Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. Y2 Zweites Blatt
Aus der Geschichte der Tscheta.
Von Dr. W. Stranski.
Das kurze und lakonische Wörtchen Tscheka ist heute bereits zu einem feststehenden Begriff in allen JxuliLrfprQdjen geworden. Was es bedeutet, ist heute wohl überflüssig, der Welt zu erklären. Die Sprache der nach Zehntaujendcn zählenden unschuldig gemordeten Menschen wirkt eindringlicher, als irgendwelche Erklärungen, die den Totlachen gegenüber per. blaffen müssen. Was sich hinter den Mauern der russifchen Ischekagesängnisse abgespielt hat und nach abspielt, wird nie restlos geklärt werden können, nie wird man eine auch nur annähernd genaue Zahl der Opfer ermitteln können. Der außenstehende Beobachter wird, wenn die Rede auf die Ticheta kommt, unwillkürlich die Frage stellen, wie es möglich war, daß in Rußland neben der Sow- Jetregierung eine Institution Fuß gewinnen konnte, die mit den eigentlichen Regierungstellcn wenig ge mein hat, die einen Staat im Staate bedeutet, ja, man kann diese Behauptung ruhig aufstellen, eine größere Macht repräsentiert, als die Volkskommissare im Kreml selbst.
Die Antwort auf diese Frage gibt Georg P o • poff im Einleitungskapitel feines Buches „Tscheka, der Staat im Staate“ (Frankfurter 3o\ictäts- brurferei) über die Entstehungsgeschichte der „Außerordentlichen Kommission". Als die Bolschewisten am 2h. Oktober 1917 in Petersburg die Macht ergriffen hatten, wählten sie als Regierungssitz das Smolnrp Institut, das leicht in Verteidigungszustand gesetzt werden konnte. Mit der roten Herrlichkeit war es damals eben noch nicht weit her. Kommandant des Gebäudes war ein älterer, immer freundlich lächeln- der Mann namens Felix Dsershinski, der später in der Tscheka die erste Rolle spielte. Schon noch Verlauf von wenigen Wochen hatten er es Der- standen, den Rat der Volkskommissare von der großen Gefahr zu überzeugen, die der Revolution drohe, und von der Notwendigkeit der Gründung einer „Außerordentlichen Kommission" zum Kampfe mit allen Feinden der kommunistischen Revolution. Am 21. Dezember 1917 sand im Smolny-Gebäude dann auch bereits die erste Sitzung der Tscheka statt, zu deren Vorsitzenden Dsershinski gewählt wurde. 3u Anfang verfügte die Tscheka über 130 Beamte, die in Petersburg an die Ausrottung der Aristokratie und des Bürgertums schrillen. Recht bald vergrößerte die Tscheka jedoch ihr 'Agentenheer und als die Regierung am 12. Mär; 1918 nach Moskau übersiedelte, zählte sie bereits viele Tausende von Henkern und Spitzeln. Nach dem Umzug der Negierung richtete and) die Tscheka ihre Zentralstelle in Moskau ein und überzog ganz Rußland mit einem dichten Netz von Tschekaavtei- fungen.
Die Ermordung des Vorsitzenden der Petersburger Tscheka U r i (; k i und das Attentat auf Lenin leiteten erst die eigentliche Blutherrschaft der Tscheka ein. Die Zeit vom 5. September 1918 bis um die Jahreswende 1921/22 war durch den Satz gekennzeichnet- „Von nun ab soll die Losung „Alle Macht den Sowjets" durch den Rus: „A 11 e Macht der Tscheka" ersetzt werden. Was in jenen Jahren hinter den Mauern der Tschekage- fängnijfe vorging, ist so haarsträubend, daß es nie restlos flargelegt werden wird. Allein als Antwort auf die Ermordung Uritzkis wurden in Petersburg 500 Menschen erschossen, in Moskau als Antwort auf das 'Attentat auf Lenin 300. Die fowjetrufsifche Statistik gibt die Zahl der Hingerichteten während dieser Zeiiperiode mit 12 000 an. Das diese Angabe aber auf keinen Fall stimmen kann, beweist die Tatsache, daß in den einzelnen Städten wie Petersburg, Moskau, Kiew, Charkow ufw. allein mehrere Taufende erschoßen wurden. Allein im Gouvernement Ufa wurden im Jahre 1919 über 10 000 Bauern ermordet. Bei dieser Sachlage dürste es noch fraglich erscheinen, ob selbst eine zehnmal so hohe Zahl, wie die von den Bolschewisten angegebene, der Wahrheit nahekommt.
Als die Sowjetregierung die größten Anstrengungen machte, um mit dem Ausland Wirtschaftsbeziehungen anzuknüpfen, entschloß man sich, mit der Tschekawirtschaft aufzuräumen. Aber wie wollte man das verwirklichen^ Konnte man die „Außerordentliche Kommission", die eine größere Macht repräsentierte, als die Regierung selbst, ein- fach auflösen? Der Versuch wäre ohne Zweifel gescheitert, und so wählte man einen Ausweg, indem man die Tscheka „a u f l ö st e" und an ihrer Stelle die „S t a a 11 i d) e'B o l i t i | d) e Verwaltung" — Gostidarstwennoje Polilitscheskoje Uprawljenie, kurz G. P. U. — gründete.
Ein wirklicher Umschwung war mit dieser Gründung natürlich nicht vollzogen worden. Das Kind hatte lediglich einen neuen Namen erhalten. Die Schilder an dem Tschekagebäude in der Mos- lauer Lnbjankastraße wurden umgeändert, im Innern überklebte man die an den Türen der einzelnen Abteilungen angebrachten Aufschriften, die das Wort ..Tscheka" enthielten, mit weißem Papier nnd schrieb die Buchstaben G. P. U. daraus. Das
Der Raucher ohne Zigarette.
Von Heinz Scharpf.
Wir alle kennen ihn, den Mann in ständiger Zigarettenno!, den Schrecken der Raucher, den unentwegten Konsumenten unserer Zigaretten.
Er ist meistens ein netter, liebenswürdiger Mensch, dem man ansonsten wohl gewogen fein könnte, doch befindet er sich andauernd auf der Suche nach etwas Rauchbarem, nicht bei sich selbst, sondern vorzugsweise bei uns.
Rasch tritt der Mann den Menschen an mit der stereotypen Frage: „Dürfte ich Sie einer Zigarette berauben?" — und schon hat er seine Finger in unserer Sabotiere.
„0,“ lächeln wir verbindlich, „mit Vergnügen, mit Vergnügen!" und reichen ihm in entgegenkommender Weise noch Feuer, llnb dann erlaubt er sich, uns nochmals zu berauben, und ein drittes und letztes Mal, und schließlich zündet er sich eine allerletzte an und hat uns tatsächlich in Bälde ratzekahl ausgeplündert. Bei jedem Griff nach einer Zigarette fällt seinerseits selbstverständlich das Wort: „Aus Revanche!", was offenbar soviel heißen soll, daß er sich auch weiterhin un fiter Materialien bedienen will. Denn von jetzt an zählen wir zu seinem geschätzten Kundenkreis.
Seine Tricks sind allgemein bekannt.
Da ist einmal das Märchen vom Ladenschluß. Gerade wollte er sich im Taballaden gegenüber eine Schachtel feinster Sorte kaufen, schwupp — lassen sie vor seiner Rase die Rollbalken herab, und nun steht er da und gäbe ein Königreich für eine Türkische!
mar alles! Ja, daß ich nicht lüge! Man halte auch sogar den VolMendcn her Tschcka Dferfhincki obgesetzt und zum Vcrlehrsminisler ernannt. Das hindert aber nichts an der Tatsache, daß Dsershinski seinen Posten als Vorsitzender des Kollegium. der umbenannten Tscheka, uon nun ab des „Kollegiums der G. P. U." bei behielt. Und U n- schlicht, der neue Leiter der Moskauer G. P. U. hatte sich von seinem Borgänger Dferihincki sehr bald die nötige Routine ungeeignet, mit den „Fein- den der Revolution" in entsprechender Form abzu- rechnen. 3n Rußland war damals zwar die Todesstrafe aufgehoben worden. '21 her was kümmerte das die Tscheka.
Mit dem Ende der „Neuen Estonomisd)en Politik" und nach dem Tode Lenins folgte wieder eine Periode des schrankenlosen Mordens. Die Todes- strafe wurde am 5. März 192-1 wieder offiziell ein- geführt. Eine neue Schreckenszeit der Verhaftungen, Razzien. Hinrichtungen und Verschickungen nach Sibirien begann. Bezeichnend für die 'Macht der Tscheka ist die Tatsache, daß man nicht einmal da- vor zurückschreckte, in der Wohnung des populären Führers der Roten Armee. Trotzki, eil e Revision oorzunehmen. Das Jahr 1924 war in Rußland das sogenannte „sibirische Jahr". Schon 1923 wurden nach sowjetrussischen Angaben 72 658 Personen nach Sibirien verbannt. Im Dahre 1924 hat sich diese Zahl ocrbreifndjt. Während der gleichen Zeit begann die Tscheka auch mit dem Ausbau ausländischer Tschekaabteilungen, die den Kampf der kommunistischen Parteien in den einzelnen Ländern unterstützen soll. Mit welchen Mitteln da gearbeitet wird, hat der erst kürzlich in Leipzig beendete Tschekaprozeß aller Welt be« wiesen.
zremden-Znduftne und Volkstum
Die tage des Deutschtums in SüNiroL
Bon F. G l a tz e l.
Durch den Friedensoertrag von et. Germain kam Südtirol unter italienische Herrschaft. Die Lage der' urdeutschen Bevölkerung wurde besonders seit dem Faszisteneimnorsch im Herbst 1922 unerträglich. Entgegen den großsprecherischen 'Ankündigungen des Herrn Tittoni als Vertreter Italiens auf der Pariser Friedenskonferenz über die Achtung der Rechte der völkischen Minderheiten wird die Unterdrückung des deutschen Volkstums planmäßig und raffiniert betrieben. Heule wird in eübtirol feine deutsche öffentliche Meinung mehr geduldet. Die deutschen Zeitungen sind durch Vorzensur geknebelt und ständig mit dem Erscheinungsvcrbot bedroht. Aeußerliche Kennzeichnung der Wirlung der Zensur durch weiße Stellen genügt z. B. als Grund zum Verbot. Das Schulwesen ist vollkommen italienifiert. Die deutsche Sprache ist aus den Schulen dieser reindeutschen Bevölkerung verbannt. Die deutschen Lehrer brotlos. Selbst der Versuch der Eltern, den Kindern durch private Selbsthilfe beutfdjen Unterricht zugänglich zu machen, wird unterbunden, selbst deutsche Kindergärten werden als staatsgesährlich geschlossen. Deutsche Fibeln und Märchenbücher sind verbannt. Für die Bildung dieser Heranwachsenden jungen Generation ist das eine ungeheure Gefahr. Auch aus dem amtlichen Verkehr wird das Deutsche planmäßig verdrängt. Richter,- die sich italienischen jöünfdjen nicht fügten, wurden ins italienische Gebiet versetzt und gemaßregelt.
Neuerdings wendet man auch dem Fremdenverkehr seine Aufmerksamkeit zu. weil man sich darüber klar ist daß der starke Bcfud) aus Deutschland den nationalen Zusamenhang und die wirtschaftlicye Unabhängigkeit der Bevölkerung stärkt. Man versucht also dem im wesentlichen deutschen Gastwirtschaftsgewerbe den Garaus zu machen. Aus nichtigen Gründen werden deutsche Gasthöfe geschlossen. So zum Beispiel in einem Falle ein Gasthof, weil eine Kellnerin einem sie bedrängenden Italiener eine Ohrfeige versetzt hat — das war angeblich ein Zeichen unpatriotischer Gesinnung des Gastwirts —, in einem anderen Falle, weil man deutsche Lieder aus dem Fenster des Gasthofs gehört hatte. Trotzdem ist die deutsche Gesinnung nicht zu unterdrücken. Hierfür nur ein kleines Beispiel: In einem Dorfe mußten, wie überall, auch die Kinder die italienische rot-weiß-grüne Trikolore mit ausgestreckter Hand grüßen. Ein kleines Mädchen tat das nicht. Auf die Frage der italienischen Lehrerin, warum sie nicht grüße, antwortete ein kleiner kecker Bursche: „Tun Sie das Grüne weg, dann grüßt sie schon." Ohne Grün bleibt die rot-weiße Tiroler Farbe übrig.
Alljährlich reifen, besonders in der Frühjahs- zeit, Taufende von Deutschland nach Italien. Wie wenige von ihnen denken daran, daß sie. wenn sie die italienische Greyze überschreiten, geraubtes deutsches Land durchqueren müssen. Sie fahren nach den schönen Gefilden Italiens, was ihnen gewiß niemand verdenken wird. Ader wir wollen hier darauf aufmerksam machen, daß Italien auch wirtschaftlich an dem Fremdenstrom, der aus Deutschland sich ergießt, durchaus erheblich inlereificrt ist, dasselbe Italien, das das deutsche Südtirol knebelt. Wer an
Behebt ist auch das Mätzchen mit dem Kellner, bei dem man schon dreimal Zigaretten bestellte, der aber an chronischer Taubheit zu leiden scheint, da er nicht mit ihnen erscheinen will.
Selbstverständlich helfen wir in allen diesen natürlichen Fällen gern mit unteren Beständen aus: ja, wir wären zutiefst verletzt, wenn man unsere Hilfe nicht annähme: freilich, wenn wir darauskommen, daß die Rollballen vor unseres Freundes Rase andauernd herabras ein, daß fein Zigarettenetui sich immer vor seinem Weggange neckisch versteckt und sämtliche Zigarettenboys ihn zu boykottieren scheinen, dann benehmen wir uns auch etwas zugeknöpfter. Aber das ficht ihn weiter nicht an, er weiß uns schon den Rauch aus der Rase zu ziehen. Bald interessiert er sich für die ihm gänzlich unbekannte feine Marke, die wir gerade rauchen, so daß wir ihm wohl oder übel eine offerieren müssen: bald möchte er das entsetzliche Kraut, das wir in letzter Zeit konsumieren, näjjer kennenlernen, dann wieder will er für die anwesende Dame seines Herzens eine Zigarette von uns käuflich erwerben, kurz, er weiß sich unserer Rikotinschätze auf jede Art zu bemächtigen.
3ft er aber einmal zu einer größeren Gesellschaft geladen und steht ein voller Rauchtisch zu Gebote, dann sollte er vor seinem Weggehen auf den Kopf gestellt und gut durchgeschüttelt werden: man würde staunen, von wo überall heraus aus einem Menschen Zigaretten zum Vorschein kommen können.
Dabei raucht der Mann fremdes Gut mit solchem Heißhunger nicht etwa aus Armut, sondern bloß aus schlechter Gewohnheit. Er hat es
diefe Zusarnenhänge denkt, wird gewiß nicht achtlos an Tirol vorüberfahren, und er iate es auch im eigenen Interesse, w<nn er einige Tage oder Wochen in diesem schönen Lande zubrachre, das im Frühling wie im Sommer oder Winter herrlich ist. Die .'kamen Bozen und Meran, um nur diese zu nennen smd allein cm Inbegriff von FrüHlingsprach! Wer irgend die Zeit dazu hat, der soll,'' cs sich nicht nehmen losten, einmal seinen Urlaub in den Süd tiroler Bergen zuzubringen, der wird besonders, wenn er in den mittleren Höhenlagen die kleinen Orte aufsucht, Gelegenheit haben, jid) selbst einen Einblick in bas Leben und Denken dieses Volkes zu verschaffen. Er wird überdies auch wittfcha'tlich zu feinem Teil der Widerstandsfähigken Tirols nützen. Und die deutschen Jtalienbesucher sollten nicht vergesten, daß sie sich im Lande eines Volkes befinden, bas in Tirol Deutsche untcrbrüdi. Sie sollten baher nicht taktlos, wie es oft geschieht, ..Italienische Deutschfreunblichkeit" rühmen. Man soll sich biefes Gegensatzes burchaus bewußt sein.
Recht der Presse zur Rüge öffentlicher Mih önde.
In einer sachlich ausgezeichnet begründeten, inhaltlich erfreulichen und bedeutsamen Entscheidung, die jetzt in der „Juristischen Wochenschrift" 1925 auf Seite 83 abgedruckt wird, hat das Landgericht Berlin das Recht der Presse, öffentliche Mißstände zu rügen, bet dem Vorliegen bestimmter Voraussetzungen anerkannt. Das Landgericht setzt sich damit in bewußten Gegensatz zu der ständigen Rechtsprechung des Reichsgerichts, nach der ein mittelbares Interesse (wie es bei der Presse im allgemeinen in Betracht kommt) zur Rüge öffentlicher Mißstände nicht als ein berechtigtes iin Sinne des § 193 StGB, angesehen werden könne. Unter Berücksichtigung der geschichtlichen Entwicklung und der durch die neue Reichsverfassung begründeten Souveränität des Volkes gelangt das Landgericht zu dem Schluffe, daß nach dem neuen Verfassungsrecht an sich jeder Volksgenosse das Recht hat, sich um die öffentlichen Angelegenheiten zu kümmern und vorhandene Mißstände zu rügen. Da die Ausübung dieses Rechts durch jeden einzelnen jedoch mit einem geordneten Staatswesen unvereinbar sei, so sei an seiner Stelle in er st er Linie die Volksvertretung dazu berufen, in zweiter L i - nie aber die Presse, da die Volksvertretung allein wegen der Fülle der von ihr zu bewältigenden sonstigen Aufgaben nicht dazu in der Lage sei. Allerdings soll das Recht der Presse auf Kritik nur unter folgenden Voraussetzungen bestehen:
1. Es muß sich um öffentliche Miß - st ä n d e handeln.
2. Es muß die ausschließliche Absicht vorliegen, öffentliche Mißstände zu treffen und hierdurch dem öffentlichen Interesse bienen. Die Veröffentlichung sonstiger, insbesondere parteipolitischer oder sensationeller Zwecke ist nicht geschützt.
Der Täter muß sich über die R i cb t i g - feit der von ihm behaupteten Tatsachen in objektiv ausreichender Weise vergewissert haben.
Gegen die unter 2 ausgesprochene Voraussetzung wendet sich Rechtsanwalt Dr. B e n = dix, der das Urteil in der „Juristischen Wochenschrift" bespricht, und betont wohl mit Recht, daß der vorn Gericht zugrunde gelegte Maßstab zu subjektiv ist und daß in den seltensten Fällen die Feststellung möglich fein wird, daß die ausschließliche Absicht Vorgelegen hat, öffentliche Mißstände zu treffen und zu rügen, daß im übrigen aber kein Grund vorliege, der Verfolgung parteipolitischer und vielleicht auch sensationeller Zwecke den Schutz be* § 193 StGB, zu versagen, wenn nur die Veröffentlichung ihrer Form nach objek- Hoben sachlichenWillenerkennen läßt, an ber A b st e l l u n g ber gerügten Mißstände mitzuwirken.
Aus dem Amtsvcrkündigungsblntt.
Das Amtsoerkünbigungsblatt Nr. 38 vom 12. Mai enthält: Prüfung von Licht- fpielvorführungen. — Der Vorstand ber Landjuden- schaft Oberhessen. — Hochdruckazetylenentwidler. — Hauptversammlung des Kreis-Obst- unb Gartenbauoereins. — Anbauflächenerhebung. — Dienftnach- richten.
sich angewöhnt, in jede Zigarettenschachtel zu greifen, er ist Zigarettenfetischist, er kann keinen anderen rauchen sehen, ohne selbst sofort mit dabei zu fein, auf wessen Kosten, ist ihm Nebensache. Er gedenkt ja, sich zu revanchieren — und er raucht drauf los, bis ...
3a, bis man zur Abwehr gegen ihn schreitet. Da trägt man dann ständig nur mehr eine einzige Zigarette in seiner Tabatiere, dafür aber eine volle Schachtel zu eigenem Gebrauch in der linken Rocktasche. Die „letzte" raucht kein Raucher wcch das ist uraltes Gesetz — nur wenn einem so ein guter Freund andauernd auf den Fersen bleibt, ist auch dieser Selbstschutz illusorisch.
Cs gibt überhaupt nur ein Mittel, den Raucher auf unsere Kosten sich vom Leibe zu hallen: Man stürze ihm gleich bei seinem Eintritt lebhaft mit der Frage entgegen: „Lieber Freund, Sie haben gewiß eine Zigarette für mich?"
Worauf er sämtliche Taschen an sich abgreifen wird, um dann kopfschüttelnd zu antworten: „Dedaure, gerade heute habe ich keine bei mir.“
Eine homogene Erscheinung des Rauchers ohne Zigarette ist der Raucher ohne Feuer. Er befindet sich nie im Vesitze eines Streichholzes, und fein automatisches Feuerzeug funktioniert nicht mehr. Deshalb sammelt er leidenschaftlich Streichholzschachteln, mit Vorliebe noch wenig entleerte, und steckt auch manchmal ganz in Gedanken ein Feuerzeug ein, sofern es gut funktioniert.
Wenn der Raucher ohne Zigarette und der Raucher ohne Fsuer in idealer Vereinigung sich in ein und derselben Person assimilieren, dann
Donnerstag, H. lüai (925
Sitzung ber Stadtverordneten.
Gießen, 13. Mai 1925.
Die Stadtverordnetenversammlung erledigte heute in rascher Arbeit eine rcchi umfangreiche Tagesordnung, deren größter Teil allerdings auch keinen Anlaß zum Debattieren bot Von t'cn wichtigeren Vorlagen war es zunächst die Erhebung einer städtifchcn Sonderst euer vom bebauten Grundbesitz, die i'ic besondere Aufmerksamkeit auf sich zog Daß diese Steuer auch für da-, neue Rechnungsjahr trhoben werden muß, ist bei der mangelnden Cllenbogcnicciheit ter Kommunen hii.sichll.ch ihrer Steuerhobeit gar nicht verwunderlich. Verständlich und berechtigt find aber auch die Wünsche, die dahin gehen, aus dieser Steuer größere Betrage als bisher für den Wohnungsneubau verfügbar zu machen. Hoffentlich hat die Verwaltung im neuen Rechnungsjahre die Möglich- l:it, diesen Wünschen Erfüllung zu verschaffen. Dem Beitritt der Stadtzu dem DolkS- Halle-Dau verein zwecks Erbauung der Bolksballe stimmte das Stadtparlament mit großer Mehrheit zu Die sozialdemokratische Fraktion verhielt sich leider ablehnend; sie ließ ihre Haltung mit Grünen erklären, die schon mehrfach und von verfckMdenen Stellen aus zur Genüge widerlegt worden sind. Wir können es uns daher ersparen, früher Gesagtes heute nod) einmal zu wiederholen. Ob die sozialdemokratische Liebeserklärung zu großer Opferfreudigkeit für einen Statuhallebau. dec doch viel größere Summen erfordert als die Volks- Halle, praktische Bedeutung gewonnen hätte, wenn die Probe aufs Excmpel jetzt hätte gemacht werden müssen, möchten wir doch noch etwas bezweifeln. Den Anhängern der Feuerbestattung, aber auch den Freunden eines gesunden kommunalen Fortschritts wurde in dieser Sitzung die Genugtuung, daß nun endlich auch unsere Stadt in den Besitz einer Feuerbe- siattungsanlage kommen wird. Die Einrichtung soll im Anschluß an die Kapelle auf dem Reuen Friedhof geschaffen werden. Sie wird u. a. auch die Annehmlichkeit bringen, daß unsere Stadt ihre Friedhofsgeländesorgen nun wohl noch für einige Zeit etwas in den Hintergrund stellen kann.
Sitzungsbericht.
Anwesend Oberbürgermeister Keller, die Beigeordneten Dr. Sei b. Dr. F r e y. Justizrat Dr. Rosenberg und 37 Stadtverordnete.
Städtische Sonder st euer vom bebauten Grundbesitz.
Aus Antrag der Vercvaltung beschließt daS Haus: Der Ausschlaassay für die Sondersteuer vom bebauten Grundbesitz wird für das Rj. 1925 auf 60 Pf. für je 100 Rm. Steuerwert festgesetzt. Die Erhebung erfolgt in 6 Zielen jeweils bis zum 30. Mai, 6. Juli, 6 September. 6. Roveinbev 1925, 6. Januar und 6. März 1926. Die Beschlußfassung über die Frage, welcher Betrag aus dem Steueraufkommen für Wohnungsbauzwecke zu verwenden ist, erfolgt bei der Verabschiedung deS Voranschlags für 1925. — 3n der kurzen Aussprache wird von demokratischer und sozialdemokratischer Seite erklärt, daS ganze Aufkommen aus dieser Steuer gehöre eigentlich nur dem Wohnungsneubau Da die Derhältnisse diese Verwendung aber nicht gestatteten, müsse man sich mit einem Teilbetrag für die Reuschalfung von Wohnungen beg ügen: dieser dürfe aber nicht geringer, sondern müsse eher größer sein als im Vorjahre. Der Sprecher ber Deutschen Dolkspartei bemerkt, hoffentlich würden die Vorredner bei der Beratung des Voranschlags nicht durch die Verhältnisse gezwungen werden, von ihrem heutigen Standpunkt abzugehen.
Errichtung einer Volkshalle in Gießen.
Dem Antrag der Stadtverwaltung entsprechend beschließt das Haus mit allen Stimmen gegen die der Sozialdemokraten: 1. Die Stadt Gießen beteiligt sich bei der Errichtung einer Dolkshalle mit 50 000 Rm in der Weise, daß sie mit 500 Anteilscheinen über je 100 Rm. die Mitgliedschaft bei dem Dollshalleverein erwirkt. 2. Zum Zwecke der allmählichen Lebersührung der Dolkshalle in das Eigentum der Stadt Gießen werden alljährlich Antellscheine in Höhe von mindestens 5000 Rm. von der Stadt Gießen zu- rückgezahlt. — Frau Stadtv. Bierman n(Dem.) wünscht in ber Aussprache, es solle dafür gesorgt werden, daß in der Dolkshalle nicht Ströme von Alkohol fließen. Stadtv. Mann (Soz.) begründet den ablehnenden Standpunkt feiner Fraktion mit Defvrgnisfen hinsichtlich der Rentabilität der Dolkshalle und evtl, weiterer städti- scher Zuschüsse. Der Platz der Halle sei zu ab-
cntsteht die Reinkultur eines fleddernden Rauchvogels, den man am besten mit den Worten abspeist: „Hier haben Sie Tabak, und hier haben Sie Feuer! Den Schnabel zum Rauchen werden Sie wohl selbst milgebracht haben!"
Die Narrenkappe.
Splitter und Sparren vom RedakttonSttsch
Boshaft.
Schriftsteller: „Meinen neuen Roman habe ich meist während der Rachtstunden geschrieben.“
„Deshalb ist der Inhalt auch so dunkel."
Unterschiede.
Der Physiker Gauß, erzählt man, wurde auf einem Hoffeste von einer wißbegierigen Korn- tefse gefragt, was der Lierschied lei zwischen „abstrakt" und „konkav"! Die alte Exzellenz erwiderte: „Das ist dasselbe wie zwischen Gustav und Gasthof oder zwischen Draustübel und Drust- übel!“
Der musikalische Gatte.
Sie: „Mann — du mußt mir dies kaufen; es ist der „letzte Schrei" der Mode!" y
Er: „Gut — also halt dir die Ohren zu!“
Aber sicher!
Zwei Herren streiten sich auf der Straße. Eia dritter versucht zu schlichten: ..Meine Herren, der Gescheitere gibt nach!" Darauf verbeugte sich der eine von den Kampfhähnen unb verschwindet. Der andere aber gibt dem Vermittler eine kräftige Ohrfeige und entfernt sich mit den Worten: „So, jetzt wissen Sie wenigstens, wer der Dümmere ist!"


