekehrt, ohne dadurch die Jungmannschast für die betreffende Bootsgat- tung zu verlieren.

Leider werden diese Absichten in ber Fassung der Ausschreibung einer Herbstregatta nicht überall genügend klar und konsequent durchgesuhrt. Ziem- lich allgemein begegnet man zwar der Beiiimmung, daß die betreffenden Ruderer im laufenden Jahr vor dem 15. August nicht aus einer offenen Regatta gestartet Haden dürfen, ganz gleich in welcher Boots­gattung, aber diese Fassung birgt boch eine gewisse, vielleicht gar nicht beabsichtigte Härle in sich. Es roare zu münfd)en, daß fie durch eine andere erfetzt wird, in der klar zum Ausdruck kommt, daß der be­treffende Ruderer vor dem 15. August des Re­gattajahres in ber beireffenben Bootsgattung nicht um Start gewesen fein barf. Diese Fassung würde hauptsächlich der Unterscheidung zwischen Riemen» und Skullboot zugute kommen, benn hiernach konnte ein Ruderer, der bereits im gleichen Jahr im Rie­menboot am Start war, erstmalig als Skuller zu- aelassen werden und umgekehrt. Der Unterschied der Technik in diesen beiden Bootgattungen ist boch im­merhin so erheblich, daß eine solche Unterscheidung durchaus gerechtfertigt erscheinen muß.

Es ist eine andere Frage, ob fick) die Renn­rudervereine, bie für bie Beschickung ber Herbst­regatten hauptsächlich in Frage kommen, bereits ziel­bewußt auf bie Umorganisierung ihres Trainings- bctricbcs eingestellt haben. In den meisten Fällen barf bas bezweifelt werben. Der Trainer für bie Haupt-Regattazcit ist fast burchroeg |o überlastet, bah er sich mit ber Borbilbung der fiir die Herbstregatta bestimmten Mannschaften nicht befassen kann. Die­sen fehlt also im Lause bes Sommers meist die fach­gemäße Unterweisung, die dann, wenn der Trainer seine Tätigkeit im Klub in ber Regel schon beendet hat, durch die Ruderwarte des Vereins ober erfah­rene Mitgliebcr in wenigen Wochen nachgeholt wer- den soll. Das führt bann oft zu Unstimmigkeiten in ber technischen Ausbildung, im Ruberstil ber jün­geren Mannschaften, bie sich in ben solgcnden Jahren bann ungünstig ausroirfen. Aus biefen Uebclftanb sollten bic Rennrubervereinc burch geeignete orga­nisatorische Maßnahmen rechtzeitig Rücksicht nehmen. Die Dcranftaltcnben Regattavercine müssen sich bei Herbstrennen auch noch mehr ber Eigenart ihres Re- gattaortes anpaffen, wenn nicht ber leibigc Zustand, baß Rennen wegen mangels an Melbungcn aus- fallen müssen, weitere Fortschritte machen soll. Die Herbstregatten werben sich wohl immer mehr zu lokalen Veranstaltungen ausbilbcn, weil bic Klub­kasse durch die Beschickung der immer zahlreicher werdenden Sommerregatten nicht mehr in der Lage ist, auch für auswärtige Herbstregatten noch etwas zu erübrigen.

Meisterschastsschwimmett der Deutschen Tnrnerschnst in Frankfurt. Turnverein v. 1846 Gießen 2 Sieget bei ber 4 mal

50-Aleler-Bruslslafsel für Turnerinnen.

Unter ganz hervorragender Beteiligung aus allen Teilen Deutschlands sand am 23. August im Stadion zu Frankfurt das Meisterschasts- schwimmen der Deutschen Turnerschast statt.

Die Damcn-Staffel des Turnvereins v. 1846, Frl. Hannelie Weeg, Frl. Gretel Hamel, Frl. Lina Haubach unb Frl. Gustel Linbenstruth, welche bei ben Ausschcidungskämpsen (Kreisturnfest 1925 Gie­ßen) in ber Mittelstufe ben 1. Platz belegen konnte, war zu biefen Kämpfen zugelassen worden. Um die Meisterschaft für die 4 mal bO-Meter-Bruststaffel für Turnerinnen kämpften folgende Vereine:

Turnerschaft Berlin, Turnerschaft Dresden, Turn­verein Halle, Turnverein Köln-Ehrenfeld, Turnver­ein Iserlohn, Mtv. Lüneburg, Turnverein Dffenbad), Turnverein Pforzheim, Turnverein Frankfurt a. M. unb Turnverein o. 1846 Gießen.

Nach hartnäckigem Kampfe gelang es ber Gie­ßener Staffel mit Hanbbrelte hinter $)alte in ber vorzüglichen Zeit von 3 Minuten und 29j Sek. den 2. Platz zu belegen. Tv. Dresden, welcher den Meistertitel in diesem Jahre zu verteidigen hatte, be­legte hinter Gießen mit 4 Meter Abstand den dritten Platz- _

Durch diesen Sieg rückt nunmehr die lumerut- nen-Staffel des Turnvereins o. 1 846 Oie- ft en in die Sonderklasse.

Fauftball im Gau Hessen.

4 Friedberg, 23. 2lug. Heber die lei­stungsfähigste Faustballmannschaft im Turngau Hessen verfügt zur Zeit die hiesige Turngemeinde. Eie wurde in diesem Jahre überlegen Bezirks- meister un 5. Bezirk, sicherte sich im Endspiel gegen Turnverein 1846 (Ziesten auch die Gau- Meisterschaft, wurde kurz daraus Feldbergmeister und unterlag in den Gauverbandsspielen nur dem deutschen Meister »Licht-Luftbad" Frankfurt a. M. Gelegentlich der Feierlichkeiten anläßlich des 65jährigen Bestehens des Turn- und Sport­vereins Marburg hatte unsere Turngemeinde nun in Marburg den Pokal zu verteidigen, den sie dort vergangenes Zahr erstmalig gewonnen hat. Es gelang der trefflichen hiesigen Mann­schaft, nach sehr intereflanten Wettspielen den wertvollen Pokal wieder zu erringen. Nachste­hend seien die genauen Spielergebnisse ange­geben.

Tgm. FriedbergVerein für Leibesübungen Marburg 1 54:26.

Tgm. FriedbergDer ein für Leibesübungen Marburg II 77:53.

Tgm. FriedbergTv. und Epv. Marburg 46:27.

Tgm. FriedbergTv. Cölbe 54:26.

Kirche unb Schule.

Z Wirberg, 22. Aug. Das 4. Missions - fest a u s bem Wirberg hatte wie bie vorher- gchenben einen schönen Verlauf. War ber Tag auch trüb, so blieb es doch trocken, ja am Schlüsse blickte sogar bie Sonne einmal durch. Eine grofte Anzahl von Festgästen, es werben zwischen 400 unb 500 ge­wesen sein, hatte sich cingefunben. Es waren nicht nur Beiuchcr aus ben Nachbarbörfern Göbelnrod und Reinhardshain, die immer stark überwiegen, sondern auch aus vielen Orten der Umgegend bis zu zwei Stunden Entfernung. Besonders ist die treue Mitwirkung bes Posaunenchors Bersrod, Leiter Herr Stroh, zu erwähnen, der, wie bei den vorhergehenden Missionsfesten, so auch dieses Mal uns durch Begleitung der Gesänge und Vortrag einiger Chöre diente, zu erwähnen. Missionar Schlaudraff, der Feslprcdiger, vor und wäh­rend des Krieges an der Goldküste in Afrika tätig, predigte über das Sonntagscoangelium in eindring­licher Weife. In der Nachfeier erzählte der Fest- Prediger in fesselnden Bildern vom Leben der Neger und vom Londe der Goldküste. Seiner plastischen Er­zählerkunst Härten alle gerne zu. Der Ortspfarrer sprach noch ein kurzes Schlußwort, das ausklang in die Einladung zum 5. Wirberger Miffionssest unb