Ausgabe 
15.10.1925
 
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Hr. 2<2 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

öonnerstag, (s. Gilover <925

indem man darin liegt Politik nur essen eines untergraben

betont welch unverantwortlicher Unsinn wenn die französische imperialistische daraus ausginge, die vitalsten Jnter- 60 Millionen großen Nachbarstaates zu wollen. Zielbewußten und tat

kräftigen deutschen Politikern dürfte es nicht schwer fallen, den Franzosen klarzumachen: Also gebt uns schleunigst unsere Kolonien zurück, um diesen lleberschuß an Kraft und Menschen in vernünftige Bahnen abzulenken.

Hier sollten wir den Hebel ansetzen, einen Hebel, dessen Kraftarm sehr stark ist, vielleicht so stark, daß es die ungeheure Last des Versailler Vertrages von uns wälzt.

Noch dürfen wir ernstlich hoffen, daß hierzu in Locarno gute Ansätze gemacht werden.

glauben und engherzige Kirchturmspolitil bei­seite schieben und im deutschen Sinne ernstlich Mitarbeiten an dem Sicherheitsproblem, denn dies ist und bleibt in der Lat Frankreichs größte Sorge. Kein vernünftiger Franzose denkt ernstlich an die Möglichkeit eines deutschen Angriffskrieges gegen Frankreich. Jeder fran­zösische Offizier sagt sich daher auch mit Recht: Sollte Deutschland wirklich einige Cadres über den Versailler Vertrag hinaus mehr unterhalten, so ist dies an und für sich fast bedeutungslos. 3n dieser Hinsicht bleiben die Franzosen logischen Einwänden gegenüber durchaus nicht verschlossen. Eine Zeitlang wurde stark mit dem Schlagwort operiert: Sämtliche Studenten seien in Deutschland militärisch ausgebildet. Sagt man den Franzosen: Setzen wir einmal voraus, dies wäre tatsächlich so, aber was folgt denn daraus? Wieviel Studenten gibt es den wirklich in Deutschland? Es mögen 30 000, vielleicht sogar 40 000 sein. Was bedeuten dtnn diese 40 000 unbewaffneten Soldaten gegen­über der riesigen, bestausgerüsteten Armee Frank­reichs und seiner Verbündeten?" Dann schweigt der Franzose. Dieser Logik verschließt er sich nicht, soweit er überhaupt ernstlich gewillt ist, über das Sicherheitsproblem mit sich reden zu lassen.

Viel' ernster aber ist in diesem Zusammenhang für jeden Franzosen ein anderes Problem, nämlich das der starken Bevölkerungszunahme in Deutschland gegenüber Frankreich, wenn auch dieses Verhältnis für Frankreich vorübergehend ein wenig beruhigender ist als vor dem Kriege. Diese Frage der 60 Millionen Deutsche gegenüber 40 Millionen Franzosen ist für die französischen Politiker in der Tat eine außerordentlich ernste Angelegenheit. Hier muß energisch angesetzt werden,

Rundfunk vom Meeresgründe.

Zauberhafter Abend über Helgoland. Hier weht auch am Ende dieser Oktoberwoche noch mil­der Wind, im bleiernen Scheine eines herbstlich-

Sagung der vertriebenen Elsah-Lothringer in Leipzig.

Ende September fand in Leipzig der 6. Ver­tretertag des Hilfsbundcs für die Elsaß- Lothringer im Reich statt. 3m Vorder­grund der Beratungen und Beschliehungen stan­den die wirtschaftlichen Fragen. Erschütternd kam es zutage, in welchem Elend 7 3ahre nach dem Kriege! - manche elsaß-lothringische Flücht- lingssamiiie. vor allem aber die alten Leute, sich heute noch befinden. Eine ganze Anzahl ist infolge von Entbehrungen und Hunger gestorbenI Alsi schreiendes Anrecht empfindet inan in Flücht­lingskreisen die Art, mit der die vorübergehend von Rhein und Ruhr Verdrängten gegenüber den Clsaß-Lothringern von der Regierung entschädigt wurden. Hier - wo es sich um Entwurzelte handelt - wurde die schlimmste Rot nicht gelin­dert! 3n schärfstem Protest wandte sich der 6. Vertretertag diesmal an die Regierung. Aber auch den Kulturaufgaben der elsaß-loth­ringischen Flüchtlinge widmete man sich in Leipzig eingehend. Geheimrat Prof. Dr. Wolfram referierte über die geleisteten und die künftigem Arbeiten des wissenschaftlichen 3nstitutes der Elsaß-Lothringer im Reich. .Universität Frank­furt a. M., der Leiter her elsaß-lothringischen Theater im Reich berichtete über den Stand der Theatergruppen und das Theaterarchiv. Allen Referaten folgten lebhafte Aussprachen. Wenn sich der H-lfsöund seinen Satzungen gemäß auch nicht mit Politik befaßt, so wurde doch diesmal einstimmig der Standpunkt des Vundesoorsihen- den, Ministerialrats Dr. D 0 n n c d e r t, ange­nommen, daß auch die vertriebenen Elsaß-Loth­ringer unbekümmert um einen Sicherheits­pakt niemals d i e Ansprüche auf ihre Heimat aufgeben werden. Zu Ehren des 6. Vertreterlages fand im Völkerschlachtdenkmal ein Konzert statt, die Deutsche Bücherei batte eine wertvolle Buch- und B'ldausstellungElsah- Lothringen" veranstaltet.

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Oberhessen.

Landkreis Gießen.

X Wieseck. 13. Oft. Der Tag der gol­denen H 0 ch z e i t der Eheleute Balthasar Schnabel und Marie geb. Größer, zeigte dem Jubelpaar, welcher Verehrung es sich allenthalben erfreut. Schnabel konnte zugleich fein 5 5 jäh­rig e s 3 ubilä um a l s Zigarrenmacher begehen und auf 23jährige Arbeit in der 1889 gegründeten Z i g a r r e n f a b ri k F r. W. Meyer zurückblicken. 3hr 3nhaber, Kurt W i l s e r aus Gießen, ließ es sich denn auch nicht nehmen, persönlich am Vormittag das Jubelpaar zu beglückwünschen, und mit reichen Gaben zu erfreuen. Da die Kirche wegen der Erneuerungsarbeiten zur Zeit der Andacht ver­schlossen ist, vollzog der Ortsgeistliche in der Wohnung des Paares in Anwesenheit der näch­sten Angehörigen die goldene Trauung und brachte die Wünsche der Kirchengemeinde im Flamen des Kirchenvorstandes zum Ausdruck.

: Beuern, 14. Oft. Nachdem in unserem Dorfe in den letzten Tagen nicht weniger als vier Versammlungen der einzelnen Parteien tag­ten, die alle die Gemeinderatswahlen behandelten, ist man erfreulicher Weise nun doch endlich zum Entschluß gekommen, eine gemein­same Liste aller interessierten Gruppen aufzustellen. Cs handelt sich in un­serem Dorf in der Hauptsache um den Bauern­bund und die Arbeiterpartei, deren Stimmen ungefähr im Verhältnis 4:3 stehen. Eine kleine Gruppe der Handwerker und Geschäftsleute steht außerhalb dieser beiden Parteien. Nun ver-

traurige Rolle zu spie en, eine Rolle, die man ihr, damals als man sie zu Beginn ihres Baues und zur Verkehree.öfsnung a s Kul urwert ersten Ranges für die Erschließung Sibiriens pries, nicht voraussagte ein Weg für das asia­tische Barbarentum nach.Europa zu sein.

Der Heerweg Asiens.

Don Dr. U. Baron Frehtag-Löringhoff.

Als Zar Nikolaus II. im 3ahre 1904 den ersten Spatenstich am Ausgangspunkt der großen sibirischen Dahn tat und damit feierlich den Bau dieses wichtigen Derkehrweges eröff­nete, ahnte man nur einen Teil derjenigen Be­deutung, die der sibirische Schienenstrang für die Politik und die Volkswirtschaft Rußlands er­langen sollte. Großzügig, wie es schon das von Gerstnersche Projekt eines russischen Eisen­bahnnetzes vorgesehen hatte war man auch hier­zu Werke gegangen, obgleich Zar Nikolaus II., nicht sein Großvater, der durch einen Lineal­strich auf der Landkarte PetersburgMpskau die Linienführung der Nikolaibahn vor­schrieb, die Ausführung des Werkes grundlegend zu beeinflussen suchte. Die Motive der Arbeit waren, wie meistenteils bei der Verkehrslinien­führung in Rußland, militärpolitisch- strategischer Natur, galt es doch dem russi­schen Expansionsdrang nach Osten, der Kolonisie­rung Sibiriens und der fortschreitenden Sicherung neu erworbener Gebiete eine leistungsfähige Marschroute zu schaffen . Das Projekt sah daher auch den doppelspurigen Bau des Traktes vor.

Dank bem russisch - japanis che n Kriege war die Möglichkeit geboten, die Durch­lässigkeit und Leistungsfähigkeit der neuen Linie voll zu erproben. Sie lieferte damals jedenfalls den Beweis, daß ohne sie eine wirksame Ver­teidigung der ostasiatischen Besitzungen Rußlands ein Ding der Alnmöglidjfeit gewesen wäre. Weiter ausgebaut und verbessert, diente sie

während des Weltkrieges dem großen Truppen- und Fouragetransport, um in der Zeit des schlimmsten Chaos in Zentralrußland den bolschewisierten Hauptstädten eine wichtige Verproviantierungsader der hungern­den Bevölkerung zu fein. 3hr strategischer und wirtschaftlicher Wert offenbarte fich weiter in den heftigen Kämpfen um den Besitz der End­stationen zwischen denweißen Koltfchak-Trup» pen" und den Bolschewisten im fernen Osten.

Heute sehen wir die sibirische Bahn vor eine neue Ausgabe gestellt. Die entschiedene Oft Orientierung Scwjelrußlands, die Lö­sung zentral- und ostasiatischer Fragen, mit denen es sich zur Zeit intensiver als früher befaßt, machen die Konzentrierung größerer Truppen­kontingente in Süd- und Oftfibirien zur unab- weislichen Notwendigkeit. Die bisherigen Kräfte zum Schuh der Grenzen, Russensiedlungen und Kosakenposten, genügen den Machtgelüsten der Sowjets nicht mehr, wären auch kaum imstande, auf die Dauer das ins Wogen geratende Völker- chaos Zentralasiens und Chinas von den Grenzen der Sowjetrepublik fern zu halten. Hier gilt es für die Sowjets, sich zu entscheiden: entweder man steht in der Defensive dem Gang der Er­eignisse abwartend gegenüber, oder man stellt sich an d i e Spitze derjenigen Bewegungen in Asien, die der bolschewistischen Entwicklung günstig sind oder ihr Gefahr bringen konnten, mit anderen Worten, es drängt sich die Entschei­dung auf, Ambos oder Hammer zu fein.

Während des kurzen Bestehens der Sowjet­republik haben die bolschewistischen Machthaber den Beweis erbracht, daß die machtpolitische Losung schwebender Fragen des russischen staat­lichen Lebens ihnen stets die nächstliegende war. Der Weg einer Bolschewisierung Europas ist lang und mühevoll, während die erwachenden Geister Asiens einer neuen Lehre harren und die uralten Religionssysteme dieses Kontinents unter dem Ansturm von Zivilisation und fremder Kul­tur abzubröckeln beginnen. Wer konnte es den klassischen Realpolitikern unserer Zeit, den Bol­schewisten als solchen, verdenken, daß sie sich in ihrem Kamps um Partei- und Staatsexistenz zu allererst dem locus minoris resistentiae zu­wenden. Und ein Kamps um Partei- und Slaatsexistenz ist ihre propagandistische und Wühlarbeit sowohl in Europa wie in Asien, denn Stillstand bedeutet für sie auch hierin Rückschritt und das He^ausbeschwören neuer Komplikationen durch das Wiederaufleben einer russischen anti- bolschewistischen Reaktion. 3n der konsequenten Verfolgung des Planes der Weltrevolution und in der klaren Erkenntnis der Sachlage, wie sie zur Zeit in Asien gegeben ist, hat Moskau nicht gezögert, in die östlichen Konflikte einzu­greisen und seinen diplomatischen wie militäri­schen Druck für die kommenden Entscheidungen in die Wagschale zu werfen. Heber Erwarten gut gedeiht bolschewistisch-propagandistische Saat, die man vorsorglicherweise schon feit einigen 3ahren in Asien verbreitete. 3eht gilt es, den aufhorchenden Volkern Asiens die Macht­mittel der bolschewistischen Zentrale vor Augen zu führen. Wieder, wie zur Zeit des russisch- japanischen Krieges und der Koltschak-Kämpfe, fluten Truppenteile, Delegationen, Transporte, Diplomaten, Kuriere und vor allem Gold, immer Gold, auf der großen Heerstraße, der sibirischen Dahn, nach Osten, einer noch nicht voll ersichtlichen Bestimmung entgegen. Werden die Bolschewisten sich mit einer territorialen Korrektur" der Grenzen Rußlands be­gnügen oder werden sie, auf diese verzichtend, es vorziehen, die geistigen und politi­schen Führer eines erwachenden Asiens zu werden? Man mühte als Euro­päer das erstere erhoffen, denn ein mit Sowjet­rußland eng verbündetes bolschewistisches China und Zentralasien ist eine Gefahr für Eu­ropa, und zwar eine Gefahr von solchen Aus­maßen, wie sie nur noch ein Weltkrieg bringen konnte. 3n diesem Fall wäre die Möglichkeit gegeben, /bei Osteuropäischen Konflikten asiatische Truppenkadres in Zentraleuropa auftauchen zu sehen. Dann hätte die Transsibirische Bahn eine

schweren Himmels beginnen die roten Dächer Häuser leise zu ergrauen, dann liegt schwarz Stadt auf dem Unterland, sie zündet Lichter die grünen Feuer der Düne scheinen schon in Unendlichkeit zu schwimmen da beginnt Leuchtturm, der Insel nächtliches Wahrzeichen, dreigeteiltes Strahlenrad kreisen zu fassen. Zwischen Helgoland und der Düne spiegelt sich im nächtlichen Wasier eine Lichterreihe, wie helle Fenster eines festlichen Palastes. Das ist der DampferKehr­wieder" der Hapag. Von dort wird heute abend der Taucher Alnwick H a r m st 0 r f auf den

schillern, rotes. Gestein taucht leuchtend aus gelbem Sand .... nordische Tiefseephantastik.

Wir aber hören ihn, als stände er bei uns, mir glauben ihm, denn wir haben unseren Rundfunt- taucher auf dieser dreitägigen Helgolandfahrt der Norag kennen gelernt: ein ernster, ruhiger Mann, nüchtern, sachlich, ohne Hang zu feuilletonistischer Ausschmückung. Dann fragen auch wir, wir von der Presse, durchs Telephon auf den Meeresgrund und geben der märchenhaft spannenden Phantastik einen heiteren Abschluß.Halloh, haben Sie .nicht die große Seeschlange gesehen? Kommt nicht die letzte Zeitungsente geschwommen?" Und Harmstorf ant­wortet mit leichter Ueberlegenheit und unendlicher Geduld, mit jener Langmut, die eine leise Ironie in sich trägt, mit der er den Ansturm der Photo­graphen, Zeichner und Filmleute ertrug, die ihn in allen Stellungen und Situationen aufnehmen, skiz­zieren, kurbeln wollten.

Nach einer Stunde steigt er, mit Dank und Bei­fall empfangen, empor, lächelt ein wenig und läßt sich von einem Steward ein Glas Bier reichen als sei nichts geschehen.

Was ist geschehen? Hunderttausende sind im Be­reich der Norag und darüber hinaus diesem Taucher- erperiment am Kopfhörer gefolgt. Sie erlebten die kleine Sensation des Ungewöhnlichen, saßen fried­lich um den Familientijch, ahnten nichts von den Schwierigkeiten, die zu überbrücken waren, bis diese eine Stunde Rundfunk zustande kam. Wir aber, die wir auf dem Dampfer weilten, haben nicht von einer kleinen Sensation, sondern von einem großen Wunder gesprochen, dessen Werden und Vollendung wir mit eigenen Augen sahen. Denn wir hatten auch an der Welt dieses Wunders billigsten An­teil: Wir empfanden die feierliche Große der Helgo- ländischen Herbstnacht, spähten in die Unendlichkeit schwarzwogenden Wassers, sahen die Insel Fels­block als riesige Silhouette gegen den Himmel stehen, fühlten fast körperhaft die Aufmerksamkeit der Hunderftausende, die sich auf diesem Dampfer verdichteten: eigenartiges, unbeschreibliches Gefühl auf unserem Dampfer, wußten wir, vollendet sich ein neuer Fortschritt der Technik, aber der ist wieder verwurzelt in nordischer Märchenphantastit, überwölbt von der Erhabenheit des Sternenhim­mels, eingebettet in die Weite des nordischen Meeres. Und über allem wieder die Technik: der Leuchtturm von Helgoland, wie er seine Lichter gleißend und unermüdlich durch die Schwärze der Nacht kreisen läßt.... G. B, .

Zeitungskunde als Wissenschaft.

Von Prioatdozent Dr. W. Schöne, Leipzig.

Die Erfahrungen des Weltkrieges haben jeden Zweifel darüber beseitigt, daß außerhalb des deut­schen Iournalistenstandes das Verständnis für Presse und öffentliche Meinung unzulänglich war. Die leitenden Stellen waren unseren damaligen Gegnern auf diesem Gebiete nicht gewachsen. Die Wissenschaft hatte in keiner Weise oorgearbeitet. Ein deutscher Nationalökonom, Carl Bücher, der als wissenschaftliche Autorität auf dem Gebiete des Zeitungswesens galt, hat damals außer ohnmäch­tigen Iecemiaden über die Bosheit der Gegner nichts Besseres zu sagen gehabt, als daß die Presse die publizistischen Waffen aus der Hand legen und als- Richter über den Parteien stehen müsse. Den Entrüstungssturm der deutschen Presse glaubte er mit einem Gesetzentwurf zur Sozialisierung der Tagespresse beantworten zu können, der Anfang 1919 der Münchener Regierung zuging. Uebng geblieben ist davon nichts weiter als ein I n st it u t für Zeitungskunde, das der Heranbildung des deutschen Journalistenstandes in seinem Sinne bienen sollte. Auch anderwärts entstanden in der Folge akademische Journalistenschulen

Wer innerhalb der Tagespresse und insbesondere auch an amtlicher Stelle seit Jahren journalistische Erfahrungen gesammelt hat, wird darüber unter­richtet fein, daß andere Kreise viel dringender einer journalistischen Bildung bedürfen: Diejenigen dämlich, die in führender Stellung als Geschafts- leine, Nationalökonomen, Juristen, Geistliche auf die Zusammenarbeit mit der Tagespresse angewiesen sind. Erst in der Praxis kommt es ihnen dann schmerzlich zum Bewußtsein, wo es ihnen fehlt, und was dies für das berufliche Fortkommen zu be­deuten hat. Diese Entwicklung erklärt sich daraus, daß den meisten deutschen Hochschulen das Bewußt­sein verloren gegangen ist, daß es vor anderthalb Jahrhunderten einmal eine Zeit gegeben hat, m der an deutschen Hochschulen z e i t u n g s k u n d - liche Vorlesungen urtb Hebungen abgehalten worden sind. Mar ging damals von der Voraus­setzung aus, daß jeder, der als Geschäftsmann, als Staatsmann oder Verwaltungsbsamter zu einem selbständigen Erfassen der öffentlichen Angelegen­heiten kommen will, nicht nur Verständnis für die Buchführung des Staates die Statistik haben müsse, sondern auch die Kenntnis von dem Zu- ftandekommen der. Zeitung nötig habe. Verständnis

Frankreichs Hegemonie- Politik und Locarno.

Von unserem Pariser -8-Korrespondenten.

Paris, den 14. Oktober 1925.

Wenn dieje Zeilen im Druck erscheinen, wird ein wich i c A. schnitt kes Locarncer Programms schon erledigt worden sein. Bis zur endgültigen Ratifizierung dieser Beschlüsse in der Paktsrage wird es zwar iwch einiger Zeit bedürfen, immer­hin wird aber die Gesamtlage insoweit bereits geklärt fein, daß der seit Konserenzbeginn in den Hauptstädten der Alliierten so stark betonte Opti­mismus unmöglich von denjenigen deutschen Po­litikern in vollem Maße geteilt werden kann, die sich darüber klar geworden sind, um was es sich in Locarno eigentlich handelt.

Diese Frage in deutschem Sinne von Paris aus aufwerfen, heißt schon sie beantworten. B r i a n d war von vornherein viel zu schlau, um in Locarno über den deutschen Gegner trium­phieren zu wollen. Gewiß wollte er triumphieren, aber zunächst über die schweren Irr­tümer und die 311 uHonen der bis­herigen französischen Regierungen. Denn deren Fehler und Irrtümer beginnen nach­gerade nun doch sich am eigenen Lande immer schwerer zu rächen.

Mit Schlagworten und theoretischen Erörterun­gen wäre hier gar nichts erreicht. DenMann des Volkes" lassenGenfer Protokoll" undSicher­heitspakt" durchaus kalt. Dieser Wirrwarr von Meldungen und Artikeln ist ja so überaus be­zeichnend für den Niedergang unserer Kulturepoche, die nicht einmal mehr den Mut aufbringt, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen. Wenn die Diplomaten zu wissen glauben, was hinter all diesem juristischen Formelkram sich versteckt, und die Journalisten es zu verstehen glauben, so schüttelt der Zeitungsleser zu alledem nur den Koos, denn in die harte Gegenwart findet er sich dadurch sicher­lich nicht zurück.

Worum handelt es sich denn eigentlich? Frankreich ist durch sehr weitgehende Ver­träge gebunden, seinen östlichen Vasallen­staaten zu Hilfe zu kommen, falls sie (im fran­zösischen Sinne gesprochen) von Rußland oder Deutschland angegriffen werden sollten. Das Frankreich des Bloc National riß in Ver­sailles durch seine Verbündeten daher das Recht des Durchmarsches durch Deutschland im Ernst­fälle an sich. Ob es in Frankreich wohl einen General gibt, der sich ernstlich irgendwelche mi­litärische Vorteile aus diesemDurchmarschrecht" versprechen könnte? Der es wagen würde, das Heer Frankreichs vollständig von seiner Basis abzuscheiden und einen sehr ernst zu nehmenden Gegner, nämlich Deutschland im Rücken, weit über 1000 Klm. von der eigenen Grenze entfernt, zu kämpfen?

Wozu also diese endlosen, rein theoretischen Erörterungen über dasDurchmarschrecht" ? Man sollte sich damit doch nicht fortgesetzt so lächer­lich machen vor jedem ernst denkenden Menschen und nicht zuletzt vor sich selbst!

Paris verfolgt ganz andere Ziele. Und wer die in Locarno nicht erschaut, der hat den Sinn der französischen Geschichte überhaupt noch nicht erfaßt. Briand verfolgt in Locarno ein ganz großes Ziel: Deutschland soll mitarbeiten am Sicherheits­problem Frankreichs und die Sicherung der Ost grenzen der kleinen Verbündeten Frankreichs übernehmen. So wie die Dinge augenblicklich liegen, können wir uns nicht einspannen lassen in die französischen Hegemonie­pläne über Europa. Zunächst müssen wir unsere Handlungsfreiheit wieder haben, wir müssen selbst entscheiden zwischen England und Rußland. Indem die so vorzüglich arbeitende fran­zösische Propaganda diese Formel aufstellte: Wähle zwischen Asien und Europa, zwischen Rußland und England! (Dies ist das einzige Thema, über das derTemps" seit zehn Tagen, stets neu variierend, leitarttkelt)da mußten eigentlich jedem die Augen aüfgehen.

Hier sollte eine stark aktive deutsche Politik einsetzen, allen politischen Köhler-

für die Presse galt als selbstverständliche Voraus­setzung staoatswissenschaftlicher Bildung.

In meinem Buch:Zeitungswesen und Statistik" (eine Untersuchung über den Einfluß der periodi­schen Presse auf die Entstehung und Entwicklung der staatswissenschaftlichen Literatur, Gust. Fischer, Jena 1924) habe ich versucht, an diese fast völlig vergessene akademische zeitungsfreundliche Tradition anzuknüpfen. Aus ihr ergibt sich zugleich die Be­gründung für eine ftaaatswissenschaftliche Zeitungs­kunde als selbständiges Wissenschaftsgebiet: Die Ausgabe des neuen Wissenschaftsgebietes kann nicht lediglich im Zusammentragen zeitungskundlichen Wissens aus dem Kreise der verschiedenen histori­schen Wissenschaftsgebiete bestehen. Aufgabe muß vielmehr sein die Erarbeitung eines eigenen Er- kenntmszieles: D i e Erkenntnis der Zei­tung als Ausdrucksmittel des gesell­schaftlichen Bewußtseins. Die Erreichung dieses Zieles wird nur auf dem Boden der empiri­schen gesellschaftswissenschaftlichen Untersuchung und an der Hand des Zeitungsmaterials selbst, moalich sein. Die wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden, insbesondere für die Erkenntnis der öffentlichen Meinung bedürfen noch der Ausbildung, soweit von solchen überhaupt schon gesprochen werden kann. Die ebenso dringenden wie bedeutungsvollen praktischen Ziele der akademischen Zeitungs­kunde können nur durch ernsthafte wissenschaftliche Arbeit erreicht werden. Daß daneben die journali­stische Berufsvorbereitung in engster Fühlung mit der Tagespresse nicht zu kurz zu kommen braucht, versteht sich dabei von selbst.

Meeresgrund steigen, er hat im Taucherhelm ein Mikrophon und wird erzählen, was er unten beim Scheine einer Zweitausend-Kerzen-Lampe erlebt. Seine Worte aber laufen über komplizierte Ver­stärkereinrichtungen durch Kabel und Fernsprecher zu den Sendern der Nordischen Rundsunk-A.-G. (Norag) in Hamburg, Hannover und Bremen: von dort strahlen sie die Antennen aus in alle Welt. Unendlich ist die Macht des technischen Wunders, das Rundfunk heißt.

Helgolands Leuchtfeuer kreisen, gespenstig kräu­selt sich weißer Schaum über finsterer Flut, phos­

phoreszierend rauschen die Wogen am Bug der Barkasse auf, die uns zumKehrwieder" trägt.

Dort gespannte Erwartung. Taucher Harmstorf steht fertig gerüstet. Jetzt hat er den Kopfhörer um= geschnallt, der Taucherhelm wird ihm aufgeschraubt, Harmstorf steigt die Leiter hernieder, unförmig in feiner mächtigen Rüstung, mit schweren Bleigewich­ten bepackt, selbst ein rätselhaftes Tier des Meeres. Schon wirbelt und brodelt das Wasier um ihn, noch leuchtet die Kuppe feines Helms goldig

Unendliche Stille in der großen Natur um uns, fiebernde Erwartung an Bord unseres Dampfers. Wird dieser Versuch gelingen, ben die Norag in wochenlangen praktischen Studien vorbereitet hat? Spannung und Stille. Gleichförmig surrt die Pumpe, die dem Taucher Luft zuführt, bisweilen wäscht das schwarze Wasier an den Schisfswänden. Stille. Spannung.

Auch mir, wir allezeit agilen Journalisten, sitzen mit Kopfhörern im Salon desKehrwieder", Haden Notizblocks gezückt und warten. Da Horen wir die Stimme der Norag-Direktors Bodenstedt, der vom Oberdeck in ein Telephon spricht:Halloh, Herr Harmstorf!", und die Antwort:Hier Harmstorf!" Und nun erzählt der Taucher.

Er erzählt von dem wundervollen Reiz des Lichtes, das feine Lampe durch das klare Nordfee­wasser ausstrahlt. Die Lampe steht fünfzehn Meter tief auf dem Meeresgründe, berichtet er, er sieht die Seetiere, die von dieser leuchtenden Erschei­nung angelockt werden, starke stürzen sich auf schwächere, der Kampf um die Existenz tobt, Umrisse eines versandeten Wracks tauchen auf, er fühlt die Gewalt der Strömung, ein Hummer naht sich, er will ihn greifen, wird gebissen, au, 0 wehe! (Der Kopfhörer läßt alle Phasen dieses humorvollen Hummerkampfes durch die Färbung der Stimme erkennen.) Und die durchsichtigen Phänomene der Quallen wogen herbei, Steinbutten und Schollen