Rr.m Zweites Blatt
Danzig und -er Völkerbund.
Genf und die polnische (Gewaltpolitik.
Don Werner Schulz, Oliva
DaS Diktat von Versailles hat den Völkerbund zum Schirmhrrrn Dcrnz:gs gemacht. Was Danzig aber in den Jahren seines Bestehens als eigener Staat erfahren, was ec erleiden muhte, hat diese Schirmherrlichkeit Genfs nicht bestätigt, wohl aber nur zu ost widerlegen können. D'e letzte Genfer Entscheidung hat klar und eindeutig bewiesen, daß dem Hohen Rat von Genf nicht das geringste an einem Schutz der Lebens- bcdingunarn des kleinen Danz ger Staatswesens gelegen ist Unzählige Male ist Danzig im De- wuhtsein seines guten Rechtes nach Genf gegangen, unzählige Male ist es zurückgekommen, enttäuscht und Derbittert, und wenn man die ganzen Jahre Danziger Leidens überschaut, so w r) diese neue Genfer Entscheidung eigentlich gar keine tlebberraschung sein. Sie ist eben letzten Endes nichts anderes alS die folgerichtige Fortsetzung der Entschluhlosigkeit des Völkerbundes gegenüber der polnischen Gewaltpolit k. Jahrelang ist es so gegangen und vielleicht geht es noch Jahre sang so, bis ein Stück nach dem anderen aus dem StaatSgesüge Danzigs herauSgrrissen, ein Recht nach dem anbeten dec Freien Stadt geraubt worden ist unter stillschweigendem GetÄhren- lassen deS Völkerbundes
Die Rechtslage in der Frage des Danzig- polnischen Postkonf.'iktes, der nunmehr schon zum zweiten Male zur Beratung stand, war bereits durch rechtskräftige Entscheidungen des Völker- bundSkommissars in Danzig einwandfrei festgestellt und das Gutachten des Haager Schiedsgerichtes. das rein Don formalistischen Erwägungen auigtnq, stand zu diesen Entscheidungen in vollem Widerspruch, stand im Gegensatz zu den selbstverständlichsten Lebensinteressen DmzigS. die in den verschiedenen Abkommen garantiert sind. Trotzdem nahm der Völkerbundsrat dieses Gutachten an, daS die Berechtigung eines polnischen Postdien- steS im Hafen anerkennt. Ebenso aber wie das Haager Gericht den räumlichen Begriff deS Ha- fenS offen gelassen hatte, so konnte auch der VöSerbundsrat nicht den Entschluß zu einer klaren Entscheidung aufbringen. Er erkannte Wohl, sogar einschließlich des französischen Vertreters, an, baft der Begriff „Hafen" nicht die Stadt Dcmzig umfassen könne, setzte aber zur Prüfung der Angelegenheit eine Kommission ein. die an Ort und Stelle die Frage prüfen soll. Eine solche Prüfung wäre an und für sich durchaus im Interesse Danzigs, wenn damit nicht eines verbunden wäre, waS für den Völkerbundsrat vielleicht d'e Hauptsache war. und das ist die Tatsache, dah nunmehr die Regelung dieser Frage auf ungewisse Zeit verschoben ist Die polnischen D"ief- ro^-nt bür’'n i^z^ischen ttriter bin-'-n' der pol- nif b? To bi n weit r <rbei en der Dö'kerbundk» rat hat weder den Mut noch den Willen, hier ein Mahnwort zu sprechen und die Herstellung deS rechtSmähigen Zustandes bis zu einer klaren Entscheidung zu verlangen. Das ist nichts anderes alS eine offene Duldung des volnischen Gewaltaktes, die Anerkennung eines Unrechtes, das nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Staaten Ablehnung und Verurteilung fand. Der VölkerbundS''at der Schirmherr Danzigs we h nichts von Mißbilligung ihm ist Danzig nichts anderes alS ein Obieft des Kuhhandels, und ie nach Wertung der grohen politischen Lage fällt er seine Danziger Entscheidung Ob dabei dec Danziger Staat und seine Selbständigkeit. Dan- zigS Bevölkerung und Wirtschaft zugrunde gehen oder schweren Schaden erl'ibm, spielt für ihn keine Rolle Seine Gerechtigkeit hat nichts mit dem Recht der kleinen Staaten zu tun.
Wie wenig er auch in der Lage ist. Danzig gegenüber nach Recht und Pflicht zu entscheiden, beweist seine Zusammensetzung und die ganze Einstellung feiner Mitglieder. Vor einiger Zeit brachte die „Times" eine durchaus zuverlässige und bisher von keiner Seite dementierte Mitteilung. bah der tschechische Auhenminister Drnesch eine tschechisch-polnische Entente zuwege gbracht habe, deren Hauptpunkte unter anderem in der Verpflichtung d'r Tschechoslowakei bestanden, Polen in allen Fragen und Angelegenheiten zu unterstützen die Schlcs.en, Danz g un) den polnischen Korridor betreffen. Derselbe Herr Denesch, der diesen Vertrag schloß. sitzt im Rat des Völkerbundes als stimmberechtigtes M'tg'ied und entscheidet über die Lebensfragen Danzigs. Wie will er sich dabei verhalten? Auf der einen Seite feine Pflicht. Danzigs Freiheit und San- ziaä Rechte >u ftühon. auf der ^nde^ea S'ite tt f r Tert ag Das flns bi' Gru-dsä c de Te't- gerechti"! it die Danzig; Schicks il bedeuten!
Improvisationen im Juni
Don Herbert Hammer.
AmadeuS Pfannenstiel war ein Dichter, so glaubte er wenigstens Ec war Lyriker in Reinkultur und machte in hochprozentigen Stimmungsbildern. Der Frühling war feine Saison, und im Mai vor alten Dingen litt Amadeus direkt an äleberproduktion. Mit einer seltenen Arbeitswut sah er, zerkaute ein halbes Dutzend Federhalter und schrieb drei Gedichte, die von Lebensglück Weltschmerz. Liebe und Entsagung derartig geloben waren, bah er selbst davon ergriffen wird. Taufende von reinen, Abertausende von unreinen Reimen wurden in solchen Weihestunden geboten. Unzählige Dersfühe drasch unser Dichter lahm und lieh gewissenlos zum Lobe der edlen Kunst und des Götterjünglings „Frühling" so und soviele Mädchenhmzen ihre letzten Seufzer aushauchen. Wie gesagt, das war im Mai.
Wenn bet Juni aber gekommen war, dann stockte der dichterische Quell in seiner Brust. Ihm fehlten die Eindrücke, wie Amadeus Pfannenstiel behauptete. Dem Redakteur der Zeitung dagegen, die Amadeus zu seinem Leiborgan und Verkünder seines Ruhmes erwählt hatte, fehlten barm immer die Ausdrücke größter Freude, dah endlich sein Schreibtisch nicht mehr von diesem Frühlingspoeten attackiert wurde, und die Reinemachefrau brauchte den Redaktionspapierkorb nur noch einmal täglich zu entleeren.
Amadeus aber wollte Honorar einstreichen und druckste daher Tag und Rächt an einem Gedicht übet den Juni. Dis zur Mitte des Monats war er schon umhergelaufen und hatte alle möglichen Reimkombinationen geschossen, nur auf „Juni" konnte er nichts finden. „Du nie“ paßte so schlecht in den Sinn!
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefsen)
Sreitag, 19. Juni (925
Das ist nur ein Beispiel, es gibt noch viele andere, und wenn man sich die Beamten des Dölkerbundssekrctaliats ansicht, weih man, woher Polen seinen Einfluh in Genf hat. Tausend geheime Fäden gehen zwischen Warschau und Genf und Danzig ist machtlos, ist rechtlos, wie diese „Entscheidung" im Postlorflikt beweist. Es wäre vielleicht besser gewesen, die Danziger'Regierung hätte zusammen mit ihrem Protest über Den polnischen Postputsch sofort nach dec nächtlichen Anbringung der polnischen Briefkasten auch genau wie die Polen eine „action birectc" angewandt und die Kasten durch die Polizei entfernen lassen. Ein solcher gewagter, aber energischer Schritt hätte vielleicht auf den polnischen Gröhenwahn ernüchtecno gewirkt.
An dem weiteren Resultat von Gens ist nur noch von Bedeutung, dah eine Reuregelung der rein geschäflsmähigen Erledigung aller Danzig- polnischen Streitfälle beschlos en wurde, die sicher von Danziger Seite nur begrüht werden kann und eine Vereinfachung der b'.sh origen, ost beispiellos umständlichen und Iingto e igen Methoden bedeutet — ob Polen sich allerdings danach sehr richten wird, bie bt abzuwarten
Inzwischen sind Danz'g und seiner Bevölkerung durch eine Reuregelung und Erhöhung der polnischen Einfuhrzölle weitere, fast unüberwindliche Schwier gleiten erwachsen. Ohne vorherige Anmeldung, ohne jede Verständigung welcher Art hat Polm für eine greh? Reihe von E nsuhrwaren seine Zölle bis um das Sechs- und Achtfache erhöht. Da Danzig zum polnischen Zollgebiet gehört, müffen ihm daraus die schwersten Schädi- gimgen entstehen, und bi diese Zollerh'h «gen sich hauptsächlich gegen Deutsch! nd richten, muh da ch eine solche Maßnahme die Einfuhr ceulscher Waren nach Danzig fast unterbunden werden, wenn es nicht gelingt biefe Maß n hm: rückgängig zu machm Eine Abschnürung Dan;igs vom deutschen Warenmarkt würde zugleich auch eine Um- stelluna der ganzen Lebens Unterhaltung der Danziger Bevölkerung auf andere Warenmärkte bedeuten und rein materiell und ideel die Verbindung mit der deutschen Kultur stack beeinträchtigen.
Reben allen di sen auhenpvlit scheu Gefahren Danzigs ist noch eine rein innenpolitische Krise aufgetreten, die natürlich bei der ganzen Struktur und Lage Danzigs sich nach außen hin sehr unangenehm auS^irfen kann. B i dec Te-atung des Etats haben sich Gegensätze herausgestettt, die solche Entwickelung genommen haben dah man mit einem Rücktritt der Regierung rechnen kann, der sich hoffentlich noch im Interesse des deutschen Gedankens, im Interesse der nationalen Selbständigkeit Danz'gs vermeiden läßt.
So muh man heute mit banger Sorge in Dcmzia in die Zukunft sehen, trotzdem oder gerade deshalb darf und wird fein falscher Pessimismus auf komm en. Die Danziger Bevöllerung e-fennt den Emst der Lage, und sie hat zu ihrer Regierung volles Vertrauen. Rach dem alten Dater- lande aber hinüber richtet s'-e den Ruf: „Vergeht uns nicht, jetzt ganz besonders nicht, denn wir haben es verteufelt notig, nicht vergessen zu werden.
Roch immer weih man in Deutschland nicht genug, worum es in Danz'g. warum es im Osten überhaupt g'ht. Möge das gmv 'etzt e wachende Interesse fü- b'n Osten feil oberflächliches S‘vb- feuer bi' Aufrollung ber K-rrid-r^age nicht mir vorübergehend f'in D's ist in allem Danzigs Hoffnung, Danzigs Glauben.
Das Strahenbahnprosekt Gießen-Wieleck gescheitert
Aus den Kreisen des Wiesecker Gemeinderats geht uns die nachstehende Zuschrift zu, die wir zunächst referierend zur Kenntnis unserer Leser bringen. Man darf wohl annehmen, daß auch die Gießener Stadtoerwaltung zu dieser Angelegenheit noch etwas zu sagen haben wird. Wir selbst werden auf diese neueste, höchst bedauerliche Wendung der Dinge noch zurückkommen. D. Red.
Mit großen Hoffnungen und mit dem ehrlichen Willen, das nun fast 15 Jahre alte Projekt der Straßenbahn Gießen — Wieseck endlich der Verwirklichung nahe zu bringen, ging der W t e- secker Gemeinderat an diese wichtige Angelegenheit. Wenn nun auch für diese Körperschaft in allererster Linie ganz selbstverständlicherweise die Interessen der von ihr vertretenen Gemeinde maßgebend waren, so wird wohl niemand bestreiten können, daß die Weiterführung der Bahn nach Wicsctt in gleicher Weise für Gießen vorteilhaft
Da endlich sorgte bas Schicksal bafür, bah bas Dichtergenie Amadeus Pfannenstiel doch noch seine Ruhe fand. Ec verfaßte ein Gedicht, das ihm so viel eintrug, dah er bis an sein Lebensende versorgt ist. Er schrieb nämlich einen herrlichen Rackruf in Versen auf den Verblichenen einer „mittelalterlichen" Dame, der Frau Vleiglanz, Zigarren en gros und en detail, mit so wunderbaren Gemütsti fen in zwölf Versen, bah sich Frau Bleiglanz zu diesem lorbeer- umcauschten Poeten hingezogen fühlte und ihn ehelichte.
Jetzt steht Amadeus Pfannenstiel hinter dem Ladentisch und verkauft als Reuvermähller Zigarren an die Laufkundschaft Einen guten Reim auf Juni hat er freilich bislang noch nicht gefunden, aber er kommt langsam selber zu der Einsicht, dah diese Lösung gar nicht so ungereimt war.
Hans-Krautz-Ausstellung.
Frau Professor K l u t e bittet uns um die Veröffentlichung einer kurzen Würdigung des Lebens und Werkes von Hans K r a u h , der wir gern Raum geben, zumal die Verfasserin den Künstler seit Jahren kennt und so wohl am ehesten eine Einführung in feine Arbeit zu geben imstande ist.
Don Samstag dieser Woche ab werden in den oberen Räumen des Botanischen Instituts, Drandplatz 4. Bilder von Krauh ausgestellt werden.
Hans K r a u h ist am 27. Juni 1865 in Stuttgart geboren. Seine ersten Lehrer daselbst waren Grünenwald und Fr. Keller, später ging er nach München und lebte von 1896
n-iirüc Alle die Momente, die für eine solche Erweiterung der Linienführung sprechen, sind schon wiederholt an dieser Stelle erörtert worden: dem soll hier »ichts hinzugefügt werden. Nach monatelangen Verhandlungen ist man nun dahin gelangt, was Pessimisten voraussagten: Es muß unter alles ein dicker Strich gezogen werden — es gibt für Wieseck keine Frage „Elektrische Bahn Gießen—Wie- seck" mehr. Die Entscheidung ist in Wieseck gefallen. 2n seiner letzten außerordentlichen Sitzung beschäftigte sich der Wiesecker Gemeinderat eingehend mit dieser Frage und vor allem damit, ob es den Interessen Wiesecks dienlich sei, noch länger tatenlos zu- sehen zu müssen, bis Gießen wieder einmal einen zögernden Schritt in der Angelegenheit tun will, tvür Wieseck ist die Frage viel zu ernst, um sie zum Handelsobjekt zu machen, wie cs allem Anschein nach von Gießen versucht wird, soweit überhaupt etwas Ernsthaftes unternommen wurde. Oer ganze Verlauf der Verhandlungen ist unnötigerweise hinausgezogen worden, so daß man an den ernstlichen Willen seitens der Stadt, die Bahn zu bauen, starke Zweifel setzen muß. Klipp und klar hat die Gemeinde Wieseck ein Angebot gemacht, wie es weitgehender in gleicher Angelegenheit wohl selten eine Gemeinde unternimmt. Hervorragende Verwaltungspraktiker haben den Mut Wiesecks bewundert, mit der es an die Angelegenheeit herantritt. Und heute darf auch gesagt werden, daß manche andere Stadtverwaltung in solcher Lage bei weniger günstigen Angeboten mit beiden Händen zugegriffen hätte. Aber alle schönen Worte haben jetzt keinen Zweck mehr: Genau so einstimmig, wie das Angebot gemacht wurde, beschloß der Gemeinderat, dasselbe als aussichtslos zurückzuziehen.
Diese Tatsache wird weit über die Grenzen Gießens und Wiesecks ein gewisses Aufsehen erregen. Gießen darf die „Straßenbahn Gießen— Wieseck" bei den „verpaßten Gelegenheiten" buchen — und Wieseck geht nunmehr seine eigenen Wege. Bei dem Interesse, das dieser ganze Plan in der Oeffentlichkeit hervorgerufen hatte, ist es nunmehr notwendig, die letzte Verhandlungsphase in aller Oeffentlichkeit klarzulegen.
Am 25. April wurde der Gießener Stadtverwaltung der in der Sitzung des Wiesecker Gemeinderats vom 21. April einstimmig gefaßte Beschluß mit folgendem Schreiben mitgeteilt:
„Nachdem die ermächtigte Kommission über die gepflogenen Verhandlungen mit der engeren Kommission der Stadt Gießen bezüglich der Straßenbahn Gießen—Wieseck dem Gemeinderat genügend Bericht erstattet hatte, beschließt derselbe, die Rentabilität genannter Linie zu garantieren. Unter dieser Voraussetzung werden folgende Vorschläge bezüglich der Fahrpreise gemacht: Wochenkarte (täglich zwei Fahrten) 1,50 Mk., Einzelfahrt 30 Pf., Fahrscheinheft für 12 Fahrten 3 Mk. Von diesen Einnahmen erhält die Stadt für Benutzung der städtischen Linien 20 Prozent."
Mit dem Datum vom 8. Mai lief bei der Bürgermeisterei Wieseck folgendes Schreiben ein:
Auf die gefl. Zuschrift vom 25. v. M. und den mit dieser mitgeteilten Gerneinderatsbeschluß vom 21. v. M. teile ich ergebens! folgendes mit:
Es dürfte Aussicht bestehen, daß die Stadt Gießen sich mit der Einführung einheitlicher Ar- beiterwochenkarten (täglich zwei Fahrten) für das alte städtische Netz sowie für die neue Strecke Wieseck—Wiesecker Weg einverstanden erklärt. Auch gegen den Fahrpreis und dessen Teilung mit 80 Prozent zugunsten der neuen Strecke und von 20 Proz. zugunsten des alten Netzes dürften unüberwindbare Schwierigkeiten nicht bestehen. Dagegen erscheint es ausgeschlossen, daß einheitliche Einzelfahrscheine sowie Fahrscheinhefte und evtl. Monatsabonnements eingeführt werden. Es wird voraussichtlich darauf bestanden werden, daß für die neue Strecke besondere Einzelfahrscheine sowie Fahrscheinhefte und evtl. Monatsabonnements gelöst werden. Für die Einzelfahrt werden 10 Pf. und für Fahrscheinheft (12 Fahrten) 1 Mk. in Vorschlag gebracht Der Erlös würde der Rech- nuny für die Strecke Wieseck—Wiesecker Weg voll gutgebracht werden. Die Durchführung des geplanten Projekts dürfte sich nur dann ermöglichen lassen, wenn eine auf dieser Grundlage aufgebaute getrennte Rechnung für das alte Netz und die neue Strecke geführt werden kann. Für gefl. umgehende Stellungnahme bis Dienstag nächster Woche (12. Mai) wäre ich Ihnen sehr zu Dank verbunden."
Unterschrift.
Dieser Vorschlag warf die ganzen Berechnungen Wiesecks über Den Haufen und würde sich in der Praxis so auswirken, daß die Gemeindekasse und damit die Wiesecker Steuerzahler ungemein stark belastet würden, während andererseits Gießen durch die vielen Hunderte von Fahrgästen, die die Stra- ßenbahn jetzt nicht benutzen, dann in der Lage wäre seinen städtischen Straßenbahnetat zu balan
cieren, allerdings auf Kosten Wiesecks. Die Rentabilität der neuen Strecke trägt ja Wieseck, Gießen schlagt also zwei Fliegen mit einer Klappe. In seiner Sitzung vom 11. Mai beschäftigte sich der Gemeinderat in Wieseck mit diesem Schreiben und teilte als Ergebnis der Stadtverwaltung folgendes mit.
„Die Gemeinde Wieseck erhielt Ihr geehrtes Schreiben vom 8. Mai und teilt nach eingehender Beratung der dadurch geschaffenen Sachlage folgendes der Stadt Gießen mit:
Zunächst das Angebot der Gemeinde Wieseck: Die Gemeinde Wieseck übernimmt die Garantie der Rentabilität für die Linie Gießen—Wieseck unter der Bedingung, daß die Stadt Gießen von den Einnahmen dieser Linie für die Mitbenutzung der Stadtlinie, nicht mehr als 20 Proz. beansprucht. Der Berechnung, auf welcher das Ga- rantie-Anaebot beruht, liegt der der Stadt Gießen vorgefchlagene Fahrpreisplan sowie genannter Einnahmeverteilungsmodus zugrunde. Der Umstand nun, daß die Stadt auf der Basis unserer Vorschläge das Projekt nicht weiter zu bringen glaubt, macht unsere Berechnung illusorisch, worauf sich unser Angebot stutzte. Die Konsequenz kann nur fein, daß die Stadt unseren Vorschlägen beitritt, oder unser Garantieangebot ist hinfällig. Die Annahme des Vorschlags der Stadt Gießen laut ihrem Schreiben vom 8. Mai bedeutet für die Gemeinde Wieseck natürlich ein noch viel größeres Risiko als das Risiko, welches unser gegebenes Garantieangebot mit auf der Basis der damit gemachten Vorschläge schon in sich birgt. Der (9e- meinderat Wiesecks glaubt in ein größeres Risiko zur Zeit nicht eingehen zu können. Im Vergleich ,ui einem der Gemeinde Wieseck vom Autowerk Büssing-Hannover gemachten Angebot mit beigefügten Rentabilitätsberechnungen einer Autolinie Wieseck—Gießen ist die Frage zu prüfen, ob je ein Gerncindcrat bzw. Bürgermeister der Gemeinde Wieseck die Verantwortung für die lieber- nähme eines größeren Risikos zu üvernehmen bereit fein würde. Die Berechnung der Firma Büssing schließt ab mit einem Fahrpreis von 1,9 Pf. pro Person und Kilometer bei z Besetzung. Die Gemeindevertretung glaubte, die Sachlage so wie sie vom Standpunkt der Gemeinde Wieseck zu beurteilen ist, der Stadt Gießen hiermit nochmals vorzutragen und bittet dieselbe, das ernstgemeinte und selbst nach den Urteilen bekannter Verhol- tungsmänner sehr weitgehende Angebot nochmals unter Berücksichtigung aUe! Umstände prüfen und uns das Ergebnis umgehend mitteilen zu wollen."
Unterschrift.
Auf dieses Schreiben vom 12. Mai war bis zum 16. Juni keinerlei Aeußerung seitens der Stadt ein- getroffen. In der am gleichen Tage stattgehabten Sitzung wurde die eingang angeführte Stellung- nähme feftgeftellt und beschlossen, der Stadt Gießen folgendes Schreiben zu übermitteln :
„Wiederum ist ein Monat verstrichen, ohne daß die Verwaltung der Stadt Gießen unser schreiben vom 12. $at der am Schlüsse Des Schreibens erbetenen Antwort gewürdigt hat. So befindet sich das Projekt seit Monaten in Der Schwebe unb greifbare Fortschritte sind seitens der Stadt Gießen bis auf den heutigen Tag nicht zu erkennen.
Als wir in Verfolg unseres Entschlusses, ein Verkehrsmittel für unsere Gemeinde zu schaffen, an die Stadt Gießen herantraten, da herrschte unsererseits Einstimmigkeit darüber, daß der Stadt Gießen kein Risiko zugemutet werden sollte. Deshalb, und um das Projekt auch baldigst durchgeführt zu sehen, folgte im Zeichen einmütigen Beschlusses unser weitgehendes und ernstgemeintes Angebot. In unserer Hoffnung, die wir damals an das Angebot knüpften, daß nunmehr auch seitens ber Stabt bezüglich einer beschleunigten Verwirklichung bes Proiekles alles geschehe, sehen wir heute leiber sehr enttäuscht.
Wenngleich biefe Einstimmigkeit — betreffenb Projekt unb Angebot — bie Bürgerschaft Wiesecks auch nicht im gleichen Maße beherrscht, so waren es berer bie unsere Entschcibunqen ab- lehnenb beurteilten, Doch sehr wenige, so baß eine übermiegenbe Majorität ber Wiesecker Bevölkerung hinter ber Oemeinbeoertretung in ber ganzen Sache ftanb. Die nebensächliche unb hinhaltenbe Behanblung, bie bie Angelegenheit selbst noch nach unserem Angebot, bie Garantie für bie Rentabilität ber Linie zu übernehmen, seitens ber Stabt erfahren hat, hat aUerbings inzwischen ganz allgemeine Mißstimmung in unserer Gemeinde ausgelöst. v
Verschiedene Projekte, wie z. B. Festhallenbau, Flugplatzerrichtung, an deren schnellen Durchführung die Beteiligung ber Stabt Gießen bekannt ist, unb bei beren Verwirklichung die chkeit des beschleunigten Arbeitens ganz offenbar zur Schau tritt, lassen auch ohne mei-
an in Italien, zuerst in Floren; später in Rom. Dort blieb er bis 1905. In Florenz befreundete er sich mit Hildebrand und dessen Kreis: Isolde Kurz und Sattler. Durch Hildebrand erhielt er auch den Auftrag, die einzigen Fresken Marees in der zoologischen Station in Reapel zu restaurieren. Es war dies eine ehrenvolle, aber schon rein handwerklich äußerst mühevolle Aufgabe: daß sie gelang, verdankte Krauß dem jahrelangen Studium der alten Meister. Beim Kopieren derselben hatte er sich große Fertigkeit in allen technischen Fragen angeeignet, die ihm nun zugute kamen. — Er blieb von 1901 bis 1905 in Rom und kehrte nach einem Besuch in England nach München zurück, wo er noch lebt.
Ausschlaggebend für die Entwicklung des Künstlers ist der Aufenthalt in Italien und das Studium der alten Meister gewesen, auf deren Kunst sich all sein späteres Schaffen aufbaut.
Krauß ist einem großen Kreis Gießnern aus hiesigen Privatsammlungen bekannt. Zweck der Ausstellung im Botanischen Institut ist es, allen Kunstfreunden Gelegenheit zu geben, Arbeiten von ihm in Ruhe zu betrachten. Leider war es dem Künstler nur möglich, einen kleinen Teil feiner weit verstreuten Bilder hierher zu bringen, doch lernt man ihn schon in diesen besser kennen als etwa in einer großen Ausstellung unter anderen. Denn das Schaffen des Künstlers hat zunächst nichts Dleberwältigendes, ins Auge Stechendes im Kreis der heutigen sensationellen Schar. Wer nur das Reue, Aufregende, oder das technische Experiment sucht, wird an Krauß vorübergehen. Wer aber in des Tages Vielerlei sich sehnt nach ein erStunde inneren Erlebens, wer sich die Fähigkeft erhalten hat, dem Klang im Worte eines stillen Mannes zu lauschen, der wird ganz sicher vor den Bildern von Krauß seine Feierstunde haben. Der Kunstverständige sieht, wie sich hier ein feines unb sicheres Emp
finden für Komposition und Farbe paart, und her mehr psychologisch Eingestellte wird die Fähigkeit des Künstlers, eine Persönlichkeit zu erfassen, bewundern. Auch dem schlichtesten Betrachter wird das Warme und tief innerlich Empfundene aus den Bildern entgegentreten.
Des Künstlers Stärk?, das Hineinstellen der Figuren in eine Landschaft, — selbst im Porträt — zeigt das Bild der drei Kinder von Professor Küster. Wie sie das alles scheinbar so mühelos entstanden, wie leicht, frei und natürlich im Aufbau. Dabei ist das Eharakteristische der Kinder in Ausdruck und Haltung durchaus gewahrt. Zur geschlossnen Wirkung trägt bei, dah der Künstler ganz hinter seinem Werk zurücktritt, nirgends zeigt sich eine Spur von Eitelkeit, von Spielen mit technischen Dingen, die Mittel zum Zweck fein sollten und heute immer wieder die Augen auf sich ziehen und die einheitliche Wirkung des Werkes verhindern. Krauß's Porträts stehen fast durchweg in hellster Landschaft, das zwingt zur Vermeidung aller Reflexe im Gesicht und bringt die ruhige, altmeisterliche Wirkung hervor. Wie wohltuend ist eS, die Figuren frei vor der offenen Landschaft zu sehen und nicht als Fläche auf eine Fläche genagelt.
Rur die innigste Vertiefung des Künstlers in die Persönlichkeit des Darzustellenden macht es möglich, dah wir diesen wieder als solche erfassen können. Das Porträt wird Erlebnis und hat nicht nur Wert für die Angehörigen. Als ich Gießen das erstemal auf seine Schönheit hin betrachtete, schrieb ich in mein Tagebuch: „Einziges wesentliches Erlebnis in Gießen Porträt des Prof. Küster." Für mein Gefühl ist dies das Meisterhafteste der hier ausgestellten Bilder, weil seine Fassung einen so unverwischbaren Eindruck hinterläßt wie etwa ein gewisser „Mann mit der Relke" oder ein „Fürst Lichnowsky". .
Elisabeth Älut^


