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Samstag, 21. November 1925
175. Jahrgang
General-Anzeiger für Oberhefsen
vniü und Verlag: vrühl'Iche Univerfitäls-Vuch- und SleindruSerei «. Lange in Stehen. Schristlkitung und Seschästrstelle: LchuINratze 7.
Richthosens letzte Fahrt
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Gott ist und das Amen."
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3m Zentrum dagegen sollte auf dem Kasseler Parteitag der Richtungsstreit, wenn man den Kampf zwischen Wirth und der Reichstaasfraktion einmal so nennen will, ausgetragen werden. Dr. Wirth, dessen lärmender Austritt aus der Reichatagssra.iion die Herren Fehrenbach und Genossen s. Z. mit einem Uff der Erleichterung begrüßt haben mögen, ist
Amerika mit stolz geschwelltem Busen zurück- der Heimat
in die kühle Erde. ' Ruhestätte gefunden. Die —,----- . ,
halt' einen Kameraden", dann nahmen Mutter und Brüder mit einer Handvoll Erde zum letzten Male Abschied. Der Reichspräsident wirft sichtlich bewegt dem mutigen Offizier und treuen Menschen eine Handvoll Sand nach, verweilt einen Augenblick und verlaßt dann den Grab-
brauchen. Solange her gemäßigte Flügel der Parte« die Opposition mitmadjt und die Fraktion sich der Diktatur der Landesverbände fügt, wird man hierin keine Wendung erwarten dürfen.
es galt, gegen einen vielfach überlegenen Feind zu ziehen und mochten tausend Gefahren drohen. Dieses da« Va.erland liebende Herz hat er der deutschen Fliegerei vermacht. G aube ohne Liebe verroht, Liebe ohne Zucht entheiligt. Er, um den wir trauern, war der Mann der Kraft und der Mann der Zucht in einer Person.
den Währungsverfall, der bislang aber noch nicht über endlose Debatten im Parlament hinausgeht, absorbiert alle Kräfte des Kabinetts Painlev6. Der Ausgang der Finanzdebatte und das damit eng verknüpfte Schicksal des Kabinetts Painleve sind noch völlig ungewiß, ebenso ungewiß natürlich auch, ob Driand vor dem 1. Dezember noch Gelegenheit bekommt, vor der Kammer seine Locarnopolitik zu vertreten und die Zustimmung des Parlaments einzuholen.
3n Deutschland wird am Montag die Regierungsvorlage über die Locarnoverträge und Deutschlands Eintritt in den Völkerbund dem Reichstage zur Beratung zugehen. Für den Ausgang der Reichstagsdebatte stellte unser außenpolitischer Mitarbeiter, der deutschnationale Rcichstagsabge- ordnete Professor Dr. Hoetzsch, in einem dem Pariser „Exzelsior" gewährten Interview folgende Prognose: Bei der Abstimmung im Reichstage würde voraussichtlich die Regierungskoalition zusammen mit den Sozialisten die Regierung unterstützen, zusammen etwa 300 Stimmen. Die Deutschnationalen, die Völkischen und die Kommunisten würden dagegen nur 165 bis 170 Stimmen aufbringen. Die Annahme des Paktes fei also g e - sichert, vorausgesetzt, daß die Milderungen im RheinlanLe genügten. Professor Hoetzsch fügte hinzu, er glaube nicht an eine Auflösung des Reichstags. Die parlamentarische Lage dürfte damit richtig beurteilt sein, wenn auch Ueberraschungen gewiß nicht ausgeschlossen sind. Die Besprechungen des Reichskanzlers am Wochenende werden wohl im wesentlichen dazu gedient haben, solchen Ueberraschungen nach Möglichkeit vorzubeugen.
Wir führten gestern schon in unserer Vorschau auf die Parlamentstagung aus, daß die Lösung der seit dem Austritt der Deutschnationalen latenten Regierungskrisis auf die Zeit nach der Unterzeichnung des Locarnovertrages zurückgestellt werde. Es erübrigt sich daher, heute schon auf voreilige Kombinationen übereifriger Großstadtjournalisten einzugehen, die sogar schon mit fertigen Ministerlisten aufroarten können. 3n diesem Zusammenhang nur noch ein paar Worte über die beiden Parteitage dieser Woche.
Die Deutschnationalen bestätigten lediglich die ablehnende Haltung des Parteivorstandes zu Locarno, ohne aus ihrem Austritt aus der Regierung irgendwelche innerpolitisch-taktische Schlüsse zu ziehen. Richt mit Unrecht, sie sind wieder in die Opposition zurückgetreten und werden es der Regierung und den bisher verbündeten Parteien überlassen, sich ihre Mehrheiten zu suchen, wie sie sie
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sekretärs Meißner. Er macht heute in schallsuniform auf die zahlreiche Menge besonders starken Eindruck.
In der Kirche.
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Chefredakteur.
Dr. Friebr Wilh. Lange. Berantwvrtlich.
für Politik und Feuilleton Dr. Friedr. Wilh. Lange- für den übrigen Teil (Prüft ‘Blumschein; für den An« zeigenteil Hans Iüstel, sömUich in Gießen.
in der Kirche, von den Anwesenden mit einem tummen Gruß empfangen. Etwas später folgte Reichswehr mini st er Geßler und kurz vor Beginn der Feier fährt der R e i ch s k a n z -- l e r in Begleitung des Staatssekretärs K e m p - n er vor. Wenige Minuten später folgt der Reichspräsident in Begleitung des Staats» — - - - ' • - ■ • QH ar-
nationalen.
Die Locarnodebatte im Reichstag dürfte kaum neue Gesichtspunkte bringen. Die Gegenseite hat es der deutschen Regierung nicht leicht gemacht, das Vertragswert von Locarno dem Reichstag zur Annahme zu empfehlen. Die Rückwirkungen sind nicht in dem Umfange zugestandeu worden, wie man billigerweise erwarten durfte, sollte der Geist von billigerweise erwarten durste, sollte der „Geist von Locarno" nicht leere Geste bleiben. Wenn Reichspräsident und Reichsrcgierung sich trotzdem zur Annahme entschlossen, bann doch deshalb, weil sie in dem in Locarno Erreichten einen Anfang sehen, eine Grundlage, auf der weiter an der Befreiung Deutschlands gearbeitet werben kann, einen Weg ins Freie, der zwar immer noch steinig und bornenvoll genug ist, aber doch die Aussicht eröffne«, aus der Isolierung des Besiegten heraus Deutschland wieder auf den Platz in der Welt zu führen, der der Bedeutung seines Volkstums für W-ltkultur und Weltwirtschaft zukommt.
Man könnte diese Zucht die preußische nennen. Auf demselben Friedhof, auf dem wir ihm heute die letzte Ehrung erweisen, ruht Scharnhorst, der große Lehrmeister, der sich auch gerade für die Bildung, die Shulung und für die Begeisterung der waftenfähigen Jugend ganz einsehte. Unser Manfred von Richthofen hatte jenes „Stirb und Werde", Schmerz nagt an Männer- Herzen, vergiß o deutsche Seele nicht, daß du Flügel hast, unsere Ohnmacht ruft zur Kraft, unsere Selbstsucht schreit nach Liebe, unsere Ver- fahrenheit will Zucht. Herr gib uns in dieser Rot deinen Frieden, heiliger Geist gib uns den Willen, den stahlharten Willen zum Vaterland, den frommen freien Willen zum Himmelreich.
‘ cs, der in Euch bewahrt das Wollen Vollbringen nach seinem Wohlgefallen.
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Berlin, 20. Rov. (21L) Heute mittag wurde der Heros der deutschen Flieger im Weltkrieg, Freiherr Manfred von Richthofen, zu Grabe getragen. Schon in den Vormittagsstunden hatten sich vor der Gnaden- kirche in der Jnvalidenstraße Tausende von Menschen angesammelt, die der Ausfahrt beiwohnen woUten. Die Straßen waren in weitem Umfange von der Polizei gesperrt worden und von 12 Uhr ab wurden nur mit Ausweis her- ehene Personen durch die Sperre gelassen. Kurz nach 12 Uhr trafen die ersten Abordnungen, studentische Korporationen und zahlreiche Vereini-- gungen mit ihren Fahnen ein. Der Garten vor dem Kirchenvortal ist mit Offizieren aller Waffengattungen überfüllt. Die nüchterne Uniform der Reichswehr verschwindet fast ganz in dem farbenprächtigen Bild der Uniformen des alten Heeres. Das Ulanen-Regiment, dem Richthofen an gehörte, war besonders stark Vertretern Angehörige der ehemaligen Schutztruppe vervollständigten das bunte Bild. Kurz vor ein Uhr erschienen der Bruder und die Mutter Richthofens
guten Kameraden, das das Musikkorps intonierte, betrat Feldprobst Dr. Schlegel die Kanzel, ernste Worte des Gedenkens an die versammelte Trauergemeinde richtend: „Manfred von Richthchen ist heimgekehrt, ein Sieger von unerschrockenem Mut bis xum letzten Atemzug. Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Gei st der Kraft. So war auch Manfred von Richthofen beseelt von dem einzigen Gedanken, ich kann, w«a s i ch will. Dieser sein Wille lebt fort in uns, so hat ihn die tödliche Kugel getroffen, aber seinen Geist haben d'.e Feinde am 21. April 1918 nicht vernichten können, den Geist, der diesen Germanen beseelte. Grundzug des Charakters dieses Mannes ist die Liebe, die sich in seinen Briefen an die Mutter, den Vater, den Bruder widerspiegelte. Echter deutscher Familiensinn war das Kennzeichen seiner Kameradschaft. Seine Kameraden draußen kannten ihn wie einen Vater, ihn den Sieger in achtzig Kämpfen.
Ein Kennzeichen seiner Persönlichkeit war die Ta.erlandsliebe, die nicht „abdrehte", wenn
Die Trauerversammlung erhebt sich Erscheinen des Reichspräsidenten. Unmittelbar darauf nimmt die offizielle Feier ihren Anfang. Rach einem Orgelspiel und dem Gemeindegesang „Ich weih an wen ich glaube, denn mein Erlöser lebt" und dem Liev vom
Erscheint täglich,außer Sonntag» unb Feiertags.
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gekehrt. Die Entwicklung der Dinge in hat ihm Oberwasser gegeben. Das Zentrum schämt sich seines Bündnisses mit den Deutschnationalen, das nur leider vorzeitig zerbrach, bevor Reichsschulgesetz und Konkordat aufs Trockene gebracht waren, Dinge, die man mit Hilfe der Deutschnationalen eher durchzusetzen hoffte als mit den Sozialisten. Nachdem nun die Deutschnationalen ihre Teilhaberschaft aufgesagt Haben, wird beim Zentrum der Linkskurs wieder große Mode. Herr Wirth feiert Triumphe, wenn auch vorerst nur äußerlicher Natur, denn für die von ihm propagierte Große Koalition mit den Sozialdemokraten war in Kassel doch vorerst noch geringe Stimmung. Lieber will man eine Regierung der Mitte mit Einschluß der Demokraten. So ist auch hier alles noch im Fluß. Die Auseinandersetzung innerhalb der Partei ist vertagt, genau so wie bei den Deutsch
Totensonntag.
Während die katholische Kirche von alters- her ihren Menseclentag am 2. Rovember halt, hat sich in den protestantischen Gebieten Deutschlands der Totensonntag zum Teil erst in den letzten Jahrzehnten eingebürgert Es ist Brauch geworden, ihn auf den letzten Sonntag deS Kirchenjahres zu legen, also in die Woche vom 20. bis 26. Rovember fallen zu lassen, durch- 'chnittlich noch drei Wochen später als den Allerseelentag. Dementsprechend pflegt die Ratur noch mehr ein Spätjahrsgewand angelegt zu haben. Die Verkürzung der täglichen Sonnen- trahlungszeit hat inzwischen beinahe ihr äußerstes Maß erreicht. Unb wenn für den Rovember- anfang ein Wärmerückfall fast charakter.stisch ist, besteht im letzten Drittel des Monats bereits eine verhältnismäßige Wahrscheinlichkeit für eine erste Periode strengeren Winterwetters. Der Winter aber heißt der Menschheit, seit ihre Dichtung — und gewissermaßen war wohl der erste Mensch auch der erste Dichter — ihr Leven in den Raturerfcheinungen w.derg.-spiegelt hat. das Abbild des V e r g e h e n s, des Todes. Schon Homer vergleicht die unaufhaltsam aufsprießenden und verwelkenden Geschlechter mit den Blättern der Bäume, die der Lenz hervortreibt und dann der Herbstwind von ihren Kronen schüttelt.
Sinnig hat man die diesjährige Wiederkehr des Totengedenktages gewählt, um die Gebeine eines deutschen Kriegshelden, die bisher auf der Stätte seines Opfertodes ruhten, in heimische Erde zu betten. 3m Blütenmonde des letzten Kriegs^ahres hatte Manfred von Richthofen seinen letzten Flug gesagt, dem deutschen Siegwillen auch von dem zuletzt für kriegerische Unternehmungen erschlo senen Elemente aus Förderung zu leisten. DaS Ende unseres namhaftesten Kampffliegers ist der Vorbote eines ungäicklichen Ausganges des Weltkrieges geworden. Rach sieben langen Jahren, die für Alldeutschland schweren Riedergang bedeuteten, begrüßt ihn jetzt an der Schwelle des Winters die Heimat wieder.
3m Altertum hes^e.e sich an solche Heim- holung großer Toter gern die Vorstellung, daß sie dem Valerlande eine verschüttete Kraftquelle neu erschließen. Die Orakelstätten wußten solchen Glauben zu nähren. Manche List mußte angewandt werden, um dem Gegner eine Herausgabe der siegverheißenden Reliquie abzugewinnen. Unser Kulturleben ist wenigstens soweit fortgeschritten, daß eine gewaltsame Zurückhaltung der Reste nicht mehr tn Frage kommt, und es bedurfte zum Zweck der Auslieferung von Richthosens Leiche wohl kaum der neueröingd ein wenig gebesserten interna.iona>n Verhältnisse. Daß eine Teilnahme des amtlichen Frankreichs an der Heimschaffung unterblieben ist, beschwört im Gegenteil unheb'ame Vergleiche mit der ritterlichen Art herauf, in der in den Vorkriegsjahren deutscherseits z. B. bei der Ausgrabung des in Magdeburg ruhenden ehemaligen Kriegsministers Carnot, unseres Gegners im ersten Revolutionvkriege, auf Befehl des Kaisers mili.ärnsche Ehren ettoie en wurden.
Richtsdeftowen'ger wollen wir an der guten Vorbedeutung festhalten, die diese Bestattung am Totenfeste von 1925 für ein künftiges friedlicheres Zusammenleben der Rationen au künden scheint. Denn mit dem Gedenktage der von uns Geschiedenen schließt das kirchliche 3ahr ab. Einen Sonntag später eröffnet der „erste Advent" die Weihnachtsvorseier mit ihren 5)Öffnungen von Lichterglanz und Festesfreude an der Sonnenwende des Winters. Unb diese erste AdventSwoche wird die Unterzeichnung der Urfunöen von Locarno sehen! Hoffentlich steht auch dieses Werk, das Ergebnis mühseliger unser laufendes 3ahr audfüllenber Verhandlungen, unter dem glücklichen Zeichen einer deutschen Sonnenwende zu neuem politischen und wirtschaftlichen Aufstiege! Wenn wir m den ersten sechs 3abren nach dem Zusammenbruch der vielen, vielen Toten gedachten, die uns der unglücklich angegangene Krieg gekostet hatte, dann wurde unsere Trauer um die furchtbaren Verluste noch verschärft durch den Schein, daß die Opfer umsonst gebracht seien, daß Deutschland gleich dem jetzt heimgeführten Helden durch jähen Absturz aus einer verheißungsvollen Entwicklung auf Rimmerwie- dergutmachen herausgerissen sein könne. Aber wir dürfen doch wohl das Bewußtsein herübernehmen,daß eine empfängliche 3ugenb sich an dem Bilde der gefallenen Helden — das alte Wort Heros bezieht sich ursprüglich immer auf tote Helden, die an ihren Grabstätten halb- göttliche Ehren genossen — zum erfolgreichen Ringen auch mit Deutschlands feindlich gewesenem Geschick begeistern wird. Unb die Fortschritte der letzten 3ahre, zumal auch seit dem Tief- pmckt des Riederganges um die Zeit des Totenfestes von 1923, eröffnen einen verheißungsvollen Ausblick auf die kommenden 3ahre.
Die Umgruppierung der Besatzungtruppen im Rheinlande.
Varis, 21. Rov. (WTB. Funksvruch.) „5i* garo'7 glaubt, daß die durch d'.e Räumung der Kölner Zone no:wendig gewordene Umgruppierung der Desahungstruppen in dm Rhe nlanben gewisse Folgerungen nach sch ziehen werd». Man schreibt dem französischen Oberiommanbo die Absicht zu, im besetzten Gebiet nur einen schwachen Teil des Vesayungs'heeres zurückzulassen und den Rest in Lothringen und im Unter - Elsaß unterzubringen. General Guillaumat in Mainz werde sein Hauptquartier in eine Stadt an der Mosel verlegen, wahrscheinlich nach Metz. General Guillaumat werde übrigens nach Paris zurückkehren, um -tic
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Die Parlamente und Locarno.
Preisend mit vielen schönen Reden", so feiert man in den westlichen Hauptstädten das Vertrags« werk von Locarno, und besonders Herr Austen Chamberlain, Staatssekretär des Auswärtigen im Kabinett Seiner britischen Majestät, berühmter Sohn eines berühmteren Vaters, kann sich nicht genug tun an lauter Begeisterung über das in Locarno Erreichte. Auch seine große Unterhaus, rede, der ja bei der ihr folgenden Abstimmung ein glänzender Erfolg Geschieden war, schwelgt m überschwänglichen Worten von dem Wendepunkt in der Geschichte Europas und vielleicht der Welt. Herr Chamberlain wird es uns Deutschen nicht übel nehmen dürfen, daß wir seine aus gewiß ehrlichem Herzen kommende Begeisterung nicht vollauf zu teilen vermögen, ja, daß gerade seine Rede in entscheidenden Punkten unsere Skepsis gegenüber dem Vertragswert von Locarno nur zu vennrhren geeignet war. Man hat das deutsche Volk seit 1914 zu sehr auf die Rolle des Paria unter den Volkern gedrillt, als daß wir nun nicht nur ganz.sukzesswe an den vielberedeten „Wendepunkt" zu glauben uns gewöhnen müßten. Und trotz aller schönen Redens- arten, die Chamberlain sich und seinen Kollegen von Locarno zum Preise in überreichem Maße spendet, stellt seine Rede sehr kühl und klar die Grenzen heraus, die in Locarno erreicht sind, den engen Rahmen, der dort nicht überschritten wurde, nicht überschritten werden konnte.
Am gespanntesten war man in Deutschland auf bas Ausmaß der angekündigten Rückwirkungen. Hier hatten jedoch Botschafterkonserenz und Rheinlandkommission mit ihren bekannten Roten Herrn Chamberlain die größten Rosinen aus dem Kuchen genommen. Es blieben dem Minister nur Allgemeinheiten, die die Bedeutung der Rückwirkungen für unsere durch sechs Jahre hindurch schwer bedrängten Brüder am Rhein nur abschwächen , können. Dom Versailler Vertrag und dem Rheinland- abtommen sind die Alliierten nicht geneigt, etwas preiszugeben. Wohl wollen sie abbauen, was wider alle Verträge, gegen Recht und Gesetz an lieber- griffen und tyrannischer Willkür Zentralverwaltung wie Lokalbehörden im Lause der letzten Jahre, vor allem seit dem Ruhrkampfe sich angemaßt haben. Damit machen sie nur offenbares Unrecht wieder gut, damit stellen sie nur den Dertrags^ustand wieder her, wie er vor ihren schnöden Rechtsbrüchen bestanden hat. Aber darüber hinaus vermißt man jede Konzession, die ihr Recht aus dem Versailler Vertrag schmälern könnte. Das hat auch Chamberlain in seiner Unterhausrede noch einmal unterstrichen, bestimmt war diese Wendung natürlich für die Diehards, den rechten Flügel feiner Konservativen, dem er damit die Zustimmung zum Vertrag erleichtern wollte. Aber auch wir sollen sie uns ad notam nehmen als die amtliche Ausdeutung dessen, was England in Locarno an Tatsächlichem für erreicht erachtet. Einen deutschen Erfolg wird man indessen darin sehen — und das betonte auch Chamberlains Rede ganz unzweideutig —, daß der Vertrag an sich wohl auch weiterhin voll und ganz zu Recht besteht, daß aber jeder einseitigen Auslegung seines Inhalts — und darauf fußten ja schließlich alle Rechtsbrüche der letzten Jahre — durch die Schiedsgerichtsvcrträge ein Damm gesetzt ist. Das ist ein unzweifelhaftes Plus, das wir nicht hoch genug veranschlagen können.
Von besonderer Bedeutung waren auch Chamberlains Worte über die britische Garantie des Rheinpattes. Wenn sich auch feine Interpretation mit Bezug auf die völlige Gleichstellung Deutschlands mit Frankreich im Kriegsfälle mit der Ansicht der deutschen Delegation deckt, so hat er doch außer- halb einer Volkerbundsexekution die Verpflichtungen Englands sehr vorsichtig umriffen. Im Falle einer unmittelbaren Gefahr behäst England sich selbst das Recht vor, zu entscheiden, ob, in welcher Form und in welchem Umfange es sich verpflichtet fühlt, in den Konflikt einzugreifen.
Auch Chamberlain unb die Engländer sind sich trotz aller lauten Jubelhymnen völlig darüber klar, daß Locarno nur ein winziger, zaghafter Schritt ist auf dem Wege zur Konsolidierung Europas, oder gar zu einer heute noch durchaus utopisch anmutenden Welt des Friedens und der Eintracht. Vom entwaffneten Völkerparadies sind wir noch sehr weit entfernt. Chamberlain drückte sich um die 21 b - rüftungsfrage vorsichtig herum, und erst Lloyd George betonte mit der größeren Unbekümmertheit des Oppositionsführers die Notwendigkeit, die Lücke, die Locarno gerade in dem Ab- rüftungsproblcm gelassen habe, durch die Verhandlungen im Völkerbund mit größerer Aktivität als bisher auszufüllen.
So ist Chamberlains Rede im ganzen genommen nicht gerade eine starke Ermutigung für uns, die Lv- carnooerträge auch unsererseits gutzuheißen. Eng- land freilich hat es leicht, sein placet zu erteilen, es gibt nichts auf von seinen Rechten, übernimmt Garantien, deren moralischer Wert ihren materiellen erheblich übermieot, und erhält eine im Völkerleben denkbar sichere Gewähr dafür, daß der Rhein — einer der Gefahrpunkte des britischen Reiches — auf Jahre hinaus als Gegenstand kriegerischer Ambitionen ausgeschaltet ist. Das verschafft ihm endlich Ellenbogenfreiheit für die im nahen und fernen Osten der Lösung harrenden Aufgaben. Und ttotzdem auch Chamberlain, wie schon die deutschen Staatsmänner mit aller Entschiedenheit wieder unb wieder betont, daß Locarno keine.Spitze aegen Rußland bedeutet, so muß man doch als Tatsache eine vielleicht nur augenblickliche Abkühlung der deutsch-russi» schen Beziehunaen buchen. In der Londoner Boro- ningftrect registriert man diesen weiteren Schritt zur Isolierung Rußlands gewiß nicht unaern, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen zur Beschwichtigung her russophilen Arbeiterpartei.
In Frankreich beschäftigt man sich mit ganz anderen Dingen als mit Locarno. Der Kampf gegen
MusiLapelle intoniert Trauermärsche, der Zug langsam um die endgültige Lhvsens gruppiert hat. Zwanzig'Schritt von dem Grabhügel entfernt hat ein Zug Reichswehr Ausstellung genommen und auf das Kommando Feuer!" krachen drei Ehrensalven m die Lust. Der Sarg senkt sich langsam Richthofen hat seine letzte Die KapeUe intoniert „3d>
Um zwei il&r verkündete Glockengeläut den Schluß der Feier in der Kirche. Kameraden Richthofens trugen den Sarg auf die vor dem Portal stehende Lafette. Der einfache Eichen- sarg wies nur schlichten Schmuck durch eine grüne Girlande auf. Auf dem Sargdeckel befanden sich der Tschako und der Degen Richt- Hofens. Gleichzeitig mit der Mutter und dem Bruder Richthosens erscheint der Reichspräscdent. Die Ehrenkompagnie solutiert, die KapeUe spielt Riederländische Dankgebet. Ein fast endloser Zug formiert sich, voran der Sarg, von der Ghren- kombagnie gefolgt. Reben dem Reichspräsidenten ging der Reichskanzler und der Reichswehr- minifter. Dann folgten Offiziere aller Chargen. Dce Scharnhvrststrahe war zu beiben Seiten von einer großen Menschenmenge umsäumt. Gegen war der Zug auf dem Friedhof ver-
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Nr. 275 Erstes Blatt
Eichener Anzeiger


