Ausgabe 
15.1.1925
 
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kaufsbebhtgungen werden vor tg btkanntgegeben.

btn 13. Januar 1925.

Bürgermeisterei Annerod.

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10 Monate zu leihen ober en. Angebote erbittet Kreis- t Jfenber in Wetzlar neues Kreishaus). W5P

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Nr. 12 Swetter Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 15. Januar 1925

Wiederaufbaufkandale in Frankreich.

Auf den ungeheuren Mißbrauch. der mit den für den Wiederaufbau Nordsrankreichs be­stimmten Milliardenbettägen getrieben worden ist Dummen, die dann in der französischen Rechnung an Deutschland präsenli ri wurden hat vor Jahren bereits der Stockholmer Volks- wirtschastler Dassel hingewicsen Leider er- solglos: unter der Regierung Poincares steigerte sich dieser groß orgamfierte Betrug .ns Maßlose. Run hat die Regierung H e r r , o t die Pflicht übernommen, auch m das Dunkel dieser Vorgänge hinein zu leuchten. Bere.ts hat in der Kammer eine zum Teil erregte Be­sprechung stottgefunden, in der Herriot sich kei­neswegs schuhend vor die Nutznießer dieser Schwindeleien stellte. Ratürlich ist die Partei derer die Interesse an der Vertuschung dieser skandalösen Vorgänge haben, groß genug, und ihr Einfluß auf die Presse so weitreichend, daß eine vollständige Aufdeckung kaum zu erwarten ist Was indes jetzt schon bekannt geworden ist durch sozialistische und bürgerliche Zeitungen und durch die Kammerdebatte, läßt die ganze unge­heuerliche Drohe dieser Schwindeleien erkennen. Ileber den jetzt bekanntgewordenen skandalösen Mißbrauch, mit diesen Milliarden, schreibt der Züriche r Zeitung" ein gelegentlicher Pa­riser Mitarbeiter:

Frankreich lebt gegenwärtig in einer Periode der ausaedeckten Skandale. Die Grausamkeiten in den Bagnos der Militärgerichte, die Scheuß­lichkeiten in den Strafkolonien, die Betrügereien bei den Bodenspekulanten haben das Publikum genug erregt. Jetzt sind es aber vornehmlich die Wiederaufbaugebiete. die eine Fülle von skandalösen Betrugsversuchen am Staate zutage gefördert haben. Selbst die Toten Haden das Objekt für waghalsige und geglückte Spekulcftio- nen liefern müssen. In den zerstörten Gebieten Rvrdfrankretchs müssen eine ganze Reihe von Gräbern Gefallener umgegraben werden eine Arbeit, die an Unternehmer vergeben wurde. Welche Sorte von Unterneh­mern 1 Ehemalige Friseure, Holzhändler. Han­delsreisende und dergleichen mehr, die mit dem Instinkt dieser Menschen den Profit witterten, der hier verborgen war. Im allgemeinen wurde ein Sah von 20 Franken pro Tag als genügend für diese Arbeit angesehen, wobei dem Unter» nehmer noch ein Gewinn von 45 Franken blieb. Es gelang aber, Sähe von 100 Franken und mehr zu erzielen und gleichsam wie zum Hohn, wie in eurem Warcnhause, berechneten sre einen Preis von 99,98 Franken, um die Zahl Hundert $u umgehen. An einem einzigen Tage erzielte em Unternehmer 50 ODO Franken! Die identificateurs" scheinen zuweilen nicht ehrlich vorgcgangen zu sein und diesen Skandal ermög­licht zu haben, denn man fand bei einem Schmuck­sachen, deren Herkunft er nicht genügend erklären konnte und die höchstwahrscheinlich von Toten herrührten. Die Arbeiter beraubten die Leichen der Ringe und aller irgendwie kostbarer Gegen­stände. Das ist ein wahrer Skandal, der be­reits im Mai dieses IahreS eine Kommission beschäftigte, jetzt aber erst in vollem Umfange aufgedeckt wird.

Des weiteren hat das Wiederaufbaugebiet Gelegenheit zu unerhörten Gewinnen gegeben, die tm Zusammenhang mit den Entschädi­gungen stehen, die diesinistrHS", die Ge° ßhädigten, vom Staate fordern. Die französische Gesetzgebung hat gestattet, diese Entschädigungs­ansprüche zu zedieren und zu verkaufen. Daraus hat sich ein schwunghafter Handel entwickelt, der den Erwerbern dieser Forderungen geradezu mär­chenhafte Profite gebracht hat. Insgesamt wird angenommen, daß die eigentlich Geschädigten etwa eine Milliarde erhalten, die Erwerber mindestens sechs Milliarden Franken erlöst haben. Einige Der skandalösesten Fälle: Eine Zuckerfabrik bildete den Gegenstand einer Zession von 360 000 Franken und brachte nachher nicht weniger als 7 Millionen. Ein Terrain wird einschließlich des Entschädi­gungsanspruches für 150 ODO Franken im Jahre 1919 verkauft und bringt später 6 Millionen. Ein

Landterritorium für 21 000 Franken bringt 548675 Franken. Tie Gewinne der Erwerber der Ent­schädigungsansprüche finb bis auf daS Zehnfache, ja Zwanzigfache gestiegen, so daß ein der Kam­mer vorgelcater Gesetzentwurf eine Besteuerung der ungerechtfertigten Gewinne, genau so wie es bei den Kriegsgewinnen der Fall ist, fordert.

Es sind aber unter den Geschädigten s e l b st Elemente vorhanden, die auf eigene Faust den Staat betrügen wollen. Eine stumme Sprache reden die Zahlen, die das Departement du Nord soeben veröffentlicht. Es waren etwa eine Million Ansprüche angem ldet worden, de.en Wert zirka 36,1 Milliarden Franlen betrug. Obwohl die Zahl der Ansprüche sag völlig anerkannt wurde. konn­ten die Behörden Abstriche vom Wert in Höhe von 33 Prozent machen, so daß also nur 23,3 Milliarden zu erstatten waren. Man kann aber keineswegs sagen, daß der Staat dabei nicht geleistet hätte, was er zu leisten hat. denn der Wiederaufbau ist zu drei Vierteln bereits beendet. Die gesamte Bevölkerung ist zurück- gekehrt. das gesamte Kulturland ist wieder be­bauungsfähig und von 7 2 9 .5 zerstörten Häusern sind 605 699 wieder rekonstruiert. Industrielle wie Privatpersonen suchen größere Schäden zu be­haupten. als sie in Wirklichkeit erlitten haben. Vor kurzem mußte festgestelll werden, daß die Direktoren einer Tuchfabrik arglistig verschwiegen hatten, daß sif noch während der deutschen Be­setzung Tuchreste an die Bevölkerung verkauft hatten, dieselben Reste, die auf der Liste der zu ersehenden Schäden standen. Ein anderer..sinistro" hatte einen Schaden im Dorkriegswert von 83 283 Goldfranken angemeldet, obwohl seine ganze Ein­richtung nur in Höhe von 20 ODO versichert ge­wesen war. Zunächst konnten 1830 Franken für ein wiedergefundenes Klavier abgczrgen werden, aber es konnte des weiteren nachgewiesen werden, daß sein eigentlicher Schaden nur 9934 Gold­franken betrug. Tie Differenz zwischen der ge­forderten Entschädigungssumme und der wirklich zu leistenden, die in Papiersranken im Gegen­wartswert gezahlt werden muh. belies sich auf nicht weniger als 169 217 FrankenI Dieser Fall wurde vom Sachverständigen als der ärgste, den er je erlebt hat, bezeichnet.

Sehr seltsam ist die aus der Regierungszeit Poincares stammende Verordnung, nach der der Minister für die befreiten Gebiete die einzige Instanz ist. die über die Verfolgung betrügerischer Gesckädigter entscheiden kann - ein Eingriff in die Verwaltung und Strafrechtspflege, der un- briingl zu Ungerecht'gleiten führen mußte. Es werden lUsächlich Fälle gemeldet, in denen trotz offensichtlicher Betrugsversuche derfiniftre nicht verfolgt worden ist, well den Behörden die Hände gebmrden waren.

Dre große Kammerdebatte im Verein mit alarmierenden Artikeln sowohl in sozialistischen Blättern wie auch in bürgerlichen Werden jetzt wohl zu energischen Mahr:geln der Regierung fuhren, die leider etwas spät erfolgen.

Turnen, Sport und Spiel.

Pachtfreiheit für Turn- und Sportplätze in Stuttgart.

3n Anerkennung der Bedeutung, die den Turn- und Sportvereinen auf dem Gebiet der Erziehung und körperlichen Ertüchtigung des Vol­kes zukommt, beschloß der Stuttgarter Gemeinde­rat. die der Stadt gehörenden Turn- und Sport­plätze den Vereinen zunächst versuchsweise auf ein Jahr unentgeltlich zu überlassen. Der Be­schluß ist zurückzuführen auf die Bemühungen des Stadtverbandes für Leibesübungen sowie auf eine Protestversammlung der Leibesübung trei­benden Vereine gegen die zu hohe Bemessung der Pachtsummen. Das Beispiel Stuttgarts sei allen Gemeindeverwaltungen zur Rachahmung empfohlen.

Mcifterfchaft von Preußen im Zweier- Radball.

vo. Am Samstag gelangte im Rahmen des größten ostdeutschen Saalsportfestes. Fest der

87". in der Konzerthalle in Breslau die Meister­schaft von Preußen im Zweierradball zum Aus­trag. Die besten Mannschaften des Bundes Deutscher Radfahrer hatten dazu ihre Rennung abgegeben. Waren schon die Dor- und Zwischen­läufe recht interessant, so gestaltete sich der Endkamps zu einem Meisterstück in Ballbehand­lung und Technik. Zur allgemeinen Ueberraschung konnten Köpina-Schult (R. V. Adler-Stel­lingen) den deutschen Bundesmeister, die Ge­brüder S t o l z e - Erfurt, mit 5:3 abfertigen und damit die Meisterschaft in Preußen ipr Zweierradball an sich bringen. Dritter wurde kampflos Konkordia-Berlin (Schimetzek-Schaar). da die Gebrüder Heidenreich < Adler-Breslau) nicht mehr anttaten.

Der Flug um d e Zugspitze.

vo. Die Vorarbeiten für den Flug um die Zugspitze, der am 3l. Januar vor sich gehen soll, sind jetzt so we t gediehen, daß man den genauen Verlauf der Deransta.tung übersehen kann. De Maschinen sollen um 11 Uhr in Schleißheim starten, das Observatorium auf der Zugspitze umfliegen und auf dem Flugplatz am Bahyhos Garin sch-Partenk rchen landen. Der 1. Februar lSonntag) br ngt zunächst einen Geschicklichkeits­flug. der zwrif ttlos das ungeteilte Interesse her Zuschauer f nden w rd. Ein Höhenflug, bei dem innerhalb von 10 Minuten eine größtmögliche Höhe erreicht werden muß, schl eßt sich an. Für das Publikum bietet dieser Flug einen eigenen Reiz durch einen Wettbewerb im Schätzen der Höhe. Die beste Schätzung wird belohnt. Ein Geschwindigleits-Difb renzslug über 3 Kilometer in einer Höhe von 203 Meter soll eine möglichst große Differenz zw schen der höchsten und der geringsten Geschw.ndigkeit jeder einzelnen Ma­schine ergeben. Den Schluß des Turniers bildet ein Staffelflug mit Meldeabwurf. Die Staffel besteht aus einem 0t.laufet, einem Flieger und einem Skijöhringfahrer.

Tegelflngknrsk im Flieqerlager Törnberg.

vo. Der Mitteldeutsche Flugverbaird ver­anstaltete kürzlich auf dem Dörnberg bei Kassel, der sich als ein ausgezeichnetes Gelände für Se­gelflüge erwiesen hat, einen wchulkursus für Segelflugschüler. Aach großen Schwierigkeiten war es dem Verband gelungen, auf dem Berg eine feste Halle zu errichten und mehrere Segel- und Gleitmaschinen zu kaufen. Die Teilnahme war so groß, daß nicht einmal alle sich Meldenden berücksichtigt werden konnten. Die Leitung des Kurses hatte Herr von Fichte. Bei dem start abfallenden G.lände ist es mehreren Hebenden gelungen. Strecken bis zu 30 Meter schwebend Aurüc^ulcgen, für Anfänger eine recht gute Lei­stung. Auch die Flugversuche auf Sthgleilern waren erfolgreich Durch sogenannte Fessel­slüge wurde den Schülern für Momente das Ge­fühl für die Lage des Flugzeuges in der Lust beigebracht und sie das Starten und Landen gelehrt. Im ganzen sind über 100 Flüge ge­macht worden und fast alle Schüler konnten am Ende des Kurses kleine Sprünge ausführen. Den Hebenden standen zwei Hängegleiter und fünf Sihgleiter zur Verfügung.

Wirtschaft.

Die Kohlenpreise. Wie das WTD. hört, hat der Reichswirischaftsminister die Be­anstandung, die er in der Sitzung des Reichs- f kohlenverbandes und des Reichswirtschaftsrates am 9. Januar gegen die trotz der Herabsetzung der Umsatzsteuer vorgeschlagene Belassung der bisherigen Kohlenpreise für alle Kohlensorten eingelegt hatte, zurückgezogen. Maßgebend hier­für war, daß eine erneute eingehende Prüfung ergeben hat, daß die Steigerung der Selbst­kosten der Zechen den Ermäßigungsbetrag der Umsatzsteuer übersteigt. Immerhin hat die Er­mäßigung der llmsahsteuer neben der Markt­lage bewirkt, daß trotz der gestiegenen Selbst­kosten die Erhöhung der Preise unterbleiben konnte.

* Friedrich Krupp A.-G. Der ®e* schästsbevcht der Friedrich Krupp A.-G weift die Bllanzen nebst Gewinn- und Derlustrech- nungen für das mit dem 30 Juni 1923 abgdaufenc 20. Geschäftsjahr und das mit dem 30. September 1924 aubgelaufenc 21. Geschäftsjahr (15 Monate) sowie die Reichs- mark-Erj'ffnungsbila^ zum 1. Oktober 1924 aus. Die Papierrnarkuberfchüsse der beiden letzten Geschäftsjahre, für die keine Dividende verteilt wird, find nur scheinbar, die Kruppschen Werke haben vielmehr, wie der Geschäftsbericht sagt, infolge der unheilvollen Auswirkungen der poli­tischen Ereignisse schwere Verluste und Erschütte­rungen erlitten. Dillen Verlusten hat die Firma bei ihrer Umstellung auf Reichsmark durchaus Rechnung getragen. Die Reichsmark-Eröffnungs- bilanz zum 1. Oktober 1924 weist eine Bilanz­summe von 382 Millionen auf gegenüber 610 Millionen der Bilanz vom 30. Juni 1914. Der Bericht des Direktoriums betont u. a.: Auf der Friedrich-Alsred-Hütte sind zur Zeit von zehn Hochöfen sieben im Feuer, auf den mittelrhei- nilchen Hütten vier von sieben. Die Rohstahl­erzeugung der Friedrich-Alfred-Hütte erreichte wieder die Höhe der Friedenserzeugung, während die Stahlerzeugung in Essen den Friedensstand noch nicht erreicht hat. Der Ab atz der Stahl­werke sowie der weiterverarbeitenden Betriebe litt unter dem Darniederliegen des Schifsbau- undMosck.inm'.ewerb s Zudem f che > die Deutsche Reichsbahn als Großabnehmerin für rollendes Material fast völlig aus. was für die Firma bet der großen Leistungsfähigleit ihrer Anlagen für das Eisenbahnwesen besonders nachteilig war. In Esfen wurde ein neues Walzwerk sowie ein neues Elektrostahlwerk in Betrieb genommen. Der Lokoniotiv- und Wagenbau, der unter schlechtem Geschäftsgang zu leiden hatte, hat die erste deutsche Turbo-Lokomotive im Sommer 1924 berausgeb.acht. In den Ma chinenbauwerkstätten rourbc an der Durchführung neuzeitlicher 21t- bettswci'en zur Verminderung der Selbstkosten gearbeitet. Der Lajttraftwagenbau hat seine Er- -eihgung vermehrt, die Kruppschen Erntemaschi­nen, Düngerstreuer und Mllchentrahmer haben sich seht gut eingesührt. Im Baggerbau wurde die Erholung in letzter Zeit durch den Rückgang hex Braunlohlensörderung beeinträchtigt Die Be­schäftigung in Gittermasten und Glcisftopfmaschi- nan ist befriedigend, in Dieselmotoren, Getrieben. Molorlokomotiven und Registrierkassen ist da« Geschäft gewachsen, ebenso in Kinoapparaten, chl rurgischen Instrumenten und Preßluftwerk- 1 trugen Im Textilmaschinenbau wurde die Her- [irllung von Radelwal-enstrecken und Karden neu ausgenommen. Die Geschäft?ergebnifse sind jedoch für die Maschinenbauwerkstätten im allgemeinen wenig befriedigend infolge unzulänglicher Preise. Der Geschäftsbericht betont endlich, daß auch im setzten Geschäftsjahr Kriegsmaterial in Essen das feit langen Jahren Laufstabe für Gewehre walzt und jetzt als einziger Unterlieferant von nicht hergestellt wurde. Das Stahlwerk Annen, rvhgewalzten ungebohrten Gewehrlaufstäben zu­gelassen ist, hat von der durch die interalliierte Kontrollkommission ancrfSnntcn Gewehrfabrik Simson in Suhl im Jahre 1924 einen Auftrag für etwa 25 000 Rohlinge erhalten. Der inter­alliierte lleberwachungsausschuh ist immer noch bei der Firma Krupp tätig. Nachdem feit No­vember 1918 9173 Arbeitsmaschinen (44 Prozent des Gesamtbestandes) zerstreut oder zerstört und an Lehren und Vorrichtungen rund 9000 Tonnen vernichtet worden sind, steht eine Entscheidung lediglich noch aus über die Erhaltung einiger geringfügiger Anlagen auf dem Versuchsplatz Meppen sowie einer Anzahl von Werkzeug­maschinen, die für die Herstellung von Friedens­material notwendig sind. Die Durchführung der Dawesgesehe bedeutet für das Kruppsche Ge- famtunternehmen eine Belastung mit rund 34 Millionen Goldmark, wovon die Friedrich Krupp A.-G. rund 14,5 Millionen veräußerlicher Ein­zelobligationen zu tragen haben wird. Die Zahl der Werkangehörigen, einschließlich derjenigen der Tochterunternehmungen betrug am 30. Juni 1923 insgesamt 97 303, am 30. September 1924 insgesamt 71 320. - Auch die Tochterunterneh­mungen der Friedrich Krupp A.-G. verteilen

Shaw: Der Teuf elsschüler.

Erstaufführung im Stadttheater.

DieserT e u f e l s sch ü l e r" gehört in den Anfang von Bernhard Shaws dramatischen Schaffen. Nicht allein zeitlich. Auch stofflich.

Der Shaw, der heute auf unfern deutschen Bühnen seine Triumphe feiert, ist ein anderer an Ausmaß und Kraft. Unb wenn die Intendanz uns diesengestrigen" Shaw vorsehte, so tat sie boä wohl aus der Erwägung heraus, daß man an alles Neue sich getoöbnen muh. Wenn auch nicht übersehen werden darf, daß wir im Zeftalter einer sechzigstündigen Amerikafahrt schneller leben als vor zehn und zwanzig Jahren.

Dieser .Teufelskerl". wie er ursprüng­lich hieß, ist noch ohne die vollendete Sicher­heft und Rundung sagen wir. um dem ersten das bisher letzte Werk gegenüberzustellen _ derheiligen Johanna". Die Handlung läuft vielfach im Zickzack. Ihr Mittelpunkt wechselt mit dem jeweiligen Schauplatz. Es gibt viel zu sehen und es passiert eine Menge babei.

Kleinkrieg um das plötzlich geänderte Testa­ment des verstorbenen Vaters, wobei demun­geratenen" Sohn peinlidycrtoeife der Hauptanteil in den Schoß fällt. Die guten, frommen, puri­tanischen Mitglieder der Famifte bersten vor Neid. Unb der Konflikt zwischen Muller und Sohn lagert als Schwerpunkt im Dau des ersten Aktes.

Im Hause des Pastors. Die Situation aufs Haar wie in Rosalindes Salon in der ..Fleder­maus". Nur mit Shaws Augen gesehen. Der Pseudogatte wird an Stelle des Pastors ver­haftet. Morgen soll er gehängt werden. Der Pastor kommt zurück, hört von der Verhaftung desTeufelsschülers" an seiner Stall: Wer ist nun ein anftänbigercr Kerl: derVolles streit er" oder der andere? An dieser Stelle ruht das Fundament des zweiten Aktes.

Und im britten? Da geht es eigentlich um die Auseinanbersetzung zwischen Amerika unb England. (Das Stück fpieft 1777 im Kampf gegen die englischen Kolonialtruppen.) Daß am Schluß noch alles gut wirb. Gott, bas ist uns der Dichter eigentlich schulbig nach den für die Beteiligten immerhin peinlichen Szenen, die vvrh ergingen.

EinMelodrama" nennt es Herr Shaw.

Da sind einige Szenen, die heute nur Shaw schreibt (schon damals schrieb).

Wie der mißratene Sohn inmitten seiner so ehrbaren Familie sitzt, die ihn ausstieß.....

Wie die geschlossene Einheitsfront der Ver­wandtschaft daswenn auch" uneheliche Kind des verstorbenen Onkels aus seinen Klauen reißen will, dessen, der sich dem Teufel verschrieb, unb bie so plötzlich verschwindet, als er vom Anmarsch der Engländer erzählt (ohne die ge­fährdete Seele des Kindes zu retten, weil der eigene Leib in Gefahr schwebt.....)

Wie vor dem Kriegsgericht, dessen Urteil schon vor dem Verhör feftftanb..... aber nein,

das ist ja schon zum drittenmal dieselbe Szene, nur in anderen Kbstürn n, und so delikat ab­gewandelt, daß man es gar nicht merkt!

Da sind vor allem einige Personen, Ge­stalten. die leben unb gelebt haben, auch ohne die entzückenden Plaudereien, in denen Shaw in seinen Randbemerkungen über sie spricht.

Wesentlichst: der Teufelsschüler,

Richard Dudgeon. In frömmelnder Umgebung, abgeschnitten vorn pulsierenden Leben, bei einer strengen" Mutter aufgezogen, hat er eines Tages die Ketten zerrissen und ist baoongelaufen. Nicht zu dem ersten Onkel, der viel betet unb viel mehr Bier trinkt, nicht zu dem zweiten Onkel, der bei all seinerGerechtigkeit" als Pferdemaller den lieben Nächsten bei jeder Ge­legenheit übers Ohr haut nein, zu dem dritten, der offen unb freudig als Sünder unter soviel ..Gerechten" lebt, den bie Snglänber, leider, ge­henkt haben (well sie gerade wieder einen brauchten.....). Natürlich war Richard auch mit

bei dieser Haupt- und Staatsattion. Den an­deren Verwandten jagt er das Gruseln über den Rücken. Angesichts ihrer Tugend hüllt er sich mit Wollust in feine Laster in Wahrheit der einzig aufrichtige Mensch in der ganzen Gesellschaft, der, durchaus nrit Absicht, sein Rock­futter nach außen trägt

Der englische General: Genlleman mit einer Mitgift von Geist. Witz und savoir vivre. ,.O. wir haben Unglück in unfern Beziehungen zu ihrer 5amtfte, sagt er zu Richard, als er hört, daß bet gestern gehenkte Peter Dougeon

der Onkel des heutigen Todeskandidaten ist. U^.d voller farkastifcher Höflichkeit: »Ich hoffe. Sie be­greifen, daß. toeim wir das Unglück haben follta.i, Sie zu hängen, dies bloß aus politischer Not­wendigkeit und aus militärischer Pflicht ae° schehen wird, ohne daS leiseste persönliche Uebelwollen!"

Der im Grunde seines Herzens praktislch- nüchterne Verkünder von Gottes Wort. Äer durchaus kein schlechter Kerl ist. Und seine kleine, eifersüchtige, hilflos kindliche Frau, der die Wellen des Lebens einen Augenblick über die unsicheren Füßchen plantschten.....

Es steckt doch allerlei Gutes in dem Stück!

Zur Aufführung:

Die Rolle desTeuselsschülers" zu spielen ist eine nicht ganz dankbare 2lufttube, well der Zuschauer auf den Titelträger eben durch den Titel als auf die Hauptperson hingeftoßen unb der Held wiederum vom Dichter mehr als einmal arg im Stich gelassen wird. (Wie oben kurz angebeutet.) Daß ein fo, beweglicher Darsteller wie Kurt Joachim Baum (Richard Su^geon) sich über diese Lücken durch sein Temperament hinwegtragen zu lassen versucht, ist begreiflich, bah er dabei scheitern muh. ist bebauerlicj). doch im Stück begründet- So kam es auch, daß das Plus an Spannungsenergie, das in innerlicher Geste hätte gebändigt werden sollen, nach außen hin wirkungslos zeritob. Hier hätte die ^-piel- lei tung einsehen unb dämpfen müss-n: das Stück hat kein Spiel der geraden Linie, hier sind Szenen zu spielen, einige Komplexe zusammenzufassen, deren Held jewells wechselt! ileberan da, wo Daum das Stichwort zu geben ober es aufzunehmen hatte, war er am Platze: Sehr fein im Vaterhaus, wo er alles ed)tc Emp­finden auf bie Essie zuspielt: sehr fein, im Aus­nehmen des Rhythmus in der Zelle Inird» das Zufammenschlagen der Härrde: erfrischend auch in dem Ausbruch kurz vor der Hinrichtttng gegen­über dem General Durgvyne.

Drei andere Figuren noch gaben dem Abend fein besonderes Gepräge: bie (Sfjie Gerda Dachseids, Judith Anderson der Freya SturmselS unb Felix Norfolks General Durgvyne. Das erste ,3a, das dieses verschüchterte Menscherllind zu dem erften Men­schen spricht, der ein fteundllcheS Wort an sie

richtet, blieb während der ganzen Vorstellung wie ein Helligenschein über ihr schweben. Die Frau Judith wäre schlackenrein gewesen, hätte sie den llmschwung. die Rückkehr zu dem einen Augenblick verkannten Manne durch eine mini­male Umstellung glaubhaft machen können. Sie war eine Handbreit zu groß: Zu sehr Weib statt Weibchen. Ihr Gipfelpuntt lag in der Unterredung mit dem Gatten, wo sie fast leblos starr, die toten Augen irgendwohin gerichtet, beichtet, alles erzähft. Mit keiner feiner Figuren hat es Dernhard Shaw jedoch fo gut gemeint wie mit dem General Durgvyne. Felix Norfolk hatte wohl begriffen, daß hier eine banfbare Ausgabe lag. Unb wenn er sie mit ber Ruhe des Mannes von Welt ergriff und mit unnachahmlicher Grazie erfüllte, fo mag ihm fein Wiener Blut dabei vollwertiger Heiser gewesen sein.

Kari Juhnke lleh dem Pastor Ander­son sein sonores Organ, Max Hofsmann dem Major Swindon ein scharsgeschnitteneS und Hartmut Brand dem Christoph ein Edummes Gesicht.

Warum man die Galgenszene im Schluß- bild vor dem Markttasfee in Websterbridge (das offenbar infolge der Maristabilisierung renoviert war) spielte, ist nicht ganz einzu­sehen. Unb General Burg ohne würde, wie ich chn kenne, bei Anblick dieses Galgens seinen Gefangenen denn doch wohl geraten haben, sich erschießen zu lassen, trotz der Tüchtigkeit feinet Soldaten.....

Die Spielleitung (Adolf Teleky):

Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß Rich. Dudgeon der Held dieses Stückes ist. Man darf sich von der Ueberschrift ebensowenig nasführen lassen wie von dem Untertitelein Melodram". Deshalb sei wiederholt, was schon weiter oben gesagt wurde: der Teufelsschüler ist nicht ein gradlinig verlausendes, geschlossenes Stück: es sind mancherlei Begebenheiten, die nicht durch den Titelhelden, sondern durch einen leitenden Ausdruckswillen zu'ammengehalten werden, sonst droht dem Richard und her Ausführung ein gefahrvoller Ausgang. Doch auch hier wurde die Schlinge nickt zugezogen: Bernhard Shaw ist ein Dichter unb sein Teufelsschüler hat schon seine Feinheiten! c-s