Ausgabe 
17.10.1925
 
Einzelbild herunterladen

Br. 241 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Außenpolitische Umschau.

Don Professor Dr. Otto Hoehsch, M. d. R.

Die Blätter sind doll von einem Wust von Nachrichten, Lelegra.mnen, Berichten, Artikeln aus Locarno. Aber kein Leser, der alles das durch- arbeitet, wird irgendwie in der Lage sein, sich ein klares Bild zu machen. Es ist durchaus richtig und zu begrüßen, daß die dort verhandelnden Staatsmänner in dieser Weise das Geheimnis wahren und ihre Verhandlung nicht an die Oeffentsichkeit geben. Die Konserenz könnte gleich nach Hause gehen, wenn, wie im Stil von Genua oder ähnlichen früheren Konferenzen, die ganzen Erörterungen in den Zeitungen stünden.

Deshalb ist der weitaus größte Teil dessen, was aus Locarno in die Zeitungen gebracht wird, einfach überflüssig und Zapierverschwendung. 3a, es ist mehr als das! Bestimmte Zeitungen und Konzerne, die in Locarno vertreten sind, suchen eine bestimmte Richtung immer und immer wieder zu fördern auf einen Abschluß schlechthin. Man sehe einmal bestimmte Ber­liner Lrnköz-eitungen darauf hin an. Wer wirk­lich außenpolitisch zu denken vermag, der lann nur den Schaden beklagen, den diese Art der Be­richterstattung, dieser Stil anrichtet. Die Be­gleitung der öffentlichen Meinung ist auch bei solchen Konferenzen natürlich notwendig. Aber was sie zu sagen hat, hat sie gesagt und faßt sie mehr oder minder auf allen Seiten in be­stimmten Grundforderungen zusammen, über die eben in Locarno geredet wird, mit dem Versuch, eine Verbindung, einen Ausgleich, eine Verständigung der einander stark gegenüber- stehenden Standpunkte zu finden.

Zum Ergebnis, zu den tatsächlichen Erörte­rungen ist erst Stellung zu nehmen, wenn die Abschlüsse und Berichte vorliegen. Aus den amt­lichen Eommumques aus Locarno war im Grund nur eine Mitteilung bisher von größerer Be­deutung, nämlich in dem Communiquö vom 10., daß Italien sich bereit erklärt hat, einen etwaigen Garantiepakt zu unterschreiben. Das bedeutet für unsere Seite eine günstige Wen­dung. Denn damit garantiert auch Italien, daß die deutsche Westgrenze von französischen Trup­pen in keiner Form verletzt und kriegerisch an­gegriffen werden darf. Die umgekehrte Garantie hat ja bei der offenbaren Machtlosigkeit Deutsch­lands keine reale Bedeutung. Damit löst sich, wenn man es scharf faßt, Italien von seiner Verbindung mit Frankreich die ihm in den letzten Jahren immer unbehaglich war, in der es aber drin blieb. Man denke nur an die keineswegs imponierende Art, mit der Italien sich gewissermaßen hintenherein an dem Ruhr­vorgehen Frankreichs beteiligte. Wir wünschten nur, daß Italien derartige außenpolitische Schritte zielbewußter und vorbereiteter täte. Man sieht nicht, was Italien, das Wochen- und monate­lang den unbeteiligten Beobachter gespielt hat, mit dieser plötzlichen Bereitwilligkeit für sich davonträgt, und kann nur bedauern, daß dieses Land, der drittgrößte Staat Europas, es so wenig versteht, sein Schwergewicht in der großen Politik zur ©eltung zu bringen und die Wege und Ziels zu verfolgen, die sich ihm aus seinen Lebensinleressen ganz von selber vor Augen stel­len. Die zerfahrene und geradezu dilettantische Außenpolitik, die in den ersten Rachkriegsjahren charakteristisch war, ist unter dem Faschismus und unter Mussolini nicht verbessert, sondern eher noch gesteigert worden. Das ist im Interesse Italiens und im Interesse einer wirklichen Be­friedung Europas nur zu bedauern.

Sieht man auf die innere Lage in den drei Staaten, Frankreich, England, Italien, so ergibt diese, daß die Vettreter dieser drei Mächte in Locarno, wenn sie davon eine für sich günstige Rückwirkung nach innen haben wollen, das Werk der Konferenz wirklich im Sinne der vollen Gleichberechtigung Deutschlands tun müssen. Ihre innere Lage und diese Verhand­lungen werden Driand, wie Chamberlain, wie den Italienern gezeigt haben, daß eine halbe Sache in Locarno, ein halber Abschluß im Grund auch ihnen nichts nützen kann, wie er Europa im ganzen nichts nützt. Eine halbe Sache, ein halber Abschluß in der Richtung auf die Gleichberechtigung Deutschlands mit allerlei Vor­behalten, weiteren Bindungen usw., das nützt nichts, nicht allgemein, und auch nicht den Staats­männern, die in diesen Ländern an der Spitze

stehen. Roch weniger würde nützen ein halber Wschluß in der Richtung nach rückwärts. Denn das weiß man in Rom und in London und, wo es am meisten darauf ankommt, in Paris sehr genau, daß ein Rückfall in die alte Versailler Politik, in den Stil Poincarss unmöglich ist.

Die eigentliche Entscheidung hängt von dem Willen Frankreichs ab, Italien will und kann einen stärkeren Einfluß nicht üben und England bezeichnet zwar sehr genau die Linien, über die hinaus seine Mitverpslichtung nicht geht, spannt aber wenigstens ist das von außen nicht erkennbar seinen weltpolitischen Einfluß nicht im vollsten Maße an. Das liegt wohl daran, daß das englische Kabinett nicht mit voller Schwungkraft und einem nach vorwärts treiben­den Programm in Locarno ist. Das Programm der Labourpartei, nämlich das Genfer Protokoll, für uns unmöglich, wäre an sich ohne Zweifel ein Programm rund und geschlossen und mit Schwung zu vertreten. Das an sich auch unmögliche Programm der Richtung, die England aus Europa herausziehen möchte, der Isolie­rung, wäre auch etwas der Art. Aber was Englands Minister in Locarno vertritt, ist nicht gerade ein Programm, das beschwingt. Man ist lau gegen den Völkerbund, lau gegen die ob­ligatorisch» Schiedsgerichtsbarkeit, will mit Eu­ropa möglichst wenig zu tun haben, muß aber doch gewisse Bindungen eingehen, um eine Ord­nung zustande zu bringen, will toieber in diesen Bindungen möglichst freie Hand haben.

Diese Diagonale aus den verschiedenen Strömungen in' der konservativen Partei Eng­lands ist, wozu auch die ganze Art Chamber­lains hinzukommt, nicht geeignet, innenpolitisch den Konservativen als Parole zu dienen und außenpolitisch die Dinge wirklich vorwärts zu treiben. Denn mit dem Hauptgedanken, der heute die englischen Konservativen beseelt, ist ja innen- und außenpolitisch nichts anzufangen. Das ist der Appell an das Volk gegen die Rote Gefahr", gegen den Bolschewismus. Das ist im Innern nichts praktisch Wirksames, und das würde außenvolitisch nur etwas be­deuten, wenn es wirklich gelänge, Deutschland über den Völkerbund und den Artikel 16 so einzuspannen, daß eine Politik herauskäme, wie die Moskauer Regierung sie den Tories zutraut. Es wäre Wahnsinn, wenn eine deu sche Verhand­lungsführung sich auf diese Bahn locken ließe!

Im ganzen: Soll die Konferenz von Lo­carno einen Sinn, eineIdee" haben, so ist es die des Versuches, die Sicherheitsfrage, die zur Hauvtfrage der europäischen Politik ge­worden ist, auch europäisch zu lösen. Als Idee schwebt dabei vor, einen Pakt, wir können ge­radezu sagen, ein Bündnis, das Frankreich, England, Belgien, Deutschland und auch Ita­lien untereinander und gegenseitig schließen würden nicht in dem allen Stil einer solchen Allianz, sondern mit dem Ziele, gemein­sam jeden Versuch einer Friedensstörung durch Krieg, äleberfall oder Invasion entgegenzutre­ten und gegen den Friedensbrecher vorzugehen, untereinander in Streitfragen auf das Mittel gewaltsamer Lösung zu verzichten.

Das ist, wie wir zugeben, etwas grund­sätzlich R e u e s, der Versuch, allgemeine Rechtsideen stärker wirksam zu machen. Soll dieser Versuch über die Phrase zu einer wirklich konkreten Lösung hinausgehoben werden, dann ist das nur im europäischen Sinne möglich. Und soll wiederum diese Forderung keine Phrase sein, so bedeutet sie die absolute und volle Gleichberechtigung Deutsch­lands in Verhandlung und Beschluß. Das heißt nicht nur, daß Frankreich auf seine Rhein­politik verzichtet. Das heißt nicht nur, daß die einzelnen Forderungen Deutschlands erfüllt werden. Das bedeutet den grundsätzlichen und praktisch-tatsächlichen Verzicht auf eine Behand­lung Deutschlands im Friedensvertrag und in der Rachkriegspolitik, gegen die sich eben immer zahlreichere Deutsche aufbäumen und die es der Mehrheit unseres Volles mit Recht so schwer macht, sich innerlich an Verhandlungen, wie in Locarno, zu beteiligen.

Wenn die andere Seite die deutschen Grund- forderungen in diesem Lichte betrachtet, so muß sie zugeben, daß nichts davon übertrieben und überspannt ist und es von den Siegern "des Weltkrieges abhängt, die Zugeständnisse zu ma­chen, die Opfer zu bringen, die zu einer euro­päischen Lösung notig sind. Deutschland arbeitet

an ihr mit. Aber um jeden Preis kann es diese Mitarbell nicht leisten. An seinen Grundforde­rungen festzuhalten, gebietet ihm seine Ehre und Würde und sein reales Interesse. Aber sie preiszugeben, würde auch gerade gegen den, wenn wir noch einmal so sagen dürfen, euro­päischen Geist verstoßen, in dem eine Lösung allein die Mühe lohnen und Aussicht auf Be­stand haben würde!

Sitzung der Stadtverordneten.

Gießen, 16. Oktober 1925.

Die Stadtverordneten-Ver!ammlung trat heute za ihrer ersten Schung nach den Ferien zuiammen. Das Hauptintereise leirfte sich nur auf einen Punkt d.r Tagesordnung: das Bau- Programm f ür 1925. Es kommt zwar reich­lich spät heraus, oenn seinem guten Wollen wird der Winter wohl bald die schwersten Hindernisse bereiten, auf der andern Se.te muß man sich ober an den Wechsel in der Le.tung des Dau- dezernats erinnern, der es notwendig machte, daß der neue Beigeordnete sich zunächst erst gründlich unterrichtete, ehe an die weit aus­greifende Aroe.t gegangen werden konnte. Schließ­lich hat die Verabschiedung der großen Bauvor­lage immer noch den Vorteil, daß wen'gstens bis zum Frostbeginn gearbeitet und alsbald im näch­sten Frühjahr weitergeschafft werden kann. Daß die Vorlage nirgends im Hause Widerspruch begegnete und einstimmig genehmigt wurde, ist erfreulich, aber doch eine Selbstverständlichkeit. Denn die Wohnungsnot ist eines der trübsten Kapitel auch in unserer Stadt. Die Last, die die Stadt mit dieser neuen Vorlage auf sich nimmt, ist sehr schwer, aber sie ist nicht zu umgehen, wenn sie ihre soziale Pflicht erfüllen will. Wir begrüßen diesen Beschluß d^ Hauses, durch den unser Gemeinwesen erneut zeigt, daß es gerne nach bestem Können opfern will im Kampfe gegen die schlimmste Geißel dieser Zeit, und wir hoffen, daß nun auch die Anleihebemühungen zum Er­folg führen.

Ernste Beachtung sollte die Beschwerde fin­den, die der Führer der deutsch-volksparteilichen Fraktion im Interesse unseres heimischen Handwerks und Gewerbes vorbrachte. Man darf wohl annehmen, daß die Stadtverwal­tung, nachdem sie von dieser Beschwerde und von dem einhelligen Standpunkt des Hauses Kenntnis erlangt hat, ungesäumt die erforderlichen Maß­nahmen treffen wird.

Im übrigen beschäftigte man sich mit klei­neren Vorlagen, die glatt verabschiedet wurden.

Sitzungsbericht.

Anwesend Oberbürgermeister K e l l er, die Beigeordneten Dr. Selb, Dr. Hamm, Justiz- rat Dr. Rosenberg und 27 Stadtverordnete. Der Zuhörerraum ist von einigen Personen beseht.

Das Sauprogramm 1925.

Der Berichterstatter des Bauausschusses be­richtet zusammenfassend: Aus den Mitteln für das Dauprogvamm 1924 stehen noch 48 000 Mk. zur Verfügung, hierzu kommen als Antell an der Sondersteuer für 1924 noch 69 000 Mk. hinzu. Insgesamt sind also 117 000 Mk. aus dem vor­jährigen Bauprogramm verfügbar. Bei der Beratung des Voranschlags für 1925 ist beschlossen worden, 100 000 Mk. aus der Sondersteuer für den Wohnungsbau bereitzustellen, weiter wurde beschossen, 400 000 Mk. für den gleichen Zweck auf dem Anleiheweg zu beschallen. Städtischer­seits werden mithin 617 000 Mk. für Wohnungs­bauten ausgeworfen. Dazu hat das Land aus der in Gießen aufkommenden Sondersteuer 190 000 Mark als Darlehen überwiesen. Der Gesamt­betrag, mit dem man rechnen kann, vorausgesetzt, daß die 400 000-Mark-Anle'he gelingt, beläuft sich demnach auf 807 000 Mk. Vorgesehen sind folgende Wohnungsbauten: Durch die Errich­tung städtischer Gebäude 20 Wohnungen, die im Vorjahre schon beschlossen wurden, aber bisher nicht gebaut werden konnten, weil man sich über die Platzfrage nicht einig war. Jetzt ist eine Verständigung erzielt worden, die Woh­nungen sollen als Siedlung erbaut werden. Kostenpunkt in einfacher Bauausführung 12 000 Mark je Wohnung; davon werden aus städtischen Mitteln 218 000 Mk., aus Landesmitteln (Dar­lehen) 22 000 Mk. gegeben. In Verbindung mit dem Elektrizitätswerk sollen 8 Wohnungen

Gießener Stadttheater.

Romain Rolland:

Ein Spiel von Tod nnd Liebe".

Von den wenigen europäisch gesinnten Men­schen in Frankreich, die deutschfreundlich denken, ist Romain Rolland auf den deutschen Bühnen der bekannteste. Er ist auch in seinem Denken irgendwie deutschem Empfinden verwandt.Er schreibt deutsch in französischer Sprache", sagt Klabund von ihm.

Ein Spiel von Tod und Liebe" ist auch im Tiefsten deutsch. Germanisch jedenfalls. Richt ro­manisch. Deutsch im Gedaicklichen. Romanisch im Sprachlichen.

Den Hintergrund der Dialoge das Stück besteht auS Dialogen blldet die französische Revolution. Sie bringt durch Fenster und Türen in das Haus Jeromes von Courvoisier, der mit seiner Frau Sophie eine ruhige, durch nichts gestörte Ehe führt. Er ist bereits alt, genießt Ansehen und Ruhm, weiß aber, daß fein Alter unwürdig ist seiner jüngeren Frau, die in der Blüte ihrer Fraulichkeit neben ihm steht.

Sophie ist die eigentliche Hauptperson des Stückes. Sophie spielt ein Spiel von Tod und Liebe. Sie ist die unendlich gütige, weiche, reine Frau, die alle Kämpfe mit sich selbst ausfocht, auch den Kampf um ihre Liebe zu dem jungen Dallöe. Unendliches Leid gab ihr unendliche Kraft. Ganz beherrscht, ganz fest das Herz in der eigenen Hand, so schreitet diese Frau durch daS Stück. Ergreifend groß, fast heilig. Wohl aus derselben Holzart geschnitten wie die Fi- guten des alten Vokksspieles vom3ebermann", das Hugo von Hofmannsthal neu belebte. Rur einmal brechen unerg rünblidje Tiefen der Leiden­schaft auf, eine Sekunde lang, als es heißt: Fliehen, Vallee, fliehen! Doch der Bugen und guten Frau bleibt noch der Gatte, dem die sich verband, verband zu jeglichem Geschick. Unb stark und hart, gerecht und gut. schließt sie die ge­sprengten Psorten mit umso festerem Riegel. Sie bleibt die geheimnisvoll kalte Frau mit dem tiefen Blick, der brennen lann.

Das G es chehen in diesem lyrischen Ge­dicht ist kurz das folgende: 3m Hause Courvoisier ist ein kleiner Kreis froher Menschen, jung und alt, beisammen, in den die Rachricht fällt, Valles sei auf der Flucht vor der Verhaftung gestorben. 3n herbem Leid flagt jetzt Frau Sophie ihren Schmerz; dem Toten darf sie ja sagen, daß sie ihn liebte. Da stürzt der Totgeglaubte, Geächtete ins Zimmer. Die Gäste fliehen schaudernd, die Liebenden allein finden sich Schnell versteckt Sophie den Ermatteten, nachdem sie ihn gestärkt. Dann erscheint ihr Gatte. Sein Schicksal hat ihm heute das Ende bestimmt, denn der Ausschuß will ihn vernichten. Er hört von dem heimge- kehrten Freund, sieht aber zugleich wie zwischen feiner Frau und dem Fremden ein Schicksal Erfüllung fordert. 3n großer Tat gibt er die Gattin frei. Da erscheint der SicherheitSausschuh zur Durchsuchung seines Hauses. Schnell reift sein Entschluß, die Bahn frei zu machen für ein naturgemäßes Glück, für das Leben der Lieben­den. Durch einen Freundschaftsdienst Carnots, Mitglieb des Wohlfahrtsausschusses, wird er mit Pässen versehen, die ihm die Flucht ermöglichen. Er gibt sie den beiden. Sophie, ihrer Aufgabe bewußt, vernichtet den ihren und sieh Volles ziichen, in die Zukunft, ins Leben. Sie selbst bleibt an der Seite des Gatten, der jetzt endgültig dem Beil des Henkers verfällt, war doch Dall6es Aufenthalt in seinem Hause für den Richter ein nur allzu willkommener Grund.

Verhängnisvoll für die Aufführung wurde der 3rrtum, daß man, den lyrischen Grundton des Stückes (ein Spiel von Tod und Liebe!) ver­kennend, durchaus ein Drama daraus zu machen versuchte. 3n derselben Richtung lag die Be­setzung der Rolle Vallees durch F. G e f s e r s, der eine Fachrvlle daraus machte. Wenn man schon, nach Fächern besetzt, dann tarne für diese Rolle der jugendliche Held und Liebhaber in Frage. Der schwere erste Held ist eine psycho­logische älnmöglichkeit an diesem Platze.

Die Hauptrolle der Sophie spielte 3se Oßke. Die Darstellerin leistete nach ihren un­zweifelhaft vorhandenen Anlagen rocht Gutes.

Rur blieb sie zu wenig als ruhender Mittel­punkt erkennbar.

Karl 3uhnke als Courvoisier füllte seinen Platz gut aus, angenehm in der Maske, ruhig im Spiel .Eine geschlossene Leistung wie Tele- kys Carnvt.

Einzelheiten wie die Plünderungsszene und das Packen der Tasche für den Flüchtling (das Gefsers einfach mit seinem Mantel verdeckte) sollten nicht zu monieren sein. Auch bedürfte das sprachliche Moment eine Revision: Von der Melodie Rollands war wenig zu hören; teils sprach man großes Drama, teils wurde rezitiert.

3n den wichtigen Schluß fiel der Vorhang zu früh. e-s.

DerDerdeutscherBuddhas

(Zum 10. Todestage Karl Eugen Reumanns.)

Am 18. Oktober sind 60 Jahre dahingegangen, seit der Schöpfer der oroßartigen Verdeutschung der Reden und Sprüche Buddhas, Karl Eugen Reumann geboten wurde, und an demselben Tage jährt sich sein Todestag zum zehnten Mal. Als er 1915 die Augen schloß, da war sein Lebenswerk so gut wie unbekannt. Die Mehrzahl der Ge­bildeten hatte noch kaum etwas vom Vorhanden­sein authentischer Reden des großen Reiigions- stifters gehört. Seitdem aber haben diese ge­nialen Heoertragungen durch die nachdrückliche Verbreitung, die ihnen der Verlag R. Piper in München zuteil werden ließ, einen stets wachsen­den Kreis von Verehrern gefunden, und es ist uns allmählich zum Bewußtsein gekommen, daß wir hier eine Uebertragung besitzen, um die das deutsche Voll von den anderen Rationen be­neidet wird. Wir Deutschen haben ja stets den Ruhm für uns in Anspruch nehmen können, ein »Voll von He5erfetern zu sein. Goethes Be­griff derWeltlite atur" war hier bahnbrechend, und von Goethes Forderung eineridentischen Liebersetzung" ging auch Reumann aus, als er es unternahm, die in der Pali-Sprache vorhandenen Reden des Meisters sowie die wichtigsten Lieder und Dichtungen feiner persönsichen Jünger dem deutschen Schrifttum zu gewinnen. Der Wiener

Samstag, \I. ©ttober (925

IMUII I IIWII-»I I

erstellt werden, und zwar am bzw. in der Rähe vorn Elektrizitätswerk, da es als ein ilcbelftunb vermerkt wurde, daß die Monteure des Werkes weit von biclcm entfernt wohnen und bei Störungen bisher nicht rasch genug zu er­reichen waren. Von diesen 8 Wohnungen sollen im Rahmen des Bauprogramms für 1925 zu­nächst nur 4 Wohnungen erbaut werden. Kosten 60 000 Mk. Durch Verhandlungen mit dem Landessinanzamt und den Reichsbehörden ist erreicht worden, daß das Reich sich bereit er­klärt hat, unserer Stadt für eine Anzahl von Wohnungsbauten billiges Baugeld zur Verfü­gung zu stellen, wenn Gießen ebenfalls Woh­nungen für Reichsbeamte errichtet. DaS Reichs­geld wird bis zu 1 Prozent Zins verbilligt. Vorgesehen sind von der Stadt 8 Wohnun­gen bei Verwendung des verbilligten Geldes, Kosten 64 000 Mk. Das Reich wird bann 6 Wohnungen auf Reichscosten bauen. Wei­ter ist vorgesehen, an 54 Gesuchsteller, bie 3 3 Privatwohnungen errichten wol.en, Bau­darlehen nach den untenstehenden Richllinien zu geben, wofür 246 000 Mk. aufzuwenden sind. Von Daulustigen, bie im vorigen 3ahre mit Daudarlchen bedacht wurden, bie aber die Steigerung der Baukosten nicht vorausgesehen haben, ist ein weiterer Darlehenszuschuh ge­wünscht worden. An und für sich ist es nicht möglich, daß bie Stadt Liefe Zuschüsse gibt. Es sollen nun aus Landesmitteln für 1925 Zu­schüsse von 2500 bis 3000 Ml. zu den im Vor­jahre gegebenen Darlehen gewährt werden. Auf diese Weise sind insgesamt von den 617 000 Mark städtischer Gelder 583 000 Mk. zur Ver­wendung vorgesehen, außerdem noch die 190 000 Mark Landesdarlehen. Als Reserve würden der Stadt 29 000 Mk. verbleiben.

3n der Aussprache bemerkt der Führer der Deutschen Volkspartei, wie ihm mitge­teilt wurde, sei in einer öffentlichen Versamm­lung von 3nteressenten gesagt worden, es müsse bedeutend mehr gebaut werden. Es sei festzustel- len, baß von keiner Partei des Hauses dieses Bauen bekämpft, sondern nur gefördert werde. Aber zum Bauen gehöre auch Geld, das nur auf dem Wege von Steuern beizufchaffen sei. Er wünsche, daß jene Kreise, die verstärktes Bauen anregen, ihrerseits durch die Bereit­willigkeit zu stärkeren Steuerleistungen auch die Stadtverordnetenversammlung anregen sollten.

Der Vertreter der sozialdemokrati­schen Fraktion weist darauf hin. daß bie Durch­führung dieses Programms noch keineswegs ge­sichert sei, denn das hänge in weitgehendem Maße davon ab, ob es gelinge, die 400 000 Mk. auf dem Anleihewege zu bekommen; man müsse beachten, daß hierfür nur der inländische Geld­markt in Betracht komme. 3m übrigen fordert der Redner besonders bie Einrichtung von 1° und 2-Zimmerwohnungen.

Der Wortführer ber demokratischen Partei hebt ebenfalls hervor, daß alle Parteien des Hauses bisher immer das Bestreben gezeigt haben, der Wohnungsnot sntgeaenzuwirken. Unterschieden habe man sich nur im Weg zu dem Ziel. Es frage sich jetzt nur, welche Aussichten augenblicklich bestünden, daß die Dnleihemittel in diesem Umfang doch noch beschafft werden konnten, und welcher Prozentsatz in Betracht komme, wenn diese Mittel jetzt ober in nächster Zeit ausgenommen würben.

Von bem Vorsitzenben der Deutschen Volkspartei wird noch bemerkt, alle Zu­wendungen, so gern man sie auch machen möchte, hätten ihre Grenze an dem finanziellen Snd- punkt. Sobald sich Gelb finden lasse, mache man gern mit. Aber in steuerlicher Beziehung habe die Sache Grenzen.

Das Haus schreitet nun zur Abstimmung und beschließt einstimmig:

Das Bauprogramm wirb genehmigt. Die stäbtischen Zuschüsse, als Baudariehen zu 5 Proz. (4 Prozent Zins und 1 Pro ent Tilgung), werden für bas Dauprogramm 1925 auf 7000 Mark für eine Dreizimmerwohnung, 8000 Mark für eine Vierzimmerwohnung, 9000 Mark für eine Fünf­zimmerwohnung festgesetzt. Der Zinsfuß für zu ben üblichen Debingunaen abzugebendes Ge­lände wird ebenfalls auf 5 Prozent (4 Prozent Zins und 1 Prozent Tilgung) festgesetzt. Dec Finanzausschuß in Gemeinschaft mit dem Dau- ausschuß wird ermächtigt, die Verteilung der Baudarlehen vorzunehmen.

Gelehrte hat dieser Aufgabe fein ganzes geben geweiht. Bei ben besten Lehrern eignete er sich an, was burch bie Sprachwissenschaft zu erlernen war, studierte bann bie Pali-Texte an Ort und Stelle in Ceylon und 3nbien, nahm bie noch heute lebendige Wirkung dieser tiefen Religionslehre in sich auf und arbeitete dann im Britischen Mu­seum zu London. Hier ist zum größten Teil daS Meisterwerk seiner Verdeutschung des ersten Ban­des ber Mittleren Sammlung der Reden Buddhas entstanden. Dann schuf er die Ueber­tragung derLieder der Mönche und Rönnen Gotamo Buddhas", vollendete die Verdeutschung der Mittleren Sammlung und ging an bie Hebet- tragung berLängeren Sammlung". Da er nir­gends auf Widerhall stieß, so stellten sich der Vollendung dieses Riesenwerkes immer größere Schwierigkeiten entgegen. Er rieb sich in dem Ringen mit feinem Lebenswerk auf und starb be­reits am Tage seines 50. Geburtstages. Heute find sich die Besten darüber klar, daß diese Verdeutschung Buddhas neben der Lutherschen Bibelübersetzung und dem deutschen Shakespeare zu den unvergleichlichen Eindeutschungen gehört, auf die unsere Literatur so stolz sein kann. 3n einzigartiger Weise war dieser Gelehrte durch seine religiö se Einstellung und künstlerische Be­gabung für diese Aufgabe geschaffen.Daß die Budbho-Worte in feiner Verdeutschung dieses zauberhaft Belebende, Beschwichtigende, Stär­kende und Beruhigende unvermindert behalten haben", sagt der Herausgeber derReden", hierin liegt das Wunder seiner Uebertragung, bie, aus verborgenen, fast geheimnisvollen, Quel­len fliepenb, noch weit über alles Sprachkunst- werk hinausgeht. Gleichzeitig aber war Karl Eugen Reumann ein philologisches Genie. Richt minder groß als sein Verdienst um die buddhistisch« Lehre ist sein Verdienst um die deutsche Sprache, der er ein neues Element, eben das indisch«, zugeführt hat; burch seine Verschmelzung deS edelsten indischen Sprachgutes mit bem Deutschen hat er diesem neue ungeahnte Schönheiten ab- gewonnen, wie auch Luther es sich zum Der- bienft anrechnete, die lateinischen Klänge der Vulgata ins Deutsche herübergebrächt zu haben."