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Mitteilung machen, daß der Flugtag tn Alsfeld ausfallen, und baß die bezahlten Eintrittsgelder durch die Bürgermeisterei Alsfeld zurückgezahlt werden würden. Der Dietrich-Eindecker erhob sich in die Luft, um in der Richtung nach Kassel die unerfreuliche Situation zu verlassen, während sich die Zuschauer allmählich entfernten. So endete der Flugtag der Hessenflieger in Alsfeld, der jedenfalls für die Veranstalter keine be­sondere Empfehlung geworden ist.

Starkenburg.

* Darmstadt. 19. Oft. Kürzlich hatte der Vor­sitzende der Stadtverordnetenfraktion der Deutschen Lolkspartei in Gemein­schaft mit dem Vorsitzenden der Partei eine Miß­trauenserklärung gegen den Oberbürger­in e i st e r D r. G l ä s s i n g gerichtet und veröffent­licht, in der dem Oberbürgermeister allzu starkes Nachgeben gegenüber den Wünschen der Linkspar­teien vorgeworfen wurde. Oberbürgermeister Dr. Glässing antwortet jetzt mit einem Schrei­ben an den Vorsitzenden der Stadtoerordnetenfrak­tion der Deutschen Volkspartei, Sanitätsrat Dr. N o e l l n e r, in dem es heißt:Bei meiner Rück­kehr aus der Urlaubsreise habe ich heute zum ersten Male' Kenntnis erhalten von dem Inhalt der Er­klärung vom 6. Oktober, die in meiner Abwesenheit veröffentlicht wurde. Auch ich bedauere lebhaft, daß die Fraktion der Deutschen Dolkspartei der Stadtverordnetenversammlung zu einer solchen Entschließung gelangen au müssen glaubte. Wenn Meinungsgegensätze nicht überbrückbar sind, so müssen sie ausgetrogen werden. Der Leiter der Verwaltung hat nach dem Gesetz eine eigene, nur ihm persönlich obliegende Verantwortung. Hinsicht­lich des letzten in der Stadtverordnetenversammlung ausgetragenen Meinungsgegensatzes, betr. die Nicht­wiederbesetzung der Leigeordnetenstelle, die seither Herr Bürgermeister Daub verwaltete, darf ich dar­auf Hinweisen, daß ich als Leiter der Verwaltung die Initiative ergriffen hatte. Es ist nicht so, daß ich mich der Auffassung einer anderen Partei ange­schlossen hätte. Meinem Anträge auf Nichtwieder- befetzung haben sich sämtliche Mitglieder der Der- waltung ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit angelchlossen. desgleichen die Mitglieder der Deutsch- nationalen Volkspartei, der Demokratischen Partei, der Sozialdemokratischen Partei und der Wirtschaft­lichen Vereinigung. Noch heute steht für mich die Verpflichtung fest, auch in der Verwaltung zu sparen, nachdem die unglücklichen Abbauvorschriften die kleinen und mittleren Beamtenstellen in erster Linie getroffen Hadem Wenn der Herr Vorsitzende der Partei und die Fraktion der Stadtverordneten­versammlung ihre Nichtübereinstimmung mit meiner Auffassung in die Form eines Mißtrauens­votums gekleidet haben, so lehne ich zunächst die Legitimation des Herrn Vorsitzenden der Partei, in Angelegenheiten der kommunalen Selbstverwaltung ein Mißtrauensvotum zu erteilen, mit aller Ent­schiedenheit ab. Wenn die Fraktion der Stadtoer- ardnetenverfammlung etwa geglaubt haben sollte, mein Amt zu vergleichen mit dem Amte eines Ministers, der den parlamentarischen Grundsätzen der Neuzeit untersteht, so ist sie im Irrtum. Für meine Amtsstelluno und mein Verhalten ist das Städterecht und mein Gewissen entscheidend. Indem ich mir vorbehalte, zur richtigen Zeit und an der geeigneten Stelle auf die erwähnten Meinungs­gegensätze zurückzukommen, erkläre ich mit aller Bestimmtheit, dah ich auch in Zukunft mich in meinen Entschließungen und 'Abstimmungen leiten lasse lediglich von der Berücksichtigung des Ge­samtwohls der Stadt. Ich habe nicht das Amt eines Oberbürgermeisters der Partei, sondern das Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Darmstadt zu verwalten. Den Inhalt dieses Schreibens bitte ich zur Kenntnis des Herrn Vorsitzenden der Partei z'u bringen."

Preußen.

Kreis Wetzlar.

3 Wetzlar. 18. Oft. Die hiesige Frei­willige Feuerwehr hatte heute ihren großen Tag. Ein besonderes Schlußstück ihrer Ausrüstung, die neue Motorfeuerleiter, wurde ihr heute nachmittag in feierlicher Weise übergeben. Zu dieser ülebergabe waren auf V4 Ahr die Vertreter der Bürgerschaft, der Landral und eine größere Anzahl im wirtschaft­lichen Leben der Stadt stehender Personen ge­laden. Vorher fand noch eine eingehende Be­sichtigung der Schaltanlage der ebenfalls neuen Alarmvorrichtung statt. Diese von der

Firma Siemens & Halske gebaute Anlage wurde durch den städtischen Betriebsleiter eingehend erläutert lind in ihrer Wirkungsweise vorgeführt. 3n der Moltkestraße vor dem neuen Fabrik­gebäude der Firma Hensoldt hatte die Wehr mit der neuen Motorleiter Aufstellung genom­men. In Vertretung des Bürgermeisters über­gab Beigeordneter H i e p e die Leiter in einer zu Herzen gehenden Ansprache, in der ganz be­sonders der Dank der Bürgerschaft für die glän­zende Organisation und Bereitschaft der Wetz­larer Feuerwehr zum Ausdruck brachte. Eine kleine Hebung in Verbindung mit der neuen Motorspritze zeigte die volle Durchbildung der gesamten Mannschaft. Beigeordneter K l e e - m a n n brachte dann in beredten Worten den Dank der Wehr zum Ausdruck. Wenn man bc= denit, dah die Stadt in diesem Jahre für den Feuerschutz ihrer Bürger eine Motor­spritze. eine Motorleiter und eine voll- tommen moderne Alarmvorrichtung über die ganze Stadt mit vier Schleifen beschafft hat, deren Kosten auf 80 000 Mk. geschäht werden dürfen, so ist das eine Leistung, die sich sehen lassen kann.

Kreis Biedenkopf.

bl. Bischoffen, 19. Oft. Am gestrigen Sonntag wurde das für die gefallenen Helden unserer Gemeinde errichtete Ehrenmal ein- geweiht. Gegen i/i3 Hfjr marsch erten die hie­sigen Vereine (Kriegerverein und Männergesang­verein) sowie die Angehörigen der gefallenen Brüder unter Vorantritt von Schulkindern und des Posaunenchors Endbach zur Weihestätte. Im Anschluß an einen Schülerchor und eine Deklamation richtete der Ortspfarrer Hau­st e i.n - Herborn warme Degrühungsworte an die Versammelten und wies auf den 18. Oktober hin, der durch die Völkerschlacht bei Leipzig eine besondere Weihe erhalte. Ferner dankte er den Erbauern des Denkmals und allen denen, die sich an dem Zustandekommen beteiligt hätten. Es folgten einige Deklamationen und ein stim­mungsvoll zu Gehör gebrachtes LiedMahnruf ans Vaterland" durch den Männergesangverein. Hierauf ergriff Professor V e i d t - Herborn das Wort 31t einer warmen, von Herzen kommenden Festprä>igt. Aach dem gemeinsamen Gesang Jesus meine Zuversicht" wurde das Denkmal enthüllt und dem Bürgermeister der Ge­meinde in Pfleae und Obhut gegeben. Dieser übernahm den Schlüssel des Portals und ver­sprach, stets für Pflege und Erhaltung zu sorgen. Aumnehr wurden die -Aamen der Gefallenen verlesen, woran sich die Kranznied'rlegnng der Vereine usw. anschloß. Es folgten der Vortrag des LiedesIch halt' einen Kameraden" durch den Pos«unenchor, zwei Chornesänge und eine Deklamation. M-t Gebet und dem gemeinsamen Gelang des altniederländischen Dankgebetes schloß die eindrurksvolle Feier. Das Ehrenmal hat seinen Stand aus dem Friedhof. Die Ausfüh­rung des wichtigen Monuments erfolgte in Grün- stein. Die Rückseite schmückt eine Grünsteinplatte mit den WortenIhren tapferen Söhnen ge­widmet die dankbare Gemeinde Bischoffen". Auf der Vorderseite find die Aamen der 27 Gefallenen ebenfalls auf einer derartigen Platte zu lesen. Die Einfassung besteht aus einer Mauer. Vor dem Treppenaufgang wurde eine kleine gärtne­rische Anlage angebracht, die eine Mauer mit weißem Lattenzaun einfaht. Inmitten der An­lagen wurde das Eiserne -Kreuz in Steinchen» eingesetzt, zu 'beiden Seiten die Zahlen 1914 bis 1918. Danner, ebenfalls aus allen Farben von Kieselsteinen zusammengesetzt, füllen das Ganze aus. In der Gesamtheit betrachtet, ergibt sich ein recht anmutiges Bild. Der Entwurf stammt von dem Bausekretär und Architekten Keil- Dillenbüra. der Dau wurde von dem Steinhauer Karl Wilhelm T h i e l in a n n - Dicken aus­geführt.

bl. Hartenrod, 19. Ott. Die vom hiesigen Obst- und Gartenbauverein veranstaltete O b st -, Gemüse- und Konservenausstellung wurde am Samstagnachmittag eröffnet. Ausstel­lungsraum ist das Gasthaus . Stiel" mit seinem geräumigen Saalkmu. Der Eröffnung wohnte u.a. der Landrat des Kreises Biedenkopf, Reglerungsrat Calsmgnn, Gartenbauinfvektor Lange - lrrantfurt g. M., Winterschuldirektor Remy- Ufingen, Direktor Möhler- Herborn und die Kreishaushaltungslebrerin bei. Der Vorsitzende des hiesigen Vereins, Lehrer Horn, begrüßte die Er­

schienenen und wies anschließend auf den Zweck der Veranstaltung hin. Gartenbauinspektor Lange- Frankfurt a. M. gab einige Aufklärungen, wahrend der Bürgermeister als Vertreter der Gemeinde sprach. Es wurde daraufhin eine Besichtigung der einzelnen Abteilungen vorgenommen, die sehr be- f-riebigte. Die Fülle des Ausgestellten beweist, daß die Pflege und Zucht von Früchten und Garten- erzeuanissen hier weit vorangeschritten ist. In drei Abteilungen werden Aepfel und Birnen, Konserven und Gemüsesorten gezeigt. Die Ausstellung ist in ihrer ganzen Beschickung und Ausmachung hervor- rnaenb. An Preisen sind eine Anzahl Houshaltungs- unb Wirtschaftsgegenstände berertgestellt. Von der Landwirtschaftskammer und dem Landesverband erhielt der Verein zur Prämiierung fünf Diplome. Gartenbauinsvektor Lange hielt im Laufe des Jahres drei Lehrgänge hier ab. Der hiesige Obst - und Gartenbauverein wurde im Jahre 1922 mit einer Mitgliederzahl fton 24 gegründet. Heute, nach drei Jahren, beträgt die Zahl schon 116 Mit­glieder.

Frankfurt a. M. und Umgehend.

fpd. Frankfurt a. M., 19. Oft. Das Ehe­paar Joseph Dahl und der Tagelöhner Paul Kreide bejahen sich am Sonntag nach mehr als reichlichem Alkoholgenutz in die Woh­nung des Kreide und beschmutzten hier in der Trunkenhe'.t in nicht wiederzugebender Wtese die Wohnräume. Vermutlich ist eine der drei Per­sonen an den Gashahn ge.alen und hat ihn geöffnet. Durch das ausströmende Gas wur­den die drei Personen bewußtlos. Die beiden Männer fand man, als Hausbewohner die Räume öffneten, bereits t o t vor, die Frau starb kurz nach te; E n ie eatng in !al K nn en» Haus.

Der Stratzenbahnerstreik in Frankfurt.

fpd. Frankfurt a. M., 19. Oft. Die Lage im Straßenbahnerstreif ist unver­ändert. Franffurt steht, seitdem der gesamte Straßenbahnverkehr ruht, im Zeichen des Autobusverkehrs. Aeben der Stadtverwaltung haben der Frankfurter Verkehrsverein und eine immer mehr zunehmende Anzahl von Privat­unternehmern Autobuslinien durch die ganze Stadt nach den Zentralpunkten und den Vororten eingerichtet. Diese Verkehrsmittel werben, wenn sie auch nicht billig sind, außer­ordentlich stark benutzt. Sogar von auswärts beteiligen sich zahlreiche Automobile an dieser neuen lohnenden Erwerbsmöglichkeit. Da der Autobusverlehr im Laufe des Tages organisiert wurde, macht sich die Stillegung längst nicht mehr so fühlbar wie am Morgen. Die Stadt- vervrdnetenfraktionen haben sich in ihrer heute abend stattgefunder.en Sitzung mit großer Mehr­heit dafür entschieden, dem Magistrat Verhand­lungen mit den Streikenden zu empfehlen, aber unter allen Umständen Festigkeit zu bewahren. Das Reichsarbeitsministerium hat bereits einen Schlichter bestellt, der gegenwärtig über die strittigen Lohnfragen mit beiden Parteien ver­handelt, während die anderen Fragen, wie An­gestell tenverhältnis nach wie vor der Stadt- verordne'enversammlung zur Entscheidung unter­liegen. Unter den Straßenbahnern macht sich seit heute eine starke Stimmung für die Wieder­aufnahme der Arbeit bemerkbar.

Kunst und Wissenschaft.

Hessisches Landesthealer.

Das Hessische Landestheater hat in der letzten Zeit dem Publikum ein sehr abwechslungsreiches Programm geboten. Unter den Aeuemstudie- rungen ist eine darstellerisch und szenisch aus­gezeichnete Wiedergabe von GlucksOrpheus und Eurydike" zu erwähnen.

Ein Volltreffer ist auch die heitere Oper Der Hochzeiter" von Karl Dleyle, die bei ihrer Erstaufführung eine ungewöhnlich warme Aufnahme fand. Die Handlung, der an die Operette streifenden Oper baut sich auf Otto Ludwigs ErzählungAus dem Regen in die Traufe" auf; sie ist zwar in das Biedermeier- gewand gekleidet, aber musikalisch durchaus mo­dern. Der Schneider, der unter der Gewalt einer bösen Stiefmutter steht und dann unter dem ebenso herrischen Wesen seiner Braut zu leiden hat, schließlich aber mit seiner sanften Jugend­liebe den Bund fürs Leben schließen kann, ist ein dankbarer Lustspielstoff. Bei der Musik hat insbesondere Wagner mit seinenMeistersingern"

Pate gestanden, daneben noch Richard Strauß und Lorhing, indessen sind diese Anregungen sehr geschickt mit Eigenem verarbeitet. Der an­wesende Dichterkomponist konnte daher den Bei­fall als einen redlich verdienten buchen. Auch für das Landestheater war die Aufführung ein starker Erfolg; die Künstler gaben ihr Bestes, ebenso die Regie und namentlich die Ausstattung Icifte'cn Außergewöhnliches.

Von den Gastspielen der letzten Zeit hinterließ dasHessische Künstlerthea­ter", das seinen Sitz in Frankfurt hat, mit HauptmannsFuhrmann Henschel" den günstig­sten Eindruck, der besonders durch den Vertreter der Titelrolle bestimmt wurde. Im ga-»'m ließ die Aufführung erkennen, daß an die'er Wander­bühne fleißig gearbeitet wird. Das Gastepiei der Münchener musikalischen Komödien" brachte Singspiele, deren Musik Schöpfungen ä le­rer Komponisten (Spohr, Marschner und Offen­bach) entnommen war, während der neue Text von Erich Fischer stammt. Der Versuch ist als geglückt zu be eichnen; diese Art Singspiele sind jedoch weniger für große Bühnen als für Lieb­haber - Aufführungen geeignet. Emil Ludwigs SchauspielDie Entlassung" (ein Gastspiel des Altonaer Stadtthea'ers auf eigene Rechnung) ist hier von der Presse aller Mhtungen ab- gelehnt worden; überdies war der ^Besuch der Vorstellung schwach.

Ein wertvoller Fund im Zweibrücker Gymnasium.

Einem jungen Zweibrückener Referendar, I. Reingold, ist es gelungen, in der Zwei­brücker Gymnasialbibliothek einen wertvollen Fund zu machen. Es handelt sich um die Auf­findung von rund 25 Bucheinbänden, die wie schon früher vermutet wurde nun durch Stempelvergleichung mit Sicherheit als das Werk des bedeutendsten Kunstbuchbinders der deut­schen Renaissance nachgewiesen wurden. Der Meister dieser Bände ist Jakob Krauhe (1566 bis 1578), der berühmte Hofbuchbinder des Kur­fürsten August von Sachsen in Dresden. Wir kennen heute ungefähr 300 Buchbände, die er geschaffen hat. Die Mehrzahl davon befindet sich in der sächsischen Landesbibliothek. Andere Bände sind z. B. in Darmstadt, 6 in Kopen­hagen, 2 in Berlin und einer in der Stadt- bibliothek in München. Wenn man hört, daß ein nicht einmal signierter Krauße-Einband im Handel mit 1000 Marl gewertet wurde, so stellt der Fund Reingolds für das Gymnasium auch einen großen materiellen Wert dar.

Rundfunk-Programm

des Frankfurter Senders.

(Aus derRadio-Umschau".) Mittwoch. 21. Oktober:

4.30 bis 6 Uhr: Rachmittagskonzert des Haus­orchesters:Die Oper der Woche". 6 bis 6.30 Uhr: Die Stunde der Jugend: Aus dem Buche der Sage und Geschichte. 6.30 Uhr: Uebertra- gung aus dem Frankfurter Opernhaus:Die Jüdin", Oper tn 5 Akten von Halövh.

Der gefesselte Strom.

Roman von Hermann ötegemann.

41. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Dis in den Schwarzwald hinauf und in die Schweiz hinein zitterte die Erregung. Wie aus jahrhundertelangem Schlaf erwacht, fieberte die Gegend dem Morgen entgegen. Rur der Rhein rollte falt und glitzernd, heute grün und blau, morgen topasgelb und am nächsten Tage eisen- grau, unbekümmert im selbstgewühlten Bett.

Ein Automobil fegte die Landstraße. Von Sädingen her huschte es grau und unansehnlich durch die geräumige Landschaft, schrie seltsame fremde Töne in die stillen Dorfgassen, wölkte den Staub in die blaßgrünen Kornfelder, lief in ausholenbem Schwung an den Hügeln hin, blitzte einen Augenblick im Obertor von Rheinau und hielt endlich vor dem Park von St. Io- seph still.

Als Ruth aus der Apotheke nach Hause tarn, fand sie es dort stehen. Ein großer staub­beschlagener Wagen mit roten Zierlinien.

Ein kalter Schlag ging durch ihre Glieder, eine Erinnerung, die nie ganz untergetaucht war, stieg, nach Leben ringend, in ihr aus. Sie wußte, wer gekommen war.

Gerhart Tylander sah unter den Gtanat- bäumen vor dem Refektorium.

Er sah sie in ihrem grauen Leinenkleide die Allee heraufkommen. Goldtzne und grüne Schat­ten gaukelten um sie her. Ihr Gesicht verschwand unter dem Sommerhut.

Er stand auf, entschuldigte sich und ging ihr entgegen. Mit dem elastischen, raschen Schritt der Gesundheit. Je mehr Raum er gewann, desto länger war der Weg, den sie gemeinsam zurückzulegen hatten.

Als er sich über ihre Hand neigte, wußte Ruth, daß er nicht zum Bleiben, nicht als un­angemeldeter Gast gekommen war, sondern um sie zu sehen und um sie zu werben.

Er verriet es noch mit keinem Blick oder Wort, keine Andeutung kam über seine Lippen.

Ja, da bin ich nun wirklich noch einmal in dieses verwunschene Land gekommen'^ scherzte er mit glücklichem Lachen, und sein straffes,

festes Gesicht erschien ganz jugendlich und weich. Aber diesmal habe ich den Wagen wieder selbst gesteuert. Meine Mutter weilt in St. Bla­sien zur Kur. Das ist ja ganz in der Rähe. An einer plausiblen Erklärung fehlt es mit also nicht."

Run war er doch beinahe ausgeglitten. Er machte eine schuldbewußte Miene.

Sie sind jünger geworden, Herr Lylander" sagte sie, neben ihm herschreitend. *

Junger, ach nee. ich war damals künstlich ein Dutzend Jahre älter. Der Starkstrom, Sie wissen ja!"

Dreißig Schritte trennten sie noch von den anderen, und Thlandet schüttelte alle seine Ge­danken durcheinander, um ihr noch recht viel zu sagen, aber es war keiner darunter, den er ihr jetzt mitzuteilen wagte.

Da lud er sie und ihren Vater ein, morgen mit ihm nach Konstanz zu fahren. Er war durch eine Vemerlung dazu veranlaßt worden, die sie über das schöne Wetter und die Annehmlich­keit des Reisens int eigenen Wagen gemacht hatte.

Das geht nicht, Herrn Tylander, hier stände alles stell, wenn wir Reißaus nähmen", erwiderte sie heiter.

Sie waren beide von einer merkwürdigen sorglosen Heiterkeit und Frische.

Hier steht sowieso alles still; und ehe es Rächt wird, sind wir wieder hier" versetzte er und brachte seine Einladung sofort auch bei Doktor Engelhardt an.

Ruth widersprach nicht mehr, als der Vater sie nach einigem Zureden annahm.

Tylander blieb zum Tee.

Es war ein schonet Sommertag, das Zirpen der Grillen und Heuschrecken und das Rauschen des Rheins erfüllten die Luft, unfaßlich hoch und blau stand der Himmel über der Welt.

Die Pflichten der Hausfrau riefen Ruth ab. Da kam das Gespräch aus das geplante Kraft­werk, und Engelhardt erzählte Tylander davon, daß es gesichert sei und St. Joseph dadurch seines Charakters und Wertes als Sanatorium verlustig gehe.

Gechard Thlander hörte zerstreut zu. Er hatte das Geschäft in Berlin gelaßen und jetzt

für, daß sie ihm in der Erinnerung nicht lie- davon hören, bemühte sich sogar, nicht darüber nachzudenken, um nicht unwillkürlich gefesselt und von seinem Unternehmungsgeist mitgerissen zu werden. Unruhig blätterte er an seiner Zigarre und wartete ungeduldig auf Ruths Wiederkehr.

Er horte nur flüchtig heraus, daß St. Jo­seph entwertet werde, und das machte ihm keinen Eindruck. Gr wußte ganz genau, warum er gekommen wat, er wollte nicht St. Joseph, sondern Ruth Engelhardt haben und heiraten. Sie hatte behauptet, er sei jünger geworden, auch sie war ihm verändert erschienen. Roch mehr sie selb st, er konnte es nicht in klare Gedanken fassen, hatte nur die Empfindung da­für daß sie ihm in der Erinnerung nicht lie­benswerter gewesen war als jetzt, da er sie vor sich sah. Diel Zeit hatte er nicht. Morgen ober in acht Tagen würde er sie fragen, ob sie seine Frau werden wollte. Er war nur nicht ganz sicher, ob sie Ja sagen würde, hatte bas Ge­fühl, sie könnte nicht mehr frei sein.

Sie war kein junges Mäbchen mehr, er kein Jüngling, er stanb hart an bet Grenze, wo bie Dreier keine Rolle mehr spielen, in brei Jahren würbe er vierzig. Es war Zeit. Sein alter Herr muhte dieses Jahr minbestens brei Monate ausspannen, ba blieb für ihn nichts mehr übrig, beim sein Drüber Willibalb war in Spanien beim Erzbau beteiligt unb Fritz schoß auf ber Wahner Heide mit ben neuen 21-Zentimeter- Mörsern sein Patent als Reserveober heraus.

Sie trug keinen Ring, er hatte ihre Hänbe darauf angeschaut. Aber Ahnung unb Ueber- tegung sagten ihm, bah er auf einen Mann stoßen konnte, wenn er um sie warb. Auch tn Rheinau konnte sie nicht ganz weltfremb geblie­ben sein. Weltfremb? Rein, bas war sie ja gar nicht.

Et wartete immer ungebulbiger

Cnblich kam sie.

Er sprang auf. Jetzt, ba er sie toieber sah, wat es ihm unmöglich, noch länger zu bleiben. Et hätte sich sonst zu einer Liebeserklärung hin- reihen lassen. Unb bas lag ihm nicht, bas wollte er heute auf jeben Fall vermeiben. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu verab­schieden.

Rein, nein, sonst kommt morgen um fünf der heilige Joseph mit dem Laken und wickelt mich kalt, daß ich blau anlaufe. Ich übernachte in derPost", und um sieben Uhr gebe ich Trompetensignal vor r dem Tor. Ditte, meine Denzinrosse und mich nicht warten zu lassen, gnädiges Fräulein."

Ganz entschieden Sie sind jünger ge­worben, Herr Tylanber", sagte Ruth noch ein­mal, biesmal ernst, unb blickte ihm warm unb offen ins willenskräftege Gesicht.

In bieser Rächt rang Ruth Engelhardt mit dem Schlaf. Seltsam, nicht die Begegnung mit Tylander, sondern ihre Liebe zu Hanns Ingold warf sie unruhig hin und her. Rie hatte sie die Gröhe dieser Liebe so empfunden, nie sich mehr nach ihm gesehnt.

In seinen Briefen standen jetzt leidenschaft­liche Beteuerungen, er verlangte nach ihr, er verwünschte bie Verhanblungen, bie immer neu an ihn herantretenben Begehren um Abande- rungen seiner Pläne, nichts mehr wollte er, als bauen, bie Hämmer klingen, bie Schüsse dröhnen, bie Bagger stampfen unb bie Arbeiter schürfen hören. Die Gier nach ber Ausführung seines Werkes war gleich bet eines Rausches, und mit diesem ungestümen Verlangen wuchs seine Leidenschaft ins Schrankenlose.

Zum offenen Fenster ihres Mädchenstübchens schwoll die Sommernacht herein mit ihren Düften unb bem Rauschen bes Rheines. Eine stcmd- hafte Grille fiebelte am Mauersuh, und in ber großen Eberesche flüsterte wollüstig ber Winb.

In bieser Rächt biß Ruth Engelharbt in bie Kissen, um nicht aufzuschreien. Sie bachte an Hanns Ingolb, wie sie ihn gesehen hatte vor sieben unb mehr Jahren, unb wie sie ihn hatte wachsen unb groß werben sehen. Ja, er gehörte ihr, nicht als Jüngling, fonbern so, wie er jetzt vor ihr stanb, seines Werkes Baumeister, bieses Werkes, an bem sie mehr Anteil hatte, als ec ahnen konnte, bas sie um seinetwillen hatte lieben lernen unb an bem sie ihn hatte reifen sehen. Was war Hanns Ingold ohne sein Werks Erft wenn dieses zum Leben gekommen war. schlug auch ihr die Stunde ber Hingabe unb bes Glücks . . .

(Fortsetzung folgt)