Nr. U4 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 16. Mai 1925
Außenpolitische Umschau.
Don Prof. Dr. Otto Hvehsch, M. d. R.
Der Amtsantritt des neuen Reichspräsidenten liegt hinter uns. Ein Aufatmen gehl durch das Dolkl Richt als ob sich jetzt mit einem Male alles, alles loenden würde Aber was ist das doch für ein Fortschritt, daß jetzt ein Mann über den Parteien steht, zu dessen Wort und Festigkeit alles Vertrauen hat, ein Mann von vorbildlicher Pslichterfüllung und Deranlwortungs- bewußlscin Reichspräsident ist! Und zur Aus) en- Politik noch einmal, deren Grundlagen ändert dieser Wechsel nicht, aber der Rame des Marschalls bürgt dafür, das; nichts in der Außenpolitik gegen die LebenSinteressen unserer Ration geschieht, und das; der Kampf um die Auhcn- Politik aus dem Parteigezänk, in das die Linke ihn immer sofort umwandelte, herausgehoben wird.
Jetzt drängen die großen außenpolitischen Fragen Westeuropas ^ur Entscheidung. Was England darin will, weist alle Welt. Wie Rord- amertka dazu steht, hat die Rede seines Botschafters in London am 4. Mai ausgesprochen. Deutschlands Haltung ist ebenfalls klar. Das Moment der Unsicherheit und der Unruhe bleibt nach wie vor Frankreich.
An Frankreich ist die Reihe, ruft die englische Presse ihm zu, und auch ein Teil der französischen Presse hat Verständnis für die Bedeutung der heraufziehenden Entscheidungen. Aber Frankreichs innere Lage, die Lage seiner Regierung ist nach wie vor unsicher und schwankend. Gewiß haben die Gemeinderatswahlen, die in Frankreich rein politische Wahlen sind, die Mehrheit des 11. Mai 1924 erneut gebracht. Das ist moralisch von Bedeutung, weil die Mehrheit des französischen Volkes erneut den Willen zur friedlichen Demokratie ausgesproche.n hat. Aber die Erneuerung des Senates, für die diese Wahlen von Bedeutung sind, wird erst im Januar nächsten Jahres stattsinden, und bis dahin bleibt der Senat, was er ist. Er will eine Konzentration der bürgerlichen Parteien gegen die Sozialisten. Diese aber sind ein wesentlicher Teil, die eigentliche Stütze des Kartells der Linken, das in der Kammer die Mehrheit hat. Was diese Mehrheit aber will und wünscht, steht im Widerspruch zu dem. waS zwei der lvichtigsten Minister anstreben und wünschen. Sowohl Ea illau f in der Finanzreform wie noch mehr B r i a n d in der Außenpolitik sind, sobald es an das Sachliche geht, tatsächlich Vertreter eines Rechtskurses. Bei den praktischen Entscheidungen wird dieser Widerspruch Darm sofort aufbrechen
Gerade nun. als die Vorbereitungen für die Weiterführung der Kontrollnote und Sicher- heitSfrage in Gang kam. hat für Frankreich ein Abenteuer begonnen. Mehr ist ja zunächst der Einbruch der Kabhlen in die französische Jone von Marokko nicht. Aber es ist nicht anderS: Frankreich hat dabei wieder Krieg zu führen, und bas paßt schlecht zu einer Friedenspolitik. Ein solcher Kolonialkrieg, wie böse Erfahrungen beweisen, kann unabsehbare Folgen haben, sehr lange dauern und vor allem sehr viel Geld kosten.
Er wird in Amerika ganz gewiß nicht günstig wirken. Er bringt Verwicklungen oder jeden- salls Auseinandersetzungen mit Spanien. England. Italien mit sich Denn wenn Spanien schon verständigerweise einen ganzen Teil seiner Jone geräumt und preisgegeben hat. und wenn nun Abd cl Krim ein selbständiges Reich im Rif anstrebt, darin sogar, wie jetzt in die französische Jone übergreift, dann rollt sich ja mit einem Male die ganze Marokkofrage wieder auf. Abd el Krim hat den französisch-spanischen Protektoratsvertrag von 1912. der die Zonen abgrenzte, niemals anerkannt. Und dieser Vertrag ebenso wie der französisch-spanische von 1905 werden natürlich berührt, wenn Spanien selbst seinen Einflußbereich verringert. Es muß Frankreich naheliegen, danach einzurücken, und dabei stoßt es eben auf die Selbständigkeitsbewegung dieser Kabhlen. Das ganze Gebäude, das vor 20 Jahren aufzuführen begonnen wurde, gerät dabei ins Schwanken.
Und vor allem nochmals: Das kostet Geld. Eben hat C a i l l a u x verlangt, daß 31 Milliarden Franken mehr zur Deckung des Budgets aufgebracht werden müssen. Ein Kolonialkrieg aber ist ein Faß ohne Boden. Das paßt nicht zueinander und so ist das ganze eine Ablenkung, die sicherlich am Quai d'Orsay als sehr unangenehm und unbequem empfunden wird.
Driand zögert offensichtlich. Wie er steht zu Militärkontrolle und Sicherheitssrage. dies
aber ist zu erkennen. Er will leinen festen Termin für die Räumung von Köln^ will die Möglichkeiten der Kontrolle so lange ir. möglich ausdehnen. ist deshalb iüc den englischen Vorschlag. der am 16. 8. mit Ler gar. i Sache Schluß machen will, nicht zu habe Er betont ferner, daß ein Vertrag wie der Sicherheitspakt vom Völkerbund nur registriert werden könnte für Staaten, die Mitglieder |j?n. Er fordert also, daß Deutschland im Völkerbund sei, bevor der Siäxrheitsvertrag in 2£: lang treten könn» Er erklärt sich nur zur gor.in ung bei Verhandlungen bereit, laßt fo gewissermaßen England zappeln und behält die Leitung der Diskussion in der Hand.
So verschieden ist offensichtlich die ganze Grundlage der Verhandlungen. Ohne daß Sicherheit in der Militärkontr o l l- frage und der Räumungsfrage gegeben ist, kann Deutschland sich in die Fortsetzung der Sicherheitserörterung nicht ein lass en. Und daß es in den Völkerbund eintrete, bevor die Räumung und Kontrollfrage erledig ist, bevor die Sicherheitsdiskussion zum Abschluß gekommen ist. bevor Deutschlands Einwände gegen den Völkerbundseintritt berücksichtigt sind, das ist ausgeschlossen.
In England und Amerika, vielleicht auch in Frankreich, hat man ein Gefühl dafür, was es bedeuten würde, wenn eine Verständigung, die eine dauernde Befriedung Europas herbei- führte, jetzt mit einem Deutschland gelange, an dessen Spitze der Marschall von Hindenburg steht und dessen Politik von den Bürgerlichen und Rechtskreisen bestimmt und gestützt wird. Aber wir vermissen noch die Einheit, daß dann eben den Lebensinteressen Deutschlands Rechnung
getragen werden muß, dah es als gleichberechtigt in der ganzen Auseinandersetzung behandelt wird, daß Zugeständnisse, die man von ihn: beansprucht. auch von der anderen Seite gleichwertig und gleichmäßig gemacht werden. Und eine Verhandlung unter Gleichster echtig- ten i st e s eben nicht, wenn in dieser unwürdigen Weise, wie bisher, die Mili'äriomroll. note über Deutschland schwebt, wenn man diesem überhaupt nicht sagt, was man ihm vvrwirst, wenn man dieses Deutschland an- (lagt, den Wortlaut der Anklage ihm vor enthält und es zugleich vorder schon verurteilt, und auf diese Weite durch die ganze Welt hin Stimmung gegen Deutschland macht.
Auf diesem Wege kommt ganz bestimmt die Verhandlung, die jetzt beginnt, nicht zu einem Ziele, wie es die englische Politik anstreb! und die amerikanische Politik wünscht. Wir sehen zu, wer von den beiden der gescheitere und zielbewußtere sein wird, B r i a n d oder E h a inst e r l a i n. Wir sehen mit gesteigertem Mißtrauen, wie England, wenn die Verhandlungen so sich zuspitzen, regelmäßig Frankreich zu Un- qunften von Deutschland nachgab. Ratürlib macht sich daS die englische Politik heute auch klar Von ihr hängt es ab, wie weit sie Frankreich vorwärts treibt, und zu Zugeständnissen bringt. Die Linie der deutschen Außenpolitik ist eindeutig gezogen und damit auch die Grenzen, über die die deutsche Politik nicht hinausgehen kann. Wird das nicht auf der anderen Seite anerkannt und berücksichtigt, so scheitert eben der ganze Plan, dessen Ausführung biS zum September sich die Herren Baldwin imb Ehamberlain vorgesetzt hatten!
Heeresfachschulen im Dienste der Wirtschaft.
(Rachdruck verboten.)
Alljährlich wird eine Anzahl Freiwilliger nach Abschluß der zwölfjährigen Dienstzeit aus dem Heeresdienste entlassen, die nicht allein durch die strenge Pflichtschule des militärischen Dienstes gegangen, sondern auch für den erwählten Zivilberuf durch die Heeresfachschulen vortrefflich vorgebildet sind. Sie können daher besonders Anspruch auf das volle Vertrauen aller Arbeitgeber erheben. An ihrer Unterbringung im Zivilleben mitzuwirken, ist vaterländische Pflicht. Rur die Aussicht auf spätere günstige Unterbringung in Zivilstellen wird dem Reichsheere einen Ersatz schaffen, der es in die Lage setzt, gesicherte innere Verhältnisse zu gewährleisten und damit die Erstarkung von Reich und Wirtschaft zu sichern.
Es werden vier verschiedene Heeresfachschulen unterschieden, die entsprechend der Berufswahl des Freiwilligen die Berufsausbildung durchführen: ..Heeresfachschule für Verwaltung und Wirtschaft". ..Heeresfachschule für Landwirtschaft", „Heeresfachschule für Gewerbe und Technik", „Heeresfachschule für Forstwirtschaft". Als fachmännische Leiter der Heeresfachschulen sind die Truppenunterrichtsleiter bestellt. Sie beraten die Kommandeure in Unterrichtsangelegenheiten und sind sowohl diesen, als auch allen vorgesetzten Stellen für den Geist und Erfolg des Unterrichts, sowie die richtige Zusammenarbeit aller Lehrer verantwortlich.
Der Unterricht der Heeresfachschulen läßt sich in zwei Unterrichtszweige gliedern: a) den Fortbildungsunterricht, b) den zivilberuflichen Unterricht. Der Fortbildungsunterricht wird nur in der Unterstufe der Heeresfachschule für Verwaltung und Wirtschaft erteilt. Die Vorprüfung, der sich alle Mannschaften des 3. Dienstjahres zu unterziehen haben, entscheidet über die Einstufung in die Klassen der Unterstufe sowie über eine vollständige oder teilweise Befreiung vom Unterricht. Teilnahme ist Pflicht. Der Unterricht hat die Aufgabe, die von der Schule mitge- brachten Kenntnisse aufzufrischen und zu ergänzen. Er beginnt im 4. und endet im 6. Dienstjahre Leute, die das Jahresziel nicht erreichen, bleiben sitzen. Für sie verlängert sich der pslichtmäßige Unterricht entsprechend. Der zivilberufliche Unterricht beginnt im allgemeinen im 7. Dienst jahr. nachdem sich der Freiwillige — nach erfolgter Berufsberatung durch die Vorgesetzten — für die Beamtenlaufbahn, einen landwirtschaftlichen, gewerblich-technischen Beruf oder die Försterlaufbahn entschieden hat. Vorbedingung der Zulassung ist: a) Urteil des Komp.-Chefs ufto., daß die militärische Führung
und Leistung des Freiwilligen genügt, b) Rach- weis der zum erfolgreichen Abschluß des Fortbildungsunterrichts erforderlichen Kenntnisse (Urteil der Lehrer). Teilnahme ist freiwillig. Wer am zivilberuflichen Unterricht nicht teilnehmen will, muß eine schriftliche Erklärung abgeben und allen Ansprüchen entsagen, die er etwa auf Grund weiter genommenen Unterrichts erheben könnte. Für das Unterkommen dieser Freiwilligen kann in Anbetracht ihres Verzichtes auf den zivilberuflichen Unterricht nach Dem Ausscheiden durch die Militärbehörde nicht gesorgt werden. Mangelhafte militärische Leistungen und Führungen können zur Zurückstellung oder zum sofortigen Ausscheiden aus dem Unterricht führen.
Die Heeresfachschule für Verwaltung und Wirtschaft
soll die Angehörigen der Wehrmacht aus die Tätigkeit als Beamter des öffentlichen Dienstes, als Privatbeamter oder als Kaufmann vorbereiten. Die Unterrichtsfächer der Beamten- antoärter sind: Deutsch, Rechnen. Geschichte. Geographie. Volkswirtschaftslehre, Gesetzeskunde, Fremdsprache. Staats- und Verwaltungskunde, Physik. Chemie. Kurzschrift und Maschinenschreiben. Der Lehrplan ist so gestaltet, daß er die befähigten Schüler bis zur Obcrfctunbareife führt. Im 11. Dienst jähre findet die Abschlußprüfung statt. Dem Prüfungsausschuß gehören auch die Vertreter der Anstellungsbehörden (Zoll, Bahn, Post, Steuer usw.) an. Rach den wissenschaftlichen Anforderungen wird eine Abschlußprüfung I und II unterschieden. In der Abschlußprüfung I werden die Kenntnisse verlangt, die zum Eintritt in die Besoldungsgruppe I—V (VI) befähigen. Die Abschlußprüfung II fordert den Rachweis der Allgemeinbildung für den Eintritt in die höheren Stufen des mittleren Deamtendienstes (Bes. Gruppe VII) ohne Vorprüfung, wie sie der Besuch der Heeresfachschule bis zum Abschuß vermittelt. Die Unterrichtsfächer der Anwärter für den Beruf als Kaufmann sind: Handelskunde und kaufmännischer Schriftverkehr, kaufmännisches Rechnen, Buchführung, Handschrift. Kurzschrift, Maschinenschreiben. Deutsch, Fremdsprache. Geschichte. Geographie, Volkswirtschaftslehre und Gesetzeskunde. Die Abschlußprüfung erfolgt ebenfalls im 11. Dienst fahr. Ein Vertreter der Handelskammer oder der örtlichen Vereinigung der Kaufleute nimmt an der Prüfung teil. Truppenunterrichtsleiter ist ein hauptamtlich an- gestellter Studienrat. Als Lehrkräfte stehen diesen nach Bedarf Haupt- oder nebenamtlich angestellte Elementar- oder akademische Lehrer zur Verfügung. In Gießen sind beispielsweise
11 Lehrer > meist Studienassessoren) für bcu Unterricht an der Schule verpflichtet.
Die Heeresfachschule für Landwirtschaft soll diejenigen vraktischen Ke mtn sse und Fähigkeiten vermitteln, die ben Soldaten in den S and setzen. fid> als ein praktischer Landwirt oder la>u> wirlschaftllcher Beamter einen Lebensberuf zu schassen. Der Lehrplan ist im allgemeinen den Lebrplanen der bürgerlichen landwirtschaftlichen Schulen ungepaßt Der Unterricht gliedert sich in zw i Abschnitte landw rtschaf.l d>?r Fachunterricht vom 7. bis H. Dienstjahr, b) landwirtschaftlich- Sond rauobildung im 12. D enstjahre. Dom 4 bis 7 Dienst fahr b-sucht der Soldat, der zur landwirtschaftlich-n A sblldung zugriassen werden kann, die Unterstufe der Heeresfachschule für Verwaltung und Wirtschaft Um die Soldaten der Heeresfachschule für Landwirtschaft auch praktisch auszubilden und sie während b*r D enstzeit der landwirtschaftlichen Arbeit nicht zu ent* fremden, ist jed i Fachschule ein landwirtschaftlicher Betrieb ang-glicberi Die Tätigkeit in d esen Betrieben ist ebenfalls al; Dienst za betrachten. Am Schluß des 11 .Dienstj ihres findet vor einer s\ ng statt, worüber ein Zeugnis erteilt wird. Truppenunterrichtsleiter ist ein Landwirtschaftslehrer. Zusammensetzung der beigegebenen Lehrer wie in landwirtschaftlichm Sch-l m Leiter der HeereS- sachschule für Landwirtschaft in Gi ßen ist der Direktor des Landwirtschaftlichen Institut- der Universität. Die prakl.sehen landwirtschaftlichen Arbeiten werden auf dem Hardthof bei Gießen auögcsührt
Die Heeresfachschule für Gewerbe und Technik hat die Ausbtldung von Handwerkern und Technikern zur Ausgabe. In Betracht kommen in erster Linie die Serufc doS Holz- und Metallgewerbes, Sattler und Stellmacher. Die praktische Ausbildung erfolgt im wefenllichen auf den Heereshandwerkerschulen und bet den technischen Truppen. Die praktische Ausbildung auf den Heereshandwerkerschulen beginnt bereits im 4. Dienstjahr und erfolgt durch Abkommandierung $u jährlich sich wiederholenden Lehrgängen von je 11 Wochen. Im letzten Dienstjahr umfaßt der Lehrgang V» Jahr. In den Werkstätten der H.-ere-uhandwerkerschuIen werden nur Arbeiten ausgeführt, die zur methodischen und praktischen Ausbildung der Reichswehr- angehörigen zu Gesellen bzw. Meistern dienen. Sie werden unter Aufsicht und Anleitung von handwerksmäßig vorgebildeten und anleit ungs- berechtigten Fachlehrern und Meistern angefertigt. Rach erlangter Befähigung wird die Gesellenprüfung unb späterhin die Meisterprüfung vor einem besonderen Prüfungsausschuß abgelegt. Hand in Hand mit der praktischen Ausbildung geht der Fachunterricht entspreche:!!) dem Lehrplan der Maschinenkxru- und Gewerbeschulen. Unterrichlsleiter ist ein Diplom-Ingenieur. Die Angehörigen des Standortes Gießen nehmen an dem Unterricht der Gewerbeschule teil. Die praktische Ausbildung erfolgt auf der Heereshand- werkerschule in Mim. ;
Dl« Heeresfachschulen für Forstwirtschaft sind noch in Bildung begriffen. Sie werden irt der Regel bei den I, gerbataillonen eingerichtet. Die Ausblldung c ?ift sich vorläufig mir auf die Heranbildung non Privatförstern. Bisher sind vier Forstschulen ins Leben gerufen. Der Forstunterricht gliedert sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil. Ersterer beginnt im 7. und dauert bis zum 12. Dienstjahr. Dom 4. bis 7. Dienstjahr besucht der Soldat, der zur forstlichen Ausbildung zugelassen fein will, die Unterstufe der Heeresfachschule für Derwal-
Hüfe
gummiert und imprägniert für Damen, Herren und Kinder. Vorbildlich
Der Tanz als Kulturfpiegd.
Alles, was ist, steht in irgendeiner Beziehung zu seiner Umwelt, ungeachtet des Werturteils, das diese darüber fällt. So auch der Tanz. Das formal stark gebundene Menuett, der Tanz des ebenso stark mit tausend äußeren und inneren Dingen verknüpften Barock ist seiner Zeit ebenso innig verbunden wie fein Ballett: das architektonische Gefühl der Zeit, das sich Paläste in ungeheurer Raumverschwendung mit der umgebenden Landschaft verband, das durch einen Hauptbau mit zwei Flügeln einen kilometerlangen, schnurgeraden Parkweg mit beschnittenen Bäumen und symmetrisch gelagerten Teichen, einen Ring von Wirtschaftsgebäuden und ein geometrisches Epielwerk von Gartenflächen mit reizvoll sich ergänzenden Statuen und Pavillons schuf, kurz, das aus Ratur und Menschenwerk die Totalität des Kunstwerks zum alleinigen Zwecke tzes Lebensgenusses schuf, es behandelte so auch seine Menschen: Der durch tausend Kniffe seines Schneiders und Friseurs zurechtgestutzte Kavalier, die mit tausend Künsten wie für die Kristallglasvitrine in der Ausstellung bereitete Dame ordneten sich in reizvollem Zwang, der ihnen Lebenselement war, zu angenehmen Gruppen, die sich graziös lösten und fanden, einer durch den andern bedingt, einer nur durch den andern überhaupt erst wirkend, zum K o n t r e , zur Quadrille.
Die französische Revolution zerbrach das, was im Rokoko veräußerlicht, keine Lebensberechtigung mehr hatte. Don Wien aus drangen die Klänge des Ländlers, später des Walzers auch nach Paris, und das befreit sich auf- richtende Bürgertum wirbelte durch die Zimmer des biedermeierlichen Heims im
leichtbeschwingten Walzerschritt. Was sich an Grazie und Gefälligkeit, an Ton und Bewegung hier zeigte, war freier, losgelöster von der Gesamtheit der Umgebung, nicht die geschlossene Masse der Gruppen, nur mehr das Paar war Mittelpunll, und die großen, für das Zeitempfinden steif und zeremoniell wirkenden Hoftänze lösten sich auf in der loderen Atmosphäre des Bürgerhauses.
Die Dynastie Strauß hat durch Generationen den Walzer in seiner ursprünglichen, prickelnd-lebendigen Art erhalten und gepflegt. Bis die große Auseinandersetzung der Völler und der Geister auch hier mit rauher Hand Wandel brachte. Unsere innere und äußere Haltung ist anders geworden. Die liebliche Eleganz des Biedermeiers ist der strafferen Grazie der modernen Toiletten gewichen. Der Zusammenklang von innen und außen der Tänze, der in der Zeit der Romantik so lebendig war, ist heute nicht mehr offenbar. Die starke Konzentration, die heule das Leben an jeden stellt, der irgendwie mit ihm in Berührung kommt, das ungeheure, fast diabolische Tempo des Tages kann keine offenliegenden Herzen mehr brauchen. Alles, was irgend persönlich ist, was zum Innenleben gehört, wird unter undurchdringlicher Maske von Rüchternheit und Sachlichle: geborgen. A-le_De- toegung seelischer Art wird nach innen gedrängt, weil sie, nach außen ausbrechend, zuviel Herzblut kosten würde. Da aber die Form, unter der wir uns verbergen, bewußt als notwendige Maske erkannt wird, beginnt ein Suchen und Tasten, bei dem überall Hilfe gesucht wird, wo sie sich bietet. Kindlichkeit, Primitivität machten Anleihen in der heißen Zone, wo die Kultur noch nicht von Der Zivilisation verdrängt wurde. Und so kam der Bruch mit dem formal gebundenen
Tanz, der als öde und eintönig empfunden wurde, nachdem man ihn noch lange gepflegt hatte, ohne die innere Einstellung noch zu ihm zu haben. So kamen V i m m i und Jazz und brachten eine starke Reubelebung in die Tanz- fäle. Daß sich diese Umstellung gleichzeitig mit der nach dem Riederbruch erfolgten politischen Revolution zeigte, ist, schon rein zeitlich und äußerlich betrachtet, erklärlich, aus inneren Zusammenhängen heraus — und nur diese können ja stets ausschlaggebend sein — selbstverständlich. Das neue Zeitgefühl sucht neue Ausdruckssormen. Die Erlebnisse des Krieges, die Erlebnisse der Techstik, alle fortwährend neu und immer rascher auf uns anstürmenden Geschehnisse, die oft gar nicht schnell genug ersaßt und überwunden werden tonnen, schaffen den Sinn für Groteske, wecken die Sehnsucht nach Befreiung von all der tollen, spukhaften Aeußerlichkeit und bilden so den Rährboden für bisher unerhörte Klänge, Rhythmen und Bewegungen. So und nur auf diesem Wege ist das Eindringen in das Verständnis für den modernen Gesellschaftstanz möglich.
Absellig davon hat sich der Kunsttanz entwickelt. Aus dem Ballett, das die große Oper in ihrer Blütezeit pflegte, hat sich der Einzeltanz entwickelt, der, als Kunsttanz weiter gepflegt und in Tanzschulen eine über das rein auf künstlerische Offenbarung gehende Richtung genommen hat, die die Harmonie von seelischer und körperlicher Bewegung anstrebt. Die Entdeckung des Körpergefühls schafft die bewußte Erweckung eines starken Indi - vidualitätsgefühlS, und von diesem Standpunkt aus rückschauend wird die gewaltige Kluft deutlich, d^e zwischen dem Spitzenballett des Rokoko und dem Körpertanz der Gegenwart
klafft. Roch deutlicher wird diese Trennung durch die Erkenntnis, daß der moderne Kunsttanz durchaus nicht etwas von der Musik Abhängige- oder durch sie Bestimmtes ist. Er ist vielmehr — und die Entwicklung der letzten Jahre zeigt das immer deutlicher — weit enger mit der Ornamentik und Plastik verwandt. Die Atmosphäre der Werke Llnruhs, Kaisers, Werfels ist dieselbe wie die in den Tänzen der Mary W i g m a n n.
Mit ihr stehen wir auf der Höhe und gleichzeitig am Scheidewege, von denen aus der Weg zum morgen führt. Valeska Gert ist die darstellende, schauspielerische Tänzerin, die Erlebnisse reproduziert: die W imann ist die Tänzerin aus sich, der Körpergefühl und seelische Bewegung allein Ausgangspunkt ihres Schaffen- ist.
Ich glaube, daß hier der rechte Weg ist. der zum Ziele (das heißt vorwärts und nie an ein Ende) führt, wie ja auch die Sehnsucht unserer Zeil wieder ein neues ©efamterlebnüS fordert, das nicht irgendwie nachgeahmt werden kann, sondern das vom schöpferischen Führer gefunden und uns geschenkt werden muß. e—s,
(?ine gemaßregelte QPerusängerin.
Tie Opernsängerin Olszweska, die gelt ent während der Vorstellung im Wiener Operntheater im Verlaufe' einer Auseinandersetzung mehrere Mitglieder der Oper bei offener Szene in gröblicher Weise in- s u 11 i e r t e, wurde wegen Verletzung der Würde des Hauses und des Anstandes gegenüber den Opernmitgliedern und dem Publikum mit sofortiger Wirksamkeit aus dem Dienstverhältnis entlassen.


