flr. 89 Erstes Statt
U5. Jahrgang
8rettag, 17. April 192.°
Erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertags.
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GiehenerFamUienb lütter Heimat im Bild.
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2 Goldmark u. 20 Goldpfennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. F e r n s p r e ch.Anschlüsse: Schriftleitung 112, Verlag undGeschäftsstelleäl. Anschrift für Drahtnach- richten Anzeiger-iehen.
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SietzenerAiMger
General-Anzeiger für Oberhessen
vruck und Verlag: vrühl'sche Unioersitätr-Vuch- und Steinöruderei R. Lange in Siehen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: ächulstraffe 7.
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weltwittschast und Wdtpolitit.
Don Dr. ®uftat> ßtrefcmann, Reichsminister des Auswärtigen.
3n einer Sitzung des Reichs Verbandes der deutschen Industrie in Hamburg fiel seinerzeit das Wort: „Die Wirtschaft ist unser Schicksal". Diese These war sicherlich unrichtig, denn letzten Endes entscheiden die groben Grundfragen der Politik über die Dölkerfchicksale. Aber zu keiner Feit ist wohl biete Politik mehr von den Wirtschaftsfragen beein- fluht worden als in der Gegenwart. Schon vor dem Weltkrieg war der Futterplatz für die um den Absatz ringenden Völker sehr eng geworden. Mitte der 90er Jahre bis 1914 stieg der Wert des Welthandels von 71,5 auf 170 Milliarden Doldmark. Rang man früher um Kolonialgebiete, so ringt man jetzt um Absatzgebiete. Schifsahrtssubventionen zeigten den Ginfluh des Staates im wirtschaftlichen Imperialismus. Während des Krieges versuchte die Pariser Wirtschaftskonfcrenz durch ihre Veschlüsse die Weltwirtschaft in zwei von einander unabhängige Teile zu trennen und jede Abhängigkeit von Deutschland und der mit ihm kämpfenk^n Völker aufzuheben. Die dritte Periode des Kampfes gegen Deutschland nach seinem Unterließen war der Versuch des Versailler Vertrage-, Deutschland wirtschaftlich soweit als möglich unschädlich zu machen.
Die Geschichte der Nachkriegszeit zeigt deshalb naturgcmäh die engste Wechselwirkung zwischen Weltwirtschaft und Weltpolitik, nicht nur in der Durchführung des Friedensvertrages und der Reparationspolitik, sie spielte auch ihre Rolle beim Ruhreinbruch, den als führender Gedanke die Zwangsehe zwi- scheit der Ruhr kohle und dem lothringischen Erz zugrunde lag In dem Geheimbericht Daria cs über den Pfandwert der Ruhrindustrie, auch auherhalb der Rcpara- tionsfragc. sehen wir die Wechselwirkung im Kampf um das Erdöl, sowie im russisch-japanischen Sachalinvertrag. Der stärkste Ausdruck dieser Verbindung zeigte sich beim Da - wesgutachten. Sein Zweck war die Freimachung der Weltwirtschaft von sortgefehter Dc- dlückung durch die politische Spannung der Rc- parationsfragc. In dem Bestreben der Der- etnigten Staaten, zu einer international len Abrüstung zu gelangen, kommt ebenfalls der Gedanke zum Ausdruck, durch Verminderung der unproduktiven Ausgaben der Völler zu einer Besserung der wellwirtschaftlichen Entwickelung zu gelangen.
Deutschlands Stellung in dieser Situation ist dadurch gekennzeichnet, das; wir heute noch vielenger mit dem Ausland verfloch- 1 e n sind als früher. Unsere Umwelt ändert sich dabei seit dem Weltkrieg entscheidend. Die V e r - einigtenStaaten sind Weltgläubiger und Weltbankier geworden In Europa sind große Wirtschaftsgebiete in Reinere Komplexe zerkgt worden und dabei finb die ökonomischen Kraftquellen unwirtschaftlich verteilt. Frankreich ist der größte Erzbesiher, hat aber dabei die geringsten Kohlenlager. Pahschwierigkeiten, Zolltarife und Rio- berlassungshemmungen sind weiter Barrieren für die Entwickelung der europäischen Wirtschaft. Es gibt keine uirproduktivere Einnahme in den, Budget ein cd Staates, als die Einnahmen aus den Paßgcbühren. Statt in Europa nach dem Kriegsende die Kräfte zum gemeinsamen Wiederaufbau zusammenzufafsen, wurde der Krieg mit allen Mitteln fortgesetzt, mit dem Erfolg der Zertrümmerung fast aller europäischen Währungen und mit einer Dauerkrise, die seit Jahren auf Europa und der Weltwirtschaft lastet.
Während die internationale Kaufkraft weit hinter der Vorkriegszeit zurückgeblieben ist, hat die Produktionsfähigkeit der Welt- i n b u ft r i c eine erhebliche Steigerung erfahren. Die deutsche Produllion steht dabei vor der schwersten Aufgabe. Sie soll die höchsten Ueberfchüsse erzielen, hat aber doch die wichtigsten Rohstoffgebiete verloren. Mit ernstester Sorge müssen wir die Vorgänge verfolgen, die daraus hindeuten, dah die Zusammenfassung unerläßlicher Rohstoffgebiete im Machtbereich weniger Staaten an- gestrebt wird, lieber die früheren machtpolitischen Millel verfügen wir nicht mehr: wir können nicht mehr wie früher dem Kaufmann die Flagge folgen lassen. Das einzig wirkliche Machtinstrument, das wir noch besitzen, ist unsere Konsumkraft.
Die Versuche der Ausschaltung Deutschlands aus dem Weltwirlschaftsverkehr haben zu dellen Verkümmerung geführt. Die anderen Länder sind durch unsere Armut nicht reicher geworden. Es wohnen vom Rhein bis zum Ural nur faufarme Völker. So ist die gesteigerte Weltproduktion nur die Anhäufung toter Kapitalien und unbrauchbarer Reichtümer. Die Erkenntnis dieser Zusammenhänge hat entschieden zu einer Aenderung in der Einstellung zu den hier behandelten Fragen geführt. Es scheint, als wenn an Stelle der bisherigen Parole Krieg und Untergang bei den Konkurrenten sich das Bestreben durchgeseht hätte: Zusammenarbeit mit den Konkurrenten. Der Gedanke des Zusammenwirkens zeigt sich zwischen der deutschen und amerikanischen Schiffahrt, der deutschen und französischen Kaliindustrie, in dem Plan eines europäischen Stahlverba n des und in dem f i - nanziellen Zusammenwirken zwischen den verschiedenen Ländern.
Deutschland gewann am 10. Januar seine Handlungsfreiheit auf handelsvoli-
Das Kabinett Painleve.
Rückkehr Laillaux'. — Briand übernimmt die Außenpolitik.
Paris, 17. April. (TU.) Rach langwierigen Verhandlungen, die den ganzen Tag und den größten Teil der Rächt ausfüllten, ist die Bildung des Kabinetts Painleve gelungen. Wie berichtet wird, hat die Ministerliste heute früh gegen 2.30 Uhr noch Abänderungen erfahren. Sie seht sich nach offiziellen Meldungen wie folgt zusammen:
Ministerpräsident u. Kriegsminister: Painleve.
Justiz: Steeg.
Finanzen: Caillaux.
Auswärtiges: Driand Inneres: Schrameck. Unterricht: De Monzie. Marine: Emil Borel. tanbei: Chaumet.
andwirtschaft: Durand.
Arbeit: Durafour.
Kolonien: Andre Hesse.
Oeffentliche Arbeiten: Laval.
Pensionen: Anteriou.
Die Liste der Unterstaatssekretäre seht sich wie folgt zusammen:
Ministerpräsidentschaft: Bonnet.
Krieg: Ossola.
W'.ederausbaugebiet: Dehris.
Oesfentl. Unterricht, schöne Künste: Delbos. Handel: Danielou.
Luftschiffahrt: E)nac.
Oberster Kriegskommifsar: Dcnazet.
Große Ueberraschung bereitete der Verzicht LoucheurS, der trotz eifrigen Zuredens seiner Freunde sich nicht zur Uebernahme des Handelsministeriums entschließen konnte.
Dem Kabinett Painleve gehören 13 Minister, also einer weniger als dem Kabinett Hcrriot, an, weil des Ministerium für den Wiederaufbau durch einen UnterstaatSsekretär beseht, während das Unterstaatssekretariat der Post aufgehoben wurde. Ihrer politischen Zugehörigkeit nach sind von den Ministern und Unterstaatssekretären: vier republikanische Sozialisten, vier Radikalsozialisten, zehn Mitglieder der radikalen Linken und ein sozialer Unabhängiger.
Laillaux' Eintritt in 0as Kabinett.
Paris, 16. April. (WTD. Havas.) Kammerpräsident Painleve hat sich heute besonders mit der Frage beschäftigt, welche Ausnahme fein Kabinett im Parlament finden werde für den Fall, daß Caillaux das Finanzministerium übernimmt. Painleve will nicht, daß diese Ernennung so ausgelegt wird, als sei sie auf politische Erwägungen zurück- zuführen, weil sie in diesem Falle die politische Entspannung zwischen dem Senat und der Kammer verhindern könnte, wie dies Painleve selbst nach der Demission des Kabinetts erllärt hat. Wenn Painleve die Mitarbeit Caillaux' wünscht, geschieht es aus ähnlichen Gründen wie denen, ie es ihm als wünschenswert erscheinen lasten, sich die Mitarbeit Briands zu sichern. Er vertrete den Standpunkt, bah Drianb der geeignetste Mann sei. die Außenpolitik Frankreichs zu leiten, wie Caillaux seinerseits ihm am beflen dazu berufen scheine, anläßlich einer Lage, deren Ernst niemand bezweifeln Tonne, an die Spitze der Finanzen zu treten. Er hoste, daß diese Gründe verstanden würden und baß cs ihm möglich gemach', würde, ein Ministerium auf Grundlagen zu bilden, auf denen sich das Vertrauen i>er Mehrheit der Kammer und des Senats aufbauen könne.
Caillaux verhandelte heute nachmlltag mit dem Vorstand bei radikalen Partei und den Vorständen der radikalen Kammer- und Senatsfraktion über den Stand der franzöfischen Finanzen und über die budgetäre Lage. Caillaux erklärte, bah nach seiner Ansicht die Lage des Schatzamtes ihm ernst erscheine und bah. wenn er an bic Spitze der Finanzen trete, er den Versuch machen werde, sie durch geeignete Mittel wieder normal zu gestalten, namentlich dadurch, daß er eine klare Trennung zwischen den Fragen des Schatzamtes und den budgetären Fragen eintreten lasse. Caillaux fragte die Führer der radikalen Partei, ob er auf ihren Beistand rechnen könne. Es wurde hieraus einstimmig eine Tagesordnung angenommen, in der erllärt wird, daß man Caillaux für die Durchführung des Werkes der finanziellen Wiederaufrichtung Vertrauen schenke.
Die neuen Männer.
Ministerpräsident Paul Painleve ist von Berus Mathematller und hat sich als solcher auch außerhalb seines Landes einen Rainen gemacht. So ist er nicht nur Mitglied der
französischen Akademie dec Wissenschasten (mem- bre de l Institut), sondern auch der entsprechenden Körperschaften in Stockholm. Upsala. Bologna und Rom. Politisch trat er erstmals während des Krieges als LI n t e r r ich t S m i n i st e r im Kabinett Driand hervor, ^inb bann 1917 als Kriegsminister im Kabinett Ribot. Im September des gleichen Jahres trat er selbst an die Spitze eines Kabinetts, bas sich jeboch nur bis zum 13. Rovember hielt und bann infolge allgemeiner Mißstimmung über die bis dahin mangelhaften Ergebnisse des Krieges fiel. An Painleves Stelle trat Clemenceau, der nun mit rücksichtsloser Entschlossenheit, namentlich im Innern, vorging. Rach dem Krieg wurde Painleve zwar wieder für das Seine-Departement in die Kammer gewählt, trat aber zunächst nicht weiter hervor, bis er noch den Wahlen von 1924 am 4. Juni zum Kammerpräsiden - t e n gewählt wurde. Rach dem unmittelbar folgenden Sturz des Präsidenten der Republik M i l l e r a n d durch die Linksparteien kandidierte er als dessen Rachfolger. unterlag aber unerwartet dem vom Senat bevorzugten Präsidenten des Senats D o u m e r g u e. der 515 Stimmen gegen nur 310 für Painleve erhielt.
Der neue Finanzminister Joseph Caillaux
ist zweifellos die bedeutendste Persönlichkeit des neuen Kabinetts. Ca llaux wandte sich nach dem Studium der Laufbahn eines Finanzbeamten zu. Daneben trat er als Deputierter für das Seine- Departement in bic Politik ein. Seine hervorragende Sachkenntnis — er schrieb u. a. ein großes Werk über „Die Steuern in Frankreich" bewirkten, daß Waldeck-Rousseau den frontal# erst 36jährigen Mann als Finanz- m i n i ft e r in fein Kabinett (1899 bis 1902) nahm. Don folgenben Kabinetten Combes. Rouvier und Sarrien gehörte er nicht an. Dagegen war er wieder Finanzminister im Kabinett (Sternen- < c a ii (Oktober 1906 bis Juli 1909). Briands beiben Kabinetten von 1909 bis 1910 blieb ec wieder fern. Aber im Kabinett Monis am 3. März 1911 war er abermals Finanzminister und bildete dann am 26. Juni 1911, als Monis zurücktrat, ein eigenes Kabinett, in dem er das Innere übernahm. Es war ihm Vorbehalten, die endgültige Marokio-Kongv-Ausein- ondersehung mit Deutschland vorzunehmen. Das für Frankreich an sich nicht ungünstige Ergebnis - es brachte ihm die volle Verfügung über Marokko — wurde jedoch von dem französischen Volk nicht anerkannt, da es nur mit der Abtretung eines Teiles von Französisch-Kongo an Deutschland erreicht werden konnte. Infolgedessen kam es im Januar 1912 zum Sturz Ca i l» [auf. Rach ihm bildete P o i n c a r ö sein Mi- nftreiium der nationalen Konzentration. Rach dem Sturz des Kabinetts Darthou wurde Caillaux in dem von Senator Doumergue gebildeten Kabinett am 8. Dezember 1913 Finanzminister. Im Frühjahr 1914 griff der Leiter des „Figaro" Gaston Calmette den Minister wegen seiner Saltung in der Rockette-Affäre wiederholt an.
n der Erregung üper diese Angriffe und um weitere Enthüllungen zu vereiteln, verübte Frau Caillaux am 16. März 1914 ein Revolverattentat auf Calmette. der an den Verletzungen starb. Infolge dieser Affäre trat Caillaux zurück. Der Vorfall bewirkte auch, daß C. während des Krieges zunächst ganz im Hintergrund blieb. Cs kam hinzu, daß er von seinen Feinden bald verdächttgt wurde, eine gütliche Einigung mit Deutschland anzustreben. Clemenceau ließ, nachdem er zur Regierung gekommen war, C. im Dezember 1917 in Untersuchung wegen angeb- heben Einverständnisses mit dein Feind ziehen und im Januar 1918 verhaf ten. Dis weit über das Ende des Krieges hinaus dauerte feine Haft. Erst nach deren 2' .jährigen Dauer hatte er sich vor dem Senat im April 1920 wegen Hochverrats zu verantworten. Die Anklage auf Hochverrat ließ der Senat zwar fallen. Doch ncrurtcUte er ihn wegen leichtfertig mit Unter» ianen feindlicher Länder gepflogenen Verkehrs zu drei Jahren Gefängnis, die durch die Untersuchungshaft als verbüßt erachtet wurden. Außerdem wurde Caillaux auf fünf Jahre ein Aufenthaltsgebot auferlegt sowie für zehn Jahre die bürgerlichen Ehrenrechte entzogen. Caillaux erklärte daraufhin, sich aus dem politischen Leben zurückziehen zu wollen.
Rach dem Wahlsieg des Linksblocks im Mai 1924 wurde ein Amnestiegeseh eingebracht, nach dessen Annahme Caillaux ins politische Leben zurücttehrte.
Der neue Außenminister Aristide Driand wurde im Jahre 1862 in dem bretonischen Städtchen Saint-Nazaire als Sohn eines kleinen Gastwirtes geboren. Er erhielt eine Frei-
tischem Gebiet wieder und wird die Verhandlungen mit den Staaten, mit denen es in neue Beziehungen eintritt, unter Festhalten am Prinzip der Meistbegünstigung führen. Dabei ist das Prinzip einer Abschließung des deutschen Marktes durch Hochschutzzölle völlig unmöglich. Die Verarmung des deutschen Volles gibt keine genügende Basis für den Absatz der deutschen Produllion. unfr ohne Steigerung des Exports ist die Lösung der Reparationsfrage unmöglich. Gegenüber der Balkanisierung Europas ergebt sich die Frage der Vergrößerung einheitlicher Wirtschaftsgebiete als entscheidend für die wirtschaftliche Zukunft. Wir
können auch nicht ohne den frischen Wind des fremden Wettbewerbes jjur höchsten Entfaltung der technischen Möglichkeiten kommen Richts war verderblicher für die deutsche Industrie als die Kriegswirtschaft und die konkurrenzlose erste Rachkriegszeit. Auch Zollunionen haben wir nach meiner persönlichen Meinung weniger zu fürchten als die Abschließung Europas in eigene ökonomische Wirtschaftsgebiete.
L.hten Endes bleibt auch unsere wirtschaft» llche Entwicklung abhängig von der Gestaltung der Weltpolitik. Wir sind durch die Machtpolitik anderer bis auf die heutige Stunde bedroht. Die Richtlinien unserer Außenpolitik
stelle aus dem Lyzeum in Nantes, studierte bann Rechtswissenschaften und wurde schon mit 20 Jahren Advokat. Er übte seinen Beruf in Nantes aus. bi: seine Beziehungen zu einer verheirateten Frau ruchbar wurden und seine politisch rechtsstehenden Kollegen ihn aus dem Stande stießen. Briand wandte sich nunmehr der > o z i a l i ft i s ch e n Presse zu, übernahm die Leitung des Blattes „Lauter n c", zeichnete sich aber weniger durch ein feuriges revolutionäres Temperament als durch kühle Ucbcrlegung aus. Dennoch errang Briand durch die üderzcugenbr Kraft seines Redetalentes Erfolge, wurde bald Generalsekretär der sozialistischen Partei und setzte seine Wiedereintragung in die Advokatenrolle durch.
In der Kammer trat Briand besonders bei den Beratungen über das Trennungsgesetz im Jahre r ■' > hervor. Am 13. März 1906 berief Sarrien Briand an die spitze des Unterrichtsministeriums, mit dem die Üullusangelegenheiten vebunden wurden. Damit übernahm der neue Minister die Aufgabe, das Gesetz das sein Werk war. auch auszusühren. Er ging vorsichtig zu Werke, indem er der Kirche manche Bor teile gewährte, und es gelang ihm. die Zttrchengüter langsam in die Hände Der als Rechtsnachfolger bezeichn.len bürgerlichen Anstalten zu bringen. Im Januar 1908 übernahm Briand das Justizministc,- rium und versuchte in dieser Stellung ohne Erfolg, die Todesstrafe abzuschaffen.
1909 übernahm Briand die Neubildung des Kabinetts und tat an die Spitze des Ministeriums des Innern.
Im August 1914 war er Iustizminister in D i - v i a n i s .Kabinett de breiteren Basis" und Bizepra- sident des Ministerrats im Ministerium der nationalen Verteidigung. Born 29. Oktober 1915 bis zum 17. März 1917 war er dann zum fünften und sechsten Male Ministerpräsident. 1016 arbeitete er mit L I o i) d George die „Pariser Erklärung" aus. die den Grundsatz der wirtschaftlichen Solidariiai bis zur Ersetzung aller Kriegsschaden zum Ziele hatte. Gegen die Meinung Elemenceaus betrieb er die Expedition nach Saloniki, deren schließlicher Erfolg natürlich seinem Ansehen weiter zugute kam
Briand ist erst dann nach Friedensschluß wiederholt in bemerkenswerter Weise hcrvorge- treten. Als ihm in der Kammersihung im Oktober 1919 vorgeworfen wurde, er sei seinerzeit in der Marokkopolitik zu nachgiebig gewesen, erwiderte er, er rechne cs sich zur Ehre an, alles Mögliche versucht zu haben, um jede Reibung mit Deutschland zu beseitigen, und wenn er je wieder in eine ähnliche Lage komme, so werde er wiederum genau so handeln. Rach dem Rücktritt des Kabinetts Leygues bildete Briand zum siebentenmal als Ministerpräsident am 14. Jan. 1921 unter schwierigen Verhältnissen ein ..Ministerium der nationalen Einigung". In diese Zeit fiel die Konferenz von Cannes, in deren Verlauf er von Poincar« gestürzt wurde.
Als leitender Minister hat er im Kampf gegen den Syndikalismus seine Stellung zum Sozialismus sehr bald wesenllich geändert, und im Jahre 1913 gründete er zusammen mit Darthou. Sichon, Millerand die Gruppe der Links- republikaner.
Der Iustizminister Theodore Steeg besuchte die Rechtsfakultät in Paris, wo er sich den Titel eines Laureat erwarb, und wurde dann Lehrer der Philosophie an mehreren Ly- ceen und Kollegien. Später wandte er sich fr>m Journalismus zu und betätigte sich als Mit- ar bei ter verschiedener Zeitung.n des Südwestens. Die politische Dühne betrat er 1904 zunächst als radikalsozialistischer Deputierter des Seine-Departements, das er feit März 1914 als Senator vertritt. 1911 wurde er ^Interrichtsminisier im Kabinett Monis' denselben Posten behielt er auch unter Caillaux bei, um ihn dann 1912 im folgenden Kabinett Poincarc- mit dem des Ministerium des 3nnern zu vertauschen. Dieses Portefeuille hatte er dann bei allem Wechsel der Kabinette ununterbrochen bis 1920 inne. Steeg ist, wie aus seinem Ramen hervorgeht, deutscher Abstammung, was ihm von seinen Gegnern oft vorgehalten wurde.
Verhinderter Mordanschlag ans Caillaux?
Paris, 16. April. (WTB.) Heute morgen um 10.30 Uhr wurde am Quai d'Orsay in der Nähe des Kammergebäudes ein Mann verhaftet, der durch fein auffallendes Benehmen die Aufmerksamkeit der Polizei erregt hatte. Es handelte sich um einen Bankangestellten, der. wie die Unter fuchung ergab, im Besitze eines Revolvers war und, wie r erklärte, die Absicht hatte, C a i 11 a u j z u töten. Aus dem polizeilichen Verhör ergab sich, daß man es höchstwahrscheinlich mit einem Geisteskrankenzutun hat. Er wurde dem Ge- fängnislazarett überwiesen.
können nur sein: Sicherung der Grenzen des Reiches, freie Entwicklung im Innern und Sicherung des Friedens zur Konsolidierung der deutschen Verhältnisse. Machtpolitisch: Gesten waren schon zu einer Zell verfehlt, wo wir die Macht besaßen: eine Geste, der die Tat nicht zu folgen vermag, schlagt gegen den. der sie ausübt. Ehre und Würde des Deutschen Reiches haben nichts zu tun mit starken Worten, sondern werden am besten gewahrt durch sachliche Arbeit und Pflichterfüllung. Was wir wollen, ist. daß man uns in Frieden läßt, dah wir un3 in Ruhe wieder aufrichten Dunen, um die Wohlfahrt unseres Volkes ;u sichern und um die übernom-


