Ausgabe 
22.9.1925
 
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Nr. 222 Zweiter Blatt_____________Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefsen) Dienstag, 22. 5eptember 1925

Die Tagung des Gustav-Adolf-Vereins.

Ein denkwürdiger Begrühungsabend.

, * Diehen, 2l. Sept. 1925.

Rach dem lehr eindrucksvollen Erlebnis, dellen Zeuge unsere Stadt und die ganze engere Hei­mat am Sonntagnachmittag bei dem Festzug des cvangelilchen Kirchenvolkes und bei den an- lchliehendcn denkwürdigen Massenversamm­lungen anläßlich der Tagung des Gustav- Wolf-Vereins wurde, brachte die heutige

Begrüßungsfeier

in der Zohanneskirchc noch eine starke Steige- rung des überwältigenden Eindruckes, den Zeder- mann von dem Treubekenntnis unserer evan- gelischen Gemeinde zur Gustav-Adols-Eache ha­ben mutz. Die Iohannesklrche, in der die Feier heute abend stattfand, war überfüllt und muhte bald für den Zutritt weiterer Besucher gesperrt werden. Um aber alle an dem hohen Geiste dieser Tagung teilnehmen zu lassen, wurde so­fort eine Parallel-Dersammlung in der Stadtkirche in die Wege geleitet. 3n der 3 o- hanneSkirchc waren nicht nur alle nur irgendwie erreichbaren Sitzgelegenheiten in An­spruch genommen, sondern noch viele, viele an­dere Besucher begnügten sich trotz der Länge der Feier mit einem Stehplatz, auf dem sie nun in drangvoller Enge ausharrten.

Die Spitzen der kirchlichen, staatlichen, städti­schen und der Universitäts-Behördc unseres Lande-, Vertreter hoher Behörden aus dem Deiche, die große Menge der Abgeordneten aus dem 3n- und AuSlande und die gewaltige, fest­lich gestimmte Schar der evangelischen Gcmeinde- glieder Gießens, sie olle hatten nur das eine Ziel, durch ihre Anwesenheit dem Gustav-Adolf- Derein ihre hohe Wertschätzung und ihren Gruß zu bekunden, ihm damit zu danken für die un­endliche Mühe und Liebe, die er den in Hot und Bedrängnissen lebenden evangelisch-deutschen Volksgenossen in der Diaspora in nie ermüdender Arbeitsfreudigkeit zuteil werden läßt. Unter dieser Einstellung der Besucher nahm die Kund- aebung, das sei vorweg bemerkt, einen feier­lichen, an Eindrücken außerordentlich reichen Verlauf.

Nachdem die weihevollen Klänge eines Orgel­vorspieles verrauscht, entbot als erster Redner

Dr. Zrhr. von heyl zu Herrnsheim dem Zentraloorstand des Gustav-Adolf-Vereins im Namen des hessischen hauptoereins der Gustav- Adolf-Stiftung herzlichste Willkommensgrüße. Diese Tagung sei für das Hessenland eine hohe Ehre, dem Zentralvorstand sei zu danken dafür, daß er unsere Heimat als Stätte der Tagung bestimmt habe. Der Redner wies weiter auf die grundlegende Bedeu­tung des hefscnlandes für den Gustao-Adolf-Der- ein hin und betonte, daß die hohen Ideale des Vereins hier immer eine besondere Pflegstatt ge­habt haben und der große Gedanke dieser Arbeit im Hessenlande bis in die kleinste Hütte gedrungen sei. Hessen habe eine gute Gustav-Adolf- Tradition, und auf diese Haltung unseres hes- senoolkes sei es wohl zurückzuführen, daß mir diesen hohen Besuch bei uns begrüßen durften. Weiterhin sprach der Redner in seiner Eigenschaft als Präsident des hessischen Landeskirchentages dem Zentralvorstand herzliche Grüße aus. Der Landes- kirchentag wisse den hohen Wert der Gustav-Adolf- Vereinsarbeit in gebührend großer Weise zu schätzen, lind auch er wünsche, daß diese Tagung, die so bedeutungsvoll sei in ernster Zeit, von Gottes reichem Segen begleitet sei.

Oberbürgermeister Keller-Gießen hieß die 70. Hauptversammlung des Gustav-Adolf- Vereins namens der Stadt Gießen herzlich will- kommen, gab dem Gefühl der Freude und des stol­zes darüber Ausdruck, daß Gießen, eine Stadt, deren Bevölkerung sich zu 85 Prozent Aum evan- gelischen Glauben bekennen, zum Ort dieser Tagung erwählt worden sei, und entbot besonderen Gruß den aus dem Auslände zu dieser Tagung herbei- geeilten hervorragenden Vertretern des evangelischen Deutschtums. Der Redner huldigte weiter der außer­ordentlich sehensreichen und darum fördernswerten Tätigkeit des Gustao-Adolf-Vereins, rühmte die hohen Verdienste des Vereins, die von jedermann anerkannt werden müßten, und wünschte, daß dem Verein auch aus dieser Tagung reiche Kraft zu- strömen möge, durch die et sich stärken könne für die weitere erfolgreiche Arbeit zum Schutze der deutschen eöangclischen Gemeinden, des deutschen Volkstums im Auslande. Mit diesem Wunsche heiße er die Tagung aufs herzlichste willkommen.

hierauf sprach

Prälat D. Dr. Diehl-Darmstadt:

Liebe Freunde der Gustav-Adolf-Sache! 3ch habe die Aufgabe, im Damen der Kirchenregie- rung und des Landeskirchrntages der evangeli­schen Kirche in Hessen und gleichzeitig in meiner Eigenschaft als Prälat der evangelischen Landes­kirche in Hessen den Zentralvorstmrd und diese ganze Hauptversammlung zu begrüßen.

Der Grundton dieler Begrüßung kann nur sein herzliche Freude und inniger Dank. Wir freuen uns, wie vorhin schon per Herr Vorsitzende des Hessischen Hauvtvereins ausführte, daß wir diese Hauptversammlung ein­mal wieder in unseren Hessen-Darmstädtischen Landen haben. Wir freuen uns nicht bloß oeS- stzalb. weil unS da wieder einmal Gelegenheit geboten ist, in persönlicher Anschauung in die Tiefen der Arbeit und der Ziele dieses wunder­baren Gotteswerles hineinzuschauen, sondern wir freuen uns auch deshalb, weil uns da reichlich Gelegenheit geboten ist. die alten lieben Be­ziehungen. die zwilchen unseren Landen und dem Evangelischen Verein der Gustat»Adolf-Stiftung bestehn, wieder aufzufrischen, zu verinnerlichen und zu vertiefen. Es sind dies ja alte Beziehun­gen! Keine Landeskirche außer der hessischen bat eine solche weit zurückragende Geschichte der Beziehungen zu diesem Verein, wie unser Land, ßiegen sie doch schon in der Zeit vor der Grün­dung des Vereins der Gustav-Adolf-Stistung, in jener Zeit, da man sich bemühte, aus der in Sachsen entstandenen Gustav-Adols-Sttstung und unserer auch in Darmstadt gegründeten Vereini­gung und allen unseren notleidenden protestanti­schen Gemeinden einen einheitlichen Verein zu gründen.

And neben der Freude soll zu Worte kommen der D a n k. Es kommt mir daraus an. dieses Wort vom Danken ganz besonders zu unterstreichen. And damit meine lieben hessischen Landsleute das. was ich sagen werde, behalten, möchte'ich bei der Darstellung, wofür wir zu danken haben, ein paar Worte aus einer alten besuchen Ebromk ansüh- ten. 3m 30jährigen Krieg war es ein Gießener Kind, der Pfarrer Mink, der eine Chronik schrieb, in dcr auch verschiedene Kapitel enthalten ind. die von Gustav Adolf handeln. And da sagte er Dinge, die, wie sie damals auf den König Gustav Adolf paßten, auch heute auf den Gustav- Adols-Verein paffen und das darstellen, wofür die Landeskirche und vor allem auch unsere Hessen-Darmstädtische Landeskirche zu danken ha­ben. Die erste Stelle ist die. wo er davon redet, was Gustav Adolf geleistet hat. wo er redet von des großen Königs Sukzeh. Glück und Sieg. Da agte er: Er hat Der Reformation gewehrt ge­meint ist die katholische Kirchenreform außer­dem nicht bloß in unserem Fürstentum, sondern auch an vielen Orten sonsten mancher hätte das Paternoster wieder in die Hand nehmen und bad Ave Maria beten müssen. Das ist das große Werk auch des Gustav-Adols-DereinS, daß wir heute auch in unserem kleinen Lande von Hun­derten. von tausenden Menschenkindern reden 'önnen. die durch die Arbeit des Gustav-Adolf- Vereins davor bewahrt worden sind, unter dem Druck widriger Verhältnisse das Paternoster in die Hand zu nehmen und das Ave Maria zu beten. Wir danken dem Gustav-Adolf-Verein für seine treue Mithilfe, durch die er sich vor allem auch unserer hessischen Diaspora, die weit über 100 Kirchspiele. Pfarreien und Gemeinden umfaßt, annahm und sie stärkte durch die vielen Kirchen, Kapellen, Detsäle. Pfarrhäuser und Schulen, und wir danken ihm dafür, daß mit seiner Hilfe unsere Diaspora auf die Höhe kam, daß sie heute ist mit wenigen Ausnahmen eine Dronnquelle evangelisch-kirchlichen Lebens, au8 der wir Wasser schöpfen können und wollen.

And neben diesem einen das andere: Da redet Mink von Gustav Adolf und den Gaben des Königs und zeigt, was das für ein tapfe­rer Haudegen, für ein starker Mann gewesen sei, und bringt zum Schluß eine nebensächliche Bemerkung, die trivial scheint, in der aber doch viel drinsteckt. Er sagte: An der Tafel, da griff er fröhlich zu und wartete nicht des Fürschnit- ters. sondern und diskutierte bann mit seinen Leuten. Da steckt etwas von der wunderbaren Art des Königs, der keinen Fürschnitter brauchte. Das ist das Große, was wir immer wieder bewundern können, diese Vorsorge, diese Aeberlegung, diese Anschauung kommender Dinge, dieses Hineinschauen auf das. was werden und kommen wird, im grotzen Zentralvorstand, aber auch den Hauptvereinen, während bie_ anderen, die Kirchenleitungen, sich erst an den Fürschnitter halten müssen, der ihnen mitunter das Werk sehr lauer macht. Der Gustav-Adolf- Verein wartete auch nicht des Für­schnitter s, sondern greift tapfer z u und schafft sein Werk. Darum haben wir das Gefühl das will ich offen und ehrlich sagen, daß unsere evangelische Diaspora gut geborgen ist.

Für diesen Geist und für dieses ft a r f e G e - fühl des Geborgenfeins bringen wir un­teren herzlichsten Dank dar. In den 80 Jahren ist der Verein auf die Höhe gefahren und gewaltig und groß geworden, und es hat sich das in ihm erfüllt, was Mink von Gustav Adolf sagte: Als er erschien, verachteten ihn seine Gegner männiglich und höhnten und sagten, er fei eine Wassermans: aber nachher haben sie ihn doch tennengelernt.

So ist der Verein aus kleinen Anfängen empor- gewachsen zu einer Großmacht nicht bloß in unserem evangelischen, sondern in unserem deutschen Volk, die man nicht missen kann. Unser Wunsch ist. der Wunsch der Kirchenregierung, der Wunsch der Körperschaften, die ich zu vertreten habe, und auch mein herzlichster Wunsch, dem ich besonderen Nachdruck geben möchte, daß der Verein noch Jahre, Jahre und Jahrzehnte fein Werk treiben möge zur Ehre Gottes, zum Aufbau seines Reiches. Dieser Tag möge ein Stück vorwärts bedeuten auf dieser Bahn.

D. Dr. Dufje-Berlin, Vizepräsident des Lvang. Oberkonsistariums-Berlin.

überbrachte vom Oberkonsistorium und vom Eoang. Kirchenausschuß, also im Namen der Eoang. Ge- samtkirche Deutschlands, in alter Freundschaft herz- lichste Wünsche. Der Redner rühmte besonders das sehr innige Zusammenarbeiten des Gustav-Adolf- Vereins mit den von ihm (dem Redner) vertretenen Körperschaften, hob weiter die großen Verdienste des Gustao-Adolf-Vereins um die hohe Weltgeltung des deutschen Protestantismus hervor und gedachte mit größter Anerkennung der fürforgenben Arbeit dcs Gustao-Adolf-Vereins für unsere evangelischen Ausland- und Diasporadeutschen.

Oberregierungsrat Dr. heß-Gießen vertrat die hessische Staatsregierung, die Provinzial- direktion Oberhessen und das Kreisamt Gießen, in deren Namen er dem Gustav-Adolf-Verein die bant- bare Anerkennung ber Staatsbehörden aussprach und den Verhandlungen reichen Gegen wünschte.

Pfarrer Vechtolshelmer-Giehen gab ber Freude und dem Danke der Eoang. Ge­meinde Gießen Über den Besuch des Gustav-Adolf- Vereins in unserer Stadt beredten Ausdruck und betonte, daß die Arbeit des Gustav-Adolf-Dereins hier immer besondere Unterstützung gefunden habe und auch in Zukunft finden werde, feien doch alle vier Seelsorger der Gießener Eoang. Gemeinde früher Diasporapfarrer gewesen und wüßten daher, wie groß die Not und wie dringend die Hilfe fei.

Prof. Dr. Lenz-Gießen sprach für den Verein für das Deutschtum im Aus­lande herzliche Glückwunsch- und Grußworte.

Se Magnifizenz Geh.-Kirchenrat Pros. D. Dr. Krüger-Gießen

betonte, in dieser Stunde könne und wolle auch die Hessische Landesuniversität nicht fehlen in der Reihe derer die dem Gustav-Adolf-Verein herzlichst danken und feiner Arbeit reichen Segen wünschen, ferner

Arbeit, ber mit Recht so hoher allgemeiner An­erkennung teilhaftig werbe.

Pros. D. Hans Schmidt, derzeitiger Dekan der eoan- gelisch thcologifchen Fakultät der Landesuniversitäl. rühmte die große, segensreiche Kraft ber Luther- bibcl. ben hingebenben Dienst bes Gustav-Adolf- Vereins im Dienste dieser Bibel und zum Besten der deutschen evangelischen Brüder und Schwestern in der Zerstreuung, mit deren Arbeit sich auch die evangelisch theologische Fakultät aufs engste ver­bunden fühle. Um diesem Gefühl des Dankes und des engen Derbundenseins bei dieser Gelegenheit guten Ausdruck zu geben, habe die theologische Fa- rultät die

(Ernennung von besonders verdienten Männern des Gustao-Adolf-Vereins zu Ehrendoktoren

befchloffen. Der Doktor ber Theologie ehrenhalber würbe verliehen:

Dem Pfarrer Dr. phil. Eugen Lessing in Florenz.

den in schwerer Zeit bewährten Verkündi­ger des Evangeliums, den Führer und Förderer ber durch den Krieg geschädigten deutschen evangelischen Gemeinden in Ober­italien."

Dem Generalsuperintendenten der Kurmark Lic. theol. Dr. phil. Otto Dibelius in Berlin.

den vielseitigen Historiker, den im evan­gelischen Pfarramt wie in der Leitung der Kirche in gleicher Weise bewährten Theo­logen, dessen rastlos tätige Liebe durch Wort und Schrift auch den evangelischen Deutschen im Ausland und im Grenzland gedient hat."

Dem Divisivnspsarrer im Ruhestand Adam Büttel in Schleswig,

den greifen Prediger und Lehrer, der zwei Menschenalter hindurch für den Gustav- Adolf-Verein in steter Treue geworben und gearbeitet hat."

Dem Präsidenten des Hessischen Landeskirchen­tages Dr. jur. h. c. Cornelius Freiherr von Heyl zu Herrnsheim in Worms, der der evangelischen Kirche Hessens in anhänglischer Liebe und mit tiefem Ver­ständnis dient und als Vorsitzender des Hessischen Landesvereins der Gustav-Adolf- Stiftung dazu berufen und darum bemüht ist, in unserem Lande den hohen Sinn mittragender Liebe zu den in ihrem Glauben bedrängten Brüdern lebendig zu erhalten."

Noch der feierlichen Promotion, die alle An­wesenden in eine besonders weihevolle Stimmung versetzte, dankte

Geh. klrchenrat Pros. D. Rendtorfs-Leipzig, ber Dorsitzenbe bes Zentralvorstanbes bes Gustav- Abolf-Dereins, ber Stabt, ber ganzen Eoang. Ge- meinbe, ber Universität unb ber theologischen Fa­kultät für bie vielen Ehrungen unb herzlichen Wünsche in tiefempfunbenen Worten.

Anschließend sprachen noch Pfarrer v. O e r tz e n- Haifa unb Gaebike - Sofia über bie Deutsche evangelische Kirche in Palästina unb auf bem Bal­kan. Mit bem GesangEine feste Burg ist unser Gott" schloß bie Versammlung.

Die zweite Begrüßungsversammlung in der Stadtkirche

würbe eingeleitet burch einen Liebervortrag bes Knabenchors:Lobet ben Herrn meine Seele". Nach einer kurzen Begrüßung burch Pfarerr Wag- n e r - Bensheim, ber bie Versammlung leitete, sprach zunächst Pfarrer v. Ortzen, Haifa über Deutsch-evangelisches Leben in P a - (ä ft i n a". Er berichtete über bie beutsch-eoange- lische Arbeit unb bie Anstalten, bie teilweise für bie evangelischen Deutschen, teilweise für bie Einge­borenen bestimmt finb. Der Rebner schilberte bann eingehenb bie evangelische Missionsarbeit in Po- lästina, sowie bie segensreiche Tätigkeit ber so­zialen Einrichtungen (Diakonissenhaus, Waisen­haus, Christliches Erholungsheim, Christliche Buch- Handlung usw.) unb sprach weiter über bas Wirken bes Ierusalemvereins. ben ungefähr bie gleichen Aufgaben erfüllt, wie ber Gustav-Abolf-Derein. Zum Schluß erwähnte Rebner noch bie Tätigkeit ber evangelischen deutschen Gemeinben in Palä­stina.

Der nächste Rebner, Pfarerr G a e b i t e Sofia, s prach über deutsch-eoanae- lisches Leben in Bulgarien. Er über- brachte Grüße einer kleinen beutsch-eoangelischen Gemeinbe in Sofia, berichtete über bie Organi­sation, bas Leben unb bie Kämpfe ber bortiaen Gemeinbe, zu ber nur biejenigen Evangelischen gehören, bie zu ben Lasten beitragen. Interessant waren seine Ausführungen über bie bärtigen Schu­len unb den Religionsunterricht, sowie über Die von ber Kirche zu leiftenbe soziale Arbeit. Die Not ber Deutschen sei bort größer als hier, bie wirt­schaftlichen Verhältnisse trostlos.

Der dritte Redner, Probst T i t t e l b a ch aus Litauen, schilderte die Qualen, die unsere deutsch-evangelischen Brüder in Litauen unter der Bolschewistenherrschast zu erdulden hatten. Die Kirchen wurden verwüstet und ausgeplündert, wodurch das kirchliche Leben außerordentlich in der Entwicklung gehindert wurde. Tausende von Glaubensgenossen wurden verschleppt und sind bis heute nur teilweise zurückgekehrt. Er berichtete über inzwischen begonnene Ausbauarbeit, die Er­neuerung des kirchlichen Lebens, insbesondere über die Arbeit in seiner Gemeinde, und wies auf die Schwierigkeiten der heutigen Zeit hin.

Lieber unsere evangelischen Deutschen in Ar­gentinien berichtete sodann Pfarrer 3a- bitz. Argentinien. 3n diesem Lande, das trotz seiner ©rotte nur neun Millionen Bewohner zählt, sind die deutsch-evang^ischen Glaubens- genolsen über das ganze Land verteilt. Eie Tonnen daher nur durch Reiseprediger erreicht werden. Dadurch läßt das kirchliche Leben sehr zu wünschen übrig. Viele zeigen nur wenig Interesse für ihren Glauben, andere dagegen halten um so fester daran. Der Redner berichtete ferner über seine Arbeit und Erfolge in Argen­tinien.

Als letzter Redner sprach ein Pfarrer aus Polen, wo vor dem Kriege herrliches evan­

gelisches Leben herrschte. Er schilderte die seelische Rot, welche diejenigen erdulden, die dort in Treue in ihrem Glauben aushalten. Die Kirch- >vse werden verwüstet, die Pastoren werden ge­nommen. die SNavenketten einer feindlichen pol­nischen Regierung drücken die Detrossenen schwer. Er forderte auf. mitzuempsinden und mitzutragen durch weitgehende Unterstützung der bedrängten Glaubensgenossen.

3n einem kurzen Schlußwort gab Psarrer Wagner, BenSheim die Versicherung ab, daß die deutschen Brüder für ihre bebrängtcit Glaubensgenossen im Ausland arbeiten und beten würden. k.

Stresemann

an den Gustav-Adolf-Verein.

ReichSauhenminister Dr. Stresemann telegraphierte gestern an den Gustav-Adolf-Ver­ein, daß er leider an dem persönlichen Erscheinen wegen der Kabinettsberatungen verhindert sei. Er erkenne dankbar die nie erlahmende Arbeit des Gustav-Adolf-Dereins für daS AuSlanddeutschtum an und wünsche der Tagung gutes Gelingen.

Die Rede in Versen von Pfarrer D. Mahnert- Innsbruck kann aus technischen Gründen erst in unserer morgigen Ausgabe veröffentlicht werden In­teressenten seien auf diese Veröffentlichung schon heute besonders aufmerksam gemacht.

Einseitige Sachlieferungen

Don Dr. Walther Groll.

Bald wird es vier Jahre her fein, daß der Glaube an die günstige Wirkung der Sachlieserun- gen in Deutschland seinen Höhepunkt erreichte. Am 6. Oktober 1921 wurde auf Grund von Verhand­lungen, die von dem deutschen Delegierten Dr. R a t h e n a u und dem damaligen französischen Aufbauminifter L o u ch e u r geführt worden waren, das sogenannte Wiesbadener Protokoll unterzeichnet, durch welches Deutschland verpflichtet wurde, im Laufe von 4- Jahren für 7 Milliarden Goldmark Sachlieferungen an Frankreich durchzu- führen. In der Folge hat sich hcrausgestellt, daß Frankreich übrigens als einziges unter den emp­fangsberechtigten Reparationsländern seine Warenansprüche an Deutschland nur zu geringem Teil ausnutzte. Zum Teil wird man dies Verhalten auf die grundsätzliche Einstellung der damaligen französischen Regierung (Poincarö) zurückfühcen müssen, die aus dem Fortbestand unbefriedigter Forderungen politische Trümpfe machen wollte. Da­neben haben aber auch Faktoren mitgewirkt, die nicht unter diese Formel gebracht werden können. Die französische Wirtschaft sah sich durch die verein­barten deutschen Gratislieferungen auf dem in­ländischen Markte bedroht. Mutzte sie schon auf dem Weltmärkte gegen die Expanfions- bestrebungen zahlreicher konkurrierender Wirt- schastsvölker ankämpfen, so wollte sie wenigstens in der Heimat den unbedingten Vorzug genießen. Da Frankreich nur eine mäßige wirtschaftliche Aktivität besitzt und auch die Ruinenfelder gern mit den eigenen, durch den Versailler Vertrag vermehr­ten Wirtschaftsmöglichkeiten ausbauen wollte, konnte es die deutschen Sachlieferungen im Grunde gar nicht gebrauchen.

Dies hat sich unter ber Herrschaft bes Dawes- planes nicyt geänberi. Wenn beutsche Barzahlun­gen an bie empfangsberechtigten Länber aus wäh- rungspolitischen Grünben nur in beschränktem Um­fange ftattfinben können, so muß ber von Deutsch- lanb geschaffene unb regelmäßig gespeiste Repara- tionsfonbs auf anbcrc Weise verwendet werben. Die wichtigste Art ist bie Finanzierung von Sach­lieferungen, bie von ber beutschen Inbustrie an bie Reparationslänber bewirkt werben. Solange der Re- parationsfonbs noch nicht mit ber vollen Normalrate (jährlich 2,5 Milliarben Golbmark) gespeist wirb, so ist bie Sorge, wie er voll verwenbet werben könnte, nicht allzubringenb. Obwohl erst eine einzige Jah­resrate von 1000 Millionen Golbmark zur Ver­fügung ftanb, hat sich ber am Weltgeschäft interessierten Staaten lebhafte Unruhe be- mächtigt. Die Kennzeichen biefer Nervosität waren bie Vorschläge auf ber internationalen Hanbels- kannnerkonferenz zu Brüssel, ben beutschen Waren­strom in koloniales Neulanb abjulei» ten, sowie bie Neigung gewisser französischer Wirt­schaftskreise, ben auf Frakreich entfaUenben Teil am Reparationsfonbs gegen bie normale beutsche Warenausfuhr nach Frankreich zu verrechnen unb bamit bie eigentlich im Reparationsabkommen vor- gesehenen beutschen S o n b e r lieferungen auszu­schließen. Die Verwenbung bes Reparationsfonbs, bie allgemein alsTransfe r" (lleberroeifung) bezeichnet wirb, hat in ben ßonboner Derhandlun- gen vom Juli unb August 1924 desonbere Schwie­rigkeiten bereitet. Die beutschen Unterijänbler legten Gewicht barauf, einen bestimmten Mißbrauch bes Reparationsfonbs zu verhinbern, nämlich bie Der- wenbung ber Summen zu planmäßigem Auf- lauf beutfcher Besitzer an ben b e - drohten Lanbesgrenzen. Daneben käme die Freigabe von Beträgen zum Erwerb inner- beutfcher Wirtfchaftswerte in Betracht. In ber Tat bauert biefer, gemeinhin alsUeberfrembung" be» zeicynete Vorgang an, wenn auch nicht offiziell aus Mitteln bes Reparationsfonbs, sonbern aus . ben Fehlbeträgen unterer Hanbelsbilanz. Wenn wir in den ersten sechs Monaten 1925 für fast 2,5 Militär- den Goldwert mehr Waren ein- als ausführten, so muß dieser Fehlbetrag durch entsprechende K a - pitaleinsuhr oder durch Erhöhung u n seres Schuldensaldos im internationalen Abrechnungsverkehr gedeckt worden fein. Liehe sich eine Statistik darüber aufmachen, um wieviel die deutsche Verschuldung im ersten Halbjahr 1925 zu- c.ehomemn hat, so würde sich ergeben, daß bie Ge« amtfumme dieser Schuldenzunahme die genaue Höhe unseres Passiosaldos in der Handelsbilanz ist korrigiert um geringe Posten aus bem Berfrach« tungs- unb Dersicherungsgeschäft, sowie um bie finanziellen Ergebnisie des Reiseverkehrs.

Der Freiburger Dolkswirtschaftler Li es mang hat in einem BucheDom Reichtum der Na« tionen" (Verlag G. Braun, Karlsruhe) miet*