Nr. p Zweites Blatt
In -en Klauen des Völkerbundes.
Don Professor F. Dreher, Friedberg.
Daß der sog. Völkerbund nicht nur die Kauernde Knebelung der „Besiegten", sondern auch deren Beleidigung und Verhöhnung bezweckt, ergibt sich auS der Genfer Entscheidung vom 14. d. M., wonach fortan ein Franzose über die Abrüstung Deutschlands und ein Italiener Über die Abrüstung Oesterreichs wachen soll.
Deutschlands völlige Entwaffnung ist seit Iahr und Tag durchgeführt, die in Versailles verheißene Abrüstung unserer Feinde jedoch in daS gerade Gegenteil verkehrt.
„Frankreich, einst der Gottesstreiter, heute Vorkämpfer der Menschlichkeit, künftighin Bannerträger der Ideale", wie Clömenceau am l l. Rovcmber 1918 in der französischen Kammer versicherte, verfügt heute trotz seinen nur 39,2 Millionen Einwohnern über'mehr Soldaten als die zehn europäischen Mächte Deutschland, Oesterreich. Ungarn. Bulgarien, Italien, Spanien, Riederlande, Schweden, Finnland und Litauen, obgleich diese Staaten eine Bevölkerung von 161,8 Millionen Menschen umfassen.
Der Völkerbund ist lediglich ein Werkzeug des internationalen Großkapitals, um, mit Hilfe französischer Bajonette, die Lüae von der Allein- schuld Deutschlands am Weltkrieg auszuschlachten. Und die Verewigung der Militärkontrolle bietet eine glänzende Möglichkeit zu planmäßiger Industriespionage, d. h. zur Ausschaltung Deutsch- larrds auf dem Weltmarkt.
Wie der Weltkrieg und der „FriedenS"- vertrag von Versailles, so soll jetzt das Schlagwort von der „deutschen Gefahr" den deutschen Wettbewerb, den deutschen Handel und die deutsche Industrie für immer erdrosseln.
Vach dem „Manchester Guardian" vom 4. Vovember 1921 hat kein Geringerer als Voller selbst, ehedem Präsident der Kommis- ston für die Entwaffnung Deutschlands, erklärt, bah, nachdem 18 Monate hindurch jedes Loch und jede Ecke kreuz und quer nach Waffen ab- gefucht feien, „Deutschland wirklich und tatsächlich entwaffnet ist".
Ferner schrieb General Allen, der Oberbefehlshaber der amerikanischen Besahungstrup- pen am Vhein, unter dem 29. April 1922 im «Rheinland-Tagebuch":
— -'Heute kam Oberst Eoc (der amerikanische Milltarattachö) auS Berlin. Er bestätigt den Inhalt seines vor kurzem geschriebenen Brieses die französische Abteilung der Kontrollkommission unter Vorsitz deS Generals Voller erkenne an daß Deutschland entwaffnet ist, daß aber politische Gründe erfordern, die Auf sIn düng versteckter Waffen, seien sie auch noch so gering und unbedeutend, an die Oeffentlichkeit zu bringen." (!)
Desgleichen erklärte General Allen unter dem 19. Mai 1922.
„General Dingham bestätigt, waS viele von unS schon wissen, dah Deutschland entwaffnet und unfähig ist, einen Krieg zu führen, da es weder Mittel noch Geschütze hat. Er spricht damit auch in VolletS Vamen." (I)
Ebenso versicherte der englische UnterstaatS- staatSsekretär Gut netz am 7. Mai 1922 Im Unterhaus:
,Unsere militärischen Berater sind vollkommen überzeugt, dah die Bestimmungen deS Der- trageS hinsichtlich der Uebergabe von Waffen und Munition in einem solchen AuSmaß erfüllt sind, dah fichergestellt ist. daß Deutschland gegenwärtig wirksam entwaffnet ist."
Selbst General Fach, der frühere Höchst- kvlmnandierende der französischen Armee, gestand am 7. Vovember 1924 im .Temps":
„2* Allemagne est, sanS aucun doute, matd- riellement dösarmöe": .Deutschland ist ohne jeden -Zweifel sachlich entwaffnet."
Die führenden Sachverständigen unserer Feinde geben also biS zum 7. Vovember 1924 unumwunden zu. daß Deutschland, umkreist von waffenstarrenden Vationen. völlig wehrlos zu Boden liegt, .daß aber politische Gründe erfordern, die Auffindung versteckter Waffen, seien sie auch noch so gering und unbedeutend, an die Oeffentlichkeit zu bringen."
Man kann also verstehen, bah den Ententemächten. den Vorkämpfern der heiligen Welt- demokratie und des wahren Dölkerfriedens. die Abfasfung des endgültigen Militürkontroll-De- richtcs wenig behogt. Denn er soll Deutschlands „bösen Willen. Deutschlands heimliche, die Wohlfahrt der edlen Menschbeit gefährdende Rüstungen vor aller Welt bloblcgen und die Verlängerung der völkerrechtswidrigen Ruhrbesetzung
Eietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Dverheffen)
und die Vichträumuna der Kölner Zone am 10- Januar d 3 rechtfertigen.
nrnnäS. au$ der in diesen Tagen fällige Miluarkontrollberrcht der Entente noch so hahnebüchen mit der offenkundigen Wahrheit umspringt ~ 0" von perversem Pazifismus verseuchte deutsche Michel wird reuevoll in Sack und Asche Buße tun und weiter .erfüllen" in der Heber- dtugung. daß der Feind .unser DesteS" will.
Herriot und die Sozialisten
Der französische Sozialistenkongreh von Grenoble ist unter vielem Hin- und Her- reden zu En>e gegamen. DaS Ergebnis wurde m einer Entschließung zusammengesaßt. deren Redaktion zwar viel Kopfzerbrechen und Mühe machte, aber doch ein Kompromiß zwischen den verschiedenen Richtungen zutage förderte, das im allgemeinen der Kammergruppe ein weiteres, allerdings nicht ganz bedingungsloses F e st - halten an der Unterstützung-Politik empfiehlt. Im wef^tlichen ist die En schießung darauf zurückzußihren, dah die Sozialisten fürchten, wenn sie der Regierung die Unterstützung entzögen, damit der Sturz des Kabinett- Herriot herbeigeführt we den könnte. Daran kann ihnen natürlich nich'S liegen, weil an seine Stelle vielleicht nicht gerade Herr P o i n c a r 6 treten würde, aber immerhin eine Persönlichkeit, deren Politik sich nicht von der PiincareS unterscheidet. Sie sind sich bewuht, dah die antiklerikale Politik Herriots die Gegnerschaft hat anwachsen lassen und daß diese mit weiteren Zuzug rechnen kann. Allerdings hat der Kongreß auch die Gelegenheit wahrgenommen. Herrn Herriot die Leviten zu lesen. Besonderen Anlaß gab dazu seine bekannte Hetzrede gegen Deutschland, deren öffentlichen Anschlag die Kammergruppe auch noch mit beschlossen hatte. Daß Herriot damit den Gang einer friedlicheren Aera der Besprechungen, die durch die Londoner Konferenz angebahnt war, unterbrochen hat, ist ihnen vollkommen klar geworden und von den ausländischen Genossen auch in teilweise scharfen Worten nahegelegt worden. Wie weit sich Herriot danach richten wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist, daß ihm sein Erfolg bei der RechtSoppofition vorläufig die Lust zu solchen Attacken genommen hat. so sehr, daß er nicht einmal auf die Rede des Reichskanzlers vor den ausländischen Pressevertretern antwortete. Der Reichskanzler hat In seinen letzten Reden wiederholt die Der- handlungSbereitschaft der deutschen Regierung ?um AuSbruck gebracht und damit dem franzo- ischen Ministerpräsidenten Gelegenheit geboten, zur Methode der Verhandlungen zurück-.ukehren. Dessen alleinige Schuld ist es nun. wenn jetzt durch unfruchtbaren Rotenwechsel die Lage nicht geklärt, sondern durch Verzögerungen eher verschärft wird. Die Kontrollnote wird schon zeigen, wie weit die Regierung Herriot zu einer Verständigung bereu ist.
Der Landkreistag zum Finanzausgleich.
Der LlandkreiStag vertritt einen zwischen den Absichten des ReichsttnanzministeriumS und den Forderungen der Änderregierungen vermitteln- den Standpunkt. Die Lösung soll, ohne daS Reich zu beschweren, Länder und Gemeinden vor AuStällen schützen und doch daS bisherige Quoti- sierungslhstem beseitigen. Zwar wird auch der völlige Verzicht des Reiches auf Einnahmen aus der Einkommen- und Körperschaftssteuer gefordert, dagegen sollen Länder und Kommunen künftig nicht mehr an der Umsatzsteuer beteiligt werden.
Besonders betont werden vom LandkreiStage die Belange der Wirtschaft, die vor Ueber- lastung zu schützen sei. Deshalb soll — gleichzeitig als starke Hervorkehrung der Reichseinheit — daS materielle wie das formelle Steuer- recht (also auch die Einkommensteuer und die Realsteuern) durch Reichsgesehe geregelt werden. Wenn auch die Verwaltung grundsätzliche Landeslache sei. fv wird doch zunächst nocb die Veranlagung der Einkommen- und KörperschaftSst euer den Reichsfinanzbehörden zu belassen, die Erhebung dagegen den Gemeinden zu übertragen fein; auch sollen die Gemeindevrgane in den SteuerauSschüfsen maßgebende Beteiligung finden.
Die Einkommen- und Körperschaftssteuer würde mit Grundbeträgen, die aber in den einzelnen Ländern über einen festen Mindestbetrag erhöht werden können, den Ländern zustehen. Dazu werden aufs entschiedenste wie feit jeher
vvm LandkreiStage die Gemeindezuschläge gefordert Höchstsätze hält« mit den Tarifen utw. daS Reich-recht au bestimmen. Die Ausfälle der Gemeinden auS der bisherigen Umsahsteuerbetei- ligung soll z. D. in Preußm der Verzicht deS GtaateS auf die Grundvermögens st euer ausgleichen. während daS Land statt dessen und statt seines Umfatzsteucranteils sich auS den Grundbeträgen der Einkommen- und Körperschaslssteuer schadlos hält. Verluste der Kreise bei dieser Regelung werden durch gerechtere Verteilung der HauSzinSsteuer ausgeglichen.
Alle- in afiem soll der finanzielle Besitzstand im selben Verhältnis wie bisher bei Reich. Ländern und Gemeinden gewahrt bleiben; das Ziel ist nicht Korrektur, sondern Auflösung des bisherigen Finanzausgleichs, soweit er Sleuer- betctligung'n betrifft Die Gesamtreform soll am 1. April 1926 in Kraft treten.
Aus der Provinz.
Landkrcts toicßcn.
& L i ch. 16. Febr. Der hiesige Turnverein. der größte Verein am Platze, hielt am Samstagabend Im .Holländischen Hof" seine 6 5. ordentliche Generalversammlung ab. Der Besuch war vorzüglich. Vachdem die Versammlung der im abgclauiencn Iahre verstorbenen Mitglieder (Ehrenmitglied W Schnabel, Karl VuolauS, Hch. Vogt III., Ehristian Schmidt und Ehrenmitglied W lh. LangSdors) ehrend gedacht hatte, erstattete der erste Sprecher. Reinhard Zimmer, den Geschäftsbericht, dem zu entnehmen war. daß ein wechselvolles und an turnerischer Tätigkeit sehr reges Iahr abgeschlossen worden ist. Die Mit- gliederzahl ist auf 335 angestiegen. Zur Erledigung der Geschälte fanden 10 DorstandSsitzungen und eine Mitgliederversammlung statt. Die Bezirks- und Dauveranstaltungen wurden rege besucht. Durch mehrere lokale Veranstaltungen konnte der Verein hier am Orte werbend für die deutsche Turnerei tätig sein. Die von den Turn- toarlen Christian Zimmer und K a r l L u d- w i g erstatteten Turn berichte konnten viel Erfreuliches mitteilen. Beim Männerturnen war ein UebungSabend durchschnittlich von 33 Turnern, beim Frauenturnen durchschnittlich von 13 Turnerinnen besucht In der Schülerstunds waren durchschnittlich 25 Teilnehmer anwesend. Bei auswärtigen turnerischen Veranstaltungen wurden zusammen 24 Siege an die Fahne deS Vereins gehestet, darunter ein Mustert igensieg auf dem Gauturnfest in Biedenkopf mit der Rote „gut“. Die von Kaufmann Paul Köhler gestifteten Wanderpreise wurden im DereinSwettkampf zu in dritten Male von dem Sumer Karl Volz und dem Iugendturner HanS Müller errungen und ginnen damit in den endgültigen Besitz der Sieger üoer. Die von dem Kassenwart H r ch. Vater sorgfältig geführte und von den Turnern H. H o h n e l und E. Buh geprüfte Rechnung schloß mit 1781 Mk. in Einnahme und 1709 Mk. in Ausgabe ab. Der Kassenwart .dem Entlastung erteilt wurde, erntete für seine mühevolle Arbeit den Dank der Versammlung. Die Verlesung der durch den langjährigen Schriftführer, Kaufmann Moritz Goldschmidt, sehr gewissenhaft aus- getertigten Verhandlungsschriften gab darauf nochmals einen interessanten Einblick in die Einzelheiten der vielseitigen Iahresarbeit Die Vorstandswahl hatte folgendes Ergebnis: Für den 1. Turnwart Chr. Zimmer, dem für seine Tättgkeit der Dank der Versammlung übermittelt wurde, wurde, da er eine Wiederwahl ablehnte, auf Vorschlag der Turner- schaft einstimmig Karl Volz gewählt. Turner Heinrich Volz wurde als erster Vorturner bestimmt. Die weiter ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder wurden wiedergewählt: 2. Schriftführer Chr. Vater. Kassenwart Hrch. Vater, 2. Beisitzer Fritz Schmidt Verschiedene verdiente Mitglieder konnten geehrt werden. Dem langjährigen Vorturner und Turnwart Fr. Schmidt wurde für 25jährige ununterbrochene aktive turnerische Tätigkeit eine kunstvolle Ehrenurkunde überreicht, während die Turner Karl Volz (Gärtner). Karl Ludwig Schmidt und Hermann Ihring zu Ehrenmitgliedern ernannt wurden. Der wichtigste Punkt der Tagesordnung »Erweiterungsbau der Turnhalle" führte, nachdem Dauinspektor Hermann den von ihm entworfenen Plan erläutert, zu einer sehr regen Aussprache, deren Ergebnis die Wahl eines besonderes Ausschusses war. der mit dem Vorstand die ersten Vorbereitungen t-elfen wird, vor allem in der Frage der Geldbeschaffung gangbare Wege zeigen soll. Um 1 Uhr nachts formte der 1. Sprecher die von gutem
Dienstag, (7. zevruar (925
Turnergeist bettelte Versammlung mit einem begeistert aufgenommenen .Gut Heil auf den Verein und die Deutsche Tumerfchatt schließen.
ri L i ch. 16. Febr Gin bei den Turnern des ganzen Gaues Helsen bekannter und beliebter Mann. Turnlehrer Wilhelm Heinrict LangSdors. wurde gestern hier zu Grabt getragen. Die Kampfgenossen, »u denen er als Mitkämpfer im Kriege 1870 gehörte den er als Darmstädter Dragoner milgemacht hat. unk der Turnverein gaben ihm das Geleite: junge Turner trugen seinen Sarg zum Grabe. In dem .alten, lieben LangSdors' hat Lich einen Mann verloren der über 50 Iahre lang der Turnfache diente mit nimmermüder, idealer Begeisterung. Im Dienst an den hier untergebrachten Zöglingen deS Frankfurter Waisenhauses hat er sich ein halbes Iahrhundert lang als rechter Iugendfreund und Iugend- pfleger bewiesen, und als Turnlehrer und Bademeister an der Städtischen Schwimmanstalt war er bei jung und alt beliebt als ein rechtes Bild eines kernhaften. ausrichttgen und dabei anspruchslosen deutschen ManneS. Dem gaben Ausdruck die überaus zahlreichen Rachrufe und Kranzspenden an seinem Grabe.
Rodheim a. d. Horloff. 16. Febr. An Sonntag hielt der hiesige Gesangverein Sänger kränz seinen diesjährigen Familienabend ab. Die theatralischen 'Darbietungen. die zur Vorstellung gelangten — Arbeitertreue. Der Fremdenlegionär. Die Kraniche des IbykuS — waren nicht nur gut au-gewählt, sondern auch gründlich durchgearbeitet und von den Darstellern sehr gut versaßt. Die Chöre des Vereins bewiesen auss neue, daß der Verein über gute Kräfte und einen fähigen Dirigmten verfügt. Das ganze Programm war in feiner Anordnung fein abgestimmt. Der Verein hat feine Schuldigkeit getan zur Freude unseres Dorfes.
A Burkhardsfelden. 15. Febr. Am Freitag fand hier ein gut besuchter Gemeinde abend statt, auf dem Pfarrer Marguth- Winnerod einen fesselnden Vortrag hielt über den indischen Weisen Sadhu Sundar Singh. Der zweite Teil deS Abeirds brachte die Darbietung einer großen Reihe schöner Lichtbilder des Maler- Rudolf Schäfer durch den Ortspsar.er. unter dem Leitwort „Der Weg zu Gott". Gemeinsame Gesänge umrahmten die Vorträge. Eine Sam in- lung für den Wiederaufbau des durch Brand zerstörten Ulrichsteiner Kirch- t u r m 8 erbrachte einen schönen Betrag.
• Lollar. 16. Febr. Am Samstag hielt unsere „Sängervereinigung" bei ihrem Dereinswirte Heinr. Heltche im Gasthaus .Zum Schwanen" ihren diesjährigen Familienabend für die aktiven Sänger ab. Wie alljährlich, so war auch diesmal ein reichl-altiges Programm zusammengestellt worden, da- für die Unterhaltung bestens sorgte. Vorzüglich gespielte Konzertstücke der verstärkten Haus kapelle Lhnker wechselten mit flotten Theaterstücken und gut vorgetragenen Couplets in bunter Reihenfolge ab, und wirkungsvolle Vorträge der Sänger verschönten die harmonisch! Feier. Ein Kaffeekränzchen beendete das offizielle Programm und ein gemütliches Tänzchen hielt die Teilnehmer bis in die frühen Morgen stunden zusammen.
• Geil-Hausen. 16. Febr. Bei der heutigen Holzsubm ission auf unserer Bürger- meisteret ergaben sich folgende Höchstpreise: Fichtenstämme 1. Kl. 46 Mk., 2 Kl. 40.15 Ml.. 3. Kl 37,25 Mk.. 4. Kl. 32 Mk., 5a Kl. 32,20 Mk., 5b Kl. 23.10 Mk.; Kiefernstämme 1. Kl. 48 Mk.. 2 Kl 42 Mk.. 3. Kl. 38 Mk., 4 Kl 28,10 Mk., 5. Kl. 20 Mk. je Festmeter.
* Harbach, 16. Febr. Der Gemeinde- rat verpachtete frei händig an den seitherigen Iagdpächter die hiesige Gemeindejagd zum Preise von 1103 Mark jährlich. Wie man hört, wird diese freihändige Verpachtung angefochten werden, oa ein Liebhaber der Iagd trotz seines Ersuchens, vor der Verpachtung rechtzeitig denachrich- ttgt zu werden, nicht benachrichtigt war. Ein * Prctestschreiben an den Gemeindevorstand ist bereits eingegangen und der Rekurs bei der übergeordneten Stelle wird wohl nicht verbleiben, zumal in einem analogen Fall die Verpachtung nicht genehmigt und eine neue öffentliche Verpachtung angeordnet wurde. Wenn unsere Gemeinde dabei, was zu erwarten ist. einen Mehrerlös erzielt, so wärc das im Interesse der Gemeindekasse wohl nur zu begrüßen.
Klabunö: „Der KrciMrcis".
Zur morgigen Aufführung im Etadttheater.
.Der Klabund ist ein überaus farbiger Kugelkäfer, dem feine natürliche Buntheit noch nicht genügt. Wo immer er etwa- Farbiges findet, rollt er sich darin herum, so lange, bis er auf seinen kleinen Stacheln einiges davon aufgespießt hat. was ihn noch bunter erscheinen läßt, als er ist. Solches macht dem Klabunde Spaß."
So schildert Franz Blei den Dichter des „Kreidekreises" in seinem „Großen Destarium der Literatur". Und so ist er in der Tat, der Apothekersfohn aus Crossen an der Oder: Wo er etwas BunteS sieht, rollt er sich darin herum. Hier fand er. nach Li-Tei°Pe und der chine- stschen Flöte, das alte Drama des Li-Hing-Tao. der um die Wende des 13. und 14. IahrhundertS lebte, den Kalkzirkel, Hoei-lan-ki (bei Re- cTam Rr. 768 von Wollheim da Fonseca bearbeitet), spießte ihn auf seine Feder und übergab ihn uns als ,5t r ei befrei s".
Klabund ist von der Lyrik her an das Stück 5eran9cf°mmen. Diese Einstellung darf man auch im Theater nicht vergessen. Denn hier handelt es sich nicht um ein Drama im strengen Sinne. Ss ist ein Spiel, das .dem Klabunde Spaß" gemacht hat. Und mit demselben ernsten Eifer, mit dem sich da- Kind mit feinem Spiel beschäftigt, hat sich Klabund mit feinem Spiel abgegeben. Cs ist nichts absolut Reues das Thema. Schon das Alte Testament kennt die Geschichte von dem Urteil des Königs Salomo. Bei Klabund sieht es farbiger aus: Da wird ein Kreide- bet- gezogen. auS dem die streitenden Frauen t>a* Kind herauSreißen sollen. Dreimal müssen
sie das bei Klabund tun, und dreimal läßt die Mutter den Arm deS Kindes der fremden Frau. Dann geht's aber weiter. DaS ist erst das Rohmaterial. Das Kind gehört seiner Mutter — aber da stellt sich heraus, dah sein Vater der Kaiserliche Herr selbst ist, der als Prinz Pao vor noch nicht IahreSfrist ein Tee- »Hausmädchen. die schone Tschang-Haitang kennen gelernt hatte. So haben wir den Kaiserpalast, so haben wir die Teehausstube, in _ denen sich der Klabundkäser kugelt. Die schone, reine Tschang-Haitang wurde nach ihrem nur eintägigen Teehausaufenthalt die Frau des bösen Herrn M a, eines reichen, sehr reichen ManneS. der eine böse, sehr böse Frau hat. Darm kommt wieder die bunte Geschichte: Der böse Herr Ma wird durch die schöne, gute Tschang-Haitang selbst schön und gut und edel, und seine böse, böse Frau wird ganz, ganz böse. Eie vergiftet sogar ihren Mann und schiebt die Tat der Rivalin Haitang zu. Und barai kommt das Gericht mit seinen Schergen und der Gnadenakt vor dem Kaiser. So etwa läuft die Handlung.
Aber nun das Wichttaste. Die Sprache: Sie ist blumenreich. leicht beschwingt. voller Musik. Sie fordert heraus zu rhythmischem Unterstreichen. Alles bleibt Märchen (einige Härten ausgenommen, bie_ sich leicht streichen lassen). Der zarte Hauch östlicher Luft bleibt in der deutschen Sprache lebendig. Alles ist nicht plastisch, sondern flächig. alleS ist nicht gern schtfarbig. sondern stark einfarbig betont, febr bunt, sehr bestimmt. Richt- verschwimmt, alles hat flare Umrisse, nichts ist natürlich, sondern stilisiert. Alles. Menschen, Handlung, Sprache ist auf die Ebene der Wundererzählung projiziert, von der wir eS ablesen müssen.
Richt also deutscher Märchenwald. keine Ge» bemrniffe, keine GemütStiefe, sondern östliche Klarheit, die alles Erleben in leichteste Form gießt, die den Schmetterllngsflügel unb den dunklen Drachen erdachte und die tausendarmige Gottheit.
Und deshalb, um einer Wertung des Stückes nicht auS dem Wege zu gehen: Der „Ärcibe- kreis" ist kein Ausrufungszeichen, weder am Abschluß noch am Beginn einer Literaturepoche. Er ist aber ein Werk (wenn auch einer kleinen Eitelkeit deS Klabund-Käferleins entfbrungen), das geglückt ist. Ein Werk, an dem man nicht vorüberg-'hen sollte, ein Werk, das einen schonen, klaren, stillen, Hellen Ruhepunkt der gegenwärtigen Schaffensperiode Klabunds und des deutschen Theaters darstellt. e-s.
Begegnung mit einem Kinde.
Es war gegen Mittag, und ich schlenderte noch eine Weile ziellos auf und ab. ohne an etwas zu denken und nur die würzige Frühlingslust trinfenb. Die ©ernte schien warm und die roten Dächer von Wieleck grüßten leuchtend herüber zum Rande der Stadt. Ich ging ganz langsam die Hände auf dem Rücken. Die breite Krempe meines Kalabresers hielt aufdringliche Sonnenstrahlen fern. Alle Dinge liegen gleichsam .draußen", wenn man unter ihm in die Welt schaut. Man wird fo eigenartig mild und gut, ttx-il einem alles ein wenig entfernt liegt, ohne Anspruch auf persönliche Fühlung zu verlangen, die gerne mit Enttäuschung und oft mit Schmerz endet. Man kommt sich vor fast wie der liebe Gott. Alle Menfchen. die irgendwie künstlerisch schaffen, lieben diesen leichten Abstand. Den Dingen gegenüber und den Menschen. Man ertennt sie mitunter an ihrem Reicheren; immer
an ihren Augen. Aber ich spreche von meinem Hut und wollte ja von etwas ganz anderem erzählen:
Plötzlich kam eine Kinderstimme in mein Träumen. Mit einer jener kleinen Wichtigkeiten, die es unter Erwachsenen zu enfant terribfe machen. Ich mußte lächeln. Und wie ich aus- schaute, sah ich in zwei du alle Frauenaugen, die mein Lächeln Wiedergaben. Ich zog den Hut und grüßte. Unb bat Kind wollte auf einmal mit mir spazieren gehen. Es gab mir sein kleines Händchen. Aber bann war es schon wieder bet seinem Buch, einem Kalender von vergangenem Iahr, wie man ihn in Papiergeschäften geschenkt bekommt. ES schleppte wohl ein Drittel seines kleinen OebenS da in der Hand m:t herum. Und ich schaute, hinein und sah all die Tage, die es ausaefüllt hatte mit seinen kleinen Wichtigkeiten, Freuden und Leiden. Lachen und Weinen.
So sprach ich ein paar Worte zu der Mutter. Richt zu jener Dame, die ich nicht kannte und wohl nie kennen gelernt hätte. Rur zu den Augen, die mir im Lächeln über einem Kind begegnet waren. Wir gingen wohl hundert Schritte so nebeneinander und plauderten gan, leicht, bis ich tief arüßenb heimwärts atng' noch einmal das Händchen des Kindes zwischen meinen Fingern fühlend.
Da nahm ich meinen Hut ab und ließ mu die Sonne voll inS Gesicht scheinen. Denn daS war das Schöne gewesen: daß zwei erwachsene Menschen vor dem Kinde flein geworden waren, dah eine Maske gefallen war. die ach. so manchen sein Gesicht berufen läßt, daß Menschliches aufstand vor dem Kinde "nd für wenige Minuten hell lohte: Eine reine Flamme.
e-S.


