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15.7.1925
 
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Giegener Anzeiger

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Hessischer Landtag.

Darmstadt, 14. Juli. (Gig. Bericht.) Präfi- dent Adelung eröffnet die Sitzung um 9j Uhr.

Die Beratungen werden bei Kap. 75"M i ni­st e r i u m für Arbeit und Wirtschaft" aus­genommen. Zu diesem Kapitel hat der Abg. Dr. Werner einen Antrag eingebracht, das ganze Mi­nisterium aufzuheben und anderen Ministerien zu übertragen. Die Abg. Glaser und Dr. L e u ch t- g e n s beantragen. 11 akademische Beamte sowie 25 mittlere und untere Beamte zu streichen. Der Aus- schuh beantragt, die Anträge abzulehnen und das Kapitel (11 175 Mk. Einnahme und 379 275 Mk. Ausgabe) zu genehmigen. Ferner wird bei die­sem Kapitel ein Antrag. 15 000 Mk. für die Reichs-Weinausstellung in Koblenz zu bewilligen, mitberaten. Aba. Dr. Leuchtgens er- stattet Bericht darüber. Der Ausschuß ist für Ge­nehmigung dieser Summe. iir

Abg. Mann (Soz.) macht allgemeine Aussuh- rutigen über die gegenwärtige wirtschaftliche Lage. Er wendet sich gegen die Eisenbahnve r w a l- tung, die viele Leute, die jahrelang bei ihr be­schäftigt waren, rücksichtslos entlassen habe. Bon einer Beeinflussung der Regierung durch die Ge­werkschaften könne man nicht reden, die Arbeit­geber hätten Vertretungen in der Landwirtschafts- fommer, der Handwerkskammer und den Handels­kammern sowie in den Arbeitgeberverbänden, aber eine Arbeiterkammer gebe es nicht, diese sei zu fordern.

Abg. Böhm (Dschn.) spricht von der Rot weiter Volksschichten, von den Kriegsbeschädigten, den So­zialrentnern und den Arbeitslosen. Der Redner spendet einer Reihe Drgani|ationen Lob für ihr soziales Wirken, darunter auch der Landwirtschafts, fammer. Die Fortführung der Sozial­politik fei notwendig, aber auch Sparsamkeit. Die Unterstützung der Sozialrentner, der alten Leute, der Kriegshinterbliebenen und der Altoete- ranen müsse durchgeführt ober wieder eingeführt werden. Die Arbeitslosigkeit könne durch Fernhal- lung von ausländischen Arbeitskräften zum Teil behoben werden. Auch könnten Erwerbslose zur Kulivierung von Oedland verwendet werden. Der Redner wendet sich

gegen das Dogma des Achtstundentages.

3m Wohnungswesen hat es die Regierung an Energie fehlen lassen; viele Menschen Hausen daher heute ganz erbärmlich. Das christliche Ge­wissen müsse aufgerufen werden; die Arbeitgeber mutzten der wirtschaftlich Schwachen gedenken und die Arbeitnehmer dürften sich nicht von der Volks- aemeinschaft trennen. Unser Ziel fei, auch das des Landtags müsse fein, eine soziale Versöh­nung herbeizuführen. Der Redner streift u. a. den Ankauf des R i e r ft e i n e r Weingutes, das Zentrum sei zum Teil ja Gegner des Ankaufs dieses (Stiles gewesen. Bei Besprechung der Zollfrage erhärte der Redner, die Sozialdemokratie zeige hier viel Phari,uertum, zumal da die Sozialdemokratie zwei Prominente in ihren Reihen habe, den Staats- Präsidenten Ulrich und den Minister Raab, die ßochschutzzöllner seien. Die Zölle wären nicht allein zum Schuh des Wirtschaftslebens der Gegenwart notwendig, sondern auch im Interesse der kommen­den Generationen. Wenn die Linke es wünsche, daß ,in Wahlkampf wegen der Zölle entbrenne, so wäre feine Partei mit fliegenden Fahnen dazu bereit, es mürbe sich wieber, wie bei den Präsidentenwahlen tine Einigung ber Rechtsparteien zeigen und viele Freihändler würden in diesem Kampfe, wie vom Blitz erschlagen werden. (Lebhafter Beifall.)

Abg. W e ck l e r (Ztr.) macht Ausführungen über die Lage der Landwirtschaft und legt den Standpunkt seiner Partei zur Zollfrage dar; tr wendet sich gegen Hochschutzzoll und gegen Be- ceitschaftszölle und ist für einen mäßigen Schutz­zoll. Die Mehleinfuyr müffe unterdrückt werden.

Die Forderung, die Landwirlschaflsämter der Land- Wirtschaftskammer zu unterstellen, lehne seine Par tei ab.

Rach Wiedereröffnung der Sitzung erhärt Abg. Dr. Müller (Bbd.), daß die Schöben ber Gegen wart nur burch eine gesunde Landwirtschaft geheilt werden können. Die Landwirtschaft habe jetzt im Gegensatz zu früher, außer einer Preiskrise, eine Krise zu überstehen, die durch steuerliche Belastung der Betriebe und durch eine Kreditnot hervorgerusen lei. Gerade die Kreditnot sei in Hessen bc^ sonders spürbar gewesen wegen der Unwetierschäden. Die kurzfristigen Kredite müßten in langfristige um- gewandelt werden

Selbst bei der Sozialdemokratie sändcn sich heute manche Anhänger des Schutzzolls.

Abg. Müller führt als Beweis hierfür eine Reihe von Aeußerungen führender Sozialdemokra­ten an. Der Redner erörtert hierauf Spezialfragen des Schutzzolls, wobei er wiederum für die Rich­tigkeit feiner Gründe sich auf Zeugnisse sozioldemo-

gefragl, was für unser Schicksal maßgebend sei. Ich denke, gesunde Gedanken, denen richtige Taten folgen. Auch die Wirtschaft kann unser Schicksal fein, das lehn 1923. Wir müssen uns daran erinnern, daß es mit die Absicht unserer Gegner war, durch den Krieg unser Wirtschaftsleben zu zerstören und die Deutschen vom Weltmarkt zu verdrängen; leider ist ihnen das zum größten Teil gelungen. Wir sind auch weltwirtschaftliches Objekt. Um uns emporzu- führen, ist darum grundsätzlich eine

Versöhnung der verschiedenen Volksschichten anzustreben und ber Klassenkampf zu beseitigen. Ar- bciigcber unb Arbeitnehmer gehören zusammen; die Gewerkschaften müssen sich als Produktionsorgani- jation betätigen. Dieses Kemeinsamkeits- gefühl ist um so notwendiger, als jetzt die Füh- lungnahmc zwifchenArbeitgedern und Arbeitnehmern, die Fühlungnahme von Mensch zu Mensch, durch die Organisation aufgehört Hot. Auch Konzerne haben Gefahren; es muß daher ein starker Staat sein, der diesen Gefahren entgegentritt. Konzerne

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sorgen täglich dafür, dah der Gießener Anzeiger auch in den abgelegenen Orten seines Verbreitungsgebietes

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Für die zweite Halste des Monats Juli bestellt man den Gießener Anzeiger für 1 Mark und 10 Pfennig für Trägerlohn in Gießen bei der Gefchäftsstelleund bei den Trägerinnen,auswärts bei den Dertriebsstellen.

kratischer Führer beruft: Namentlich wendet er sich aeaen die Behauptung, daß durch Schutzzölle die Lebenshaltung verteuert werbe.

Abg. Freiherr v. H e y l (D. V.) knüpft mit feinen Ausführungen an eine Bemerkung bes Abg. Mann an, daß im Landtag zuviel geredet würbe; bas fei richtig. Darum empfehle er, baß zukünftig nur bie Fraktionsvorsitzenben tagten. Ferner habe Abg. Mann gesagt, man solle nur Sachoerstänbige reden lassen. Aber bann müßte erst untersucht werben, wer ein Sachverstänbiger sei. Der Rebner erklärt weiter, er wolle hier roeber bie Sachoerstänbigkeit für sich in Anspruch nehmen, noch als irgenbein Vertreter von Interessenten sprechen, fonbern er fühle sich als Ver­treter des gesamten Volkes. Wenn alles redet, dürfen wir allein nicht schweigen, denn in einem demokrati­schen Staatswesen seit den Vorfällen von ge­stern können wir das aber wohl nicht mehr so nen­nen ist das leider die Hauptsache. Es wird viel

gibt es auch bei den Arbeitnehmern: das sind z. B. die Konsumvereine, die auch keine Rücksicht auf die Handwerker nehmen. Im Ruhrgebiet tri- feit es bedenklich; wenn die Arbeitgeber zu­grunde gehen, gehen die Arbeitnehmer dort mit. Wer zahlt denn die Löhne? Sind es die wenigen Leute in den Aktiengesellschaften, die die Löhne festfetzen? Die Ware ist cs, die die Löhne bezahlt; wenn sie nicht bezahlt wird, dann können auch keine Löhne bezahlt werden. Aehnlich, wie mit den Löhnen, ist es auch mit der

Lohnsteuer.

sie wird letzten Endes von der Wirtschaft g e - tragen. Die Lohnsteuer ist ein Vorschuß, den der Arbeitgeber leistet, und der durch die Wirtschaft wie- der einkommen muß. Eine Lohnerhöhung ist nur bann zu tragen, wenn eine Probuk - tionsfteigerung eintritt. Der Achtstunbentag könnte ausreichen, wenn auch wirklich während bie«

Die Tragödie des Christian Holzwart.

Ern Gegenstück znm Falle Angerstein.

Nachdruck verboten.

Don Zeit zu Zeit lesen wir immer wieder, bah da unb dort ein Mensch innerhalb kür­zester Frist oder so oft sich ihm hierzu die Selegenheit bot, eine größere Anzahl seiner Mit- inenschen ums Leben gebracht hat. Gewiß sind eigentliche Räubertaten, zu denen sich Mehrere zur fortgesetzten Verübung von Verbrechen an Leib und Leben zusammen taten, in unserer Zeit immerhin gesteigerter und verbesserter Ver­kehrssicherheit fast verschwunden, wenigstens hier­zulande. Banden, wie sie Johannes Bückler, der am 21. Rovember 1803 in Mainz enthauptete .SchinderhanneS", organisierte bie bei ihm angewendete Guillotine wird in Hessen heute noch verwendet Banden, die Monate oder Jahre lang eine Gegend oder ganze Land­striche in größter Erregung und Furcht hielten, gibt es nicht mehr, wenn auch gewiß ein Hölz mit seinem Anhang noch in unsere Zeit gehört, der seinen räuberischen Erpressungen ein politi- sches Mäntelchen umzuhängen suchte und dabei auf die Gefolgschaft und den Anhang derer rech­nete, die nicht alle werden.

Massenmörder." Ein jeder gibt ohne Zwei­fel allen, die mit ihm nach seiner Tat amtlich befaßt sind, vor allem jenen, denen die harte Pflicht obliegt, über seineSchuld" d. h. hier über Leben und Tod zu Gericht zu sitzen, eine unendliche Fülle von Rätseln auf. Der Beweg­grund des Einzelmörders, z. B der des Mörders an seinem Auswucherer, des Mörders am De- kiher eines Wertgegenstandes, des Mörders an einer Frauensperson, liegt oft klar zu Tage.

Anders ist es beimMassenmörder". Wer mochte sich wie z. B. im Falle Angerstein ver­messen, von vornherein zu sagen: Dieser und kein anderer Beweggrund ist die Ursache seiner Untat! Und können ihre letzten Grunde wirk­lich jemals restlos geklärt werden?

Jeder Mensch ist sich selbst so oft ein Rätsel, Denn er erst beginnen will, sich selbst zu enträtseln. Zwar ist nach des berühmten Rabbi AusspruchAlles schon dagewesen". Rich­tig und falsch. Die inneren Beweggründe allen

schon dagewesenen äußeren Geschehens werden doch stets andere fein. So wie die Fingerabdrücke aller Menschen ganz gewiß bestimmt von einander verschieden sind, ebenso handeln die Menschen stets in anderen Lebenslagen, unter anderen äußeren Umständen und deshalb, das darf mit Bestimmtheit gefolgert werden, auch unter ver­schiedenem Denken. In diesem Sinne ist zu sagen: Alles ist nicht schon einmal dagewesen. Und: Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe.

Jakob Wassermann hat als Erzähler im Rikola-Verlage eine größere Anzahl lesenswerter Begebenheiten geschildert und Charaktere zu ent­schleiern versucht.

Unter seinen Erzählungen findet sich auch die demReuen Pitaval" entnommene Schick­salsschilderung einesMörders" seiner Familie, Christian Holzwart, der unter ähnlichen Um­ständen, wie jetzt Angerstein, zunächst einen räu­berischen Ueberfall und Brandstiftung als die Ursache seiner Verwundung und des Todes seiner Familie angab.

Hören wir den gekürzten Bericht: Es war am 29. Dezember 1845 in der Frühe, als Holz­wart blutüberströmt und mit verkohltem Barte von der Sudenburg, einer Vorstadt Magdeburgs, außerhalb der Ringmauern, bei dem Magde­burger Wundarzt Koch ankam, von Flammen sprach, und daß seine Familie wohl erstickt sei. Inzwischen hatte man in der Sudenburg bereits sechs Leichen aus dem Schutt des ausgebrannten Holzwartschen Hauses geschafft! Alsbald fteUte sich auch bei dem Wundarzt die Kriminaldepu- tation ein, um von Holzwart Auskunft zu ver­langen. Er antwortete unzusammenhängend wie ein Fiebernder, er sei in seinem Laden von einem Unbekannten überfallen und gestochen worden, habe diesen verfolgt, sei dann umgekehrt und habe fein Haus in Flammen stehend vorgefunden. Im Hause waren die Frau, der Sohn und vier Töchter ermordet worden. Daran bestand kein Zweifel. Selbst die Christgeschenke waren mit Blut bespritzt. Aber die Kleidungsstücke, die Holzwart trug, waren unversehrt und die Schnitte an seinem Halse ließen nur einen Selbstmordver­such vermuten.

So wars sich bald von selbst die Frage auf man denke an Angerstein sollte Holzwart selbst der Mörder dieser seiner wohlgeratenen Kinder und seiner Frau fein? Aus Haß? Aus Habsucht? Aus Rot? Alle waren arm, hatten

nichts besessen und nichts zu erben! Das Volk sah mit Recht in ihm den Mörder und fluchte ihm!

Aber man höre sein Schicksal, die Angabe seiner Beweggründe.

Erst nach einer Woche war Holzwart ver­nehmungsfähig.Ja, ich bin schuldig, sagte er; es ist aber mein Verbrechen nicht das Werk eines augenblicklichen Einfalls. Jahrelang, |o fuhr er fort, habe ein Unstern über ihm und seiner Familie geschwebt. Diese Ueberzeugung habe ihn die Hand gegen seine Familie erheben lassen. Kein anderer Grund als die Liebe habe ihn zu seiner schrecklichen Tat veranlaßt. Deshalb habe er die Seinen auf die schnellste und schmerzloseste Weise aus der Welt geschafft. Unbewußt und froh hätten alle die letzten Au­genblicke ihres Daseins herannahen sehen. Trotz schwerer Schicksalsschläge in seinen Geschäften sei er nie zu niedrigen Handlungen herabge- sunken. Aber als es um ihn so schlecht gestanden habe, daß er nur von Wohltaten und Almosen fein und seiner Familie Dasein habe fristen können, als er habe befürchten müssen, daß die Seinen der Armut, der Gemeinheit, dem Laster verfaUen könnten, da fei er zum Letzten ge­schritten. Und Holzwart schilderte seine unselige Tat in allen ihren Einzelheiten.Den Tod er­warte ich, antwortete er auf die Frage des Richters, mit Freude erwarte ich ihn, ich wollte ihn mir selbst geben, aber es ist mir leider nicht geglückt."Sein Gesicht war voll Ruhe, fein Blick frei, sprechend und sanft" heißt es im Bericht.

Die Stimmen, die die Liebe Holzwarts zu den Seinen in Zweifel zogen, wurden widerlegt. Er war ein religiöser und reeller Mensch; seine Lieblingsbeschäftigung war das Schachspielen. Aber zwischen ihm und seinem Vater sei es oft zu wilden Szenen gekommen.Einmal bei einem Streit habe sein Vater ihm geflucht, und von diesem Augenblicke an fei fein Glücksstern unter­gegangen.

Der beschränkte Raum einer Zeitung ver­bietet die eingehende Schilderung seines beweg­ten Lebens. Welchem Erwerbszweige er sich auch zuwenden mochte, in einem jeden hatte er trotz Fleißes und Eifers nur Mißerfolge. So trat allmählich der Gedanke an ihn heran, mit feiner Familie schmerzlos aus dem Leben zu gehen.Ich war außerstande, die Meinen vor dem Unter­gang zu retten.Rach feiner Meinung war er

fer Zeit intensiv gearbeitet wird. In Amerika, bas UNS als Vorbild oorgeführt wird, paßt sich der Arbeitstag ber Marktlage an. Bei uns ist mehr sozialer Sinn als in irgendeinem andern Land der Welt, sonst würden z. B. ganz andere Arbciterentlasjungen im Jahre 1923 im besetzten Gebiet ftattgeümbcn haben. Ein Auioiyp, der in Amerika und Deutfchlanb hergestellt wirb, erfordert bei uns soviel mehr Arbeitsstunden, baß selbst bei dem höheren Arbeitslohn in Amerika, die Autos in Deutschland teurer find. In Amerika wird eben be­deutend mehr gearbeitet, allerdings find auch dort die Arbeiter viel schneller verbraucht.

Wer weniger leistet mu ß auch we­niger verdienen. Amerika kann 80 Proz. seiner Produktion ganz gut im eigenen Lande ver­kaufen und kann 20 Proz. zu sehr geringen Preisen auf den Auslandmarkt werfen. Der Ab­geordnete Mann hat behauptet, die Arbeitgeber seien für Beseitigung aller sozialen Leistungen; das ist grundfalsch. die deutsche Industrie ist immer noch führend auf sozialem Gebiete. Andere Länder haben ja vielfach die sozialen Einrich­tungen noch nicht, die wir besitzen. Zwischen sozial und sozialistisch ist ein Unterschied. Die Ge­sunderhaltung der Wirtschast ist die Hauptsache, dann erst kann die Sozialpolitik durchgeführt werden. Wir sind ein armes Volk unb müssen daher auf sozialpolitischem Gebiete manches Wün­schenswerte zurückstellen. Der Abg. Mann hat selbst den Kapitalmangel als bestehend aner­kannt; die

Reubilbung von Kapital

wurde von Dr. Schacht gefordert, schon allein wegen des Dawes-Abkommens. Die Bilanzen der Aktiengesellschaften müßten demnach ganz anders aussehen wie jetzt; jeder Heine ilcber- schuh muh aber, wie Dr. Schacht sagte, in den Produktionsprozeß hineingesteckt werden, sowohl bei der Industrie, wie bei der Landwirtschaft. (Beifall.) Die Arbeitnehmer sollten daher, statt zu schimpfen, sich freuen, wenn bet der Industrie gebaut wird, denn dieses Gelb ist gut angelegt vom Arbeitnehmerstandpunkt aus, weil neue Arbeitsgelegenheiten geschaffen werden. (Zustim­mung.) Bei der

Zollfrage

ist zu berücksichtigen, baß die lateinischen Staa­ten Amerikas während des Krieges eine ge­waltige Entwickelung durchgemacht haben unb eine große Gefahr für uns geworden sind, wegen ihrer geringeren Löhne und geringeren Pro­duktionskosten. Wenn wir unsere Wirtschaft schutzlos lassen, dann begehen wir wieder den­selben Fehler wie 1918, als wir bie Wasien wegwarfen: dann wird Deutschland wieder der Tummelplatz des Auslandes sein. Der ehemalige Sozialist Calwer betont die Rotwenbigleit von Zöllen allein schon als Kampfmittel. Die Landwirtschaft braucht unbedingt vernünftige Zölle; ihre Interessen gehen da mit der Industrie völlig einig. (Beifall.) Merkwürdig ist, daß Reichsbankpräsident Schacht Schuh der Landwirtschaft verlangt, gleichzeitig aber Zölle ablehnt und sie damit schutzlos läßt. Die Verbesserung ber Produktionsmittel der Landwirtschaft ist notwendig, aber auch Verbes­serung des Grund und Bodens. (Zustimmung.) Der Landtag hat ja auf Veranlassung von Dr. Dehlinger das Projekt zur Entwässerung des Rieds angenommen. Bei dem linksrheini­schen Bezirk Eich-Gimbsheim kommen etwa 4000 Hektar Land für die Meliorisation in Betracht. Die Umsatzsteuer ist eine der unglücklichsten Steuern, weil sie bezahlt werden muh, ohne dah man weih, ob das Geschäft mit einem Verlust abschlicht; da sie oft mehrfach erhoben wird, so wird die Ware verteuert. Wenn wir

für freie Wohnwirtschaft

sind, so sind wir nicht für Aufhebung des Mie­terschutzes von heute auf morgen. Den Ausspruch

niemand auf der Erde eine Auskunft zu geben verpflichtet, und seine Tat muhte vor Gott allein verantwortet werden. Der fürchterliche Irrtum, eine Familie verloren zu glauben, wenn die Hilfsquellen der Existenz versiegen, beruhte hier auf Charakterfehlern nicht allein, fonbern auf Gemütsanlagen, die mit tragischer Siebe Bande bes Blutes als unauflöslich betrachten. Die älteste Tochter war schön, vorzeitig ent­wickelt, blühend in Gesundheit und reizend durch freundliches Betragen.Sie würde ihre Käufer schon gefunden haben", warf Holzwart im Ge­spräche mit bitterem Hohne hin,aber ich habe ihre Unschuld bewahrt und gerettet.

Im Dezember 1846 wurde Holzwart zum Tode durch das Rad verurteilt. Ein Gnaden­gesuch reichte er nicht ein. Er wollte den Ver­zug des Verdikts nicht verzögern. Seinem Willen entgegen bat das Gericht den König um Gnade für ihn. Er schrieb Gedichte Tage­buchblätter. Die Strafe des Räderns wurde in die der Enthauptung umgewandelt.

Im Jahre 1848 scheute sich bie Behörbe, eine Hinrichtung vollziehen zu lassen.Sobann wurde bas Todesurteil in lebenswierige Zuchthausstrafe verwandelt. Ungeheurer Schrecken erfaßte ihn bei der Verkündung dieses neuen Urteils. Er schrieb nieder:Gezüchtigt durch Zuchthaus für eine solche Tat! Es kann nicht fein, es darf nicht fein. Man kannte bie Selbstmordversuche Holzwarts, man widmete ihm gesteigerte Auf­merksamkeit. Er verscheuchte durch fein ruhiges Wesen fast jeden Verdacht. Um fo unerwarteter wirkte in Magdeburg die amtliche Rachricht auS ber Strafanstalt in Halle:

Der von dem Kreis- unb Stadtgericht hier eingelieferte Christian Holzwart aus Magdeburg stürzte sich am Sonntag, dem 28. Januar 1850, nachmittags um 3 Uhr, beim Ausgang auS ber Kirche von der Derbindungsbrücke des Flügels B unb blieb aus der Stelle tot liegen, indem er sich den Hirnschädel gespalten und fast alle Glieder zerschmettert hatte." Soweit der Racherzähler.

Welche menschliche Tragödie! Holzwart war wie er einMassenmörder". Ohne Zweifel. Im äußeren Geschehen sind ihre Taten unb ihre ersten Handlungen nach der Tat fast bie gleichen, wenn auch Angerstein Richtfamilienmitglieber ge­tötet hat. Aber ihre Beweggründe? Wenn zwei dasselbe tun. fo ist es nicht dasfelbe!

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