Ausgabe 
19.5.1925
 
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Nr. stb Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Dienstag, 19. Mai 1925

Die Konferenz der Enttäuschten

Ion unserem Bukarester Mitarbeiter.

Tie dflanfl bo Kleinen Entente in Bukarest samt man als eine Zulammenkuntt der Enttäusch­ten nennt, der Enttäuschten aus dem Grunde, weit die VU tische Konstellation in Europa gcqen- wärtig für die fleinen Mächte überhaupt und ün besonder en *üi die Mitglieder der Kleinen En­tente mi<. gerade günstig ist. Die treibende Kra't unter Den Großmächten, die eine Derstän- tiflung mir Deutschland unter allen Llmständen anstreden, telbst um den Preis des Verlustes ibiei Volletümllchkcit in den neuen Staaten, ist England. M*cn führende Männer die Schwie- rigk. iten der europäischen Frage nicht in der Rachelust Deutschlands, sondern vielmehr in der ciLiucn Unzufriedenheit der neuen Staaten sehen, die «ich mit dem bl-her Erreichten nicht zufrieden geben wollen und mit ihrem ständigen Sich­t'edrobt- oder .Zrirückgetehtfühle!, jede Befesti- flu.-g deH uropäia 'i Gleichgewichtes verh ndern. Wem in aller Welt fällt es heute ernstlich ein. die Örn- en der Tschechoslowakei Rumäniens oder Süd'lawrens wirklich zu bedrohen. Deutsch­land viel» icht? Das hat erstens andere Sorgen und zweitens so wenig Bernhrungspunkte, be­sonder- mit d ' beiden Ungenannten Staaten, daß es nur kindisch wirkt, wenn sich die Austen- minister in Belgrad, Bukarest oder Warschau einmal monaUid) in die Brust werfen und pa­thetisch in die Welt st nausschreien, ihre Regie­rung werde unter keinen Um Händen zugeben, daß De^llä'land jenes tut oder diele- unterläßt. Wer in Loudon, in Rouyork oder Rom lieft eigentlich die Zeitungen bkler Länder? Wer in diesen großen Ländern, die mit der Abrüstung auch die Sicgerpose zum alten Eisen geworfen haben, wer bat auch nur das mindeste Interesse an dem Gerede der Herren Pasic, Duca oder Skrzynski. deren Ramen man jenseits Kes' Kanals nicht einmal mehr richtig auseinanderhält? Es ist der Krebsschaden der Rachkriegspolitik in Mittel­europa, daß sich die Kleinstaaten im siebenten Jahr nad-, dem Krieg noch immer nicht daran gewöhnt haben, daß sie nicht allein in Europa sind und daß die beste Politik für sie wäre, sich still und ohne viel Aussehens zu machen, in das europäische Gemeinwesen einhüftigen. Denn die Zeit der großen Worte ist ein für allemal vorbei.

In allen Staatskanzleien der Großmächte, Paris nicht ausgenommen. weiß man, daß Europa nur dann sich von dem bestehenden Chaos er­holen kann, wenn es wieder der große einheit­lich. Wirtschaftskörper wird, der es vor dem Krieg» war. Dazu gehört Arbeit und wieder Arbeit. Phrasen allein machen es nicht. Gearbeitet, wirlllch gearbeitet aber wird heute in Deutsch­land, England. Belgien und in den nordischen Staaten In Mitteleuropa herrscht nach wie vor das potitische Experiment. Wirtschaft wird hier zur Politik, ost »s sich nun um die Richteinlösung der Kriegsanleihe handelt oder um die Ent­eignung sprich Verwirtschaftung deutschen Boden-, oder gar um die vollkommene Verban­nung deutscher Kolonisten von der jahrzehntelang bebauten Scholle, wie in Polen. Während De iktlo 'd sich unter den ungünstigsten Verhält­nis'en auf gerafft hat und gegen den Widerstand einer Welt von Feinden seiner Hände Arbeit ein und durchgesetzt bat und heute schon eine Winschaftsgr si nicht in Europa, sondern in der Welt geworden ist. haben die Rachfolgestaaten ihr - Zeit damit verbracht, ständig Bündnisse unkt und gegeneinander zu schließen und in die Wclt stinauszuposaunen, ihre Sicherheit fei be­droht Einmal durch Deutschland, dann wieder durch Rußland, oder gar durch das kleine Ungarn, wi< es cl-cn gerade am besten paßt. Lind so haben die kleinen Staaten allerhand versäumt, was dräust, en in der großen Welt vorging und besonders den großen Umschwung dessen, was man zusammenfasseud mit dem Fremdwort Men­talität bezeichnet Diese Mentalität nun hat sich unter dem Eindruck des wirtschaftlichen Auf­schwung.. in Deutschland st-str zugunsten des Reiches verschoben, und selbst die Wahl Hinden­burgs. die so manchen im Ausland wider den Strich ging, wird daran nichts ändern, daß man in der Welt heute der Ansicht zuneigl. daß schließ­lich und endlich jedes Volk in der Innenpolitik

Friedrich (Bottlieb Weicker

..Liebigs Denkmal steht in unseren Anlagen, Liebigs Ramen trägt eine unserer Straßen, Lie­bigs Laboratorium ist durch verdiente Männer in ein Liebigmuseum umgewan^elt worden. Es ist recht so. und wir freuen uns dessen. Aber neben dem großen Raturforscher, der der Chemie neue Bahnen wies, wollen wir auch den großen Kul- turforscher ehren, der die Seele eines edlen Doli o in ihren feinsten und tiefsten Regungen ergründ? r. Die Agrikulturchemie ist ja viel nahr- baficr als die griechische Götterlehre, aber der Mensch lebt doch nicht vom Brot allein und auch nicht vom .Fleischertrakt. Die Stätte, die ein gute- Mensch betrat, ist eingeweiht. nach hundert Jahren klingt sein Wort und seine Tat dem C ifet wieder. Ehrt eure deutschen Meister, so bannt ihr gute Geister! Lassen Sie an dem cbemal gen Pädagogium. an dem Weicker so erweckend und begeisternd auf die hessische Ju­gend gewirkt hat. eine schlichte, aber würdige Tafel dem Wa> derer künden: Hier wirkte Fried­rich Gottlieb Weicker, ein großer Forscher und ein beutfu)cr Mann." So etwa schloß Professor Kalbfleisch am Freitagabend im Ober­ste Nischen G e s ch i ch t i D e r c i n. mit dem sich die Vereinigung der Freunde des humanistischen Gymnasiums verbündet hatte, eigen Vortrag, in dem er im Anschluß an Reinhard Kekule, Herman Haupt und Robert Fritzsche ein leben­diges B'.sd d-s großen Philologen und Archäo­logen gestaltete, der. 1784 im oberhessischen ©nm« berg geboren, in Gießen studiert und von 1803 bis 1816 am hiesigen Pädagogium und bald auch an der Landesunirersität gelehrt hat. Man könnte ist t fast einen großen Burschenschafter vor der großen Burschenschaft nennen, denn er war der geistige Vater der GießenerSchwärzen". deren »Ehrenspiegel", nach den Forschungen von Herman Haupt \v. einer grundsätzlichen Umgestaltung des studentischen Wesens geführt hat. Wenn sich am rüste st en in Gießen die vaterländische De- icjiening udentifchen Kreise in das leiden- HaitlicheBest- aen um? setzt hat. selbst ätig in die die Gestaltung der politischen Geschicke der Ration «inzugreife.i, so ist dies (wiederum nach Haupt)

im Rahmen seiner Derfasfung machen könne, was eS wolle.

Run hätte man glauben sollen, daß die Heinen Staaten unter dem Eindruck der Welt- Meinung und des allgemeinen Friedensbedürf­nisses endlich mit ihrer Rüstungspolitik auf- hören und an ihre Stelle eine gesündere Wirt­schaftspolitik treten lassen würden. Aber weit gefehlt. Die Kleine Entente und Polen fühlen sich durch die Wahl Hindenburgs und durch den Mißerfolg ihrer Oefterreichst lse gleicherweise in ihrem Bestände bedroht und beraten nun ge­meinsam in Bukarest, wie dieser Gefahr begegnet werden soll. Binnen kurzem wird die staunende Welt erfahren, daß die in Bukarest versammelten Staatsmänner angesichts der durch die Wahl Hiirdenburgs erneut in den Vordergrund getre­tenen Gefahr einer Reaktion in vollster ileber- cinstimmung beschlossen haben, ihre bisherige Po­litik cheizubehalten und jeden Versuch eines .Bruches der Verträge" mit allen Mitteln abzu- n ehren. Dr. Benesch hat bisher in den meisten Fällen eine gute Rase für das Erreichbare in der Politik gehabt. Die Tagung der Heinen Staaten in Bukarest hätte nur dann einen prak­tischen Zweck, wenn die Teilnehmerstaaten sich entschließen mürben, eine radikale Aenderung ihrer bisherigen Politik eintreten zu lassen. Diese Aenderung müßte sich in erster Linie gegenüber Oesterreich auswirken. Voraussetzung aber für eine solche Politik wäre das Einverständnis der leitenden Staatsmänner über die Rotwenbigkeit einer wirtschaftlichen Derständ gung. Dr. Dcnesch seinerseits weiß ganz genau, was nottut Aber selbst in feinem eigenen Lande ist die Zahl der Widersacher seiner Politik und seiner Person Legion. Wie farm es da mit dem Verständnis der Dalkanftaatsmänner bestellt sein?

Boris Sawinstow ch.

Die Nachricht vom Selbstmord Sawin- kows rechtfertigt wohl einen Rückblick auf das merkwürdige, wechselreiche Schicksal dieses Man­nes, der ohne Zweifel einer der größten poli­tischen Abenteurer unserer Zeit gewesen ist. Doris Sawinkow. der ein Alter von 46 Jahren erreicht hat, war Schriftsteller und geschworener Revolu­tionär. linier dem zaristischen Absolutismus hat er als das Haupt der Terrorgruppe der Sozial­revolutionäre die lange Reihe der Anschläge in Szene gesetzt, die die Revolution von 1 9 0 5 0 6 einleiteten und begleiteten. Die Mi­nister Plehwe. Sipjagin. Großfürst Sergius u. a. waren die Opfer. Sawinkow bereiste in hundert Verkleidungen Rußland, warb durch die Kraft feiner Suggestion junge Leute aus der Intelligenz zur Ausübung des Terrors. Rach jedem An­schlag gelang es ihm. sich den Fangarmen der Polizei zu entziehen.

Die erste Wandlung machte Sawinkow durch, als der Zarismus die Revolution unterdrückt hatte. Unter dem Decknamen V. R o p s ch i n ent­faltete er eine eifrige und überaus erfolgreiche schriftstellerische Tätigkeit. Er schien von seinem revolutionären Fanatismus vollkommen geheilt und in seinem berühmten RomanDas fahle R o ß" zergliederte er die Seelenkämpfe des Attentäters und hiell Gericht über feine eigene terroristische Vergangenheit. Ader im Inneren war er Revolutionär geblieben. Er verurteilte zwar die Revolution und den Terror als eine moralisch anfechtbare Handlungsweise, betrachtete aber die terroristische Tat als eine Aufopferung des eigenen geistigen Ichs an ein notwendiges sachliches Ziel. In der Märzrevolution des Jahres 1917 spielte er bereits wieder eine hervorragende Rolle als einer der Führer der Rechtssozialrevolutionäre und war auch kurze Zeit im Kabinett K»e renski Kriegsminister Rach dem Siege der Bolsche­wisten schlug Sawinkow neuerdings um und trat an d i e Spitze der Gegenrevolu­tion. Er lebte in Paris und nahm später an den kriegerischen Unternehmungen gegen Sowjet- ruhland tätigen Anteil. Auch bei dem Kriege Polens gegen Sowjetrußland hatte er die Hand im Spiele.

lieber die letzte Phase seines Lebens herrscht noch keine völlige Klarheit. Tatsache ist nur, daß er im vorigen Jahre von der Tscheka in Ruß­land verhaftet wurde. Aber während die

das Werk der von Weicker inspirierten .Schwarzen". Weicker wurde 1816 nach Göttingen berufen. 1819 nach Bonn, wo er, wiewohl von der Demagogenriecherei wiederholt verfolgt, eine Zierde der jungen rheinischen Universität wurde und Weltruf gewann

Die Anwesenden, unter denen wir Seine Magnifizenz den Rektor der Universität Hemr Geh. Kirchenrat Pros. D Dr. Kruger, Herrn Oberbürgermeister Keller, den Direktor des Landgraf-Ludwigs-Ghmnasiums Herrn Dr. Baur und Herrn Generalmajor Bethcke bemerkten, während anderseits die Aktiven der hiesigen Burschenschaften stark hervortraten. spen­deten den Ausführungen des Redners lebhaften Beifall. Man darf also hoffen, daß Weickers Rame bald auch in der Giehener Öffentlichkeit fo hervortrill. wie er es verdient. Außer der ©cbenltafel soll eine Büste oder ein Bild Weickers beschafft werden. Die erforderlichen Mittel wlll man aus dem Ertrag von Dorträgen ge­winnen. die jeweils Freitags um 8 vii Ubr im großen Hörfaal des Physi­kalischen Instituts gehalten werden sollen.

Es sprechen am 12. Juni Prof. Hevding über das Gymnasium von Pergamon, am 19. Juni Prof. 2 a q u e u r über Staatsgedanken bei Grie­chen und Römern, am 26. Juni Profeffor Schra­der von der Universität Frankfurt a M. über den Maler Polygnot. am 3. Juli Prof. Diebe r über Szenenbilder aus dem antiken Theater, und am 10. Juli Pros. Rauch über Gotik und Re­naissance. Den Anfang macht am Freitag. 22. Mai. Prof. Herzog mit einem Vortrag über das Asklepieion und die Aerzteschule von K o s. Das AsHepieion auf der Insel Kos. ein im Altertum hochbertihmtes Heiligtum mit Kur­betrieb. wurde von Professor Herzog aufgefunden und in den Jahren 1902 bis 1937 aufgedrckt. Die Ausgrabungen haben besonders wichtige Ur­kunden zur Gefchichte der von dem großen Koer Hippvkrates gegründeten Aerzte'ch'.'le ge­bracht. in der b kanntlich die Anfänge der wissen- fchastlichen Medizin der Gr echen und damit der Welt geschaffen worden find.

Wir machen außer den Aitertumsfreunden auch die historisch intereffierten Aerzt e auf

einen meinten. Sawinkow habe versucht, seine gegenrevolutionäre Täligkeu nach Rußland selbst zu verlegen und fei dabei in die Hände der Dolfchewiften gefallen, wurde von anderer Seite der Verdacht laut, daß Sawinkow in einem ge­wissen Einverständnis mit den bolschewisti­schen Machthabern gestanden sei. Der Verlaus deS Prozesses, der gegen ihn eingeleitet wurde, schien diese letztere Mutmaßung zu bestätigen. Der einstige Drahtzieher der Koltschak und Ge­nosse« betete jetzt laut und brünstig das 2c ninsche Glaubensbekenntnis! Was daran wahr ist, wird man vielleicht nie mit GewHheit erfahren. Tatsache ist nur. daß Sawinkow zunächst z u m Tode verurteilt, dann aber zu zehnjähriger Gefängnishaft begnadigt wurde. Allgemein wurde angenommen, daß diese Kerkerstrafe nur eine Anstandspause bedeutete, nach deren Ablauf Sawinkow als Agent der bolschewistischen Macht­haber auftreten würde. Die Bolschewisten haben der neuesten Wandlung Sawinkows jedoch keinen Glauben geschenkt und ihn trotz seiner Lvyali- lätSbeteucrungen im Gefängnis f e ft g e b a 11 e n. Die Verzweiflung darüber hat nun Sawinkow zum Selbstmörder werden lassen.

Derbandstag der hessischen Einzelhändler.

(Cigener Bericht.)

< Bad-Nauheim, 17. Mai.

Der Krieg und die Nachkriegsjahre haben dem seßhaften, legalen Einzelhandel manche Wunden ge­schlagen, die beute noch manchen Kleinkaufmann hart um seine Existenz ringen lassen. Wie kaum bei einer anderen Berufsgruppe stürzten sich auf sein Arbeitsgebiet alle möglichen (ilemenic, die mangels eineskaufmännischen Gewissens" leicht teilhaben konnten an den Kriegs- und Jnflationsgewinnen. Der reelle Kleinhandel aber hat in seiner über­wiegenden Mehrheit sich ehrlich und redlich durch­geschlagen durch die ..Kartenzeit" und die Jahre des Warenmangels und wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Die Organisationen des Einzelhandels haben wieder ganz von vorne, mit der Arbeit anfangen müssen: sie sind als ein wichtiger Wirtschaftsfaktor heute mit dazu berufen, am Wiederaufbau nach Kräften teil­zunehmen. Daß auch der Landesverband des Hessischen Einzelhandels noch lebt und von dem Willen zur Arbeit für den Stand nicht nur, sondern für das gesamte deutsche Wirtschafts­leben getragen ist, das bewies schon im vorigen Jahr der Nerbandstag in Darmstadt, der erste seit 1914, das bewies in noch erhöhterem Maße wieder die heutige Tagung in unserer schönen hesstschen Badestadt. An die 300 Abgeordnete aus allen Teilen des Hessenlandes waren erschienen, besonders zahl­reich waren die Gießener Kleinhändler vertreten. Gestern schon tagten der Vorstand und die verschiedenett Ausschüsse zur Beschlußfassung über die brennendsten Tagessragen, die den Beruf des Einzelhandels bewegen. Heute gestaltete sich dann die öffentliche Jahresversammlung des Verbandes auch nach außen hin zt, einer eindrucks­vollen Kundgebung für die wirtschaftliche Bedeutung der Organisierung des Einzelhandels.

Daß man dem Einzelhandel die Beachtung schenkt, die ihm seiner Stellung im Staats- und Wirt­schaftsleben noch zukommt, geht schon rein äußerlich aus der Anwesenheit zahlreicher Vertreter der Be­hörden und Parteien hervor. Nach Eröffnung der heutigen Sitzung konnte der Vorsitzende, W. Kalb- fuß- Darmstadt, an Gästen, die mit großem Inter­esse dem Verlauf der Verhandlungen folgten, be­grüßen: Oberregierungsrat Weber- Darmstadt als Vertreter der hessischen Negierung, Negierungsrat Braun-Gießen als Vertreter der Provin - zialdircktion Oberhessen, Assessor Krü­ger vom Kreisaml Gießen. Bürgermeister Dr. Kayser- Bad-Nauheim, Beigeordneter Langs­dorf- Friedberg, Oberregierungsrat H o o s vom Finanzamt Friedberg, Neg.-Nat Dr. Grosholz - vom Pollzeiamt Bad-Nauheim, Landtagsabgeordn. Scholz, Landtagsabg. Schreiber, Direktor S t e i n e l - Karlsruhe u. a., darunter Vertreter sämtlicher hessischer Handelskammern uni) befreun­deter Verbände. In Begrüßungsreden, die lebhaftes Interesse und Verständnis für den hessischen Einzel­handel bekundeten und darum der Tagung erfolg­reichen Verlauf wünschten, sprachen folgende der genannten Vertreter unter dem lebhaften Beifall

die seltene Gelegenheit aufmerksam, sich von dem berufensten Forscher über diese Dinge unterrichten zu lassen. (Siehe Inserat.) Bei dieser Gelegenheit mag auch mitgeteilt werden, daß bei der Mittel­deutschen Creditbank. Flliale Gießen, unter der Bezeichnung F. G. Welcker-Sammlungein Konto für die geplante Ehrung Weickers ein­gerichtet ist

Das Plakat im Examen.

Unter den Werbemitteln spielt das Plakat eine große Rolle, aber sein Erfolg läßt sich fetten genau feststellen, und deshalb ist cs um so notwendiger, von vornherein für die beste Gestattung zu sorgen. Um die zu erreichen, kann man das Plakat einem Examen unterwerfen, wie es die psychotech - Nische Plakatprüfung darstellt. Ueber die Methoden, die man auf diesem Gebiet ausgebildet hat, berichtet der bekannte Psychotechniker Dr. Rob. Werner Schulte in der Frankfurter Wochenschrift Die Umschau". Zwei Hilfsmittel stehen hauptsächlich zur Verfügung: Beobachtung und Versuch. Bei der Beobachtung wird man das Plakat einem möglichst bunt zusammengewürfelten Publikum vorfuhren, dessen Ansichten und Urteile man belauscht, ohne be­merkt zu werden. Die Versuchspersonen werden am besten aus der breiten Masse der Durchschnittsmasse gewählt, da sich bas Plakat in den meisten Fällen ja nicht an wenige künstlerisch und kulturell hoch­stehende Menschen, sondern an das große Publikum rocnoc. Je mehr Klassen und Arten von Menichett durch die Wirkung des Plakates erfaßt werden, desto bester ist dies, wenn es sich um Gegenstände des täglichen Bedarfs handelt, während z. D. bei hoch­wertigen Lurusprodukten an bestimmte engere Käu­fer krene gedacht ist. Durch die Beobachtung kann man sich aber immer nur ein Gesamturteil bilden; dagegen laste» sich die Ursachen eines Versagers im einze tien zuverlässig nur durch den Versuch fest­stellen. Del erperimcnteUen Plakatprüfung muß eine Voruntersuchung rc.ousgehen, die zunächst einmal untersucht, ob die allgemeinen Bedingungen erfüllt sind, die man an ein gutes Plakat stellen muß. Man wird danach schon efrie Auswahl unter den verschie­denen eingereichten Entwürfen vornehmen können. Für die weitere Prüfung hat Schulte dann eine An­

der Versammlung: Oberreg. Rat Weber jur die hessische Regierung, die Provinzialdirektion Gießen das Kreisamt Friedberg und das Polizciaml Bad Nauheim. Bürgermeister Dr. Stji yscr tur die Stab? Bad-Nauheim; Landtagsabg. Scholz für btc Iv Handelskammern sowie für die Landtagsfrok tion der Deutschen Volks Partei: Land

- rbnetei S d. reit- e i füi bii

Fraktion des Landtags; Direktor 8 t e i n c l von bei Zentrale bes Badischen Einzelhandels für den 1 freundeten Nachbarverbanb. Bccker-Gießen füt die Handwerkskammer Darmstadt.

Nach diesem eindrucksvollen Auftakt der lagi.; i bildeten drei größere bebeutfame '.Referate bis Hm punkte ber Tagesordnung.

Einzelhandel in .Hot,

so hieß der Vortrag des Reichstagsabg. Bull Hamburg. In bebeutfamen Ausführungen gab hier ein erfahrener Politiker un dWirtschaftskenner ein Bilb von der Lage des Einzelhandels, der in seiner Wiederaufwänsbeweggung immer noch behindert wird durch die Notgesetze, durch den schleppenden bureaukratischen Geschäftsgang bei den Behörden und vieles andere. Wenn der Reichstag und andere gesetzgebende Körperschaften in letzter Zeit nid mehr vom Fleck gebracht hätten, so seien daran die häufigen Wahlen wesentlich mit schuld. Für die Wirtschaft sei daher zu wünschen, daß einmal auf eine Reihe von Jahren keine Wahlen stattfänden damit in der Arbeit an wichtigen Fragen wie Zoll- Steuer- und Aufwertungsgesetzen endlich cinmc! was Ordentliches auf die Beine gebracht werde. ?i. Mtgesetze aus den Kriegs- und 3nilation9jaU.cn feien nicht mehr am Platze. Es bestehe nun a/.ch die 2 sicht, daß Preistreiberei- und Wuchergcsi^ Preu ichilderordnung usw. bald verschwinden. Wichtig sei die Umgestaltung der Reichsgewerbeordnuiig. Gegen die Auswüchse des wilden Housierhandels müsse ein geschritten werden. Grundsätzlich zu sordern sei aber daß Hausierer, genossenschaftliche Einrichtungen, ine zu starken Konkurrenten des Einzelhandels erwart) Jen, in demselben Umfange steuerlich erfaßt werden wie der Einzelhandel. Zn nicht einheitlicher Meinung sei man bis jetzt im Einzelhandel über das Lade» schlußgesetz und die Sonntagsruhe gekommen. Un erträglich sei es, daß auf den Bahnhöfen ganze Warenhäuser entstehen. Der Einzelhändler müsse von dem Gesetzgeber verlangen und ein dies bezüglicher Antrag liege dem Reichstag vor, daß der Verkauf von Genußmitteln in Bahnhof- und Straßenständen auf die Zeit zu beschränken ist, in denen der Einzelhandel seine Geschäfte offen hat Mit beißendem Spott behandelte der Redner den in Aussicht gestellten ZO-Millionen Kredit für den Mit telftanb, ber so gut wie nichts sei. Wichtiger sei die Kapitalansammlung von unten her. Der einzelne, auch der Klelnhänbler, müsse burch ausreichenden wirtschaftlichen Schutz wieder in die Lage kommen, Spargelder zur Sparbank zu tragen. Dann erst tonne es wieder mit unserer Wirtschaft aufwärts gehen. Der Redner, selbst Grundstücksbesitzer, ner tritt, dabei wohl nicht den Anklang ber ganzen Per sammlung finbenb, den Standpunkt eines ausreichen den Mieterschutzes für Mieter von gewerblichen Räumen. Er würde, wie er aussührt, an der dritten Steuernotoerordnung nichts mehr geändert haben. Eindringlich empfiehlt Büll allen Einzelhändlern den Anschlüßen die Organisation. Denn ausschlaggebend für die Fühlungnahme des Einzelhandels mit den politischen Parteien und den gesetzgebenden Körper ichaften sei nur seine eigene «raff. In Au lehnung an Gochs bekanntes BuchSeefahrt ift not" beschloß der Redner mit der ForderungE i n ze 1 handel ift not", seine bedeutsamen Ausfüh rungen, die den wirtschaftlichen Fragenkomplex wesentlich klärten und als Ganzes den stürmischen Beifall der Versammlung sanden.

Darauf sprach, ebenfalls unter lebhaftem Bei­fall, der Verbandssyndikus, Dr. M ö ß n c r > Darin ftabt, über

Die hessische Gewerbesteuer.

Das ganze Gewerbesteuerwesen in Hessen soll reformiert werben Das zur Zeit bestehende Vor auszahlungssystem soll abgerundet werden. Der Auf bau muß auf den Grundlage des Anlage- und Be­triebskapitals erfolgen und durch die Ertragszu­schläge ergänzt werden. Die in Aussicht stehenden beträchtlichen Zuschläge der Gemeinden erfordern sorgfältigste Prüfung der Voranschläge der Städte seitens der Regierung. Der Vorsitzende Kalbfuß kann dazu noch Mitteilen, daß sich der Einzelhandel in seinen Forderimgen dem Hessischen Handel.' zahl von Geräten konstruiert, mit denen sich im Einzel- und Massenversuch die Wirkung genau präzi­sieren läßt. Dabei handelt es sich in erster Linie um den Aussassungs- und Lesbarkeitswert. Ein Plakat soll mögttchst schnell und bequem, auch auf große Ent­fernungen hin, erkennbar- feilt Es wird daher mit Hilfe eines Apparates nur ganz kurze Zeit, vielleicht nur Bruchteile einer Sekunde, der Versuchsperson oorgeführt, und diese muß dann genau schildern, was sie erkennen konnte. Wichtig ist auch die inteUef ttielle Ausfassungszett, d. h. die Zeit, die man bis zum einwandfreien Verständnis des Plakates braucht. Diese Zeitspanne wird mit Hilfe einer Stoppuhr ge­messen. Don großer Bedeutung ist sodann der Ge­dächtniswert. Das Plakat soll nicht nur rasch aus­genommen, sondern auch gut und dauernd emgeprägf werden. Mit Hilfe eines besonderenGedächtnis apparates" kann diese Wirkung konstatiert werden. Im Mittelpunkt der gesamten psychotechnischen Prü- fung von Plakaten sieht aber die Untersuchung auf Assoziations- und Suggestivwirkung, die eng mit dem Aufsassungs-, Gedächtnis- und Gefühlswert zu- iammenhängt. Ein gutes Plakat soll nicht bloß die Aufmerksamkeit fesseln und Begierde erzeugen, son­dern auch tatsächlich zum Kaut veranlasten. Der Kunde muß überzeugt, überredet, ja überrumpelt werden. Auch diese Wirkung läßt sich bis zu einem gewissen Grade psychotechnisch prüfen. Hier leistet besonders die Befragungsmethode Gutes. Man muß feststellen, ob in diesem Falle die Befehlsform ober die ruhige Sachlichkeit, die groteske Einkleidung ober die vornehme Zuversicht bas beste ist. Die psychotech- nische Plakatprüsung ist aber nicht nur für die Ge­schäftswelt von Wichtigkeit, bie sie vor kostspieligen ungeeigneten Mitteln bewahrt, fonbem sie kann and) zu noch Höherem führen: zu klarer Erkenntnis ber Volksseele unb zur Schaffung von Erziehungsmög­lichketten nach Inhalt, Sinn unb Form.

Uraufführung in Frankfurt.

Am Samstag, 23. Moi, findet im Frankfurter Schauspielhaus bie Uraufführung vonVries- lanb. Verlorener Lohn" statt. Buchausgabe und Vertrieb hat bei Schoniptelverlag in Leipzig übernommen. Die Buchausgabe ift soeben erschienen.