Dienstag, 22. September 1925
175. Jahrgang
Nr. 222 Erstes Blatt <l>
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Englands politische Lage. I
Die Mossulfrage. — (Sine englisch.
französische Krisis?
London, 22. Sept (TU.) Die lausende Woche wird für die politische Entwicklung England« von gröberer Bedeutung fein, alS man allgemein annimmt. Dor allem ist die Sntwrck- lung durch die Mossullrise bedingt, durch die in die an sich schon gärende politische Stimmung noch mehr Stoff zur Unzufriedenheit hin- eingetragen worden ist. Dazu treten die Pakt- verhandlungen, deren Aussichten in gut unterrichteteii Kreisen im allgemeinen günstig beurteilt werden, aber es ist noch die Frage, ob nicht die politische Krise in England, insbesondere die möglicherweise austretende Spannung im englisch-französischen Verhältnis nachteilig aus die Derhandlungssähigkeit Englands zurückwirken wird. Die Bloss ulsrage ist jedenfalls eine Trumpfkarteinder Hand Frankreichs, wie bisher der Ma- rvkkof eldzu g und die französischen vchwie- rigfeiten in v Y r i c n Trümpfe in der Hand Englands waren. Ofsensichtlich ist jetzt aber, bau es der französischen Politik gelungen ist, aerobe Spanien, das von ausschlaggebender Bedeutung für die Gestaltung des Derhältnisses Englands zu den drei lateinischen Mächten ist. etwas von der englischen Linie abzudrän- g en. Es ist begreilsich. dah unter diesen Umständen daS innerpolitische Mibvergnügen wächst.
Das wichtigste Ereignis des Tages ist die Rückkehr A m o r Y S , des Kolonialstaatssekretärs. auS Genf. Amory wird Mittwoch in London ein- treffen, und zwar auf den Wunsch des Premierministers. Baldwin will mit Amory über die Lage konferieren. Sn gut unterrichteten Kreisen ist man der Meinung, dah die WeigerungdesDöl- kerbunbeS, sich in der Mossulfrage zu entscheiden, ein Sieg des französischen Einflusses ist. Alle mahgebenden Personen wären enttoeber Franzosen oder den Franzosen verpflichtet. Die Mossulentscheidung bedeutet nicht nur eine englisch-türkische, sondern mittelbar vielleicht eine französisch-englische Krise. Die heute schon berichteten scharfen Kritiken der englischen Morgenblätter waren offensichtlich schon inspiriert. Der Hinweis auf die S o n d e r i n t e r- essen dec Schiedsrichter in Mossul ist ein deutlicher Wink an die Pariser Adresse. Sollte es zu wirllich ernsten Schwierigkeiten mit der Türkei kommen, so würde die Regierung schwer- lich in der Lage fein, die Ration von der Rot- Wendigkeit einer starken Polittk gegenüber der Türkei zu überzeugen. Mit einem Wort: das innerpolitische Chaos in England ist von Tag zu Tag weiter gewachsen. Man ruft allgemein nach dem Führer, der das Unheil zu bannen weih.
Völkerbund und Abrüstung.
Genf, 21. Sept. (WTB.) Der vom Ausschuß für Rüstungsfragen eingesetzte Unterausschuß hat sich dahin geenigt, daß die sogenannte Koordina- tionskommission auf breiter Grundlage umgebaut werden soll. Die Koordinationskommijsion, die bekanntlich seit einem Jahr die Vorarbeiten für die Einberufung einer eventuellen internationalen Abrüstungskonferenz übernommen hat, soll entsprechend ihren Aufgaben einen anderen Namen erhallen. Außerdem sollen in dieser Kommission, der bisher nur Vertreter der Randstaaten und der technischen Organisationen des Völkerbundes an- gehörten, Vertreter zahlreicher anderer Staaten auf» ?gegeben werden. Der holländische Antrag auf so- artige Ausnahme der Vorbehalte und beschleunigte Einberufung einer i n te r nationalen Abrüstungskonferenz ist in den Beratungen des Unterausschusses ab geschwächt worden. Benesch. der die Berichterstattung über die Arbeiten des Unterausschusses übernommen hat, wird jedoch ausdrücklich fcftfteUcn, daß die Mehrheit der Kommission sich für die beschleunigte Einberufung der internationalen Abrüstungskonferenz ausgesprochen hat. Dem Vernehmen nach beharrt allein Italien noch auf einer entschieden ab- lehnenden Haltung.
U Dom marokkanischen Kriegsschauplatz.
Poris, 21. Sept. (WTB.) Der Korrespondent des „Temps" in Madrid meldet, man kündige an, daß die in Morro Nuevo gelandeten Truppen unverzüglich zur Offensive übergehen würden. v)hr Ziel werde Ajdir sein. Zwei Bataillone der Fremdenlegion würden gleichfalls zur Mhucemasbucht abgehen. General Primo de Rivera soll Marichall PLtain Kaoallerieeinhciten zur Verfügung gestellt haben, die sich unmittelbar in die französifche Zone begeben werden. Die aus Morro Nuevo dort ein- treffenben Nachrichten lauten nicht günstig. Die Truppen der Generale Perez und oaro würden vom feindlichen Feuer in Schach gehalten. Der Gegner halte immer nort^ den Djebcl Malmussi und habe sich in den letzten Tagen verstärkt. Es sei unumgänglich notwendig, daß die spanischen Truppen sich so schnell als möglich von dieser Bedrohung befreiten, sowohl um bedeutende Verluste zu vermeiden, als auch um die sichere Landung von Lebensrnitteln und Munitton in Cebadilla zu gewährleisten und auch um ihre Moral aufrechtzuerhalten. Die Truppen würden nachts vom Feind in Atem gehalten und tagsüber müßten sie anstrengende Streifzüge machen, um Wasser herbeizuschafsen. Die Beschießung durch das französische und spanische Geschwader habe unglücklicherweise die Geschütze Abd e( Kriw.s picht zum Schweigen gebracht.
Das Reichskabinett und die Paktkonferenz.
Der Rotenwechsel in der Paktfrage har bekanntlich keine grundsätzliche Annäherung in den Auffassurmen der Berliner und der Pariser Regierung gebracht: dagegen ist klar geworden, daß die Fortsetzung des Rotenwechsels noch weniger Aussicht Hecken würde, zu diesem vorläufigen Ziel -u gelangen. Darum wurde der Versuch gemacht, in unverbindlichen vorbereitenden Besprechungen wenigstens den Rahmen festzulegen, in welchem sich künftige mündliche Verhandlungen der verantwortlichen Staatsmänner zu bewegen hätten. Dies ist auf der Konferenz der juristischen Sach- verstänoigen in London um die Wende August-September geschehen. Die erwartete mündliche Einladung an die RcichSregie- vung ist inzwischen ausgesprochen worden: ein fester Termin ist indessen vorläufig noch nicht genannt worden. Die Antwort, über welche daS Reichskabinett sich jetzt schlüssig werden muß, wird sich auf dreierlei zu erstrecken haben: erstens auf die grundsätzliche Bereits ch a tzt zu solchen mündlichen Verhandlungen, zweitens auf die Zahl und den Charakter der zu entsendenden Vertreter, drittens auf Zeit und Ort
Innerhalb der Regierungskoalition hegen nur die Deutschnationalen Bedenken, im gegenwärtigen Stadium der Verhandlungen in eine mündliche Erörterung einzutreten. Wenn der Auswärtige Ausschuß des Reichstages zusammentreten und sich mit dem Kabi- nettsbeschluh beschäftigen wird, so wird zweifellos die Meinungsäußerung des in aller Eile zusammenberufenen obersten Organs der Deutsch- nationalen Partei vorliegen . Eher wird man den Kabinettsbeschluh kaum als endgültig an- sehen können, da die Berufung der Ministerpräsidenten der Länder zwecks Stellungnahme zu den Beschlüssen der Reichsregierung keinen Zweck hat, ehe dieser Beschluß nicht endgültig feststeht, so wird wahrscheinlich erst Ende der Woche die Absendung der Antwortnote möglich sein. Sn London scheint man sich über diesen Gang der Dinge in Deutschland vollkommen Rechenschaft abzulegen: denn anders ist die Rachricht des „Observer" nicht zu bedeuten, wonach die 3nfamn"nhmft der Außenminister in der Pakt-Frage erst in der zweiten Oktoberwoche, und zwar in 2u- 3 cm, stattfindcn werde.
Bis weit über die Reihen der Deutschnationalen hinaus hält man das Vorspiel, welches die jetzt geplanten mündlichen Verhandlungen in Form des Notenwechsels erfahren haben, für kein günstiges Omen. Die Alliierten bestehen nach wie vor darauf, daß Deutschlands Eintritt in den D ö l • kerbund entschieden sein müsse, ehe an einen Abschluß des Paktvertrages zu denken sei. Die jung- steu Entscheidungen, welche der Dölkerbundsrat in zwei Danzig-polnischen Streitfragen, dem Steit um das Munitionsdepot der Polen im Danziger Hafen und um die polnischen Briefkästen im Gebiet der Freien Stadt, gefällt hat, sind nicht geeignet, das Derttauen des deutschen Volkes in die unbedingte Unparteilirteit des Genfer Döl> kcrfchiedsgerichts zu stärken. Gerade Lord Robert Cecil, der jüngst noch einem deutschen Pressever- treter die Notwendigkeit des schleunigsten Beitritts Deutschlands in den Völkerbund nahclegte, hat seine Wünsche Polens abgegeben und damit seine eigene Behauptung widerlegt, daß Deutschland für seine nationalen Minderheiten auf Verständnis und Schutz bei der Gesellschaft der Nationen rechnen dürfe. Diese Beschlüsse des Völkerbundsrates können uns nur darin bestärken, daß wir uns mit feiner vagen Zusage in den Punkten begnügen dürfen, in denen wir im Interesse unserer Sicherheit eine Ausnahme von den allgemeinen Äölkerbundsbeftimmungen erreichen müssen.
Sm Kabinettsrat, der am Montagnachmittag um 5 Uhr unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Dr. Luther begann, wurde zunächst im Kreise sämtlicher Kabinettsmitglieder der Bericht des deutschen juristischen Sachverständigen. Ministerialdirettor Gauß, entgegen- genommen und erörtert. Don der Beurteilung des darin enthaltenen Materials wird es ab- bäugen, ob die Reichsregierung der Außen- ministerkonserenz den Charakter einer n Damaligen Vorbesprechung geben oder ihr bereits endgültige Befugnisse zu- sprechen wird. Man darf sich nicht verhehlen, daß die Häutung von Ministerzusammenkünflen, ohne dah dabei ein positives Ergebnis erzielt
wird, der Durchführung der Paktidee mehr schaden als nützen wird. Die Situation ist nach wie vor die gleiche: wir wollen eine Stillegung der Westfragen, aber keine neue Bindung an andere Bestimmun gen des Versailler Vertrages, wir wollen in den Völlerbund nur ein treten, wenn unser Rang als größte kontinentaleuropäische Macht und außerdem unsere besondere Lage inmitten Waffen starrender Rachbarn berücksichtigt wird.
Der Kabinettsrat
Berlin, 21. Sept. (Sil.) Das Reichskabinett trat heute nachmittag zu einer mehrstündigen Sitzung zusammen, an der alle Reichsmini st er, mit Ausnahme des dienstlich abwesenden Reichswehrministers, teilnahmen. Ministerialdirektor Dr. Gauß erstattete ausführlich Bericht über die Lond-ner Besprechungen, woran sich nach einem Referat deS Reichs- auhenministers eine Aussprache über die weiteren, mit dem Sicherheitspakl im Zu- sammenhang stehenden Fragen schloß. Die Beratungen des .Kabinettes werden morgen fortgesetzt werden. Die endgültige Entscheidung wird in einem unter Vorsitz deS Reichspräsidenten abzuhaltendea Äabi- nettSrat getroffen werden.
Beneschs Initiative.
Die Tschechoslowakei schlägt einen Schiedsvertrag mit Deutschland vor.
Berlin, 21. Sept. (WTB.) Der tschechoslo. wakische Gesandte in Berlin, üros ta, teilte Sonntag im Namen seiner Regierung dem Außen- Minister Dr. Stresemann unter Bezugnahme auf die in letzter Zeit zwischen Deutschland und den Alliierten ausgetauschten Boten mit, dah die tschechoslowakische Regierung bereit sei, in Verhand- lungen über den Abschluß eines deutsch- tschechoslowakischen Schledsvertra- g e s einzutreten.
Es bedeutet doch eine starke Ueberraschung, daß unmittelbar, bevor das Reichskabinett endgültig Stellung nimmt über die Art seiner Beteiligung an der Ministerkonferenz, Herr Benesch, der ewig betriebsame tschechische Außenminister, seinen Berliner Botschafter mobil macht und das Angebot zu Verhandlungen über einen deutsch • tschechischen S ch i e d s v e r t r a g macht. Wir sind von ihm in den letzten Jahren nichts Gutes gewohnt gewesen: wir haben immer anerkennen müssen, daß er die Interessen seines Landes nach Kräften zu fördern bemüht war, aller- dings sich und seinem Volke dabei einen gewissen Größenwahnsinn einredet und die Tschechoslowakei gerne als das Herz Europas, sich selbst aber als eine Art von europäischem Schiedsrichter betrachtet, während Deutschland für ihn immer nur D b j c f t war, da er das ganze Heil feiner Diplomatie von Frankreich erwartete. Wenn er uns jetzt kommt, dann liegt zunächst die Vermutung nahe, daß er auch diesmal die Rolle des Rattenfängers von Hameln spielen möchte. Eine solche Konstruktion wäre ja politisch auch ohne weiteres möglich, wenn man annimmt, daß Benesch mit seinen Wünschen zur Teilnahme an der Konferenz sogar in Paris ein wenig geneigtes Ohr gefunden hat, vielleicht nur aus dem Grunde, weil die Franzosen in einer Etikettenfrage die Engländer nicht verstimmen wollen, und daß er sich jetzt durch das Angebot von Verhandlungen mit Deutschland eine Einladung z u der großen Konferenz ertrotzen will, mit der stillen Nebenabsicht, daß, falls Deutschland ab- lehnt ober die Angelegenheit dilatorisch zu betrauten sucht, dadurch der ganze Sicherheits- vertrag gefährdet wird.
Mag sein, daß die Spekulation des Herrn Benesch in dieser Richtung geht, ebenso gut möglich ist aber auch, daß er es ehrlich meint. Das würde zur Voraussetzung haben, dah seine Sonder Verhandlungen, die er in Genf geführt hat. endgültig gescheitert sind. Er könnte sich davon überzeugt haben, dah Herr 03 r i an b nachgerade auf Gedeih und Verderb mit dem Gedanken des Sicherheitspaktes verbunden ist und deshalb gezwungen wäre, auch die Tschechen zu opfern. Kommt aber ein für beide Seile tragbarer Sicherheitspakt zwischen Deutsch
land und Frankreich zustande, der F r a n k r e i chS Darantlerolle für feine östlichen Bundesgenossen auSschaltet, dann würde das einen endgültigen De rzicht Frankreichs auf seine bisherige Ostpolitik bedeuten. Die Tschechen aber ebensowenig wie die Polen könnten ihre ganze kostspielige Rüstungo- politik nur solange fortsetzen. alS sie der unbedingten älnterstühung Frankreichs sicher waren. Zieht Frankreich sich von ihnen zurück, dann kommen sie nicht nur finanziell in ole Klemme, sondern mehr noch politisch. Denn auf dem 11m- tt>egc über die wirtschaftliche Zange könnteDeutsch- land ihnen sehr unbequem werden, sobald sie keine Rückendeckung im Westen mehr haben. Zu- zuttauen ist Herrn Benesch schon, daß er klug genug ist, diese Wirkungen vorauSzuahnen und deshalb das Prävenire spielen möchte, indem er von sich aus an Deutschland foerantritt. Für diese Lesart würde sprechen, daß er selbst nicht einen Sicherheitspakt, sondern nur einen SchiedSvertrag vorschlägt, so wie er in dem ersten deutschen Memorandum angedeutet war. Dazu wird er Deutschland immer bereit finden, vorausgesetzt, dah er selbst getoillt ist, daraus bestimmte Konsequenzen zu ziehen für die Stellung unserer Stammesbrüder in der Tschechoslowakei. WaS wir von den Tschechen wollen, ist ja zur Zeit nicht allzu Diel, wir werden mit ihnen leichter zustande kommen, als mit den Polen, von denen es uns nicht wundem sollte, wenn sie jetzt mit einer ähnlichen Anregung kämen.
Die Haltung Polens.
Warschau, 22. Sept. (Pvaoittel.) Die in Berlin abgegebene Erklärung der tschechischen Regierung über die Bereitwilligkeit zum Abschluß eines Sicher hei tspaktes mit Deutschland hat hier sehr überrascht. Es verlautet, dah sich die polnische Regierung nicht dazu entschließen fiinre. einen P a r alle 1 schr i 11 zu unternehmen, da das polnische Außenministerium davon überzeugt sei, dah Polen im weiter en Verlause der Sicherheitsverhandlungen her- angezvgen werde. Aus jeden Fall scheint Polen, obgleich sich feine Hoffnung auf eine gleichberechtigte und gleichwertige Teilnahme an der Sicherheitspaktkonserenz nicht erfüllt hatte, die Absicht zu haben, nur im Rahmen dieser Konferenz oder im unmittelbaren Anschluß daran über einen deutsch' polnischen Sicherheitspakt zu verhandeln.
Zurückhaltung in Prag.
Prag, 22. Sept. (TU.) Die Prager tschechischen Abendblätter drucken lediglich die Berliner Meldungen und Blätterstimmen über den in Berlin erfolgten Schritt des tschechoslowakischen Gesandten Dr. Krosta ab, ohne daran eigene Bemerkungen zu knüpfen. Die in Prag anwesenden deutschen Politiker verhalten sich sehr zurückhaltend. Der Vertreter der Telunion hatte eine Unterredung mit einem führenden deutschen . Abgeordneten, der erklärte, daß vom sudetendeutfchen Standpunkt aus weder durch pessimistische Aeußerungen den Standpunkt des Deutschen Reiches erschweren noch durch vorzeitigen Optimismus über die eventuellen Möglichkeiten, die sich aus den bevorstehenden Verhandlungen mit der Tschechoslowakei ergeben, Wasser auf die Mühlen gewisser tschechischer Politiker leiten dürfe.
Dem tschechischen Schritt in Berlin vorausgegangen war in der tschechischen Presse eine lebhafte Kritik au Beneschs Außenpolitik Der „Venkov", das Blatt der tschechischen Agrarpartei, meint, daß auch die für den Osten norgefcbriebenen Schiedsverträge eine große Gefahr für die Tschechoslowakei in sich schlössen. Für den Fall, daß es zu einem deutsch-französischen Zusammenarbeiten komme, würden alle Entscheidungen von Streitfragen zwischen Deutschland und seinen Rachbarstaaten unter dem Einfluß eines solchen neuen Kurses getroffen werden. Die tschechoslowakischen Befürchtungen seien daher auch in diesem Falle nur zu recht und Sentimentalitäten seien nicht am Platze.
Das Hauptblatt der tschechischen Volkspartei meint, England sei der Ansicht, dah Deutschland im Osten, vor allem von Polen, die Kolonialdezernate bekommen müsse.
Nach dem offiziellen Kommunique herrscht im Frontabschnitt von Ceuta und Tetuan Ruhe. Der Feind hat gestern das Gewehr- und Geschutzseuer im Abschnitt von Alhucemas verstärkt. General Primo de Rivera ist in den Gewässern von Alhu- cemas angekommen. Im Abschnitt von launat wenden die Rifleute eine neue Taktik an. Sie belästigen die französischen Posten mit Hilfe guter Schutzen, die in den Felsen Unterschlupf finden. Um diese Schützen zu bekämpfen, machte eine Gruppe eine umzingelnde Bewegung und überraschte die Rifleule, die Hals über Kopf flohen, wobei sie 15 Tote in ihren Schlupfwinkeln und eine Anzahl Verwundeter zurückließen. Die Flugzeuge haben die Dörfer und Flecken des Talhagsagebiets mit Bomben belegt
Oesterreich und der Völkerbund.
Genf, 21. Sept. (WTB ) Die Dölkerbundsver- fammlung genehmigte debattelos die chr oorgelegten Berichte . Lediglich der Bericht über den 11 n a n -
zielten Wiederaufbau Oesterreichs führte zu einer Aussprache, in der Suwich-Stallen erklärte, daß Italien bereit sei, im Rahmen des Möglichen Oesterreich wittschaflliche Erleichte- rungen zu gewähren, und wiederholt verlangte, daß die Frage einer engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit Oesterreichs mit seinen Nachbarstaaten vom Völlerbund unter- sucht wird. Graf Mensdorff-Wien erklärte, daß Oesterreich wegen seiner wirtschasllichen Zukunft in großer Sorge sei. und forderte unter besonderem Hinweis auf die Erklärungen Italiens, die Nachbar- floaten Oesterreichs auf. bei der Besserung seiner wirtschaftlichen Lage mitzuarbeiten. In dem Bericht über den finanziellen Wiederaufbau Oester- reiws wird unter anderem mitgeteilt, daß für den Fall, daß der Dölkerbundsrat die Finanzkontrolle innerhalb der nächsten zehn Jahre wieder einführen will, der entsprechende Beschluß vom Rat mit drei Diettel Stimmenmehr- heit gefaßt werden muß. Der Bericht betont, daß dem finanziellen Wiederaufbau jetzt der wirt
schaftliche folgen müsse. Dieses Problem sei jedoch wesentlich verwickelter und schwieriger als das finanzielle Problem.
Reparationsleistungen der Reichsbahn.
Berlin, 21. Sept (WTB.) Der Generalagent für Reparationszahlungen teilt folgendes mit: Die Deutsche Reichsbahngesellschast hat heute als erste Rate auf den Teil des Beförderungssteuerertrags, der an die Annuität im zweiten Jahre des Sachoerständigenplanes im Namen der Reichsregierung zu leisten ist, den Betrag von 28 010 776 Goldmark bezahlt. Die vom Beförderungssteuerertrag im zweiten Jahre fällige Gesamtsumme beträgt 250 Millionen Goldmark, deren Zahlung gemäß der von dem Generalagenten mit der Reichsregierung und der Reichsbahngesellschaft abgeschlosienen Vereinbarung grundsätzlich in Fristen von je einem Monat erfolgen soll.


