Nr. V 3 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)
Mittwoch, 19. August (925
Der Kampf um die deutsche Führung.
O.H.L. gegen Reichsleitung. - Aus dem Landtagsgutachten des Obersten a. D. Bernhard Schwertfeger.')
Sayn man, wenn man die Ende Januar 1918 bestehenden Verhältnisse zugrunde legt, dem Kaiser, dem ®eneralfelbmar|d)aU von Hindenburg, dem General Ludendorss, dem Reichskanzler Grasen Hertting aus der Entwicklung zur Katastrophe einen vertretbaren Borwurf machen? Beginnen wir mit den Männern der Obersten Heeresleitung.
Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß rast, tose Tätigkeit und hoch entwickeltes Verantwortlich, teitsgesühl für die militärische Ausbildung in Preu- ßcn und Deutschland grundlegend waren. Ein Gehenlassen der Dinge wog schwerer als ein Fehl- greisen in der Wahl der Mittel. Wenn die Männer der Obersten Heeresleitung die Ueberzeugung in sich trugen, daß die seitens der Zioilleitung zu tressenden Maßnahmen nicht mit dem gebührenden Nachdruck erfolgten, daß die Heimat durch Bernachlässiaung verantwortlicher Verwaltungsstellen in den Leistungen zurückblieb, die man vor ihr fordern mußte, um den Krieg siegreich zu bestehen: war es dann nicht em begreiflicher Gedankengang, wenn die Männer der Obersten Heeresleitung auch im Heimalgebiet auf Grund ihrer ungeheueren Popularität Wandel zu schassen suchten'!' Diente nicht alles, was geschah, einzig der Verteidigung des Vaterlandes und dem Wunsche, die Zukunft des Deutschen Reiches sicher- zustellen? Wenn sich hierbei Kämpfe mit der politischen Leitung des Reiches ergaben, mußten bann biesc Kämpfe — mit ben Augen bes Großen Hauptquartiers gesehen — nicht gerabezu als eine u n - ausweichliche Notwcnbigkeit und als ein vaterländisches Verdienst erscheinen?
Nicht der Schatten eines Beweises ist dafür erbracht worden, daß etwa persönliche Motive oder unedle Regungen irgendwelcher Art den Kamps der Obersten Heeresleitung gegen die Reichsleitung oder gegen die persönliche Umgebung des Kaisers be- stimmt hätten. Alle die zum Teil unerfreulichen Erscheinungen, die wir haben klarlegen müssen, entsprangen dem reinen Motiv, dem Vaterlande zu dienen, oie werden dadurch in moralischem Sinne geheiligt. Schossen sie über das Ziel hinaus, griffen sie in die Kompetenz der Reichsleitung ein, so gab es ja in der Person des Monarchen den notwendigen Ausgleich. Der Kaiser Übernahm die tatsächliche und formelle Verantwortung für die großen Haiiplentschcidungen. die Männer der Ooersten Heeresleiiung dursten sich dadurch in jedem Sinne gedeckt fühlen. Eine vertretbare Schuld kann ihnen daher nicht beigemessen werden.
Die Gegensätzlichkeit der militärisch gerichteten Anschauungen der Obersten Heeresleitung gegen die politische Reichsleitung lag in der Natur der Sache begründet. Ebensowenig wie es dem Fürsten Bis- marck erspart geblieben ist, um den ihm gebührenden Einfluß zu ringen, ebensowenig konnten Belhmann Hollweg und die ihm nachfolgenden Reichskanzler daraus rechnen, ohne Konflikte durchzukommen. Nur war es für sie bei der ungeheuren Popularität der Obersten Heeresleitung ungemein schwierig, den ihnen gebührenden Einfluß auch tatsächlich zur Geltung zu bringen. Ausschlaggebend hierfür war die Person des Monarchen.
Damit rühren^vir an die empfindlichste Seite des Gesamtproblems. Dem Kaiser, als Obersten Kriegsherrn lag es ob, in allen Hauptfragen den Ausschlag zu geben. War eine Einigung zwischen den widerstrebenden Anschauungen nicht zu erzielen, so mußte er persönlich entscheiden und — unter Umstanden —andere Persönlichkeiten an die maßgebenden Stellen bringen. Die Verantwortung für die hierbei getroffene Auswahl fiel wiederum ihm allein zu. Kaiser Wilhelm I. verdankte seine großen Erfolge in der Hauptsache dem Um-
•) „Die Ursachen des Deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918.“ Vierte Reihe im Werk des Untersuchungsausschusses der Deutschen Verfassung- gebenden Nationalversammlung und des Deutschen Reichstages 1919—1926. Verhandlungen — Gutachten — Urkunden. Im Auftrage des Deutschen Reichstages. Unter Mitwirkung von Dr. Eugen Fischer als Generalsekretär und Dr. Walther Bloch als Sekretär des 4. Unterausschusses herausgegeben von Dr. Albrecht Philipp, M. d. R., Vorsitzenden des 4. Unterausschusses. 3 Bände. 1. Band: Verhandlungsbericht, Stenographische Protokolle, Entschließungen usw. 2. Band: Gutachten bes Sachverständigen Oberst a. D. Bernhard Schwertfeger. 3. Band: Gutachten bes Sachverstänbigen Generals der Infanterie a. D. von Kuhl. Korreferat bes Sachverständigen Geheimrat Pros. Dr. Hans Delbrück. 1925. Deutsche Derlagsgesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin W 8.
stände, daß er mit scharfem Blick den richtigen Mann an die richtige Stelle zu setzen wußte, aber auch Tatkraft genug besaß, bei Konflikten oberhalb des Streitfalles zu bleiben und sachlich ben Aus- schlag zu geben. Aus ben Verhandlungen um ben Nikolsburger Frieben unb vor Abschluß bes deutsch- österreichischen Bündnisses 1879 wissen wir, daß es Bismarck mitunter sehr schwer geworden ist, den Monarchen zu den Schritten zu veranlassen, die er politisch für nötig hielt. Bedurfte es doch bei Nikols- bürg des persönlichen Eingreifens des Thronfolgers, um endlich den Verzicht des Königs auf weitere Forderungen gegenüber Oesterreich zu erreichen. Wie damals, wo der König im tiefsten Unmut von einem „schimpflichen“ Frieden und davon sprach, daß sein eigener Sohn unb fein erster Ratgeber ihn vor dem Feinde verließen, hätte es auch im Weltkriege schwerer persönlicher Auseinandersetzungen beburft, um bie Gegensätzlichkeit der politischen unb militärischen Ratgeber des Kaisers von Fall zu Fall zu überwinden. Verschiedentlich hat Kaiser Wilhelm II. in scharfer Form Uebergriffc in das Gebiet der poli- tischen Leitung, wo er sie als solche zu erkennen glaubte, zurückgewiesen, so z. B. in den kritischen Tagen vor dem Sturze des Reichskanzlers o. Beth- mann Hollweg, und gelegentlich auch später. Als Bethmanns Entlassung beschlossen war und der Kaiser den nach Berlin gerufenen Generalen der Obersten Heeresleitung diese Tatsache mitteilte, wies er sie ausdrücklich darauf hin daß sie als ©enerole zu gehorchen hätten.
Auch bei diesen Vorgängen hat die Person des Thronfolgers, wenn auch in anderer Weise als 1866, eine bedeutende Rolle gespielt. Er war es, der in engem Einvernehmen mit dem Obersten Bauer den endgültigen Anlauf zum Sturze Beth- mann Hollwegs unternahm. Für den Kaiser wurde die Lage dadurch nur um so schwieriger. In jeder Richtung fühlte er sich durch die Entwicklung der Dinge gehemmt. Für ben Reichskanzler hatte er auch nach seiner eigenen Ueberzeugung keinen ausreidjenben Ersatz. Die Generale der Obersten Heeresleitung aus ihrer Stellung abzu- berufen, um ben Reichskanzler von Bethmann Hollweg zu retten, war bei ber bamaligen Stimmung in Deutschland ganz unmöglich. Das persönliche Eingreifen bes Thronfolgers gab ben ganzen Ausein- anberfeßungen noch einen ernsteren Charakter.
Die einzige Lösung ber ungemein schwierigen Lage hätte es bebeutet, wenn der Kaiser jetzt in ben Vordergrund trat unb bie oberste Leitung in scharfer Zügelführung se 1 bst übernahm. Die Entwicklung der Dinge schrie geradezu nach einer derartigen Zusammenfassung der obersten Gewalt, nad) einer solchen legalen „Diktatur" von oben. Aber dazu suhlte sich der Monarch nicht imstande, war auch durch die bisherige Gesamtentwicklung der Dinge so verstimmt, daß ihm dieser Gedanke wohl kaum gekommen ist. Er blieb im Hintergründe, gewährte den Männern der Obersten Heeresleitung breitesten Spielraum und begab sich in steigendem Maße seines persönlichen Einflusses. Hierbei glaubte er zweifellos in Uebereinftimmung mit den weitesten Kreisen seines Volkes zu handeln, empfanb also seinen persönlichen Verzicht als pflichtmäßig unb wirkungsvoll. Auch hier also wäre es verfehlt, von einer Schuld zu sprechen. Nicht Schuld, sondern Schicksal ist es gewesen, daß das deutsche Volk bei seinem schwersten Waffengange nicht einen Mann an seiner Spitze fand, der die Eigenschaften Friedrichs des Großen besaß und den fast über- menschlichen Anforderungen der obersten Führung in einem derartigen Weltkriege entsprach.
Bei den Männern der obersten Reichsleitung von einer Schuld zu sprechen, erübrigt sich nach den bisherigen Ausführungen. Selbst einer Persönlichkeit von ben überragenben Eigenschaften eines Bismarck würde es schwer gefallen sein, seinen Standpunkt durchzusetzen. Die höchste Verantwortlichkeit verblieb immer dem Monarchen, der ja auch jeder- zeit in der Lage war, den obersten Beamten bes Reichs aus feiner Stellung abzuberufen.
Unsere Frage nach einer vertretbaren Schutt) ai^ ber Entwicklung ber Derantwortlichkeitsfrage be- antwortet sich also bahin, daß trotz aller nicht hinwegzuleugnenden unerfreulichen Einzelerscheinungen, wie sie sich besonders in der Eigenpölitik nachgeordneter Persönlichkeiten des Großen Hauptquartiers geltend gemacht haben, von einer eigentlichen Schuld nirgends gesprochen werden kann. Don niemandem kann man verlangen, daß er ein großer Mann sei. Ob aber einem Volke in den Krisen seiner Entwicklung große Männer an den richtigen Stellen zur
Legenden aus Afrika.
Eine Lücke in der ethnologischen Literatur wird durch ein bedeutsames Werk „Afrikanische Legenden" ausgefüllt, das so- eben im Verlage Don Ernst Rowohlt, Berlin W 35, erscheint. Carl Einstein ' gibt bie Sammlung heraus, bie tiefen Ein- blick in bas Seelen- unb Gefühlsleben der Negerstämme gewährt. (455)
Legende.
Ganz zu Beginn lebten auf ber Erbe ein Mann unb eine tjrau. Eines Tages geht die Frau in ben Watt), Holz zu sammeln. Bei einem dichten Busch vernimmt sie Geräusch in den Zweigen. Erstaunt wendet sie sich. Eine Stimme bringt aus dem Dickicht unb spricht: .Komme hierher, ich habe bir ein Ding zu lagen, ein Geheimnis zu enthüllen." Die Frau, neugierig zu erfahren, was dies sei, nähert sich unb schaut auf einer Staude ein seltsames Wesen; wie ein Drache. Sie gebt noch näher unb spricht: „Wer bist du, unb was willst du mir?" Die Stimme antwortet: „Ich bin Kizimu unb briege dir große Wohltat. Hier zwei Früchte, bie Kostbares umschließen. Hüte bid), sie zu öffnen. Zuvor muß bein Gatte bie seine empfangen haben; denn jebem von euch ist eine Frucht bestimmt. So bu dem Gatten bie ihm zugedachte Frucht gegeben, so nimm deine und öffne sie. Schütte dir den Inhalt auf ben Hals, unb bu wirst zufrieden sein.“
Die Frau nimmt bie Frucht unb kehrt heim, dem Mann zu berichten, was ihr begegnet; doch sie verschweigt, baß Kizimu für ihn eine gleiche Frucht gegeben. Sie verbirgt sich im Winkel, öffnet die Frucht. Ein zauberischer Staub bringt hervor: sie schüttet ihn auf die Brust. Sogleich schämt sie sich, ihr Sinn ist verwirrt; sie sieht, daß sie Frau ist. In- des ging ber Mann zum Wald; in ben Heften hört
er nämliches Geräusch, nämliche Stimme. Er nähert sich, Kizimu sagt ihm:
„Empfingst bu bie Frucht, bie ich beinern Weibe für dich gab?"
„Nein, ich erhielt nicht."
„Also tat sie übel. Ich gab ihr für dich eine Frucht und gebot ihr, sie zu öffnen und auf deine Brust zu schütten. Was tuts, hier eine andere." Der Mann nimmt/ und ehe er in seine Hütte kehrt, öffnet er die Frucht und schüttet sie auf bie Brust. Zugleich erkennt er, daß er Mann ist, und fühlt im Herzen Begierde wachsen. Er kehrt unverdrossen zur Hütte; dort sucht er das erstemal mit seiner Frau Zank.
„Warum erstattest bu mir nicht, was Kizimu bir gab? Warum öffnetest bu bie Mebizin vor mir? Ich hätte sie als erster öffnen müssen.
So balgten sie sich ärger unb ärger.
Der Tangmrika.
Weit oben stanb auf einem Gebirge ein kahler Fels, wohin bie Vögel kamen, sich auszuruhen. Welche Vögel? Wir wissen es nicht; es waren große Vögel. Also sie hatten Durst und sagten, versuchen wir Wasser zu nehmen, unb mit ihren Schnäbeln icn sie gegen den Felsen mit solcher Kraft, daß die Schnäbel zerbrachen. Sie starben. Andere kamen, taten gleiches unb starben.
Dann kam ein kleiner Vogel, ber mit seinem Schnabel ganz sanft schlug, und er bröckelte Staub um Staub ab. Und lange danach kam ein Tropfen Wasser, und er tränt ihn. Er fuhr fort zu schlagen, und bas Wasser kam plötzlich wie ein Wildbach?
Der kleine Vogel flog weg unb fang. Die Leute, bie nicht auf den Bergen waren, ertranken alle mit ihren Dörfern.
Zwei neue Elemente
zu entdecken, ist der deutschen Wiflenschaft gelungen; dabei ist auch eine Frau beteiligt:
Verfügung stehen, das ist Schicksal. Diese Gunst bes Schicksals ift dem deutschen Volke im Weltkriege versagt geblieben.
England; vergeblicher Kampf gegen die deutsche öagdadbahn 1904-1908 Von Dr. Gustav RoIoff, ord. Professor der
Geschichte an ber Universität Gießen.
Wie in einem früheren Artikel erwähnt ist, ftanben England unb Ruhlanb von Anfang an ber Bagdadbahn übelwollend gegenüber, weil ihnen die wirtschaftliche unb politische Kräftigung ber Türkei unwillkommen war. Deutfchlanb war zwar bemüht, bas Mißtrauen ber beiden Mächte dadurch aus- zuschließen, daß es dem englischen Kapital die '.Beteiligung an dem Unternehmen empfahl — russisches war nicht vorhanden — indessen die englische Finanzwelt hielt sich auf Betreiben ihrer Regierung zurück, in der Hoffnung, hierdurch das Werk über Haupt zum Scheitern bringen zu können. Diese Hoffnung trog, da das deutsche Kapital, dem aus kleinen Ländern unb auch aus Frankreich einige Summen zuslossen, für ben Bahnbau ausreichte. Am 25. Oktober 1904 konnte bie erste Strecke von Konia nach Eragli .eröffnet werden. Wie der Botsdiafter von Marsd)all berichtete, begriff die Bevölkerung, daß es sich um ein segensreiches Werk handle, und nahm in großen Massen an der Einweihungsfeier teil. Ader die Gegnerschaft ruhte nicht.
Zunächst suchte die englische Regierung der Bahn durch Konkurrenzunternehmungen Schwierigkeiten zu bereiten, schlug dem Sultan die Schiffbarmachung des Euphrat und Tigris durch ein großes Kanal- fystem vor und forderte den Ausbau der Bahn Smyrna—Aibin burch eine englische Gesellschaft, aber die türkische Regierung lehnte ab, weil ihr diese Pläne weniger zur wirtschaftlichen Hebung Kleinasiens und Mesopotamiens, als zur Stärkung des englischen Einflusses in diesen Gebieten bestimmt schienen. Gleichzeitig erwog man aber auch in England, ob es nicht angezeigt sei, da die Bagdadbahn nun einmal nicht verhindert war, die Zurückhaltung auf- zugeben und das englische Kapital zur Beteiligung zu veranlassen, um so wenigstens gewissen Einfluß auf den Betrieb zu erlangen. Es beweist die Objektivität und Friedfertigkeit ber deutschen Regierung, daß ein englisches Anklopfen in Berlin sofort bereitwilliges Entgegenkommen fand. Nur war es selbst' verständliche Bedingung, daß, da die Konzession zum Bahnbau einer deutschen Gesellschaft erteilt war und das deutsche Kapital den Hauptbetrag gestellt hatte, auch die Leitung des Unternehmens in deutschen Händen bleiben müsse. Aber da der letzte Teil der Bahn im Gebiet des Persischen Golfs die englische Interessensphäre berührte, war man gern bereit, über diesen künftigen Bau eine Verständigung mit England zu suchen (Mai 1906).
England belohnte das deutsche Vertrauen schlecht. Es suchte die grundsätzliche Bereitwilligkeit Deutschlands zu einer Intrige in Konstantinopel zu benutzen, indem es seine Beteiligung an der Bahn, über die erst verhandelt werden sollte, als vollzogen hinstellte, um den Sultan, ber von einer Beteiligung Englanbs eine Hemmung des Werkes erwartete, Mißtrauen gegen Deutschlands Absichten einzuflößen. Dielen Anschlag vereitelte Deutschland sofort durch eifrige Bemühungen, die Fortsetzung des Bahnbaus über ben Taurus in bie Wege zu leiten, worauf ber Sultan hohen Wert legte.
Auch nach bem Fehlschlagen biefes illoyalen Der- suchs konnte sich England nicht zur Beteiligung unter den deutschen Bedingungen entschließen, weil mittler- weile die Ententeverhandlungen mit Rußland vor- schritten unb in ßönbon bie Hoffnung wuchs, mit Hilfe Rußlanbs den Bahnbau entweder zu hemmen oder zu „internationalisieren", d. h. unter englisch französisch-russischen Einfluß zu bringen. In Berlin ahnte man solche Pläne und war um so mehr auf der Hut, als gleichzeitig auch Iswolsky von der Beteiligung Rußlands am Bahnbau zu sprechen begann. Man stand offenbar einer gemeinsamenAktion Englands und Rußlands gegenüber (Herbst 1906). Mehrere Monate lang begnügten sich beide Regie- rungen nur mit Andeutungen, wohl in ber Absicht, Deutfchlanb zu einem Angebot zu veranlassen, dann trat Grey, der englische Minister des 2(usroärtigen, mit deutlichen Forderungen hervor. Er begründete den Wunsch nach einer englischen Beteiligung mit politischen und militärischen Betrachtungen: Diese kürzeste Verbindung zwischen Europa und Asien, diese Parallelroute zum Suezkanal sei von weit- tragender politischer Bedeutung, da sie am Persischen Golf, im Herzen des englischen Interessengebietes, münden und bie militärischen Kräfte der Türkei fördern werde. Der deutsche Botschafter, Gras Metter- nid), lehnte die Berücksichtigung solcher Gründe ab, da Deutschland nur wirtschaftliche Zwecke verfolge. „Ich erwiderte, in der Nähe ber Bagdadbahn lägen nirgends englische Grenzen, und ich vermöge bis
Dr. Berg, Dr. Noddack unb Frl. Dr. Tacke. Sie füllen wieder zwei Lücken in dem sog. periodischen System der Elemente aus, ihre Stellung und Eigenart war also schon im voraus bekannt. Sie gehören zur Reihe des Mangans. Nach der Ost- und Westmark des deutschen Vaterlandes haben die Entdecker diese Elemente Masurium und Rhenium ge- genannt. Ihre Verbreitung auf der Erde ist sehr gering, entdeckt wurden sie in Platinerzen, auch in einigen anderen seltenen Mineralien kommen sie vor. Dies hindert natürlich die Aussicht auf praktische Verwertung, zunächst haben sie nur wissenschaftliches Interesse. Uebrigens steht das Rhenium dem Wolfram nahe und hat einen hohen Schmelzpunkt, weshalb seine Verwendung für Glühlampen möglich märe. Und gerade dies führte im Laboratorium von Siemens und Halske mit zu der Entdeckung.
Der größte deutsche Bildersammler.
Mit Geheimrat Eduard A r n h o I d ist der größte Sammler von Werken der modernen Malerei oahin- gegangen, den Deutschland je besessen. Sein Name war ein halbes Jahrhundert aufs engste mit den großen Künstlern seiner Zett verknüpft. Die Galerie Arnhold hat Hugo von Tschudi „bie künstlerisch wertvollste Prioatsammlung moberner Kunst“ genannt, bie Deutfchlanb besitzt. Diese kostbare Sammlung hat etwas von ber Art einer öffentlichen Galerie, indem sie jeder Richtung gerecht yi werden versucht. Arnhold hat nie gesammelt, was „Mode“ war, son- dem er wählte mit feinem Geschmack das, was ihm gefiel, unb meinte, daß sich „Maler, bie sich tm
zum Beweis bes GegenicOs, ben er mir schulbig geblieben sei, nirgenbs durch sie eine Bedrohung englischer Interessen zu erblicken. In Deutschland werbe baher erwartet, daß hier (in London» keine übelwollende Haltung gegen die Bagbadbahn eingenommen werde. Andernfalls würde sich allerdings ber Glaube bei uns einbürgern müssen, daß England sich jedem deutschen Unternehmen mit Uebelwollen und Neid entgegenstellen wolle.“ Als Grey anbeutete, Englanb habe ein Recht auf Zulassung seines Kapital bei bem Bahnbau. mußte er sich sagen lassen, baß England ein solches Recht so wenig habe wie etwa Deutschlanb auf Beteiligung bei einem englischen Unternehmen in Aegypten ober Argentinien. Wenn jetzt England im Gegensatz zu früher bie Beteiligung wünsche, so möge es bei der Vahnleitung darum »achsuchen und die von der deutschen Gesellschaft, die auch allein finanziell imstande sei, den Bau zu Ende zu führen gestellten Bedingungen erfüllen (Januar—März 1907).
Diese energische Wahrung des deutschen Charakters der Bagdadbahn schreckte die englische Regierung nicht ab. Eine Kommission des Auswärtigen Amte» beschloß jetzt, der Finanzwelt die Beteiligung zu empfehlen (April 1907), und Grey präzisierte ber bentschen '.Regierung seine Ansprüche: Er verlangt« den ausschließlichen Einfluß auf die Endstrecke ber Bahn am Persischen Golf. Natürlich konnte Deutsch- land hierauf nicht eingehen, weil Englanb mit ber freien Verfügung über das Endstück die ganze Bahn durch Tarifbestimmungen und ähnliche Verwalttings- maßregeln hätte schädigen können Die Verhandlungen stockten daher bald, aber indirekt erhielt der Botschafter in London Nachrichten, daß England nicht einmal mehr mit ber Herrschaft über bas Endstück vom Golf bis Bassorah zufrieden fein wollte, sondern die Bahn vom Meer bis über Bagdad hinaus, bis etwa Mossul, verlangte, wenn auch das Ganze „eine deutsche Fassade“ behalten könne (August 1907). Es ist wohl nicht zuviel vermutet, wenn man diesen steigenden Appetit der Engländer mit der Vollendung der russischen Entente und dem daraus hervorgehenden Gefühl der llebcrlegenljeit über Deutschland erklärt. In London wird man gemeint haben, der Sultan werde angesichts dieser Verständigung in Sachen Bagdadbahn nicht mehr mit Deutschland allein zu verhandeln wagen. Bald darauf fand man in London sogar ein neues Argument für bie Notwendigkeit einer hervorragenden Beteiligung Englands an der Leitung des Unternehmens; da der türkische Staat eine Kilometergarantie für die Bahn übernommen habe, werde er in den Provinzen, die die Bahn durchlaufe, die Steuerschraube mehr als bisher anziehen, so daß die Bahn die Provinzen aussauge, den Türkenstaar in Schulden stürze und so den englischen Handel gefährde. Selbstverständlich konnte die Vorstellung, daß bie Bahn die berührten Länber ärmer statt wohlhabender machen werde, nur ein Lächeln erwecken, und bie türkische Regierung blieb in ihrem Vertrauen zur Leistungsfähigkeit ber beutschen Fi- nanzwelt wie zur politischen Zuverlässigkeit der Regierung fest. Ungeachtet aller englisch russischen Intrigen übertrug sie der Anatolischen Eisenbahngesellschaft eine neue Aufgabe: die Entwässerung und Bewässerung der Koniaebene, wodurch ein bisher ödes Gebiet von über 50 000 Hektar der Bebauung gewonnen wurde (Herbst 1907). Unb ein Halbjahr später bewilligte sie unter ber bisherigen Ärlomctergarantie ben Weiterbau ber Bahn um nahezu 1000 Kilometer bis über ben Taurus unb Euphrat hinaus. Mit ber Feststellung, bah mit der Bewilligung dieser Strecke, die den technisch schwierigsten Teil enthalte, auch die weit einfachere Fortsetzung bis Bagdad gesichert sei, schließen die Bakschafterberichte über dieses schwierige aber erfolgreiche Kapitel ber deutschen Drientpoütif. In Persien, wo man verbriefte Rechte nicht besaß, hatte Deutfchlanb auf Schritt unb Tritt Nachgiebigkeit gegen die näher interessierten Mächte bewiesen, auf biesem alten Betätigimgsfelbe deutschen Fleißes unb beutscher Intelligenz hat es sich zu behaupten gewußt.__
Akteneinsicht bei Beschwerden in Mieterschutzsachen.
Aus einer allgemeinen Verfügung bes preußi- schen Iustizministers über bie Einsichtnahme in die Akten im Verfahren vor der Beschwerdestelle des Gesetzes über Mieterschutz und Mieteinigungsämter (I. 13 339) teilt der Amtliche Preußische Pressedienst folgendes mit:
Nach § 27 der Anordnung der Reichsregierung für das Verfahren vor bem Mieteinigungsamt unb der Beschwerdestelle vom 19. September 1923 gelten für das Verfahren vor der Beschwerdestelle die Vorschriften über das Verfahren vor dem Mieteinigungsamt entsprechend. Die Vorschriften der Zivilprozeßordnung können daher nur insoweit her- angezogen werden, als sie für anwendbar erklärt
Leben nicht verstanden, ja wohl gar angefeinbet haben, bei mir ruhig ins Auge blicken müssen“. Die bedeutendsten Meister der deutschen Malerei, Menzel und Leibi, Böcklin und Lenbach, Ude und Liebermann, wurden seine Freunde unb fanden bei ihm liebevolle Aufnahme. Menzel sagte zu ihm immer nur: „Herr Wirt". Um manche feiner Lieblinge hat Arnhold kämpfen müssen, so um Böcklin, von dem er Hauptwerke aus allen feinen Schaffensperioden besitzt, und dessen letztes Gemälde, das Triptychon mit bem Motto aus Schillers „Jüngling am Bach" für ihn gemalt wurde. Die Museen, die um wichtige Bilder mit ihm rangen, schlug er oft durch rasches Zugreifen. Für die große französische Kunst hotic er von Anfang an ein feines Verständnis, kaufte zuerst bie großen Lanbschafter ber Schule von Barbizon und wandte sich bann den Impressionisten zu. So konnte er eine unvergleichliche Reihenfolge von Meisterwerken fein eigen nennen, bie von ben Meistern von Barbizon über Courbet unb Corot zu Manet, Monet, Degas, Renoir, zu Pissaro unb Sisley fuhrt. Von Manet besaß er so viele Ge- mälbe ersten Ranges, bas er vor wenigen Jahren ein berühmtes Bild für 400 000 Schweizer Franken verkaufen konnte. Diese hohe Summe verwendete er dann ausschließlich für Wohltätigkeitszwecke. lieber- Haupt ist Arnhold ein Mäzen großen Stiles gewesen, der für junge Kunst und junge Künstler immer eine offene Hand hatte, der großartige Stiftungen machte und bie deutsche Kunst gefördert hat wie kaum ein anderer Privatmann. Die Kunst war ihm eben nicht nur Sammelobjekt oder Modeschau, sondern innerltchstes Lebensbedürfnis, und er pflegte zu sogen, daß er sich jeden Morgen, bevor er in fein Bureau gehe, seine Bilder ansähe, bann hätte er für den ganzen Tag, der so manchen Aerger mit sich brächte, einen Vorrat Freude, der ihn für bie Unannehmlichkeiten entschädigte.


