Ausgabe 
20.6.1925
 
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Hr. 142 Erster Blatt

175. Jahrgang

Samstag, 20. Juni 1925

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Briands Antwort.

Die französische Antwort auf das deutsche Tflemorandum vom 9. Februar über die Sicher­heitsfrage liegt nun der Öffentlichkeit vor. Es kann nicht gerade behauptet werden, daß sie an übergroßer Deutlichkeit leidet. Die monatelangen Beratungen, Verhandlungen mit England und die ileberarbeihmgen sind wohl schuld daran, daß sich hinter den scheinbar glatten Worten viele Spitzfindigkeiten verbergen, die erst noch der Auf­klärung bedürfen. Aus diesem Grunde wird cs auch der Regierung nicht möglich sein, bald eine Antwort zu geben, da vorher durch Rückfragen und Verhandlungen alle Mißverständnisse und Undeutlichkeiten aufgeklärt werden müssen.

Zu einer Klärung würden vielleicht auch bis zu einem gewissen Grade alle die Schrift­wechsel beitragen, die zwischen Paris und Lon­don über die Antwort geführt wurden und die jetzt auch der Öffentlichkeit übergeben werden. 3m allgemeinen steht die Regierung auf dem Standpunkt, daß die Vorschläge in der franzö­sischen Antwort Gelegenheit geben, die Ver­handlungen über die Sicherheitsfrage fort- zufpinnen, was ja wohl auch die eigentliche Absicht der französischen Regierung zu sein scheint. Andererseits verhehlt man sich in Regierungs­kreisen nicht die Schwierigkeiten und Verwick­lungen, die sich daraus ergeben, daß die fran­zösische Rote die verschiedensten Probleme mit­einander verquickt und nahezu alle europä­ischen Probleme von Bedeutung auf- rollt.

Frankreich macht den Versuch, auf diesem Umwege alle solche Fragen zum Gegenstand eines einzigen Losungsversuches: den Eintritt Deutsch­lands in den Völkerbund, den Garantiepakt der Westgrenzen und vor allen Dingen das Verhält­nis Deutschlands zu den Staaten an der Ost­grenze Deutschlands, die ihr Entstehen erst der Entente verdanken.

Es ist ja selbstverständlich, daß alle diese Fragen nicht durch einen bloßen Roten wechsel gelöst werden können, zumal es besonders be­denklich erscheinen muß, daß gegen die ursprüng­liche Absicht Deutschlands Schiedsgerichtsver­träge mit Polen und der Tschechoslowakei ein» geführt werden. Die Ramen dieser Länder sind zwar nicht genannt, aber durch den Hinweis aus gleichartige Schiedsgerichtsverträge mit anderen Rachbarn Deutschlands ist das Problem an­geschnitten worden, das während der englisch­französischen Verhandlungen in der Presse einen sehr breiten Raum einnahm. Da England sich gegen eine solche Garantie ausgesprochen hat, mußte sich Driand mit dem versteckten Hin­weis begnügen. Daß die deutsche Regierung trotz aller Schwierigkeiten alles tun wird, was zur Befriedung Europas beitragen kann, ist ja be­kannt, und Reichskanzler Dr. Luther hat in feiner Düsseldorfer Rede ausdrücklich auf die Bereitwilligkeit Deutschlands dazu hingewiesen. Gerade aus dieser Tatsache sollte Frankreich die Verpflichtung herleiten, nicht Schwierigkeiten in die kommenden Verhandlungen hineinzu­tragen, die von diesem Ziele nur ablenken.

Amundsens Pläne.

Rach Blättermeldungen aus Oslo hat Amundsen dem Direktor Thomssen von der Rorwegischen Luftverkehrsgesellschaft mitgeteilt, er hoffe in drei Wochen nach Oslo zurückzu- kehren, um eine neue Polarexpedition zu organisieren.

lieber seinen Flug äußerte sich Amundsen Pressevertretern gegenüber, er hätte nicht geglaubt, da ß solche Strapazen, wie er sie in diesen drei Wochen durchgemacht habe, möglich wären und er hoffe, daß kein anderer jemals solche Dinge durchmachen müsse. Einige Wale sei die Lage so furchtbar gewesen, Daß die Forscher versucht waren, sich aufzugeben. Die Eisverhältnisse auf dem Wege nach K ap Columbia seien derart gewesen, daß eine Wanderung dorthin den sicheren Tod be­deutet hätte.

Ein GeschwadernorwegischerMarine- flieget wird Amundsen aus Spitz­bergen nach Oslo geleiten, wo der nor­wegische Forscht Anfang nächster Woche eintrifft.

Mae Millan von Amundsens Rückkehr benachrichtigt.

Reuhork, 19. Juni. (TU. Kabel.) Mac Millan, der heute von Wiscasset ab­segeln wollte, wurde telephonisch von Amundsens Rückkehr benachrichtigt. Er gab seiner großen Freude Ausdruck und wird natür­lich seine Reisepläne ändern.

Vertreibung des Exkalifen Hussein durch die Engländer.

Berlin, 20. Juni. (T. U.) Wie aus Jerusalem gemeldet wird, haben die Engländer am 8.5. dem Exkalifen Hussein durch ein Kriegsschiff eine ultimative Note des Ministers Chamberlain überreichen lassen, worin er aufgcfordert wurde, Akaba und Maan an Transjordanien abzutre- t e n und dieStadtAkaba innerhalb drei Wochen zu verlassen.

Am 18. Juni haben die Engländer die Mandats­gewalt, die sie bisher über Transjordanien aus­übten, auch auf Akaba und Maan ausgedehnt. In der Bevölkerung herrscht eine ausgesprochene a n t i e n g l i s ch e Stimmung und die Scheichs haben geschworen, jeden Engländer zu töten, der die Stadt Maan betreten sollte.

Kommentare zum Notenwechsel.

Paris. 19. 3uni. (WTB.) Die Abend- p resse bespricht, abgesehen davon, daß sie sich zum Teil eingehend mit dem englisch-fran­zösischen Rotenaustausch, der im B l a u b u ch wiedcrgegebcn wird, beschäftigt, die französische Antwortnote auf die deutschen Sicher­heitsvorschläge sehr zurückhaltend.

DerTemps" schreibt, es hänge jetzt von Berlin ab. daß nützliche Verhandlungen eingeleitet werden können. Man habe in Deutschland fest- gestellt. daß Frankreich die Angelegen­heit ernst nehme, und daß in der französi­schen Rote nichts enthalten fei, worüber Deutschland nicht verhandeln könne. Deutsch­land müsse jetzt beweisen, daß auch es die An­gelegenheit ernst nehme, und daß. indem die Reichsregierung die Role betreffend den Abschluß eines Sicherheitspaltes unterbreitet, sie eine ernste Anstrengung habe machen wollen, nicht aber ein Manöver, um den Versuch zu machen, sich den Fesseln des Vertrages zu entziehen.

DasJournal des D 6 b a t s" vertritt den Standpunkt, daß der deutsche Vorschlag und die französische Antwortnote an sich, da sie weit­schweifig und verworren seien, der Oeffentlich­keit kein klares Bild geben. Sie drücken nicht formell den Gedanken ihrer Verfasser aus, und man hat notwendig, gewisse Paragraphen mehrmals durchzulesen, um ihren Sinn zu ver­stehen. Man wundere sich darüber, daß man fünf Monate nötig gehabt habe, um einen Ent­wurf fertigzustellen. Möglicherweise verbreite die zwischen dem Foreign Office und dem Quai d'O rsah gepflogene Korre­spondenz ein wenig Licht in diesem Rebel. Aber, so fährt das Blatt fort, der Pakt ist noch nicht unterzeichnet und seine Unterzeichnung ist auch noch nicht nahe. Die deutsche Regierung wir dAusflüchte machen, oder sie wird die Sache bis zum September hinziehen. Versäumen wir aber nicht die Zeit, die uns von der 6. Doll- Derfammlung des Völkerbundes trennt Die an der Aufrechterhaltung des Friedens am meisten interessierten Regierungen müssen die Zwischen­zeit ausnutzen, um alle wesentlichen Punkte, die noch dunkel geblieben sind, aufzuklären.

Der3 n t r a n r i g ca n t bringt die Vor- i>|fenttid)ung des Rotenaustausches mit der jetzt in Düsseldorf gehaltenen Rede des Reichs­kanzlers in Verbindung. Man könne Zweifel hegen, daß Deutschland seit diesem Vorschläge aufrichtig gewesen sei, da der Reichskanzler gestern das Vravenire gespielt und sich zu einer unschicklichen Kundgebung verstan­den habe, öte einer Proklamation des Reichs­präsidenten gefolgt ist, der die sofortige Räu­mung der Rheinlande forderte. Der Reichskanzler hat gegen die Besetzung von Köln protestiert, und erklärt, daß das Entwaffnungsproblem nicht gegen eine einzelne Macht, sondern im Hinblick auf alle auf dem Fuße der Gleichberechtigung durchgeführt werden müsse. Ulan müsse sich des­halb besonders beglückwünschen zu dem Ein­verständnis. das zwischen Paüs und London erzielt worden sei und das Frankreich mehr Autorität verleihe, um seine Rachbarn auf die Probe zu stellen.

DieSibert6 schreibt, jetzt habe die deutsche Regierung das Wort. 3m allgemeinen unterstreiche die deutsche Presse die Höflichkeit der französischen Antwortnote, um gleich nach­her zu erflärcn, daß die Verhandlungen trotzdem nicht leichter sein werden. Die französische Ant­wort werde zu Verhandlungen führen, die noch lange dauern werden und aus denen der Sicher­heitspakt. wenn er nicht im Hafen zerschelle, wahrscheinlich sehr abgeändert herauskommen werde. Reichsaußenminister Dr. Stresemann, der z'u manövrieren verstehe, und es beweise, habe eine ausgezeichnete Gelegenheit, habe er doch sehr genau gewußt, was er tue, indem er die Frage des Paktes mit der Frage der Ent­waffnung vermengt habe. Es sei ihm ein Leich­tes, den Alliierten zu sagen: Entweder ihr müßt räumen, und dann verstehen wir nicht, daß ihr den' Gedanken eines gegenseitigen Sicherheits­pakts annehmen wollt! Ober ihr habt Ver­trauen zu unserem guten Willen. Warum wollt ihr uns also so behandeln, als ob wir die Ab­sicht hätten, den Krieg wieder zu beginnen?

Briand zur Sicherheitsfrage.

Paris, 19. 3uni. (WB.) Der Senatsaus­schuß für auswärtig: Angeleg nheiten hat heule nachmittag eine Sitzung abgehalten, in deren Verlauf sich Außenminister Briand über de Frage der in der Entwaß'nungsnote angeführten Verfehlungen Deutschlands und über die Frage des Sicherheitspaktes aus­sprach. B.iand hat die Komm s'ion über die bis heute seit der Ueberreichung des deutschen Memorandums bis zur Abs nbung gef hr:en Ver­handlungen unterrichtet. Er hat nach dem Be­richt der Havasagentur hervorgehoben, daß man erst am Anfang eigentlicher Ver­handlungen stehe, daß m:n jedoch schon an­erkennenswerte Erfolge erzielt habe. 3eht müsse man die Antwort der deutschen Regierung ab- warten. Eine Anzahl Mitglieder des Au schuf es, darunter Millerand und Poincars. stellte Fragen an Briand, die er auf Grund des an die einzel­nen Mitglieder der Kommission verteilten Blau­buches beantwortete.

Abwartende Haltung in England.

London, 19. Juni. (WTB.) Die Presse be­faßt sich weiter eingehend mit dem gestern ver­öffentlichten Weißbuch über die Paktfrage. Die

Preß Association betont, daß es die amtlichen Kreise in London angesichts der am nächsten Mittwoch tattfindenden Unterhausdebatte über die Paktoerhandlungen ablehnen, die gestern veröffenUichten Dokumente zu erörtern. Die Aeußc- rungen der Berliner und Pariser Blätter zur Pakt­frage werden viel beachtet. In den Berichten über den Standpunkt der deutschen Presse wird hervor- gehoben, daß fast alle Blätter darin übereinstim­men, daß die Erörterungen über den Sicherheits­pakt erst beginnen und daß langwierige Ber- Handlungen notwendig sein werden, bevor Dies oi- tale Problem zur Befriedigung aller in Betracht kommenden Parteien geregelt ist.

Manchester Guardian" weist darauf hin, daß, wenn die von der deutschen Regierung voraeschla- aene Vereinbarung zustande komme, Deutschland, statt ein feindlicher Staat im Herzen von Europa zu bleiben, wieder eine verantwortliche Macht wird, die ihren Platz im Völkerbund ein­nimmt und ihren Teil zur Lösung der großen euro­päischen Aufgaben beisteuert. Die Erleichterung, die ein solcher Wechsel der Lage für Europa bedeuten würde, würde riesig sein. Sowohl die französische als auch die britische Regierung hätten es gegen­über ihren Völkern nicht verantworten können, ein solches Angebot au verwerfen^ Das Blatt bemerkt, die Antwort der französischen Regierung an Deutsch- land sei in vieler Hinsicht bewundernswert. Teil 4 enthalte jedoch Zweideutigkeiten und die Kor­respondenz zwischen der französischen und der bri­tischen Regierung zeige, daß es wichtig sei, die Be­deutung dieses Teils vollkommen klar zu stellen. Die Sprache sei für ein diplomatisches Dokument sicher zu unklar. Die Minister würden dazu gedrängt wer­den, eine sehr klare Auslegung der Bedeutung die­ses Teiles zu geben. Auch das Blatt hebt hervor, daß ein Plan dieser Art gründlichste und sorgföl- tigfte Erörterung erfordert.

England

lehnt neue Verpflichtungen ab.

Lonbon, 19.3unL (WB) Reuter ver­breitet folgende Mitteilung: 3n unterrichteten Kreisen besteht .zwar krine Reigung, stch zu Verhandlungen über den Sicherheits­pakt zu äußern, i)a das Blaubuch für sich selbst spreche. Jedoch kommt die Auffassung zum Aus­druck, Großbritannien werde tatsächlich fein neuen Verpflichtungen übernehmen.

Es wird darauf hingewiesen, baß England als Mitglied des Völkerbundes selbstverständlich durch dessen Satzung gebunden ist und als etwas auffällig bezeichnet, daß in gewissen Kreisen, in denen das Genfer Protokoll befürwortet werde, nunmehr der Sicherheitspakt bekämpft wird, denn letzterer beziehe sich letzten Endes auf nur zwei Staaten, während das Genfer Protokoll alle Staaten umfassen sollte. England stellt kein Eingreifen in einen Krieg in Aussicht, an dem seine 3nteressen nicht beteiligt sind, aber es glaubt, seine Stellung klar umschreiben und die Mächte, zwischen denen kriegerische Verwick» lunaen möglich sind, zur Unterzeichnung eines mit verstärkten Garantien versehenen Paktes veran­lassen zu sollen, um Kriege zu verhüten, in die es jedenfalls ohne Vorhandensein einer Oarantie verwickelt werden könnt:.

Englische Blälterstimmen.

L o n d o n, 19. 3uni. (Wolff.)Daily Erpreß" wendet sich, auf den gestern veröffentlichten Rotenwechsel zur Paktfrage bezugnehmend, aufs heftigste gegen den Kriegspakt, dessen Klauseln über die Verbindlichkeiten Großbritan­nien schließlich zwingen würden, für die Grenze irgendeines Staates in Osteuropa zu kämpfen, der vielleicht noch nicht einmal imstande war, seinen Bürgern eine anständige Regierung zu geben

DieM or ning Po st" ist tief befrie­digt. daß der Rotenwechsel die enge Annähe­rung der Auffassungen zwischen den beteiligten Ländern zeigt, und sagt: Wenn Deutschland die französische Auffassung in der Form, die sie auf die Anregung Chamberlains erhielt, an- nimmt, dann ist endlich ein wirklicher Friede in Europa in Sicht. Deutschland könnte, wenn es die Friedensverträge revidieren will, in dieser Richtung nicht auf dem Wege des Krieges, sondern auf dem des Rechtes vorgehen. Hoffentlich werden auch die Dominions begreifen, daß der vorgeschlagene Pakt das Britische Reich nicht in europäische Verwicklungen hineinzieht, sondern daß er es im Gegenteil davon befreit.

Daily Telegraph" schreibt: ES herrscht jetzt eine Atmosphäre, in der die wirkliche Be­friedung und Sicherheit mit Aussicht auf Erfolg gesucht werden können. Die französische Antwort an Deutschland erwähnt zwar nicht, daß Frank­reich das Recht besitzt. Polen oder ber Tschecho­slowakei zu Hilfe zu kommen, wenn Deutschland ihnen gegenüber den Schiedsgerichtsvertrag ver­letzen sollte, aber die Bekräftigung dieses An­spruches ist in der juristischen Formulierung des fünften Teiles der Antwort eingeschlossen, in der erklärt wird, baß die Unterzeichner des Rheinlandpaktes daS Recht haben sollen, cllS Bürgen der östlichen Schiedsgerichtsverträge auf­zutreten.

DieT iin es" führt aus, wenn die über dem Rhein schwebenden Kriegsgespenster durch den festen und gemeinsamen W.llen Frankreichs und Deutschlands mit britischer Hilfe gebannt wür­den, würde ein großer Schritt zur Kräftigung des europäischen Friedens unternommen sein. Großbritannien könnte die Ausdehnung von schiedsgerichtlicher, Vereinbarungen auf entfern­tere Gebiete Europas zubilligen, aber leine Ga­rantie dafür übernehmen.

Iahrtausendfeier in Köln.

Köln, 20. Juni. (T.U.) Im Gürzenich fand lestern abend das F e st m a h l aus Anlaß der Iahrtausendfeier stall. Oberbürgermeister Dr. Adenauer begrüßte die Vertreter der Reichs- und Staatsregierung, der Lander, der Provinz, die Vertreter der Provinzialverwaltung und die Ver­treter der Religionsacsellschasten. Er führte aus:

Es wäre nicht richtig, die Schwierigkeiten der gegenwärtigen Lage durch öffenlliche Besprechung all der Fragen, die sich aus dem gegenwärtigen Notenwechsel ergeben, zu schildern, ehe das Reichs­kabinett und die verantwortlichen Vertreter des deutschen Volkes dazu Stellung genommen haben. Ein Wort aber muß ich heute noch dazu sagen: Wir Rheinländer tragen Ketten. Wir in der Kölner Zone tragen diese Ketten nach unserer ehrlichen Heber- Acugung z u Unrecht. Aber das eine rufe ich Ihnen, die Sie verantwortlich für die Entscheidungen sind, die jetzt getroffen werden, au, und ich bin mich einig mit dem überwältigenden Teil meiner engeren Landsleute: Schmieden Sic keine neuen Ketten freiwillig für Deutschland. Sie­ber wollen wir die Kelten, die wir jetzt tragen, noch so lange weiter tragen, bis Recht und Gerech­tigkeit, auf deren Sieg wir unerschütterlich bauen, uns diese Ketten abnimmt. Sie wissen. Daß ich immer ein Freund einer Verständigung in Europa gewesen bin, aber es muß wirklich eine Verständigung fein. Wenn das alternde Europa sich wirk- lief) s o in bic Atmosphäre des Hasses, Des Unfriebens, Die gegenseitige Sc- argwöhnung verrannt hat, so hoffe ich, Daß schließlich Das junge Volk von jenseits Des Ozeans, Das in Diesen Krieg eingegriffen hat, sich auch Der Verantwortung roicDer bewußt wird und den Mut dazu findet, in Europa den Geist des wahren Friedens wiederherzustellen.

Oberbürgermeister Dr. Adenauer wandte sich Dann dem Gedanken zu, auch in Deutschland Dem unbekannten Soldaten" ein Denkmal zu errichten. Der Rhein sei das Ziel des ganzen Krieges ge­wesen und an den Rhein gehöre auch dieses Na­tionaldenkmal. Deutschland stehe allein in Der Welt. Der Schwache habe keine FreunDe. Deshalb müßten wir sorgen, einig zu sein. Aus Dem besetzten Gebiet könne nicht oft unb laut genug unb nicht bringend genug der Ruf heraustönen in Das unbesetzte Ge­biet: Seit einig, einig, einig! Dann werben wir roieber frei unb ein mächtiges deutsches Volk wer­ben, ein Volk, bas für ganz Europa fegenbringenb fein soll.

Die Versammlung fang barauf stehenb bas Deutschlanblieb. Der Reichsminister für bis besetzten Gebiete, Frenken, entbot barauf im Namen bcs ver- hinderten Reichskanzlers Dr. Luther feine Grüße und Glückwünsche zur Iahrtausendfeier. Er gab dem Wun che Ausdruck, baß bas heutige Bekenntnis zum Deutschtum überall in ber Welt gehört unb geroür- bigt werben möchte. Der Bunb zwischen bem Reich unb bem Rheinlanb werbe nie vergehen. Ferner sprachen noch Kultusminister Becker, Reichs- arbeitsminifter Brauns, ber Vizepräsident des Reichstags Dr. Bell und ber württembergische Staatspräsibent a. D. Dr. Hiebe r.

Bayern und das Rheinland.

München, 20. 3unL (TU.) AIS Auftakt zur 3aßrtaufenD feier Der Rhein- lan De in München fanD gestern abend auf Dem KönigSplah eine Kundgebung Der vater­ländischen DerbänDe statt, bei Der Ministerpräsi­dent Dr. Held eine Rede hielt.

Die 3ahrtausendfeier Der Rheinlande sei eine Angelegenheit des ganzen deutschen Volkes. Was sich in Den letzten sechs Fahren Im Rheinland zugetragen habe, sei eine schwere Versündigung an Der Kultur Europas. Die verlragswiDrige Richträumung Des Ruhrgebietes unD Der Kölner Zone empfände man auch in Bayern als schreien­des Unrecht. Die Revision des Versailler Un- friedensVertrages, Die internationale Klärung und Beantwortung der SchulDsrage müßten als Drin­gendste und höchste Forderungen erhoben werden, deren Erfüllung ein besserer Sicherheitspalt fei als alle schriftlichen Hin- und Herversprechungen. Deutschland sei ein wehrloses, aber kein ehrlose- Volk. _ ,

Wenn man heute mit neuen Verlangen nach Vernichtung an Deutschland herantrete, so möge man davon überzeugt lein, daß das deutsche Volk Erfahrungen nicht ohne Gewinn für seine Erkenntnis und seinen Haß machen werde. Der Bund mit Dem unausrottbaren Rechtögefühl. mit dem Gott der Gerechtigkeit, der straft und be­lohnt nach bem Maß: Der Verdienste, sei Deutsch­lands Völkerbund. Eine Ration, in Deren Land Der FeinD stehe, könne kein Partner für einen Völkerbund fein, der zum Diener machtpolitifcher 3nstinkte gemacht werden soll.

Was wir heute laut und offen vor aller Welt fordern, sei die Anwendung gleicher Rechtsgrundsähe. Die deutsche Freiheit in Ost und West sei eine wirkungsvollere Friedens­garantie als der Westpakt. Sicherheitsabkommen und Schiedsgerichtsabkommen. Dem Rhein­land entbiete Die Versammlung von innigem Dank erfüllte Grüße. Treu Rhein und Saar entbiete sie ihre Wünsche für eine glückliche Zukunft und gelobe: Lieb Vaterland magst ruhig sein. daS ganze deutsche Volk häll treu Die Wacht am RHÄn!

Ein Wirtschaftsprovisorium zwischen Deutschland und Polen

Pofen. 20. 3uni. (TU.) Obwohl derCur- Ijer Poznanski" bereits melden zu können glaubt, daß die deutsche Regierung Den Zollkrieg gegen Polen eröffnet habe, ist an die ®reiu-