Nr.Y8 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger fürtvderheffen)r, ''tag,22. Mai 102^
Deutschland und die Balkanfrage.
Die le?)! er;. 2lticn pu bi i'-uion -en Tite! Die -enn bei den ? 1904 bi« !9C
eine-lc Diene Serie der ©rohen ix3 Auswärtigen Amtes') tragt 3}oiierung dcr Mittelmächte", > :'-xn (Sreignilfen der Jahre
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»erben, r >ro! trift her <Jn?citen Haager 5ticbLn«foi i ii u _c « ?,i es sich immer mehr, -oft Deutfchla ä jcnäbcr Dem allmählich s .ch ■dbliehenben 'imfl Der übrigen europäischen Mächte ei' auf Oesterreich sich verlassen ’onnte. Tu Folge eter Davon war, bah Deutsch- lanb auott .cireid) feinen sicheren Bundes- genoffen besäst, inar. Sah e» ihm nach Möglich- leit leistcix"! und besonders feine 05 a Ilan -
o o I i t i t u 11 «• r . - c n muhte ein Verhalten. bah na ) her Katastrophe von 1914 lebhaft getadelt und nvn den Gegnern al« Doku- nentierung i"c - cuit<j en KriegSwillens ange- eben wurd. -lilerbin geriet Die deutsche Politik oftnial tn eine : - Gierige Situation, trenn Oesterreich ße < t die Türkei, in der Deutsch- land die weiteslg 1 mben wirtschaftlichen Interessen besah, und deren Erhaltung ifj n daher besonders am Her^n lag aggressiv vorging Dann sanden bL Oe st er reicher manchmal bei den Russen Untern 'ioung, die aue einer Auflösung der r ir für sich Vorteile erhofften, während d uts n und französischen Interessen parallel pingen. Deshalb ist das wechsel- volle diplomatische Spiel am Bosporus, dem in der neuen Dänderreihe ein ganzer Band gewidmet ist, so befonbet interessant und auf- schluhrcich. Bon den beiden Qlltenftüden, die hier erstmalig vc.of'cnti. ot werden, stammt das erste aur- einer Jeu, in bet die Verhältnisse in Konstantinopel eine besonders kritische Zuspitzung erfahren haben; der Sultan Abdul Hamid, der sich schon i it manchen Reformen zur Regelung der unlcibh' cn Verhältnisse in Mazedonien einverstanden erklärt hatte, hatte sich endgültig gctoeigcn, «ine Stu and l entrolle der europäischen Mächte, die er als einen Gingriff in leine Souveränität ansah, anzunehmen. und diele sollte ihm jetzt durch eine Flotten- bemonftration auf gezwungen werden. Während der Reichskanzler Fürst Bülow aus Gründen der allgemeinen Politik keinen Aus- schluh aus dem europäischen Konzert wollte, sondern um das Einverständnis des Kaisers mit der Entsendung eines Schiffes dorthin hat, lehnte Wilhelm II. eine andere als eine moralische Unterstützung der europäischen Aktion ab; *r motivierte feinen Entschluß, wie die interessanten kaiserlichen Randbemerkungen zeigen, damit, dah Deull hland nicht auch noch seinen Ginfluh bei..; Islam auf» Spiel sehen könne, nachdem es schon sonst fast ohne Dundeö- gerrossen fei.
Das zweit« Aktenstück, der letzte 'Bericht des Botschafters Graf Wedel auS Wien vor seiner Versetzung als Statthalter nach Elsaß- Lothringen, aus einer etwas späteren Zeit zeigt, wie sehr jeder selbständige Schritt in Wien verstimmte, wie prekär die auhenpolittsche Situation Deutschlands damals f d) n n und wie fest es an Oesterreich in seiner Politik gebunden war und gibt damit ein anschauliches Bild von der Zwangsläufigkeit der deutschen Auhenpolitit. wenn eine Verständigung mit England ober Ruhland ausgeschlossen war.
Der Reichskanzler Fürst von Bülow an Kaiser Wilhelm II.
Ausfertigung.
Berlin, den 13. Rovember 1905.
In Rachachtung der von Euerer Kaiserlichen und Königlichen Majestät aflergnäbigft mir erteilten Direktiven, .ns in Balkanfragen von solchen Schritten nicht anszuschlletz.m, welche von Sesterreich-Ungarn und Rußland gemeinsam unternommen werden, habe ich im Mai d. I. die Zustimmung Euerer Majestät Regierung zu dem von den genannten Mächten vorgeschlagenen Programm einer internationalen Finanzkontrolle für Mazedonien erteilt. Der Inhalt dieses Pro-
*) „Die Gröhe Politik der Europäischen Kabinette 1871 191-'. " Sammlung der Diplomatischen Allen des Auswärtigen Amtes. Im Auftrage des Auswärtigen Amtes herausgegeben von Johannes Lepsius, Albrecht Mendelssohn Bartholdi), Friedrich DHimme 1. Reihe: ..Die Isolierung der Mittelmächte." Zweite Qfbtcilung: Band 22 25. Im Verlage der Deutschen Der- lagsgesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin W 8.
gramm» ist durch bic nebst Anlage ehrfurchtsvollst in Abschrift beigefügte Rote der Bot- schafter von Konstantinopel an die Pforte vom 8 desselben Monats festgestellt worden. Die in bicicm Programm vorgesehenen Bestimmungen erschienen auch vom türkischen Standpunkte durchaus annehmbar und hatten bereits die Zustimmung aller übrigen beteiligten Grvhmächte gefunden.
Trotzdem hat die Pforte das Finanzprogramm von Anfang an bekämpft, da sie darin einen Eingriff in die Souveränilätsrcchte des Sultans .-rblidt. Rachdem die Bemühungen der Botschafter, die türkische Regierung von dieser Auffassung abzubringen, völlig gescheitert waren, wurde von den Grohmächtcn beschlossen, bah die Vertreter in Konstantinopel eine gemeinsame Audienz beim Sultan erbitten sollten, um Seine Majestät persönlich zur Annahme des Programms zu bewegen. Auf die in Ausführung dieseS Beschlusses an die Pforte gerichtete Kol- lektivnote der Botschafter hat der türkische Minister des Aeuhern geantwortet, dah er nicht in der Lage fei, das Audienzgefuch an den Sultan weiterzuleiten. Inzwischen hat Euerer Majestät Botschafter in Konstantinopel in meinem Auftrage Seine Majestät den Sultan und bic türkische Regierung wiederholt in freundschaftlicher Weise auf den Ernst der Lage aufmerfhun gemacht und zur Rachgiebigkeit zu veranlassen gesucht, jedoch ebenfalls ohne Erfolg.
Da hiernach die Mittel, die Türkei auf gütlichem Wege dem Wunsche der Grohmächte gefügig zu machen, erschöpft erscheinen, sind Sie Regierungen Oesterreich Ungarns und Ruhlands an die Mächte mit der Einladung zu einer Flottendemonstration in türkischen Gewässern heran getreten. Ihr Programm für diese Demonstration lautet in Kürze dahin, dah jede Macht durch ein gröberes und ein kleineres schnell- gehendeS Schiff vertreten werde, bah bic solchergestalt zusammengesetzte Eskadre sich im Piräus versammle und von dort nach dreitägigem Warten nach Mytilene gehe, um Zoll- und Telc- graphenämker zu beschlagnahmend. Sollte nach achttägigem Aufenthalt dort noch kein Rachgeben seitens der Pforte erfolgen, so soll dte gleiche Prozedur für Lemnos und Tenedos in Aussicht genommen werden.
Rach Meldungen Euerer Majestät Botschafter in London. Paris und Rom haben sich England, Frankreich und Italien-) mit diesem Programm bereits einverstanden erklärt. Euerer Majestät Regierung hat in der Hoffnung, dah die Pforte sich noch im letzten Augenblicke aus eigenem Antriebe zur Annahme des Zinanzprojekts bereit finden lassen werde, die österreichischrussische Einladung vorläufig ausweichend beantwortet. Da aber nach neueren Meldungen des Freiherrn von Marschall auf eine Rachgiebigkeit der türkischen Regierung zur Zeit nicht mehr zu rechnen ist, müssen wir uns meines alleruntertänigsten Erachtens im Prinzip dem Beispiele der übrigen Mächte nunmehr an- schliehen, um uns nicht das Mißtrauen Europas zuzuzichen. dah wir in der Türkei Sonderinter- essen verfolgen >. Dagegen werden wir uns darauf beschränken können, bei der Flottcndemon- siration, falls sie wirklich zur Ausführung gelangen sollte, lediglich die Flagge zu zeigen').
Euere Kaiserliche und Königliche Majestät wage ich daher alteruntertänigft um huldreiche Ermächtigung zu bitten, dah die Einladung Oesterreich-Ungarns und Ruhlands zur Flottendemonstration auch von uns angenommen und gegebenenfalls Euerer Majestät Spezialschiff ,.Loreley" in Konstantinopel zur Teilnahme an der Maßnahme entsandt werden darf.
D ü I o w.
Bemerkung Kaiser Wilhelms Jl. am Kopf des Schriftstücks:
Mit Annahme der Einladung einverstanden.
Es ist zu antworten, dah man das Vorgehen sympathisch begleite und moralisch unterstützen werde — moral support — aber, da man keine Schiffe im Mittelmeer halte, und wegen des Mihtrauens und der Erregbarkeit Englands so- wi^ wegen der Winter-Reparaturperiode keine Schtsfe entsenden könnte, leider nicht tn der Lage sei, zur See mitzumachen. Der Botschafter werde seine Demarchen erneuern! W.
Randbemerkungen des Kaisers:
i) Das würde die Islamitische Welt besonders verletzen, wenn man bei ihren Todfeinden sich versammelte. Das haben die Franzosen auch schon mal gemacht ohne Erfolg.
Tanzspiel: „Aufritz"
in irr Tänzen von Hans (S. Steinbach.
Dieser Abend offenbarte Erlebnisse. War es das, was Ihr wolltet — uns zeigen? Wegen des Namens meine ich. „Aufrih" . . .
Da find drei Menschen Hans E. Steinbach, Theo D u s e b e r g, Maria Kubel, von denen mindestens zwei etwas zu sagen haben. Was sich an technischem Können bei Steinbach und Maria Kubel noch erweitern liehe, ist unwichtig gegenüber dem Wollen. Man spurt die Echtheit, das Müssen. (Und worauf kommt es sonst an?)
Tanz ist vom Körper aus primär: beseelte Körperlichkeit Diese Erkenntnis ist bei den dreien. Trotzdem — und deshalb leider — schleifen sie schwere gedankliche Bürde hinter sich her:
Im „Präludium" zum Beispiel: auch im .Bann", nur hier einfacher. Deshalb aber nicht minder unentschuldbar. Darum lehne ich das eine ganz ab, über das andere liehe sich reden . . . Kompro- mih? Mit wem?
„Spiel" war recht gut, gegen Ende besonders, ibeo Dusebcrg beherrscht vollständig gelöst seinen Körper, die beiden anderen auch finden Hall an der ichUchten Linienführung des Tanzes. ..Schatten", ein 'ein gefühltes cpicl (dach bringt nicht die Musik in diese klare Flächigkeit zu viel Körperliches hinein?). Gerade hier wurde selten eindeutig klar, was Musik, chytymisches Geräusch und Stille nebeneinander bedeuten. („Bedeuten" in Richtung auf den Ausnehmenden. für den Gestaltenden: „finb").
Weitaus wichtigste Tat des Abends ist „Wirr- i i s": Spiel der Kräfte in drei Kampieren, ganz iretnd einander an innerer Spannung und äußerer
Gebärde, jenseits von Gedanke und Gestalt: nur mehr irgendwie existierende Seinsformen. Hier ist restlose Erfüllung.
Die Bühne war Raum, die Farbe Leben.
Wir freuen uns dieses Abends. e—s.
*
Ein seltsamer Fall.
Bon Hermann Wagner.
„Angeklagter, — Sie heißen?"
.Ich heiße Ewald Domschle, bin zweiundfümszig Jahre alt, evangelisch und Schreiner in einem Patent-Bureau."
„Schon vorbestraft?"
„Roch nie."
„Sie_finb des Diebstahls angeklagt . . . Be- tennnen Sie sich schuldig?"
„3a-"
„Wie trug sich die Sache zu'/"
„Sie ist mit wenigen Worten schnell erzählt. Sie trug sich am einem Sonntag zu, auf dem Marktplatz, wo cm reger Verkehr herrschte Eine junge Dame ging an mir vorbei, die ein silbernes Hand- täschchen trug. Ich trat auf sie zu, entriß ihr das Täschchen, sie schrie auf, ich floh. Aber schon wenige Minuten später hatte man mich verhaftet."
„Begingen Sie den Diebstahl aus Rot?" „Rein."
„Aus Habgier?"
„Ganz und gar nicht."
,J)m. Es war doch heller Wahnsinn, an jener verkehrsreichen Stelle und um jene Zeit so etwas zu versuchen. Sagten eie sich denn nicht selbst, dah es unmöglich gelingen konnte?"
„3a."
„Und dennoch. Oder richtiger gesagt: eben deshalb! Ich wollte, dah man mich fahle!"
„Warum?"
..Darüber möchte ich zunächst noch schweigen." „ccltfam. Es scheint, dah Sie geistig nicht ganz
-) Die haben alle Schiffe im Miltelmecr
3) DaS ist schon einmal vorhanden und wird immerzu behauptet, damit müssen wir nun einmal rechnen!
*) Rein!
Dazu ist meine Kriegsflagge zu gut! Entweder im bitteren eingesetzt, oder gar nicht gezeigt! Für dergleichen Maskeraden wie btc vorliegende ist sie mir nicht feil!
Schlufjbemerkung des Kaisers:
Alle solche Demonstrationen find einfach lächerlich und enden mit Blamage. Bei den jetzt so gespannten Dcrhältniffen, wo wir fast allein, sich bildenden grohen, gegen uns gerichteten Koalitionen gegenüberstc^n. ist unser letzter Trumpf der Islam und die mohammedanische Welt. Dieselbe auch noch gegen uns auf- »ubringen und zu ärgern, indem wir uns an dieser geradezu jämmerlichen und lächerlichen Komödie beteiligen, lehne ich absolut ab . . Man nehme die Einladung mit höflichem Dank an, mit dem Bemerken, bah bei den augenblicklichen Derhällnissen es unmöglich sei für Deutschland, große Kriegsschiffe nach dem Mittelmeer zu senden, ohne üble Auslegung und Aufregung in England zu erzeugen, und der Winlerplan keine Schiffe frei habe für solche Erpeditionen.
Wilhelm.
Der Botschafter in W en Gras Karl von Medel an den Reichskanzler Fürsten von Bülow.
Ausfertigung.
Rr. 399 Wien, den 23. Oktober 1907.
Vertraulich.
Unmittelbar vor dem Abschlüsse meiner diplomatischen Laufbahn stehend, wollen Eure Durchlaucht mir ein jeder Ueberhebung freies, offenes Wort gestatten.
Wir haben wenig Freunde und viele Feinde, und selbst in dem uns eng- verbündeten Oeslerreich-Ungarn. obgleich dessen greiser Monarch allein schon die Dündnistreue verbürgt, zählen wir numerisch vielleicht mehr Gegner wie Anhängen, besonders nachdem in Ungarn die jetzt herrschende Unabhängigkeitspartei sich zum Teil von uns abgewendet hat. Letzteres halte ich allerdings für eine vorübergehende Erscheinung, weil die Bedingungen der eigenen Existenz der Magyaren immer wieder auf den Anschluß an Deutschland mit gebieterischem Zwange Hinweisen werden und weil persönliche Sympathien und Antipathien schliehlich politischen Lebensfragen gegenüber leine Rolle spielen. Trotzdem aber kann aufgestachelter Chauvinismus zeitweilig den Sieg über die ruhige Uebcrlcgung und gesunde Vernunft davontragen, besonders unter einem neuen .Herrscher, dessen Zuverlässigkeit nicht so erprobt ist, wie die des jetzigen. Den Rährbodcn für einen solchen Chauvinismus aber bildet die Balkanhalbinsel. Eine selbst streng egoistische Vertretung unserer wirtschastlichen Interessen in jenen Gegenden, wenn sie loyale Bahnen verfolgt, kann und wird man uns nicht verübeln, sie wird aber gefährlich, wenn wir uns dem Verdachte aussetzen, durch geheime Arbell gegen die als notwendig anerkannten politischen Bestrebungen der anderen Mächte uns persönliche Vorteile zu sichern.
Dieser, von unseren zahlreichen Gegnern emsig genährte, wenn auch ungerechtfertigte Verdacht befiehl: hüten wir uns. ihm greifbare Handhaben zu bieten. Das russisch-englische Abkommen in Mittelasien gibt im Hinblick auf die Dagdad- bahn zu denken.
Rach meiner Ueberzeugung werden wir Oesterreich-Ungarns nach wie vor sicher sein, wenn wir aus dem Balkan seine Kreise nicht stören, selbst wenn wir bestimmt, aber offen, für die Schonung des Sultans eintcetea. Eine solche Schonung entspricht den ernsten und innersten Absichten des Baron Aehrenthal.
Wir werden, das ist mein unbedingter Glaube, auf den jetzigen österreichisch-ungarischen Minister sicher zählen können, wenn wir ihm offen und loyal begegnen, unsere eingegangenen Engagements erfüllen und uns von der uns stellenweise anhaftenden Reigung zur Bevormundung sreihalten. Denn Baron Aehrenthal wird, wie ich ihn kenne, stets auf dem ©runb» sähe fußen, daß wir das, was wir für ans bean- fpruchen, anderen und speziell auch ihm nicht verweigern können.
Jede unberechtigte und anmatzende Kritll liegt mir selbstredend absolut fern, aber uh habe mich in den letzten Jahren des Eindrucks hin und wieder nicht erwehren können, dah wir selbst in kleinen Dingen, wo wir durch Entgegenkommen uns Freundschaft und Dani hätten erwerben können, uns in starrer Ab leh-
normal sind . . . Haben Sie etwas zu Ihrer Verteidigung anzuführen?"
„Nein. Nur eine kurze Erklärung über meine Person möchte ich bitten abgeben zu dürfen."
„Gut, reden Sie."
„Syna, ich möchte, — ja, ich möchte, wenn es erlaubt ist, darauf Hinweisen, daß ich ein höchst unglücklicher Mensch bin. Warum? Weil ich in meinem ganzen Leben noch niemandem begegnet bin, der bereit gewesen wäre, etwas Gutes über mich zu sagen, obwohl ich doch immer brav, fleißig, friedlich, redlich und gegen jedermann zuvorkommend gewesen bin. Sehen Sie, das frißt an mir. Hat nicht ein jeder braver Mensch das Recht auf Anerkennung? Diese wohl verdiente Anerkennung wurde mir noch nie zuteil. Noch niemals und von keinem Menschen . . . Sonst habe ich nichts zu sagen."
„Was schwätzen Sie da? Wollen Sie uns nicht lieber verraten, was Sie veranlaßt hat, einen so unsinnigen Diebstahl zu versuchen?"
„Das will ich erst dann sagen, wenn mein Herr Verteidiger gesprochen hat."
„Der Herr Verteidiger hat das Wort."
Der Verteidiger spricht. Er spricht ungemein schön und rührend. Mit eindringlichen Worten zeichnet er das bisher unbescholtene Leben des Angeklagten. Mit himmelblauen, rosenroten, weißen und goldenen Farben malt er dies Leben nach, welches allezeit das Leben eines guten, braven, ehrlichen, fleißigen Menschen gewesen ist. Der Angeklagte hat während dieser Rede bic Hände auf den Schoß gefaltet und hört in stiller Verzücktheit zu. Sein Antlitz strahlt, Tränen der Freude rinnen über seine Wangen, und man sieht es ihm an, daß er von einem heißen Glück umstrahlt ist. Als der Verteidiger geendet hat, wirst er ihm einen dankbaren Blick zu und trocknet sich die nassen Augen.
„Nun, Angeklagter, wollen Sie uns jetzt sagen, was Sie zu dem törichten Diebstahlsveriuch veranlaßt hat?"
nung gefielen, datz wir allzu mitztrauisch waren und dadurch Mitztrauen ernteten.
Wir sind ein hochentwickeltes Voll von v? Millionen, wir gebieten über ehre haxte, Herr litte Armee, und darum achtet und furche: man une. Darin auch liegen werdende Faktoren s politische Freundschaften. Betätigen wir al . diele Werbung nicht, stehen wir allein, Io wir> auch die Furcht sich vermindern, Reid und Hast werden ungeschminkt in die Erscheinung trete i und leicht zu gefährlichen Eruptionen führen...
Graf K. Wedel.
Handelskammer (Biegen.
Aus der Vollverfantmlung der Handc's- fammer Gießen vom 7 Mai wird un« b richtet:
Laut einstimmigem Beschluß sollest für die zweite Hälfte des Jahres 1925 die Handelskammerbeiträge auf der Grundlage d. Goldmark-Anlage- und Vetriebskapiiaiirn erhoben werden, falls diefe bis zum Deranlagu z- termin von den Finanzämtern zur Verfügung gestellt worden sind.
Der vom Hessischen Landtag bereits verad- schiedele Gesetzentwurf über die Gewerbesteuer für 1925 siebt neben einer Besteuerung des Anlage- und Betriebskapitals auch eine Besteuerung des Ertrages als selbständigen Steuer- faktor vor. Rach Artikel 5 des Gesetzes soll die ©rmittlung des gewerblichen Ertrages besondere geregelt werden Der SteuerauSIchuh der hessischen Handelskammern hat sich mit Rücksicht darauf, datz der Ertrag noch nicht feflgeft?Ilt werden konnte, mit dem Vorschlag des Flnanz- nrin steri »is wonach das Anlage kapital einerseits und d - Einkomm Körperschastsfleuervorauszahlungen andererseits zu gleichen Teilen zur Deckung der staatlichen Gewerbesteuer herangezogen werden sollen, als vorläufigen Regelung c inner ft anben erklärt
In ilebereinftimmung mit den übrigen deutschen Handelskammern hat sich auch die Handelskammer Gießen für die baldige Vorlage eines Gesetzentwurfes, der die erhöhte Umsatz- fteuer (Luxussteuer) beseitigt, ausgefvrochen
Dem Entwurf einer Verordnung über G e - sellschaftssteuer. welche die unterschied liche steuerliche Behandlung zwischen stillen Gesellschaften und offenen Handelsgesellschaften beseitigt. wurde zugestimmt.
Ein bestimmter Fall gab der Handelskammer Veranlassung, durch das Landesfinanzamt Darm ftabt fest stellen zu lassen, bah die Finanzämter mit Genehmigung des Landesfinanzamls wohl das Recht der Büche reinficht bei solchen Gewerbetreibenden, welche Waren veräutzern. ausüben können, daß sie aber niemals von Gewerbetreibenden eine Auskunft über ihre Lieferanten in Form der Einreichung von Kundenlisten verlangen dürfen.
In ilcbcreinftimmung mit den anderen hessischen Handelskammern hat sich die Handelslamm, für eine weitere Ermäßigung der Börsen steuer mit dem Ziele einer Annäherung an die Friedenssähe eingesetzt.
Die hessischen Handelskammern haben sich einstimmig im Interesse der Erhaltung der kleinen und mittleren Brauereibetriebe gegen dm Antrag Dr. Werner und Genossen auf Dcseitig ig du Brauercikotttingc nie ausgesprochen
Den Bestrebungen auf die Heranziehung des Automobilverkehrs zur Wegebauunte r Haltung widmet die Handelslammer beständig tue ernsteste Aufmerksamkeit: sie ist gegen jedr Sonderbelastung auf diesem Gebiete und vertritt die Auffassung, daß eine Regelung dieser Frage niemals im Wege Der Landesgesetzgebung, sondern, wenn sie überhaupt für notwendig c> - achtet wird, nur durch das Reich erfolgen kann
In der Frage der Auswertung hat sich die Handelskammer dem Gutachten des vorläufigen Reichswirtschaftsrats, der sich mit einer Auswertung bis zu 20 Prozent einverstanden erklärt hat, angcschlofscn
Im Interesse der Aufrechterhaltung der deutschen Mühlenindustrie hat die Handelskammer eine Eingabe der Handelskammer Worms auf Wiedereinführung eines Mehlzolles befürwortet.
Die hessischen Handelskammern sind wegen der außergewöhnlich hohen Kosten für die Ausfertigung von Legitimationskarten an inländische Handlungsreisende bei dem zuständigen Ministerium im Sinne einer Ermäßigung vorstellig geworden.
Mit dem Entwürfe einest Gesetzes über die Depot- und Depositengeschäfte haben sich die hessischen Handelskammern ein&erftanben
„3a. 'Jiur dics eine, c iß ich in den Anklagezu- stand versetzt werden wollte."
„Wieso?"
„Weil ich als Angeklagter doch auch das Recht auf einen Verteidiger habe. Und mein Verteidiger wiederum hat nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, in öffenllicher Rede all das Gute und Schöne festzustellen, das an mir ist. Das hat er getan, und zwar geschieht dies in meinen Leben zu in ersten Male, daß das ein Mensch getan hat. Ich nwchte ihm deshalb für die schöne Stunde, die er mir bereitet hat, von ganzem Herzen danken. Meiner Bestrafung aber sehe ich gefaßt entgegen. Wie immer sie auch ausfallen möge, so kann sie doch das Glück dieser meiner schönsten Lebensstunde niemals verwischen!"
Eine Festgabe rheinischer Dichter
Zur Tausendjahrfeier der Zugehörigkeit der Rheinlande zum Deutschen Reich erscheint in tur- zem ein Werk, das die deutsche Kultur in den Rhein landen in charakteristischen Beiträgen der modernen rheinischen Dichter widerfpiegelt. „Das Rhein buch, eine Festgabe rheinischer Dichter" (Deutsche Derlagsanstalt, Stuttgart) wird herausgegeben von den bedeutendsten Repräsentanten des rheinischen Dichtens und Denkens Josef Ponten und 3ofef Winckler und gibt, mit zahlreichen Bildern geschmückt, in all feiner Vielfarbigkeit ein umfaßendes Bild des Wesens der deutschen Rheinlcmde.
400 Jahre Marburger Universität.
Zur Dierhundertjahrfeier der Marburger Universität will die Provinz Hessen- Nassau ein Iubiläumsgeschenk barbringen, das in der Errichtung eines Instituts zur Pflege der Kunstwissenschaft von der Vorgeschichte des Altertums bis zur Kunst der Gegenwart bestehen iolL Den Bauplatz, auf dem dieses Institut errichtet werden soll, hat die Stadt Marburg, ebenfalls als 9uc:- läumsgefchenk, unentgeltlich zur Verfügung gestellt.


