Ausgabe 
23.10.1925
 
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Verbliebenen: geb. Lotz.

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Nr. 2|9 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Mtag, 23. Gttober (925

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Wehrhaftigkeit

Don Geh. Legationsrat von der Decken.

Wenn die soeben beendeten Verhandlungen in Locarno in Wahrheit 6cm Frieden dienen sollen, so wird in Zukunft das Verhältnis der Rüstungen in den verschiedenen Staaten Europas nicht unerörtert bleiben dürfen. Diese Gelegenheit sollten die deutschen Vertreter be­nutzen, um auf die ^lnhaltbarkeit des jetzi­gen Zustandes in Deutschland hinzuweisen. Wenn sic dabei die Forderung erheben, Deutschland mindestens den gleichen Grad von Wehrhaftig­keit zuzugesichen, der von der neutralen Schweiz in Anspruch genommen wird, so werden sie mit Recht betonen können, das; diese Forderung mit sogenanntem Militarismus nicht das geringste zu tun hat, vielmehr auch von den eifrigsten Pazifisten mit voller Entschiedenheit gestellt werden must, und das nicht, obwohl er Pazifist ist. sondern weil er Pazifist ist.d. h. also ein Mann oder eine Frau, die in ernster Weise danach streben, d'.c Entstehung künftiger Kriege unA die Wiederholung eines Blutvergießens, wie wir es im Weltkriege erlebt haben, mit allen Mitteln zu verhindern. Auch der eifrigste Pazi­fist, der nicht in Wölkenkuckucksheim lebt, sondern fest auf dem Boden unserer alten Mutter Erde steht und den Bedürfnissen seiner eigenen Volks­gemeinschaft Gerechtigkeit widerfahren lassen will, muß unbedingt verlangen, daß sein Volk in der Lage ist, sich gegen Angriffe feindlicher Rach- barn mit Erfolg zu wehren. Aichts anderes aber verlangt der Begriff der Wehrhaftigkeit. ..Wehre Dich, wehre Dich kräftig, wenn man Dich anrennt, einzeln oder in Hausen, wenn Dich ein Schwächling neckt, laß ihn laufen." So lautet ein altes Wort, aus dem stolzes und gesundes Dolksempfinden spricht, und die darin ausge­sprochene sittliche Pflicht, sich gegen ungerechte Angriffe kräftig zur Wehr zu setzen, gilt nicht nur im Daseinskampf für den einzelnen, sondern sie gilt auch für die Völler, llnö daß dem Dölkerfrieden nicht gedient ist, wenn sich mitten im waffenstarrenden Europa ein einzelnes Volk befindet, das wehr- und waffenlos ist, darüber wird wohl eine Meinungsverschiedenheit nicht bestehen können.

Der sogenannte passive Wider st and, den beim Auhreinbruch die waffenlose Bevölke­rung, Arbeiter und Industrielle, Eisenbahner und Schutzpolizei, Staats- und Gemeindebeamte mit heroischem Opfermut den Forderungen der Eindringlinge entgegensetzten, wird für immer ein Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte bilden. Aber gerade der Verlauf dieses eigen­artigen Kampfes, der bald die besten und edelsten der waffenlosen Kämpfer zu Tausenden in fran­zösische Gefängnisse führte, hat den klaren Beweis erbracht, daß nicht passiver, sondern nur a t - liver Widerstand ein Volk gegen rohe Gewalt­tat zu schützen vermag. Aus diesem furchtbaren, aber überaus lehrreichen Anschauungsunterricht, den uns das Schicksal erteilt hat, muffen wir nun aber auch die notwendigen Folgerungen ziehen. Und diele können meines Erachtens nur in dem Entschluß bestehen, unsere Wehrhaftig­keit und Verteidigungsfähigkeit mindestens in dem gleichen Umfange wiederherzustellen, wie er von der neutralen Schweiz für notwendig gehalten wird.

Das Versailler Friedensdiktat hat uns be­kanntlich verpflichtet, die allgemeine Wehrpflicht abzuschaffen und nur ein Söldnerheer von höchstens 100 000 Mann zu halten. Ein Miliz­heer, wie es in der neutralen Schweiz besteht, dessen Angehörige nur wenige Monate aktiven Dienst tun, ist aber etwas ganz anderes, als das auf der Pflicht zu zweijähriger Dienst­zeit beruhende und auf Grund des_ Friedens­vertrages abgefchasste alte deutsche Heer. Man wird daher mit Fug und Recht sagen können, daß ßic Bestimmungen von Versailles mindestens ihrem Sinne nach der Einrichtung und Ausbil­dung einer Miliz nach Schweizer Muster nicht mtgegenstehen, und ich bin der Ansicht, daß die Reichsregierung recht bald eine Gelegenheit tuchen sollte, um diese Auffassung den Signatar­mächten des Versailler Vertrages gegenüber zu vertreten und gleichzeitig mitzuteilen, daß ein Gesetzentwurf, der die Schaffung einer Miliz- Organisation nach Schweizer Muster zum Gegen­stand habe, dem deutschen Reichstag vorgelegt

Gießener Stadttheater.

Die blatte Stunde"

Lustspiel in drei Akten von Felix 2 0 s k n.

Personen: Hans van Adam; Eva, seine Frau. Äerti Schlange, ihre Freundin: Joachim Apel; Sanitätsrat Leidner: das Hausmädchen. Ort )erHandlung: Ich glaubeüberall"! Zeit: Durch die Jahrtausende.

Der Regisseur, der dieses Buch bis hierher mit Aufmerksamkeit gelesen hat, durfte aus den bibli- chen Namen des Personenverzeichnisses ersehen haben, daß es sich nicht tim einen ganz neuen Vorgang handelt. Heute vor 5685 Jahren, genau auf den Tag, hat sich die Begebenheit^abgespielt. Äanz so dürste sich der Fall indes nicht zugetragen haben, wie schon aus dem sehr viel kleineren Per- onenverzeichuis der llebcrliefcrung hervorgeht.

Darum sieht sich der Verfasser genötigt, dem Re­gisseur Aufschluß zu geben, wie er sich die Pcr- onen des Sündenfalles gedacht hat.

Auch auf das Kostüm der biblischen Erzählung durste nicht zurückgegrifsen werden, da der Autor (in sehr wohlanständiger 'Autor ist.

Hans van 21 d a m ist 35 Jahre alt, mit einer sehr hübschen, lieben, jungen Frau verheiratet, wes­halb er and) wenig Gebrauch von ihr zu machen icheint. Er gibt viel auf fein Aeußeres, zahlt pünktlich Miete und reichliches Wirtschaftsgeld und tonnte darum auch nie auf öen Gedanken kommen, daß feine Frau nicht glücklich fei.

Eva ist 25 Jahre alt. Der männliche Parkett- iefucher spitzt bei ihrem Anblick die Lippen, wäh­rend die Dame neben ihm den Mund mehr in die Sreitc zieht. Daraus geht leider hervor, wie hübsch Eva angezogen ist. Jedoch trägt sie im dritten Akt las gleiche Kleid wie im ersten.

Qerti Schlange, kaum älter als Eva, for­dert den Parkettbesucher (es ist wieder von dem männlichen die Rede) zu wenig höflichem Vergleich nit feiner Begleiterin heraus. Er wird aber bald rfennen, daß ihm der anständige Spatz in der Hand lieber ist, als die wilde Taube auf dem Dach. Seine Nachbarin dagegen wird sofort auf den Theaterzettel schauen, um nachzulesen, welche Mode­firma die drei Toilctetn (Bertis lieferte.

werden solle. Die Reichsregierung sei der An­sicht, daß die Verteidigungsmöglichkeiten, die einem Lande wie der Schweiz zugestanden wür­den, deren Neutralität allseitig garantiert würde, dem deutschen Volk, das in dieser Be­ziehung weit ungünstiger gestellt sei, un­möglich vorcnthalten werden könne, bedrohe kein anderes Volk und könne deshalb auch keinem an­deren Volke begründeten Anlaß zu Einsprüchen geben. In jedem Falle aber handele es sich um eine Lebensfrage des deutschen Volkes, deren Lösung von keiner ihrer Verantwortung bewußten Regierung hinausgeschoben werden könne.

Ich frage die wahrhaften Pazifisten aller Länder, ob eine wirksamere Förderung des euro­päischen Friedens denkbar ist, als wenn ein Sechzigmillionenvolk in der Mitte Europas sich daraus beschränkt, eine Miliz nach dem Muster der neutralen Schweiz einzurichten und damit für die Wehrhaftigkeit, die jedes Volk für sich in Anspruch nehmen muß, eine Form zu wählen, die unter allen ilmftänten nur zu Derteidi- gungszwecken Verwendung finden kann? Ich frage die Pazifisten aller Länder, ob für die allgemeine Abrüstung, die im Friedens­vertrag von Versailles in Aussicht genommen unö auch im Völkerbundsvertrage zugesagt ist, ein besseres Beispiel gegeben werden kann, als durch eine solche Maßnahme? J.lnö ich frage ferner, ob es nickt eine Beleidigung für den Völkerbund träte, wenn man daran zweifeln wbllte, daß er jeder Macht, die einer solchen Maßnahme W derstand entgegensetzen wollte, mit dem ganzen Gewicht seiner Autorität in den Arm fiele?

.Heber die Einrichtungen des Schweizer Miliz-Heeres möchte ich noch einige An­gaben macken und dabei bemerken, daß ich bei einem kürzlichen Aufenthalt in der Schweiz Ge­legenheit genommen habe, mich mit Vertretern der verschiedensten Vvlksklassen über das dortige Wehrsystem und seine Wirkungen zu unterhalten und von allen die Versicherung erhalten habe, daß d'e Erziehung und Ausbildung in den Re- krutenschulen von dem größten Segen für die männliche Jugend der Schweiz fei und daß die Schweiz es außerdem nur ihrer zum Grenzschutz aufgerufenen Miliz zu verdanken habe, wenn fie im Weltkriege ihre Neutralität erfolgreich habe verteidigen können.

Die schweizerische Militärorganifation beruht auf Bundesgesetzen von 1874, 1907 und 1924. Das Miliz-Heer besteht aus dem Auszug, der Landwehr und dem Landsturm. Dem Auszug gehören die Wehrmänner vom 20. bis 32., der Landwehr vom 33. bis 40., und dem Land­sturm vom 41. bis 48. Lebensjahre an. 3m Alter von 19 Jahren muß jeder männliche junge Schweizer die Relrutenprüfung ablegen mit der gleichzeitig eine militärärztliche Untersuchung verbunden ist. Die diensttauglich Befundenen müssen sich im Jahre darauf zum Eintritt in die -R e k r u t e n f ck u le n melden, in denen die militärische Ausbildung ftattfinöct. Der Kursus der Rekrutenlchulen dauert für die Infanterie 65, für die Artillerie 75 und für die Kavallerie 90 Tage. Mit Absolvierung dieses also zwei bis drei Monate umfassenden Ausbildungskurses ist der eigentlichen aktiven Dienstpflicht Genüge geleistet. In den folgenden Jahren der Zuge­hörigkeit zum Auszug finden nur noch sogen, Wiederholungskurse, und zwar im gan­zen sieben statt, die jedesmal elf Tage in An­spruch nehmen. Die Landwehrleute werden zu Wiederholungskurfen nur alle vier Jahre ein» gezogen, während der Landsturm in Friedens­zeiten von jeder Dienstleistung befreit ist.

Eine höchst wichtige Ergänzung für biefe kurze tatsächliche Dienstzeit bildet die Vorschrift, daß jeder Angehörige des Auszuges und der Landwehr verpflichtet ist, in jedem Jahr feiner Schießpslicht in einem Schießverein zu ge­nügen und die Erfüllung der dafür vorgeschrie- benen Bedingungen nachzuweisen. Wer dieses unterläßt, wird zu einem dreitägigen Schieß- kurfus eingezogen.

Besondere Erwähnung verdient endlich noch die M i l i t ä r ft e u e r, die alle diejenigen zu zahlen haben, die wegen körperlicher Gebrechen oder aus irgendwelchen anderen Gründen vom Militärdienst befreit werden. Die Steuer beträgt einmal 6 Francs jährlich als Kopfsteuer und außerdem 1,5 Prozent vom Einkommen und 1,5

Apel: Er ist so alt, wie er gerade Mode ist. Jetzt wird der weibliche Teil der Zuschauer auf­merksam. Alle mochten sich von ihm dasselbe ver­sprechen lassen, was er der Eva verspricht, selbst wenn sie wüßten, daß er höchstens ein Tausendstel davon hielte. Der Herr im Parkett wird unruhig, er nimmt sich vor, seiner Begleiterin nach Schluß der Vorstellung ein paar ernste, belehrende Worte zu sagen (die aber eindruckslos bleiben werden). Apel ist ausgezeichnet angezogen, man sieht sein Bild häufig im Modeteil der Zeitungen.

Sanitätsrat ßeibner: Alter Hausarzt, also nicht Spezialist, er muß alles können, er be­handelt nach der alten Methode in der weisen Er­kenntnis, daß die neue auch nicht besser ist. Nack) seiner Ansicht gibt es keine neuen Krankheiten, son­dern nur neue Krankheitsnamen. Da er keinen solchen Namen entdeckt hat und bescheiden in seinen Liquidationen ist, wird er nie Professor werden, aber man möchte ihn dock; zum Hausarzt haben.

Mit dieser Gebrauchsanweisung des Autors und unter Zuhilfenahme alter Erinnerungen aus der Religionsstunde der untersten Schulklasse ist eigent­lich schon alles klar, was geschehen ist und soll. Blaue Stunde" heißt das Stück deshalb, weil Frau Eva den ganzen Sündenfall zwischen Nach­mittag und Abend in der blauen Stunde träumt . .

Abgesehen von der Fehlbesetznng der Hauptrolle der Eva durch Ise Oßke, die hier (schon rein körperlich) zu schwer wirkt, stand über der Auffüh­rung ein glücklicher Stern. Es sei mit Freude be­grüßt, daß man den Vorhang zu Aktbeginn und Schluß vermied und mit Licht arbeitete. Es sei mit Freude begrüßt, daß man in der Dekoration alles unnnötige Beiwerk fortließ und so eine vornehm­einfache Geschlossenheit des Bildes erreichte. (Zwei Vasen auf dem Schrank sind noch zuviel da. Die Statue allein tut es viel besser.) Es sei mit Freude begrüßt, daß alle Darsteller den Text beherrschten und in flottem Konversationston ihre Rollen flott herunterspielten. Das mögen sich Adolf T e l e f i) (Spielleitung), Karl Löffler (Dekoration) und Ludwig Seim (Beleuchtung) zu gleichen Teilen als Plus anrechnen.

pro Mitte vorn Vermögen. Vom 20. bis 32. Lebensjahr ist der volle Betrag, vom 33. bis 40. Lebensjahr der halbe Betrag zu entrichten.

Bei einer Beurteilung der Schweizer-Militär­organisation wird man meines Erachtens zu dem Ergebnis kommen müssen, daß die Anforderungen, die sie an den einzelnen Wehrmann stellt, so niedrig wie möglich gehalten sind, daß sie aber trotzdem geeignet erscheint, die Wehrhaftigkeit des Volles und den besonderen Verhältnissen der Schweiz in ausreichendem Maße gewährleisten.

Rach meiner ileberjeugung ist die Schaffung eines Milizheeres nach dem Muster der Schweiz, wenn auch selbstverständlich mit Regelung im einzelnen in Anpassung an die besonderen deut­schen Verhältnisse für das deutsche Reich in der Lage, in der es sich zur Zeit nun einmal befindet, der richtige Weg, um die unbedingt notwendige Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes wieder her- zustetten und der deutschen männlichen Jugend ein schlechterdings unentbehrliches Mindest­maß militärischer Ausbildung und Erziehung angedeihen zu lassen.

Deutsche Auslandwahlen.

In den letzten Wochen, in denen die Ver­handlungen von Locarno das Gesamtinteresse zeitweilig auf den Vertrag mit den Westmächten konzentrierten, haben (ich bedeutungsvolle Wahl- entscheidungen im nahen Osten vollzogen, die darum von besonderer Bedeutung sind, weil sie den Beweis wiederum erbringen, wie stark die Teilnahme der deutschen Minderheiten am öffent­lichen Leben der neuen fremden Staatsgebilde hervortritt. Zunächst die kürzlich in Lettland akgehaltenen Wahlen zum lettischen Parlament. Wenn die deutsche Minderheit dabei auch nur fünf, statt der bisher sechs Vertreter ins Parla­ment gebracht hat, so erklärt sich das einmal aus dein erheblichen Anwachsen der lettischen Wählerschaft seit den letzten Wahlen, demgegen­über die Deutschen nicht mit gleicher Erhöhung der Stimmenzahl dienen konnten. Andererseits hat die engherzige Politik der lettländischen Re­gierung gegenüber den im Ausland befindlichen Balten, denen zum Teil unter nichtigsten Vor­wänden die Rückkehr in die Heimat verweigert wird, das ihre dazu beigetragen. Auch im be­nachbarten Estland hat das Deutschtum seinen Willen zur Behauptung des eigenen Volkstums durch die in voller Einmütigkeit vollzogenen Wahlen zum deutschen Kulturrat, der ersten europäischen Minderheitsvertretung, bewiesen.

Die Deutschen in Litauen haben unter dem neuen Kabinett des Prälaten Bistras sowie unter der Unduldsamkeit der ans Ruder gelangten christlichen Demokraten augenblicklich über man­cherlei Schikanen zu klagen. Der in dieser Deutsch­feindlichkeit noch besondere Hehprägung gebende ..Bund der Großlitauer" hatte vor allem im Meine11and sein Augenmerk darauf gerichtet, dem Vollzug der Wahlen zum memelländischen Landtag größte Schwierigkeiten zu bereiten. Ein Bombenanschlag auf deutsche Zeitungsgebäude in Memel, dessen Urheberschaft allein nur auf diese verderblichen Einflüsse zurückzuführen ist, kenn­zeichnet Aur Genüge, wie wenig diese Kreise geneigt sind, die nach Abschluß der Memel­konvention unerschütterlichen Autonomiegrundla­gen zu respektieren. An einen günstigen Ausfall der am 19. Oktober erfolgten Wahlen für dieses überwiegend von deutschgesinnter Bevölkerung be­wohnte Gebiet war von vornherein nicht zu zwei­feln. Die geringe Zahl von Stimmen, die sich auf die wenigen großlitauischen Abgeordneten Vereinte, beweist, wie völlig einflußlos diese Gruppe im Memelland geblieben ist. Die Kow- noer Regierung wird allen Anlaß haben, das deutsche Wahlergebnis nachdrücklichst zu beachten und im Zusammenhang damit den großlitauischen Provokateuren das Handwerk zu legen. Den deutschen Memelländern aber wird es auch fernerhin als nationale Pflicht obliegen, in voller Einmütigkeit aller Kreise und Berufsstände jedes weitere Vordringen der landfremden Elemente avzuwehren und als Treuhänder des Deutschtums auf die Stunde zu warten, in der auch für dieses deutsche Land der Zeitpunkt zur Rückkehr ins alte Vaterland gekommen sein wird.

Die bevorstehenden tschechischen Neu­wahlen ließen die Bemühungen, eine gemein­same Kandidatenliste der deutschen Parteien zu-

Zum lebendigen Mittelpunkt des Spieles wurde Rita Andre als (Berti Schlange. Sie war von einer entzückenden Geschmeidigkeit und Frische, fand bestechende Tone der Ueberlegenheit und Ironie und hatte mehrmals auf offener Szene lauten Bei­fall. Auch Joachim Apel (Willi Hanke) zeigte sich als liebenswürdiger Verführer und später als träger Ehemann von der besten Seite. Karl Juhnke, flotter im Straßenanzug als im Smoking, fand für feinen Adam eine gute Form und gefiel in gleicher Weise. Karl Vo 1 ck als Sanitätsrat Leidner war der Hausarzt, wie erim Buche" steht. Daß Ise Oßke mit der ihr ganz wesensfremden Rolle der Eva nicht fertig wurde, ist, s. o., nicht ihre Schuld.

Das gutbesetzte Haus folgte der Aufführung mit lebhaftestem Interesse und rief die Darsteller zum Schluß immer wieder vor die Rampe. es.

Anekdoten von Locarno.

(Don unserem Pariser W. S.-Äorrefbonbenten.)

Paris, den 22. Oktober 1925.

Die französischen Zeitungen und Zeitschriften sind voll Anekdoten und Geschichtchen von der Konferenz von Locarno. Rachstehend eine kleine Auslefe hiervor.

Die beiden italienischen Delegier- t e n machten eine kleine Dampferfahrt nach Ca- nobio. Auf der Rückreise mußten sie durch den italienischen Zoll. Beide Minister kümmerten sich jedoch nicht darum, fonöern fuhren ruhig weiter, bis ein italienisches Kanonenboot ihr Schiff mit Gewalt zum Halten brachte. Einer der Zoll­beamten forderte den Minister Grandi auf, mit ihm zur Wache zu kommen.Erkennen Sie mich denn nicht? Wir sind die Minister Scialoja und Grandi."Diele Witze kenne ich. Ich fordere Sie jetzt zum letzten Male auf, mitzu- kommen." Es blieb den beiden Ministern nichts übrig, als sich zum Spezial-Kommissariat von Eanolio zu begeben. Dort klärte sich der Irrtum natürlich sofort auf. Der arme Zollbeamte wurde vor Schreck ohnmächtig.Sie werden morgen von mir hören", fuhr der Minister den unglücklichen

stände zu bringen, anfänglich als äußerst aus­sichtsreich erscheinen. Leider haben diele Ver­handlungen sich in letzter Stunde zerschlagen, nachdem bereits in der Vorwoche die deutschen Sozialdemokraten ihre Absage verkündet hatten. So gibt diese Zersplitterung der Deutschen leider ©teberum dem Sudetendeutschtum nicht die Mög­lichkeit, eine der Bedeutung des deutschen Ein­flusses im Böhmerland entsprechende Zahl von Sitzen im Parlament zu erkämpfen.

Die chinesische Zollkonferenz.

Kaum sind die Akten in Locarno geschlossen, und schon treten auf der anderen Erdhälfte die Staatsmänner der Großmächte wieder zu einer Weltkonferenz zusammen, welche über das Schick­sal eines Vierhundertmittionenvolkes entscheiden soll. Die chinesische Zottkonserenz am 25. Oktober wird darüber zu beraten haben, ob man daS Reich der Mitte künftig als selbständige Groß­macht anerkennen oder weiterhin unter der Vormundschaft der Mächte halten sott. Rachdem die Kriegsschiffe der Fremden 1842 den verschlossenen chinesischen Kontinent aus- gebrochen haben, ist das Land mehr und mehr unter die Vorherrschaft der fremden Kon­zessionen gekommen, bis der Weltkrieg und der japanisch-engl'.sche Boykott eine entscheidende Wendung herbeigeführt haben. China zeigte, daß eS nicht mehr gewillt war, die fremden Sch ul d- feffeln zu tragen, und die Mächte sahen fick nun­mehr genötigt, ihre Chinapolitik einer gründlichen Revision zu unterziehen.

Die Forderungen der Zollautvnomie formulierte der chinesische Delegierte auf der Konferenz in Washington am 29. Rovember 1921 in folgender Weife: Erhöhung des gegenwärtigen Einfuhrzolles von 5 auf 12l/3 Prozent. Abschaf­fung des Dinnlandzottes und Differenzierung der Zölle für Luruswaren. Festsetzung eines Höchst - zottes von 25 Prozent: bis zu einer Höchst­grenze genießt China volle Tariffreiheit. China nimmt erst im Verlauf von zehn Jahren seine Zollhoheit in Anspruch und garantiert den Zinsendienst d:r fremden Anleihen. Auf diesen Programmpunkten basieren die Zusagen der von der chinesischen Regierung am 24. Juli zur China- konferenz eingeladenen Rationen. Die weiter- gehenden Forderungen auf eine Diskussion der Exterritorialität und der Aufhebung der Vertragshäfen, welche unter dem Drucke der nationalen Bewegung voü der Regierung gleichzeitig gestellt wurden, sind von den Mächten nur unter Vorbehalt angenommen wor­den und dürften die kihlichsten Punkte der bevor­stehenden Konferenz bilden. Auch ohnedies wird es für China einen harten Kampf kosten, feine Forderungen durchzufetzen, da von den Verlangten wirtschaftlichen Zugeständnissen alte inter­essierten Wirtschaftsmächte, Rußland und Deutsch­land ausgenommen, gleich stark betroffen werden.

Die Erlangung der Zottautonomie würde den letzten Schritt einer Entwicklung bedeuten, welche die Emanzipierung der chinesischen W ir t schas t von der europäischen Bevormun­dung bezweckt. Bereits beute ist dieser Prozeß soweit fortgeschritten, daß man von einer Vor­herrschaft des fremden Kaufmannes schlechter­dings nicht mehr sprechen kann. Von der Aus­schaltung der am Weltkriege aktiv beteiligten Völker vom chinesischen Markt hat vor allem die einheimische Kaufmannschaft Rutzen gezogen, die öen neu auftretenden amerika­nischen Rebenbuhler ziemlich mühelos aus dem Feld? schlug. Die Liquidierung der zahlreichen industriellen Llnternehmungen, die im Zusammen­hang mit den durch den Weltlrieg verursachten Geldsckwierigkeiten und rer Furcht vor inneren Llmwälzungen erfolgte, brachte zahlreiche euro­päische Unternehmungen in chinesische Hand, und nach ihrem Dorbilde wurden viele neue Gesell­schaften ins Leben gerufen. Die fremden Firmen hängen schon heute in China Völlig in der Lust und find durchaus auf d'e überlegene Erfahrung und die Geldmittel des Kompradors angewiesen, der ursprünglich nur ihr Angestellter war. Die Finanznot der Pekinger Regierung darf nicht darüber täuschen, daß die chinesische Kaufmann­schaft dank glänzender Kouiunkturgeschäste so sa- luriert dasteht. daß sie den Konkurrenzkampf

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Beamten an. Zum Glück ist es jedoch nur bei dieser Drohung geblieben.

Samstag abend tanzte die Gattin Cha m» berlains im Grand-Hotel mit dem Korrespon­denten desDaily Herald", einem eingetrage­nen Mitglied der Labour Party. Einer der eifrigsten Tangotänzer am gleichen Abend war der Vertreter derRoten Fahne".

Die Journalisten, die zu mehreren Hunder­ten an der Konferenz teilnahmen, machten Sonn­tag einen gemeinsamen Dampferausflug auf dem Lago Maggiore Während des Tänzchens nach dem gemeinsamen Frühstück lieh plötzlich ein Schreckensschrei alle Welt erftorren:Wir sind verraten! Man hat uns erkannt!" - Am Ufer des Sees waren nämlich mit einem Mgle ein Dutzend Enten aufgetaucht, die sich die Jour­nalisten äußerst interessiert ansahen.

Briand ging abends in Locarno gerne ins Kino. Ein Charlot-Film war angekündigt. Als der Besitzer des T^aters jedoch erfuhr, welch hoher Besuch sein Kino beehrte, glaubte er das Programm sogleich ändern zu müssen. An Stelle desCharlot-Films" ließ er Briand zu Ehren einen Film über Syrien vorsühren. bei dem der Gouverneur von Syrien, General Sarrai 1, sehr oft zu sehen war.Den habe ich zu oft gesehen, um ihn nicht ganz genau zu kennen", meinte Briand boshaft. Am nächsten Abend kam er wieder in dasselbe Kino. Vorher aber war ausdrücklich ausgemacht worden, daß dieses Mal der angelünbigtc Charlot-Film gezeigt wurde, .ilnb Briand amüfierfe sich herzlich darüber.

Die Idee von der nunmehr schon historisch gewordenen Dampferfahrt auf dem Lago Mag­giore am Sonnabend nachmittag rührt angeblich von dem französischen Konsul in Basel, Carteron, her. Briand hat sich über diese Veranstaltung besonders deswegen so diebisch gefreut, weil er damit sämtlichen Journalisten ein Schnippchen schlug, weil er sich vor ihren Anfragereien auf diese Weise am besten retten konnte.