Nr. (96 Zweites Blatt
Wietzener Anzeiger (ivenerai-mlzcigcr jur woeryenen-
Samstag, 22. August (925
Außenpolitische Umschau.
Don Professor Dr. Otto Ho e tz s ch , M. d. R.
3n London haben Chamberlain und D r i a n d sich getroffen, und, wie üblich, die berühmte „allgemeine ilebcreinftimmung“ in allen Fragen erzielt. Tatsächlich ist das keineswegs der Fall. Man ist sich über den Text der Antwortnote an Deutschland einig geworden, und darüber, daß nun in Kürze mündliche Besprechungen in irgendeiner Form erfolgen sollen. Das ist das Zugeständnis von Briand, der bisher auf dem Standpunkt stand, in eine Konferenz erst zu willigen, wenn die Verständigung über die „Prinzipien" erreicht sei. das heißt, Frankreichs Wille in den grundlegenden Fragen durchgesetjt sei.
Sachlich sind sich die beiden Seiten nicht näher gekommen, sondern höchstens darin einig, daß man Deutschland weder in Sachen des Artikels 16. noch einer Revision der Friedensvcr- träge, noch einer Aenderung des Rheinlandregimes entgegenkommen will. Dagegen besteht die alte Differenz nach wie vor. Sie drängt fich in dem einen Wort: Sanktionen und isolierte Aktion zusammen. Rach wie vor beansprucht Frankreich das Recht, kraft des Friedensvertrages, zu einseitigem Vorgehen, zu einseitiger Sanktion, während England in der Besorgnis, darüber in einen großen Kreis hereingezogen zu werden, darauf besteht, daß eine solche Aktion gegen einen Friedensbrecher erst nach einer Schiedsprozedur, einer Entscheidung des Dölkerbundsrates stattfinden dürfe. Es ist ja die Idee Englands, sich selbst so sehr wie möglich freie Hand zu behalten, die Bündnis- fälte des Rheinpaktes so sehr wie möglich einzuschränken und Frankreich möglichst in der ganzen Maschinerie des Dölkerbundes und seines umständlichen Dorgehens zu fangen und lahm- zulegen.
Chamberlain sah aber, daß er auf diese Weise überhaupt keine Einigung mit Frankreich erzielt. Darum hat man in London herumgedoktert. ein Kompromiß zu finden, und zwar so, daß im Falle einer „flagranten Verletzung" sofort von Frankreich vorgestoßen werden könnte und die anderen Llnterzeichncr des Pattes zu Hilfe kämen, während in anderen Fällen dec langwierige und umständliche Weg der Döikerbundsentscheidung zu begehen wäre.
Ob sich dieser Kompromiß bereits jetzt in der Rote an Deutschland niederschlägt, wissen wir nicht. Aber wenn man sich darauf einigt, so fördert das die Sicherheitsdiskussion ganz gewiß nicht. Hier ist wirklich die Hauptsache das Prinzip. Wo fängt die flagrante Derlehung an und wo hört fie auf? Das spricht die englische Presse auch in der Kritik an Chamberlain bestimmt aus. Sie geht aber noch weiter, und zwar mit vollem Recht. Das Bemerkenswerte an diesen Londoner Verhandlungen, wie überhaupt dem Meinungsaustausch zwischen London und Paris, ist doch immer, wie ausschließlich alle- auf die französische Suggestion eingestellt wirb: Sicherheit für Frankreich gegen Bedrohung von Deutschland! Fortwährend ist die Rede nur davon, daß Deutschland den Friedensvertrag oder Pakt brechen könnte und Sicherheitsmaßnahmen dagegen vorhanden sein müßten.
Für diesen Fall im Westen und Osten Sicherheiten zu schassen und die Zustimmung Frankreichs, die Formeln zu finden, daran erschöpft sich die Arbeit der Kabinette in einem ewig sich drehenden Kreise. Aber wo bleibt denn die Gleichberechtigung, die Reziprozität eines absolut zweiseitigen Dertrages? Hier sieht man recht deutlich, worauf es Frankreich ankommt, natürlich nicht den Frieden schlechthin in gegen- seUiger Verständigung zu sichern, sondern den halben Kriegszustand der Pariser Friedensverträge, mit denen der Besiegte dann erneut gefesselt und mit dem jede Revision und Aenderung der Derträge ausgeschlossen sei. Selbst in der friedlichsten Aeuherung von französischer Seite lebt eben noch der K r i e g s g e i st weiter, die Stimmung des Kriegszustandes, die Stimmung des Siegers gegen den Besiegten. Davon ist noch gar keine Rede, daß in die Köpfe drüben die Llcberzeugung eingczogen sei. daß man mit Gleichberechtigten, unter gleichwertigen
Zugeständnissen einen wirklich Dauer versprechenden Zustand der Befriedung Europas schaffen müsse.
Es kommt darauf an, diesen tiefsten Kernpunkt der ganzen Diskussion fich ganz genau vor Augen zu hallen. Es kommt darauf an. sich nicht durch englische Redensarten über Zweiseitigkeit und Gegenseitigkeit blenden zu lassen. Cs kommt darauf an, schließlich sich nicht über die vorhandenen Schwierigkeiten Hinwegreden und in vorzeitige Entschlüsse hereinhetzen zu lassen, dabei beschränken wir uns absichtlich nur auf diese Kernfrage, während daneben noch eine ganze Anzahl von Fragen offen bleiben Ent- waffnung und Räumung von Köln, Probleme der Ost grenze. Rheinlandregime und nicht zu vergessen dann schließlich am Ende der ganzen Erörterung die deutschen Einwände gegen den Eintritt in den Dölkerbunb, über die die andere Seite mit einer Handbewegung hin- weggtht.
Bleiben wir aber bei dieser Hauptstreitfrage zwischen London und Paris und der zugrunde liegenden geistigen Einstellung, dann ergibt sich von selbst, daß sich Deutschland vor der Zeit auf keine irgendwie geartete Besprechung einlassen kann. Wenn die Rote jetzt mit einer Einladung dazu schließt, worüber sollen mit Aussicht auf Erfolg die Außenminister oder die juristischen Sachverständigen oder wer sonst zu einer solchen Konferenz ginge, worüber sollen fie mit Aussicht auf Erfolg denn sprechen? Begreift man jetzt, warum toir so nachdrücklich auf den Begriff der Dorerörterungen bestanden, unter Hinweis auf die entsprechenden Stadien ähnlicher großer internationaler Der- handlungen, die in Konferenzen hereinmündeten? Richts ist gefährlicher, als sich auf eine solche Konferenz einzulassen, bei der man wohl weiß, wann und wo und wie sie anfangen, aber gar nicht fich vorstellen kann, wie sie ausgeht. Unb im Umsehen ist dann der, der Bedenken erhebt, der Friedensbrecher, der Störenfried. Im Umsehen ist man bereit, dann, wenn Deutschland nicht weiter mitgehen könnte, ihm die Schuld zuzuschieben. daß die Bemühungen zum Friedenswerk gescheitert seien.
Es ist ja auch gar keine Zeit und Möglichkeit zu solcher Erörterung in nächster Zeit. In Genf beginnt am 2. September die Völker- bundssiyung. Dort wollen Chamberlain und Briand mit Dandervelbe, dem belgischen Außenminister, der in London nicht dabei war, sprechen. Auch Italien rührt sich jetzt, das lolange in dieser Frage still gewesen ist. Dann kommt die Tagesordnung von Genf: Oesterreich und Ungarn, griechische Flüchtlingsfrage und Danzig, vor allem die harte Ruß des Mo s s ulst r e i t e s. Die Kommission dafür hat einen äußerst gründlichen Bericht erstattet, der fich übrigens auf die von ihr dankbar anerkannte Mitarbeit deutscher Orientalisten stützt. Daß ihre umständlichen und verwickelten Dorschläge die Sache gerade klärten und dem Dölkerbundsrat die Entscheidung leicht machten, kann man nicht behaupten. Rechtlich hat die Türkei Anspruch auf Mossul, wirtschaftlich spricht alles für seine Derbindung mit Mesopotamien. Hinter alledem aber steht dasPctroleuminteresseEng- l a n d s und damit ist ein ganz großer weltpolitischer Gegensatz berührt.
Rehmen wir dazu, daß bis Ende September oder Anfang Oktober die framösifche und spanische Offensive gegen Marokko zu Ende gegangen sein muh — dann seht die Regenzeit dem ein Ende —. Rehmen wir weiter hinzu, daß man an eine internationale Marokkokonferenz denkt und im Oktober mit der von China- berufenen Zollkonferenz rechnen muh. Rehmen wir schließlich hinzu, daß die französische Regierungskrise immer deutlicher sich ausprägt — in England rechnet man im Herbst mit einem Kabinett Briand —. so ist gar nicht zu sehen, wie die Sicherheitsdiskussion in der nötigen Ruhe ernsthaft in den nächsten Wochen weilergeführt werden soll. Dabei ist noch nicht einmal der immer wieder zu betonende Zusammenhang mit der Schuldenfrage berücksichtigt. Die Belgier verhandeln in Washington. Caillaux bereitet eine Reise nach England vor. Mühselig und langsam kommt dieses Werk der Regelung der interalliierten Schulden in Gang. Don ihm hängt vieles ab für Amerikas große poli
tische Entschlüsse und für. was nicht zu vergessen ist, Coolidges zweiten „term". feine zweite AmtSperiode. für die er natürlich wieder gewählt werden will.
Deutschland hat das Seine wirklich getan im Bestreben, in irgendeiner Form Europa durch solche Abmachung zu befrieden Es hat mit seinen Februaranregungen das englische Kabinett, insonderheit Chamberlain vom toten Gleis heruntergebracht. * Es hat mit seiner Rote vom 20. Juli klipp und klar gesagt, wie weit aus es zu rechnen ist und wie weit nicht. Es ist natürlich selbst interessiert, daß Europa vor Störungen der französischen und nicht zu vergessen der polnischen Politik bewahrt und gesichert bleibt. Es ist ebenso daran interessiert, daß eine Verständigung die Grundlage für den wirtschaftlichen Ausbau schafft, besonders die Dorous'ehungen für eine Lieberwindung der schweren Wirtschaftskrise, wie sie jetzt über ganz Europa drohend herauf- zieht.
Aber das alles kann und darf die deutsche Regierung nicht verleiten, jetzt auf Sirenentöne von allem aus London zu hören. Sie darf sich nicht in Besprechungen, die zugleich nach allen Erfahrungen Bindungen darstellen, c.r'Vfen, bevor d i e Grundlagen klar sind, oevor feststeht, ob für uns überhaupt der Rahmen solcher Derhandlungen möglich ist. Das für uns Mögliche aber ist mit einem Wort, mit einer Formel bezeichnet: Will man den halben Kriegszustand der Pariser Verträge nur erneut untermauern und in freiwilliger Anerkennung festigen? Oder will man tatsächlich eine Verständigung gleichberechtigter Staaten, zu der die Re v i sionsmöglichkeit der Friedensverträge schlechthin gehört? Wie dec frühere Arbeitsminister Henderson das gut ausgedrückt hat: Will man lediglich die Explosionen verbieten, aber zugleich verbieten, das Schießpulver, das Explosionen verursacht, wegzuschaffen? Oder will man das Schießpulver selbst, das Explosionen Hervorrufen kann, entfernen?
Gandhis neuester Feldzug.
Don P. Jos. A b s.
Ghandi hatte feinen Feldzug in Indien vom religiös-ethischen Standpunkt aufgefaßt, der Macht, die in Indien wie keine andere die Volksmassen durchdringt und beherrscht. Aus dem Gentleman, der in Afrika mit europäischen Methoden und Geistes- waffen für seine Landsleute stritt, ist der echteste Asket geworden, wie er in Indiens jahrtausendlanger Geschichte als der überragende Führer des Volkes gilt. Er will die Massen reif werden lassen für die hohen Ideale politischer Freiheit, die er verkündet. Das Haupthindernis zur Verwirklichung seines Zieles ist nicht das fremde Radfch, die englische Regierung, es ist Indiens Zerris- s e n h e i t infolge des K a st e n g e s e tz e s, das die 300 Millionen Inder in zahllose Sippen und Gemeinschaften trennt, die sich absolut fremd gegen» überstehen, so daß jede engere soziale G e - meinschaft und Zusammenarbeit aus- geschlossen ist, selbst beim Essen und Trinken. Es gibt einige Tausend von Hauptkasten, die wieder Tausende von Nebenkasten ausweisen. Sie sind heroor- gegangen aus den ehemaligen vier Grundkosten der Brahmonen ober Priester, der Krieger, der Bürger und der Diener oder Sklaven. Letztere sind es, die wir mit dem Namen Paria ober Kuli bezeich- nen. Inbisch sinb bie Namen eigentlich nicht, obwohl „Kuli" heute in Inbien gang unb gäbe ist. Der altindische Name ist Schubra. Es sinb bie „U nbe- rührbare n", bie „Untoushables", bie zu berühren betn Höherstehenben, speziell bem Brahmonen, als eine fast unsühnbare Sünbe gilt. Für biese ist heute Ganbhi in ben Kampf getreten. Er will sie als vollberechtigte Mitglieber in bie inbische Volksgemeinschaft einführen, ihnen ihre „Menschen- rechte" roiebergeben, wie mir mobern es ausbrücken.
Er faßt mit festem Zugriff an bie Wurzel ber Zerrissenheit Inbiens, ohne Frage. Aber eine größere Frage ist die, ob ihm sein Ziel gelingt. Mehr als Herkuleskraft erfordert dies Ringen. Abgesehen davon, daß eine jahrtausend alte Gewohnheit den Unterschied der „Dwati", der Kaste, bedingt, daß er rechtlich in den ältesten Gesetzbüchern Indiens fest
verankert liegt bis in die kleinsten Einzelheiten, kommt die in Indien alle und alles beherrschende Religion dazu. Im Erlösungsplane der indischen Religion spielt die Kaste eine wesentliche Rolle. Das Fundomenlaldogma jcglidjcr indischen Religion ist der S a m s a r a . der Kreislauf der Geburten durch immer höhere Existenzen. Die treibende Kraft des Rades der Wiedergeburt, der ..Motor" ist das Gesetz der Tat, das Korman. Jede Tat wirkt mit der eisernen Notwendigkeit eine? Naturgesetzes in die andere wie diesseitige Welt hinein. Jede Geburt ist eine Folge der „Tot", die des Brahmonen, dem sie Ertoiung und Aufnahme unter die Götter verheißt, tote bie des Shili ober Paril besten (Bebui 1 eine Strafe einer ehemaligen Tat bedeutet. Dagegen kann (ein Gott und kein Teufel helfen. Das ist nicht blutlose Theorie, es ist zwingende Lebens: irklichkeit. die sich in den armen des indischen Daseins abspielt.
rd Gandhi sich durchsetzen? Ohne wesentliche Umgestaltung eines der tiefsten Wesen-züge der in- di, -en Religion ichroerlid). Darauf zu hoffen, ist mehr als kühn bei dem heutigen Gegensatz zwischen Ost nb West. Dezeichnenber Weise spielt^ sich der Kampf Ganbhis unter ben Parias von Sudindien auf religiösem Gebiete ab. Es handelt 1) um eine Kleinigkeit, die wir kaum verstehen, die den Kampf zur Verzweifl islor:qfeit verdammt.
Seit Monaten harren die „Unberührbaren" von Voikom in Travancore-Südinbien darauf, die Tempel wege, die die Hauptstraßen des Ortes bilden, nur „begehn" zu dürfen, wie andere Sterbliche auch. Die höheren Kasten waren dagegen. Es drohte zu blutigem Streit zu kommen, so daß die Polizei einschritt. Die einen hotten Woche, dem Zugang zu versperren, die anderen, ihn zu erzwingen. Diese kleine Episode spricht Bände. Und dort war auu, Gandhi. Vielleicht unterschätzt Gandhi die wesenstiefen Schwierigkeiten selbst. Er ist selbst nicht „pakka" mi* der Inder sogt. d. h. reinrassiger, voll- guuiger B hmane. Er ist ni+* einmnf desselben Glaubens. Er ist „D s ch a i n a", Anhänger einer Religion, die über des Buddhismus Zeit hinaus- ragt, aber wie dieser ..Ketzerei" ist, nicht einmal re., .gläubig wie der Kuli. Darum erkennt der Brohmane hier seine Autorität gar nicht an. Dann hat Gandhi als Mitarbeiter sogar „Europäer", unter anderem den vielverdienten Reverend Andrews. Und ein Europäer ist in den Augen der Orthodoxie noch weniger als ein Kuli, zumal auf religiösem Gebiet. Vielleicht platzte diese Idee Gandhis zu unvermittelt auf den Osten, vielleicht ist sie zu sehr christlich-abendländisch, diese Idee sozialer Gleichberechtigung, um die heute in der Welt der Kampf wagt, der auch in Europa so gewaltige Wellen wirft.
Turnen, Sport und Spiel.
Neue Jugendherbergen.
Der besonders rührige Zweigousschuß Mark Brcnrdenburg des Verbandes Deutscher Jugendherbergen kann in allernächster Zeit schon wieder zwei Herbergen einweihen. Am Sonntag, 23. August, findet die Taufe der „Schwimmenden Jugendherberge 2", die den Rainen Dr. Reimann erhalten soll, am Ostufer des Rüdersdorf er Kalk- feed statt. Am 5. September wird die Jugendherberge „Garnensee" bei Tiefensee durch den Landrat des Kreises Oberbarmen ihrer Bestimmung übergeben.
Aus dem -lmtsvcrknrrdigungsblctt.
•* Das Amtsverkündigungsblatt Ar. 66 vom 21.8. enthält: Ergänzungswahlen zum Gesellenausschuß der Handwerkskammer. -- Hegezeit für Feldhühner. — Maul- und Klauenseuche in Risder-Bessinaen. — Bläschen aus schlug des Rindviehs in Obbornhofen. — Kriegergräberfürsorge. — Bestellung von Vollziehungsbeamten. — Nachtrag zu der Friedhofsordnung der Gemeinde Staufenberg. — Berichtigungen zu den Rach- trägen der Friedhofsordnungen der Gemeinden Langd, Inheiden, Garbenteich, Leihaestern, Birklar, Dorf-Gill und Lauter. — Feldbereinigungen Grohen-Linden und Allendorf a. d. Lahn.
Sonntagsdienst d. '2(mtc u. Apotheken am 23.825
Dr. Klover. Dr. Meyerhofs. Pellkanaoocheke
Zahnarzt: Dr. Wertheim, Bahnhofstraße
(Nachdruck verboten.)
1. Fortsetzung.
Frei geworden
Erzählung von Klara Prieß.
In ber Frau Oberlehrer steckte ein solcher Reich, tum an mütterlicher Güte, daß fie über die eignen Kinder hinaus auch die fremden Jungen damit versorgen konnte. Die merkten das bald, ließen sich die Hosenknöpfe von ihr annähen und erzählten ihr dabei vertrauensvoll von ihren hundert Schulnöten. Sie genossen es, unter ihrer Pflege ein bißchen krank zu sein, um bann hinter bes Hausherrn Rücken be- fonbers gut gefüttert zu werden.
Die Frau Oberlehrer verstand es auch, die richtigen Briefe an die glücklichen Eltern zu schreiben: Daß Karl doch so ein herzensguter Junge sei und man es ihm nicht verdenken müsse, wenn er Ostern mal sitzen bliebe, er wachse sich dann um so besser zurecht. Und vielleicht gäbe man ihm besser statt vierzig von jetzt ab fünfzig Pfennig Wochengeld. Die Jungens brauchten heutzutage wirklich viel für Hefte und Bleistifte. —
Annas Milde und Güte war nicht von so aus- giebiger Natur. Wer sie war den Knaben ein guter Kamerad und Spielgefährte und hatte unbewußt oft einen Schimmer von Anmut in ihr Leben hinein» getragen.
Denn es war ein knappes und schönheitsarmes Dasein in des Oberlehrers Hause. Er behandelte die ihm anvertraute Jugend allerdings wie seine eigenen Kinder, vielleicht noch einen Ton besser, da ihm die fremden Jungens mitsamt dem Kostgeld eines Tages roegbleiben konnten. Er glaubte, daß eine harte Zucht, ein blindes Sichfügen, ein stetes Geducktwerden und Entbehrenmüssen den Weg des Heils für seine eigenen und anderen Leute Kinder bedeute: daß er aber im tiefsten Grunde so handelte, weil es feiner eigenen Natur entsprach, weil er, ein ab» stoßender Egoist, sich rücksichtslos ausleben wollte — das wußte er selber nicht.
Glücklicherweise war es auch seiner Frau nie klar geworden. Mit einem: „Aber Papa meint es doch so gut!" oder „Wer er hält es eben doch so für richtig!" hatte sie ihr Herz immer zur Ruhe gebracht. Erst in der letzten Zeit fing sie an, mit ihren Kindern und für ihre Kinder unter diesem Druck wirklich zu leiden. Hans und Theodor, ihre beiden Söhne, wollten sich immer weniger fügen unb beu- gen. Sie sprachen es ber Mutter gegenüber offen aus, baß sie ben Wschieb vom Elternhaus in ein paar Jahren unb die Freiheit des Unioerfitätslebens herbeisehnten unb als eine Erlösung von allem Uebel
betrachteten. Unb boch hätten gerabe sie wohl Grund zu einiger Dankbarkeit gehabt. Denn hauptsächlich im Interesse seiner Söhne und um sie gut erziehen zu können, hatte der Oberlehrer das System des kleinlichsten Sparens unb bas mühevolle Wirtschaft ten mit ben Kostschülern über seinen Haushalt verhängt.
Der Frau Oberlehrer war es eine stille Freude gewesen, daß Anna, die es von ben Kinbern sicher am schlechtesten hatte, in letzter Zeit viel weniger empfindlich gegen bes Vaters Launen und Härten schien. Die Mutter ahnte freilich nicht, was Anna wie gefeit sein ließ gegen alle Enge und Oede ihrer Umgebung, daß ihre Anna Max Braten lieb hatte mit einer starken, glücksvollen, jungen Liede.
„Na, Braken, also durch mit Pauken und Trompeten! Die Nachricht verbreitete sich eben mit rasender Geschwindigkeit in unferm Stifte. Die Auf wär- lerin von Fräulein Blomeier hatte die Neuigkeit mit der Suppe eingeschleppt. Da habe ich meinen Mittagsschlaf aufgegeben und bin gleich hergehum- pelt. Weil ich mich freue, Braken! Na, und wie ich Ihnen von Herzen alles Gute wünsche, das wissen Sie längst! Nein, danke, Aenne, keine Torte, die wird wohl kaum für euch alle langen. Ich setze mich ruhig auf Mutters Nähplatz und sehe mir euem Festjubel an!"
Der Herr Oberlehrer, dem es sehr unangenehm war, wenn seine stärksten Wirkungen heimtückisch zerstört wurden, setzte sein Weinglas auf den Tisch und sah seine Schwägerin mißbilligend an.
Dieses alte Fräulein, bas eben auf einem Stock gestützt burchs Zimmer hinkte, war seiner Frau einzige Schwester unb hatte in biesem Hause als „Tante Lotte" einen Einfluß auf bie Iugenb erlangt, ben ber Oberlehrer instinktiv als seiner Würbe schäbigend mißbilligte unb bekämpfte.
Wie sie jetzt oben auf oem Lehnstuhl zwischen ben roten Kisten saß, schien Tante Lotte stattlich unb ansehnlich mit ben lebhaften, buntlen Augen unb dem nett frisierten grauen Haar.
„Na, ihr seid wohl gerade auf dem Gipfel der Feierlichkeit angelangt," sagte sie unb winkte ihrem Schwager wohlwollend zu. „Geniere blch nicht, Albrecht, unb schieße nur los mit beiner Rebe!"
Der dicke Wllms lachte. Frau Oberlehrer bot zur Beschwichtigung der Gemüter die Torte zum zweiten Male an, (Fortsetzung folgt.),
Denn der Herr Oberlehrer hatte es sich im Lause ber Jahre angewöhnt, nur mit lauter Stimme unb sehr scharfer Aussprache mit seinen Untergebenen zu verkehren. Zu seinen Untertanen gehörten außer feinen sämtlichen Schülern auch Frau unb Kinber unb bas jeweilige Dienstmädchen bes Hauses. Da er nun mit anbem Leuten überhaupt nicht verkehrte, war er zum staubigen Gebrauche eines Kommando- tones gelangt, mit bem er auf jebem Exerzierplätze Ehre eMcgen konnte. So hörte Anna denn ziemlich die ganze Unterhaltung.
Max Broker war vom Schweriner Gymnasium relegiert worben „wegen Auflehnung gegen einen Lehrer unb Aufreizung ber Mitschüler zu ähnlichem Vorgehen". Wenn er selbst ben Sachverhalt erzählte, Hang cs freilich ganz anbers. Da mar es ein geregter Kampf für einen unbegabten Kameraben, ben ein junger, unfreunblidjer Lehrer beschimpft hatte. Unb bie ganze Klaffe hatte Braken recht gegeben unb war mit ihm zum Aufstand geschritten.
Das schöne Bewußtsein bes Märtnrertums für eine gerechte Sache war übrigens jetzt schon einiger- mafjen gebämpft burch bie Erfahrung, baß es gar nicht fo leicht war, wieber an ein anberes Gymnasium anzukommen. Ein paar Direktoren hatten ihm schon versichert, baß ihre Krima bereits über» füllt sei. Der Vorgesetzt« bes Albertinums, ber aletn Hansastabt altberühmte Lateinschule, war nur unter ber Bebingung auf Bratens Gesuch eingegangen, baß ber junge Mann sich bei Herrn Oberlehrer Schumann in Pension gäbe unb baburch eine gewisse Garantie für seine Führung vorhanben wäre.
So ftanb benn jetzt Max Braten, gegen seine Gepflogenheit etwas gbrückk unb verlegen, als Auf- nähme Suchenber vor bem gestrengen Oberlehrer.
Dieser erfaßte bie Sache zunächst unter dem entscheidenden Gesichtspunkte, daß in einem so beson- deren Falle aud) ein besonderes hohes Kostgeld gezahlt werden müffe, und erkundigte sich zuerst gründ- sich und vorsichtig nach den Vermögens- und Fami- lienverhältnisten des jungen Mannes. Was er hörte, klang beruhigend.
Max Braten war Waise. Sein Vater war früh, seine Mutter vor zwei Jahren gestorben. Bis dahin hatte Max mit ihr unter der milden Zucht eines Hauslehrers auf dem väterlichen Gut an der mecklenburgischen Küste gelebt. Jetzt verwaltete sein Vor- mund, ein Vetter ferner Mutter, das Gut.
„Warum ist dieser Herr nicht mitgetommen, um Ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen?* fragte der Oberlehrer.
„Weil ich gewohnt bin, meine eignen Sachen allein zu besorgen" sagte Max Braten. „Für unser Gut sorgt der alte Herr ganz gut, weiter nicht. Ich bitte Sie noch einmal, Herr Oberlehrer, mich für voraussichtlich zwei Jahre in Ihr Haus aufzunehmen. Das Kostgeld überlaste ich Ihnen zu bestimmen."
Oberlehrer Schumann war gar nicht für diese frühreisen, selbständigen, jungen Leute, die den Kopf so hoch trugen und chre Worte so geschickt zu setzen wußte. Wer er glaubte zu sehr an feine eignen pädagogischen Talente, die auch diesen jungen Herrn schon ducken würden. Und dann war doch noch das leere Vorderzimmer auf dem ersten Boden da — und das hohe Kostgeld!
So zog Max Braten bei Oberlehrers ein. Die Frauen hatten ihn vom ersten Tag an verwohnt. Er war einer von denen, die von den Frauen verwöhnt werden müsten. Sogar bas jeweilige „Mäb- chen für alles" putzte feine Stiefel blanker unb besorgte ihm heimlich Bier auf fein Zimmer. Dafür gab cs immer ein freundliches Wort unb ein gutes Trinkgelb.
Der Herr Oberlehrer konnte sich halb feinen Kollegen gegenüber rühmen, baß auch tiefer roilbe Vogel gezähmt fei. Es war aber nicht fein Verdienst, wenn Mar Braken ein liebensroürbiger und brauch- barer Schuler unb Hausgenosse würbe. Es war bie Rücksicht auf bie Frauen bes Hauses, bie ben jungen Mann fügsam machte. Denn ber Herr Oberlehrer pflegte jeben Aerger, ben ihm seine Pensionäre antaten, an Frau unb Tochter auszulasten.
Der Hausherr ahnte überhaupt gar nicht, wie gut unb nötig es für fein Schülerpensionat war, baß tiefe Frauen existierten und mit ihrem Herzens- takt immer wieder gutmachten, was er mit feinem brutalen, felbftherrifchen Wesen verfahren unb Der- berben hatte.


