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Nr. 95 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)Mtag, 2\. April (92

Besuch bei Hindenburg.

Don unserem tli-KorresponDenten.

Hannover. Ende April 1925.

Sn Dem kleinen Dorten vor Dem Hause, das Die Stadt Hannover Dem Heros Der Deutschen Hollon nach Der Heimkehr aus Dem Felde als Ruhesitz geschenkt hat, grünt, knospet und Drangt es in Der Frühlingssonne zu neuem Leben. Während man sinnend an Den Fenstern empor­schaut. hinter Denen Hindenburg wohnt und lebt, will ei scheinen, als sei Dieser Garten ein Spie­gelbild vom Innern des Hauses. Auch hier ist jetzt neues Leben eingekehrt. Sie Ruhe des Feier­tages. in der Der FelDmarschall, nach seinen eigenen Worten, Die Ereignisse des Tages wie aus einer abgeschiedenen Ferne verfolgte, ist vorbei. Gewiß, wer nur von außen sieht, merkt Die Veränderung nicht so scharf. ilnD Doch Sa sind Empfänge von Seputationen, Arbeiter-, Mittelstands- und Derbandsabordnungen, Da sind Besprechungen, tägliche Konferenzen mit Den Herren vom Reichsblock, Da sind Briefe zu bc- onttoorten, sind hinter Fragen wißbegieriger In­terviewer Auskünfte zu sehen. Ser Marschall schreibt sie selbst, mit den breit ausladenden Zügen seiner Schrift, die auf Dem Manuskript oft nicht Platz genug findet. Zumal er sich nicht etwa Damit begnügt, Die Frage mit einem lapi­daren Satz abzuspeifen. Er ist gründlich, fügt Periode hinter Periode, streicht durch und drückt Den Gedanken anders und klarer aus. Man er­zählt sich in Hannover, Daß Die Berater des alten Herrn ihm Die ersten Interviews aus- gefüllt zur Begutachtung vorgelegt hätten wie eben politische Interviews in Der Praxisge­macht" zu werden pflegen. Hindenburg aber habe Die Antworten einfach Durchge strichen, das ganze Interview umgeworfen und gesagt, was er sagen wollte. Er hat seinen eigenen Willen, Der nur äußerst schwer zu beein­flussen ist. Wenn er am letzten SonntagabenD erklärte, er sei nicht Der alte Mann im Roll­wagen, Den manche Leute aus ihm machen woll­ten, so weiß seine Umgebung ein Lied davon zu fingen, wie wahr dieses hübsche Wort ist.

Saturn ist es auch so schwer, bis zu ihm vorzudringen. Su lieber Gott, wer alles will ihn auch nicht sprechen. Bis vor kurzem war es, außer seinem kleinen Freundeskreis, nur alle paar Tage einmal ein alter Kriegskamerad, ein spanischer Prinz, ein britischer Lord oder ein amerikanischer Finanzgewaltiger, den auch die auf diesem Gebiet in langer Praxis geübte Kunst Karls, des früheren Burschen und jetzigen Sic» ners des Feldmarschalls, nicht gut abtocifcn konnte. Ab und zu tarn wohl auch irgendein fürstlicher Bekannter aus jener Zeit, Da der Feldmarschall im Mittelpunkt des deutschen Wer­dens stand. Bei solchem Besuch mußte Karl dann in dem wohlbestallten OrdenSlager nachsehen, ob die Courtoisie die Anlegung eines Ordens erforDerte. Hindenburg erzählt scherzhaft, daß er genau soviel Orden habe, wie er Iahte 'zähle. Großen Wert scheint er auf Aeußerlichkeiten nicht zu legen. Er ist über das Lebensalter solchen Ehrgeizes hinaus.

Hier ist der tiefste Kern seines Wesens, der sich jedem offenbart, der ihm ins Auge schaut: Sa ist nichts Aeußerliches, da ist nur daS ruhige, selbstsichere Bewußtsein eines Mannes, der den Schwerpunkt einer großen Persönlichkeit in sich trägt. Sie Souveränität seines Händedrucks, seines klaren, ruhigen Auges, kann man so leicht nicht ver­gessen. Sie Elastizität, mit der dieser mächtige Körper vom Stuhl emporschnellt, steht in einem seltsamen Kontrast zu der eckigen Unbeweglich­keit seines Schreitens. Man braucht weiß Gott nicht erzählen, wie ersich räuspert und wie er spuckt" aber schon die äußere Art dieses Mannes zeigt feine Einzigartigkeit. Lind genau so ist's, wenn er spricht. Rie viel Worte.Sie können", hat er selbst gesagt,von einem alten

Soldaten nicht viel Worte erwarten." Aber jedes Wort steht wuchtig und schwer, plastisch vor uns.

Lind so ist das Aeußere auch das Spiegelbild des inneren Menschen. Er kann mit einem Humor, der eines leisen Sarkasmus nicht ent­behrt, über Die kleinlichen Singe des Lebens hinweggehen. Schöner aber noch ist es, ihn mit der Ruhe und der Erfahrung eines langen Le­bens über das sprechen zu hören, was uns alle bewegt. Wenn er über Deutschland, über den Wiederaufstieg des deutschen Dolles spricht, wird er wärmer und lebhafter, so daß man ihm das schneeweiße Haar seiner 77 Jahre kaum glauben mag. Er will nicht, daß man jedes seiner ge- sprächswei'en Worte als politische Sentenz aus- gibt, er will überhaupt nicht, daß man groß Wesens von ihm macht. Er will nur an seinem Lebensabend noch Der Ekkehard des deutschen Dolkes fein, wie er es im stillen schon Die ganzen letzten Jahres, wie et es an Der Spitze des deutschen Volkshceres Den Krieg über gewesen ist.

Aus der Provinz.

Landkreis Gt/

L Wieseck, 23. April. In der jüngsten Gemeinderatssitzung kam wiederum der Ankau f der Wasserkraft Der Wieseck durch die Gemeinde zur Sprache. Bekanntlich wurde mit dem Wühlenbesitzer Christ e n Heber- einkommen dahin erhielt, daß Die Wasserkraft Der Wieseck gegen eine Kauf summe von 20 CO3 Mark in Den Besitz Der Gemeinde übergeht. Ein Vertrag, Der beiderseits anerkannt ist und am 1. April in Kraft trat, regelt die rechtlichen Verhältnisse. Trotzdem muß nun fest gestellt wer­den, daß Der Dertrag nicht erfüllt wird, da fast jeDc Rächt das Wasser der Wieseck zu irgend­einem Zweck widerrechtlich gestaut wird. Ser Gemeinderat verlangt dringend Abhilfe, da es ein Llnrecht ist, daß, wenn die Gemernde, um das Wiesengelände vor dem völligem Dcrderb zu retten, ein Kapital von 20 000 Mk. auswirft. Der Dieserhall» abg.fd)(cfiene ertrag vom Der- tragsgcgner einfach nicht beachtet wirb Ser ge­faßte Beschluß geht dahin, Die Stauanlage an Der Gänsmühlc innerhalb drei Tagen entfernen zu lassen, andernfalls der § 9 des Vertrags in Anwendung gebracht werden soll, Der sehr empfindliche Konventional­strafe n vorsieht. Zu verwundern ist die Lang­mut der Wiescnbcsihcr, die heute noch nicht die notwendigen Arbeiten auf ihren Wiesen vor­nehmen können, weil das ganze Gelände noch versumpft ist.

d" Lollar, 23. April. Gestern abend sand hier in derLinde" eine oem Vo 1 ksblock für die Reichspräsidentenwahl einberufene Wahl­versammlung statt. Der Besuch mar den Verhält­nissen entsprechend ein sehr guter. Der Hauptredner des Abends, Reichsminister a. D. Dr. Davi g, legte in sehr eingehender Weise die Gründe klar, die nach seiner Ansicht dafür sprechen, Marx zum Reichs- p räsidenten zu wählen. Im weiteren Verläufe seiner Rede beschäftigte sich der Redner mit der Kandidatur Hindenburg. Ebenso begeistert wie Dr. David bei seinem Erscheinen begrüßt wurde, war der Bei­fall aus dem fast vollen Saale am Schlüsse seiner Ausführungen. Als zweiter sprach ein früherer Ar­beiter vom hiesigen Werk, der durch den Krieg sein Augenlicht verlor; dieser, Studiosus Gum bei, sprach ebenso wie der Borredner für die Kandidatur Marx. Auch dessen Ausführungen wurden mit star­kem Beifall belohnt. Endlich hat man angefan­gen, die in unwürdigem Zustand befindliche Kreis- st r a ß e in verkehrsfähiger Weise neu zu ge­stalten. Seit einigen Wochen hat man mit der Bedeckung außerhalb des Ortes nach Gießen zu an­gefangen. In diesen Tagen nun wird die Dampf­walze im Orte ihre Tätigkeit ausüben. Wäre es nicht angebracht gewesen, man hätte auf dieser so stark befahrenen Straße das Kleinpflaster dem alt­hergebrachten Walzen mit Schotter vorgezogen? Dies wäre doch wohl auf die Dauer tn der Unterhaltung billiger und besser gewesen.

Kreis Kricdbcrg.

ef. Friedberg, 23. April. _M a r x oder HinDenburg?" so lautete Das Tbema. über welches gestern abend Der evangcli chc Pfarrer WeiDncr von Ober-Lais im Saal des Hotels Trapp sprach. Ser Redner wandte llch in (einen Ausführungen besonders gegen die Stellung seines Amtsbruders K o r c 11 und gegen einen Artikel des Professors der evangelischen JEbco- logie Rade in Marburg in DerFrankfurter Zeitung", in welchem Dieser D c Behauptung auf- stellte. Daß Die katholische Kirche in keinem Falle Die evangelische Kirche unD Freiheit bedrohe. Er bestreitet der kalholilchen Geistlichkeit Durchaus nicht Das Recht unD Die Pflicht, für Die Belange der katholischen Kirche einzutreten, nimmt aber dasselbe Recht und dieselbe Pflicht auch für die evangelische Geistlichkeit in Anspruch Tin der Hand einer Reihe von Vorfällen in Hessen, so z. B die gleichzeitige Besetzung von drei Schul- ratsstellen in Starkenburg mit Mitgliedern des Zentrums, die Besetzung der höchsten Stelle im Medizinalwcfen mit Umgebung Der dazu berufe­nen Anwärter durch einen dem Zentrum ange­hörigen praktischen Arzt aus Mainz, den Verkauf des gräflichen Schlosses in Ilbenstadt an den BcncDiktinerorDen und dann noch besonders durch den Abschluß des Konkordates in Bayern wies er Herrschaftsgelüste der katholischen Ki che nach und betonte, daß dem gegenüber auch Die evan­gelische Kirche auf Der Hut fein unD ihre Stellung verteidigen müsse. An Die Stelle des Reichs­präsidenten gehöre ein deutscher Ma-n und nicht einer, der seine Anordnungen von Rom bezieht; Marx fei ein viel gefährlichererPlatzhalter Der Monarchie" als Hindenburg. Wir ständen in Deutschland nicht vor einer Gegenreformation, sondern bereits mitten tn einer Gegen­reformation. Deshalb keine evan­gelische Stimme am Sonntag für Marx. Auch die Stellung des Auslandes zu der Präsidentenwahl unterzog- Der Redner einer Betrachtung und wies Die Befürchtungen als Durchaus unbogründet zurück; unter der Erfül­lungspolitik sei cs uns auch nicht im geringsten besser gegangen wie jetzt. Redner unterzog in feinen Ausführungen die lin's- und rechtsstehen­den Parteien einer gleich scharfen Kritik und betonte, daß er zwar aus der Demokratischen Partei ausgetreten sei. feiner Demokrat scheu Gc- sicknung aber treu geblieben fei. Zum Schlüsse teilte er noch mit, daß eine neue Partei in der Gründung begriffen fei und in einzelnen Gegenden Deutschlands bereits Fuß gefaßt hätte, die Evan­gelische Volksgemeinschaft", die als ein Gegen­gewicht gegen das Zentrum,* also als eine Art Evangelisches Zentrum" gedacht sei und die dem­nächst auch in Friedberg eine größere Versamm­lung abhalten werde. Trotzdem eine freie Aus­sprache zugesagt und sogar gewünscht wurde, meldete sich niemand zum Wort; der Leiter der Versammlung, Pfarrer Ramge- Ilbeshausen führte noch eine Anzahl von bemerkenswerten Punkten aus Der Tätigkeit Der katholischen Kirche an. Darauf wurde Die Derlammlung mich einem kurzen Schlußworte des Redners unter lebhaftem Beifall geschlossen.

o Dad-Rauheim. 23 April. Der R e ' formbund der Gutshöfe hat den R gterungen des Reichs und der Länder eine De schrill überreicht, die folgende Anträge zum G sehentwurf zur Reform Der Bode Verteilung unD Bodennutzung entf)ä 1. Der Reichstag wolle beschließen, von Den Tagesordnungen bis spätestens. Juni 1926 jede Debatte über Siedlungsfragen. soweit sie nicht Ocdlandkultur betvi ft. auszuschließen, bzw. solange, bis die Ergebnisse der im Juni 1925 erfolgenden Volks- und Betriebszählung der ge­samten Oeffentlichkeit bekannt geworden sind. 2. Der Reichstag wolle beschließen, die Reichs­regierung zu beauftragen, gelegentlich bei im Juni 1925 stattsindenden Volks- und Betriebs­zählung durch die zuständigen Stellen besonders darauf hinzuwirken, daß die Betriebszählung in erster Linie folgenden Au'gaben gerecht wird:

AMM Der 5toöl Gietze« 1925

Das

Dereinsverzeichnis

liegt vom Samstag, 25. April an, drei Tage lang zu jedermanns Einsichtnahme offen.

Wir bitten dringend um Nachprüfung auf Nichtigkeit und Dollst indigkeit der Einträge und um Einzeichnung etwa er­forderlicher Aenderungen und Ergänzungen GeiflröWe ves MeWAerllMS

Schulstrahe 7

a) Feststellung Der Dewcgun; >rr Betriebsgrößen- klasfen. Zu- und Abnahme .. ter besonderer Ve- iül1id)ligung der durch SiedlungSmaßnahmen c.- folgten Veränderung bei Trennung Der Reu- und Anlicgersiedlung bi Feststcllung d - Ver­hältnisses von GroßlandbesiN zu de. aus diese Fläche entfallenden Detriebszahl, einsch' des Staatsbesitzes und Der Domänen c) Feststellung dieser Verhältnisse, getrennt nach Ländern und Provinzen.

Arcis Schott.'n.

L a u b a ch, 22. Avril. Man verdankt Dem Zigarre: fabrikanten Karl Michel, Mitglied der Oberhess. Handelskammer, Die Einr chtung Der Svnntagszüge Laubach Mücke, die von großer Bedeutung für den Verkehr ist. Die beiden Hauptstrecken der Oberhessischen Eisen­bahn, GießenFulda und G'eßen Gelnhausen, werden hierdurch miteiminder verbunden. Der bedeutende Verkehr auf Der Westseite des Vo­gelsbergs wird hierdurch sehr erleichtert, vor allem auch vom Gesichtspunkt Der Touristen. Es wird außerdem noch eine Verbesserung dcS R - fchcr- tehrs in anderer Richtung erstrebt. Fabrilanl Michel wird Die betreffenden Wünsche Der hiesi­gen, im Handelsregister eingetragenen Firmen auf Der am kommenden Freitag in Friedberg stattfindenden Tagung der Handelskammer ver­treten. Die Wintersaat steht in unserer Gemarkung vorzüglich. Auch die Sommer­saat, die sich günstig entwickelt, berechtigt zu guten Hoffnungen. Das Wachstum Der Wie­se n g s e r und des Klees ist hervorragend günstig. Die Frühobst bäume, sowie auch die Beerensträucher, haben reichlich anqeseht. Die Gimpel (Dompfaffen>, die Den Blütenknospen in anderen Jahren lehr schädlich sind, fehlen in diesem Jahr fast ganz. Man sieht sic nur ganz vereinzell Die Kirschbäume blühen seit Anfang Der Woa'

t rterskirchen, 23 April. Gutem Vernehme: ach wird Pfarrer Hohgräfe, Der feit Jahr-, iten in unserer Gemeinde segens­reich wir!: uns demnächst verlassen und nach A s s e n b i bei Friedberg versetzt werden. Der Dortige Gastliche, Pfarrer Breunlin, ist als fein Rachfolger in unserer Gemeinde in Aussicht genommen.

KrciS Büdingen.

2x Büdingen, 23. April Seit Begrün dieser Woche ist man wieder zum alten Lehr­plan des humanistischen G t>m na- s i u m s, wie er feit einem Jahrhundert bestand (feit 1822). zurückgekehrt. Man ist hiermit all­gemein in Eltern- und Lehrerkreisen sehr be­friedigt. Die Einrichtung des Lehrplans des sog.

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Vier Temperamente

oder

Cs kommt nicht auf das Mas an, sondern ans das Wie.

Don Dr. med. Waldemar Schweisheimer.

Es besteht eine ganz leichte Halsentzündung.

Die Schleimhaut ist etwas geschwollen, kaum gerötet Ein kleines, rötliches Bläschen auf dem einen Gaumenbogen. Kein Fieber. Geringe Schluckschmer­zen. Sonst alles in Ordnung.

Der objektive Befund ist also sehr gering. Aber im Leben kommt es nicht so sehr auf das objektive Was an, als auf das subjektive Wie. Jeder erträgt das gleiche Was in anderer Weise.

Und keiner kann ihm helfen, eine wirkliche oder eingebildete Last leichter zu tragen nur vielleicht er selbst

Sanguiniker.

Der Doktor sagt, es ist nichts Schlimmes. Ich dachte mir ja gleich, daß weiter nichts dahinter steckt Ein bißchen Rachenkatarrh, eine kleine Er­füllung. Man hat glücklicherweise eine gesunde Ra- tur. Fieber und so, das gibt's bei uns hall doch nicht

Zu Hause bleiben? Auch schön, da können wir einmal in Ruhe unsere liegengebfiebenen Briefe erledigen. Nichts ist ja angenehmer, als so ein bißchen krank zu sein, ohne daß einem etwas fehlt. Ein Ferientag, der unversehens vom Himmel ge­schenkt wird.

Das Schlucken schmerzt ein bißchen. Ist aber schon wesentlich besser! Ich freue mich schon, wenn man wieder richtig schlucken kann. Da wird einem Essen und Rauchen erst den richtigen Spaß machen. Man ist ja so undankbar. Weiß gar nicht, wie gut man'5 immer hat. Es ist ein Segen, daß so ein Tag nicht ganz fester Gesundheit das richtig zum Bewußt­sein bringt. 9m Wechsel liegt die Würze.

Die Schmerzen sind tatsächlich schon fast ver­schwunden. Dieser Doktor mit seinen Tabletten kann

Mittag- und Abendessen Fürstenberg-Bräu Gut gepflegte Weine

doch allerhand machen. Man sollte eigentlich zu Hause bleiben. Wer es geht wirklich so gut, daß ich die Karte für heute abcno nicht verfallen lassen will. Bielleicht ziehe ich einen wärmeren Mantel an.

Zigarre? Man sollte nicht. Aber warum nicht? Schmeckt ausgezeichnet. Und Rauch des­infiziert ja die Mundhöhle!

Phlegmatiker.

Rein, wie ich müde bin! Ich kann mich nicht vom Sofa erheben. Schon das Bewußtsein, krank zu sein, macht mich ganz müde und schläfrig. In allen Knochen. Am besten wäre es, ins Bett zu gehen. Aber ich stehe hier nicht auf.

Der Doktor meint, ich könne ruhig essen und trinken, auch wenn es etwas schmerzte. Aber es ist ja nicht der Mühe wert. Bis man da schon aufsteht und anordnet. Ruhe ist hier die erste und gescheiteste Pflicht.

Die Tabletten nehme ich nicht. Das hat ja doch keinen Zweck. Solche Krankheiten werden entweder von selbst wieder gut oder sie gehen gleich schlecht aus. Machen kann man da dach nichts. Auch den Halswickel lasse ich fieber fein. Bis man nur das Tuch feucht macht und den Guttapercha zusammen- gelegt und das Wolltuch findet! Wo Sicherheits­nadeln sind, weiß ich auch nicht. Es wird schon wieder gut werden.

Am besten ist es, man verschläft die ganze Krank­heit, und damit will ich--auch--gleich

----anfang-----

Choleriker (am Telephon).

Wie 'bitte? Fräulein, ich verstehe kein Wort!--

Ach, Du bist's, lieber Freund!

Schlecht, hundsmiserabel! Ich kann kaum ein Wart sprechen, so eine elende Halsentzündung h.ibe ich.

Ja, er mar vorhin da. Ich Darf heute Den ganzen Tag nicht aus dem Hause!! Dazu brauche ich doch keinen Doktor. Wenn ich zu Hause bleibe.

ins Bell gehe, wird das selbstverständlich von selbst wieder gut.

Rein, er will mich nicht ausgehen lassen. Gerade mir muß das passieren! Ausgerechnet heute'. Wo wir heute eine so wichtige Konferenz haben. Wenn fa ein Doktor was könnte, würde er einem was in den Hals pinseln, und fertig wäre die Sache.

Nein, du hörst doch, daß ich nicht sprechen kann. Essen kann ich auch nicht, trinken tut mir weh, rauchen darf ich nicht. Ich sage nur, daß immer i ch es bin, der jeden Augenblick krank ist, daß immer meine Geschäfte zugrunde gehen müssen, weil meine schwache Natur mir jedes Dispo­nieren unmöglich macht. Das ist doch kein Leben! Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Der eine ist i m m e r gesund, und mir fehlt immer etwas.

Was, ich sei sonst kerngesund? Aber verstehe doch, in welcher Gemütsverfassung ich bin, wo ich seit gestern abend unaufhörlich zu Hause bin. Bei mir im Geschäft geht sicher alles Drunter und Drüber. Es ist nicht nötig, daß Du anrufft, wenn Du mir immer nur Unannehmlichkeiten zu sagen hast---

Fräulein, wenn Sie noch einmal immer Die Leitung unterbrechen, beschwere ich mich beim Amt. Sie hören Doch, daß ich fein Wort sprechen kann!

* Melancholiker.

Dieser Doktor hat mir nicht die Wahrheit gesagt!

Das ist ausgeschlossen, daß cs sich hier um eine leichte Halsentzündung" handeln kann. Diese wahn- sinnigen Schmerzen, bis ins Ohr hinein und Den ganzen Nackenmuskel hinunter. Es ist doch etwas Verruchtes, daß man so wehrlos dem Ansturm jedes winzigen Bazillus ausgesetzt ist. Meine ganze Kon- stitutton erträgt derartige Dinge auch gar nicht. Vor zwei Jahren erst hatte ich eine schwere Grippe, vor fünf Jahren eine heftige Mandeleiterung. Der Mensch ist eben ein schlaffes Segel im Wirbelwind des Lebens.

Schlucken kann ich keinen Bissen. In kürzester Zeit führt das zu einer Unterernährung, Die jede

Krankheitseinwirkung doppelt gefährlich macht. Flüssige Nahrung soll ich nehmen? Wie kann ich Das denn, wenn jeder Schluck mir Höllenpein be­reitet, und der dabei entstehende Druck aus den Krankheitsherd die Erreger vielleicht erst in die Blutbahn hineinpreßt.

Die Tabletten, die der Doktor mir verschrieben hat, nehme ich natürlich nicht. Solches Zeug ver­giftet ja den Körper von Grund aus. Helfen kann es niemals, denn bis das mit dein Blut wieder an die entzündete Stelle kommt, ist es ja längst wir­kungslos. Diese Aerzte immer verschreiben, nur, damit etwas geschieht!

Wenn ich langsam schlucke, fühle ich deutlich, daß Der eine Gaumenbogen gelähmt ist. Er arbeitet nicht. Zweifellos ist da Der Nero bereits gelöhnt; Dann kommt immer alles in die falsche Kehle Wenn das nachts passiert, ersticke ich im Schlaf. Ich muß eine Nachtwache haben. Woher das lommt, diese Lähmung, sagt Der Doktor nicht. Mit dieser hinter- hältigen Schonung wird der Kranke erst recht zur Verzweiflung getrieben.

Arn bedenklichsten ist es, daß kein Fieber besteht! Das ist ein trauriges Zeichen für die schwache Reaktionsfähigkeit meines Körpers. Richtiges -Fieber das zeigt wenigstens an, daß sich der Körper ordenttich wehrt. Mein Körper macht nicht einmal den Versuch zum Widerstand.

Ein Bläschen im Hals, sagt der Doktor? Dieser gleihnerische Schurke! Zum Glück habe ich selbst im Spiegel beobachtet, was hier auf der entzündlichen, geröteten Schwellung entsteht. Ein Auswuchs. Deutlich erhaben, nicht scharf abgegrenzt, anscheinend ins Gewebe freßend. Krebs! Eine Krebs­geschwulst Des Rachens. Und damit vergleiche man, was der Doktor mir sagte!

Die Berufe dieser vier Typen? In jedem Beruf sind alle vier Typen vertreten. Eines nur ist sicher: Zu den Melancholikern gehört unbedingt der kranke Arzt selbst.

Vor und nach dem Theater

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Universitäts-Restaurant

Plockstraße 5 Inh.: F. C. Günther Fernsprecher 198

Saal und Räume für private und gesellschaftliche Veranstaltungen