Nr. 190 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefjen)
Außenpolitische Umschau.
Äon Professor Dr. Otto Hoetzsch, M. d. R.
Nach schweren und heißen Kämpfen ifl bcr Reichstag auseinandergegangen. Das Kabinett Luther und die dieses tragenden Parteien haben das Ziel erreicht, das sie sich gesetzt hatten, und man sieht, wie ein fester Wille auf ein klar erkanntes Ziel hin auch die größten Schwierigkeiten über- windet. Hur die 'Außenpolitik am wichtigsten sind die Entscheidungen im Zo11karnpf und die Ste b I u ng n a 1) m e j um Sicherheilspakt.
Mit der ersteren schafft sich Deutschland endlich die handelspolinsche Rüstung, deren Mangel, soweit wir in Frage kommen, jeden wirklichen chandelsoer- trag unmöglich machte. Die Grundlage ist gcschäften für den Schutz der nationalen Produktion, der Wille durchgesetzt, in der Linie Bismarcks und Bülows die deutsche Handelspolitik zu halten, und so hat das Ausland auch einen festen Faktor, nach dem es feine handelspolitischen Erwägungen einzustellen hat. Die Stellung zum Sicherheits^ialt ist durch die deutsche Note vorn 20. Juli gegeben, der die Regierungs- Parteien zustimmten, und für die sie die Verantwortung tragen. Auch damit ist eine eindeutige und bestimmte Situation geschaffen, mit der das Ausland rechnen kann. Linie und Wille sind, was auch der innenpolitische Kampf dagegen sagt, vorhanden und haben sich durchgesetzt.
Nun sind B r i a n d und Chamberlain in London zusammengekommen. Nach langen Vorbereitungen zwischen den beiden Ministerpräsidenten haben sie sich über die Antwort an Deutschland und den Entwurf eines Sicherheitspaktes ausgesprochen. Nahe liegt die Vermutung, daß sie auch olle Fragen sonst in einem großen Zusammenhang miteinander vereinigen würden. Die weltpolitische Belastung ist für Frankreich und für England im Augenblick ungefähr die gleiche. Frankreich braucht Englands Zustimmung und $)ilfc für die marokkanische und auch die syrische Verwicklung, England wünscht Frankreichs Unterstützung in China und in der Mostul- fraflc. Aber die Sicherheitsfrage bietet in sich schon genug Schwierigkeiten, so daß die beiden Staatsmänner zunächst nur darüber sprachen.
Ihre Aeußerung an Deutschland wird demnächst erfolgen. Darauf wird eine deutsche Antwort vor Beginn der Völkerbundstagung Anfang September in Gens erwartet. Wir lassen nun heute die sachlichen Fragen und stellen fest, daß, wie man auch zum Völkerbund stehe, für dieses Mal im September die Frage ganz gewiß nicht akut ist. Durch die Schuld der Gegenseite sind die Verhandlungen in der Sicherheitsfrage so in die Länge gezogen, daß es nicht mehr möglich ist, vor Genf eine klare lieberem- ftimmung erzielt zu haben. Warum hat man sich Zeit gelassen mit der Antwort auf die deutschen Anregungen von Anfang Februar — volle fünf Monate? Jetzt ist daraus eine zwingende Geschäftslage entstanden, nämlich, daß unter allen Umständen eine Pause in den Verhandlungen mit Deutschland eintreten muß. Der Gedanke ist abzuweisen, daß der deutsche Außenminister etwa nach Genf gehe und dort mit den beiden andern Ministern sich bespreche. In Genf hat Deutschland heute nichts zu suchen. Da aber für Genf die ganze Frage, soweit Deutsch- lands Beteiligung zur Diskussion steht, nicht spruch- icif ist, so ist die Forderung mehr als berechtigt, nach der übermenschlichen Belastung der letzten Wochen und damit Deutschlands Interesse mit aller Nuhe und Konzentration wahrgenommen werden kann, eine Pause in den Verhandlungen eintreten zu lassen. Man sage das ganz ruhig der Gegenseite in London und Paris, wo ja die Möglichkeit einer Pause auch nicht unwillkommen sein wird. Wir haben gar keine Veranlassung, über Schwierigkeiten, die nicht bereinigt sind, Hinwegreden zu lassen, wie es die Engländer gern möchten, ober uns in übereilte Entschlüsse hereinhetzen zu laßen. Die außenpolitische Lage ist für Deutschland nicht ungünstig. Soll sie mit Ruhe und Festigkeit zum Nutzen unseres Vaterlandes ausgewertet werden, so ist das nicht möglich unter den Nachwirkungen einer Arbeitsperiode, wie sie jetzt hinter fcen deutschen Ministern und Politikern liegt, und nicht mit irgendwelcher Uebercilung.
Wir richten heute den Blick wieder nach dem Osten. Unsere deutschen Volksgenossen in Polen können mit Necht sich darüber beschweren, daß man für sie und ihre Klagen in den letzten Monaten kein Ohr gehabt hat. Das gilt für die Regierung, für den Reichstag, für die ganze öffentliche Meinung. Dabei find die Schwierigkeiten und Spannungen mit Polen allmählich immer größer geworden. Der Staat hat den Zollkrieg mit uns vom Zaun gebrochen. Jeder andere Staat hat anerkannt, daß Deutschland am 10. Januar 1925 seine Arme handelspolitisch frei bekam, und hat sich danach in den Verhandlungen mit Deutschland gerichtet. Mit Polen lag nach dem Genfer Vertrag bekanntlich eine Bin- bung bis zum 15. Juni 1925 vo^ die Verpflichtung Deutschlands, gewisse Kontingente polnisch- oberschlesischer Kohle zu übernehmen. Die Frist
Die Feil als Kunstrichterin
Von Walter Appell.
Die Geschichte privater und öffentlicher Kunst- fammlungcn zeigt, welchen Schwankungen die Bewertung einzelner Werke (ober Werkgruppen) im Wechsel ber Generationen unterworfen ist. Das hat zuweilen wunberliche Folgen. Mancher Sammlungsleiter hält z. B. gerabe bie Werke des — meist knappen — Wandraumes nicht für würdig, für die seinem Vorgänger ober boch einem aus bereu Reihe kein Preis zu hoch war. Unb doch liegt hier nicht immer eine Willkür ober Eigensinnigkeit vor. Vielmehr handelt es sich meist um eine fast felbstoer- ftänbliche Erscheinung, bie im Rahmen ber unaufhaltsamen menschlichen Allgemeinentwicklung gewertet sein will. (Wobei natürlich Entwicklung durchaus nicht immer gleichbebeutend mit „Fortschritt" zu sein braucht.) Die letzten Enbes hier einwirkenben Faktoren sind bie gleichen, bie jedem „Stil“ eine zeitlich begrenzte Lebensbauer zumessen, nach bereu Ablauf die inzwischen Geborenen ober Herongewachsenen ihn — aus innerem Müssen heraus — stürzen ober boch seine Alleinherrschaft erschüttern.
Wenn bas, was hier von ganzen Zeitabschnitten unb ihren Menschengeschlechtern gesagt wird, richtig • sein soll, bann muß es nicht nur genau so, fonbern sogar zunächst für ben einzelnen gelten. Es ist not- roenbig, baß jeder Urteilsfähige sich über bie Kunft- fchöpfuugeu vergangener Epochen sein eigenes — allenfalls von berufener Seite geleitetes, aber nicht bittiertes Urteil bilbet. Die Summe biefer Urteile, die aus naheliegenden Gründen doch immer eine gewisse Homogenität zeigen wird, ergibt dzw. bildet bann die Gesamteiustellung einer Zeit, lieber den ständigen Wechsel, ben diese Einstellung burchmacht,
lief ab. Selbstoerftänblich war für Deutschland, daß es nach seinem Jnteresie nun die Lache ansah, ob sein Kohlenmarkt gestatte, diese Rontmgciue weiter hereinzunehmen, und ob Polens handelspolitische Haltung sonst gestatte, emgegenzu- kommen. Aber Polen verlangte als sein gutes Recht, daß Deutschland diese Verpflichtung wieder übernehmen und erfüllen sollte, und brach mit Einfuhrverboten den Zollkrieg mit uns vom Zaun.
Als Kampfmahregel dazu sollte zugleich auch dienen das Vorgehen gegen bie Optanten . bie nach bem Wiener Abkommen vom 30. August 1924 ja verpflichtet waren, bas Lanb zu verlassen. Insoweit war und ist Polen formal im Recht. Aber Deutsch- land hat in der Annahme, daß Palen ein zivilisierter Staat sei, mit bem man nicht in Kriegsbeziehungen ftünbe, mit Polen verhanbelt, baß sich biefer Wechsel, ber doch große wirtschaftliche und persönliche Schwierigkeiten in sich schließt, mild und menschlich voll- ziehe. Es war selbstverständlich auch seinerseits zum Entgegenkommen bereit. Polen hat aber in ber brutalsten Weise von seinem Recht Gebrauch ge- macht unb diese Optanten, deren Zahl sich auf 27 000 beläuft, zum Verlassen seines Staates gezwungen. Da anbererfeits bie Aufnahmestellen in Deutschlonb damit noch nicht gerechnet hatten, sind Zustände ent- standen, die ein wahrhafter Skandal waren. Sie haben endlich auch den Reichstag zu einer ausgiebigen Besprechung der ganzen Fragen veranlaßt, und trotz einer wüsten unb wiberlichen Debatte war es doch möglich, dann die großen Parteien des Reichstages im ganzen von den Deutschnationalen bis zu den Sozialdemokraten zu einer einheitlichen Aeußerung des Protestes und des Appells an die Regierung zusammenzufasfen.
Lassen wir heute die Schuldsrage in bezug auf die deutschen Behörden unb Stellen beiseite. Jetzt kommt es barouf an, mit aller Energie bissen ver- triebenen deutschen Volksgenossen (genau so wie denen, die aus Polnifch-Oberschlesiien unter den Wirkungen des Zollkrieges zur Abwanderung ge- zwungen werben), bie Aufnahme im Mutterlanb auf alle Weife zu erleichtern: Bereitstellung von Wohnung, Arbeitsvermittlung, Transporterleichterung, Krebithilse, alles, was bazu gehört. Gewiß, wir find mit aliebem in unserem enger geworbenen Vaterland unb seinen Röten überlastet, aber Zeit unb «Geld muß sich einfach finben lassen, bamil biefer nationalen Pflicht Genüge geleistet werde.
Es ist nicht unsere Schuld, daß nun auch Deutschland mit Repressalien vorgehen muß und die polnischen Optanten feines Gebietes ausweift. Man hört, daß auf der polnischen Seite, wie zu erwarten war, gar keine Vorbereitungen getroffen sind, sie aufzunehmen. Dann fühlen diese armen Menschen, die nach Polen zurückkehren müssen, eben am eigenen Leib die Hemmungslosigkeit und die Rücksichtslosig- feit bcr polnischen Politik, von ber man sich heute wirklich fragt, welchen Sinn, Zweck unb Verstaub sie hat.
Denn betrachtet man Polens Lage, so ist sie boch alles anberc als erfreulich. Im Innern bie Parteikämpfe, bcr Kampf um bie sogenannte Agrarreform, will sagen, bie Enteignung bes großen Besitzes, bie sich in erster Linie gegen den deutschen Besitz richten wird, die schwere Erschütterung der mühsam befestigten Währung. Nach außen: Wo ist ein Bundesgenosse? Rumänien? Frankreich, der große Bruder? Die Sicherheitsdiskussion macht in Warschau reichlich nervös. Man blickt argwöhnisch nach Paris, ob man da auf die oft wiederholten Zusagen Frankreichs rechnen kann. Man fragt sich, ob man nicht vielleicht eine Figur bloß sei in dem großen Schachbrett ber französischen Politik. Man sucht Stimmung in Amerika zu machen, um bie zweite Rate ber Anleihe zu erhalten, und der Erfolg ist keineswegs glänzend.
Kurz, die ganze Lage Polens ist heute zwischen zwei so großen Völkern, die zu seinen Todfeinden geworden sind, so, daß eigentlich erstes Gebot der polnischen Politik sein müßte, sich mit dem großen Nachbar im Westen zu verständigen und friedlich mit ihm zu verhandeln. Das hat vor einiger Zeit auch die „Times" mit Nachdruck den Polen geraten. Aber es entspricht bem polnischen Nationalcharakter, ber sich in keiner Periode seiner Geschichte änbert, baß er so etwas nicht sieht. Man will ben Staat zum Nationalstaat umbilben. Man will bie Deutschen heraustreiben unb entdeutschen, bamit, wenn vielleicht einmal bie Frage ber Revision ber Grenzen spruchreif wird, man sagen kann, das alles sei ja rein polnisches Land unb Gebiet.
Man spielt in biefer Weise mit ber eigenen Existenz. Polen wirb nicht heute ober morgen zusammenfallen. Aber baß seine Grenzen gegen Deutsch- lanb absurd unb unmöglich sinb, erkennt heute mit Ausnahme ber Polen bie ganze Welt an. Daß dieser Staat auf schwankender Grundlage steht, ist kein Zweifel. Und da setzt er mit Zollkrieg und Optanten- ausweisungen die Beziehungen zu dem nächsten Nachbarn so auf das Spiel Von dem deutschen Ausfuhrhandel gehen ganze 4 Prozent nach Polen — die können wir entbehren, auch auf längere Zeit. Vom polnischen Außenhandel geht fast die Hälfte
schrieb mir einmal Pros. Max Feldbauer: „Als ich jung war, wurde Rembrandt kaum erwähnt, dagegen Rubens stand hach im Kurs. Von Vermeer (Delft) wurde kaum gesprochen, das war schon fast Kitsch. Die Gotiker achtete man nicht usw. „Wer es nicht wissen sollte, dem sei gesagt, baß das inzwischen Derftrid)cnc Menschenalter in allen diesen Beispielen — und vielen anderen — zur gegenteiligen Anschauung gelangt ist. Daraus geht wohl klar hervor, daß es ein Unding wäre, überkommene Urteile gedankenlos nadjbeten zu wollen, ohne daß sie sich mit unserer eigenen Wertgebung decken. Wohl sollen wir die Erkenntnisse der vor uns Betrachtenden und Forschenden nutzen, soweit sie sachlich-wissenschaftlich, also funftg eschich11icher Natur sind. Unsere Einstellung aber zu irgendwelchen Werken und Werten dürfen wir dadurch in keiner Weise beeinflussen lassen. Soweit bas Rein-Künstlerische m Frage kommt, sinb wir nur uns selbst unb ben — ungeschriebenen — Gesetzen unserer Zeit Berück- sichtigung schulbig. Trabition barf es ba nicht geben. Sie wäre zugleich ein Armutszeugnis unb ein Der- zichi auf bie Geltendmachung berechtigter Ansprüche.
In den Rahmen unserer Betrachtung fallen auch bie sog.„Entbeckungen" von lange unbeachtet Gebliebenen, — soweit nicht umfangreiche Funbe bisher verschollenen Materials oorltegen (ein Fall, ber für bie Künstler historischer Zeit kaum noch Vorkommen dürfte, roenimtens nicht in bem Matze, baß eine ausfdjlaggebenbe Korrektur bes Urteils bie Folge fein müßte). Sonst hanbelt es sich meist eigentlich nur um lieber entbeefungen, mit benen oft bie Aufhebung eines Fehlurteils — freilich erst nach Jahrzehnten ober gar Jahrhunberten — oerbunben ist. Unb wo ein solcher Fall vorliegt, ba sinb eben gerade wir bie Menschen ber Zeit, bie ben Rei- stmgsprozeh jenes Künstlers obschliehen sollte. Da
nach Deutschland ,— bie kann biefer Staat schlechter- bings nicht entbehren. Wohin will er seinen Roggen, feine Kohlen verkaufen? Nach der Tschechoslowakei, nach Ungarn ober wohin sonst? Er müht c sich mit Deutschland verständigen. Die deutsche Politik bat eine Langmut ohnegleichen in ben Beziehungen zu Polen erwiesen, jetzt heißt es, den Zollkrieg, den mir nicht gewollt haben, auch aufrecht erhalten, unb jetzt heißt es, um bas noch einmal zu lagen, diese Optanten. bie ins Vaterland zurückgetrieben sind, mit aller Liebe unb mit allem Opfermut zu umgeben. Es war boch sehr bedauerlich, daß es erit einer sol chen Erfahrung unb einer solchen Kritik bedurfte, um bie deutschen und preußischen Amtsstellen aus eine Ausgabe binzuweisen, aus die sie sich geschlagene elf Monate vollständig hätten vorbereiten können!
Die Entstehung der englisch- russischen Entente vonl907 Von Dr. G u st a o Roloss, orb. Professor ber
Geschichte an der Universität Gießen.
Je mehr über die Beziehungen zwischen den Großmächten bekannt wird, desto deutlicher wird es, daß feit dem Schluß des 19. Jahrhunderts England die treibende Kraft bei allen internationalen Veränderungen gewesen ist. Nachdem es um 1898 die Politik bcr „glänzenden Vereinzelung" (splendid isolation) aufgegeben hatte, strebte es zuerst eine Verstänbigung mit Deutschlonb an, um gemeinsam mit ihm alle Weltfragen — vornehmlich in Dftafien, im nahen Orient unb in Afrika — zu lösen. Da aber Deutschland im Jahre 1901 ablehnte, weil nach bcr Ueberzeugung bes Reichskanzlers Bülow ein derartiges deutsch-englisches Bündnis ben Festlandfriedcn gefährden unb insbefonbere bas Verhältnis zu Ruß- lanb, bas ihm wichtiger als bas zu Englanb erschien, stören müsse, roanbte sich bie Lonboner Regierung an Frankreich, mit bem sie balb bas bekannte Mo- rottoabtommen abschloß (8. April 1904). Gleichzeitig suchte sie einen entfpredjenben Vertrag mit Ruß- lanb zu schließen, um Deutschlanb überall vor neue vollzogene Tatsachen zu stellen. Wie biese Annäherung zwischen „Bär unb Walfisch" zustanbe kam, erfahren wir jetzt aus ber Fortsetzung ber Ver- öffentlidjung bes Auswärtigen Amtes über bie „Große Politik ber europäischen Kabinette von 1871 bis 1914" (Banb 19—25 (Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik unb Geschichte, 'Berlin W 8|). Zwar bie letzten Geheimnisse ber englischen unb russischen Politik 'fönnen uns bie deutschen Akten nicht enthüllen, aber in großen Zügen können wir bie Vorgänge verfolgen unb vor allem ein klares Bilb von ber Haltung ber beutschen Regierung gewinnen.
Schon währenb England noch mit Frankreich über Marokko unb Aegypten verhanbelte, suchte es auch mit Rußlonb über China, Tibet, Persien unb Afghanistan Fühlung zu nehmen, fanb aber keine Gegenliebe, ba Rußlanb, noch im Vollbesitz seiner Macht, weber an eine Einschränkung seiner Expansion am Gelben Meere noch in ben Vorländern Jnbiens buchte. Der japanische Krieg unb bie Revolution brachten bie Wendung: Die russische Regierung, sagte Harbinge, ber englische Gesandte in Petersburg, sei nach bem Frieden von Portsmouth (August 1905) weit zugänglicher und weicher als früher. In Peking konnte sie selbstverständlich nach der Niederlage in der Mandschurei ihre Stellung nicht aufrechterhalten, Tibet entzog sich ihr ganz unb in Afghanistan und Persien hatte sich ber Respekt vor den russischen Waffen ebenfalls vermindert, so daß hier ein Zusammenarbeiten mit England angezeigt war.
In Berlin verfolgte man diese Versuche mit Aufmerksamkeit, namentlich als Iswolsky, dessen englandfreundliche Gesinnung bekannt war, zum Minister des Auswärtigen ernannt wurde. Insbesondere war der Kaiser mißtrauisch unb sah in einem eng- lisch-russischen Einverständnis eine Gefahr für bas Deutsche Reich, aber er wie Bülow waren entschlossen, bie Verhandlungen nicht« zu burchkreuzen, weil ein solcher Versuch nutzlos sein werbe. Solange bie beiben Mächte über ausschließlich englisch-rus- sische Interessen verhandelten, könnte, meinte Bülow, sogar bie Beseitigung von Reibungsflächen bem allgemeinen Frieden bienen, aber, gab er in Petersburg zu verstehen: „Wir erwarten, baß bie russische Regierung in Fragen, welche deutsche Interessen berühren, nicht ohne unser Zutun entscheibet und uns nicht vor ein fait accompli stellt. Als eine solche Frage betrachten wir bie Bagbadbahn." (Mai 1906.) Durch diese offene freundschaftliche Erklärung hoffte Bülow die guten Beziehungen zu Rußland zu erhalten und zugleich zu verhindern, daß fremde Mächte, wie zwei Jahre zuvor in Marokko, über bie Rechte Deutschlands Hinwegschritten.
Bei ben verwirrten Zuständen in Rußland gingen die Verhandlungen zunächst langsam voran. Aber für die Annäherung arbeitete nicht nur die Diplomatie, sondern auch bie Presse. Die russischen Zeitungen, voran bie „Nowoje Wremja", besprachen
läuft eben erst in unseren Tagen bie Frist ab, bie sein Werk brauchte, um in bie Linie berer hinein- zuwachsen, denen in ber Kunstgeschichte niemanb mehr ben Platz streitig machen bars. Damit ist jedoch nur ber Rang feines Gesamtwertes für bie kommenden Zeiten festgelegt, ohne daß diese im übrigen gezwungen werden konnten, sich ihr individuelles Verhältnis zu den Werken als solchen vorschreiben zu lassen. Das ergibt sich ohne Zutun aus den herrschenden Umständen (Daseinsbedingungen). Wir können — müssen! — die üppig glanzvollen Malereien galant-höfischer Epochen obiettio bewundern. Wir können uns in das Milieu der Renaissancepäpste, in die Atmosvnäre der französischen Ludwige und den Charakter ihrer Zeitalter versetzen. Wir können den Geist, der die ihrer Zeit entstammenden Werke erfüllt, weil er sie ermöglichte, vielleicht bedingte, nach- empfinben. Die Werke haben uns dann gewiß viel zu sagen. Aber es wird in der Hauptsache eben doch ein „sagen", d. h. ein „mitteilen" bleiben. Im Sinne unmittelbarer, zwingender Einwirkung zu geben werden sie uns in der Mehrzahl nichts vermögen. Elementar in unserm Tiefsten packen, in unferm Innersten aufrütteln werden sie uns nicht. Dazu ist uns der Sinn für jenes Verhältnis zu den Dingen zu sehr abhanden gekommen. (Allerdings kann jenes „mitteilen" zuweilen ein so starkes Erleben auslösen, daß mancher an ursprüngliches Aufgewühlt- fein glaubt.) Wieviel mehr haben uns do bie weniger bombastischen, sonbern „nur" lebensbejahenden Niederländer zu geben: Dftabe, Jan Steen usw. Und zwar deshalb, — auch Gegensätzlichkeiten spielen hierbei oft eine Rolle —, weil durch unsere mannigfache Bedrückung und Entbehrung ein Sehnen nach jener zuweilen derben, immer aber in ihren Wurzeln gesunden, ungekünstelten Daseinsauftassung rumort. Wie ja auch unsere Jahrzehnte ber 5rieb-
Samstag, 15. August 1925
eifrig bie Möglichkeit eines Abkommens, unb wenn sie auch cm gewisses Mißtrauen gegen E nglond, den langjährigen Widersacher, nichi verhehlten, so wiesen sie doch gleichzeitig daraus hin, wo man sich om besten einigen könne: sie bradjtcn allerlei Eingriffe gegen den Einfluß Deutschlands im Orient, insbesondere gegen bie Bagbabbahn. Deutschlanbs wirtschaftliche unb politische Stellung hier sei nicht mit ben Rechten bcr onberen Mächte vereinbar. Das hieß allo; Wenn England bereit ist, mit Ruß- lanb gegen Deutschland im Orient vorzugehen, steht Rußland zur Verfügung. Daß diese Idee der Anschauung bcr russischen Regierung entsprach, ist zweifellos. Sie mußte nach neuen auswärtigen Erfolgen streben, um das in den letzten Jahren verlorene Ansehen wiederzugewinnen, und dazu gab es kein besseres Feld als den Orient, bas alte Ziel des nationalen russischcit Ehrgeizes. Diese auf Ver- änberung zielenbe Politik mußte sich gegen Deutschlanb richten, bas gerabe burch bie Bagbabbahn unb anberc wirtschaftliche Unternehmungen nach Äon- folibierung ber orientalischen Verhältnisse strebte.
Aber bcr englischen unb russischen Presst stauben noch anberc Argumente zu Gebote: sie behaupteten, cm Bündnis mit England, bem liberalen Musterstaat, werbe bie neuen konstitutionellen Einrichtungen in Rußland sichern, während ein Bündnis mit Deutschland den reaktionären Einfluß des Kaisers auf ben Zaren stärken werbe. So falsch bie Vorstellung von der antikonstituticmeUen Beeinflussung des Zaren durch den Kaiser war, sie faßte doch Wurzel und hals die Antipathie in Rußland gegen England überwinden. Indessen auch damit waren Englands Mittel noch nicht erschöpft: als Rußland mit Japan über einige Ausführungsbestimmungen des Friedens, wie über einen Handelsvertrag und die Fischcreircchtc in den ostasiatischen Gewässern verhandelte, stand England den Japanern im stillen zur Seite, so daß Iswolsky schon einen neuen japanischen Krieg befürchtet, unb um ihn zu oerhinbern, bie Annäherung an England noch stärker betrieb. Neben der Peitsche fehlte das Zuckerbrot nicht: Als ein kleines russisches Geschwader den Hafen von Portsmouth berührte, wurde auf speziellen Wunsch König Eduards eine Deputation russischer Offiziere und Mannschaften nach London eingeladen unb burch Begrüßung burch bie höchsten Würbenträger in auffollenber Weise gefeiert.
So brängten auf beiben Seiten starke Einflüsse zum Abschluß einer Konvention. Bereits im September 1906 beobachtete ber beutsche Bolscha ter in Petersburg einen wesentlichen Fortschritt in ben Verhanblungen, ba Iswolsky verbot, bie engli che Politik in Persien) bem Hauptobjekt ber Besprechungen, wie bisher zu bekämpfen, unb wenn bcr Abschluß auch fast nod) ein Jahr (bis zum 31.21ug. 1907) auf fi(h warten ließ, so hatte boch niemand mehr einen Zweifel am Zustandekommen. Wie de- lannt, gab Rußland seine Hoffnungen in Tibet unb Afghanistan preis, währenb Persien in eine englische und eine russische Zone, getrennt durch einen neutralen Abschnitt, zerlegt wurde. Der Wortlaut des Abkommens war nicht aggressiv, wohl aber ber Geist, in bem es geschlossen war: Englanb, setzt nach der russischen Seite beruhigt, erstrebte jetzt über öübinbien, Mesopotamien unb Syrien eine Ver- binbung zwischen Jnbien unb Aegypten, um die Bedeutung bcr Bagbabbahn zu verringern unb bas arabische Element von bem türkischen zu trennen. Unb wie sehr das Abkommen sich speziell gegen Deutschland richtete, sprach einige Jahre fpäi Graf Bcnckendorff, ber russische Botschafter in London, im vertrauten Kreise offen aus: Es habe bie Aufgabe, Deutschlanbs Einfluß in ber Türkei zu hemmen unb seine Ausbreitung in Persien zu oerhinbern. Die defensive unb vorsichtige Politik ber deutschen Regierung hatte also in London und Petersburg keinen Widerhall gefunden.
In der Tat standen der deutschen Politik in Persien wie in Kleinasien neue Schwierigkeiten bevor. ________________
Turnen, Sport und Spiel.
Die Hermannsfeier der deutschen Turnerschaft.
$ Wuchtig ragt bas Hermannsdenkmal bei Detmold ins Westfalenland, um kommenden Geschlechtern von einem gewaltigen Recken zu künden, wie ihn das Schicksal bem beutschen Volke nicht oft im Laufe ber Jahrhunberte beschert. Der Erinnerung an biese beutsche Großtat würbe 1875 bas Hcr - mannsbenfmal bei Detmolb geweiht, bas vor 50 Jahren nach langer Mühe von seinem Schöpfer Bandel errichtet werden konnte. Ein Mahnruf sollte es sein unb für alle Zeiten bleiben für das deutsche Volk, um es daraus hinzuweisen, daß nur in der Einigkeit seine Stärke liege. Es war daher ein glücklicher Gedanke, wenn die Deutsche Turnerschaft. mit 1,7 Millionen Mitglieder der größte deutsche Verband für Leibesübungen, be-
lofigteit und des Lärms bie geruhige, still beschauliche Romantik der Blechen, C D. Friedrich und PH. O. Runge zu neuem Leben erwecken sollten.
Von — nicht zu unterschätzender — praktischer Bedeutung sind diese Tatsachen in erster Linie für die Künstler unb, wie schon eingangs erwähnt, für Sammlungen. So schmerzlich oft bie Enttäuschun- gen der Künstler, so teuer zu bezahlen oft später bie Berfäumniffe ber Sammlungen sinb, bie ihren Grunb in bem bebächtigen Tempo ber Entwicklung haben, — für ben nach höheren Gesichtspunkten Strebenben liegt in all bem boch auch eine schone Gewißheit. Die nämlich, baß bas wirklich Große, bas künstlerisch Echte sich, wenn seine Zeit erfüllt ist, immer burchsetzen wird!
Der Palast des Tutanchamon.
lieber ben bei ben Ausgrabungen in Mittelägypten jetzt freigelegten Palast bes ägyptischen Königs Tutcmchamon, besten Grabmal man erst im Vorjahre gefunben hatte, berichtet bie ägyp. tische Fvrschungsgesellschaft, daß ber Palast noch außerorbentlich gut erhalten ist unb im Lause bie- fes Jahres voraussichtlich vollständig freigelegt wer- ben wirb. Nach bort vorgefunbenen Dokumenten ist ber genannte Palast im Laufe von 25 Jahren gebaut worben, was für bas alte Aegypten einen Rekord bargestellt haben muß. Tutanchamon selbst hat in bem Palast, ber aus gebrannten Ziegeln her- gestellt ist, über zwanzig Jahre gewohnt zusammen mit seinem Schwiegervater währenb ber Zeit, als er als Abtrünniger außerhalb ber SReligionsgetneta« schäft lebte. Der Palast liegt siebenhundert eng« tische Meilen von Luxor entfernt. Die amerikani« sechn Finanziers der ägyptischen Forschungsgestll« lchast tragen sich mit bem Plan, den Palast voll« ständig wieder aufzubauen,


