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Kr. 297 Drittes Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)Samstag, 19. Dezember 1925

Deutschland im Gefolge Oesterreichs.

Die Annexion Bosniens und der Herzegowina. Aus den diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes.

DVG Die Abhängigkeit der deutschen Politik von den Maßnahmen des Wiener Außenministeriums, die in den tragischen Wochen vor dem Ausbruch des Weltkrieges eine so verhängnisvolle Rolle spielte, trat zum erstenmal bei der bosnischen Anncxions- krisis 1908.09 klar in die Erscheinung. Halte' doch der Minister des Aeußeren, Baron Aehrenthal, erst wenige Tage vor der Annexion der okkupierten Pro­vinzen den deutschen Bundesgenossen von seinen Entschlüssen verständigt, obgleich dieselben nicht nur das Verhältnis Deutschlands zu feinen türkischen Freunden auss äußerste zu komprimittieren, sondern auch die akute Gefahr einer großen politischen St-rife in sich schlossen, für die man in Wien natürlich die deutsche Bundestreue beanspruchte. Aus den Ver­öffentlichungen der deutschen Geheimakten') ersieht man deutlich, wie peinlich die deutsche Politik durch Aehrenthals Aktion gestört wurde. Wir sind in dec Lage, bereits jeßt einige Dokumente aus dem in Kürze erscheinenden 26. Band der Großen Akten- publikation zum Abdruck zu bringen, die die dama­lige Situqtion auss hellste beleuchten lind die Grundmotive der deutschen Politik in der bosnischen Krise aufdecken. Wie wenig man sich über die Ge­fahren der Aehrenthalschen Aktion, die noch durch Die gleichzeitige Unabhängigkeitserklärung Bulga­riens erhöht wurden, in deutschen Kreisen im un­klaren war, zeigt zunächst ein Telegramm des Kon­stantinopeler Botschafters Freiherrn von Marschall, in dem deutlich die Erregung über diebeispiellose Rücksichtslosigkeit" Aehrenthals nachklingt:

Der Botschafter in Konstantinopel. Freiherr von Marschall, an das Auswärtige Amt.

Telegramm. Entzifferung.

Nr. 322 Therapia, den 4. Oktober 1908.

Die Folgen des unerwarteten Entschlusses des Freiherrn von Aehrenthal werden die allerübelsten (ein. Die Annexion Bosniens und der Herzegowina wird die schon 'bestehende nationale Erregung der muselmanischen Türken aufs äußerste steigern. Sie werden darin einen vorbedachten Schlag Oesterreich- Ungarns gegen das neue System erblicken. Die Er­bitterung wird sich nicht nur gegen Oesterreich- Ungarn richten, dem man schon lange mißtraut, sondern gegen das verbündete Deutsch­land, dem auch das neue System bisher Vertrauen geschenkt hat. Falls wir nicht feste Stellung gegen die Annexion nehmen, wird uns niemand glauben, daß man in Wien ohne unsere Zustimmung nor- gegangen ist. Ich kann vom Standpunkt unseres Verhältnisses zur Türkei aus die Aktion des Frei- Herrn von Aehrenthal nur als eine beispiellose Rück­sichtslosigkeit gegen uns bezeichnen.

Aber auch vom allgemeinen politischen Gesichts­punkt aus wird die Aktion verhängnisvoll sein. Der Bruch des Berliner Vertrags seitens einer europäi­schen Großmacht erschüttert die Basis, auf welcher heute die staatliche Ordnung auf dem Balkan beruht.

England wird gegen die Annexion Stellung nehmen. Die Aeußerung'des Großwesirs, die er mir gestern mit Bezug auf die österreichischen Pläne in Bosnien machte,celle politique naura pas de buccäs", zeigt, daß man hier der englischen Unter» stüßung sicher ist. Italien wird das gleiche tun oder Kompensationen verlangen. Daß Rußland gegen Oesterreich-Ungarn sein wird, unterliegt mir keinem Zweifel. Ich erinnere an die angebliche Zu-

*)D i e Große Politik der Europäi­schen Kabinette 1871 1914." Sammlung Der Diplomatischen Akten des Auswärtigen Amts. 2m Auftrag des Auswärtigen Amts herausgegeben von Johannes Lepsins, Albrecht Mendelssohn-Bar­tholdy, Friedrich Thimme. 5. Reihe. Erste Abtei­lung:W e l t p o l i t i s ch e K o m p l i k a t i o n e n" Band 2629 (6 Teile). 2m Verlage der Deutschen Verlagsgesellschast für Politik und Geschichte in Berlin 8.

Die Nanlle-Ausgabe der Akad'mie.

Don Prof. Dr. griebrid) Schneider, Sena.

Seit geraumer Zeit hörte b.c deutsch? Ocffent* lidfleit von dem Plane der Deutschen Akademie diese selbst ist die Ausführung eines Ranke- schen Planes, der sich als S.h der Deutschen Akademie allerdings Weimar dachte der ge­bildeten Welt eine historisch-lritrsche Gesamte ausgabe der Werke Dankes vorzulegen.

Die Deutsche Akademie in Manchen tritt mit ihrem Plane nunmehr vor bic Öffentlichkeit. das große geisteswi senschastliche LInternehmen ist be­reits in Ausführung begr.ffen, bicDeutsche Ge­schichte im Ze.talter der Reformation" ist im Buchhandel erschienen (sechs Bande, drosch. 69, geb. 72, für Subskribenten 54, bez. 64,80 Mk. Drei- Masken-Dcrlag München).

DieDeutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation", bereu zwei erste Bünde 1839 er­schienen, ist bas vierte große Werk Rankes, das erste, bas er der Geschichte seines eigenen Volkes widmete. Aber die gewalt'ge Darstellung mit der Diese der nationalen und universalen Betrach­tung, die vollendete sprachliche und künstlerische Schönheit der geschichtlichen Charakteristik, die beinahe geheimnisvolle Art^ Rankes, dem Zeit­alter die innersten und eigensten Tendenzen aozii- lauschen, sie zu erfassen und zu begreifen, m.t einem Wort: den Genius Rankes bei der Arbeit zu belauschen und sein Schaffen zu verstehen, vermag im letzten Grunde so leicht niemand, der nicht an Ranke historisch erzogen worden ist. Des­halb gibt die historisch-kritische Ausgabe der Deutschen Akademie jedem Werke cir.e Einführung in das Werk selbst mit Für dieDeutsche Ge­schichte im Zeitalter der Reformation" wird sie in dem beträchtlichen Umfange von 117 Seiten bem Münchener Historiker Professor Paul 3oa- chimsen verdankt.

Als Ranke dieDeutsche Geschichte im Zeit­alter der Reformation" schrieb, war es seine Ab­sicht. den Moment zu bezeichnen, wo sich die deutsche Ration als ein staatlich geformtes, geistig bestimmtes Wesen ihrer Selbständ'gkeit inner­halb der abendländischen Staaten und Kulturwelt bewußt wurde. Wenn wir diese A fgab: aus den Röten der Gegenwart heraus wieder aufnehmen, lbemerkt Zoachimsen, werden wir, toemi auch vielfach nicht zu den Ergebnissen, so doch zu den Fragestellungen und Problemen z-rückkehren. die uns Ranke überliefert hat Denn die Wahrheit

ftimniung Iswolskys zur Sundschakbohn. So rollt die Aktion Freiherrn von Aehrenthals die ganze Orientfrage in einem Augenblick auf, da mehr als je Ruhe notwendig ist ... Marschall.

Auch Kaiser Wilhelm war über das eigen­mächtige Vorgehen des Bundesgenossen ernstlich verstimmt und erkannte sofort, daß trog der angeb­lichen Zustimmung der Außenminister Rußlands und Italiens Iswolsky und Tittoni der Schritt Aehrenthals eine große europäische Krise herauf führen würde. Charakteristischcrweife batte er sich eine Lösung derselben durch ein Zu­sammengehen Deutschlands und Englands, als den in der europäischen Türkei nicht interessierten Groß­mächten, das er zugleich als Mittel zu einer An­näherung an England benutzen wollie. Er schrieb am 12. Oktober in diesem Sinne:

Die Tat Aehrenthals gewinnt immer mehr den Schein eines Fähnrichsstreichs! Uns hat er nichts gesagt-, Iswolsky und Titioni so verschleierte An­deutungen gemacht, daß sie sich als total betrogen verkommen-, den Sultan total unberücksichtigt ge­losten, auf den es doch vor allen Dingen ankommt; den Schein der Verabredung mit dem Vertrags­und Friedensbrccher Ferdinai.'o auf seinen Herrn geladen; die Serben zur Siedehitze gebracht; Monte­negro aufs äußerste gereizt; die Kretenser zur Em­pörung veranlaßt; unsere zwanzigjährige mühsam aufgebaute Türkenpolitik über den Haufen geworfen; die Engländer erbost und in Stambul an unsere Stelle befördert; die Griechen schwer geärgert durch feine Bulgarenfreundlichkeit; den Berliner Vertrag in Stücke geschlagen, und das Konzert der Möchte auf das heilloseste verwirrt; die Ungarn aufgebracht, weil Vo-r.ien an sie hätte- angegliedert werden sollen; die Kroaten empört, weil sie die Angliede­rung an sich beabsichtigen! Das ist für eine Gesamt­leistung ein europäischer Rekord, wie ihn noch kein Diplomat je fertig bekommen hat. Ein Weitblicken- der Staatsmann ist er jedenfalls nicht! Wir müssen trachten, in diesem heillosen Wirrwarr mit Eng­land wieder auf besseren Fuß zu kommen. Das geht in der Meerengenfrage falls sie aufs Tapet kommt, wenn wir ihren Standpunkt wohlwollend cotoyicren und ebenfalls die Dcffnung für alle Mächte, nicht Rußland allein verlangen. Rumänien als Uferstaat wirb bas auch wünschen. Aber diese Frage muß mit der Türkei pri?ntim vorerst beredet werden, und Marschall muß sondieren. England und Deutschland sind die beiden Großmächte, die anscheinend bei dem ganzen Rummel vorher nicht informiert wurden, haben also quasi freie Hand und sollten sich verständigen. Um so mehr, da beide das Wohl der Türkei im Auge haben.

12.10. 08. Wilhelm!. R."

Trotz alledem hielt es F ü r ft Bismarck, als der verantwortliche deutsche Staatsmann, für not­wendig, von vornherein fest und energisch sich hinter die Aehrenthalsche Aktion zu stellen. Ein gewisser Optimismus in der Beurteilung der russischen Machtverhältnisfe, der sich 1908'09 im Gegensatz zu 1914 als berechtigt erwies, mag ihm biefen Entschluß erleichtert haben. So schrieb er am 13. Oktober 1908 nach London:

An Kriegsgefahr im Orient glaube ich nicht. Rußland nicht in der Lage, gegen die sehr tüch- tige österreichisch-ungarische Armee aufzutreten, Kriegsgeschrei Serbiens und Montenegros nicht ernst zu nehmen. Vielleicht ist es nützlicher, daß die Welt sich einige Zeit wieder intensiv mit orientali­schen Fragen beschäftigt, als wenn Marokko oder gar der deutsch-englische Gegensatz im Vordergrund stehen."

Der entscheidende Gesichtspunkt in der Politik des Fürsten B'ckow aber war die Furcht vor bem Zusammenschluß der Tripelentente auch b e n letz - ten sicheren Bundesgenossen z n ver­lieren, wenn man der österreichischen Politik nicht zum Siege verhülfe. Die Abhängigkeit von der Wie- fann auch hier nur ehre fein, ilnb so führt uns denn der verdienstvolle Herausgeber in die Ent­stehungsgeschichte des W rkes und f :iien 2Iif- bau ein, um bann die Rrfornmtionsgeschichte als Kunstwerk zu betrachten. Reben d.r historio» graphischen und geisteZgeschicht ichen Stell mg des Wertes wird die A' s lahme bei d:r zeitgenössi­schen Kritik untersucht und die verschiedenartige Wirkung in der Gegenwart beleuchtet. Bemerkun­gen zur kritischen Dextgestaltung fehlen natürlich nicht. Dor allem wertvoll sind in der Einleitung Joachimsens die besonderen Stellen, wo er die numnehr im sechsten Bande veröffentlichten neuen Materialien aus Rankes noch ungeordnetem Rachlaß geistesgeschichtlich wertet und prüft. Der Rachlaß, früher im Besitz des ältesten Sohnes von Ranke, des Pfarrers Otto v. Ranke, wird jetzt in der Preußischer! Staatsbibliothek ver­wahrt; zahlreiche Briefe Rankes liegen im Archiv in Rudolstadt, die Bibliothek Rankes sah unser Mnnismatiker Behrendt Pick in e'ner weithin unbekannten nordamerikanischen Universitätsstadt. Die genannten neuen Funde gestatten mm ein immer mehr verfeinertes geistiges Eindringen in die innere Entwicklung der entscheidenden Zu­gendjahre Rankes.

Der Sohn eines Adookaten und Landrates aus dem Thüringischen war schon in jugendlichen Zähren. als Leipziger Student, m l dem Versuch einer Lebensb.schr.ib eng Luih>rs b-schäst'gt ge­wesen. Run tritt er Luther näher. Und der große Meister der geschichtlichen Charakteristik läßt uns die tiefsten Blicke in den Entwicklungsgang, in das Innenleben der ringenden Seele Luihers tun, für die er Worte prägt, die niemand vergißt, der sich einmal mit Luther beschäftigt hat:Es war die Sehnsucht der Kreatur nach der Reinheit ihres Schöpfers, der sie sich in dem Grunde ihres Daseins verwandt, von der sie sich doch wieder durch eine unermeßliche Kluft entfernt fühlt" (1 212). Eisleben, Mansfeld, Eisenach, Erfurt wer kennt nicht die ersten Schritte, die der Knabe Luther bis zum Eintritt in das Kiosten zurücklegt. An allem menschlichen Leben und Treiben der Zeit nehmen wir teil, jetzt sehen wir ihn mit dem Auge Rankes Eck in Leipzig gegenübertreten: von mittlerer Gestalt, damals noch sehr hager, Haut und Knochen; er besah nicht jenes donnernde Organ seines Widersachers, noch fein in mancher­lei Wissen fertiges Gedächtnis, noch seine Hebung imb Gewandtheit in den Kämpfen der Schule. Liber auch er stand in der Blüte des männlichen Alters, seinem 36. Lebensjahre, der Fälle der Kraft; seine Stimme war wohllautend und beut»

ncr Hosburg war so stark, baß man selbst eine nachträgliche Kritik bes österreichischen Verhaltens unterließ, ja, sich ängstlich hütete, burch Mißbilli- gungskunbgebungen ben Freund an ber Donau zu verstimmcn. Dank ber großen taktischen Geschicklich­keit bes Fürsten Bülow gelang es zwar, aus der bosnischen Krise mit einem vollen Erfolg der Mit­telmächte herauszukommen, aber es war damit ein Präzedenzfall geschaffen, der 1914 zum Verhängnis werben sollte.

Die folgenden Schritstücke zeigen Bülows Mo­tive; bas erste ist bie Rückäußcrung auf das oben abgedruckte Marfchallsche Telegramm, bas zweite ein Telegramm, bas zur Information bes Vertreters des Auswärtigen Amtes im Kaiserlichen Gefolge bestimmt war.

I.

Der Reichskanzler Fürst von Bülow, j. 3. in Rorderney, an das Auswärtige Ami. Telegramm. Entzifserung.

Nr. 111. Norderney, den 5. Oktober 1908.

Ich bin weit entfernt, ben Wert ber freunb- schasllichen Beziehungen zu unterschätzen, bic wir mii der Türkei unterhalten. Allein Freiherr von Marschall geht meines Erachtens zu weit, wenn er uns vorsck lägt, für dieses Freundschaftsverhält­nis unser Bündnis mit Oesterreich-Ungarn zu opfern ober zum mindesten auss Spiel zu setzen. Bci ber Bedeutung, bic bic leitenden österreichisch- ungarischen Kreise ihrem Schritte beilegen, würbe unser Bündnis mit bem Nachbarstaat zweifellos erschüttert werben und einen unheilbaren Riß er­halten, wenn wir in bieser Frage uns als unzu­verlässige Frunde erwiesen unb uns nicht loyal an bie Seite von Oesterreich-Ungarn stellen. Eine zwei­deutige Haltung in diesem Fall würde man uns in Wien nicht veraessen. Bei der jetzigen Weltlage müssen wir darauf achten, uns in Oesterreich-Un- garn einen treuen Bundesgenossen zu erhalten, unb dies um so mehr, als das Wiener Kabinett gerade in den letzten Jahren uns wiederholt Beweise seiner Bundeslrene gegeben hat, zum Teil ohne Rücksicht auf eigene Interessen. Die Ausführungen des Frei­herrn von Marschall vermag ich mir um so we­niger anzueignen, als ich nicht annehmen möchte, baß das Vertrauen ber Türkei zu uns auf so schwan- fenbem Boben steht. Es muß unserem Botschafter möglich fein, in Konstantinopel verständlich zu machen, baß wir nicht gegen eine Regierung unb einen Nachbar auftreten können, mit denen uns eine 30jährige Allianz verbindet, deren Bestand Europa zum großen Teil seinen langjährigen Frieden verdankt .Außerdem wird die türkische Re­gierung sich vor Augen halten müffen, daß es sich in Bosnien unb der Herzegowina für sie nur um bie Aufgabe eines Scheins handelt, denn tatsächlich befinden sich diese Länder bereits seit langem un­ter österrelchisch-unganscher Herrschaft. Es wäre nicht recht erklärlich, wenn es bie Türkei wegen Aufgabe dieser rein äußerlichen Form zu gefähr­lichen Verwicklungen treiben und deswegen die guten Beziehungen nicht nur mii Oesterreich-Ungarn, son­dern auch mit uns trüben wollte.

Ich ersuche Euer Hochwohlgeboren ergebenft, bas Telegramm bes Freiherrn von Marschall in biesem Sinne zu beantworten und hinzuzufügen, baß in der Tat bie von ihm gegebene Versiche­rung, Deutschland habe von dein Annexionsplan nichts gewußt, zutreffend ist. Wir haben unsere Zustimmung nicht vorher in Wien erteilt, sondern man ist dort selbständig mit dem Plan vorge­gangen ... Bülow.

n.

Der Reichskanzler Fürst von Bülow, z. Z. in Rorder::7i, an den Rai im kaiserlichen Gefolge Gesandten Freiherrn von Ienisch, Z. in Rominlen.

Telegramm. Entzifferung.

Norderney, den 7. Oktober 1908.

Ich verstehe vollkommen, wenn Seine Maje­stät der Kaiser darüber verstimmt ist, daß die Ocsterreicher uns in ihren Annexionsplan nicht früher eingeweiht haben. Auf der anderen Seite können wir jetzt ben Türken wie ben Mächten wahr­

lich; et war in der Bibel vollkommen zu Hause, und die treffendsten Sprüche stellten sich ihm von selber dar: vor allem, er flößte das Gefühl ein, daß er die Wahrheit suche. Zu Hause war er immer heiter, ein verz liigter schadhafter Tisch» gonofje: auch auf das Katheder nahm er wohl einen T menftraufi mit; hier aber entwickelte er den t. .-asten, selbstverg.ssenrn Ernst: aus der Tiefe einer bisher noch nicht vollkommen zum Bewußtsein gediehenen ülebetze.'.gung erhob er neue Gedanken und (teilte sie im Feuer des Kam fes mit einer Entschlossenheit fest, die keine Rücksicht m hr kannte; in seinen Zügen las man die Macht der Stürme, welche seine Seele be­standen, den Mut, mit dem sie andern noch ent» gegerging: sein ganzes Wesen atmete Tiefsinn, Freudigkeit and Zukunft." Luther wird um Johann HuS willen einen Augenblick in die Enge getrieben, er sieht sich in einer gefährlichen Lage, aber er schwankt keinen Augenblick, er wagt zu sagen, unter den Artikeln des Johann Hus, welche das BerdammungSurteil des Konzi­liums zu Kostnih verzeichne, seien einig» grund- christliche und evangelische. Ein allgemeines Er­staunen folgte. Herzog Georg, der zugegen war, stemmte die Hände in die Seite; kopfschüttelnd rief er seinen Fluch aus:Das walt die Sucht" (I 305 ff.).

Wer das darsteller:fch so vollendete Ka­pitel über die Schlacht bei Pavia und ihre Fol­gen lieft, wird unschwer erraten, daß Ran'e im Leben der Großen dieser Welt zu Hause war. Die Erzählung von Frundsbergs Tod, in Ita­lien, inmitten der meuternden Landsknechte, auS empörtem Herzen heraus, ist ihm selbst eine wunderbare Katastrophe, aber seiner Erzählung der deutschen Resormationsgeschichte genau so notwendig, wie die großartige Schilderung der Erstürm'.: r.g und Plünderung Roms, der Bela­gerung Wiens und die Cin'.elheiten der Krö­nung Karls V. Der große Seher bedurfte dieser Kapitel durchaus, um an ihnen Völker und Men­schen, Institutionen und Ereignisse, Kultur und Leben zu messen.

Wir haben bisher die Blicke mehr auf das gerichtet, was uns Ranke sinnfällig aus dem wirklichen geschichtlichen Vorgang heraus vor­trug und schilderte. Wenden wir uns der Weis­heit seiner Werte zu. deren Sätze wenig genug bekannt sind. Sie sind freilich nicht geeignet, vergröbert und halbverstanden als Schlagworte die Welt zu durcheilen. Aber sie deuten uns tiefste Erkenntnis an. die je dem Genius zuteil ward. Sv gewaltig und eindrucksvoll der äußere

heitegemäß sagen, baß wir von ben österreichischen Planen erst nach ben Russen unb Italienern unb gleichzeitig mit ben übrigen Mächten Kenntnis er­halten haben.

Ein wesentlicher Beweggrunb für bas Vorgehen der Oesterreicher durste in der Wiener Besorgnis vor ber serbisch-kroatischen Irredenta bestehen, die mir in Wien schon im April nicht nur bei Freiherrn non Aehrenthal und Freiherrn von Beck, sondern auch bei Erzherzog Franz Ferdinand und bei seiner Majestät bem Kaiser Franz Joseph entgegenirai. Die Oesterreicher glauben, baß sie auf ber Balkan- Halbinsel entweber bie Serben gegen bie Bulgaren ober bic Bulgaren gegen die Serben ausfpielen müssen. Sie ziehen bic letztere Alternative vor, weil sie annehmen, baß bie Bulgaren auf bic öfter reichlichen Slawen eine geringere Attroktionskraft ausüben als bic Serben, unb auch wohl hoffen, baß ein selbstänbiges Bulgarien ähnlich wie feiner Zeit bas emanzipierte Rumänien in Gegensatz zu Rußland treten werde. Ob diese Rechnung stimmt, und ob bie Oesterreicher nicht den Teufel durch Beelzebub austreiben, kann nur bie Zukunft lehren. Vorstellungen von unserer Seite dürften jetzt nicht viel helfen, bu die Oeftsrreicher denken, daß sie ben Balkanverhältnissen näher stehen unb biefe rich­tiger beurteilen als wir, wo es sich bort in erster Linie um ihre Haut handele ...

Wie bem auch fein möge, so viel ist sicher, baß bie Begleitumstände des österreichischen Vorgehens, ebenso wie seine Folgeerscheinungen für uns höchst unerwünscht sind. Wir dürfen aber herüber nicht bic Hauptsache vergessen nämlich baß wir das Bündnis mit Oesterreich-Ungarn unversehrt erhal­ten unb bas Vertrauen ber Oesterreicher zu uns nicht erschüttern lassen dürfen.

Ich glaube, daß auch in ber Politik nicht nur aus ethischen, sondern auch aus Klughcitsrücksichtcn Zuverlässigkeit lohnt. Oesterreich-Ungarn hat sich uns gegenüber nicht nur in Algeciras, sondern auch noch in biesem Sommer in der Flottcnfraac sehr loyal erwiesen. Wir müssen Gleiches mii Gleichem vergelten ... Bülow.

Sitzung der Stadtverordneten.

Gießen, 18. Dez. 1925.

Das Stadtparlament 1923'25 ist heute vom Schauplatz des kommunalpolitischen Wirkens ab­getreten. Der Oberbürgermeister hat dem schei­benden Hausefür diese fleißige, opfervolle und verantwortungsreiche Tätigkeit namens der S.adt den wärmsten Dani" ausgesprochen. Es waren harte und schicksalsschwere Zahre. in denen die nun audeinan >crg:gangenc Stadtvcrori irteen- Versammlung die Geschicke der Stadt zu bestim­men hatte. Daß ihre Tätigkeit vom lautersten Wollen geleitet war, und bah sie auch vieles mit glücklicher Hand meisterte, kann und wird nie­mand bestreiten wollen. Frei i ) ebenso richtig ist. daß manche andere Ausgabe nicht soweit vor- ankam bzw. nicht gelöst wurde, wie man das in der Bürgerschaft gern gesehen hätte und wie es auch wohl möglich gewesen wäre. ileBer alle diese Dirge werden wir uns demnächst eingehen­der aussprechen. Heute möchten wir in An­knüpfung an die Schlußrede des Oberoüraer- meisters jedoch auch unsererseits hervorheven. daß unser Gemeinwesen dem alten Stadtparla­ment vieles zu danken hat, was nur durch treue, streng fachliche, leidenschaftslose und sorgfältig wägende Arbeit erreicht werden konnte.

Bevor das Haus au. .'.nanberging, hatte es u. a. noch über eine besonders bedeutsame Vor­lage zu entscheiden: die Renordnung b~r Ecettr.zi.ätsprerse. Diese Vorlage h at ein etwas merkwürdiges Geschick erlebt. Z.i ber vorhergehenden Stadtverordnetcn-Sitzung sand sie keine Zustimmung, und auch außerhalb des Hauses wurde sie abgelehnt. Heute dagegen wurde sie vis auf eine Aenücrung zweiten Ran- =J----_i..

So -enkt euren Kindern

Wohlfahrtsb rief marken

für die Dcu >ct e No:hilf x "fSss |

Verlauf der Weltgeschichte schon fein mag, Ranke sucht geheimeren Sinn zu sin en. Daher fentt sich jene Ruhe aus sein Gemüt herab, die man fälschlicherweise Ranleschc Objektivität zu n. nm pflegt. Hören wir ihn doch am Beginn ort ResormationSg-.schichte:D:nn iie Zc n so heißt es da (I 53), durch welche menschliche Zu­stände begründet werden, enthalten IcuS Gelte liche und Ewige, auS dem sie quellen, doch nie­mals vollständig in sich. Eine Zeitlan; sind sie wohltätig. Leben gebend; neue Schöpft n;en geben unter ihrem Odem hervor. Allein auf Cri cn kommt nichts zu einem rein n unb voist'o.nme- nen Dasein; darum ist auch nichts uniterblich. Wenn die Zeit erfüllt Ist, erheben sich aus dem Verfallenden Bestrebung n von weiter r-i Idern geistigen Inhalt, die es vollends zeri r re­gen. Das sind die Geschicke Gottes in der Welt." ilnö diese Sätze der Weisheit und des Maßes ergeben sich ihm in imnr.r neuer begrün'.eter Form während seiner Lebensarbeit.

Sin freundliches Geschick geleitete Ranle. dcr zu Wiehe in Thüringen am 21. Dezember jZ05 geboren wurde, im nahen Schnlpsor a derWi l n- schaft entgegenwuchs und .n V'r.in die sc : fi- barste Tätigkeit entfaltete, zuletzt nur no:> teer Wissenschaft hingegeoen, so täte er die En l- kinder des Sonntags wohl n cr noch sah, ir; sie ein Gebet sprechen zu hören. D n i er suchte auch in der Geschichte das Ewige Als er am 23. Mai 1833 in Berlin ?a~, fjatte er s tzbft beinahe ein Jahrhundert r.n.rjjrten gestdichl- lichen Verlaufs getehen. Lebe.', rnd Wi ^:i.,aft deutete er in dem tiefsinnig n Wort, daß je', e Epoche ihr besonderes Verhältnis zu Ooii habe, und dieses Wortes wollen auch wir uns ge- trösten.

Die Deutsche Akademie re cht in feierlicher Weise dem deutschen Vocke und der Welt von neuem ein Vermächtnis, das unterer Beteten zum Ruhme gereicht. Mit Ranke und an Rcnle carf sich nur messen, teer an Tiefsinn deS Gei­stes und geschichtlicher Crte.-. e nte mit bem Se­nins um die Wette zu denken und zu sorschon und zu wirken vern.ag. Viellrichte dars man aber auch von unserer Zeit sagen, was R"nke in dem Kapitel über den Reichstag zu Worms 1521 ausspricht: »Es lebte eine gewaltsame, geist­reiche. ersinderische, ernste, tiefinn'ge Genera­tion. Sie hatte ein Gefühl davon, daß in ihr r:n? große Weltveränderung beg nie (I 339). Te: Lied der Rachtigall von Wittenberg ist um nicht verklungen, und wir stehen nicht am Ende, eher am Anfang der Weltgeschichte.