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Nr. 162 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Dienstag, 14. Juli 1925

DerPotsdamer Kronrat".

eine psychologische Skizze.

lmerliani|d)e Schuhso»mU aoporigl« by Fritz fltrn, Bonn

Son Prof. Dr. Fritz Kern.

3n der vorhergehenden Darstellung ist gcöc:gt worden, wie es drin österreichisch ungarischen Dor­schaster Szögyeny, der von Gras Hoyos instruiert war, am 5. Juli 1914 gelang, in Kaiser Wilhelm die Vorstellung zu erwecken, alö sei d.e Mit­schuld des amtlichen Serbiens bewiesen und in Wien bereits der feste Entschluß zur Destrasung Serbiens gefaßt. D c i d e s e n t s p a ch d a m a l s den Tatsachen noch nicht. Aber unter dem Eindruck die,er .Tatsachen" und im Vertrauen daraus, daß die Entente die überführten serbi- schen Mörder nicht schuhen werde ein Weltkrieg also unwahrscheinlich sei. sagte Kaiser Wckhelm dem Dotschaster seine Unterstützung zu. mit dem Vorbehalt, daß er vor einem endgültigen De- schluß mit dem Kanzler reden müsse.

4. Dethmann und Zimmermann beim Kaiser.

Zur gleichen Stunde, da Gras Szögyeny in Potsdam antrat, besuchte Gras Hoyos den Unter» staatsselretär in der Wilhelmstraße. Der derb­gebaute, blonde Herr Zimmermann, der fröhliche Staatsanwalt aus Insterburg, hatte seit seiner Aufnahme in die blaublütige Sphäre der hohen Politik dorthin einen Zug jovialer Ehrlichkeit getragen, der int flüsternden Diplomatenreich als angenehmste Äcberraschung wirkte. Dies Kräf­tige, Offene, Bürgerliche war es wohl auch, was ten Kanzler Dethmann-Hollweg angezogen hatte, so daß er Herrn Zimmermann einen hervor­ragenden Platz bei der amtlichenDurchfüh- rung seiner Friedenspolitik" erwies. Die Pro­bleme der europäischen Politik vereinfachten sich bei Herrn Zimmermann. Den eleganten Wiener Legationsrat empfing er warm, mit der ur­wüchsigen Herzliclxteit, die er immer ausstrahlte von dem Augenblick an, da er vom Schreibtisch aufsprang, um einem Besucher die Hand zu schütteln. Etwas Besonderes wollte Zimmer­mann bei dem Gespräch nicht erreichen, und er erwartete auch von Hoyos nichts als einen Höf­lichkeitstausch zwischen Nachgeordneten Beamten. Er dachte nicht, daß Hoyos mit der Absicht ge­kommen war. einige Aeußerungen Zimmermanns für einen wichtigen Bericht einzufangen.

Leichter als Szögyeny konnte Graf Hoyos bei diesem Privatgespräch unkontrollierbare Mei­nungen Vorbringen. Er sprach von der notwen­digen Zerschlagung der serbischen Macht. Er sprach auch davon, daß sich Oefterrcicb«Ungarn mit seiner ganzen Heeresmacht gegen Serbien wenden und die Rückendeckung gegen Rußland ganz allein Deutschland überlassen wolle. Das waren recht unverständige Privatansichten, die auf Herrn Zimmermann den Eindruck machen mußten, daß dieser forsche Legationsrat nickt besonder- aut informiert fei. Denn selbstverständ­lich bestanden zwischen den verbündeten General- stäben genaue Abmachungen, denen zufolgeOefter- reich^Ungarn seine russische Front niemals ab- decken, vielmehr seine Hauptmacht dort stehen lassen mußten, während Deutschland nur etwa ein Dutzend Divisionen gegen Rußland in Bereit­schaft hatte. Run, Gras Hoyos war ebensowenig verantwortlich wie wo hl in formiert: Zimmermann betrachtete ihn als einen besseren Kurier und er hütete sich wohl, ihm zu widersprechen, als Hoyos fein Herz ausschüttete. Die Lage war heikel, und alles mußte vermieden werden, was das Selbst­vertrauen der Dundesgenollen in diesem Augen­blick verletzen ober so gedeutet werden konnte, als zeige Deutschland in der Attentatssache die kalte Schulter. Im amtlich-verantwortlichen Verkehr hatte Zimmermann ja schon genug getan, um jede etwaige Reigung der Wiener zu unbesonnenen Schritten zu ersticken. Rachdem nun eine Woche vergangen war. ohne daß Wien überhaupt etwas tat, und nachdem Handschreiben und Denkschrift, deren Text auch Zimmermann erhalten hatte, die Verfertiger dieser langatmigen und matten Schriftstücke in augenscheinlicher Verlegenheit zeigte, wie sie das Problem anpacken sollten, sah Herr Zimmermann nachgerade die Haupt­gefahr mehr darin, daß die Oesterreicher zu wenig täten, als darin, daß sie zu viel unter­nähmen. Ein Sühneverlangen mußten sie stellen und die Sühne erzwingen. Um diese Krisis kam man nicht herum, wenn der Grohmachtrang der Bundesgenossen gewahrt bleiben sollte. Mut

mußte man ihnen jetzt machen, und vor allem vermeiden, daß sie die Schuld für etwaiges Nichtstun auf Berlin schieden könnten. So ver­mied es Herr Zimmermann, die unaungereiften Ideen des Grafen Hoyos zu zerpflücken. Er hörte ihm zu und bestätigte dem so energisch redenden jungen Herrn, daß etwas geschehen müsse, und zwar bald, wobei er den Zweifel im Hintergrund behielt, ob diese jugendliche Energie auch nur einigermaßen den tatsächlichen Stimmungen der verantwortlichen Wiener Stellen entsprach Hätte Graf Hoyos der mißtrauischen Intelligenz deS Staatssekretärs v. Iagow gegenübergestanden, so wäre er kaum der Frage entgangen, was Oester­reich-Ungarn denn eigentlich mit Serbien anzu­fangen gedenke? Zimmermann setzte voraus, daß barftber noch viel und lange zu verhandeln sein würde, und mit wichtigeren und legitimierteren Persönlichkeiten als dem Ucberbringer der Denk­schrift.

Dann würde auch ein Punkt besonders zu Hären sein, den Graf Hoyos allzusehr auf die leichte Achsel nahm, das Verhältnis zu Italien. Sollte ein Weltkrieg drohen, dann muhte Deutsch- land für die Hauptentscheidung an der Westfront die vorgesehene militärische Mitwirkung Ita­liens vorher diplomatisch sicherstellen. Run meinte aber Hoyos, man wolle von der serbischen Aktion vorher Italien gar nicht in Kenntnis sehen. Solange Oesterreich-Ungarn keine terri­torialen Ziele auf dem Balkan anstrebte, konnte sich das hören lassen. Im Augenblick, wo Oester­reich indes Eroberungen gegen Serbien geplant hätte, mithin Italiens für diesen Fall im Drei­bundvertrag vorgesehener Anspruch auf Kom­pensationen fällig wurde, durfte man Italien nicht links liegen lassen. Sonst hätte man es ja förmlich aus dem Dreibund hinausgetrieben, was wiederum den Ausbruch des Weltkrieges wahrscheinlicher machte. Das alles mußte man sich in Wien auch sagen. Drohte also der Welt­krieg dann mußte, nicht nur Oesterreich-Angarn Serbien als Rebenschauplah behandeln und mit seiner Hauptmacht in Galizien antreten, sondern mußte sich die italienische Flanke so gut wie die rumänische im Voraus sichern. Auch in diesem Punkt also gewann Herr Zimmermann aus den Aeußerungen des Grafen Hoyos nicht den Ein­druck, daß man in Wien mit der Möglichkeit eines europäischen Konfliktes ernstlich rechnete. Er ver­abschiedete sich von dem Grafen mit der Hoffnung, daß die Sühneforderung rasch und energisch vor­gebracht werde. Es würde dann wieder einmal eine Krisis entstehen, wie man deren schon fast ungezählte in den letzten Jahren erlebt hatte. Die beiden Kaiserreiche, die in den bosnischen, den marokkanischen, den Balkanfragen hätten lernen müssen, wie man Kastanien aus dem Feuer holt, würden auch diesmal versuchen, die unumgängliche Sühne so durchzusehen, daß fein allgemeiner Brand entstünde. Das Einzelne mühte sich im Lauf der Entwicklung ergeben; vorerst galt es einmal den Entschluß zur Sühneaktion konkreter zu gestalten.

Zimmermann wurde nach nebenan zum Kanz­ler gerufen, der aus Hohen-Finow herüberge­kommen war. Herr v. Dethmann Hollweg grü­belte zunächst über den beiden Wiener Schrift- stücken. Es schien ihm, daß man die darin aus­gesprochene Ditte, mit Bulgarien in ein näheres Verhältnis zu treten, nach den neuesten (Sreig- nissen wohl nicht länger ablehnend beantworten könne. Durch Herrn Zimmermann wie durch die Berichte Tschirschv)s aus Wien erfuhr er auch von den noch so unklaren und unfertigen Ideen, die man sich in Wien hinsichtlich der notwendigen Sühneaktion zu machen schien Auf der gemein­samen Fahrt nach Potsdam, wo der Kaiser die beiden Herren im stillen PalaiSgarten erwartete, mußten Kanzler und Unterstaatssekretär versu­chen, aus diesen Mitteilungen voll Schwere und Dunkelheiten ein Bild des Möglichen und des Nötigen zu gewinnen.

Zum Vortrag bei Kaiser Wilhelm II. be­fohlenen Beamten ist es nicht nur einmal be­gegnet, daß der Kaiser den Vortrag hielt. Auch diesmal fanden weder Bethmanns Bedenk­lichkeit noch Zimmermanns teutonische Frische im Potsdamer Park Gelegenheit, sich zu entfallen. Wilhelm II. fühlte sich in auswärtiger Politik

Brunnen.

Don Anton Schnack.

Da waren Brunnen, die schon seit Jahrhunder­ten plätscherten, mitten auf dem lärmenden Markt­plätze oder in verschollenen kühlen Baumwinkeln. Brunnen, die den Tod sahen, wie er vorübergetra- gen wurde unter Gebet und schwermütiger Trauer­musik; Brunnen, an deren Röhren der Frühling saß und weiße Schmellerlinge an ihnen im zarten Wind vorübertrieb und Vögel an ihren Trotz lockte, die ihre kleinen, gelben und zierlichen Schnabel in das quirlende und strudelnde Wasser tauchten.

Andere Brunnen lagen ewig im Grün unter sommerlichen Himmeln und über ihnen stand das segnende Bildnis der heiligen Gottesmutter Maria oder es brüstete sich der fletschende Drache auf, dem der starke Ritter St. Georg den eisernen Speer in den klaffenden Rochen stieß.

9n meiner verschollenen Waldheimat gab es Brunnen, an denen am Sonntag die Spielleute laßen mit Klarinette, Geige und Horn und alte Lie­der musizierten, bis der nahe Wald zu klingen und zu rauschen anfing. Dort traf ich auch die Kühe meiner Jugend an den Wiesenbrunnen, den der Lattich überwucherte, manchmal standen seltsame und große Vögel an seinem Rand, die ich nicht kannte, manchmal sah ich, wie ein goldener Frosch aus einer feuchten Mauersuge sprang und in die Tiefe tauchte, wo der Froschkönig auf einem grünen Edelsteinstuhl schon seit Jahrtausenden träumte und schlief.

Immer liebte ick den alten Brunnen im Hof, der in meinem Schlaf fang, oder in die Unruhe meiner Rocht: wenn ich hinter dem Fenster lag und verwor­rene und unheimliche Dinge meinen Schlaf bestürm­ten, da hörte ich ihn mit guter und süßer Stimme aus der Tiefe rauschen und sein Rauschen schien mir

Glück und Beruhigung zu sein und ich hörte ihn, wenn die Mitternachtsuhr vom Turme schlug, ich hörte ihn, wenn ein torkelnder und weinvoller Zecher durch die holprigen Gasten lärmte, ich hörte ihn, wenn der Sommermorgen aus den Wiesen- giünden dampfte und die Finken ihren Hellen und scharfen Schlag in den Morgen hämmerten. Ich hörte ihn in der todesoollen Herbstnacht, wenn alles starb, was lebendig war und ich hörte ihn in der Winterstille, wo seine Röhre mit Stroh und Tuch gegen den Fraß der Kälte geschützt war. Immer war sein Rauschen da und immer war fein Rauschen die gute und treue Stimme der Heimat.

*

Ich kannte Brunnen der prunkenden und reichen Gärten. Brunnen, die aus marmornen Fischen und bronzenen Rixen sprangen. Brunnen, die wie Gold und Silber funkelten und mit hoh- m Strahl in die Baumwipfel stiegen in einem ewigen Auf und Rie­der. Stunde für Stunde und Tag für Tag. Brunnen, an dessen Rand manchmal ein kleines Kind stand mit dunklen Locken auf blauem Samt und ich sah seine schwermutvollen und traurigen Kinderaugen aufglühen in einer bedrängenden Sehnsucht, wenn der silberhafte Strahl unermüdlich in die Luft (prang und über dem Rasen verglitzerte. Und ich sah manchmal vor diesem Brunnen eine Frau stehen, die wie in einem Traum daherkam und wie in einem Traum wieder fortging, ich hörte manchmal nachts an seiner Schale ein leises und klingendes Schäkern und ich hörte einen Degen klingen und ich hörte einen seidenen Rock mit leichtem Knistern und der Mond stand mitten in der Himmelsnacht und es waren tarfenb und abertausend Perlen, die aus dem Maul des Fisches sprangen und es waren Perlen aus Gold und Silber, Perlen aus einem geschlif­fenen Grün und einem eisigen Weiß, Perlen aus einem verzauberten Blau und aus einem grün­lichen Blitz . . .

sachverständiger als Dethmann-Hollweg. Nach­dem dieser über die Wiener Denkschrift referiert hatte, ergriff der Kaiser das Wort, redete lange und entließ die Herren, ehe sie etwas Eigenes bemerkt hatten. Deide hallen indes auch tat­sächlich nichts einzuwenden: sie fanden den Kaiser auf dem richtigen Wege. Er bramarbasierte nicht.

D<ls Verbrechen von Serojewo, so ungefähr argumentierte der Kaiser, hat für die Oester- reicher eine Gelegenheit zur Züchtigung der ser­bischen Uebergriffe ergeben, wie sie gleich gün­stiger vor Europa nicht wiederkehren wird: es hat zugleich aber die Oesterreicher in die Not­wendigkeit versetzt, Sühne zu verlangen. Es ist erfreulich daß die Wiener das anscheinend begriffen haben. Für uns ist es diesmal ganz unmöglich, die Oesterreicher zurückzuhalten. Frei­lich. auch posillv wollen wir keine Verantwortung übernehmen, denn es ist doch sehr fraglich, ob die Oesterreicher viel erreichen können. Auch 1908 hatte sich Bülow auf den Standpunkt gestellt, nicht selbst die Annexion Dosniens zu empfehlen, sondern die Oesterreicher machen zu lassen. Sie mögen selbst entscheiden, was sie glauben tun zu sollen. Nur das eine müssen wir ihnen zusagen, daß wir, wenn sie für ihr Prestige Maßnahmen für notwendig halten, die Rußland mißfallen, sie ebenso decken wie in der bosnischen Krisis. Der Zar wird gerade bei dieser Angelegenheit sich zurückhalten wollen; es ist doch schlechterdings ausgeschlossen, daß Europa die Waffen für die Meuchelmörder erhebe, wenn sie sich weigern sollten, die gerechten Forderungen Kaiser Franz Josefs zu erfüllen. Aus militärischen und finan­ziellen Gründen werden sogar die Kriegsparteien, die in Petersburg und Paris auf den Krieg mit uns in naher Zukunft drängen, in diesem Augen­blick noch nicht losschlagen wollen. D^r Zett- punkt ist also auch in diesem Detracht günstig für ein festes und zielbewußtes Auftreten. Sollten aber wider Erwartew die Ententemächte doch die Meuchelmörder vor der notwendigen Strafe schüt­zen, dann sind sie demaskiert, dann ist ihnen eben jeder Vorwand .selbst der schlechteste, recht, dann ist der Krieg doch in nächster Zukunft un­vermeidlich. dann ist es vielleicht sogar besser, der von der Entente beschlossene Krieg bricht schon jetzt aus. bei dieser für uns so gerechten, moralisch unanfcd>.baren Frage und bei noch nicht völlig vollendeter Rüstung der zum Ueber- fall entschlossenen Gegner.

So muß man also jetzt dem Zaren die Ent­scheidung lassen. Entweder er wird sich schützend vor die Meuchelmörder, somit vor der ganzen Welt ins Unrecht stellen, außerdem das Spiel wagen müssen, in einer noch nicht ganz fertigen Rüstung losschlagen. Oder er läßt, was wahr­scheinlich ist, die gerechte Destrasung Serbiens zu, dann wird durch die lokalisierte Säuberungs­aktion die europäische Atmosphäre gereinigt und die allge meine Kriegsgefahr für später ver­ringert. Das Schlimme ist nur die Krisis: Die Krisis, die wieder einmal Europa erschüttern wird, wenn Oesterreich seine Forderungen an Serbien richtet. Dor dieser Krisis hat der Kaiser

eine tiefinnere Angst. Gerade darum gab ca sich am 5. und 6. Juli vor den Heeren, mit denen er die Lage besprach. daS Wort, fest zu bleiben; die Herren merkten wohl, daß es n ckt Festigkeit, sondern das Gegenteil trar. was ihn zu diese:» Schwur trieb, diesmal werde man sehen, daß er nicht umfalle. Die Stimmung der Staatsmänner der Mittelmächte glich der eines verfolgten Katers, der sich so in die Enge getrieben fühlt, daß er sich stellt und die ft rollen zeigt und sich nun Mut macht, die bellenden Hunde würden nickt beißen; aber lieber wäre eS ihm dock, eo hätte noch die Weite offen, um sich mit guten Art zurückzuziehen.

Es drängte den Kaiser, vor seiner Abrei'« persönlich die militärischen Stellen von der KrisiS zu unterrichten, welche Oesterreich entschloßen war eivz <c c i. Roch wäh e id ke' Kant ers An­wesenheit wurde Kriegsminister v. Fallenhavn in den Park des Neuen Palais beordert. Der Kaiser eröffnete ihm, er habe au# SzögyenBS Mitteilungen den Entschluß entnommen, erforder­lichenfalls in Serbien einzumarschieren: sollt« Rußland das nicht dulden wollen, so sei Oester­reich nicht gewillt, nachzugeben. Dann brachte der Kaiser, zu freien Leidenschaften da# Vorlesen gehörte, Denkschrift und Handschreiben zu Gehör. Herr v. Fallenham, den das erste Sturzbad der Eröffnungen betroffen gestimmt hatte, beruhigte sich sehr, als er den phra'enreichen und unbe­stimmten Inhalt dieser Schriftstücke vernahm. Soweit er der wirbelnden Vorlesung Halle folgen können, schien es ihm nun, daß die Phantasie des Kaisers viel zu viel aus den Wiener Ab­sichten herauslese, und daß eigentlich nur ein diplomatisches Manöver bezweckt fei. Auch Herr v. Dethmann-Hollveg. der gleichfalls ja weder Szögyeny noch Hoyos mündlich gehört hatte, mußte sich wesentlich auf den Inhalt der Schrift­stücke stützen: auch er schien, nach FalkenhaNns Eindruck, nicht recht zu glauben, daß es den Wienern wirklich ernst sei.

Am Abend des Tages empfing der Kaiser noch einen Vertreter des Admiralstabschess, um bezüglich der Hochseeflotte Anweisungen zu er­teilen; sie solle ihre Norwegenreise ebenso pro­grammgemäß antreten wie der Monarch selber.

Mit diesen Anweisungen war das kaiserliche Tagewerk getan. Das Kommen und Gehen der Beamten und Offiziere zur ungewöhnlichen Stunde erzeugte ein Raunen in den Vorzimmern, kroch aus den Bedientenstuben in Gaststätten und traf noch am selben Abend das Ohr eines Jour­nalisten im Hotel Kaiserhof in Berlin; es war wieder einmal August Stein. Die böse Legende vom Potsdamer Kronrat entstand, noch bevor der schöne Iulisonnlag zu Ende war. Berliner Aus­flügler zogen singend und ahnungslos durch Potsdam heimwärts; in der Garnisonkirche, wo die bunten Regimentsfahnen über dem kahlen Sarg Friedrichs des Großen leuchten, ging wan­dernde Jugend wallfahrtend ein und aus. Ein unbehütetes Reich, dessen große Wächter tot oder in der Ferne waren, genoß die letztes Stunden trügerischen Friedens.

Der Prozeß gegen Angerstein.

Wegen achtfachen Mordes achtmal zum Tode verurteilt. - Das Urteil rechtskräftig.

(Eigner Bericht desGießener Anzeigers". Nach- druck, auch auszugsweise, nur mit Quellenangabe gestattet.)

Limburg, 13. Juli.

6. Tag.

Der Angeklagte macht auch heute einen zuver­sichtlichen Eindruck.

Das Dort erhält zunächst Oberstaatsanwall Dr. Dacmeister. Er fuhrt aus. daß er sich selbst auf die Anklagepunkte der Unterschlagung, Urkundenfälschung und Urkundenvernichtung be­schränken und die Erörterung der übrigen An- llagepunkte seinem Mitarbeiter überlassen wolle, da dieser vom Anfang an an Ort und Stelle in der Mord angelegen h eit tätig war. Der Redner meint, daß die Aufdeckung der von dem An­geklagten begangenen Veruntreuungen der Auf­takt für das grausige Drama vom 1. Dezember 1924 war. Oberstaatsanwalt Dr. Dacmeister er­örtert nun die einzelnen Unterschlagungen, die falschen Buchungen, die Fälschung der Kassen­belege an der Hand des Ergebnisses der Deweis- nahme und der Angaben des Angellagten, hält die Angaben des Angellagten, dieser habe an Personen, die um die angeblich unsauberen

Machenschaften seiner Firma wußten. Schweig­gelder. sogar einige Male aus eigener Tasche, zahlen müllen, für vollständig unglaubhaft, zumal der Angeklagte, der in seiner heutigen Lage absolut keine Veranlassung habe, irgend jemand zu schonen, weder in der Voruntersuchung, noch in der jetzigen Verhandlung irgendeinen Namen eines dieser angeblichen Erpresser genannt hat. Auch der nach dieser Richtung hin vom A-'igellag- ten angetretene Entlaftungsbeweis ist völlig miß­glückt. Redner bezeichnet es noch als eine Un- versrorenheit vom Angeklagten, daß dieser da­mals den Pfarrer Hehdesuß beauftragte, er (Hehdefuß) solle dem Nix erklären, er (Ange­klagter) habe ihm (Rix) verziehen. Trotzdem dem Angeklagten wiederholt Gelegenheit gegeben war zur Erklärung, was er denn dem Rix zu ver­zeihen hatte, ist der Angellagte bis jetzt eine Erklärung schuldig geblieben. Redner schildert nun die Familienverhältnisse des Angeklagten und kommt zu dem Schluß, daß Angeklagter über seine Verhältnisse hinaus gelebt habe. Was den Lotteriegewinn von 32 000 Mk. anbetrifft, von dem der Angeklagte nicht wissen will, in welcher Lotterie er ihn gewonnen habe, meint Ober­staatsanwalt Dr. Dacmeister, daß dem Ange-

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Und ich lag an einem Brunnen am Dorfrand, seine Holzröhre sprang mitten aus dem Leib der Erde, unter ihm war es blau von Vergißmeinnicht, die Löwenzahnwiese lag davor und die Hummeln kamen herübergeschwommen durch den sommerlichen Nachmittag. Hier lag ich in der gesamten Dogel­ftille, in der der Wahlrand versunken war, und ich lag da und träumte in mich hinein und sah nid)t5 als die blaue Tiefe des Himmels und die grüne Flut der Erde. Nur manchmal hob ich meine Hand und formte sie zur Schale und tauchte sie hinein in das klare kühle Becken, das unter der Röhre zwischen Pfefferminzkraut und Vergißmeinnicht floß, und füllte meine Hand mit Wasser und schürfte und trank und es war süßer als Wein aus fernen und feurigen Sonnenländern. Und ich lag da und war­tete, bis die Gönsehirtin kam und ihre Herde an den Bach trieb, den der Brunnen speiste, und die Hirtin kam zu mir im blauen Kattunröckchen und im roten Mieder und ihr Haar war schwarz und lang und ihre Augen sprühten wie Kohlen und ihr Mund blühte wie eine Kirsche, und sie setzte sich zu mir an den silbernen Drunnenstrahl und ich küßte sie, wenn wir lange genug gelacht und geschwatzt hatten.

Ich liebe die Brunnen der Dörfer und der ein­samen Mühlen, ich liebe die Brunnen, die mitten aus einer Hauswand in einen kupfernen Trog sprin­gen ich liebe die Brunnen, die an den Straßen- schenken stehen, in die die Pferde ihre müden und verstaubten Köpfe hängen und die Mühsal der lan­gen Reise vergessen. Ich liebe die Brunnen, die am Dome stehen, im ewigen Schallen der alten und rie- senhaften Türme, aus denen Heiligkeit und Ge- benedeiung steigt, und die mit ihrem heiligen Was­ser die Kranken kräftigen und die Blinden und Ver­stümmelten heilen. Ich liebe die Brunnen, deren Auge unter Tann und Blattgrün verborgen ist, und die aus der Tiefe quellen, die keiner gesehen hat, und aus deren Grund seltsame und merkwür- dige Dinge steigen: riesenhafte Käser mit grünen und blinkenden Augen, Fische von fahlem Weiß und

rotem Blutmund, Molche, die über der Stirne ein gezacktes Horn tragen und Spinnen, die über den Moorgrund mit gebogenen und riesenhaften Beinen hasten.

Ich liebe den Brunnen am Rande der Wälder, an den das Reh herantritt mit scheuem Schritt und spähendem Kopfe, um feine von Jagd und Ver­folgung zitternde Lippe zu kühlen.

Ich liebe den Brunnen, an den die arme schmer­zensreiche Großmutter tritt, um ihre hölzerne Bütt« zu füllen, die ihr Labsal und Wein ihres Alters und ihrer Armut ist.

Ich liebe den Brunnen unter dem Holunder- bäum, zu dem die süße Katja kommt und wartet, bis ich aus dem Hause trete.

Ich liebe den Brunnen, der aus vier Röhren seit Jahrhunderten immerfort geflossen ist und viel gesehen hat.

Ich liebe den Brunnen, über dessen Rand sich der Handwerksbursche beugt und säuft, als schlürfe er Wein aus vollen Krügen.

Ich liebe den Brunnen mit der bronzenen Schale, zu der die Tauben zur frühen Morgen­stunde kommen und sich mit prustendem Flügel­schlag ihr leichtes Federkleid benetzen.

Ich liebe sie alle, wo sie auch seien, in Gärten, in Winkeln, an Mühlen, an Kirchen. Ich liebe die Brunnen des Südens und der verbrannten Steppe, ich liebe die Brunnen, die wie Salz und Eisen schmecken. Ich liebe die Brunnen, die tief in den Burghöfen dunkeln und blauen, ich liebe die Brun­nen, die tief in den Bergen, die wie grünes Kristall herausspringen.

Aber nach dem Brunnen meiner Heimat, der im Hose rauscht, durch Rächt und Morgenkühle, durch Sommerstille und Herdsttraurigkeit, habe ich manch­mal schmerzliche Sehnsucht . . .