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Blatt
US. Jahrgang
Samstag, 15. August 1925
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Reichstagsbilanz.
Der Reichstag ist Mitte der Woche in die von allen Beteiligten — Regierung, Parlament, Presse und Publikum — langersehnten Ferien gegangen. Man wird in der Geschichte der deutschen Legislative weit zurückgehen müssen, bis man eine Leistung findet, wie sie dieser Reichstag in den letzten Mo naten vollbracht hat. In angestrengtester Arbeit wurden die Grundsteine für das große innerpolitische Resormwerk gelegt, das das deutsche Volk und die deutsche Wirtschaft aus dem Schlamm der Inflationsjahre auf festen Boden führen soll. Aufwertung, Steuerreform und Finanzausgleich und schließlich die Zolloorlage hat das Kabinett Luther in verständnisvollem Zu- sammenarbeiten mit den Regierungsparteien unter Dach und Fach gebracht. Dabei soll keineswegs verkannt werden, daß auch der Opposition ein gut Teil Derdienst an dem Zustandekommen des Gesetz- gebungswerks in seiner endgültigen Form zukommt. Der tätigen Mitarbeit der gemäßigten Linken in den Reichstagsausschüssen sind eine Reihe wesentlicher Derbesserungen, namentlich soziäler Art, zu verdanken, die man nicht missen möchte. Wenn in den Plenarsitzungen von Woche zu Woche mehr, dem Agitationsbedürsnis zuliebe, von der Linken heftige Brandreden gegen Regierung und Regierungsparteien zum Fenster hinaus gehalten wurden und an den Gesetzesvorlagen kein gutes Haar gelassen wurde, so wird man das nicht allzu tragisch nehmen dürfen, ebensowenig wie die heftigen Proteste gegen die angebliche „Vergewaltigung" der Minderheit in der Schlußabstimmung über die Zollvorlage. Nachdem alle Positionen der Vorlage unter Mitwir- funa von Demokraten und Sozialdemokraten in wochenlanger Arbeit in den Ausschüssen durchberaten waren, nachdem allen Parteien bei der ersten Lesung hinreichend Gelegenheit gegeben war. ihren Standpunkt vor dem Lande zu vertreten, lag für die Mehrheit kein Grund vor. von dem ihr nach der Geschäftsordnung zweifellos zustehenden Recht keinen Gebrauch zu machen, in der zweiten Lesung über die Gesetzvorlage — hier die Zollvorlage mit ihrer Fülle von einzelnen Paragraphen und Positionen — im ganzen abstimmen zu lassen. Das wurde fast zur Pflicht angesichts der immer offener zutage tretenden Absicht der Linken, durch endlose, nur längst Gesagtes iviederkäuende Debatten und Anzweiflung der Beschlußfähigkeit des Hauses die Verabschiedung der Gesetze hinauszuzögern. Diese höchst unerfreuliche Seite des eben beendeten Tagungsabschnitts hat noch den Eindruck verschärft, daß der Reichstag im Volk allmählich sich zur unpopulärsten Einrichtung unseres öffentlichen Lebens hindurchgeredet hat.
Dazu tragen natürlich die unerhörten Szenen wesentlich bei, die die Komm uni st en in verschiedenen Sitzungen aufgeführt haben. Wenn Reichstagsabgeordneie ihre Aufgabe als Volksvertreter nicht besser verstehen, als durch ihre rüpelhaften Flegeleien den Hinausschmiß durch die Polizei zu erzwingen, so bewundert man wirklich die Langmut der Abgeordneten, die sich durch die gänzlich sinnlose Obstruktion dieser Art „Kollegen" um Zeit und Arbeitskraft bringen lassen; noch mehr erstaunt man über die Geduld des deutschen Volkes, das sein Parlament und damit sich selbst durch eine winzige Minorität bis ins Unerträgliche terrorisieren läßt. Int Interesse der wahren parlamcnta- rijdjen Freiheit darf der Reichstag sich so etwas nicht bieten lassen. Eine gründliche Reform des Wahlrechts u y b der Geschäftsordnung muß dafür sorgen, daß derartige Auswüchse eines mißverstandenen Liberalismus in Zukunft unmöglich werden. Womit hat sich eine Partei ein Recht auf Duldsamkeit erworben, die den Parlamentarismus verneint, in aller Offenheit den bestehenden Staat bekämpft und lieber heute als morgen den Bürgerkrieg, den Kampf aller gegen alle eröffnet?
3m übrigen konnte man bei den parlamentarischen Verhandlungen als erfreulichen Fortschritt buchen, daß der Reichstag zum erstenmal eine große politische Linie insofern aufwies, als der Regierung von Anbeginn an zur Durchkämpfung ihrer Gesetzes- vorlagen ein geschlossener Parteienblock zur Seite stand, dem eine ebenso geschlossene Opposition von Demokraten und Sozialdemokraten — von den radikalen Flügeln abgesehen — gegenüber- trat. Man wird darin die Wendung zum Z w e i - gruppensystem sehen dürfen, der einzig möglichen, weil einzig fruchtbaren Form des Parlamentarismus im Gegensatz zu dem durch die letzten Krisenjahre gründlich ad absurdum geführten System einer Minoritätsregierung der Mitte, die von Fall zu Fall, einmal rechts, einmal links ihre Unterstützung suchte und fanö, deren Existenz in Wahrheit also von der Gnade der Flügelparteien, oft auch von einer Laune des Zufalls abhing. Es ist nichk das geringste Verdienst des Kabinetts Luther und vor allem des Reichskanzlers selbst, diese Bereinigung unseres politischen Lebens bewußt angestrebt und erreicht zu haben. Möglich wurde sie erst in dem Augenblick, als das Zentrum die Unsinnigkeit einer Fortsetzung dieser Schaukelpolitik der Mitte, die man mit dem schönen Namen „Volksgemeinschaft" in der Praxis nicht brauchbarer machte, erkannte und hieraus die Folgerungen zog. Die Einsicht, daß man mit der Linken eine für die deutsche Wirtschaft erträgliche Steuer- und Zollreform kaum werde bewerkstelligen können, ferner die Unmöglichkeit, mit Demokraten und Sozialisten die im Spätherbst zur (Erörterung stehenden Kirchen- und Schulfragen in seinem Sinne jtF losen, erleichterten dem Zentrum den Weg zurück in die Reihe der ihm nach Tradition und Weltanschauung weit näher stehenden Parteien der Rechten. Man wird sich nicht wundern dürfen, daß es heute noch vor einer engeren Bindung an das Kabinett Luther zurückscheut und sich für kommende Fälle den Weg zu einer Koalition der Linken offen- hält. Das entspricht der ganzen Struktur dieses
Frankreich und Abdel Krim.
PainlevS zum Stand der Friedensverhandlungen. — Um die Unabhängigkeit des Rifs.
Paris, 14. Aug. Ministerpräsident p a i n - levo hat, bevor er heule nachmittag Paris für einige Zeit verlassen hat, der Presse folgende Erklärung über die mit Abd el Krim angeknüpften Friedensverhandlungen übermittelt: Man hat der Regierung einerseits zum Vorwurf gemacht, sie habe Abd et Krim die französisch-spanischen Friedensbedingungen nicht zur Kenntnis gebracht oder sie nicht verössentlicht, sowie ferner, sie habe die militärischen Vorbereitungen für Marokko hinausgezögert, um wirkungslose oder verfrühte Verhandlungen einzuleiten. Ls ist demgegenüber nicht unnütz, festzustellen, daß die französische und spanische Regierung, nachdem LmmIssäre Abd el Krims dessen Wunsch bezeugt hatten, dem Blutvergießen ein Ende zu machen, sich über die Bedingungen eines gerechten und dauerhaften Friedens in Marokko verständigt haben. Obwohl Abd el Krim es bisher geschickt verstand, von diesen Bedingungen nicht durch beauftragte Abgesandte Kenntnis zu nehmen, kann er, wenn er sie nicht ignoriere, aus ihren hauptktauseln auch den Millen der Vertreter der französischen Ration erkennen, den Stämmen des Rifgebietes d i e verwaltungstech- nüfche, wirtschaftliche und politische Autonomie im Rahmen der vertrage zu gewähren, d. h. unter dem Vorbehalt, daß die Souveränität der S u 11 a n s h e r r s ch a s t und die des Kalifats anerkannt wird. Die Emissäre, die bisher, ohne von Abd el Krim richtig beauftragt zu sein, behauptet haben, in seinem Namen zu sprechen oder seine Auffassnug zu kennen, sind, indem sie sich jeweils entweder an französische Beamte in Tanger ober an General Primo de Rivera wandten, darüber einig, zu bestätigen, daß Abd el Krim vor jeder Verhandlung die vorherige Anerkennung der vollkommenen Unabhängig- fcitbesRifgebietes forbert, eine Bcblngung, bie den Verträgen unb internationalen Abmachungen zuwiderläuft, von benen sich Frankreich unb Spanien gegenüber den anderen Ländern nicht befreien könnten, mithin eine Bedingung, deren Annahme unmittelbar und in gefährlicher Meise bie ganze Marokkosrage roieber a u f r o 11 e n würde. Entgegen den Behauptungen gewisser tendenziöser Veröffentlichungen haben aber die Verhandlungen oder Besprechungen zu keinem Zeitpunkt die Vorbereitung der militärischen Operationen und die Absendung von Streitkräften verzögert. Frankreich ist biszurGrenzedesMöglichen gegangen, um in Marokko den Frieden herbeizuführen, bevor es feine Macht entfaltet. Sache der Rifleute ist es, zwischen Krieg und Frieden zu wählen.
Vom marokkanischen Kriegsschauplatz.
Französisch-spanische Erfolge.
Paris, 14. Aug. (WB.) Lieber die militärische Lage an der Marokkofront gibt ein Bericht aus Fez vom 13. August folgende Darstellung: Die im Frontabschnitt von Quezzan unternommenen Operationen stellen einen »ollen politischen und wirtschaftlichen Erfolg dar, der von großer Tragweite ist. Politisch sichert diese Aktion die Beruhigung der Gegend des Sarsar-Gebirges. von dem die ganze feindliche Bedrohung gegen Aordwestmarokko aus- ging. Dadurch sind die Stämme und die Kolonisten dieser Gegend, die durch die feindlichen Einbrüche schwer zu leiden hatten, beruhigt worden. Zu gleicher Zeit hätten sich die Rebellen des Sarsargebietes in M-Zfrun eingefunden, um sich zu unterwerfen. Auch die
mertmürbigen Parteigebildes, bas eben alle Stände unb Wirtschaftsgruppen umfaßt. Aber auch mit dieser Einschränkung kann das Kabinett Luther für unabsehbare Zeit auf eine feste Mehrheit rechnen, mit der es in verantwortungsbewußter Zusammen- arbeit fein so glücklich begonnenes inneres Reformwerk fortfetzen kann.
Es erübrigt sich, nochmals zu den einzelnen Gesetzen Stellung zu nehmen, die der Reichstag in feiner letzten Tagung verabschiedet Hal. Das ist seinerzeit im einzelnen ausführlich geschehen. Es wird kein Mensch bestreiten, daß an den Reform- gefetzen vieles auszusetzen ist, was mehr als ein Schönheitsfehler gelten mag. Es gibt vielleicht keine Interessengruppe, der sie in ihrer endgültigen Fas- fung restlos gefallen, die nicht gern das eine abgestrichen, das andere hinzugefügt sähe. Darf das aber nicht gerade für die Güte des Werks sprechen? Finanz. und Wirtschaftsfragen lassen sich eben nur durch ein Kompromiß lösen, durch den Ausgleich aller entgegenstehenden Interessen, durch ein Sichfinden auf der mittleren, für die Mehrzahl gangbaren Linie. Und die dürste man in der Aufwertung sowohl wie in der Steuerreform und Zollvorlage gefunden haben.
Besonderer Erwähnung bedarf es der beiden großen außenpolitischen Debatten, die die Beratung der inneren Reform unterbrachen. Einmal fand die deutsche Note zur Sicherheitsfrage und damit der Kernpunkt der deutschen Außenpolitik die Billigung des Reichstags. Don der Opposition stimmten die Demokraten für die Regierung, die Sozialdemokraten erklärten durch ihren Sprecher zwar auch ihr Einverständnis mit Dr. Strefemanns Außenpolitik, zuckten aber aus parteipolitischen Gründen vor einem Billigungsootum zurück. In dem Protest gegen die^ll usweifung der deutschen Optanten aus Polen fanden sich dagegen Oppo-
Rebellen des Al-Scheris seien nach Arbaua gekommen, um ebenfalls zu verhandeln. Die französischen Truppen haben dem flüchtenden Feind schwere Verluste beigebracht. Ein Flugzeug- geschwader allein hat 28 Bombardements unternommen, und
durch die Vereinigung mit den Spaniern Ist es gelungen, da- offene Tor zwischen den französischen Stellungen von Zituna einerseits und dem ersten spanischen Posten andererseits zu schließen.
Die Verfolgung der Dissidenten sei im Lause des Vormittags fortgesetzt worden. Eine französische Gruppe sei in das Sarsargebiet bis auf 3 Kilometer nördlich von M-Zfrun e i n gedrungen. Die Herden würden in aller Eile nach Rorden getrieben, besonders in der Richtung auf Sul-es-Sebt. 3m Gebiete der Rhunas sollen die Stämme der Beni Mestara und der Ghezna die Absicht haben, die Feindseligkeiten e i n z u st e l l e n. Sie weigerten sich, den Rif- truppen Kontingente zu stellen.
Ein offizielles Communiquö aus Madrid vom 13. August besagt, baß bie Kolonne Freyben- b e r fl die Operationen, ohne auf großen feindlichen Wiberstanb gestoßen zu sein, beendigt habe. Sie habe die durch die spanische Artillerie und die spa- nischen Flugzeuge verursachten Zerstörungen in der feindlichen Front feststellen können. Da vorauszu- sehen fei, daß die mit den französischen Truppen gemeinsam zu unternehmende Operation eine (Entfernung der spanischen Truppen von ihrer eigent- lichen Operationsbasis zur Folge haben werde, sei der Besehl gegeben worden, vorsichtshalber nach Marokko einige Bataillone zu entsenden, die die Verbindungen sichern sollen. Die allgemeine Lage in der spanischen Zone sei befriedigend.
Die Lage in Syrien.
Par s, 15. Aug. (£11.) lieber die Lage in Syrien berichten die Pariser Blätter mit auffallender Zurückhaltung, hauptsächlich wohl deswegen, weil keine oder nursehrunvollkom- mene französische Meldungen aus dem Auf standsgebiet Vorlagen. Die Presse gibt die englischen Meldungen, auf die sie hauptsächlich angewiesen ist, nur mit Vorbehalten wieder, so eine „Times"-Meldung, nach der die Drusen versucht hätten, die Schienenstränge nach Damaskus zu zerstören. Rach der gleichen Rachricht sollen Ämegaltruppen bei ihrer Ankunft in Dayrut gemeutert haben.
„Journal des Däbats" schreibt: Der Verlust des Djebel Druse würde in der Flanke Syriens eine unheilbare Wunde schaffen. Dieses gebirgige Gebiet berührt im Süden die Ebene von Damaskus, und an dem Tage, an dem die Drusen, ein kriegerisches Volk, der französischen lleöer- wachung fich entziehen, würde das Schicksal von Damaskus bald besiegelt sein. Frankreich würde diese Festung und Perle der arabischen Welt mit seiner ständigen Bedrohung vor feinen Toren nicht behalten können. Die Aufstandsbewegung im Djebel Druse werde, wenn sie nicht tatkräftig unterdrückt wird, sich auf den Hauran ausdehnen und die Kornkammer P a l ä st i n a für fein Wirtschaftsleben zu gewinnen suchen und dann weiter die ganze Ebene von Damaskus bis zum Hermon in Gefahr bringen. So würde sich der Traum von einem Groß-Syrien zum Teil verwirklicht finden, wie ihn der Oberst Lawrence auch hatte. Die Abkommen vom 3ahre 1916 würden damit definitiv zerrissen sein.
fition unb Regierungsmehrheit einmütig zusammen. Es wäre gut, wenn biefe Einmütigkeit in allen Fragen der brutschen Außenpolitik vor aller Welt bokumentiert würbe. In unserer Lage können wir es uns nicht leisten, aus innerpolitischen Grünben, weil uns nun einmal bie ganze Richtung nicht paßt, beiseite zu stehen, wenn beutsche Lebensfragen auf bem Spiele stehen. Das sollte sich auch bie Sozial- bemokratie sagen unb der Regierung ihre Mitunter- stützung nicht versagen auf einem Gebiet, auf bem bas ganze Volk mit bem Kabinett Luther eins geht.
Der Reichspräsident.
München, 14. Aug. (£11.) Der Reichspräsident, der gestern nachmittag gegen 5 Uhr in Dietramzell auf dem Schloßgute der Familie von Schilcher zum Sommeraufenthalt eingetroffen ist. wird in den nächsten £agen schon wieder zur 3agd ins Hochgebirge ausbrechen. Für den Tag der Rückreise ist der 9. September vorgesehen. Sie wird voraussichtlich über Lichtenfels erfolgen. Der Reichspräsident wird dann im Anschluß an eine Besichtigung von £ruppen der 2. Division bei den Hebungen in Mecklenburg am 13. September d i e mecklenburgische Regierung in Schwerin besuchen und beabsichtigt ferner, demnächst die sächsische Regierung in Dresden aufzusuchen. Der Zeitpunkt für diesen Besuch steht noch nicht fest. Voraussichtlich in der zweiten Hälfte des September wird der Reichspräsident in Begleitung des Reichskanzlers und einiger preußischer Minister das Einbruchsgebiet nach der endgültigen Räumung, und -war wahrscheinlich die Stähte Bochum und Essen, besuchen
Mussolini.
Ein Bild des äußeren Menschen.
(Don unserem k-Korresponbenten.)
Rom, 14. Aug.
Den Kopf Mussolinis zu erfassen, ist noch keinem Künstler gelungen. Auf jebem Bild sicht er anbers aus, gleichviel, ob ihn ber mechanische Schlitzverschluß überraschte ober ein Porträtist sich rühmt, ber Diktator habe ihm ftunbcnlang gesessen. Es gibt Ge- mälbc berühmter Gesellschaftsmaler, die trotz aller Prämien nicht beliebt werben können, weil sie den robusten Schmiebesohn aus ber rebellischen Romagna, den Mann der action direkte, ber ebenso gut Kommunist sein könnte, als unpersönlichen Staatsmann zeigen. Es gibt für Massenabsatz her- gestellten Bronzen, bie ihn als schwertschweihenden Schmieb bem Volke näherbringen sollen — Bis- marckersatz und also Kitsch.
Ich habe Mussolini gesehen, als er noch der Anarchist, der Brigant, der Desperado für das Aus- land war — damals trug er ein Bulldoggengesicht. Er fiel mir dann im Parlament auf, als er, ein kleiner Abgeordneter, aber ein großer Journalist, eine Robespicrremaske aufsetzte unb bamit mit einem Schlage alle bisher gelangweilten Kopfe Herumriß. Balb war er Budbha, halb Nero. Wenn er bie qua« dratifche Kieferpartie auf bie Hände stützte, war es, als stütze er wieder den für einen Italiener ganz ungewöhnlichen Denkerfchäbel auf einen brutalen Zweckklotz. Vielleicht tritt in biefem aufbringlichen Gegensatz zwischen Stirn unb Kinn sein Charakter am beutlichsten zutage. (Eonbottiere, trat er im schwarzen Hemb, noch ben flarfcrnben Rausch bes Sieges in ben berühmten, kreisrunden, rollenden Augen, nach dem „Marsch auf Rom" vor ben König. Auf seinem späteren Triumphzug von Mailand über Bologna, Florenz unb Perugia, den Hauptetappen des faszistischen Zuges nach der Hauptstadt, habe ich ihn begleitet unb babei Gelegenheit gehabt, ihn in den verschiedensten Situationen zu beobachten. Er war ein anderer, wenn er, die Balkonbrüstung eines alten Palazzo förmlich zerknetend zwischen seinen unaufhörlich mahlenden Fäusten, hektische Flecken auf ben zuckenden Wangen, Atem holend aus aufgewühlter liefe, zu dem wogenden Meer seiner Schwarzhemden hinuntersprach ober vielmehr •bonnerte; ein anderer, wenn er ins Steuerrad seines Kraftwagens griff, daß einem Hören und Sehen verging: ein oberer, als er ben Schokolaben- rnäbels von Perugia die Hand gab; ein anderer, als er in strahlendem Ordensrock den Monarchen als Gast empfing. Es gab an diesem einen Abend sogar zwei Mussolini: Wenn die Damen ringsum wie eine zurücktretende Welle wegknixten, stand ein korrekter, etwas einsilbiger Ministerpräsident neben dem König; bald darauf reichte er uns aber, allein unb zwanglos, mit jugenblidjer Freube in einem herzlich offenen Gesicht, bie Hanb herüber. Unb wenn er — seine Familie lebt in Mailand — bei einer Abendunterhaltung die Frau bes Hauses spielt, ist er eitel Liebenswürdigkeit, um einige Stunde später als Polttiker mit wahrem Fanatismus gegen feine Gegner zu wüten.
Zielsicher bei scheinbarer Launenhaftigkeit. (Eine hübsche kleine Zeichnerin kam ins Gerede, so oft mußte sie in ben Palazzo Chigi gehen, um ihre Skizze zu vollenben, obwohl es boch nur, wie sie mit treuherzigem Augenausschlag versicherte, an (einer Sprunghaftigkeit lag. Balb schreibt er, bald fährt er auf, legt seine Züge wieder lächelnd in geeignete Malerfalten, plaudert telephoniert dazwischen, verabschiedet eiligst ben Besucher, holt ihn roieber zurück, lacht, tobt, biktiert — unberechenbar. Sich selber nicht treu. Unb baran muß es liegen, wenn fein lebenstreues Bilbnis zustanbe kommt. Unb bie Unberechenbarkeit eben ist seine Große und Stärke und Macht.
Denn es ist ein Irrtum, zu glauben, den Gewaltmenschen zeichne bie gerabe Linie aus. Das trifft schon auf bie Cäsaren nicht zu, am wenigsten auf Nero, mit bem Mussolini bie größere Aehnlichkeit hat, um wie viel weniger auf unsere wandelbare Zeit! Wer die Zeit beherrschen will, muß ihre Launen kennen und sie sich nutzbar zu machen verstehen, nicht sie brechen wollen. Die Zeit hat in diesem Sinne etwas eminent Weibliches an sich. Mit Brutalität allein lassen sich gewiß Erfolge erringen, aber niemals dauernde. Das weiß Mussolini, und danach handelt er — fühlt man sich versucht zu sagen. Ich wage jedoch keine Formel aufzustellen, denn ber Duce scheint mir bafür viel zu triebhaft. Er hanbett letzten Enbes boch immer instinktiv, wie bie Frau, unb bas erklärt vielleicht feine Siege auch in den kritischsten Lagen. Mil sicherem Griff reiht er aus seinem reichen Lager von Masken fast jedesmal die gerade passende heraus, und setzt er ja einmal eine unzweckmäßige auf, so zögert er keinen Augenblick sich selber desavouieren und die Logik der rücksichtslosen Selbstbehauptung sprechen zu lassen. I'y suis, j'y reite! Das ist sein Wahlspruch, ber allen diplomatischen Berechnungen, soweit man von solchen bei einer so einfachen Parole noch sprechen kann, zugrunde liegt.*
Als Ministerpräsident ober Minister — formell besitzt er nur vier Portefeuilles — spricht Mussolini um so mehr und um so farbloser unb langweiliger, je weniger er zu sagen hat. Entscheidungen dagegen legt er gerne in ein paar Donnerschläge. Unvergeßlich seine Haltung in jenem tödlichen Augenblick um bie letzte Jahreswende, als die Opposition hart- näckig wie Salome seinen Kops verlangte, ber Senat sich zurückzvg wie von Catilina unb ber Staats- anwalt sein Gesicht in bräuenbe Paragraphen legte. Da stand Mussolini im Parlament auf unb schlug gleich mit bem ersten Wort wie mit einem Hammer an bie Glocke ber Zeit, hielt bie golbgeränberte Verfassung hoch, las ben Artikel ber feibenen Schnur unb frug hocherhobenen Hauptes in die furchtbare Sülle hinein: Domanbo — ich frage, wer biefen Artikel angeroenbet wissen will? Einen Orkan be- schwor er damit herauf, unb dieser Orkan riß ihm


