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------Man verlange ausdrücklich

Gießener Brauhaus-Pilsener

Nr. 145 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Mittwoch, 24. Juni 1925

Vie Blockade des Rifgebiets.

Frankreich möchte den Marokkokrieg möglichst bald beendigen, weil neben den inneren Schwierig­keiten sich herausgestellt hat, daß der Kamps gegen Abd cl Krim nicht so einfach ist, wie sich das die französischen Befehlshaber in Marokko gedacht hatten. Deshalb hat man die Spanier zu einer Konferenz in Madrid gedrängt, auf der über ein gemeinsames Borgehen gegen Abd el Krim be­raten werden soll

Bon vornherein hatten die Franzose^ daran gedacht, die Spanier für gemeinsame miltarische Operationen gewinnen zu können. Da sie aber da­mit bei den Spaniern keine Gegenliebe sanden, beschränkten sie sich darauf, über eine gemeinsame Blockade des Rifgebiets zu verhandeln. Am Sams­tag ist eine Einigung über die Blockade der Rif- kiiste zustandegekommen, die ja auch Verhältnis- mäßig einfach durchzusühren ist. Die französische und die spanische Flotte werden getrennt in ihren Zonen operieren. Da es Frankreich sehr eilig hat, hat der Besehlshaber der französischen Streitkräfte im Mittelmeer bereits seine Tätigkeit in^ lieber- wachungsdienst ausgenommen. Schwieriger gestaltet sich die Unterdrückung des Waffen- und Mu­nitionsschmuggels von der IZanbjeitc her, der besonders von der internationalen Zone von Tanger aus mit dem Risgebiet betrieben wird. Der Aufwand an Genbannen, der zur Durchführung einer solchen Aktion nötig wurde, macht den Kon­ferenzteilnehmern besonders Kopfschmerzen. Man möchte gerne England an der Konferenz in­teressieren. Ob England sich daran beteiligen wurde, ist nicht bekannt. Da ihm allerdings mit Rücksicht auf seinen Kolonialbesitz eine Niederlage Abd el Krims sehr erwünscht ist, wäre anzunehmen, bah es sich bei bieser Gelegenheit gerne an ber Opera­tion beteiligen würbe. Daß es dabei aber auch be­sondere Bedingungen stellen würde, darüber wer­ben sich die Franzosen wie die Spanier klar. Ebenso schwierig wird sich die Auschnürung Abd el Krims von Algerien her gestalten, das ihm in der Haupt­sache Lebensmittel liefert. Hier einen undurchdring­lichen Kordon zu schaffen, wird den Franzosen noch manches Kopfzerbrechen machen.

Sicher scheint jetzt schon zu sein, daß nocy viel Zeit vergehen wird, ehe es den gemeinsamen Be­mühungen der Spanier und Franzosen gelingen wird, Abd el Krim jegliche Zufuhr an ^Lebens­mitteln und Kriegsgerät abzuschneiden. Die Fran­zosen sind sich sicher auch alle der erheblichen Schwierigkeiten bewußt, deshalb ist auch die Mel­dung nicht ganz unrichtig, daß sie bereits Frie - densfühler ausgestreckt und inoffiziell bei Abd el Krim hat sondieren lassen. Dah nicht die innne- ren Schwiergkeiten der französischen Regierung die Veranlassung gaben, geht klar und deutlich daraus hervor, wie sie durch Verhaftting der kommunisti­schen 'Abgeordneten, durch Entsendung des Radikal­sozialisten Berthod in besonderer Mission nach Polen und durch andere Maßnahmen der großen Ma­rokkodebatte aus dem Wege zu gehen versucht und die kriegsgegnerische Stimmung unterdrückt.

Painleve in Nöten.

Das Kabinett Painleos, das einKabinett der Köpfe" fein sollte, ist sehr rasch in Schwierig­keiten gekommen; cs hat so schnell abgewirtschaftet, daß gegenwärtig fein Sturz eigentlich nur noch eine (5 rage von Tagen ist. Innnerhalb einer Woche haben die Sozialisten sich nicht weniger als rokkoabenteuer, das zwar noch unter dem teien getrennt und find zu ihnen sogar in offenen Gegensatz geraten; nur mit Mühe ist es bisher ge­lungen, den Bruch zu verhindern.

Der 'Ausgangspunkt ist anscheinend das M a - rokkoabenteuer, das zwar noch unter dem Kabinett Herri 0 t einsetzte, aber sich jetzt erst in seine finanziell verhängnisvollen Folgen hinein- gewachfen hat unb Frankreich unendlich viel Geld kosten wird; wie die Sozialisten glauben, nur in­folge des uneingeschränkten imperialistischen Ehr­geizes der militärischen Führer. Die eigentliche Ur-

sache liegt aber doch wohl wesentlich tiefer, sie liegt in der Befürchtung der Sozialisten, daß sie partei­politisch unter dem gegenwärtigen Ministerium ein schlechtes Geschäsl machen, weil PainleoS sein Robi­nett sehr viel weiter nach rechts als Herriot orien­tiert, vor allem aber, weil die Finanzpläne, die C a i 11 a u x verfolgt, den Sozialisten nicht gefallen. Sie verlangen eine Vermögensabgabe, an die Caillaux nicht recht heran will, weil er die Füh­lung nach rechts nicht verlieren möchte. Nun sind innerhalb der sozialistischen Partei mehrere Strö­mungen, die gegeneinander um die Herrschaft kämp­fen. Der rechte Flügel hat es erreicht, daß die Ent- scheidung über die weitere Mitarbeit innerhalb des Kartells von Tag zu Tag hinausgeschoben und erst eine Umfrage bei allen Mitglieder, der Fraktion Der- anftaltet wird, sie hoffen, daß ein solcher Zeitgewinn Beruhigung bringen wird. Bisher spricht wenig da­für, daß diese Berechnung sich als richtig erweist. Die Sozialisten wissen zwar, daß, wenn sie das Kartell sprengen und dadurch ihre bisherigen Bun­desgenossen zwingen, Anschluß nach rechts zu suchen, sie dann zu einer wenig aussichtsvollen Opposition verurteilt sind. Sie wollen deshalb auch die Auf­lösung des Regierungsblocks vermeiden, und nur Herrn Painlev6 persönlich mit feinen Mitarbeitern das Vertrauen auffagen, gleichzeitig sich aber darauf zurückziehen, daß sie bereit wären, einem neuen Kabinett Herriot gegenüber die alte Unterftügungs» Politik fortzusetzen. Die Schwäche ihrer ganzen Opposition liegt ja darin, daß sie nach den Neu­wahlen im vorigen Jahre sich nicht bereit fanden, selbst die Verantwortung für die Regierung mit zu übernehmen, sondern ein Kabinett Herriot auf ein bestimmtes Programm hin unterstützten, vermutlich weil sie glaubten, dah sie durch die Drohung mit ihrem Abmarsch von Herrn Herriot die Durchführung ihrer Forderungen würden erreichen können, ohne sich durch die Regierung zu kompromittieren. Mit dieser Politik der halben Verantwortlichkeit haben sie sich jetzt sestgelausen. Wenn sie Painlevs ein Bein stellen, ist es immerhin noch zweifelhaft, ob Herriot von dem Präsidentensitz der Kammer, den er eben erst eingenommen hat, wieder heruntersteigen wird. Jedenfalls ist gegenwärtig die innere Krise Frank­reichs so stark, daß darüber selbst die Debatte über den Sicherheitspakt stark in den Hintergrund ge­drängt wird.

Der Aufstand in Persien.

Von unserem Korrespondenten.

Konstantinopel, Anfang Juni.

Der bolschewistische Imperialismus in Persien marschiert und der Turkmenenaufstand in Persien ist der Abschnitt seines Vormarsches. Welche Kon- seguenzen diese von Moskau in Szene gesetzte Aus- standsbewegung letzten Endes haben wird, läßt sich heute noch nicht absehen. Sie könnte, vorausgesetzt, daß ihr Erfolge beschieden sind, und daran dürfte, wenn es Moskau ernst ist und es sich nicht nur um eine an Englands Adresse gerichtete Drohung han- beit, kaum gezweifelt werden, einen völligen Um­schwung der politischen Lage im Orient zur Folge haben.

Schon einmal hat bas bolschewistische Rußlanb, trotz ber feierlichen Versicherung seiner Regierung, die Souveränität und Integrität Persiens za­ristische Methoben adschwörenb respektieren zu wollen, sich in die inneren Verhältnisse des Lan­des eingemengt.

Das war, als 1920 der persische Parteiführer feines Landes, wegen des berüchtigten englisch- persischen Vertrages, der das Land wirtschaftlich und politisch an England ausliefern sollte, die Fahne der Empörung erhob und eben der er­wähnten Versicherung Moskaus wegen dort Hilfe suchte. Sein Hauptquartier war am Kaspischen Meer in der Gegend von Enseli. Moskau war da­mals zu vielseitig engagiert, die politische Lage zu unklar, als daß Moskau über eine ein gewisses Maß hinausgehende Hilfe hätte gewähren können oder wollen. Aber man sandte immerhin als Vertreter der Sowjetregierung oder vielmehr der 3. Korn-

Schach°(kcke.

Bearbeitet von T£>. Orbach.

Al^e für die Redaktion bestimmten Mittei­lungen, Lösungen usw. sind zu richten an die Schachredaktion des .Gießener 2ln-,ciger6.

Problem Nr. 17.

Bon F. Köhnlein in München.

Schwarz:

a b c d e f g h

Weiß: Matt in drei Zügen. Weiß: 3 Steine. Kf6, Ta2, Tc2. Schwarz: 1 Steine. Kh8, Lei, Ba7, Bc3, Be4, Bf4, Bg5.

Partie Nr. H

8

8

6

5

3

g

gespielt in der ersten Runde des Darmstädter Schachturniers.

Weih: Gutkewitsch.

Schwarz: Orbach.

1. d2-d4

1. Sg8-f6

2. c2c4

2. e7-e5

3. d4Xe5

3. Sf6-g4

4. Sgl -f3

4. L18-C5

5. e2-e3

5. Sb8-c6

6. Lfl -e2

6. Sc6xe5

7. Sf3xe5

7. Sg4xe5

8. 0-0

8. d7-d6

9. Sbl-d2

9. Lc8 f5!

10. Sd2-f3

10. Lf5 e4!

11. Lei -d2 Weiß hat die Eröffnung recht ,

Behandelt; es ist sehr schwer ihm etwas anzuhaben 11 11. a7-a5!

12. Sf3xe5 12. d6xc5

13. Ld2-c3 13. Dd8-g5!

14. g2-g3 Dies ist der entscheidende Fehler, durch den Weih das Spiel verliert; bester Lf3 14 14. 0-0

15. Ddl-cl um den Punkt e3 nochmals zu decken

15 15. Ta8-a6

16. f2 f4 16. e5xf4

17. Tflxf4 17. f7 f5!

18. Le2fl 18. Ta6-g6

19. Lfl-g2 19. Dg5Xf4!

Dies gewinnt forciert, aber auch wenn Weih an­statt Lg2, Lc3-d4 gezogen hätte, würde Df4:, ef4:, La4: matt folgen-

20. g3xf4 20. Tg6xg2 4-

21. Kgl - fl 21. Tg2xh2

22. Lc3-el 22. Th2-hl +

23. Kfl-f2 23. Lc5-b4

Weih gibt auf, da er mindestens eine Figur verliert.

Lösung deS Problems Ar. 16.

1. 13, Kc4 (V.) 2. Dd34- usw.

V. a) 1 Ke5: 2. d4+ usw.

b) 1 , d6 2. DfZ-f- usw c) 1 b3 2. Dd6+ usw.

Die Schachmeisterschaft von Hessen.

ID. Orbad) 1. Preisträger unb Meister von Hessen, vor der letzten Runde war folgender: Orbach 41, Bleutgen, Orth 4, Dr. Adam 34, Flander 3, Dr. Wolff 2, Gutkewitsch, Sixt 14. Die Reihenfolge der Sieger war demnach noch nicht ge­sichert, unb bie letzte Runde konnte noch viel lieber- raschungen bringen, und brachte sie auch. Am meisten Aussichten auf den ersten Preis hatte Orbach, denn er hatte noch eine Partie mit Bleulaen zu spielen, endete dieselbe zu seinen Gunsten, so konnte ihm den ersten Preis keiner streitig machen, endete die- selbe aber Remis, und Orth gewann gegen Gutke- witsch, so teilten sie den ersten und zweiten Preis. Aber Orth war scheinbar durch seine vorherige Nie­derlage geaen Bleutgen deprimiert, spielte unglaub­lich schwach und mußte Dr. Adam, der mit Virtuosi­tät ein Abbins Damengegengambit gegen Sixt ge- wann, den zweiten Platz überlasten. Wenn die Partie Orbach-Bleutgen mit Remis endete, kam Dr. Adam mit Bleutgen zur Teilung der zweiten und dritten Preises. Aber Orbach behandelte ein Damengambit mit großer Kraft, opferte im 30. Zuge einen Bauern, wodurch er einen Bauern im Zentrum bekam, die Derteibigunasmöglichkeiten wurden immer |dymnd)cr, und im 50. Zuge mußte Bleutgen die Massen strecken. Hiermit war die Reihenfolge der Sieger klargestellt. Die Partie Dr. Wolsf-Flander gewann ersterer. Der Schlußstand des Turniers ist demnach folgender: W. Orbad) 5j Punkte, 1. Preis und Meister von Hesten, Dr. Adam 4i P., 2. Preis, Bleutgen, Orth je 4 P., 3. und 4. Preis geteilt; es folgen Dr. Wolff, Flander 3 P., Gutkewitsch 2* P Siri 1* P.

Den Städtekampf gewann Gießen über­legen mit 2i zu

Die Narrenkappe.

Splitter und Sparren vom RedakttonSttsch

Tertia gaudens.

Scheußlich!" sagt der Studienrat Schniffke zu seinem Kollegen,kommt da heute, während ich gerade in der Teriia denCaesar" durchnehme, der Rektor herein und gibt mir vor der ganzen Klasse einen Rüffel. Du hättest die Bengel sehen fofien!"

Kann mir schon denken tertia gaudens!" Der Polyglott.

Sie verstehen mehrere Sprachen?" fragte der Prinzipal den Bewerber.

Gewiß vier," antwortete der junge Mann.

And welche sind dies?"

Schriftdeutsch, Zeitungsdeutsch, Amtsdeutsch und Kaufmannsdeutsch."

Herr!" schrie der Prinzipal und schlug auf den Tisch. Dann überlegte er's und sagte: ..Sie lind ein kostbarer Mann ich engagiere Sie."

Ach richt,gl

Ober, wie können Sie mir diese schmutzige Serviette bringen?"

Entschuldigen Sie, die ist nur falsch zu-/ sammengelegt!"

munistischen Internationale, unter deren Firma die stets ihre Hand in Unschuld waschende Sowjetregie­rung ihre verschiedenen dunklen Geschäfte im Aus­land zu besorgen pflegt den Mörder des deut­schen Gesandten Grafen Mirbach, Genossen Blum- gen, mit Waffen, Munition, Geld, kommunistischen Agitatoren und Propagandaschriften. Die Hilfe war

jedoch zu gering und kam überdies nur sehr lang­sam. Der aufsteigende Stern Persiens, der Dik­tator Risa Khan war stärker und Moskau ließ Kut- schul Khan, der überdies oon der kommunistischen Propaganda Blumgens nichts wissen wollte, fallen. Seit jener Zeit arbeitete Rußland in Persien nur mehr allerdings sehr energisch mit den pn-

Der siebente Zwerg,

s? Bon Franz Hessel.

Ich bin der siebente Zwerg.

Dah Schneewittchen bei uns war und tote es ihr erging, das wtßt ihr alle. Aber mich Tennt ihr nicht.

In meinem Dettchen hat sie geschlafen, nach­dem sie die sechs andern versucht und zu kletn gefunden halte. Meines war auch zu Nein. Aber sie blieb drin. Unb ich lag bei dem sechsten Bruder und konnte nicht schlafen, soviel mußte ich hinüberschauen nach dem schönen Menschen- tinb.

Moosweibchen könnt ich wohl. Die sink» suh- träg, aber allzu anhänglich. Gnomenweibchen auch, die sind geschäfttg und munter, aber sie halten nicht still. Den tanzenden Elfen auf feuch­ter Mondwiese hab ich bisweilen zugesehn. Ihre Schleier sind nicht zu fassen, so dünn, so unbe­stimmt. Aber dies Menschenkind . . Wie sie uns Kußhände nachwarf am andern Morgen, als wir zur Arbeit gingen! Ich war der letzte in der Tür. Mein Herz pochte heftig tote ein

kleiner Silberhammer

Unfern Haushalt hat sie reizend geführt. Immer gab es Blumen auf dem Tisch. Aber in den Ecken war nicht gut ausgefegt. Das muhten der sechste und ich nachholen. Ich tat'» gern.

Ihr wißt, wie wir dann Unglück hatten mit dem Schneewittchen. Den Giftkamm der bösen Königin, ich zog ihn selbst aus Schneewittchens Haar, das mich dabei ganz bedeckte.

Den Schnürleib, darin die Hexe sie ersticken wollte, ich löst ihn ihr ab. ich zuerst von allen sieben entdeckte die zwängenden Schnüre.

Dann aber kam das mit dem vergifteten Apfel. Da war nicht zu helfen. Da war sie fo gut wie tot. Unb wir bauten den gläsernen Sarg. Unb als wir sie darin über Land trugen, da kam dieser Ausbund von Schönheit, der Königsohn: hellblaue Federn am Hut. glatten Wams. Puffärmel, pralle Trikots, überaus prall.

den Sarg mit Schneewittchen, weil er fo sehr darum bat. Mir war's nicht recht.

Ich lief hinter den Sargträgern her. Sie schritten schnell mit ihren langen Menschenbeinen. Ich muhte hüpfen.

Ich wollt aber um alles noch einmal Schnee­wittchens Gesicht sehn. Geschwind, geschwind sprang ich durch die hohen Gräser und über die dicken Baurnwurzeln mit meiner kleinen Laterne.

Als ich die Langbeinigen endlich überholt hatte und vor ihren Füßen vorbeisprang, um von vorn hinein zu leuchten in das gläserne Grab, da erschrak der nächste ber Träger und stolperte. Die andern bekamen den Ruck ab. Der Sarg schaukelte auf ihren Schultern. Sie sehen ihn ab. Sie sehn hinein. Ich seh durch ihre Beine hindurch auch hinein. Der Deckel geht auf, Schneewittchen lebt, hat das Stück Apfel- grüh in der Hand, das ihr aus dem Munde ge­fahren ist. Sie sagt ihr: Wo bin ich? Der schöne Königsohn sagt sein: Bei mir! Sie sinkt in seine Arme. Er hebt sie auf sein Roß.

Ich aber blieb stehn und hatte das Rach- sehn. ilnb daß sie auch diesmal mir das Leben verdankte und ihren schönen Prinzen dazu, das weih Schneewittchen bis auf den heutigen Tag nicht. Auch nicht, wie sehr ich sie geliebt habe.

Die sieben Zwerge, an die denkt sie Wohl manchmal, wenn die Kinder fingen: Hinter den Bergen, bei den sieben Zwergen. Aber mich, den einen, den siebenten, den hat sie gewiß längst vergessen.

Staatsgedanken bei Griechen und Römern.

Professor ßaqueur. Dritter Weicker-Vortrag.

Der Redner ging aus von der auch in jüngster Zeit oft ausgesprochenen Behauptung, nicht die Form der Verfassung entscheide über das Wohlergehen des Staates, sondern der Geist, mit dem diese Form erfüllt und in dem sie ge­handhabt werbe. Unter gewissen Voraussetzungen man dies xutreffen. aber manchmal ist ber Ab­

stand der Verfassungsform von den wirkenden Kräften, die sie fassen soll, so groß, daß die Verfassung selbst die Schuld an schweren Staats­erschütterungen trägt. So hat die ursprünglich auf einen kleinen Stadtstaat zugeschnittene, dann auf einen Flächenstaat, ja auf ein Weltreich angewandte römische Verfassung ein Jahrhundert der Revolutionen erzeugt, das erst durch Au - g u st u s zum Abschluß gekommen ist. Als eine theoretische Vorläuferin der Reform des Au­gustus kann Ciceros Schrift vom Staat (De re publica) betrachtet werden, die in den Jahren 54 bis 51 entstanden ist und gleich nach ihrem Erscheinen großes Aufsehen erregt hat. Nachdem die Forschung zunächst den griechischen Quellen des Cicero nachgespürt hatte, galt es nun Ciceros eigenen Anteil und seine eigne Stel­lung zu den staatstheoretischen Problemen zu er­mitteln.

Cicero selbst bezeichnet sein Verfahren als einen neuen Weg. Er projiziert die politische Theorie in die Geschichte des römischen Staats. Die theoretischen Forderungen werden als Mo­tive des Stadtgründers und seiner Rachfolger bargeflellt. Die nach griechischen Vorgängern ge­forderte. auf dem Ausgleich monarchischer, aristo­kratischer und demokratischer Elemente beruhende Idealversassung erscheint als das Endprodukt einer langen organischen Entwicklung der römi­schen Geschichte eine künstliche Konstruktion, die aber vor den griechischen Versuchen den Vorzug besitzt, einen festen geschichtlichen Boden unter den Füßen zu haben und sich des Schick­salhaften der Geschichte bewußt zu sein, während die griechischen Etaatstheorien. selbst wenn sie die Grundlage einer tatsächlichen Reugründung bieten wollten, ausgesprochen rationalistisch zu sein pflegten.

Freilich ist auch schon von griechischer Seite versucht worden, in dem spartanischen Staat ein geschichtliches Beispiel der theoretisch geforderten Mischverfassung nachzuweisen. Polybius, der 167 als Geisel nach Rom kam. übermittelte dem fürstlichen Kreis des jüngeren Scipio, der ihn gast­lich aufnahm, die griechischen Gedanken und ge­

wann seinerseits in dieser Umgebung die tiefsten Einblicke in das Wesen des römischen Frei­staates. der damals au) Kem Höhepunkt seiner Macht stand. Es war natürlich, daß er die Erkenntnis der einzigartigen K.-ast und Größe dieses Staatswesens mit der griechischen Theorie zu bereinigen suchte, indem er die römische Ver­fassung als die längst postulierte Mischverfassung barstellte. Die Konsuln sollten das monarchische, der Senat das aristokratische, die Komiti^n das demokratische Element fein. Diesem namentlich in der ersten Gleichung die Tatsachen vergewalti­genden Doktrinarismus stand die Lehre des alten Cato gegenüber, der den römischen Staat als das Wert vieler Menschen und vieler Jahr­hunderte auffaßte, die nacheinander die An­fänge (origines) der späteren Entwicklung ge­schaffen und den großen Bau allmählich auf­gerichtet haben. So trat an die Stelle des Systems die Geschichte.

Dieser Wendung suchte Cicero gerecht zu werden, indem er bie Geschichte des römischen Staates zur Grundlage seiner Betrachtung machte und seinen Lesern das allmähliche Werden der römischen Verfassung vor Augen führte. Auch er stellte sie als die Erfüllung des Postulats ber besten Mischung bar, aber das königliche Element sah er nicht mehr im Konsulat, fonbern in dem Princeps. ban ersten Staatsmann, der ver­möge seiner überragenden Persönlichkeit, seiner angeborenen unb planmäßig entwickelten Führer­eigenschaften. seines Ansehens unb seiner Würbe ben Staat beherrscht unb leitet. Ein solcher Prin- ceps war ber ältere, war ber jüngere Scipio gewesen, ein solcher zu werben war CiceroS eigenes heißes Bemühen, nach einem solchen Füh­rer schrie ber von hunberijährigen Revolutionen unb Bürgerkriegen zerfleischte, aus hunbert Wunben blutenbe römische Staat. Indem Cicero dies Ideal zeichnete, wurde er, ohne es recht zu wissen unb zu wollen, ber theoretische Schritt­macher des Principats, ben Augustus mit erstaunlicher Klugheit und Tatkraft begründete, als bie Zeit erfüllt war.