Ausgabe 
22.12.1925
 
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Nr. 299 Zweites Matt Siezencr Anzeiger General-Anzeiger für Gberheffen) Dienstag, 22. Vezember 1925

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Die großdeutsche und die Ko onialsrage.

Bon Dr. Paul Rohrbach.

Der Reichskanzler hat seinerzeit in seiner Rede über den Vertrag von Locarno mit deutlichen Wo» tcti den Anspruch betont, den wir aus Beteiligung an den kolonialen Mandaten hätten. Man tonnte demgegenüber fragen, ob es grundsätzlich richtig ist, von Mandaten, statt von der Rückgabe des kolo­nialen Besiges zu sprechen, der uns unter einem chrenkränkcnden und verlogenen Vorwande ge- nonlmen wurde. Indes, man kann ja auch an nehmen, daß der AusdruckMandat" mehr aus taktischen Gründen gewählt und daß in der Sache eine Rückgabe gemeint war. Es ist klar, daß diese Frage in Locarno eine Rolle gespielt hat d. h. sie ist von unserer Seite angeschnitten worden, aber die Gegner haben sich zu nichts verpflichtet.

Kurze Zeit nach der Rückkehr aus Locarno wurde der englische Außenminister Chamberlain auf einem Presseempfang gefragt, ob Deutschland nach Unterzeichnuirg des Vertrages als Völker­bundsmitglied auch ein Kolonialmandat erhalten mürbe? Die Antwort war eigentümlich. Deutsch­land, sagte Chamberlain, stellt für seinen Eintritt in den Völkerbund Bedingungen. Wenn es das täte, so könne es nicht erwarten, daß man es an allen Rechten der Mitglieder beteilige. Sicher ge­hörten die Kolonialmandate zu den Rechten. Ver­zichteten die Deutschen aus ihre Bedingungen, so könnten sic auch ein Mandat haben,wenn eins frei mürbe". Diese letztere Wendung ist natürlich nur eine Rebensart.Freiwerden" eines Mandats heißt praktisch . nichts anderes als Herausgabe durch England oder Frankreich.

Es ist merkwürdig, daß diese doch ganz unmiß- verständliche Aeußerung Chamberlains in Deutsch­land nicht ausgiebiger beachtet worden ist. Sie heißt nicht mehr und nicht weniger, als daß Eng­land bereit ist, über koloniale Restitutionen mit uns zu verhandeln, wenn wir aus unsere Vorbehalte oder Bedingungen zu dem bekannten Artikel 16 der Völkerbundsakte verzichten. Artikel 16 enthält für uns die Frage, wie wir uns, im Falle daß der Völkerbund eine gemeinsame Aktion gegen Rußland beschließt, dazu stellen sollen. Theoretisch kommt natürlich jeder beliebige Staat als Objekt einer Aechtung durch den Völkerbund in Betracht; praktisch will England aus diese Weise versuchen, die russische Gefahr für seine Besitzungen und seine Interessengebiete, namentlich in Asien, zu beseitigen. Es Hot jetzt eben in China erfahren, welch eine gefährliche Kraft die nationalchinesische Boykott­bewegung gegen die englische Schiffahrt und den englischen Handel dadurch zu entfalten imstande war, baß sowjetrussische Kräfte sich ber Organisation annahmen und nicht nur Vertrauensleute, sondern auch bare Mittel von Moskau geschickt wurden. Der wieg ber Chinesen war so vollstänbig, baß ihnen jetzt aber auf ber Zollkonferenz in Peking die Souveränität in Zollschranken, b. h. bas Recht, Zolltarife unb Handelsverträge mit ben fremden Mächten zu kündigen, eingeräumt werden mußte.

Dieser Erfolg für China ist sehr bedeutend. Es verdankt ihn, wie gesagt, der russischen Hilfe, und ber am meisten leibtragenbe Teil ist Englanb, weil es den größten Anteil am chinesischen Handel hat. Auch in Indien ist die bolschewistische Agitation ben Englänbern gefährlich. Wenn Rußland vom Wirtschaftsverkehr mit ber übrigen Welt ausge­schlossen wirb, wenn ihm also niemanb mehr sein (.Betreibe abkauft unb niemanb ihm eine Ma- fd.-inenanlage ober eine Lokomotive liefert, so kann es bas auf bie Dauer nicht ertragen. Englanb plant bieten Weg. Er ist aber nur gangbar, wenn Deutschland ihn mitgeht. Schließt Deutschland sich aus, so können die Russen auf diese Art nicht

niebergc\uDungen werden. Was Chamberlain meint, iit also dieses: Die Deutschen sollen darauf ver­zichten, von den Verpflichtungen aus Artikel 16 gegen Rußland befreit zu werden, sie fallen den Boykott mitmachen, wenn er erklärt wird, und dafür sollen sic dann Kylonialmandate haben!

Es ist leicht zu sehen, daß auf diese Weise das Geschäft nicht gemacht werden kann. Daß der Bolschewismus em Feind der menschlichen Kultur ist, mag richtig sein. Darum aber sind wir noch nicht verpflichtet, für ein Ei und ein Butterbrot die Engländer aus der Gefahr zu befreien, von ber sie sich bcsonbers bebrohl fühlen. Voraussetzung bafür, baß wir ben Englänbern eine so entscheibenbc Hilfe leisten, sinb noch ganz anbere Dinge. Vor allem muß bic schreicnbe Ungleichheit in ber Bewaff­nung ber europäischen Mächte aufgehoben wer­ben. Äußerbem brauchen wir aber nicht nur Kolo­nien, fonbern wir brauchen auch eine anbere O st grenze als die jetzige, bie uns bie Hälfte von Oberschlesien raubt unb unteren staatlichen Körper enkzweischneidet. Roch wichtiger ist bie Anerken­nung bes Rechtes für unser Volk,, bas gegen seinen Willen in politisch getrennte Stücke auseinanber- gehalten wirb, sich in ein großes nationales Ganze zu vereinigen. Den entjcheibenben Anfang bazu muß ber Anschluß Oesterreichs an bas Reich bil- ben. In ganz Oesterreich hört man heute nur eine politische Losung: beim ins Reich. Wir müssen eine Gewähr bafür haben, baß wir von neuem eine felbftanbige Macht werben, bie Herr ihrer politischen Entschlüsse ist, unb vor allen Dingen müssen wir, was Rußlanb angeht, auch barüber Sicherheit haben, baß nach bem Enbe bes Bolsche­wismus bort nicht eine Orbnung ber Dinge entsteht, bei ber wir einseitig benachteiligt sinb.

Rußlanb ist burch ben Bolschewismus sowohl lanbwirtschaftlich als auch inbuftriell so stark her­untergebracht worben, baß mit ben Kräften ber Sowjctregierung, trotz aller geschickten Reklame, ber Schaben nicht geheilt werben kann. Für bie rus­sische Wieberhcrstcllung sinb eine große Menge Krebite unb eine große Menge geschulter Kräfte nötig. Den ersteren Bcbarf können wir nur zum kleinen Teil, liefern, ben zweiten aber in unbe­grenzter Menge. Dasselbe gilt für ben lanbwirt- schaftlichen unb für ben industriellen Apparat. Zwi­schen ber Lage Englanbs unb ber unsrigen besteht in biefem Fall ber Unterschieb, baß England, stark bedroht, nicht gut noch lange warten kann, bis es sich von ber russischen Gefahr befreit sieht, wir aber mit bem Abschluß eines Kolonialabkomrncns keine Eile haben, unb ebensowenig mit ber Verwirk­lichung bes Anschlusses von Oesterreich. Für uns ist es nur von Vorteil, wenn bie Situation nach ber einen wie nach ber onbern Seite stärker uns­re i f t. Gewiß, bie Oestcrrcicher warten, unb auch unsere alten Schutzbefohlenen, die Eingeborenen in unseren Kolonien, warten sehnsüchtig. Sie müs­sen dasselbe lernen wie wir: heute sich in Geduld fassen, damit morgen bie Vereinigung um so siche­rer, vorteilhafter unb bauerhafter ausfallen kann.

Belgischer Brief.

Von unserem belgischen ^.-Berichterstatter. (Rachbruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Die belgische Kammer wirb sich bemnächst mit einem Gesetze zum Schutze ber schwarzgelbroten Nationalflagge beschäftigen unb mit ber Braban sonne, ber musikalisch sehr unbebeu» ben belgischen Nationalhymne. Nach diesem Gesetze kann jeder Bürger, ber bie Nationalflagge ober bie Brabanoonne beschimpft ober beleibigt, zu einer Ge­fängnisstrafe von 15 Tagen bis zu 3 Monaten unb zu einer Gelbstrafe von 50 Franks verurteilt werben. Beamte können mit hoppelten Sätzen rechnen.

Dieses Gesetz ist bie Reihe mehr ober weniger unerquicklicher Vorgänge, bie sich in flämi­

schen Städten abgespielt haben. Wiederholt wurde von den flämischen Nationalisten, die nur die eigene Fahne ein schwarzer Löwe Ruf gelbem Hintergrund anerkennen wollen, die bel­gische Trikolore ausgepfiffen und foejar herunter­geholt. Der ernsteste Zwischenfall ereignete sich in der ostflämifchen Stadl Ä a l st. Diese Stadl war wahrend einiger Zeil ohne Bürgermeister, und der Stadlral van Opdenbosch, der einer der bc- fanmeften Führer der flämischen Nationalisten ist, Halle zeilweilcn die Führung ber Stabl in Hän­den. Nun wirb alljährlich in Flanbern am 11. Juli der Schlachl ber golbenen Sporen gebucht. Man kennt bie Geschichte: Am 11. Juli 1302 würbe bie französische Armee in ber Nähe von Kortryk von ben flämischen, schlecht ausgerüsteten Truppen gc schlagen. Siebenhunbert französische Ritter, bic gol- bene Sporen trugen, ließen bort ihr Leben.

In vielen flämischen Gemcinbcn ist ber 11. Juli schon eine Art Nationalfeiertag geworben. Auch in Aalst war bies der Fall, und so kannte man in diesem Jahre vom Rathaus der Stadt die belgische Nationalflagge neben ber flämischen Löwenslogge wehen sehen. Auch Stabtrat van Opbenbasch sah bies, unb cs ärgerte ihn sehr. Mit biefein rein nationalen flämischen Feiertag hatte nach feiner Meinung bic belgische Trikolore nicht bas geringste zu tun, unb als stellvertretender Bürgermeister er­teilte er kurzerhand den Befehl, die 'Nationalflagge wieder einzuziehcn.

Da war die Empörung groß bei den belgischen Patrioten. In der Kammer wurde interpelliert. Der Minister des Innern antwortete und sagte, man könnte für Herrn van Opdenbosch nur bas Schweigen der Verachtung übrig haben. Und dies fanden bie Abgeordneten auch. 'Nur bie fünf flä­mischen Nationalisten, bie ben Kampsfür 3lanbern gegen Belgien" führen, schwiegen nicht unb hulbigten ihrem Gesinnungs­genossen, ber natürlich sofort als ftcUvertretenbcr Bürgermeister von Aalst avgesetzt würbe. An seiner Stelle würbe ein nationalistischer Belgier ernannt unb bicse Ernennung gefiel ber Mehrheit ber Stadtverorbnelen gar nicht. Ein Teil von ihnen streikte sogar, unb es wirb nun wiebcr in ber Kammer interpelliert.

Die flämische Frage ist unb bleibt bas heikelste aller belgischen Probleme. Die Flamen ber katho­lischen ober liberalen Partei wollen eine friebliche Lösung, obwohl auch sie teilweise sehr rabitale Ansprüche hegen. Nur bie Nationalisten, bie in berFrontpartei" vereinigt sind, bleiben Feinbe jebes Kompromisses. In einer Angelegenheit sinb übrigens alle Flamen sich einig: In ber Boy­kottierung ber Genter Universität. Seit Jahrzehnten forbern bie Flamen aller Par­teien eine eigene flämische Hochschule. Sie haben sie noch immer nicht bekommen. Bor einigen Jah­ren wurde die in Gent existierende französische Uni­versität teilweiseflämifiert". Mit einer derartigen Zwischenlösung ist den Flamen aber nicht gedient. Kein Dutzend Studenten haben sich gemeldet. Die katholischen Studenten bleiben der katholischen Alma Mater in Löwen treu, solange nicht Gent gänzlich flämisch sein wird. Die übrigen flämischen Studenten studieren in Brüssel oder in Gent aber nicht an der flämischen Karikatur-Universität.

Camille Huysmans, der jetzige belgische Kultusminister (er ist ber eigentliche Führer ber flämischen Sozialbemokraten) hat vor kurzem einen Versuch unternommen, bie flämische Genter Univer fität etwas populärer zu machen. Er hat kurzerhand eine Reihe anti-flämischer Professoren nach Hause geschickt unb bekannte Flamen an ihre Stelle ge­setzt. Bei ben Flamen war bie Zufriebcnheit groß. Aber bieBelgicisten" tobten vor Wut. Natio­nalistische Stubenten versuchten wiederholt die Kollegien der neuen Professoren zu stören. Mit mehr ober weniger Erfolg. Noch vor einigen Tagen

drang eine Bande Studenten in das Kollegium eines der neuen Professoren und machte einen der­artigen Radau, daß her Professor feine Vorlesung unterbrach unb die Universität verließ. Er mürbe auf bem Wege nach feiner Wohnung begleitet von der pfeifenden unb lobenben Banbc. Vor seinem Hause wurde der Skandal fortgefegt, unb ein Stu­ben t brang durch den Garten in die Wohnung. Dort wurde er aber von dem flämischen Professor schwer verprügelt unb schließlich ber Polizei übergeben.

In der jüngsten Zeit hat der Straßenkampf sich, mehr als bisher, übertragen in bas katholische Lager. Die jüngeren Geistlichen in Flandern lind fast ausnahmslos leidenschaftliche Verteidiger der flämischen Forderungen. Sic haben deshalb wie­derholt Schwierigkeiten mit ihren kirchlichen Vor gesetzten gehabt, und vor kurzem haben die belgi­schen Bischöfe noch ein Rundschreiben an alle Vorsteher bei katholischen Priesterscininare gc fanbt, um ben flämischen Nationalismus scharf zu verurteilen.

So geht ber Kamps weiter. Oer Kampf, der nach unlerer Meinung erst an bem Tage enben wird, an dem Flandern wenigsten bic kulturelle Autonomie bekommen haben wirb.

Ein paar Worte können hier noch über bie Wahlen zu den P r o v i n z i a l r ä t c n. bie im vorigen Monat ftattfanben, gesagt werben. Von einem Wahlkampf hatte man diesmal kaum etwas gespürt. Das sonst bei allen Wahlen so leidenschaft­liche belgische Volk benahm sich ganz ruhig ver­mutlich, da es die Bedeutung dieser Wahlen noch nicht recht zu würdigen verstand.

Cs gab eine Zeit, wo die Wahlen ber neun belgischen Provinzen tatsächlich ohne größere Be- beutung waren. Kein Mensch kümmerte sich um biefe Instanz unb noch weniger um bic Wahlen. Meistens würbe nur bie Eröffnungssitzung in ber Presse erwähnt, beim bei ber (Gelegenheit hielt ber Gouverneur ber Provinz (in Preußen würde man ihn Regierungspräsident nennen) eine Rede und dem Publikum genügte bies vollstänbig. 'Allmählich würbe aber bie Bebeutung dieser Körperschaft doch größer als ihr Vorstand, die aus besoldeten Mit- gliebern bestehendebeständige Kommission", das Recht bekam, bie Entscheibungen ber Gemeinderäte anzufechten. Für manche große Stabt war dies eine sehr unangenehme Sache. Wenn z. B. in Ant­werpen, wo bic .Katholiken nur eine winzige Minorität in bem ©cmeinberat bildeten, von her liberal-sozialdemokratischen Majorität eine wichtige Entscheidung gefaßt wurde, konnte biebeftänbige Kommission", die in ber Provinz Antwerpen ha pt- sächlich aus Katholiken bestaub, zu jeher Zeil bicse Entscheibung rückgängig zu machen. Die Folge war, baß ber Kampf um bic Provinzialräte lebhafter würbe, obwohl bie politischen Parteien nie baren beichten, prominente Führer für bicse Körperschaft zu tanbibicren.

Die Bebeutung ber Provinzialräte wurde noch größer durch das Gesetz vom 29. Oktober 1921, bas diesen Instanzen das Recht erteilte, für jede 200 OUU Einwohner ein Mitglied in den belgischen Senat zu ernennen, bis zu einem Höchstsatz von 5 Sena­toren pro Provinz. Der jetzige Senat zählt 153 Mitglieder. 93 wurden von ben Wählern ernannt unb 40 von ben Provinzialräten. Die zwanzig übrigen Senatoren würben gemäß bes Gesetzes von ben beiben ersten Kategorien zusammen., ge­wählt ober kooptiert. Es ist nun selbslverstäiibkich, baß Provinzen mit einer klerikalen Mehrheit meistens Katholiken in ben Senat entjenben, ui d baß Provinzen mit einer anti-klerikalen Mehrheit bas Gegenteil tun. Da bie Provinz immer noch klerikaler ist, als bie Stabte, würben im großen ganzen nach ben vorigen Wahlen von ben Provin­zeilräten 21 Katholiken, 12 Sozialbemokraten in d 7 Liberale in ben Senat entsanbl. Der Senat selbst zählt 93 katholische, 52 sozialbemokratische und

wie poris Weihnachten seien.

Don Werner Sinn- Paris.

Paris, Ende Dezember 1925.

Wer noch das Paris der Vorkriegszeit kennt, weih, wasReveillon" höiht. In des Wortes eigentlicher Bedeutung ist Reveillon eine außer­ordentliche, nächtliche Mahlzeit, die besonders nach der Mitternachtsmesse in der Weihnachts­nacht gehalten wird, und die seit einigen Fahren in Paris wieder sehr in Ausnahme gekommen ist. Der Gastgeber und die Cingeladenen woh­nen gemeinschaftlich der Mitternachtsmesse bei, woraus sie ein besonders gutes Essen einnehmen, bei dem außer Pute auch die geröstete, ganz gewöhnliche schwarze Bratwurst nicht fehlen darf.

Wie in den Rachkriegsjahren soll auch in diesem FahreReveillon" wieder groß gefeiert werden. Feder echte Pariser, vom reichsten Mann bis zum kleinsten Beamten, der es sich nur einigermaßen leisten kann, tut sich mit Freunden und Bekannten zusammen, um daheim oder in einem RestaurantReveillon zu feiern. Die Preise für diese Festessen sind in diesem Fahre recht hoch. Sie schwanken zwischen 30 und 100 Frank in den kleineren und kleinsten Restaurants (dann aber ohne Wein, oder höchstens einschließ­lich Vj Flasche billigen Champagners), sind aber in den großen Lukusrestaurants bedeutend höher, teilweise sogar bis zu 500 Frank, wofür allerdings dann außer einem wirklich ganz außer­ordentlich gut zusammengestellten Festessen nebst einer Flasche Wein eine ganze Reihe Tleberraschungen, kleine Geschenke, Kotillon- artifel und dergleichen den Gästen geboten wer­den, deren Kosten, wie mir kürzlich ein Wirt verriet, schon im letzten Fahre durchschnittlich allein bis zu 60 Frank betrugen. Auch der ge­schmückte Tannenbaum bürgert sich allmählich in Paris und in einem großen Teil Frankreichs immer mehr ein, nicht nur in der Familie, son­dern auch in Restaurants. Doch dient er hier einfach lediglich dazu, um die für die Gäste be­stimmten Geschenke daran aufzuhängen. Fst Re­veillon vorbei, verschwindet auch meist wieder der erleuchtete und geschmückte Weihnachtsbaum. Selbstverständlich spielt der Weihnachtsbaum in Frankreich nicht die wichtige Rolle, wie sie ihm bei der deutschen Weihnachtsfeier zukommt, wie tenn der Charakter einer echten deutschen Weih­nachtsfeier überhaupt grundverschieden ist von dem einer französischen.

Fch habe mich bei einigen der bekanntesten Restaurants nach den diesjährigen Preisen für einzelnefeste" Bestandteile des Reveillon-Fest­essens erkundigt und möchte des Fnteresses halber einiges darüber mitteilen. Die Preise für Weine imb Schaumweine sind dem Borjahr gegenüber fast die gleichen geblieben. Sie schwanken natür­lich ganz außerordentlich je nach Güte des Re­

staurants und der Marken. Wer Paris kennt, kann in einem sehr guten Restaurant schon eine gute Flasche Anjouwein für 10 bis 12 Franks bekommen. Die Preise für weiße und rote Bor­deaux- und Burgunderweine f ttoamen stark nach den einzelnen Sorten. Fahrgängen usw. Ganz gute Bordeauxweine, ältere Jahrgänge wie z. B. echte Chäteau-Bquem. kosten auch in mittleren Restaurants heute allgemein 30 bis 50 Franks.

Die vornehmen Theater veranstalten in die­sem Fahre mehr noch als zuvor Festvorstellun­gen, wobei die Preise zum Teil ganz außer­ordentlich erhöht werden. Fn den großen Re­vue-Theatern kostet z. B. eine Loge (4 Plätze) 10001200 Franks.

Zu Weihnachten sowohl wie zu Rcujahr machen sich die Franzosen gegenseitig die ver­schiedenartigsten Geschenke. Die letzten Wochen vor Weihnachten machen die großen Pariser Kaufhäuser sowohl wie Spezia'geschä te deswegen die allergrößten Anstrengungen und überbieten sich gegenseitig in Auslagen und Reklamen. Be­sonders reichhaltig waren in diesem Fahre die Spielzeugausstellungen ber großen Kaufhäuser, die für die Kinder ganze Etagen eingeräumt und den größten Teil ihrer vielen Schaufenster zu teilweise höchst kunstvollen Aufbauten für Kinder- spielzeug eingerichtet hatten. Bon früh bis spät gehen bie Erwachsenen mit ben Äinbetn durch diese großen Spielzeugauslazen, wobei es übri­gens den Kindern gestattet ist, fast alles Spiel­zeug auszuprobicren, wobei natürlich eine ganze Menge zerbricht, was bann eben auf allgemeine Geschäftsunkosten und Rcklamcftescn gebucht wer­den muß. Einzelne Kaufhäuser veranstalten so­gar für die Kinder vor Weihnachten regelrechte Zirkusvorstellungen, Ballettaufführungen u. bgl.

Ein Kapitel für sich bilden dieE t r e n - n e s" oder Reujahrsgeschenle. Sie entsprechen ungefähr unseren Weihnachtsgeschenken und sind für die Franzosen der Gegenstand sehr bedeu­tender Ausgaben, da die Zahl derer, welche auf ein Geschenk Anspruch machen recht beträchtlich ist. Den Mitgliedern seiner Familie, Berwandten. Freunden unb Bekannten schenkt man natürlich was unb soviel man will. Für die Beschenkung ber Untergebenen hat sich eine regelrechte Rorm gebildet. Dienstboten erhalten z. D. bis zu einem Monatsgehalt, jeder Angestellte und Dienstbote, mit dem man im Fahr irgendwie jemals zu tun gehabt hatte, melden sich zum Rcujahr: Briefträger, Zeitungsboten, Laufbur­schen, Wäschermädchen, Friseure usw. usw. Man glaubt gar nicht, wie man in diesen Tagen in Paris beliebt sein kann, wobei es durchaus gleichgültig bleibt, ob man Deutscher ober Fran­zose ist. Die letzten Tage des Jahres pflegt namentlich bei demConcierge" (dem Portier oder Türhüter) diese Freundschaftlichkeit fast un­heimliche Formen anzunehmen. Merkwürdig ist

es aber, wie diese Freundlichkeit sofort meist ihr Ende, erreicht, wenn der Concierge sein ©trenne in Händen hält. Fast im gleichen Augenblick hört dieseFreundlichkeit" vollstän­dig wieder auf, bis Weihnachten 1926 heran­naht.

Penges!

Bon Wilhelm Würz, Eichelsdorf.

Wohl nur ganz vereinzelte Leser können aus ber geheimnisvollen Ue'ocrschrift Schlüsse auf den Inhalt bieses A ssatzes ziehen. Wirb verraten, baß Penges mit dem in unserer Munbart gebräuch­lichen Tätigkeitsworte anpengen in Beziehung zu setzen ist, so wirb manchem bie bunkle Sache schon etwas Heller. Aber nur etwas Heller?

Penge s!" ... Am letzten Werktagabenb vor Weihnachten, an bem bie Vogelsberger Iuqcnb die Spinnstube besucht, feiert man in vielen Dör­fern bielange Nach t". In Eschenrob bei Schotten heißt bie lange NachtP e n g e s". Hier feiert man nicht bielange Nacht", hierhält man Penges".

Dieser geheimnisvolle Ausbruck führt uns mitten hinein in bie Glaubenswelt unserer heibnischen Vorfahren, benn basPengeshalten" ist unbewußt geübter heibnischer Väterbrauch.

In ber letzten Dezemberwoche feierten unsere heibnischen Voreltern ihr höchstes Fest, bas Jul- f e ft. Es war bas Fest ber Sonnenroenbe. Die Sonne erreicht in ber Iulzeit (14. Dezember bis 6. Januar) ihren tiefsten Staub, nur wenige Stun- ben am Tage war sie sichtbar. Das Sonnenrab 2 u l ftanb in biefen Tagen still, ruhte vom Iahres- lauf aus, um bann aufs neue seinen Kreislauf zu beginnen. Aus Freube über bie Wiebergeburt ber Sonne feierte man bas Iulfest. In ber weiten Halle bes germanischen Hauses saßen sie zusammen, aßen Schweinebraten, tranken süßes Honigbier unb roür- feiten. Das heilige Tier bes Sonnengottes Woban, bas Schwein, lieferte ben Fcstbraten. Die Wo­ban geweihten Tiere, Eber, Hase unb Hirsch, auch ben Schimmelreiter Woban selbst, bildete man aus Kuchenteig nach unb beschenkte bamit bie Kinber.

Am Festabenb warf ber Hausvater einen Holz­klotz, ben Iulblock, ins Herbfeuer. Der ange­kohlte Rest bes Julblocks fanb seinen Platz unter einem Dachbalken unb sollte bas Haus vor Blitz­schlag schützen. Die Asche streute man auf bie Fel­ber, um beren Fruchtbarkeit zu erhöhen. Das Göt­terpaar Woban unb Freia (Frau Holle) hielt in ber Iulzeit seinen Umzug burchs Lanb. Frau Holle hatte ein aufmerkfames Auge auf Spinnrab, Haspel unb Webstuhl. In ber Iulzeit mußten biefe leer sein, sonst verwirrte bie Göttin bie Fäden. Iulzeit war Ruhezeit.

Das Christentum vermochte nicht bas Iulfest zu verbrängen unb begnügte sich bamit, ben heibnischen Festbräuchen christlichen Sinn zu neben. Die Kirche verlegte bie Geburt... ... . .

Wohl ist unserem Lanbvolke bie Erinnerung an bie ursprüngliche Bebeutung bes Festes entschivunben, aber bie Iulsestbräuchc werben als Weihnachts­bräuche weiter geübt, am sinnfälligsten in abge­legenen ©ebirgsbörfern.

An Stelle ber Iulnachtfeier trat bie abonbliche Christmette, bie aber im weltabgcschiebenen Bogels- berge bie Erinnerung an jene nicht ganz verwischen konnte. Unb so feiern noch viele Vogelsberger Spinnstuben bie lange Nacht, bie Julnacht. In Eschenrob ist jedoch basPengcshaltc n" z. T. noch Familienfeier. Nicht nur in Spinnstube unb Wirtshaus, auch im Familienkreise hält man Penges". AufPenges" ißt jeher Eschenröber seinP e n g e s w ii r st ch e n". Die Wirte lassen viele hunbert Würstchen Herstellen, die amPengesabenb" verzehrt werben. Gegen 10 Uhr ruht bie Arbeit in Spinnstube, Haus unb Wirtshaus unb es heißt: So, jetzt halten mir Penges! Der Familienvater kauft Würstchen unb trägt sie nach Haufe, ber Wirt bringt ganze Schüsseln voll gekochter Würstchen für feine Gäste auf ben Tisch, in ber Spinnstube sammeln bie Pengesjungen" Gelb zum Einkausen berPenges- Würstchen". Spinnrab unb Haspel ruhen vonPen­ges" bis nach Neujahr, sonst werbenKocken" unb gäben verwirrt. Was bie Magb in berPenges- nacht" spann, würbe ihr ehebem von ber Herr­schaft geschenkt.

DasAnpengen" bes Julblocks kannte man noch in Eschenrob von etwa 40 Jahren, allerbings ge­schah bies nicht amPengabenb", fonbern am Christsamstag". Währenbbem Christkinbchen ge­läutet" würbe (Anläuten bes Festes), legten alte Leute einen bittenKlöppel" ins Feuer. Beim letzten Glockenschlage rissen sie biefen heraus, ließen ihn erkalten unb steckten benC h r i st b r a n b" als Schutz gegen Blitzgefahr unters Dach.

Das Gebäck, mit bem bie Kinber unserer Vor- fahren am Iulabenb beschenkt würben, tragen in gleicher Form heute noch bie Eschenröber Kinber in ben Weihnackststagen als Geschenk ihrerPöt­tern unb Goten" nach Hause. Wie schleppen bie Kleinen, wenn ihnen bieGote" einen Hasen, einen Hirsch ober ein Gäulchen mit einem Männchen braus insblümerige Schnupftuch" gc- bunben hat!

Auch bas Würfeln ber Iulzeit übt man noch. In ben Weihnachtstagen würfeln bie Kinber um Aepsel unb Nüsse. Am Siloefterabenb versammeln sich bie Kleinen unter ber Obhut ihrer Väter in einem Wirtshaus unbspielen" um kleine Bre­zeln, bic ber Wirt vom SchottenerZuckerbäcker" besorgte.

Penges!" Tag ber Sehnsucht aller Eschen- röber, Zauber ber Vorzeit umweben bich!.....

Hebern germanischen Walb fährt Wodans wilbe Iagb: im Herbfeuer knistert ber .Fulblock": ber Schweinebraten buftet, unb unsere heidnischen Dor-

'7-?7n Iukfest . . ,