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Miegener Anzeiger (Senerat-Anzelger für Gveryegen,

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Die Drusen.

DU Drusen sind ursprünglich im Libanon on- sassig. Kämpfe mit den Türken im Jahre 1860 haben einen Teil dieses Löschens bewogen, nach dem süd­lich davon gelegenen f) au ran überzustedeln, 100 die Franzosen mit ihnen handgemein geworden fmb. Völkisch werden sie der aramäisch-lyrischen Urbeoöl- rung ^uzurechnen sein. Ob sie mit den Ituräern zu 3efu Zeit zujammenhängen, wird schwer zu ermitteln sein. Ihre eigene Erinnerung geht nicht so weit zurück. Sie betreiben Ackerbau und Baumzucht und bauen im allgemeinen ihr Land gut an, greifen aber auch gern zu den Waffen, besonders wenn es ihre nationale Selbständigkeit gilt. Sie gelten als rein­liche und fleißige, nüchterne und gastfreie Leute. 3m Kriege sind sie tapfer und von wilder Grausamkeit. 3n den Schluchten ihrer Gebirge ist ihnen schwer beizukommen, darum war die Türkenherrschast in ihrem Lande immer nur eine nominelle. Versuchten die Türken einmal, ess mit ihrer Herrschaft ernst zu nehmen, dann gab es blutige Kriege. Ihr ,Familien­leben ist einfach und sittenrein. Polygamie ist er- laubt, wird aber selten geübt.

Die Zahl der Drusen wird 100 000 wenig über­schreiten. Sie bilden eine Art A d e l s r e p u b l i k. Die Häupter der Adelssamilien führen den Titel Emir oder Scheich. 3n Kriegszeiten wird wohl ein besonders Tapferer an die Spitze gestellt, der aber nachher wieder in der Menge feiner Bundesgenossen verschwindet, also keine dauernde Nolle spielt. Die Türken haben einzelne Edelinge mit dem Titel Ben bezeichnet, man kann aber nicht sagen, daß der Titel beliebt geworden ist.

Am sonderbarsten steht es um ihre Religion. Man nennt sie wohl eine mohammedanische Sekte, im Grunde trifft das nicht zu. Christen sind sie noch weniger. Sie haben von beiden etwas, aber daneben noch etwas aus dem altsyrischen Heidentum und etwas, was man vom Parsismus ableiten möchte, was aber dort auch keine rechte Wurzel hat. Sie nennen sich religiös Muahhedin, was ungefähr Bekenner des ewigen Gottes heißen kann. Auf das Bekenntnis zum einigen und reinen Gott legen sie großes Gewicht. Aber dieser Gott kommt von Zeit zu Zeit auf die Erde. Zum letzten Male kam er in der Gestalt des ägyptischen Kalifen Hakim, etwa um das Jahr 1000. Seitdem ist er nicht wieder ge­kommen, aber cr kommt noch einmal, bann aber mit großer Macht unb Herrlichkeit, um seinen An­hängern alle Reiche ber Welt zu geben.

Die Pflege ber Religion liegt -in ben Händen der Eingeweihten. Es mögen derer etwa 5000 fein. 3n ihnen liegt eine Art von demokratischem Element, denn die Eingeweihten rekrutieren sich nicht nur aus den Adelsfamilien, sondern ebenso gut aus niedrigsten Volksschichten, unb man kann nicht ein­mal sagen, daß bie Adligen unter ihnen eine beson­dere Rolle spielen. Sie sind Wissende ber eigentlichen Geheimlehre der Drusen, von ber das Volk nichts erfährt und ber Frembe erst recht nichts. Priester kennen sie nicht unb eigentliche Gotteshäuser auch nicht. Ihre Chalweh dienen 1 'hl der Andacht, sind aber in erster Linie Auf­bewahrungsorte ihrer heiligen Schriften, die den Fremden unzugänglich sind, und ihrer Fahnen, die als nationale Heiligtümer gelten.

Von der göttlichen Allweisheit find gleich so viele Menschen erschaffen, als auf der Erde (eben sollen. Bei dem Tode des Menschen geht seine Seele über in ben Körper eines neugeborenen Kindes. In der Schlacht zu fallen, bringt keinen Schaden, die Seele geht darum der Erde nicht verloren, ob man aber als hoch- ober Riebriggestellter weiterlebt, bas richtet sich nach dem Leben, bas der Verstorbene ge­führt hat. Das klingt indisch, obwohl man die Ent- lehnung nicht nachweisen kann. Von einem Jenseits weiß wenigstens der Mann aus dem Volke nichts.

Die Türken suchten die Drusen dadurch in Schach zu halten, daß sie die einzelnen Stämme und Ver­bände, in welche sie zerfallen, gegeneinander aus­spielten. Stammesfehden bilden daher eine ziemlich häufige Erscheinung. Aber die Türken muß­ten auch oft erfahren, daß alle Stammesfehben auf einmal aufhörten, wenn es gegen ben gemeinsamen Feinb ging, unb bas waren in ber Regel bie Türken selber. Was bie Türken von ber Wildheit unb Treu­losigkeit ber Drusen erzählen, ist ziemlich stark über­trieben. Der Fremde wird gastfrei aufgenommen, nur bars cr es sich nicht beikommen lassen, nach ber Geheimlehre der Eingeweihten zu fragen. Ihr Glaube ist für sie, bie Fremden Haden damit nichts zu tun.

Wer möchte da nicht mit?

Von unserem ständigen Berichterstatter.

A. G. 21., Reuyork, 24. Juli 1925.

Der großzügige Plan unternehmungsmutiger Amerikaner, im kommenden Spätjahr eineschwim­mende Universität" mit etlichen fünfhundert Studen­ten unb fünfzig ober mehr Lehrern auf eine Reise um bie Welt zu schicken, ein Plan, über ben ihr Korresponbent Ihnen zu Ende Juli ausführlich be­richtete, hat inzwischen einige wesentliche Be­reicherungen erfahren, bie ihre Anziehungskraft auf bie lerneifrige Jugend nicht verfehlen dürsten.

Dieser Tage ist von Graf Kuhn de Prorok ein Brief bei A. I. Intosh, dem Leiter des Univer- sity Travel Bureau in Reuyork, eingetroffen, in welchem der Altertumsforscher verspricht, bie Oefs- nung eines der drei von ihm entdeckten Phönizier­gräber, die auf das achte ober neunte Jahrhundert vor Christi zurückzuführen sind, bis zum Eintreffen der amerikanischen Studenten hinauszuschieben, da­mit sie selbst dabei seien, zum Teil sogar sich selbst an den Ausgrabungsarbeiten beteiligen törtnen. Sie werden auch die ersten (ein, denen der Graf seine Sammlung dreißig Jahrhunderte alter Altertümer zeigen wird.

In den Reiseplan ist ferner eine sechshundert englische Mellen weite Wüstenreise von der Bag­dad-Küste aus eingeschlossen, die in etlichen siebzig Automobilen zurückgelegt werden soll, sowie die Her­ausgabe einer täglichen Zeitung an Bord des Schif­fesUnioersity". Diese Zeitung wird nicht in Form und Aufmachung die übliche, allen Ozeanreisenden bekannte Schiffszeitung sein, sondern eine Wieder­gabe von 50 führenden amerikanischen Blättern. Jede der dabei beteiligten Zeitungen übermittelt an fünf vorher verabredeten Tagen in Abständen von jeweils 50 Tagen durch Funkspruch ihre wichtigsten Tagesneuigkeiten. Die Schiffszeitung er- halt dann den Titel unb bie Aufmachung bes be­treffenden Blattes und wird demnach eine Art Ansland-Ausgabe jener Zeitung werden.

Die Renyorker Presse wird durch Frank Mun fensSun ' vertreten jein. Schiffsausgaben dieses Blattes erscheinen am 4. Oktober, wann sich der Dampfer unter ber Atlantik-Küste in 35 Grad uörü-

Roch weniger darf sich der Fremde erlauben, etwas zu betreiben, was nach politischen Umtrieben ober nach Spionage aussieht, so ist die Gastfreundschaft zu Ende.

Reise nach Smyrna.

Don Alfred 5t raufte d A v i s

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Smyrna, im Juli 1925.

Der Reifewege nach Kleinasien gab es einstens viele. Heute ist dem anders Selbst die Reisebureaus können nicht genau sagen, wie man

Empfang des.Schlüssels" automatisch zu schlieften. Mit dieser schönen Gepflogenheit hat der neue Mann rücksichtslos aufgeräumt. Seine Orb- nungsorgane sind die Freiwilligen im schwarzen Hemd. ilcbcrall sind sie. jeder Bahnhof hat seine Wache, die auspaftt. Schnappt der Uhrzeiger auf die Minute der Abfahrzeil. bann rollt ein Aug­apfel den Dahnhossdicnstlciter vorwurfsvoll an. Der Beamte wird nervös, treibt zur Eile und nach einer Minute hat er den Zug meist drauften. Im Zuge kontrolliert der Schaf'ncr die Fahr­karten. Hinter ihm ein Schwarzhemd, das jede einzelne Fahrkarte mit ansehen muh. Ob ber Betreffende lesen und schreiben kann, konnte ich

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Oberhessens und des Luhngebiets, Kultur und Politik der ein­gesessenen Bevölkerung spiegeln sich in ihrem Heimatblatt, dem Giehener Anzeiger und in seinen Beilagen. In jeder einzelnen Textabteilung den hohen Anforderungen entsprechend, die sich einemoderneTages- zeitung von Bedeutung selbst stellen muh, ist für den Giehener Anzeiger richtunggebend die Pflege des Heimatgedankens. Sie kommt besonders wirksam zum Ausdruck in den Beilagen

Gießener Familienblätter

Dienstags und Samstags

Heimat im Bild

Donnerstags

Die Scholle

Freitags

Für die zweite Hälfte des Monats August bestellt man den Giehener Anzeiger für 1 Mark nebst 10 Pfennig für Träger­lohn in Giehen bei der Geschäftsstelle Schulstr. 7 und bei den Trägerinnen, auswärts bei den 200 örtlichen Dertriebsstellen.

hinkommt. Ich wählte den Weg über Italien, da von hier meist gute Verbindung nach Piräus ist. Wer eilig reifen will, muft Geduld lernen, denn die Schiffe fahren nicht so, wie man es möchte. Da ich mir aber Zeit genommen hatte, so waren mir die Aufenthalte ganz lieb, ich sah Länder und Leute und konnte Vergleiche und Betrachtungen anstellen.

Schon beim Ue&erfd)reiten der italienischen Grenze, die gegen Matur, Geschichte und Recht auf dem Brennerpaft liegt, begegnet man einer sonst unbekannten Einrichtung: den Schwarz- Hemden der irregulären Armee Mussolinis. Diese Truppe hat dem Lande ein anderes Ge­sicht gegeben. Früher war es in Italien viel gemütlicher, mit einem Trinkgeld konnte man sich auf Reifen das schönste Leben einrichten. Man brauchte kein Gepäck aufzugeben, das Trinkgeld öffnete die Abteile 1. Klasse. Man konnte mit einer Fahrkarte fein eigenes Abteil haben, das Trinkgeld schloß die Tür. Man hatte den Geheimfchlüsfel zu allen Freuden der Reife, da selbst hohe und höchste in teurem Leder geschützte Hände sich rechtzeitig öffneten, um sich nach

licher Breite unb 76 Grab östlicher Länge befinden bürste, am 21. November vor ber Küste Japans, am 7. Januar 1926 in Rangoon, Burma, am 20. Fe­bruar vor Rhobus, im Äittelmeer, unb am 6. April in Havre. An ber Herstellung des Neuyorker Schiffs- blattcs werben sich nur Studenten aus Neuyork be­teiligen, an der Chicagoer Ausgabe nur Chica­goer ufw.

In feinem aus Paris datierten Briefe an Herrn Mc. Jntofh schreibt Graf de Prorok: ,Lch werde im­stande sein, ein höchst interessantes Programm für den Aufenthalt der Studenten in Tunis aufzuftel- len. Bei der Ankunft zuerst ein Besuch der Aus­grabungen des panischen Tanit-Tempels in Car- thago, wobei jeder Teilnehmer ein Andenken an die Stadt Hannibals erhalten wird. Danach ein Be­such des Bardo-Museums zur Besichtigung der griechischen Bronzen und Marmorskulpturen, die kürzlich vomService des Antiquitss" aus einer gesunkenen Galeere gehoben worden sind. Dieses Museum ist nicht weit von Tunis und auf dem Wege nach Utica, wo ich mit interessanten Aus­grabungen Cato-Palast, Apollo-Tempel u. a. m. beschäftigt bin.

Was ich für bie Studenten ganz besonders in petto'hätte, wäre die Deffnung bie erste feit drei­tausend Jahren eines Phöniziergrabes. Wir haben ihrer drei entdeckt, die aus dem achten bis neunten Jahrhundert vor Christi Geburt stammen, und cs dürste kaum etwas Eindrucksvolleres und Lehrreicheres geben, als die Deffnung dieser He­figen Grabmäler, mit ihren Toten und ihren Schätzen, nach so vielen Jahrhunderten. (Utica ist nur eine Stunde von Tunis entfernt.)

Es würde mir auch eine Freude (ein, die Stu- deuten falls die Zeit es gestattet nach dem eine Tagesreise entfernten Dougga zu führen unb ihnen unterwegs Vorträge über bas Geschaute und zu Schauende zu halten. Dougga ist die erstetote Stabt" Nordafrikas. Wenn Sie eine illustrierte Bro­schüre über die Reise herauszubringen beabsich­tigen. werde ich ihnen photographische Aufnahmen der Ausgrabungsarbeiten in Chartago, Uticcr und Dougga, sowie auch meine schriftlichen Aufzeich­nungen hierüber senden, damit sich die Studenten schon vor ihrem Eintreffen damit vertraut machen frinnpp "

nicht feftftellen. Bei der großen Anzahl von Analphabeten in Italien scheint es mir eigentlich wahrscheinlich, daft mancher gar nicht weift, warum er die Karte eigentlich angloht. Aber er tut es, unb das wirkt gut. Mussolini hat tat­sächlich erreicht, daft neben vielem anderen auch der Reiseverkehr in Ordnung ist. Aber für jede Tätigkeit, für die ein Mann genügt, braucht er zwei: einen, der es macht, und einen zweiten, Der auf paftt, daft es der andere auch macht! Es treibt sich also im Lande eine Armee von Aufpassern, besser gesagt Faulenzern herum, die das Volk bezahlt. Eine Zeitlang ist das ganz nett. Wenn man aber die Armee von Fau­lenzern entlassen will, dann kommt der Haken sie geht nicht freiwillig von der schönen Fut­terkrippe weg! Die tschechische Legion ist ein schönes Beispiel.

Was ging das mich an! Ich reiste gut und die Züge kamen pünktlich an. Aber was anderes fällt noch auf. Das offizielle Trinkgeld ist auch abgefchafst, man zahlt auf der Rechnung seine Prozente und man wird in ItNien trotzdem gut bedient! Wenn man aus Deutschland kommt,

Die Dauer der Reise, die am 25. September ihren Anfang nehmen soll, ist auf acht Monate be­rechnet.

Weltanschauung am Strande.

Don M. Suttner.

Philosophie im Strandkorb hat wenig mit Spengler gemein. Sie ist durchaus nicht um den Untergang des Abendlandes" besorgt, eher schon um den ber Abend sonne, da man aus ihrer Far- benftala weitgehende prophetische Schlüsse auf Pe­trus' Wetterlaune von morgen zu ziehen geneigt ist. Ueberhaupt spielt die meteorologische Beobachtung für den Badegast eine hervorragende Rolle, die weniger auf Sachkenntnis denn auf gläubiger Illusion beruht. Der weite Horizont der See erlaubt es, nahendes Unwetter schon lange vorher zu er­kennen unb sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Und wenn dann recht schwere dunkle Wolkenbänke sich weiter landeinwärts schieben, stellt man in selbst- loser Freude fest, baß für die Lieben daheim auch noch etwas übrig bleibt.

Weltanschauung im Seebad ist zu einem guten Teil Menschenanschauung. Man zieht sich an, um aus, um anzuschauen und angeschaut zu werden. Da die Verbote der Kurverwaltungen, außerhalb der Badeanstalten Entkleidungshenen aufzuführen, offen- bar zum Uebertreten da sind, so bietet sich heut­zutage dem Strandwanderer überall, ohne erschwe­rende Benutzung von Astlöchern, günstige Gelegen­heit zu anatomischen Studien. Daß man als Bade­nixe neben der seither vorgeschriebenen Schlankheit auch bereits wieder Busen und Hüften trägt, scheint auf einen bevorstehenden Umschwung der Modelinie hinzudeuten. Ob die Partei der Bubiköpfe noch immer die Mehrheit besitzt ober bereits in eine oppo­sitionelle Minderheit gedrängt ist, läßt sich dagegen unter den schicken bunten Badekappen nur schwer ermitteln. Unb um die Machtverteilung auf der Strandpromenade oder beim Kurkonzen beurteilen zu können, müßte man erst einen parlamentarischen .Hammelsprung" vornehmen kaffen.

Im übrigen ist zum Heil der ausgeleierten Ner­ven der Horizont im Seebad ziemlich eng umgrenzt, wenn man nicht gerade einmal auf den Leuchtturm steigt. FrühMck, Bad, Faulenzerlesehalle, Essen,

Freitag, U. August 1925

fällt dies besonders auf. Der Italiener ist und bleibt liebenswürdig, entgegenkommend unb höf­lich, trotzdem cr persönlich nichts zu erwarten hat.

Die Heinen italienischen Schisse, die nach Griechenland fahren, sind ordentlich und sauber. Eie berühren Albanien und dürfen dann durch den Kanal von Korinth, aber nur wenn sie ganz Hcin find. Sonst muffen sie unten rum. Dean der Kanal bat die freundliche Eigenschaft, von Zeit zu Zeit einen Teil feiner Wände ins Wasser rutschen zu kaffen. Im Frühjahr 1925 waren die Wicderherstellungsarbeiten soweit fortgeschritten, daft fletnc Schiffe wieder durch­fahren konnten. Trotzdem muhten wir 12 Stun­den in Korinth warten und konnten die kahle baumlose Landschaft Griechenlands auf uns wir­ken lassen.

Salamis, die bekannte Insel. Man sucht den Platz ber Seeschlacht. Rein, ehe man so etwas glaubt, muft man es noch einmal sehen.

PiräuS. Das Muster eines guten HafenS von der Ratur ganz allein geschaffen. Man ver­steht. daft daS alte Athen die ungeheure Mauer baute, um diesen Hafen verteidigen zu können. Es ist üblich, daft die Reisenden, deren Schiff einen halben Tag in Piräus liegt, diese Zeit zu einem Ausflug nach der Akropolis benutzen. Die griechischen Behörden erlauben das auch anstandsols allen Völkern der Erde, nur nicht den Deutschen, Ungarn und Türken. Diese müssen an Bord bleiben. Sv wünscht es das von den Schuhmächten des Völ­kerbundes vorgeschriebene Zeremoniell Wenn einer sich bereit erklärt, für die paar Stunden das Einreisen c's um (zirka 16 Mark) zu zah­len, so wird entgegen ben landesüblichen Vor­schriften gesagt, das Visum hätte bei einem Konsul in Deutschland gezahlt werden müssen. Angewandte Völkerversöhnung, die man aber versteht, wenn man später erkennt, daft Griechenland nur eine hilflose Marionette des Feindbundes tst.

Das erste, was mir beim Betreten des Landes in die Augen fiel, waren die vielen Flüchtlingsbaracken. Mit dem Schlag­wort ..Selbstbestimmungsrecht der Volker" hetzten England und Frankreich Griechenland in Kriege, um Länder zu erobern, in denen einige Griechen wohnten. Die Sache ging schief und der Pfeil flog auf den Schützen zurück. Heute hat Griechen­land über zwei Millionen Flüchtlinge zu ver­sorgen, die von den Türken an die Luft gesetzt wurden, um endlich Ruhe und Frieden zu be­kommen d. h. bis ein neues Schlagwort erfunden wird. Aber nicht nut dw Flüchtlinge flogen aus Kleinasien raus, sondern auch eine von England aufs beste ausgerüstete und schwerbe­waffnete Armee. Da sind Zahlen, die wissens­wert sind. 200 000 bis an die Zähne bewaffneter Griechen landeten in Kleinasien, um sich gegen die vom Völkerbunde entwaffnete Türkei Ste­geslorbeeren zu holen. 30 000 tarnen nach eini­gen Monaten mit eingezogenem Schwanz wieder zu Haufe an. 170 000 find also restlos zerplatzt! Darüber spricht man in Griechenland nicht gern. Wird die Regierung gefragt, so sagt sie, die Zahlen seien falsch. Sonst nichts I

Man sieht, daft es den Mitgliedern des Völkerbundes doch recht schwer gemacht wird, wenn sie für die Völkerverbrüderung In den Krieg ziehen müssen.

Unter dem Zustrom von Flüchtlingen ist Athen zur Weltstadt geworden. Ein Straßen­verkehr, den man hier niemals erwartet hätte, musterhaft geleitet von einer tadellos arbeiten­den Polizei I Hier war England der Lehrmeister. Zum Unterschied von Italien, das sich eine Armee von Aufpassern geschaffen hat, hat sich Griechenland nur einen einzigen Eng­länder geholt, der feine Polizei in Ordnung brachte. Die griechische Art, ein Staatswesen zur Gesundung zu führen, ist der italienischen sicher vorzuzlehen.

Mein erster Gang galt natürlich der Air 0- polis. Lieber diese Stätte haben sich schon viele andere mit seelenvoll verzücktem Gänse­kiel gelost, daft ich es mir ersparen kann. Rur eins habe ich noch nirgends gelesen: um 12 Uhr kriegt das Aufsichtspersonal, das achtgeben muß. daft kein Fremder die Propyläen Haut, Hun­ger und treibt alles den heiligen Berg runter. Rach reichlichem Mittagsschlaf schlieften sie das

Faulenzen, Kaffee, Bummel, Rudern, Segeln, Kon­zert, abermals Essen, Faulenzen, Flirt, Diele, Tanz bas ist hier so bie Welt. Die große anbere brau- ßen ist uns ungemeinWurst", unb baß mir bie Er­eignisse ber Zeitgeschichte unb hohen Politik meist erst aus nachgesanbten Zeitungen erfahren, bie schon zwei Tage alt sinb, ist uns noch viel zu früh! Da merkt man erst ben tiefen Sinn bes Satzes, baß bie Vergangenheit im Rückblick sich verklärt . . . Welt- anschauung am Stranbe!

Viel wichtiger ist uns, woher heute ber Winb weht, ob er guten Seegang ober Mücken unbGe- witterwärmer" bringt, ob es sich lohnt, auf bie Mole zu gehen, um ein paarSpritzer" aufzulaben ein Hauptvergnügen für ben, ber nicht Winb unb Wasser scheut. Ueberhaupt die Mole! Sie ist eine Klaffe für sich. Stunbenlang könnte man bei jebem Wetter auf ihrem langgestreckten Rücken prome­nieren, um bie wechselnde Laune bes Meeres zu erforschen, um sich gesalzene Luft in die verstaubten Grvßstadtlungen zu pumpen ober um ber Ein- unb Ausfahrt ber imposanten Fährschiffe zuzuschauen, bie bie Güter- ober Schnellzüge nach Dänemark unb zurück tragen.

Im Anschluß an solchen genußreichen Molen- bummel geht man bann unfehlbarAm Strom" entlang, biefer anberen Ortseigentümlichkeit voll eigener Reize. Die vielfältig belebte Wasserfläche, bie alten Baumreihen unb grünen Rasenrampen mit ben anheimelnben Häuschen bahinter unb ben kernigen alten Schiffer- unb Fischertypen baoor ein Bild wie von einem der holländischen Grachten­maler.

Aber auch der weniger poetisch Veranlagte kommt dort auf seine Kosten. Er wird fraglos, von den Sirenenklängen ber Geigen verlockt, in einer ber nicht eben spärlichen Konditoreien, Dielen, Wein­ober Likörstuben, vielleicht auch im Tanzfaal eines eleganten Hotels hängen bleiben.

Wer aber fragt, wo sich Natur unb Kultur zu so harmonischer Ehe vereinen, bem wird bie Aus­sage verweigert. Uns find schon genug Zeitgenoffen hier nach dem letztenLadeanzeiger" fast 10 000. Nur soviel fei verraten, daß hierzulande die Freunds bodenständiger Literatur ihre Boote und Segel­jachten gernFritz Reuter" oder .Hanne Nute" nennen, und daß an diesem Punkt der Ostfeeküst? die alte ehrliche Darno ry mündet ,..