Ausgabe 
18.4.1925
 
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Wir eröffnen am >len8tflö,bem21.

8. Mts, abends Uhr, in der Siadi- nabenfchule einen ünfäitgerl* t der ÄeichSkurj- rill für Famen iu rren um. Heilung 8 ftaatL geor. rerö der ReW* zflbriii Untex« litzkieldlvM An- Ibinwennntornt Rtbel 'Ballen, leibeiir.^, oder in eainn beb Unter djtö erbcien.

Beginn des Fori ilbnugskurfuö in IHcididfuMtorlft >fenstlig, den 21.

MtS., abends ll(jr, her Diktat tnnden Mootaa.

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Hr. 90 droettes Blatt

Außenpolitische Umschau.

Don Professor Dr. Otto Hochsch, 2Kb. QL

3n Deutschland ist her Wahlkampf um den Reichspräsidenten in schärfstem Gange. 3n Frank­reich ist das Ministerium gestürzt. 3n Belgien sucht man nach dem recht schwierigen Wahlergeb­nis eine neue Regierung zu bilden. 3n 3talien ist man seit Monaten in einer latenten inneren Krise. Da ist kein Boden und keine Resonanz für die Pläne des englischen Kabinetts in der groben Politik. Diele hat zu schweigen, biS der deutsche Wahlkampf und die französische Krise zu Ende find und zu klar abzuwägenden Ergeb­nissen geführt haben.

2lm 10. April ist 5) e r r i o t zurückge- treten .nachdem er elf Monate das Amt des Ministerpräsidenten bekleidet hatte. Richt der gute Wille, sondern die Fähigkeit hat ihm ge­fehlt. d i e innere Frage Frankreichs das ist die Sanierung feiner Finanzen zu lösen. Und er muhte sogar unter dem Vorwurf zurücktreten, gegen seine Absicht und Aeuherung die Finanz­lage doch verschleiert zu haben. Denn die Grenze, bis zu der Banknoten ausgegeben werden durften (41 Milliarden Franken) und um deren Erhöhung auf 45 Milliarden, im Zusammenhang mit dem Vorschlag einer Kapitalsteuer oder Zwangs- anleihe, gestritten wurde, war tatsächlich bereits um über zwei Milliarden überschritten. So groh war die Zinanznot deS Staates in den letzten drei Monaten geworden!

Frankreich wird auS ihr. wie auch die fol­genden Kabinette aussehen mögen, nicht her- auSkommen ohne eigene Steueranspan­nung unb Steueranstrengung und nicht ohne fremde Anleihen. Der Weg ä la Poin- <ars ist versperrt: er würde nur vollends in den Ruin führen. Bleibt also der Steucrlampf im 3nnern. Das ist eine Frage des Willens und der Parteikonstellatiom Bleibt ferner der Weg zur fremden, d. h. also nordamerikanischen An­leihe das ist eine Frage der großen franzö­sischen Politik. Gibt sie den Wünschen der An­gelsachsen in Fragen der Sicherheit, der Ab­rüstung, der internationalen Schulden nicht nach, so wird sie in Reuyokk niemand finden, der eine französische Anleihe auflegt.

Wird Frankreich den Weg in dieser Richtung finden, ohne dah es vorher alle Schrecknisse der 3nflation und des Frankenverfalls durchzu­machen gehabt hat? Das ist seine Schicksalsfrage! Guter Wille allein genügt, wie das Beispiel tzerriots zeigt, nicht. Diese Aufgabe verlangt einen Mann, der die grohen finanziellen und wirtschaftspolitischen Zusammenhänge völlig be- berrfcht, dem das angelsächsische Ausland Der- trauen entgeaenbrächke, der auf der Klaviatur des verwickelten Parteistreitens meisterlich zu (vielen verstünde. Wird in absehbarer Zeit die Stunde für C a i l l a u x schlagen, dem man diese mutigen Eigenschaften zutraut?

Die belgischen Wahlen haben eine Zunahme der Sozialisten um 130 000 Stimmen, einen Verlust der Katholiken um 10 000, der Libe­ralen aber um 60 000 Stimmen gebracht. Die liberal-katholischePaarung" des bisherigen Ka­binetts ist zu Ende. Wer aber wird der Rach­folger, da in der Zweiten Kammer die Sozia­listen, in der Ersten die Katholiken die stärkste Partei find, eine Regierungsbildung durch eine Partei allein bei der herausgekommenen Man- datSverteilung umnoglich ist? Doch das sind innerbelgische Sorgen. Die Außenpolitik auch der neuen Regierung wird in der bisherigen Bahn gehen, d. h. langsam und unmerklich von Paris mehr weg und nach London hin.

Belgien ist ja heute keineswegs mehr schlecht­hin der Vasall Frankreichs. So ähnlich finanziell die Verhältnisse in beiden Ländern auch liegen mögen, gleichartig sind sie nicht mehr. Was auf den französischen Franken drückt, gibt es nicht, oder längst nicht in gleichem Maße für den belgi­schen Franken. Belgien hat amerikanische An­leihen erhalten. Belgien hat die alte Vorstellung von den deutschen Reparationszahlungen, die in Frankreich trotz Däives-Plan noch so fest sitzt, aufgegeben. Belgien sucht in der Sicherheitsfrage immer mehr ins englische Fahrwasser zu koinmen, weil es in der ol^u engen Verbindung mit Frankreich die Gefahr für sich erkannt hat.

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vveryessen)

Samstag, (8. April (925

So ist gar nicht ausgeschlossen, daß eines Tages die Frage der belgischen Reutralität, etwa im Anschluß an den eben abgeschlossenen belgisch-niederländ schen Schelde-Dcrtrag, toi eher aufs Tapet kommt. Selbst hier ist also dasLeben in denStaatenbeziehungen uirdSiaaten- intcrcfien stärker, als der Wunsch und Wille in Paris, die durch die Pariser Friedensschlüsse ge­schaffene Machtordnung ganz starr und einseitig im französischen 3ntereffc aufrecht er halten zu sehen!

Churchill (bei Gelegenheit der Vorlage über die Ablösung der 26proarcntigcn Abgabe durch Deutschland) unb Chamberlain haben wichtige Reden zur großen Politik gehalten. Aber, wie gesagt, das muh heule vor den innerpoliti­schen Auseinandersetzungen in Deutschland und Frankreich zurücktreten. 3n beiden ßänbern gehen diese so tief, tragen fic so wichtige Entscheidungen in sich, daß das die Außenpolitik für den Augen­blick gewissermaßen einfach ftillegt Unb das erscheint unS gerade int Hinblick auf die Sicher­heitsfrage und für Deutschland als ganz er­wünscht!

Italien und Hindenburg.

Don unserem römischen E.-Korespondenten.

Rom, Mitte April.

Wenn die Deutschen eine Nation wären, wenn der Götterfunke der sieghaften Einigkeit nicht jedes- mal nach verheißungsvollem Aufflomen von Partei­böcken zertrampell und erstickt würde, wenn nicht der Parteistreit dos Volk zersetzen würde wie die Stammessehde Germanen und Indianer und In­dier zerfraß, dann müßte jetzt Deutschland die herr­lichste Schlacht seit dem Frieden der Schmach schla- ?en und gewinnen. Im Zeichen Hindenburgs. Man ann sehr wohl der Meinung sein, die Kandidatur Hindenburg sei unzweckmäßig, mehr, sei ein Feh­ler gewesen, und doch das realpolitische Verständ­nis dafür aufbringen, daß für den Fehler nun auch eingestanden werden müsse. Eines der besten Bei­spiele: die Hälfte der italienischen Presse bekämpfte seinerzeit das (Eingreifen in den Krieg bis zur letzten Stunde: als aber die Würfel gefallen waren, warf sie mit derselben Entschlossenheit das Steuer herum, denn nachdem nun einmal der Krieg da war, galt es ihn gewinnen, dem nationalen Gedanken mußte alles andere untergeordnet werden.

Run fipb die Augen der ganzen Welt auf Deutschland gerichtet: wird dieses merkwürdige Volk jetzt in diesen Schicksalstagen zu seinem National­helden stehen, wie Hindenburg zu ihm stand in den Stunden furchtbarster Not? Wird es den ein­mal auf den Schild gehobenen Feldherrn voran­tragen oder ihm aus kleinlichem Parteiegoismus die Schmach einer Niederlage antun?

Schon ist das Unfaßliche Ereignis geworden: es gibt Deutsche, die gegen Hindenburg auftreten. Es gibt Deutsche, die das Ausland um Hilfe in dem Kampf der Parteiniederung gegen die natio­nale Wiedergeburt anflehen. Es gibt Deutsche, die den Feinden Deutschlands Waffen dafür in die Hand drücken und in ihrer selbstsüchtigen Verblen­dung nicht merken, wie selbst die Feinde der Ekel überkommt.

Nicht genug, man versucht jetzt sogar , die deutschfreundlichen Kreise im Ausland mundtot zu machen, man versucht, die Deutschland günstige Stimmung in Ententeländern zu sabotieren. Fran­zösischer als die Franzosen, ententistischer als die Entente, aber parteitüchtig!

Diese Verschleierungsmanöver zu durchbrechen und das wahre Gesicht des Auslandes, des Deutsch­land nicht grundsätzlich feindlich gegenüberstehenden Auslandes zu zeigen, müßte eine der Hauptauf­gaben der Vorkämpfer für Hindenburg sein. Be­weise dafür au erbringen, daß die Welt lieber einen Mann als eine Marionette auf dem deutschen Prä­sidentenstuhle sehen würde, das ist wirklich nicht schwer.

An jenem Gründonnerstagmorgen ging ich, das Echo der Kandidatur Hindenburgs zu hören, durch das von Fremden aller Nationen wimmelnde Rom. Die Deutschen: .^Hindenburg, ist's wahr?"Es ist wahr." Ein Leuchtcii auf allen Gesichtern, ein Händedruck: Daß es gelingen möge!

Die Italiener: .Hindenburg ah. beniffimo!

Das italienische Kriegsministerium hat dasDuch Hindenburgs übersetzen lasten, General Alberti

hat ein herrliches Dor wort dazu geschrieben, ein Buch für sich und als solches herausgegeben: II Maresciallo Hindenburg, »erlog der ^taatsbüche- rei. Seit Monaten vergriffen. Nicht einmal aus her deutschen Botschaft! zu haben. Ich gehe direkt aufs ftrieasminifterium, eben kommt Mussolini, um es als Interimsminister zu übernehmen. Gleichviel, man legt mir fein Hindernis in den Weg. Zahl reiche hohe Offiziere im Ufficio ftonco. Hindenburg, sage ich. könnte ich das Buch über Hindenburg haben? Hindenburg Reichsprasidentkandldat Ja. Alle aufs höchste interessiert. Kein Wort fällt, das nicht Sympathie ausdruckeu würde. Inzwischen wird gejucht, gesucht, endlich findet man noch ein Exemplar des Buches. Bitte! Man läßt mich keinen Eentijimo dafür zahlen.

Andere Ministerien, andere Männer. Wo der Name Hindenburg fälltder Eindruck im Aus­land ist natürlich geradezu katastrophal". Kann man in deutschen Zeitungen lesen. Wahr ist natürlich das gerade Gegenteil. Wo der Name fällt, wird aufgehorcht in dem Gefühl: endlich,endlich tut Deutschland einen mannhaften Schritt vorwärts. Ich vernehme, die italienische Regierung werde nicht nur sich jeder Einmischung enthalten, sie be­grüße vielmehr die Präsidentschaft Hindenburgs.

Und wenige Stunden später kommt die Be- ftätiaung. Jene Berliner Korrespondenten der ita­lienischen Presse, die für die Linksparteien die Trommel rühren zu müsteu glaubten, desavouie­rend, veröffentlicht das Regierungsorgan, Musto- linis Popolo d'Italia, an erster Stelle eine Erklärung, die eine einzige Huldigung ist für Hin- benburg,den Sieger von Tannenberg, den Mann, der mit einem grandiosen Feldzug den Zusammen­bruch der zaristischen Militärmacht herbeiführte". Seine Berufung auf den Posten eines Reichsprä­sidenten sei ein Ereignis von außerordentlicher Wich­tigkeit, deren politische Tragweite in der Vergangen­heit. im Ansehen, im Zauber, in der Ueberlcgcn- heit dieses Mannes liege, der zweifellos einer der genialsten Heerführer des großen Krieges gewesen sei. Seine außerordentlichen Fähigkeiten seien ritter­lich anerkannt worden in der (oben erwähnten) Stu- die des Generalstabes.

Und wörllich:Nach dem Siege über Ruß­land wurde der Feldzug im Westen in der Haupt- fache Ludendorff anoertraut, so daß Hindenburg über den Ereignissen blieb wie ein Mythos, wie ein Symbol. Es kamen die traurigen Tage des Waffen­stillstandes, der Revolution, des finanziellen Zu­sammenbruches. Der Bolschewismus wütet. Der Sozialismus beherrscht die innere und äußere Po­litik. Die Franzosen überschreiten den Rhein und besetzen die Ruhr. Fremde Kommissionäre kontrol­lieren die Republik. Ludendorff, unerfahren in der Politik, setzt seinen Ruf aufs Spiel.indem er sich einer voreiligen und mangelhaft organisierten Be­wegung anschließt. Hindenburg dagegen steht würde- voll abseits. Es ist etwas Eisernes in der Fi­gur dieses Mannes, der auch würdevoll die großen Erinnerungen an die Vergangen­heit in der Bitterkeit der schrecklichen Jahre be­wacht, vielleicht in der Hoffnung auf ihre Wieder- auserstehung. Wie dem auch sei, die Berufung Hin­denburgs, um den sich leidenschaftlich Männer und Parteien scharen, beweist, daß ein großer Teil der germanischen Welt müde ist des Sozialismus und der Demütigungen.

Dann wird ein Vergleich zwischen der deutschen Republik und der nationalen französischen nach Se­dan gezogen, der nicht zugunsten ber ersteren aus­fällt, unb mit zwei laptbaren Sätzen die Folgerung gezogen, die jedem Deutschen ohne Unterschied der Partei zu denken geben müßte:

Hindenburg ist somit die logische Folge einer unoerftanbenen unb falsch behandelten Republik. Der neuerliche Fehler einer Einmischung in die inne­ren Angelegenheiten Deutschlands könnte die Lage nur verschlimmern."

Nur völlige Parteioerranntheit kann also diese Einmischung des Auslandes verlangen, nur Feigheit fic fürchten, nur Erbärmlichkeit mit ihr operieren.

In dem schon genannten italienischen General­stabswerk ist das letzte Kapitel ausschließlich der faszinierenden Persönlichkeit Hindenburgs" ge» widmet, wobei besonders die moralische Ein­wirkungskraft heroorgehoben wird, die Fähig­keit, mit dem Herzen zu regieren.DerAchtung aller, die ihn kannten, die ihren Grund hat in seinem überlegenen Geist und in ber Tatsache, daß er nichts

für sich unternahm, aber alle» für bas Va­terland, gesellt sich der universelle Zauder. Sein Prestige rettete das Heer vor ber Auslösung, rettete Deutschland vor dem Untergang. Seine Sol­daten verehren ihn, die Welt bewundert ihn.- Mit diesem Worte schließt das Buch.

Die Welt bewundert ihn! Ein Zeugnis aus dem Munde des Feindes von gestern!

An die Spitze eines großen Volkes gehört ber beste Mann. Wer das ist, das Auslanb weiß e s. Sollte das deutsche Volk es nicht wissen?

Gießener Iukunstsfragen

IN').

Der schwierigere Existenzkampf unserer hei­mischen Wirtschaft und der erheblich erweiterte kommunale AufgadenkreiS der Zukunft, der na­türlich mit stärkeren Lasten auf die Steuerzahler verknüpft ist. machen eS u. E. notwendig, nach neuen Möglichkeiten zur Belebung und Befruchtung unseres Gießener Wirtschaftslebens Ausschau zu halten. Matt wird Atoar auf allerlei Vorteile für unsere lokale Wirtschaft rechnen können, wenn die pri­vate Wohnungsbautätigkeit in großzügiger Weise wieder in Gang kommt, aber dieser Aufschwung wird doch nur zeitlich verhäUnismäßig eng be­grenzt sein: wenn wir erst wieder so weit sind, daß Angebot und Rachfrage aus dem Woh­nungsmarkt sich auSgleichen. wird im Bauwesen mit einer gewissen Stagnation, wenn nicht gar mit einer fühlbaren rückläufigen Bewegung zu rechnen fein. Cs wird sich nach dieser Richtung hin also nur um eine ansteigende Konjunk - tur für einige 3ahre handeln. Selbst­verständlich würden wir eine solche gute Kon­junktur auch begrüßen, aber darüber hinaus ist doch dringend notwendig, daß wir belebende Wirtschaftselemente von Dauer für unsere Stadt gewinnen. Bei dieser Erwägung lenken sich unsere Blicke auf die 3 ndustrie. Diese ist allerdings auch den Einflüssen der gesamt­wirtschaftlichen Konjunktur unterworfen, aber das Wesentliche und Lieberwiegende an ihr ist doch die starke Eigenschaft, daß sie im großen und ganzen wirtschaftsbelebend, befruchtend auch für andere Crwerbszweige und für die Kommune ihres SiheS wirkt. Man vergleiche nur einmal die kommunale und gewerbliche Entwicklung in Industriestädten mit der öffentlichen und privaten Wirtschaftsgestaltung in industrielosen Orten: in den Industrieplähen, auch in denen mit nur mitt­lerer Industrie, herrscht im allgemeinen weit­gehende kommunale Wi rkungsmöglichkeit, in Han­del und Gewerbe pulsiert reges Erwerbsleben, das in einer kaufkräftigen Einwohnerschaft eine gute Grundlage hat: in den inbuftrielofcn Orten dagegen find die kommunalen SchaffenSmoglich- feiten stark begrenzt, das örtliche Gewerbe, mit reichlichen Steuerlasten bedacht, steht tn schwerstem Ringen um feine Existenz, weil die Kaufkraft Der Bevölkerung sich in der Regel auch nur in be­scheidenen Grenzen bewegt. So ist die Lage im

') Siehe Teil I in Är. 68, Teil II in Rr. 74.

Fahrräder

Feuer am Nordpol-

Technisch-politischer Roman aus der Gegenwart.

Don Karl-August von Lassert.

20. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Unsere eigenen Ausgaben für Hin- und Rück­reise tragen wir natürlich selber", sagte Sanders.

Davon tonn keine Rede sein. Wir wollen Sie im Gegenteil für Die verlorene Zeit ausreichend ent­schädigen."

,3ch stelle meine Tätigkeit und meine Zeit dem Unternehmen unentgeltlich zur Verfügung. Die Er­stattung der eigenen Ausgaben dagegen nehme ich dankend an. Die Rückreise über Amerika wird ja doch recht kostspielig werden."

Da meine halbe Million nicht angenommen wurde, will ich wenigstens selber bezahlen", er­klärte Linda.

mitgefangen, mitgehangen! rief Stratoff. Die neue Nordpolgesellschast läßt sich auf Derartige Sonberunternehmen nicht ein."

10.

Schreiben der So w j etregierung an S t r a t o f f.

Den ausführlichen Bericht über Die beabsich­tigte Nordpolerpedition hat Die Volkskommissare aufs lebhafteste interessiert. Wir werden dem Un­ternehmen jede mögliche Förderung zuteil werden lassen. Sollten sich wirklich in dem neuen Norb- lande abbaufähige Erdschätze finden, so muß der leitende Gedanke sein, das Neuland für Rußland in Beschlag zu nehmen. Aus diesem Grunde halten wir es für erforderlich, daß ein Vertreter Der Sow- jetrcgicrung an Der Expedition teilnimmt. Wir haben Den Genoßen Iwan Rosenzweig Dafür in Aussicht genommen, ber vorzüglich Deutsch und Englisch spricht und seine diplomatische Gewandt­heit bei Der Konferenz in Genua erwiesen hat.

Die Berliner Botschaft teilte mit. Daß Der Ku­rier mit Den Pässen für die Teilnehmer unb mit den Ausführungsgegenstanden abgereift ist. Ergän- i zungspässe für Norwegen und Amerika werden von hier ausgestellt. Wir bitten Dich, uns über alles die Erpedition Betreffende stets im Bilde zu halten.

Im Auftrage:

Der Kommissar Der Aeuheren Angelegenheiten.

Telegramman Außenkommissar Mos- k a u (chiffriert).

Ich erbitte Erlaubnis, selber die Expedition nach dem Nordpol mitmachen zu dürfen. Durch ein­schlägige Kenntnis der Personen bin ich am besten imstande, die Interessen Rußlands zu wahren. Blankenburg kann in meiner Abwesenheit die Ge­schäfte Kirgisias weiterführen, da er in alles ein- geweiht ist. Stratoff.

Telegramm an Stratoff.

Regierung ermächtigt Dich, Die Expedition als offizieller Vertreter Rußlands mitzumachen. In Deiner Abwesenheit wird die Tscheka einen Kom­missar nach Kalmikowskaja schicken, der Blanken- bürg beaufsichtigt. Diesen Deutschen ist nie völlig zu trauen. Außenkommissar.

Also morgen früh 7 Uhr Aufstieg zur Probe­sahn nach Tomsk!" rief Stratoff unb erhob fein mit Erdbeerbowle gefülltes Glas. ,3ch trinke auf glückliche Heimkehr aller Beteiligten."

Die Gläser klangen. Ein kurzes Schweigen lastete über der kleinen Gesellschaft.

Wann können Sie zurück fein? fragte Blan­kenburg, ein Mann von Mitte Dreißig, bartlos, schmal, mit durchgeistigtem Kops.

In zwanzig Stunden, falls wir nicht mit zu starken Luftströmungen zu kämpfen haben , ant­wortete Nagel. .....

In dieser Jahreszeit herrscht gewöhnlich völ­lige Luftstille über dem zentralen Rußland", er- flärte Stratoff. _

Unb wann steigen wir zur endgültigen gahrt auf?" nagte Linda.

Sobald wie möglich", sagte Stratoff.Wir warten nur den Kurier aus Berlin ab. Diel Zeit ist nicht mehr zu verlieren. Rechnen wir einmal nach: Am 20. Juli fährt der letzte Dampfer von Kap Dorrow ab. Am 19. müssen wir also dort ein- treffen. Der Flug über das Polargebiet soll aller­dings nur 24 Stunden dauern. Wenn wir aber unterwegs landen wollen, um örtliche Feststellungen zu machen, so kann uns das zwei Tage aufhalten. Also späteste AbfahN von Spitzbergen am 16. Dort rechne ich mindestens zwei Tage Aufenthalt, falls mir nicht niederträchtiges Wetter haben sollten, bas unseren Aufstieg überhaupt vereitelt."

Das fürchte ich nicht", sagte Nagel.Das In­nere ber Adventbai, die sich fjordartig verengt, wird irgendeine nicht allzu windige Stelle bieten."

Um so besser. Also rechnen wir am 14. mit der Ankunft in Spitzbergen. Die Fahrt von Hammerfest dauert ja nur einige Stunden. Dort müssen wir aber wohl mindestens drei Tage liegen, um die Benzin­vorräte zu ergänzen unb bie Maschine nochmals genau zu überholen. So sinb wir rückwärts rech­nend beim 11. Juli angelangt. Am 10. müssen wir also hier auffteiaen. Heute ist der 5. Nur wenn ber morgige Probeflug einroanbfrei verläuft, ist auf eine Ausführung der Expedition in diesem Jahre zu rechnen."

Die Probefahrt wird einwandfrei verlaufen, erklärte der Ingenieur.

Dann richten mir uns also auf den 10. oder bester auf den 9. zur Abfahrt."

Warum sprechen Sie immer permir"? fragte Linda.Sie bleiben doch in der sicheren Obhut Ihres schönen Palais zurück?

Stratoff ließ eine kleine Verlegenheit nicht merken.

>,Well ich Sie bitten möchte, mich mitzunehmen, meine Herrschaften! rief er spontan. ,ß,=> ist nicht meine Art und Weise, mich in ein neues Unter­nehmen einzulassen, dem ich nur von Ferne gu- schauen soll."

Sanders fing einen mißbilligenden Wick Andas auf.

,3d) glaube, Ihre Anwesenheit m Kalmikow­skaja ist für uns wichtiger und nötiger", entgegnete er dem Rusten,sie bilden doch gewistermaßen unsere Operationsbasis, an die wir uns wenden können, falls irgendwelche unvorhergesehenen Zwi­schenfälle eintrxten."

Dafür ist Herr Blankenburg da. Ich kann Ihnen gerade unterwegs, in Norwegen ober Ame­rika, sehr viel nünen, mehr, als wenn ich hierbliebe. Außerdem sehen Sic, welch Vertrauen ich in Ihren Erfolg setze, wenn auch ich mein Leben riskiere."

,Lch würde mich sehr freuen, wenn Herr Stra­toff uns begleitete", sagte ber harmlose Nagel.

Wie stellt sich Ihre Regierung dazu?" fragte Linda.Man wird die treibende Kraft von Stirgipa nicht entbehren wollen.

Die Sorojetiegierung verlangt, daß ein Ver­treter Rußlands an ber Expedition teilnimmt. Ich

bot mich daher selber an, um Ihnen die Gegenwart eines Unbekannten zu ersparen. Und man hat ein- gewilligt."

Warum bringen Sie uns diese Sache auf der­artigen Umwegen bei?" fragte Linda spöttisch.

Durch den Entscheid der russischen Regierung ist die Angelegenheit erledigt, warf Sanders ein. Ich begrüße Sie als Reisegenossen und freue mich des tatkräftigen und umsichtigen Gefährten."

,^)err etratoff übernimmt als alleiniger Geld­geber natürlich das Kommando der Expedition, sagte Blankenburg.

Eine kurze Sttlle herrschte bei diesem unerwar­teten Vorschläge. Da Stratoff nicht widersprach, merkten alle Die vorherige Verabredung. Nage! wollte reden und wurde rot, doch Sanders kam ihm zuvor.

Mein verehrter Herr Stratoff! Wir freuen uns ungemein, daß Sie uns Ihre persönliche Un­terstützung zukommen zu lasten. Mit dem schweren, verantwortongsreichen Amte des Führers können wir Sie aber nicht belasten. Dazu gehören tech­nische, meteorologische und geographische (Erfahrun­gen, die Sie bei aller Achttmg vor Ihren Kennt- nisten doch nicht besitzen."

,3ch würde mir nie erlauben, mich in technische Angelegenheiten einzumischen", erwiderte Stratoff Ich bin aber ber Meinung, daß ein gänzlich un­beteiligter Führer über dem Ganzen schweben muß, der sich nicht gerade um alle Einzelheiten zu küm­mern braucht/'

Trotzdem bin ich der Ansicht, daß nur Herr Nagel, als Urheber des ganzen Unternehmens, ber uns auch seine Flugzeuge unentgeltlich zur Ver­fügung stellt, mit dem alleinigen Kommanbo zu betrauen ist, sagte Sahbers ruhig.

,Unb ich erkläre, daß nur Herr Sanders unser Kommandant sein kann! rief Nagel. ,3ch bitte um Abstimmung. Meine Stimme hat Herr San­ders."

Die meine auch", sagte Linda.

Stratoff sah sich überstimmt und gab sofort nach.

Auch ich gebe meine Stimme sehr gern un­serem höchst verdienstvollen Herrn Sanders."

Dem wir also bedingungslos auf Leben unb Tod zu gehorchen haben!" rief Nagel.

(Fortsetzung folgt.)